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Martina Weber: Du hast dich auf eine ganz besondere Art von Interviews spezialisiert, die du auch Nicht-Interviews nennst. Seit November 2014 publizierst du auf dem Poesie- und Literaturportal fixpoetry.com, das von Julietta Fix aus Hamburg gemanagt wird, literarische Selbstgespräche. Auf deiner Webseite erklärst du den Begriff des literarischen Selbstgesprächs so: „Dabei dürfen die Künstlerinnen und Künstler frei drauflos sprechen, während ich ihnen aufmerksam zuhöre, nicht unterbreche und keine einzige Frage stelle.“ Wie bist du auf die Idee gekommen, auf diese Weise Künstlerinnen und Künstler zu Wort kommen zu lassen?

 

Astrid Nischkauer: Eigentlich waren es zwei Momente, die dazu geführt haben, dass ich die Form des literarischen Selbstgesprächs als Experiment mit offenem Ausgang erfunden und entwickelt habe und auf fixpoetry verwirklichen konnte. Zum einen gab mir die Aussage eines Autors – „Aber ich habe ja gar nichts gesagt“ – nach einer Lesung mit Autorengespräch zu denken. Und dann stellte ich fest, dass man oft viel mehr und interessantere Dinge erfährt, wenn man einfach nur zuhört. Fragen schränken ja immer auch ein, geben einen gewissen Weg oder zumindest eine Richtung vor. Julietta Fix hat dann die Umsetzung meiner Idee auf fixpoetry ermöglicht, wo die Reihe bis heute erscheinen kann, wofür ich ihr sehr dankbar bin. Ohne sie und fixpoetry gäbe es die Reihe nicht.

 

MW: Auf fixpoetry.com habe ich 39 Interviews bzw. Nicht-Interviews gefunden, die du bisher geführt hast. Darunter Friederike Mayröcker, Marcel Beyer und Clemens J. Setz. Die meisten Interviewten sind Schriftsteller/innen bzw. Lyriker/innen. Welche anderen Kunstsparten finden sich bei deinen Selbstinterviews?

 

AN: Mit heutigem Stand, Mitte Februar 2019, habe ich 39 Selbstgespräche und ein Interview auf fixpoetry veröffentlicht. Das nächste Selbstgespräch erscheint in Kürze und viele weitere sind in Arbeit, Vorbereitung oder Planung. Friederike Mayröcker habe ich auch zu einem literarischen Selbstgespräch eingeladen, aber sie wollte nicht ganz frei sprechen, hat sich stattdessen lieber Fragen gewünscht. Und Friederike Mayröcker kann man einfach keinen Wunsch abschlagen, deswegen habe ich bei ihr eine Ausnahme gemacht und kein Selbstgespräch, sondern mein erstes und bisher einziges Interview mit ihr geführt.

 

Und ja, mein Schwerpunkt liegt ganz eindeutig auf Literatur, insbesondere auf Lyrik, die Reihe erscheint ja auch auf fixpoetry. Die Grenzen lassen sich da aber nicht immer so genau ziehen, viele Autoren und Autorinnen sind ja in unterschiedlichen Gattungen tätig, Fiston Mwanza Mujila zum Beispiel schreibt sowohl Lyrik und Romane, als auch Theaterstücke. Aber trotz des Literaturschwerpunkts wollte ich die Reihe von Anfang an offen für andere Kunstsparten halten. Bisher sind auch schon viele Selbstgespräche von Bildenden Künstlern und Künstlerinnen erschienen, darunter Linde Waber, Tomoyuki Ueno oder Ute Langanky. Und mit Klaus Fischedick habe ich auch einen Gärtner dabei, den Gärtner der Museumsinsel und Raketenstation Hombroich.

 

MW: Wie funktioniert so ein Selbstinterview? Wird das Treffen mit einer gewissen Vorbereitungszeit geplant oder funktioniert es auch spontan? Musst du dich auf ein Selbstinterview vorbereiten? Arbeitest du dich in das Werk des Interviewten ein?

 

AN: Im Prinzip ist es ganz einfach. Es gibt einige wenige Regeln, die da sind: Das Selbstgespräch wird während eines persönlichen Treffens geführt, also in Form eines tatsächlichen Gesprächs. Wann das Aufnahmegerät eingeschaltet und wieder ausgeschaltet wird, entscheide nicht ich, sondern der jeweilige Künstler oder die jeweilige Künstlerin. Einer der großen Vorteile einer online-Publikation ist, dass uns dadurch theoretisch beliebig viel Platz zur Verfügung steht. Und während das Aufnahmegerät läuft, sage ich dann wirklich nichts, stelle keine Fragen, unterbreche nicht, sondern höre schlicht und einfach aufmerksam zu. Im Anschluss daran transkribiere ich alles Gesagte möglichst genau und ohne einzugreifen, also ohne es zu glätten. Dann schicke ich es den jeweiligen Künstlern und Künstlerinnen nochmals zu und sie dürfen Korrekturen vornehmen, Dinge ergänzen oder auch wieder streichen, wenn sie das möchten.

