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2021 26 Apr

Sonette über das Rätsel des Personseins

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Martina Weber: Vor kurzem ist dein dritter Gedichtband mit dem Titel „Gemütsstörungen“ im Limbus Verlag erschienen. Inhaltlich sind es Personenportraits und Weltbetrachtungen, formal spielst du mit der Form des Sonetts. Was hat dich am Sonett gereizt?

 

Kirstin Breitenfellner: Ich habe schon in meinen ersten beiden Gedichtbänden mit Reimen experimentiert, aber dabei hat sich nie die Sonettform ergeben. Das erste Sonett war plötzlich da – ich habe es im Nachhinein als solches erkannt. Und dann hat es sich vermehrt. Denn ich habe entdeckt, dass es Spaß macht, Sonette zu schreiben. Innerhalb der Form gibt ja viele Freiheiten, die ich mir auch genommen habe, und mit dem Reim gehe ich ebenfalls eher frei um, so wie ich es aus der russischen Lyrik kenne und schätze, wo ein Reim nur so ähnlich klingen muss. Ähnlich machen es ja heutzutage die Rapper, das erleichtert mich, denn damit muss ich mich nicht mehr altmodisch fühlen …

 

Martina Weber: Schwingt bei der Wahl einer festen Form, auch wenn du sie frei interpretierst, auch der Gedanke mit, dass eine gewisse Vorgabe die Arbeit an den Gedichten erleichtert, weil dadurch schon etwas da ist?

 

Kirstin Breitenfellner: Ja, das stimmt. Bei Gedichten arbeitet man immer mit etwas, was schon da ist. Die wenigsten Gedichte sind mit einem Mal ganz da. Bei mir ist es meistens die erste Zeile, öfters auch die ersten beiden Zeilen, die mir zufallen. Die entwickle ich dann weiter zu den ersten beiden Quartetten. Die beiden Terzette sind dann oft so etwas wie eine Schlussfolgerung daraus. Ich habe mir aber nie vorgenommen, einen ganzen Band mit Sonetten zu schreiben. Die ersten Sonette sind schon vor 15 Jahren entstanden, das waren Porträt-Sonette, die über die Jahre langsam mehr geworden sind, bis ich sie vergessen habe, weil ich dachte, dass man heutzutage keine Sonette mehr publizieren kann. Irgendwann habe ich sie dann wiedergefunden und sie um die Sonette über die „Unwelten“ und die „Conditio personae“ ergänzt, aber auch mit weiteren Porträts. Das hat mir so viel Freude gemacht, dass derzeit ein weiterer Band mit Sonetten entsteht, unter dem Titel „Gedichte ohne ich“. Ich bin gespannt, wann Sonette mir über werden. Es bahnt sich langsam an …

 

Martina Weber: Inhaltlich bewegt sich der Gedichtband in vier Kapiteln von allgemeinen Betrachtungen zu Mensch und Welt in unserer Zeit (unwelten) über Portraits ungenannter Personen (gemütsstörungen) und Portraits bekannter Künstlerinnen (zueignungen) zu abschließenden Reflexionen (conditio personae). Die Gedichte, die „eine Figur in ihrer ganz persönlichen Verstrickung“, wie es im Klappentext heißt, vorstellt, haben mich besonders angesprochen. Es liegt daran, dass ich mich beim Lesen zu der Figur positioniere. Ich überlege einerseits, um was für einen Charakter es sich handelt, aber auch, wie die individuelle „Gemütsstörung“ von dir auf den Punkt gebracht wird, wie du die Person also betrachtest. Außerdem kommt als weiterer Effekt hinzu, wie ich meine eigenen „Verstrickungen“ auf vierzehn Zeilen packen könnte oder eher, wie du es beschreiben würdest. Ich finde diese Betrachtungen sehr klug, auch aus psychologischer Sicht. Humor ist auch dabei: Zwei Mal wird eine 15. Zeile angefügt. Ein Sonett endet mit den Worten „er sucht das ziel – was zählt / er weiß es (nicht)“. Meine Lieblingszeile des Buches lautet: „(es tobt in ihrem herz, das wesen)“. Ich gehe davon aus, dass es sich nicht um erfundene, sondern um real existierende Charaktere handelt.

 

Hier ein Beispiel für ein Gedicht aus dem titelgebenden Zyklus:

 

er prüft die maulwurfshügel nur
im garten wirft die wiese blasen
ärgerlich zum ärger ohne spur
er ruft zur ordnung die oasen

 

schließt die gänge, gräben stur
den blick hinab verweigernd
zweifel, trauer, wut, die kur
aus schlamm und worten steigernd

 

ihm das leben über alle glieder fuhr
er meidet menschen, schreibt verkannt
sein werk um einen wunden punkt, die hauptfigur

 

und stille immer wieder an die wand
hört ungern auf den ruf der uhr
und vor dem dunkel ist er fortgerannt

 

Wie bist du auf die Idee gekommen, Charakterstudien dieser Art zu schreiben? Welche Wirkung wünschst du dir bei den Lesenden?

