Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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2023 24 Juni

17 Beats, Juni 23, 2. Lieferung

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Es geht weiter mit Kurzgedichten zu Musikstücken, die meinen Hirnstamm direkt angesprochen haben. Es kamen wieder jede Menge Inspirationen von hier. Danke dafür.

Es geht los mit dem Meister des Vibraphons und seinem Quartet, die eine Komposition von Keith Jarrett uraufführen(?). Es folgt eine Lady mit dem wundervollen Southern drawl aus Alabama zu himmlischen, unwiderstehlichen Klängen, anschließend ein finnischer Schlagzeuger mit Combo. Meine letzte Lieblingsband, die der frühe Tod der Sängerin und Drummerin, hinweggerafft hat, spielt einen ihrer hypnotisch-melodischen spirituellen Songs. Ebenfalls schon im hiesigen Programm ein Duo des besagten Vibraphonvirtuosen mit Chick Corea in Höchstform. Danach für die gute Laune ein mitreißendes Gesangsstück aus meiner frühen Jugend. Zum Runterkommen ein Instrumental des Meisters, dem wir im Oktober in Berlin huldigen werden. Ich muss es das erste Mal so mit ca. 16 gehört haben und habe es damals ca. 15 mal hintereinander auf beide Seiten einer C60-Cassette kopiert, um es dann auf einem Cassettenrecorder zur Meditation in Endlosschleife zu hören. Weiter geht es mit der Folkrock-Combo schlechthin mit der schönsten Frauenstimme diesseits des Äquators. Im Anschluss eine Gitarrenimprovisation von Jochen. Es endet mit einem Pianisten, den ich gerne in meiner Jugend gehört habe, der etwas ungerechtfertigterweise in die New Age Schublade gesteckt wurde und der uns vor kurzem verlassen hat.

Die Musik findet man einfach im Internet. Hier meine Deezer-Playliste, es handelt sich um die letzten neun Stücke.

 


Effortless floating,
daydreaming, sipping a glass
of smooth Pomerol

[Gary Burton Quartet – Coral (Keith Jarrett)]


Wie du mich reinziehst,
alles sonst zu vergessen,
nur dir zu lauschen

[Hannah Aldridge – Beautiful Oblivion]


Der Regenwald spricht.
Die geheimnisvolle Nacht.
Fiebertraum. Bett nass.

[Edward Vesala – Nan Madol]


Deine Sanftheit fehlt
in dieser verdammichten,
durchgedrehten Welt

[Low – Gentle]


Wenn Glocken tanzen
und Klaviertöne perlen
Einfach wegschweben

[Gary Burton & Chick Corea – Crystal Silence]


Singe dieses Lied
und alle Trübsal wird wie
weggeblasen sein

[Les Humphries Singers – Mama Loo]


Mit einem Ruder
auf dem spiegelglatten See
Immer im Kreis rum

[Brian Eno – Through Hollow Lands]


A fallen angel
singing of the heart of things
So much air to breathe

[Fairport Convention – Who Knows Where the Time Goes?]


Die Sterne funkeln
motoric vibes on the road
Zuhaus ankommen

[Jochen Siemer – Looping Eastward]


It’s the breaks, stupid!
Auch Schmalz kann berührend sein.
Er spielt jetzt oben.

[George Winston – Living without You]
 

2023 16 Juni

17 Beats, Juni 23, Teil I

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Und es geht weiter mit ein paar Siebzehnsilbern zu Musik, die mich in den letzten zwei Wochen erstmals oder wieder beeindruckt hat. Über einen modernen Klassiker, der gerade einen runden Geburtstag hätte feiern können, über brasilianisches virtuoses Gitarrenspiel zu einem portugiesischem Wiegenlied, einer frischen Sommerballade (danke, Michael), einer etwas düster-verträumten Betrachtung an der See, einem nun auch musikalisch umgesetzten Coming-Out sowie mehreren Stücken meiner ehemaligen Lieblingsband bzw. eines Mitglieds von ihr, es endet in ihrem Heimatort Hoboken mit einer anderen Band, die für unbeschwertes, naives Gitarrenspiel steht. Voilà!