 

Die Konzeption der Reihe verlangt einiges an Planung, ich betrachte die Reihe als ein Ganzes und setze immer wieder verschiedene Schwerpunkte, schaue zugleich auf Ausgewogenheit und Abwechslung. Ich bin sehr involviert im Literaturgeschehen, bin selbst Autorin, Übersetzerin, Rezensentin und gehe regelmäßig zu Literaturveranstaltungen. Das alles kann als Vorbereitung für die Selbstgespräche betrachtet werden. Ich überlege mir sehr genau, wen ich einlade. Und ja, ich setze mich mit dem Werk der Autoren und Autorinnen auseinander, viele davon habe ich auch rezensiert, im Vorfeld oder im Anschluss daran. Manche Autoren und Autorinnen begleite ich bereits Jahre lesend und zuhörend. Aus dieser Situation heraus ist es durchaus möglich, dass ich auch ganz spontan Einladungen ausspreche. Ich bin eigenverantwortlich für die Reihe. Julietta Fix hat mir von Anfang an das größte Vertrauen entgegen gebracht und ich bin völlig frei, wen ich einlade. Anders ginge das auch gar nicht.

 

MW: Würde ein Selbstinterview auch funktionieren, wenn du dich spontan mit einer Künstlerin / einem Künstler treffen würdest, die oder den du gar nicht kennst, eventuell sogar aus einer Kunstbranche, in der du dich nicht auskennst?

 

AN: Ja. Einige kannte ich vorher noch nicht persönlich, nur ihr Werk. Wie viel Vorlaufzeit es gibt hängt ganz von den Umständen ab und vor allem von den jeweiligen Künstlern und Künstlerinnen. Von den Umständen deswegen, weil mir kein Reisebudget zur Verfügung steht, das heißt, ich führe Selbstgespräche mit anderswo lebenden Künstlern und Künstlerinnen dann, wenn sie beispielsweise eine Lesung in Wien haben, oder wenn ich zufällig auf der Durchreise vorbei komme oder wenn wir uns anderswo begegnen, beispielsweise auf einer Buchmesse. Das Selbstgespräch von und mit Clemens J. Setz haben wir in einem Bahnhofscafé geführt, als ich am Bahnhof in Graz umsteigen musste und ein wenig Zeit war.

 

Wie viel Vorbereitungszeit die Künstler und Künstlerinnen brauchen ist unterschiedlich. Auf manche Selbstgespräche warte ich Jahre. Es gibt aber auch Selbstgespräche darunter, die ganz spontan geführt wurden, wenn es sich einfach aus einer Situation oder einer Begegnung heraus ergeben hat.

 

Die Kunstbranche spielt keine Rolle. Es ist ja ganz offen, worüber gesprochen wird, das heißt, es kann über egal was gesprochen werden, es muss überhaupt nichts mit der Arbeit oder dem Werk des Künstlers, oder der Künstlerin zu tun haben. Und es kann auch ohne weiteres über etwas gesprochen werden, womit ich mich kaum auskenne, oder was mich wenig interessiert. Fußball zum Beispiel hatten wir noch nicht, aber es wäre denkbar.

 

Es muss allerdings in einer Sprache geführt werden, die ich verstehe. Es würde nämlich schon einen Unterschied machen, wenn ich kein einziges Wort verstehen würde und nur so tun müsste, als würde ich aufmerksam zuhören. Und ich transkribiere dann ja auch alles selbst, das geht nur bei Sprachen, die ich verstehe. Beispielsweise ist die Muttersprache von Sarita Jenamani Odia und die von Aftab Husain ist Urdu. Beide haben ihre Selbstgespräche auf Englisch geführt und wir haben sie dann sowohl auf Englisch als auch in deutscher Übersetzung von mir veröffentlicht.