 

Kirstin Breitenfellner: Jeder Mensch denkt fortlaufend über sich selbst und seine Mitmenschen nach. So wie man sich selbst ein Rätsel ist – diesem Rätsel widmet sich mein gerade im Entstehen begriffener Gedichtband „Gedichte ohne ich“ –, so sind es einem auch die Freunde, Bekannten und Verwandten. Und was gibt es Besseres, um ein Rätsel einzufangen, als ein Gedicht? Nachdem ich ein paar solcher Sonette geschrieben hatte, ließ es mich nicht mehr los. Und ja, tatsächlich liegt jedem Gedicht eine Person zugrunde, die ich persönlich kenne. Die allerallerwenigsten kennen „ihr“ Gedicht, denn es geht mir ja nicht darum, ihnen etwas über sich selbst zu erklären, sondern darum, sie für mich besser zu verstehen. Dabei bewege ich mich auf einer so allgemeinen Ebene, dass sich noch niemand erkannt hat oder mich gefragt hat: Bin das ich? Ich wünsche mir auch gar nicht, dass sich jemand erkennt, im Gegenteil wäre mir das eher unangenehm. Aber ich hoffe, dass bei den vielen verschiedenen Persönlichkeitsstrukturen und „Gemütsstörungen“, die hier beschrieben werden, für die Lesenden ein Wiedererkennungswert dabei sein kann – für sich selbst oder seine eigenen Freunde, Bekannten und Verwandten –, der die Gedichte für sie interessant macht.

 

Martina Weber: Die Wahl einer Form, in deinem Fall der Form des Sonetts, wirkt im Arbeitsprozess zwangsläufig auch auf dein Denken zurück, insofern, als du den betrachteten Gegenstand, die Person, das Thema in die – wenn auch frei interpretierte – Sonettform einfügen musst. Bist du dabei auch an Grenzen gestoßen, hast du dich durch die selbst gewählte Form manchmal auch eingeengt gefühlt?

 

Kirstin Breitenfellner: Ja, manchmal reichen mir die 14 Zeilen nicht, aber da ich mit der Sonettform ja frei umgehe, habe ich mir dann erlaubt, Zusatzzeilen, meist in Klammer gesetzt, hinzuzufügen. Im Übrigen muss ich ja nicht die Person in die Sonettform einfügen, sondern nur meine Reflexion über sie. Da das Reflektieren über einen Menschen prinzipiell unendlich ist, kann so eine Form auch befreiend wirken. Natürlich könnte ich über jede Person noch viel mehr sagen, aber nach 14 Zeilen muss ich einen Punkt machen. Den Rest muss man dann zwischen den Zeilen lesen …

 

Martina Weber: Das Kapitel „(zueignungen)“ besteht aus vier Gedichten, die Persönlichkeitsverstrickungen von vier Künstlerinnen beschreiben: Maria Lassnig, Herta Müller, Marie NDiaye und Christine Lavant. Soweit man die Personen kennt, vergleicht man natürlich das, was man über sie weiß, mit den Gedichten. Hier die erste Strophe des Sonetts über Herta Müller:

 

sie spürt die angst im nacken
sie schneidet wörter aus
gefallen aus der krone zacken
spießt das ich sich auf

 

Über Maria Lassnig, eine österreichische Malerin, Grafikerin und Medienkünstlerin, die von 1919 bis 2014 lebte, schreibst du gerade ein Buch. Was fasziniert dich an Maria Lassnig?

 

Kirstin Breitenfellner: Maria Lassnig interessiert mich schon lange, vor allem wegen ihrer Beschäftigung mit dem Körperbewusstein, der Body Awareness. Maria Lassnig versucht das Körperbewusstsein in Bildern auszudrücken. Ich in Gedichten. Deswegen war ich glücklich, dass ich für meinen ersten Gedichtband „das ohr klingt nur vom horchen“ von 2005 (Skarabæus Verlag) vom Lentos-Museum in Linz die Erlaubnis zu bekam, ein Gemälde von Maria Lassnig auf dem Cover anzudrucken. In diesem Gedichtband dekliniere ich unter anderem Körperteile und ihre „Druckstellen“ durch. Das Buch, an dem ich derzeit arbeite, ist ein Roman über Maria Lassnig, für den ich auch ihre Tagebücher und Briefe lesen durfte.

 

 

Martina Weber: Keines der Gedichte in „Gemütsstörungen“ hat eine Überschrift. Was war der Grund, auf Gedichttitel zu verzichten?

 

Kirstin Breitenfellner: Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Überschrift eigentlich der Name der beschriebenen Person sein müsste, den ich weder verraten darf noch will. Aber viele meiner Gedichte, besonders der neueren, haben keine Überschrift. Denn ich weiß noch nicht, worauf sie hinauslaufen, wenn ich anfange. Und ihnen am Schluss eine Überschrift zu geben, kommt mir oft unangemessen vor, denn die Quintessenz eines Gedichts könnte ich nie in einem oder ein paar Worten zusammenfassen. Aber das kann sich natürlich auch wieder ändern.