 


Die Luft abdrehen
Auf dem letzten Loch pfeifend
Orgel, übernimm!

[György Ligeti – Volumina (Ende)]


Vom Meer weht es lau
Es kräuseln sich die Wellen
Copacabana

[Baden Powell – Canto de Ossanha]


Singe dieses Lied
bis der Morgenstern aufgeht
Schenke mir den Schlaf

[Cristina Branco – Canção de Embalar (José Afonso)]


Ein laues Lüftchen
Der Sommer kommt angeweht
Er wird sicher groß

[Sam Evian – Life Go Low]


Sie ist da. Im Traum.
Sand rieselt durch die Finger.
Möwen. Wellenspiel.

[King Krule – Seaforth]


Die Stimme gehaucht
Liebe kann nicht kitschig sein
Halt! Ohrwurmalarm!

[Romy – Loveher]


Rechts ranfahren,
den Wagen voll abbremsen,
um nicht zu crashen

[Tortoise feat. Georgia Hubley – Yonder Blue]


Sich treiben lassen
hinaus auf das weite Meer
mit der Flussströmung

[Yo La Tengo – Nutricia]


An jedem Abend
eines warmen Sommertags
Abschied vom Sommer

[Yo La Tengo – The Summer]


Ein dichter Teppich
gewebt aus Klampfenklängen
Bonsaiversion

[The Feelies – Turn Back Time]

2023 3 Juni

17 Beats, Mai 23

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Anbei die Musikstücke, die bei mir im Mai geklickt haben, die mich überrascht haben, die mich berührt haben, die ich in Dauerschleife gehört habe. Da sind einige Bekannte dabei, die ich hier entdeckt habe. Danke nochmal dafür. 17 Beats deswegen, weil es zu jedem Track von mir 17 Silben gibt in der bekannten Haikustruktur 5-7-5. Die Einträge sind chronologisch geordnet. Los gehts!


Eine Injektion
mitten rein in die Seele
Warmer Liebesstrom

[Ben Watt – That’s the Way Love Is]


An die Synapsen
andockende Gitarren
Cover me, Babe!

[William Tyler & The Impossible Truth – Highway Anxiety / Radioactivity (Live)]


Die Tür öffnet sich,
hinter ihr ein alter Freund,
„Lass uns was trinken.“

[Califone – ox-eye]


Gib mir Quecksilber!
Es geht immer nach vorne!
Lass das Gold im Fluss!

[David Byrne – Black Flag]


Eins mit dem Kosmos
Auch auf den Antipoden
Pharoah’s Geist lebt!

[The Circling Sun – Kohan]


Aus den Favelas
Eine Stimme wie ein Bär
Lang lebe der Dub!

[Seu Jorge & Almaz – Cala Boca, Menino]


Morgens der Himmel
Tief ins Plumeau einsinken
Der Grat des Halbschlafs

[Alva Noto – Kinder der Sonne (Intro)]


Die heilende Kraft
einer Frauenstimme, die
pure Musik ist

[Esperanza Spalding – Formwela 4]


Bass und Piano
auf gleicher Wellenlänge
Herzschmelzmelodie

[Charlie Haden & Keith Jarrett – Ellen David]


Schnipps! Stelle dir vor,
die Welt wär exakt so wie
vor vierzig Jahren

[David Sylvian – Nostalgia]


Liebesballade
Ein Tenorsaxophonton
rein wie der Neuschnee

[John Coltrane – Naima]


Mit Polyrhythmen
hochsteigend zum Himmelszelt
auf Eschers Treppe

[Gong – Ard Na Greine]


Das Eis schmilzt langsam
Die ersten Sonnenstrahlen
Kein Grund zum Jubel

[Franz Schubert – Impromptu No. 3 in Ges-Dur (Brendel)]

 

P.S. Für die, die es interessiert, zum Schluss noch meine Deezer-Playliste mit fast allen Musikstücken, die ich seit Juni 2020 in meinem Blog mit Haikus versehen habe.