 

MW: Das Erstaunliche an deinen Selbstgesprächen ist, dass sie oft ganz ausgezeichnet funktionieren. Ich habe den Eindruck, dass die meisten Personen, mit denen du dich zusammensetzt und denen du einfach zuhörst, sehr schnell zum Wesentlichen kommen, zum Kern ihrer Arbeit, ihres Denkens. Und oft habe ich den Eindruck, dass mit der gleichen Person ein sehr gut vorbereitetes konventionelles Frage-Antwort-Interview nicht zu dieser gedanklichen Tiefe kommen würde. Wie erklärst du dir das?

 

AN: Es gehört viel Mut dazu, sich einem Selbstgespräch zu stellen und ganz ohne Fragen drauflos zu sprechen. Fragen können ein Geländer sein, auf das man sich stützen kann. Zugleich können Fragen mitunter aber schon auch sehr ablenkend sein. Ich biete mit meiner Reihe eine Möglichkeit an, sagen zu können, was man immer schon gefragt werden hätte wollen, was einem ein großes Anliegen ist. Ein gutes Interview zu führen ist eine Kunst für sich, davor habe ich größten Respekt. Es bedarf einer sehr tiefgreifenden Recherchearbeit im Vorfeld und eines guten Einfühlungsvermögens, um die richtigen Fragen zu stellen. Ich möchte meine Reihe nicht als Kritik an der herkömmlichen Form des Interviews verstanden wissen, sondern als eine eigene Form, die auch ganz eigene Möglichkeiten eröffnet.

 

MW: Die Idee eines Selbstinterviews fand ich zufällig (man kann es auch als Zeichen der Synchronizität sehen) neulich in dem in Hongkong angesiedelten Film „Chinese Box“ aus dem Jahr 1997 (Regie: Wayne Wang). Ein britischer Journalist will eine ihm interessant erscheinende Frau darüber, wie sie die Zeit kurz vor der Rückgabe der britischen Kronkolonie an China erlebt und welche Lebensgeschichte sie hat, interviewen und dabei filmen. In Minute 42 gibt es folgenden Dialog:

 
 

Frau: Da wäre noch eins, ich beantworte nicht gerne Fragen.

Journalist: Das ist ein echtes Problem. Ein Interview besteht nun einmal daraus, dass ich Fragen stelle und Sie Fragen beantworten. Das ist das Wesen des Interviews.

Frau: Nicht unbedingt. Die Story wird besser, wenn Sie mir die Kamera geben und ich alles aufnehme. Die ganze Geschichte.

 
 

AN: Die Idee ist eine ähnliche und doch grundverschieden. Der Impuls ist nämlich ein anderer. Würde man das Beispiel aus dem Film auf meine Selbstgesprächs-Situation umlegen, würde das so aussehen: Ich habe mir Fragen vorbereitet, treffe einen mir interessant erscheinenden Künstler oder eine Künstlerin, beginne damit ihm / ihr meine Fragen zu stellen und halte ihm / ihr mein Aufnahmegerät hin, das mir der oder diejenige aber aus der Hand nimmt und sagt: „Die Story wird besser, wenn Sie mir das Aufnahmegerät geben und ich die Fragen stelle. Die ganze Geschichte.“ Worauf ich damit hinaus will: Der Impuls zum Selbstgespräch geht nicht von den Sprechenden aus, sondern von mir. Ich ermuntere mein Gegenüber dazu, frei zu Sprechen und das Ruder selbst in die Hand zu nehmen.

 

MW: Wolf Schneider und Paul-Josef Raue schreiben in ihrem Handbuch des Journalismus, in ihrem Kapitel zum Interview: „Zunächst bedeutet das französische entrevue und das englische interview (davon abgeleitet) nur, daß zwei Personen sich sehen, wahrscheinlich auch miteinander reden wollen. Sprachlich kurios sind demnach das Telefon-Interview (…), und das Interview mit schriftlich gestellten Fragen und geschriebenen Antworten, wie Diktatoren es bevorzugen, weil sie Angst vor peinlichen Fragen oder spontanen Reaktionen haben.“ Schneider und Raue weisen außerdem darauf hin, dass ein gedrucktes Interview immer ein Kunstprodukt ist, das mindestens 30 Prozent von Notizen oder Tonbandaufzeichnungen abweicht. Ich beziehe mich hier auf die Auflage aus dem Jahr 1998. Seit dieser Zeit hat sich die Interviewkultur durch die Möglichkeiten des Internets insbesondere im Literaturbereich insofern sehr verändert, als das schriftlich geführte Interview sehr akzeptiert und geradezu üblich geworden ist. Insofern ist deine Art des literarischen Selbstgespräches eine Technik, die sich zurück bewegt zu den Wurzeln eines Interviews, dem Sich-Sehen.