 

Martina Weber: Mit dem Cover hatte ich ein bisschen Schwierigkeiten. Mit der Frau und ihrem geröteten Gesicht und dem diskret genervten, aber beherrscht wirken wollendem Gesichtsausdruck komme ich noch zurecht und kann es als unterdrückte Wut, als Scham oder Zorn interpretieren, ein Gemüt in Bewegung. Wenn ich den Fisch auf ihrem Kopf nicht als frühchristliches Symbol betrachte, sondern generell als Anspruch an sich selbst und das Leben, und sehe, dass der Fisch akut lebensgefährdet oder schon tot ist, kriege ich die Kurve zum Inhalt deines Gedichtbandes. Hattest du einen Einfluss auf die Covergestaltung?

 

Kirstin Breitenfellner: Das Cover ist ein Ausschnitt aus einem Bild von Bianca Tschaikner, auf dem ein „Trio infernale“ zu sehen ist, das sind drei „grumpy people“, die bestimmt „Gemütsstörungen“ haben. Aber der Verlag hatte Bedenken, dass das Bild abschreckend wirken könnte. Deswegen haben sie einen Ausschnitt davon genommen und die Farben sanfter gemacht. Da ich Fische auf Bildern liebe und eine ganze Fischkollektion besitze, war ich damit einverstanden. Mit gefällt das Surreale daran, denn der Fisch sieht für mich sehr lebendig aus. Vielleicht weiß die Frau gar nicht, dass ein Fisch auf ihrem Kopf liegt. Oder sie ist damit zufrieden und findet es gar nicht komisch. Für mich sieht die Frau auch nicht genervt aus, sondern eher in sich gekehrt und nachdenklich. Sie rätselt über irgend etwas. Deswegen passt sie für mich zu den rätselhaften Personenporträts.

 

 

 

Martina Weber: Welche Lyrik liest du selbst gern? Welche drei Gedichtbände würdest du auf die legendäre einsame Insel mitnehmen? Und, da wir hier auf Manafonistas musikbegeistert sind, wären wir natürlich auch gespannt auf deine drei aktuellen Lieblingsalben?

 

Kirstin Breitenfellner: Zu meinen liebsten Lyrikerinnen gehören natürlich Herta Müller und Christine Lavant, sonst hätte ich ihnen keinen Tribut gezollt. Seit „Im Haarknoten wohnt eine Dame“ aus dem Jahr 2000 (Hanser) habe ich alle Collagengedichte von Herta Müller gelesen. Von Christine Lavant gibt es jetzt bei Wallstein eine vierbändige Gesamtausgabe, die zwei über 600 Seiten dicke Bände mit Gedichten enthält, zu Lebzeiten veröffentlichte und Gedichte aus dem Nachlass. Ich bin erst in der zweiten Hälfte des Ersteren, deswegen würde ich diesen mitnehmen. Eines meiner frühen Vorbilder war der früh verstorbene Salzburger Dichter Georg Trakl. Von ihm gibt es neuerdings auch eine Gesamtausgabe in einem Band (Otto Müller Verlag).

Zu meinen Lieblingsalben gehören im Moment die österreichische Musikerin Anja Plaschg, die sich Soap&Skin nennt (From Gas to Solid / You Are My Friend, 2018), der Liedermacher Voodoo Jürgens mit der abgründigen Studie der Wiener „Tschocherln“ (so nennt man hier Kneipen, wo sich Leute zum Rauchen, Trinken und Spielen treffen) unter dem Titel „S‘ klane Glücksspiel“ (2019) und nicht zuletzt Sophie Hungers jüngste Kooperation mit Dino Brandão und Faber „Ich liebe dich“ (2020) in feinstem Schwyzerdütsch, über die ich sogar eine Enthusiasmuskolumne verfasst habe …

 

Website von Bianca Tschaikner:
https://www.biancatschaikner.com

 

Website von Kirstin Breitenfellner:
https://www.kirstinbreitenfellner.at/

 

 

Foto: Mats Bergen

 

 

 

In ein paar Tagen stellte Martina ihr Gespräch mit Kristin Breitenfellner in den Blog, und wir lesen dann von neuen Sonetten, einer Gedichtgattung, die wir eher mit alten Zeiten verbinden. Barbara schickte mir einen link zu einer Szene des vielgepriesenen Films „Nomadland“, in der Frances McDormand Shakespeares Sonnet 18 rezitiert, eines von zwei Gedichten, die ich auswendig kenne, und das ich vor Wochen nachts auf Sylt Richtung Meer brüllte, gegen den Wind. Und nun, Vorhang auf, für Gedichte aus der englischen Romantik. Es klingt wie das schrecklichste Eitelkeitsprojekt, das es gibt. Ein alternder Popstar, die eine Auswahl ihrer Lieblingsgedichte aus dem 19. Jahrhundert darbietet, während ihre Kumpels im Hintergrund eine Ambient-Odyssee abnudeln – „nicht auf Melodien oder Akkorde festgelegt„. Nur dass es sich bei dem alternden Popstar um die formidable Marianne Faithfull handelt, und ihre Kumpels Warren Ellis, Nick Cave und Brian Eno sind. She Walks in Beauty ist ein unsentimentales  Album einer Piraten-Crew von Überlebenden, und es grossartig, findet Helen Brown, im „Independant“, und das finde ich auch. Morgen erscheint das Album, ich habe mir die Vinylfassung gegönnt.