2023 25 Mai

Jean-Louis Murat 1952-2023

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Seine häufig getragenen, keyboardlastigen und meist melancholischen Lieder haben mich berührt wie die keines anderen zeitgenössischen französischen Songwriters. Er hatte eine unglaubliche Sanftheit in seiner Stimme, man konnte jedes Wort verstehen, so klar war die Artikulation. Man hatte immer das Gefühl, er sang immer nur für einen selbst, er schuf eine Intimität wie wenige andere Sänger. Er flüsterte einem ins Ohr. Es sollen Frauen beurteilen, aber ich finde seine Stimme erotisch. Ich war gerade überrascht, dass er schon 71 war, ich dachte er wäre kaum älter als ich. Das erste Mal habe ich seine Stimme in Luxemburg gehört auf France Inter, wo l’inrockuptible Bernard Lenoir, der John Peel Frankreichs, ihn in seiner täglichen Abendsendung Anfang der Neunziger öfter auflegte. Und ich war sofort ein Fan. Gerade erst habe ich von seinem nicht ganz einfachen Leben gelesen, von dem ich vorher nichts wusste außer, dass er aus der Auvergne (Zentralmassiv), einer einsamen, für französische Verhältnisse rauhen Gegend, kam. Mit 17 geheiratet, 1970 zum Isle of Wight Festival getrampt, mit 19 Vater, geschieden, einige Zeit mit Gelegenheitsjobs on the road in Europa, die musikalischen Anfänge schwer. Jemand, der direkt seine Meinung gesagt hat und sich damit nicht unbedingt immer Freunde gemacht hat. Jean-Louis Bergheaud, wie er mit bürgerlichem Namen hieß, starb zuhause an einer Lungenembolie. Eines meiner Lieblingslieder von ihm, Aimer, hier mit Szenen aus Paris, Texas.

 

2023 18 Mai

Die Nacht singt

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Über dem Meer
wölbt sich das Himmelszelt
und deckt mich zu.

 

[Madredeus – O mar aus o espírito da paz, 1994. Ich habe das vorhin auf der Autobahnfahrt mit Tempomat von Berlin nach Eschborn nach längerer Zeit mal wieder gehört und war sofort in Halbtrance. Diese Stimme, die in pechschwarzer Nacht hinaufsteigt aus den Wassern und so etwas unsagbar Tröstendes hat.]

 

2023 16 Mai

They play the strings or midnight haiku

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primitive guitar
path without destination
patterns crystallize

 

[Lilah Larson – vi, from Solo Guitar Improvisations]

 

2023 10 Mai

Die Sache mit dem Flash

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Die Erde wird auch
ohne uns überleben.
Wir nicht ohne sie.

 
 

[Das war eines meiner ersten Haikus, #40. Es kam mir morgens beim Joggen in den Streuobstwiesen zwischen Niederhöchstadt und Kronberg. Es ist eher untypisch, weil keine direkte Beobachtung. Aber es war schon so eine ganz kleine Erleuchtung und die Tatsache, dass es irgendwie in die 17 Silben passte, hat mir große Freude gemacht. Im größeren Stil angefangen habe ich übrigens mit dem Schreiben von Haikus während meiner ersten Fastenwanderung auf dem Jakobsweg von Beelitz (südlich Berlin) nach Leipzig im Februar 2020, als noch nicht ganz klar war, was Corona genau bedeuten würde. Seitdem bin ich von den Dingern nicht mehr losgekommen. Sie sind Tagebuch, Wahrnehmungsschärfung, Silbenrätsel, Sprachkonzentrat, Sprachübung, Erinnerungshilfe, Poesie in einem. Und dieser 5-7-5 Silbenaufbau hat auch was Rhythmisches, Musikalisches. Ich spüre, ob die Silben stimmen, ohne nachzuzählen. Ein Tag ohne Haiku ist für mich seitdem ein bisschen ein verlorener Tag. Ein gutes Haiku ist wie ein Flash, direkt ins Gesicht, ohne Umschweife, ohne Filter.]

 


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