 

AN: Die tatsächliche Begegnung, das sich Zeit-nehmen und Zuhören sind der Kern der literarischen Selbstgespräche. Das größte Geschenk, das man einem Menschen machen kann, ist, sich Zeit zu nehmen und zuzuhören.

 

Es stimmt, dass heute die meisten Interviews schriftlich geführt werden und diese Praktik so selbstverständlich geworden ist für uns, dass sie gar nicht mehr hinterfragt wird. Ein schriftliches Interview hat seine Vorteile, nicht nur für Diktatoren, es geht dabei aber auch sehr viel verloren, gerade auch an Individualität. Es geht ja nicht nur darum, was gesagt wird, sondern auch darum, wie gesprochen wird. Mündlichkeit ist etwas ungemein Faszinierendes.

 

MW: Es gibt auch Personen, mit denen ein Selbstinterview nicht funktioniert. Die Äußerungen von Peter Waterhouse bei eurem Treffen bestanden aus einigen „mmmh“s, Fragezeichen, Querstrichen, Klammern, aus einigen zusammenhangslosen Wörtern und einem vorbeifahrenden Auto. Barbara Köhler hat einen kleinen Essay zur Reflexion der Methode eines literarischen Selbstgesprächs und dessen Schwierigkeiten und Grenzen geliefert. Welche Voraussetzungen muss eine Künstlerin / ein Künstler für ein literarisches Selbstgespräch mit dir mitbringen?

 

AN: Wenn man Regeln aufstellt – auch wenn es noch so minimale Regeln wie bei mir sind, die nur einige formale Rahmenbedingungen betreffen, wie dass es in mündlicher Form geführt werden muss – so laden diese Regeln immer dazu ein, unterlaufen zu werden. Ich denke, Peter Waterhouse und Barbara Köhler hatten wohl beide Vorbehalte gegenüber der radikalen Mündlichkeit der Selbstgespräche. Ich transkribiere ja alles ohne es zu glätten.

 

Bisher habe ich drei Selbstgespräche aufgenommen und transkribiert, welche die Autoren dann schlussendlich doch nicht veröffentlichen wollten. Das ist immer eine Option, die Autoren und Autorinnen dürfen auch ganz am Schluss noch sagen, dass sie es lieber doch nicht veröffentlichen wollen. Das Risiko trage ich allein.

 

Und es gibt eine Voraussetzung, ohne die es gar nicht geht: Vertrauen. Viele reagieren zögerlich und ausweichend auf meine Einladung, bekunden prinzipiell Interesse, weswegen ich sie dann fix einplane, und erst nach sehr langer Zeit geben sie zu, dass sie sich doch nicht trauen und lieber keines machen möchten. Das macht die Planung zusätzlich schwierig.

 

MW: Für die Heftpräsentation der Wiener Zeitschrift Triëdere #13 (2/2015) mit dem Schwerpunktthema (Auto)Poetologien hast du eine Collage aus deinen Interviewtexten zusammengestellt. Hier findet sich der Satz „Also auch der Zuhörer beeinflusst ja eigentlich das, was ich spreche.“ Das bedeutet, dass die bei einem Selbstinterview anwesende Person einen enormen Einfluss auf das Gesagte hat.

 

AN: Der Satz stammt aus dem Selbstgespräch von und mit Wanda Koller, einer jungen Künstlerin, die ich auf der Raketenstation Hombroich kennen lernen durfte. Sie hat das sehr richtig erkannt. Ich sage nichts, aber meine Anwesenheit, mein Zuhören, hat sehr wohl einen großen Einfluss auf das Gesagte. Es kommt da ganz viel hinzu, Alter und Geschlecht spielen eine Rolle, aber auch, wie gut mich mein Gegenüber kennt. Autoren und Autorinnen, die ich im Vorfeld bereits rezensiert hatte, wie Marcel Beyer oder Ilma Rakusa, brachten mir dann beim Selbstgespräch ein sehr großes Vertrauen entgegen, auch wenn wir uns davor persönlich noch nicht gekannt hatten.

 

MW: Es bedeutet auch, dass jemand in einem Selbstinterview in Anwesenheit einer völlig anderen Persönlichkeit als dir höchstwahrscheinlich über etwas völlig anderes sprechen würde.

 

AN: Ja. Ort und Zeit spielen auch eine große Rolle. Und selbst wenn ich mit ein und derselben Person ein weiteres, zweites Selbstgespräch aufnehmen würde, wäre es komplett anders. Die Selbstgespräche sind immer auch eine Momentaufnahme und dadurch nicht wiederholbar sondern immer neu.