 

She Walks in Beauty finds Faithfull ablaze and afloat on a misty soundscape of waves, birdsong, synths, loops, street sounds, piano and cello. The album includes some of the best-known poems in the canon: Byron’s “She Walks in Beauty”, Shelley’s “Ozymandius” and Keats’s “Odes to a Nightingale” and “To Autumn”. Many listeners will know them from old school textbooks (some of us by heart). But Faithfull lifts them from the page with a compelling combination of crispness and tenderness. She doesn’t use that soporific “poetry voice”. Instead, she can make 200-year-old visions of beauty, love and death feel as urgent as the latest true-crime podcast.

Immer wieder gibt es hier auf dem Blog Versuche, ein parallel reading anzuregen, also Kommentare zu einem bestimmten Leseabschnitt eines Buches zu posten. Es ist jedoch offensichtlich nicht einfach, sich auf ein Buch zu einigen, das mehrere Manafonistas begeistert, und die zweite Schwierigkeit ist der Zeitplan, weil man ja immer erst etwas zu Ende lesen möchte und einen eigenen to-read Stapel liegen hat. Eine andere Möglichkeit bei gemeinsamer Begeisterung ist das zeitversetzte Parallellesen und Kommentieren eines Buches. Darum geht es hier. Es betrifft diesen Roman:

 
 

 
 

Am 3. November hat Jan hier einen Beitrag zum Debütroman von Andreas Heidtmann geschrieben. Jans Text hat mich begeistert und mich dazu veranlasst, endlich diesen Roman zu bestellen, was ich schon lange vorhatte. Während ich das Buch las, vergaß ich, was Jan dazu geschrieben hatte, dann las ich Jans Posting nochmal. Und stellte fest, dass ich den Roman ziemlich anders wahrgenommen habe.

Worum es geht, in einem Satz? Erlebnisse, Erfahrungen und Gedanken des jugendlichen Ben Schneider, der in Lippfeld lebt, im Sommer 1974, geschrieben aus Bens Perspektive, jedoch in der Sprache des erwachsenen Autors Andreas Heidtmann.

 

Lippfeld: Lippfeld wird im Roman bezeichnet als „das entlegenste Kaff der Welt“. Aber wo liegt es? Einmal fährt Ben mit dem Bus von Essen-Werder über Bottrop und Gladbeck bis Lippfeld. Im Ortsverzeichnis des Dierke-Atlas gibt es keinen Eintrag für Lippfeld. Gut, im Dierke ist nicht jedes Kaff der Welt verzeichnet. Wer aus süddeutscher Perspektive „Lippfeld“ als Ortsnamen präsentiert bekommt, glaubt gerne, dass es sich um einen Ort in Nordrhein-Westfalen handelt. Gibt man jedoch in einer Internet-Suchmaschine Lippfeld ein, erscheint … der Titel des Romans von Andreas Heidmann! Der Ortsname ist also erfunden. Das könnte ein klassischer, kluger Schachzug sein, um sich vor zufälligen Ähnlichkeiten der im Roman vorkommenden Personen und Handlungen mit tatsächlichen Personen oder Handlungen zu schützen. In diesem Roman ist es aber mehr. Der fiktive Charakter des Ortes der Haupthandlung ist ein wichtiger Mosaikstein meiner These, dass es sich bei den meisten Schilderungen um eine Parallelwelt handelt, die einzig und allein in der Fantasie der Hauptfigur Ben Schneider entsprungen ist. Und zwar mit dem Ziel, sein Leben in Lippfeld erträglich zu gestalten.

 

Die Parallelweltthese: wird im Roman immer wieder aufgegriffen und bestätigt und zieht sich so raffiniert wie diskret als roter Faden durchs Buch. „Ich sah mir zu, als hätte ich einen Zwilling an meiner Seite, der soeben als zweites Ich aus meiner Person getreten war.“ (S. 50) „Ich kam mir vor wie in einem Film, der plötzlich in vielfacher Geschwindigkeit ablief. Und mit Szenen, die nicht im Drehbuch standen.“ (S. 55) „Es musste Paralleluniversen geben. Vergessene Universen.“ (S. 162) „Es war ihr [Rebeccas, M.W.] Rad, während ich nur ein Besucher aus einer anderen Galaxie war.“ ( S. 284) Hinzu kommen viele kleine surreale Passagen, oft ein kleines Wunder am Ende eines Kapitels wie einmal, als Ben einen Prittstift in Richtung Himmel schleudert „und sah, wie er als kleiner Komet in der Sonne verschwand.“ (S. 55) Ohne eine Parallelwelt wäre es auch unstimmig, dass Ben gefühlt mindestens eine Packung Camel pro Tag raucht, seine Eltern aber nichts davon mitbekommen. Ein weiterer Hinweis auf die Parallelwelt ist, dass der nächtliche Einbruch ins Kiosk und der Diebstahl keinerlei Konsequenzen hat. Der wichtigste Hinweis erfolgt im letzten Kapitel, in einer Passage über Susanne, siehe unten im Abschnitt Die Beziehung zwischen Ben und Susanna.

