Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

You are currently browsing the blog archives for the month Februar 2024.

Archives: Februar 2024

 

David Sylvian singt in einem Song von einer schwarzen Mitternachtsonne. Klammheimlich wurde sie anstelle des Mondes gesetzt, den man gestohlen hatte mit der Folge: alle Magie war verschwunden. Heute morgen las ich, es gäbe jetzt Kakao ohne Kakao, aus Hafer hergestellt. Kaffee ohne Kaffee, Cola ohne Cola, Zigaretten ohne Nikotin. Was macht das Leben lebenswert, sind es Ersatzprodukte? Der österreichische Philosoph Robert Pfaller schrieb sehr viel zu diesem Thema. Eine der wichtigsten Stellen in Die Illusionen der Anderen, einem meiner wichtigsten Bücher, ist tausendfach angestrichen. Ich fand dort vor Zeiten eine Erklärung für ein schleichendes Unbehagen, das meinem Leben lange Zeit anhaftete: es geht um die Identifikation mit einem Ich-Ideal. Aber dieses ist nicht echt und das ist fatal: es verleugnet das Geniessen und es verleugnet das Begehren. Stattdessen vegetiert man in einem aseptisch morbiden Wolkenguckucksheim, in dem dann vorzugsweise Ersatzprodukte Einzug erhalten: billige Sublimationen, die natürlich die Wirtschaft in Gang halten, da ja nun die sündhaft teure Stereoanlage, der überdimensionale SUV den ursprünglichen Wunsch vertreten muss. Jeglicher Bezug zur „Strasse“ ist verloren. Vor vielen Jahren las ich in der TAZ, man solle auf gar keinen Fall seine sexuelle Phantasien unter den Teppich kehren, sie seien doch das Einzige, was hebt. Und der französische Psychoanalytiker Jaques Lacan schrieb, es gäbe nur eine Sünde: sein Begehren zu verraten. Und dies ist auch der Grund, warum mich eine Art zu schreiben anzieht, die mein Interesse weckt: dirty writing. Keine Betulichkeiten bitte, keine Erbaulichkeiten: das Leben ist zu kurz. Return to thrill and reinstall the magic moon instead a boring midnight sun!

 

Meine dreimonatige Residenz am Starnberger See hat inzwischen Fahrt aufgenommen und den ersten Höhepunkt erreicht: ein Konzert zusammen mit Björn Meyer (el. Bassgitarre und Nour Sokhon (electronics, Objekte). Ein Dreiteiler in einer Dreiergruppe und alles zum ersten Mal – eine echte Premiere. Technisch eine groBe Herausforderung, belohnt aber mit gutem Gelingen und schönem Zusammenklang mit dem Publikum. Überraschenderweise kam auch Ingo Biermann, der im Moment in einem Filmprojekt in München arbeitet, zu dem Konzert, sehr schön! 
 
Dreiteiler meint – The concert had three parts
 

  • A primal solo performance by Swiss electric bass guitarist Björn Meyer 
  • A live-remix (in the Punkt tradition) of Björn Meyer’s performance by Lebanese multi-disciplinary artist Nour Sokhon 
  • A common improvisation by Nour Sokhon and Björn Meyer entitled  

 
           “What are you doing here”
 
 


 
 
In all three parts Henning Bolte’s synchronous live-drawing and object manipulation was projected as a visual manifestation of his listening process given shape spontaneously, ex tempore.  

The live-remix (qua defiitionem) started immediately after Björn Meyer’s initial solo performance. In contrast to classical improvisation, a live-remix(er) reacts on a performance in its entirety transforming it according to the remixer’s own reception perspective. 
 
 


 
 
Björn Meyer is a truly extraordinary electric bass guitar player from Switzerland known from his work with Nik Bärtsch’s Ronin, the trio of Anouar Brahem and the trio Amiirah (w/Klaus Gesing and Samuel Rohrer), the bazaarpool and his solo-work on the ECM label a.o.. 

 

Young Lebanese artist Nour Sokhon has gained reputation through her work with Ensemble Modern and contributions to a.o. Huddersfield Festival (UK), Punkt Festival (Norway) and Gaudeamus Festival (NL) a.o. as well as cooperation with Onassis Stegi (Athens) and Henie Onstad Centre (Oslo). She studied Fine Arts in Dubai and Sound Design in Glasgow and brings in a special quality of electronic and acoustic, rough and sweet. 

 

Henning Bolte is a visual artist, music critic, music organizer and linguist from Amsterdam. He has been engaged in live-drawing work at a great variety of European festivals, documented in many exhibitions (a.o. Wroclaw, Katowice, Rotterdam, Kalicz, Heidelberg, Parma, Saalfelden, Dortmund). He also works with the drummers Sun-Mi Hong and Sofia Borges, bass clarinetist Fie Schouten and vocalist/cellist Sanem Kalfa. 
 
 


 
 
The concert presented higher technical demands, especially for the remix and the projection. Happily the Munich venue SCHWERE REITER, where also dance and theatre performances take place, was able to cope with it. As a speciality, the sound engineer in our case was Zoro Babel, a striking name that immediately evoked memories of a for me significant ECM album of the past “Cosi lontana … Quasi dentro” with a great cover and line-up (Markus Stockhausen, Fabrizzio Ottaviucci, Gary Peacock). There is a longer interesting story behind it. 
 
 

 
 
The picture on top shows the pulse of the music and the trio in action at SCHWERE REITER in Munich. The other pictures show some more details of the performance. 
 
 

 
 
P.S.

My last contribution in 2023 dealt with the extraordinary vocalist Sunny Kim from Melbourne and her album “Liminal Silence”, apparently a new name for Manafonistas. As in the case of earlier contributions of mine last year there was not much reaction or intrinsic interest. It caused increasing disorientation and as a consequence slowed down my efforts. I became aware that my work follows different dynamics and and a different focus such that I did feel less and less connected to the flow of the blog. 