 

MW: Die Selbstinterviews sind mit einer Menge Arbeit verbunden. Du tippst die Gespräche, die keine zeitliche Grenze haben und teilweise ziemlich lang sind, ab, du lässt sie vom Sprechenden Korrektur lesen, arbeitest Änderungswünsche ein. Was reizt dich daran? Was für eine Motivation, welches Erkenntnisinteresse steckt dahinter?

 

AN: Ja, es steckt ein ungeheurer Aufwand dahinter. Vorbereitung und Nachbereitung sind sehr zeitaufwändig. Manchmal kommt auch noch zusätzlich hinzu, dass das Selbstgespräch auf Englisch oder Französisch geführt wird und ich es dann auch noch übersetze. Und das Transkribieren ist ein Knochenjob, vor allem, wenn man das Selbstgespräch irgendwo unterwegs aufnimmt, in einem Café zum Beispiel und die Hintergrundgeräusche zu laut werden, weil sich dann währenddessen jemand an den Nebentisch setzt und ein lautes Gespräch führt, oder wenn auf der Straße plötzlich die Kirchenglocken zu läuten beginnen und nicht mehr aufhören. Und man glaubt es nicht, aber aufmerksames Zuhören ohne etwas sagen zu dürfen ist auch sehr anstrengend. Die längsten Selbstgespräche dauerten rund eine Stunde am Stück, das ist nicht ohne. Ein normales Gespräch ist so aufgebaut, dass sich Sprechen und Zuhören im besten Fall abwechseln, man kann unterbrechen, widersprechen, nachfragen, selbst etwas sagen, oder sprechend Nachdenkpausen einlegen. Aber sobald das Aufnahmegerät läuft, habe ich die Zügel ganz aus der Hand gegeben und bin damit auch bis zu einem gewissen Grad selbst ausgeliefert, weil ich eben nichts mehr sagen darf.

 

Mich fasziniert an den Selbstgesprächen, dass es jedes Mal aufs Neue ein Experiment mit offenem Ausgang ist. Jeder und jede reagiert anders auf die Situation und die Nicht-Fragestellung. Ich sehe die Reihe als einen Freiraum, den ich geschaffen habe und mit dem jeder und jede umgehen kann, wie sie möchten. Der Motor hinter allem ist meine Neugier, mein Interesse und die große Wertschätzung, die ich meinen Künstlerkollegen und –kolleginnen entgegen bringe. Wie ich Julietta Fix schrieb, als auch der letzte Förderantrag für fixpoetry.com im Jahr 2018 ohne nähere Angabe von Gründen abgeschmettert wurde und sie sehr verzweifelt war: „Wir haben nichts, aber wir können trotzdem etwas geben. Sehr viel sogar.“

 
 

Über diesen Link finden sich alle literarischen Selbstgespräche auf Fixpoetry.com, bei denen Astrid Nischkauer keine Fragen stellte.

Die literarischen Selbstgespräche finden sich auch auf der Homepage von Astrid Nischkauer.

 
 
 

 

2019 8 Apr

Einladung für zwei Nächte

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Am 20. April ist es wieder soweit, über alle Horizonte hinweg, eine Nacht im Radio, live. Es wird unerhörte Töne geben, von jungen Jazzwilden aus England, Stephan Micus erforscht Duduk und Kalimba, Areni Agbabian wird für manchen eine Entdeckung sein. Auf diversen Zeitreisen geht es mit Chick Corea durch die frühen Siebziger, und, u.a. mit „Music for Nine Postcards“, durch seltsame japanische Lebenswelten der Achtziger Jahre. Ich erinnere an Scott Walker und Mark Hollis, und wenn unerwartet ein Klavierstück von Franz Schubert erklingt (auf einem uralten Wiener Konzertflügel aufgenommen), dann wird das so einleuchtend sein wie „In A Sentimental Mood“ von Duke Ellington. Gedichte von Will Burns erhalten feinsinnige Übersetzungen von Martina Weber und Astrid Nischkauer.