 

Dramaturgie: Bemerkenswert finde ich, wie gut die Dramaturgie funktioniert, obwohl sich normalerweise ein real existierender Lebensabschnitt in die Einordnung der Spannungskurve, die ein Handlungsroman gewöhnlich erfordert, entzieht. Handlungsstränge werden immer rechtzeitig abgebrochen, bevor die Spannungskurve abflauen könnte. Immer wieder geschieht Überraschendes, sei es im Innern des Protagonisten oder im äußeren Handlungsablauf. Zwei lange, wunderschöne, berührende Briefe bauen eine tiefe Freundschaft in einer weiteren Parallelwelt von kosmischer Dimension auf.

 

Verfilmung: Eine Verfilmung des Buches kann ich mir nur als Enttäuschung vorstellen. Die Stärke des Romans liegt in der Sprache und in der Art, wie der Protagonist etwas wahrnimmt und wie er das, was man Realität nennt, durch seine Wahrnehmung und Beschreibung verwandelt.

 

Bens Perspektive: Ben betrachtet seine Umgebung sehr genau, geradezu soziologisch, was damit zusammenhängen könnte, dass sein älterer Bruder Soziologie studiert. Erstaunt haben mich die vielen Bemerkungen zu Äußerlichkeiten wie Kleidung, Schmuck und immer wieder Gesten. Ich hätte nicht gedacht, dass Jungen in diesem Alter ihre Umgebung derart aufmerksam betrachten. Erstaunt hat mich, wie viele Begriffe aus der Botanik erwähnt wurden, jedenfalls deutlich mehr als Automarken. Wie in Kirstin Breitenfellners Roman „Als die Welt unterging“ über eine Jugend in den 80er Jahren, über den ich hier mit der Autorin ein Interview geführt habe, schreibt auch in diesem Jugendroman die Hauptfigur Tagebuch.

 

Musik: Da ich im Sommer 1974 weder die Hitparade noch die outlaw- und underground Musikszene verfolgt habe, kannte ich viele Namen oder Musiktitel nicht. Ein Kommentator der Rezension des Romans auf Fixpoetry hat darauf hingewiesen, dass Fans des Romans auf spotify eine Zusammenstellung der 80 Musikstücke erstellt haben, hier dazu der Link. Wie gerne hätte ich Smoke On The Water als Luftgitarrennummer des im Roman sehr charismatischen Mick Palmer gesehen.

 

Markenprodukte, Namedropping: Fiel mir nicht negativ auf. Allenfalls kam der Kinderschokoladenscheitel ein bis zwei Mal zu oft vor.

 

Die Beziehung von Ben und Susanna: Eigentlich eine hinreißend schöne und romantische Teenagerliebe, inklusive einer kleinen Krise. Ja, und ich stimme Jan darin zu: diese Liebe ist nicht für die Ewigkeit. Aber aus einem anderen Grund, als Jan es annimmt, und zwar deshalb, weil Susanna nur in der Fantasie von Ben existiert.  Klar wird das erst im letzten Kapitel, und nur in ein paar Sätzen: „Zwischen den Jägerzäunen und akkurat geschnittenen Hecken hatte Susannas Erscheinung in der Tat etwas Unwirkliches. Schwerkraftentrücktes. Ihre Turnschuhe schienen den Asphalt kaum zu berühren (…) Was mich bestürzte, selbst wenn ich es für eine Sinnestäuschung halten musste, war, dass ihre zierliche Gestalt in der Straße keinen Schatten warf.“ Und weil Susanna nur in Bens Gedanken lebt, existiert sie eben doch für die Ewigkeit.

 

Rebecca und Ben: Jan schreibt: „man spürt, dass Rebecca und Ben, als sie sich an der Folkwang-Akademie kennenlernen, nie ernsthaft zusammenkommen werden, weil sie aus zwei inkompatiblen sozialen Schichten stammen.“ – Das ist eine interessante Sichtweise. Immerhin teilen Rebecca und Ben eine gemeinsame Leidenschaft, das Klavierspielen. Und sie spielen vierhändig und lachen zusammen. Das ist keine schlechte Voraussetzung für eine Jugendliebe. Es treffen hier also keineswegs ein ungebildeter Underdog und eine sophisticated young Lady zusammen. Ben ist auf einem altsprachlichen Gymnasium. Ich gehe davon aus, dass sich die Geschichte zwischen Rebecca und Ben weiter entwickelt, sobald Rebecca ihre Frisur ändert. (Sie trägt entweder einen oder zwei Zöpfe.)

 

Fazit und Ausblick: Dass der Roman verschieden wahrgenommen werden kann, um eigene Parallelwelten beim Lesen zu kreieren, ist eine der Stärken des Buches. Selbst wer im Jahr 1974 nicht gerade zufällig 14 ½ Jahre alt war wie Ben (wenn ich das richtig in Erinnerung habe), vergleicht eigene Erfahrungen mit denen des Protagonisten und seines sozialen Umfelds. Auf einige Fragen, die Jan aufgeworfen hat, nämlich die nach der Entwicklung der Liebes- bzw. Freundschaftsbeziehungen, werden wir voraussichtlich in den kommenden Jahren Antworten erhalten. Ich habe nämlich von Andreas Heidtmann höchstpersönlich erfahren, dass es sich bei seinem Roman um den Anfang einer Trilogie handelt. Ich schlage jetzt schon ein parallel reading vor, oder wenigstens ein time-shifted parallel reading.