 

I am grateful that I got the possibility twice to contribute to this blog for a longer period and have been involved in enriching disputes. I learned a lot and enjoyed and learnt a lot. This post about my Munich residency also indicates that my activity meanwhile has been shifting more to performing and to exchange and discussion about it. That’s why I decided to stop contributing to Manafonistas. 

 

Thanks for all inspiration, encouragement, discovery and new insights. Keep writing, exchanging resourcefully and smiling friendly. Good luck! 
 
 


 
 

Am Freitag, den 23.Februar, wird im Dortmunder Domizil eine Ausstellung meiner live drawings eröffnet:

 

HÖRWEGE/OHRBILDER

 

Ich werde zur Eröffnung improvisierend zeichnend mit dem Bassisten Antonio Borghini in wechselseitigen Austausch treten. 

 

2024 5 Feb.

Zeitdiebe und Stundenblumen

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags:  | 4 Comments

Während das letzte Blatt von Momos eigener Stundenblume abfiel, begann mit einem Mal eine Art Sturm. Wolken von Stundenblumen wirbelten um sie her und an ihr vorüber. Es war ein warmer Frühlingssturm, aber ein Sturm aus lauter befreiter Zeit.

Michael Ende

 

An einem stürmischen Februarmorgen verstarb kürzlich der Sozialphilosoph Oskar Negt, ein Kind der Stadt Hannover. Er kam mir einmal auf dem Bürgersteig der Bödekerstrasse entgegen und machte schon von weitem Eindruck: klein von Statur, wirkte er dennoch gross, trug eine Welt in sich. Aufrecht zugewandt, mit offenem Gesicht, nickte er mir leicht zu, wie einer, der es gewohnt ist, dass man ihn kennt. Dennoch fühlte ich mich seltsam geehrt, beflügelt. Ich erinnere mich an sein Gespräch mit Alexander Kluge, fand es bemerkenswert und gut, dass ein Sozialist auch seinen Heidegger parat hat. Sein Buch Arbeit und menschliche Würde hatte ich mehrmals vergeblich zu lesen begonnen: es ist komplex und anspruchsvoll, voller geschichtlicher Bezüge. Aber das Kapitel „Der Zwangszusammenhang von entfremdeter Arbeit, Freizeit und Faulheit“ ist sehr konkret. Man könnte es als einen argumentatorischen Gegenpol zu den beständigen Polemiken gegen faule Arbeitslose lesen, wie sie immer wieder herrschaftsträchtig instrumentalisiert werden von all den Sarrazins, Lindners und Merzen. Aber auch von Gerhard Schröder, einem Freund Oskar Negts aus alten Tagen, der ja bekanntlich meinte, wer nicht arbeite, solle auch nicht essen. Sollte etwa der verbrecherische Putin essen, Genosse Gerd, der abertausendfach blutjunge Männer im Angriffskrieg verheizt? Denk nochmal drüber nach – ansonsten mach dich vom Acker! Im letzten Kapitel seines Buches bezieht sich Oskar Negt auf Michael Endes Buch Momo. Zeitdiebe gibt es in vielen Formen: Werbung, Propaganda, idolisierende Identifikationen, Fliessbandarbeit und all jene Jobs, in der sich Menschen im Dienste des Profits aufreiben, um dann letztlich durch Maschinen, Robotik und künstliche Intelligenz ersetzt zu werden. Oskar Negt hatte einst bei Adorno studiert. Man sollte nicht davon ablassen zu fragen, was denn das Falsche sei im sogenannten wahren Leben. „Kritisches Denken“ könnte man das nennen, es geht mit der Neugier einher und dem Verdacht, dass nicht alles genauso abläuft, wie es einem vorgegaukelt wird. Jede Philosophie beginnt mit dem Stellen einer Frage, im Grossen wie im Kleinen. Wie gesagt, Oskar Negt war gross.

 

 

          

 
 
 

Der englische Maler William Turner wird darstellerisch der Epoche der Romantik zugerechnet, eine Kunstströmung, die sich gegen das Zeitalter der Aufklärung und dessen sich formenden naturwissenschaftlichen Dogmen und ihren Pragmatismus stellte, der auch in der Malerei seinen Niederschlag fand. Dort herrschte nun der Realismus, das Darstellen von Dingen wie sie waren. Die Porträtmalerei reüssierte, fast bis zu einer fotografischen Detailtreue. Für Turner scheinen die Dinge keine Rolle zu spielen beziehungsweise in nur einer Hinsicht. Ihn interessiert ihr Verschwinden, ihre Auflösung – oder auch nur ihre Veränderung unter dem Einfluss der gestaltenden Kräfte Licht, Nebel und Perspektive, die sie modifizieren, umformen, zurücktreten oder ganz verschwinden lassen. Turner malt, was davon zurückbleibt und schafft dadurch eine neue Welt, in denen die Kräfte, die das Sichtbare gestalten, ihrerseits deutlicher sichtbar werden. Wie Monet schienen ihn weniger die Dinge und ihre Realität zu interessieren, sondern das, was das Licht daraus zu machen versteht. Vielleicht ein Hinweis an die Aufklärer, die sich dem Greif- und Berechenbaren verschrieben haben, auf eine transzendente, energetische oder spirituelle Sphäre, die die dreidimensionale Welt mitgestaltet, bis wir sie nicht wiedererkennen. Ich nenne es: Der Farbe ihre Freiheit zur Entfaltung lassen: das Gegenständliche hinterlässt nur noch eine Spur.

 
 
 

 


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz