Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

You are currently browsing the blog archives for the month Mai 2022.

Archives: Mai 2022

2022 8 Mai

Alte Bande (Teil 4)

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: , , , | Comments off

 

 

Damals, in den frühen Jahren in der Fachklinik Furth i. W., gab es umfangreiche Unterlagen, aber noch nicht dieses Standardwerk von Ralf Schneider, das in diesem Jahr in der 21. überarbeiteten Auflage erschienen ist. Die erste bis vierte Auflage erschien seinerzeit unter dem Titel „Alkoholabhängigkeit – Informationen für Betroffene, Angehörige und Interessierte“. Die Gesamtauflage: mehr als 370.000.

 

Ich brachte Ralf zum Widersehen Terje Rypdals „Descendre“ mit, ein Album, das 1980 erschien, in dem  Jahr, als meine relativ kurze Zeit am Ausläufer des Hohen Bogens begann. Und Platten von ECM den Soundtrack unseres Lebens mitschrieben, nah an der tschechischen Grenze. Und Ralf brachte mir heute früh, zum letzten geneinsamen Frühstück Aller, seine „Suchtfibel“ mit, und allein schon das Schmökern in den Seiten –  on this lazy sunday afternoon – machte mir klar, wie vertraut mir,  all der vergangenen Zeit zum Trotz, die Inhalte dieses Buches, die Denkweisen Kognitiver Verhaltenstherapie, sind. Offen für Erweiterung und klugen Eklektizismus. Ein Mix aus fundiertem Wissen und sinnlich ansprechender Vermittlung. Das feine Motiv auf den Cover der „Fibel“ suggeriert die umgekehrte Bewegungsrichtung von „Descendre“ – ein „Hinaufsteigen“.

 

Und wie nah mir immer noch, kleine Abschweifung, diese Menschen von damals sind.  Selbst die, damals nicht beste Kumpel waren. Ein altes, dezent verwandeltes Wir-Gefühl. (Die sanfte Beharrlichkeit von  Monika C. schätzte ich schon damals sehr, die Stimme von Gudrun klingt wie einst, und versetzt mich im Handumdrehen in eine leichte Trance.  Beim kraftraubenden Skilanglauf mit Dieter und Michaela  durfte ich als „townie“ meine Grenzen kennenlernen. Ich betreibe  jetzt aber kein Spiel der Reihum-Komplimente.) 

 

 

Einiges an unserer Gruppentherapie für Alkohol- und Medikamentenabhängige basierte auf Improvisation – der Transfer von theoretischer Beschlagenheit in die therapeutische Arbeit ist eine Herausforderung gewesen, damals, als solche Kliniken in den berühmten „Kinderschuhen“ steckten. Und dann kamen wir in  aller Regel aus grossen Städten – da war auch der Alltag voller Improvisation.

 

Es gibt ein paar interessante Parallelen zwischen Jazzmusik und Psychotherapie.  Zum Beispiel: Therapien glücken seltener, wenn man sich stringent an Lehrbüchern ausrichtet, und dem therapeutischen Prozess die Luft zum Atmen nimmt, die Überraschungsmomente, den improvisatorischen Spielraum. (was ich an „Gesprächstechniken“ lernte, konnte ich später auf Interviewsituationen  übertragen, speziell wenn da ein Raum zu öffnen war ins Private hinein, und  „repertoire stories“ zu glatt und routiniert waren.)

 

Ein passagenweise dunkles Album wie „Descendre(deutsch „hinabsteigen“), voller unvorhersehbarer Momente, ähnelt dem „flow“ gelingender Psychotherapien. Du begegnest verhärteten Strukturen, Abgründen, verschütteten wie offenen Potentialen, und dann?  Muster wandeln sich, Krusten brechen auf, Perspektiven kippen, die Dinge / Klänge bahnen sich einen neuen Weg. Aus Disziplin entsteht Freiheit. „Mit jedem Lichtwechsel werden helle Auflösungen und schattenhafte Erinnerungen enthüllt, die das wütende Feuer hinter der eisigen Oberfläche verraten.“ (Tyran Grillo über „Descendre“). Dein Identitätsempfinden wandelt sich, und doch bleibst dir selbst (in unerwarteter Weise) treu.

 

Reden wir jetzt von Psychotherapie,
oder von der Essenz des Jazz?
Nichts hier ist esoterisch.
Und nie ist alles auflösbar.
Alte Bande bleiben bestehen.
Oft genug.

 

 


 
 

This was one of my first ECM records, and for many it may seem a curiosity, being the only one in Jarrett‘s long story with the German label, where he is touching electric keyboards. It was recorded at the end of his time with Miles as a „keyboard wizard“, it has the looseness of an „after hours“-session with African moods and a quite exotic flair, a million miles away from American songbooks. Jack De Johnette‘s melodic feel on drums and percussion makes up for a perfect couple of like-minded spirits. For reasons I cannot explain really, I will love this album forever. It is uncomparable with any other album they did together. There are records you have had a story with, you offer them a good place in the back of your mind without ever revisiting them. This is one of those I return to since my teenager days. Though it got a new cover design at some point in time, I was always happy with the surreal naivety of the original cover. Let‘s speak about music sending you places …

 

„Should never have left the crystal lake
For areas where trees are fake
And dogs are dead with broken hearts
Collapsing by the coffee carts
The crystal lake it only laughs
It knows you’re just a modern man
It’s shining like a chandelier
Shining somewhere far away from here“

 

 

 

1 – Eine leicht betrunkene Note von Chopin

 

Do you remember The Department of Disappearance? No? That overlooked treat. What I love about the songs of his maybe second best album, is their dreamy atmosphere, they create a space to vanish into them. Jason Lytle‘s album „Dept. Of Disappearance“ is the perfect title for this kind of escapism. And, right on, there are lovely moods, great noises, funny breaks, playful keyboard arpeggios, a slightly drunken Chopin quote, catchy lyrics, vintage synthesizer sounds and all.

Almost everything played by Jason, Grandaddy’s mastermind himself. Nearly every song is telling a story about death, and dying. Not in an existenzialist way a la John Cale’s „Music For A New Society“ or Neil Young’s „Tonight’s The Night“.  More playful, uplifting. Full of wonder, but never in a naive way. Thanks god, there’s fucking no one being soaked up by some golden light in these songs. In the last song, „Gimme Click, Gimme Grid“, Jason Lytle closes this beautiful album with a childhood memory, and another way of disappearing.

The album has never become nearly as well known as Grandaddy‘s most famous work, but it is worth a decent discovery. It shares its playful melancholia and nearly devastating non-chalance with the introspection of another often overlooked work, Wilco‘s „Sky Blue Sky“ geting some lukewarm thumbs down on its release while in fact being a work of wisdom gained by defeat. And stunning music, lightly danicing from abyss to abyss. Let‘s talk about us growing older with the music we love along the way. Let‘s enter the department of disappearance.

 

 

2 – Vicodin und das Empfinden letzter Lieder

 

“Hey hey, my my, rock‘n‘roll can never die“. 

Ist das so? Aber altern kann er, oder?

Wir schon. Das mag nicht selbstverständlich erscheinen in einer Kultur, die die Jugend hochschätzt und Verweigerungsstrategien hemmungslos vermarktet. „Alter ist nur eine Zahl“. „40 ist das neue 20.“ Wann fängt das Leben erst an?! Die Slogans sind endlos, und sie nähren die Maschinerie, die die Sucht nach Verleugnung anheizt. Man könnte argumentieren, dass der Erfolg der Musikindustrie zu einem nicht geringen Teil auf den Wunsch zurückzuführen ist, regelmäßig ein paar Stunden mit dem Soundtrack unserer Jugend zu verbringen, auf der Suche nach einer weiteren Dosis der Musik, die einst mit der Intensität durch unser Wesen pulsierte, die unseren Glauben an endlose Sommer befeuerte.

Aber die Zeit ist eine unerbittliche Bedrohung. Und trotz der quasi-religiösen Intensität, mit der wir nach dem Mythos der endlosen Möglichkeiten greifen, erreichen wir einen Punkt, an dem uns das Leben diesen Glauben aus den Fingern reißt. Wenn wir Glück haben, leben wir lange genug, um unseren Anteil an Fehlern und Misserfolgen anzuhäufen.

Wir sind immer – wie Kieran Setiya in seinem Buch „Midlife: A Philosophical Guide“ – in einer „doppelten Zeitlichkeit“ zwischen verschiedenen möglichen Zukünften und vergangenen Entscheidungen gefangen, die diesen Entscheidungen Bedeutung verleihen. Das, was wir als „Krise“ bezeichnen, hat seine Wurzeln in dem Bewusstsein, dass es keine unbegrenzte Zukunft mehr gibt (oder nie gab) und dass unsere aktiven oder passiven Entscheidungen der Vergangenheit sehr oft Wege versperrt haben. Es ist eine berauschende Zeit des Übergangs.