 

P.S.: Wie wir uns lange Zeit nicht küssten, als ABBA berühmt wurde ist zwar der Debütroman von Andreas Heidtmann, jedoch ist es nicht sein erstes Buch. Bereits im Jahr 2005 erschien sein Kurzgeschichtenband Storys aus dem Baguette.

 

 

Martina Weber: Gerade ist dein vierter Roman mit dem Titel „Bevor die Welt unterging“ erschienen. In deinen bisherigen Romanen waren deine Hauptfiguren junge Frauen in ihren Dreißigern. Nun hast du einen Roman über das Erwachsenwerden in den 1980er Jahren geschrieben. Deine Protagonistin Judith wächst in einem behüteten Elternhaus in einer nicht genannten mitteldeutschen Kleinstadt auf. Die Mutter ist Hausfrau, der Vater ist Manager und arbeitet in der chemischen Industrie. Das Buch beginnt an Silvester 1979, Judith ist zu diesem Zeitpunkt 13 Jahre alt, und es endet zehn Jahre später mit dem Fall der Mauer, dem Ende des Kalten Krieges. Was hat dich daran gereizt, dich mit den 80ern zu beschäftigen? Und warum gerade jetzt?

 

Kirstin Breitenfellner: Die Jugend, das Alter zwischen 15 und 25, ist die Zeit, in der man alles zum ersten Mal bewusst erlebt und die deswegen auch die prägendsten Erinnerungen hinterlässt. Die 1980er Jahre waren für mich allerdings ein, wie ich es auch im Roman nenne, „bleiernes Jahrzehnt“, das ich am liebsten vergessen hätte. Kalter Krieg, atomare Bedrohung, Waldsterben, Aids und schließlich der Reaktorunfall von Tschernobyl waren die dominierenden Themen. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte sagten Wissenschaftler und nicht Theologen den Weltuntergang voraus. Wenn ich heute apokalyptische Prognosen – Stichwort Klimawandel – höre, erinnert mich das an diese Zeit. Zugleich merke ich, dass ich sie emotional nicht mehr so stark an mich heranlasse wie damals. Denn die Welt ist nicht untergegangen. Auch, weil etwas gegen das Waldsterben etc. unternommen wurde. Ich kann mir aber vorstellen, dass diese Prognosen die heutige Jugend genauso ungeschützt treffen wie mich damals. Deswegen habe ich beim Schreiben nicht nur an meine eigene Generation gedacht, sondern auch an die jungen Menschen von heute. „Es kommt nicht immer alles so, wie man denkt“, lautete eine Arbeitshypothese beim Schreiben. „Aber das bedeutet nicht, dass man nichts tun muss“, die zweite.

 

Martina Weber: Deine Protagonistin Judith ist eine sehr reflektierte Person. Sie schreibt Tagebuch, sie beobachtet ihre Umgebung und ist darauf bedacht, sich fundierte Meinungen zu bilden und aufgrund dessen ihr Leben zu gestalten. Sie liest außerhalb der Schule Sachbücher, zum Beispiel über den Nationalsozialismus, sie liest die Schriften von Hoimar von Ditfurth, sie informiert sich über die Folgen eines Atomkrieges. Du zitierst zwei Zeilen aus dem Song „Forever young“ von Alphaville: „Are you gonna drop the bomb or not?“ Ein Satz in Großbuchstaben aus Judiths Tagebuch vom 1.9.1982 lautet: „Das ist es, was mich bedrückt: die Angst, ZU WENIG ZEIT ZU HABEN ZU LEBEN.“ Einige meiner Mitautoren hier auf dem Blog und meine einzige Mitautorin haben die 1970er Jahre als Jugendliche oder junge Erwachsene erlebt, sie schwärmen jetzt noch davon, dass es die beste Zeit ihres Lebens war. Die 1970er Jahre erweiterten, auch musikalisch, die Pforten der Wahrnehmung, plötzlich schien so vieles möglich zu sein, ein Freiheitsgefühl. Die 1980er waren dagegen für Jugendliche eine bedrückende Zeit. 

 

Kirstin Breitenfellner: Bis zu den 1970er Jahren glaubten alle an den Fortschritt. Die Konservativen meinten damit das Wirtschaftswachstum, die Jugendlichen, die rebellierten, den gesellschaftlichen Fortschritt hin zu mehr Offenheit, Toleranz, Freiheit, dazu die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Sie waren von sich selbst überzeugt. Die jungen Erwachsenen der 1970er wurden unsere Lehrer. Sie kritisierten alles, waren aber selbst immun gegen Kritik. Das waren wir nicht mehr. Wir hatten Zweifel. Sie hatten ihren Spaß gehabt in der sexuellen Befreiung. Wir hatten Aids. In den 1980ern gab fand ein gesellschaftspolitischer „Backlash“ hin zu mehr Biederkeit statt. In meinem Jahrgang gab es an unserer Schule kaum mehr kritische Jugendliche, dafür umso mehr „Popper“, die auf Angepasstheit und Konsum setzten. Zum ersten Mal seit Kriegsende stagnierte das Wirtschaftswachstum. Und Jugendliche bekamen auf einmal zu hören, dass sie keine Zukunft auf dem Arbeitsmarkt hätten. „No Future“ wurde zum Slogan. Auch darin sehe ich eine Parallele zur heutigen Jugend.