 

 

 

 

Und gleich noch eine Einladung hinterher, zu den „Klanghorizonten“ am 15. Juni. Hier, in aller Kürze, ein paar Namen zu jener Sommernacht – es wird eine Trioaufnahme zu hören sein von Michele Rabbia, Gianluca Petrella und Eivind Aarset, in der Nahaufnahme geht es um „ECM und die Stunde der Bassisten (1969 – 2019)“ – Solowerke von Barre Phillips, Dave Holland, Gary Peacock, Larry Grenadier, Eberhard Weber und Björn Meyer. Steve Swallow aber auch, in einem Duo mit Gary Burton. Später dann, aus der Zeit, als Reisen noch wilde Abenteuer waren, Musik von der Third Ear Band, Bernie Worrell („one track establishes the mode beautifully from jump, a regal formament of classical and jazz held aloft by XFiles synths and funk brass. It could be the perfect soundtrack to a surreal, funky afterlife“) – und Weltenbummler David Attenborough („While I was theoretically looking for pythons, in the evenings I would record different types of music“). Fred Möpert, my old friend, you should drive the streets of Berlin after midnight then, and look for the moon in June!

Music set to poems, and vice versa, that‘s the program of Chalk Hill Blue. The album is a collaboration of Will Burns, Hannah Peel, and Erland Cooper. When I sent my questions to Will, I hadn’t heard a single note of the music, his poems were my starting point, and a fascinating one. I  let the  lines work on my mind, my unconscious, strolling, roaming, meandering, and  kept asking  myself how they all would sound when surrounded by music. Knowing Hannah Peel for some of her sensitive arrangements of other people’s music, and from her own solo work, especially the fantastic Mary Casio – Journey to Cassiopeia, my fantasies grew wild,  besides I was looking for some pictures of Will‘s surroundings in Derbyshire. Now that I got his answers (and one from Hannah), I‘m even more grateful for some translations of the poems by German and Austrian poets Martina Weber („February“) and Astrid Nischkauer (the other ones). Four poems will be part of my next radio night at the Deutschlandfunk on April 20. Meanwhile the music had arrived. In the evening I turned the lights down low, a glass of red wine, and then, some deep listening. What an aural delight, even in its darker moments – the whole thing a consciousness-jolting affair! This album, earthbound and elevating, will find its place on my shelf in the good neighbourhood of Darren Hayman‘s immersive hinterland journeys of „Thankful Villages“. Chalk Hill Blue will be released on Friday. 

 
 
 

 
 
 
 

Frühlingserwachen auf der meschuggenen Meile

 

Noch lässt sich der Tag nicht

nach dem Wetter bestimmen.

Keine Helligkeit oder kein struktureller

Schatten verrät

den Umriss oder Körper von etwas–

vom Wald, dem Fluss, dem Gästehaus.

Man könnte vom Vorhang

und dem Luftzug über den Rücken träumen,

vom Freien, der Hitze.

Oder vom Vogelgesang, der scheinbar

überall ist, und von einem Gefühl

des Unbekannten erzählt, mit welchem

diese Stunde allein beladen ist. Es breitet sich aus

wie ein Ausfließen, das zu einem Dröhnen wird.

 
 
 

Michael Engelbrecht: The modus operandi seems to be that Hannah Peel used your poems as inspiration for the music. But at the very beginning Hannah had some music that suggested a poem to you. Is „Spring Dawn on Mad Mile“ such a piece – some motives from the „aural field“ at least suggest that. Whatever, can you tell something about the relation of sounds and words here?

 

Will Burns: Well I think with that piece, Hannah and Erland had started to create some sounds, I think they had a synthesiser going, and there was just something about the mood that suggested that poem to me – an oppressive quality, maybe. That was how we started with a few of the recordings. But after that, we would try reading the poem over the top of the synth or drum machine or whatever it was, and figure out how the music of the poem itself could work with or against the compositions that Hannah was creating. Were there moments of harmony? Moments of tension? Did they make sense? That was the process really – and also how the words and music established a relationship.

 

Is the cover of the album a kind of „signifier“ for the landscapes that inspired the album, and can you describe your personal relationship to that special landscape – I don‘t know if England‘s famous literary wanderer, Robert MacFarlane, ever crossed this area?

 

Yes the cover is very much a representation of that place, but also of the slightly blurred or murky quality the place has. It’s not a wild place, it’s not urban, it’s not really suburban either. There are aspects of the place that feel very rural – the farming, the forestry, but you can feel the commuter-ness of it all as well. There are people around my village with proper old Bucks accents (like my Grandad), but also lots of London overspill and that kind of placeless Southern Englandness to it as well. That’s the tension that keeps pulling me into the place, I suppose, in the work. I think Robert walked the Ridgeway a couple of years ago and was in the area. I’d be surprised if he hadn’t been there a number of times.