In der Politik standen sich zwei Blöcke, West und Ost, unversöhnlich gegenüber und bedrohten sich mit dem atomaren „Overkill“. Dazu kam die angesagte ökologische Apokalypse. In Zeitungen wurde vorgerechnet, dass der Wald in weniger als fünf Jahren „tot“ sein würde – also, bevor das unser eigenes Leben angefangen haben würde. Deswegen die Angst, zu wenig Zeit zu haben zu leben. Und die Wut auf diejenigen, die das verbockt hatten: die Eltern, Lehrer, Politiker. Es war die Zeit der dunklen Gurus wie Hoimar von Ditfurth, mit dessen Schriften ich mich im Roman auseinandersetze, weil er nicht nur Angst und Schrecken verbreitete, sondern die Menschen auch wachrüttelte, jetzt etwas dagegen zu unternehmen. Der Treibhauseffekt, wie der Klimawandel genannt wurde, war damals schon ein Thema. Er ist heute aktueller denn je.

Trotzdem ist es uns damals auch gelungen, unsere Jugend zu genießen, mit Partys, Reisen, Liebesbeziehungen, harmlosem Unsinntreiben und Aufbegehren – zumindest zwischendurch …

 

Martina Weber: Auch wenn deine Hauptfigur Judith eine eigenständige Persönlichkeit ist, gibt es gewisse Parallelen zu deinem Leben, zum Beispiel was das Geburtsjahr und die Wohngegend angeht. Da hast du dich für die Recherchen sicherlich auch auf eine Zeitreise in deine eigene Jugend begeben… Welche Erfahrungen hast du beim Recherchieren und beim Schreiben des Buches gemacht? Was hat dich am meisten überrascht bei der Auseinandersetzung mit dieser Zeit?

 

Kirstin Breitenfellner: Das Setting, die Atmosphäre und das Erfahrungssubstrat des Romans sind tatsächlich autobiografisch, aber nicht seine Figuren und seine Handlung. Die Recherchen dafür waren für mich eine zweischneidige Erfahrung, zwischen Nostalgie und Entsetzen. Ich habe mir Filme der Zeit angeschaut, Musik gehört, Zeitungen gelesen, einen Artikel anlässlich des 30-jährigen Jubiläums des Reaktorunfalls von Tschernobyl geschrieben. Und ich habe dafür sogar meine alten Tagebücher durchforstet. Das war schwer, weil man dem damaligen, verzweifelten Ich ja nicht helfen kann durch das heutige Wissen, die gewonnene Lebenserfahrung. Deswegen habe ich dem Roman ein Zitat von Charlie Chaplin vorangestellt: „Die Jugend wäre eine schönere Zeit, wenn sie erst später im Leben käme.“ Wenn man jung ist, will man mit dem Kopf durch die Wand. Alle Probleme auf einmal lösen, ohne Kompromisse. Aber man glaubt auch vieles, was einem erzählt wird. Ich jedenfalls habe alles geglaubt. Überrascht hat mich beim Wiedersehen der Filme und vor allem beim Wiederhören der Musik der Zeit, wie präsent diese Weltuntergangsangst in der Populärkultur war. Von Nenas „99 Luftballons“ bis zu „Forever young“ von Alphaville, wo es darum ging, dass man immer jung bleiben würde, weil man wegen der Atombombe früh sterben würde. Aber auch, wie schnell die Weltuntergangsverzweiflung wieder in einen ganz normalen jugendlichen Hedonismus kippen konnte. Man kann ja schnell vergessen und ist noch so leicht beeindruckbar und begeisterungsfähig in diesem Alter.

 

Martina Weber: Dein Roman hat vier Kapitel, eins aus dem Jahr 1980, es folgen Kapitel der Jahre 1982, 1984 und 1986. Es gibt ein Vorspiel (Silvester 1979) und einen längeren Epilog, das Jahr 1989. Obwohl Judith die Hauptfigur ist und es um ihre Perspektive geht, hast du dich für eine auktoriale Erzählstimme entschieden, also für eine allwissende Erzählerin. Deutlich wird dies zum Beispiel in Passagen wie dieser, aus dem Kapitel 1986, ich zitiere diese Passage ganz, weil sie mir sehr wichtig zu sein scheint, geradezu eine Schlüsselstelle des Romans: „Was Judith damals noch nicht ahnen konnte: dass die, die sich gegen die Gesellschaft zu wehren gewohnt waren, es verlernten, sich gegen sich selbst zu wehren. Dass das ihr größter Denkfehler war. Dass sie sich die Wahrheit über sich selbst nicht eingestanden und auch nicht die über den Menschen. Es gab sie nicht, die Guten, die von der bösen Gesellschaft verdorben wurden, denn sie alle waren die Gesellschaft.“ Warum hast du die auktoriale Erzählperspektive gewählt? Dazu gehört vermutlich auch, dass du im Nachspann skizzierst, was aus den im Roman erwähnten Figuren geworden ist, vor allem aus den Mitgliedern der Kleinstadtclique.

 

Kirstin Breitenfellner: Der Roman ist, wenn man so will, ein Prequel zu meinem ersten Roman, der wie so viele in der Schublade liegt, weil die Perspektive nicht gestimmt hat. Die Erzählstimme war nicht genügend von jener der immer noch jugendlichen Protagonistin zu unterscheiden. Die Jugend ist aber eine schreckliche Zeit, weil man so naiv ist und gleichzeitig so herrisch auftritt. (Die Helden von Dostojewskij, allesamt Terroristen in Gedanken oder Werken, sind alle 23, die heutigen Selbstmordattentäter mehrheitlich zwischen 18 und 23 Jahren alt.) Dieses Bewusstsein wollte ich den Lesern nicht ungefiltert zumuten.

Es ging mir um die Frage, warum man die Vergangenheit, in diesem Fall die 1980er Jahre, ganz anders versteht, wenn man weiß, wie sie „ausgegangen“ ist. Es hat mich gereizt, diese Diskrepanz, die auf jedes Leben zutrifft, das man nicht begreift, solange man mittendrin steckt, literarisch darzustellen.

In dem angesprochenen Zitat geht es um die Naivität, mit der wir „kritischen“ Jugendlichen glaubten, dass alles gut werden würde, wenn nur alle so wären wie wir. Dabei kamen schon zu den ersten Festen der Grünen die meisten mit dem Auto. Denn sie hatten ja jemanden, der schuld war, der böse war: die Gesellschaft, die Industrie, die Bosse … Der Denkfehler vieler eingefleischter Linker und auch der Päpste der Political Correctness von heute besteht darin, immer dem System die Schuld zu geben (dem Kapitalismus, heute in einer neoliberal genannten Erscheinungsform) und zu glauben oder zu suggerieren, dass, wenn man das nur System ändern könnte, alles gut werden würde.

Dem liegt die falsche Annahme zugrunde, dass der Mensch gut wäre, wenn er in einem anderen „System“ leben würde, wenn die, die ein besseres System verhinderten, nicht mehr da wären. Aber der Mensch ist nicht (nur) gut. Er kann mit seiner Gier und Neigung zu Rivalitäten jedes System korrumpieren, wie es zuletzt die Geschichte des real existierenden Kommunismus gezeigt hat. Wer sich weigert, diese Realität anzuerkennen, strebt nach einem Ideal, einer Utopie. Wenn diese nicht eintritt, sucht man nach Schuldigen, es wird Gewalt oder zumindest moralischer Druck ausgeübt, und sei es „nur“ in virtueller in Form von Shitstorms im Internet.

„Die Gesellschaft“ ist ein Abstraktum, sie zu beschuldigen tut niemandem weh, bringt aber auch nichts. Deswegen müssen dann immer irgendwann konkrete Sündenböcke her. Denn irgendjemand muss ja schuld sein – das System, die Konservativen, die Reichen. Nur nicht wir selbst.

 

Martina Weber: Angenommen, du könntest eine Zeitmaschine betreten und entscheiden, in welchem Jahr du geboren worden wärst oder geboren wirst. Würdest du lieber einer anderen Generation angehören, in einem anderen Jahr oder einem anderen Jahrzehnt oder womöglich in einem anderen Jahrhundert geboren worden sein?

 

Kirstin Breitenfellner: Eine interessante Frage, die ich mir beim Schreiben so nicht gestellt habe. Was die Zukunft bringen wird, weiß ich nicht. Deswegen kann ich mir kaum wünschen, darin zu leben. Als Frau kann man sich ja kaum wünschen, in früheren Jahrhunderten geboren worden zu sein. Ich war auch immer froh, nicht während des Nationalsozialismus gelebt zu haben. Als meine Protagonistin Judith mit ihrer Freundin Ella den Wissenschaftspublizisten Diethelm von Dillingen (alias Hoimar von Ditfiurth) bei einer Lesung trifft, wird ihr klar, dass es noch viel schwerere Zeiten gab, um jung zu sein.

Als Jugendliche hatte ich allerdings schon manchmal das Gefühl, ein bisschen zu spät gekommen zu sein, sagen wir ein, zwei Jahrzehnte. Die große Party der Befreiung war vorbei, und selbst die Natur, die zuerst bedroht war und nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl selbst zur Bedrohung wurde, bildete keinen Zufluchtsort mehr. Das Beste an den 1980ern waren ja ihr Ende, das bewiesen hat, dass es in der Weltgeschichte auch eine Zeitlang bergauf gehen kann … Und ich war damals nicht zu alt, um meine Jugend nachzuholen!

Website von Kirstin Breitenfellner:

https://www.kirstinbreitenfellner.at/

Foto: Ingrid Götz


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