 
 
 

 
 
 

How did Hannah Peel approach the landscape, primarily through your poems – or did you two take some free time for wandering around. You might have memories about common walks, the exchange of stories, the sharing of silence …

 

Hannah and Erland both came out to visit, along with Chris Turner, who shot the artwork imagery, and we walked a section of the Ridgeway. It was the start of that hot summer last year, and we’d recorded some stuff already but I think having all three of us in the landscape focused what we were doing somewhat. I think Hannah saw the hills, the pub, the woods and maybe it gave the stories and poems some extra colour somehow. A good walk is never a bad thing, I don’t think.

 

You mention some „echo spaces“ of the music, sort of distant cousins, for example Roedelius „kosmische reverie“. Do you have favourite albums by Roedelius or Cluster who indeed, were good examples for going back to nature in the mid-70‘s celebrating a more meditative lifestyle …

 

Well I think Hannah might be best placed to talk about that. For me, I’ve liked lots of electronic music and certainly Neu! and Kraftwerk and bits of Can, but I think I was most excited about the Daphne Oram and Delia Derbyshire references really. And when Hannah first sent me the mixes they’d done with the bits of woodwind on, that took me back to listening to Peter and the Wolf as a child. My Dad played the David Bowie version a lot and the flutes sort of stuck with me.

 
 
 

Februar

 

An Abenden wie diesem könnte ich alles vergessen –

Namen, Adressen, sogar die Art, wie wir zueinander standen.

All das könnte aufgenommen werden

von den Lichtern der Stadt bei diesem Wetter.

Der Vorgang hat etwas mit den Gebäuden zu tun,

ihrer Bauweise aus Quarz und Ziegelgestein,

aber es geht auch um die Belange der Menschen.

Wie viele es sind … können wir´s wissen? Den Daten trauen?

Die Grenzhunde, die es auflecken,

sie werden ihre Gründe haben.

Und es gibt überall Hunde, wo eine Linie gezogen wird.

Die Anzeige auf meinem Smartphone sagt mir  (nicht nur, wo ich bin,)

sondern dass ich in 15 Minuten anfangen kann mit meinem ersten Drink.

Und das sind alle Neuigkeiten, mit denen ich umgehen kann.

 
 
 

„February“ catches up a special evening atmosphere. On the one hand reflecting borders, on the other a more immersive experience with that funny line about the drink at the end. Was there a special inspiration for the poem, or is it more a condensation of a certain mood?

 

One of those rare things that comes to you out of nowhere, almost in one go… I was walking through London at the time in fact, and almost certainly felt a mood descend that seemed to want to be dealt with, however one attempts to try and deal with that sort of thing. Sometimes it’s by writing. I suppose I’d been thinking a lot about borders – who hasn’t the last few years? – and what they mean, how they work imaginatively, on maps or in our psyche. The phone, the map itself is a kind of border too I suppose. They both mediate our experience of place.

 

What was the special role and contribution of musician and producer Erland Cooper for the album? Was he suggesting a certain sound, did he add musical colours, ideas, or was his role like more defined by shaping the tracks into a coherent whole?

 

I think Erland added a real urgency to the pace of the work, he got things recorded quickly, didn’t allow us to worry unduly about things until we needed to, so that the project evolved rather than being set out in too prescriptive a way at the outset. He had musical ideas, definitely … he and Hannah would be in dialogue about the sounds and layers. And then he’d agree about a poem if I thought one might work, or the opposite of course. And then sequencing, mixing, mastering. He was a vital part of the process.

 

„The Night Life“ sounds quite surreal, one of the poems here I think have to use a dictionary to get closer to the gist. Can you shed some light on this one?

 

That’s definitely one where Hannah made some music first, which we sort of worked out of. I think it’s a drum machine she used to create that unrelenting, slightly frightening rhythm. It just sounded instantly to me like the poem I had tried to write. It’s about that sense you have at certain times in your life that things are getting out of hand. And most of the time when you look at what’s going on in those periods, perhaps try and analyse what’s happening a bit, you see that things had got out of hand a while ago in fact but you somehow missed the signs.

 
 


 
 

Looking back on the album, what can you say about Hannah Peel‘s contribution: did she offer new insights from a reader‘s / musician‘s perspective, did she enhance certain moods? From my point of view, as someone who has been reading the lyrics, but not heard any of the tracks, I imagine she has worked in a more ambient mood, with a very ascetic use of rhythm or groove.

 

That’s spot on, rhythm is quite a difficult aspect of the music in this kind of project because language has such a strong rhythm of its own when being spoken rather than sung. So the music had to sit alongside the syllabic rhythm of the poems, which I think pushes it towards the ambient, or the textural. Hannah would have the language to talk about it more accurately I’m sure, but for my part, I felt that she just had a very astute understanding of the poems on a musical level, she almost worked with them as if they were an instrument, which of course is one way that poems do their work. And yet she’s also got a very keen ear for poetry conceptually as well, she might only have said a few words about it after hearing a poem for the first time, but those words always suggested to me that she’d read the poem in interesting ways.

 

„A Summer Blues“ is one that appeals to me on first sight. It‘s a bit like a short story disguised as a poem. Such lines as „… and guitar strings that might rust to blue or ring forever …“ create a mood that is really a bit blues-like, but even in these night moods some magic seems to be hidden, in spite of „youtube clips“.

 

That’s very kind, thank you. I suppose it belongs in the same family as „The Night Life“ in some ways. An appraisal of where one is at a certain time. What kind of a mess one’s made of things …

 

Do you have favorite spoken word albums that may once upon a time had, or still have, a deep impact on you? The Books, Brian Eno, Laurie Anderson, Jan Bang and Erik Honoré, quite some artists have worked in this area in recent years …

 

Well I’ve mentioned Peter and the Wolf. I suppose I should also say that I grew up listening to lots of what are now called audio books. At the time they were just tapes that I loved as much as music. BBC radio adaptions – obviously the Hitchhikers Guide to the Galaxy, but also PG Wodehouse and Tolkien – loads of other stuff. I think that’s meant I’ve always carried the idea that literature is something that lives on the breath as well as the page. I have a huge admiration for Alice Oswald, whose work in some ways seems to refute the tyranny of print – posits the idea of the poem as something spoken and heard at least as much as something read on paper. She’s a fantastic poet. But in terms of recordings, I’m not sure I’ve got any favourite records that are similar really, which is one of the reasons I was so excited to make the recordings with Hannah and Erland. It felt as if I was living on my nerves creatively and completely free from what can sometimes become comfortable reference points.

 
 
 

Im Freien

 

Wir kannten den Sonnenaufgang als Gelsenzeit,

die sich selbst erschöpft

im dampfigen Wald,

und den tatsächlichen Wahnsinn

eines aufgenommenen Morgenchors.

Wir machten unsere Feldaufnahmen

um nichts davon zu verlieren.

Später, als ich sein Haus ausräumte,

fand ich das Aufnahmegerät.

Ich drückte auf den Startknopf und sah zu,

wie sich das Magnetband durch die Rollen spulte,

das Band straff am Tonkopf,

der Bandantrieb funktionierte immer noch,

war perfekt im Takt.

Wöchentlich eine Stunde verbringe ich

nun damit, die sich verändernden Grüntöne

im Garten seines Pflegeheimes zu beobachten.

Er versteht nicht mehr, was es ist,

das ich ihm da vorspiele,

wie die Aufnahme des Vogelgesangs

sich in den Räumen ausbreitet,

die sich zwischen uns auftun, während wir

dasitzen in diesem, seinem letzten erleuchteten Raum.

 
 
 

 
 
 

Looking back at the project, Hannah Peel wrote these lines: „A thrill from coming to make art together with no preconceptions, just a pure admiration for another artist‘s work and sensing a deep urge to create something to compliment that. There wasn’t many challenges when making the album, under the watchful hands and ears of producer Erland Cooper he was able to capture exactly the mood of the room, the poetry, the synths, drum machines and atmospheres I was turning to instinctively and embellished them with added tape loops, delays and his own processes. As the album was made so reactively towards each other in the room, the biggest challenge has been to take that live on stage and how to re-create that magic, impulses and connection so an audience can feel like they are in the room with us observing the process!“

 

 

Will and Hannah will be performing „Chalk Hill Blue“ live:

 

30.03.19 – Caught By The River Calder at The Trades Club – HEBDEN BRIDGE

04.04.19 – Cecil Sharp House – LONDON

05.05.19 – Cathedral Quarter Arts Festival – BELFAST

11.05.19 – Queens Hall – EDINBURGH

24.05.19 – Sea Change Festival – TOTNES

28.07.19 – Port Eliot Festival – ST GERMANS

01.11.19 – The Civic, Assembly Room – BARNSLEY

 

 

 

 

 

Ridgeway 

 

It could be the dogs announce

       your visit. It could be her birds.

       However it happens, she knows—

       understanding that has come unmoored.

       She opens red wine, puts out a bowl.

       Outside in the fields the second 

       hay crop is cut and turned again, 

       a faded day, dirt that might have been

       yours to own. An inheritance, like so much

       taken on faith, held in seed.

 


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