Während der Aufnahmen zum Wilco-Album A Ghost Is Born aus dem Jahr 2004 war Frontmann Jeff Tweedy Ende dreißig und kämpfte mit einer wachsenden Abhängigkeit von Vicodin, das für ihn zu einem Mittel gegen Panikattacken und schwere Migräneanfälle* geworden war. In seiner Biografie gibt Tweedy an, dass er sich während der Aufnahmen zu diesem Album in einem Zustand befand, in dem er das Gefühl hatte, sterben zu müssen. „Jeder Song, den wir aufnahmen, schien mein letzter zu sein“, gestand Tweedy. Er stellte sich vor, wie seine Söhne nach seinem Ableben das Album durchgehen und in den aufrüttelnden Passagen mit geflüsterten Gedanken und den unharmonischen Geräuschen (Tweedys Versuch, seinen Migräneanfällen musikalischen Ausdruck zu verleihen), die A Ghost Is Born prägten, Botschaften aus dem Geisteszustand ihres Vaters heraushören würden.

Aber in diesem Moment des dunklen Kampfes meldete sich Jeff Tweedy in der Reha an und begann eine Reise der Selbstprüfung, die ihn zur Nüchternheit führte. Sky Blue Sky entsteht in diesem verletzlichen Raum aus alten Narben und neuem Wachstum. Es gab neue Bandmitglieder, und Tweedy experimentierte mit neuen Sichtweisen und Mustern. Er erzählt in Let’s Go (So We Can Get Back): A Memoir of Recording and Discording with Wilco, Etc., dass das 2007er Album Sky Blue Sky zu einer Zeit erschien, als er noch lernte, auf sich selbst aufzupassen.

Dazu gehörte allerdings nicht, sich zu beruhigen. Das Himmelblau ist hier nicht das Blau Kaliforniens aus den Liedern der Eagles, kein „Classic-Rock-Blau“, vielmehr ein leegeräumter Himmel, der schmerzhaft bewusst wird, wenn der Sänger der Titelsongs die Räume seiner Kindheit durchstreift, die einst Ruhe einflössten, Verheissung, und nun verschandelt, demoliert und verlassen sind. Geisterorte. Da möchte man keine Hymne amstimmen, auch wenn die ersten Takte des Songs, die Akkordlieblichkeit, strahlenden Himmel und Blumen für eine alte Liebe, zumindest eine Art  Versöhnlichkeit, suggerieren.

 

The drunks were ricocheting
Off the old buildings downtown, empty so long ago
Windows broken and dreaming
So happy to leave what was my home

No way. Das passende Echo kommt aus dem Department des Verschwindens: „Should never have left the crystal lake / For areas where trees are fake / And dogs are dead with broken hearts.“ 

 

3 – Mantra und Ungewissheit

 

„Either Way“ (das, wie Tweedy gesteht, nur eine einfache Umschreibung des Gelassenheitsgebets ist) eröffnet das Album mit einer sanften Behutsamkeit und einer gemessenen Annäherung an die Möglichkeiten, die auf dem Tisch liegen, wenn wir entdecken, dass wir nicht immer die Helden unserer eigenen Geschichten sind.

Ein einfaches, sanftes Akustikgitarrenriff taucht aus dem linken Kanal auf und erdet den Hörer und den Song im unvermeidlichen Marsch der Zeit.

Nach einer Weile taucht Tweedy auf dem rechten Kanal auf und sinniert leise über die Unbeständigkeit eines jeden Tages.

Diese Ungewissheit ist immer präsent, aber das Leben und unsere Entscheidungen können uns dazu bringen, die vielen Wege zu erkennen, von denen wir dachten, dass sich die Realität unserem Willen beugt.

In diesem Wechselspiel zwischen dem Mantra der Akustikgitarre und Tweedys Auseinandersetzung mit der unvermeidlichen Ungewissheit eines jeden Augenblicks bricht das erste von vielen üppigen Gitarrensoli von Nels Cline in das Gespräch ein.

Clines versierte Gitarrenbeherrschung leuchtet inmitten der prekären Wolken, überwältigt aber nie die Landschaft. Seine Noten sind jazzartig und deuten die unvermeidliche Improvisation an, die die Brüche des Lebens hervorrufen.

 

 

 

4 – Der rätselhafte Song

 

Nirgendwo wird dies so deutlich wie in der rätselhaften Komposition „Impossible Germany“. Der kryptischste von Tweedys Songs auf einem Album, das hauptsächlich aus geradliniger Verletzlichkeit besteht, „Impossible Germany“ kreist um die fragile Verbindung zweier Metaphern, „impossible Germany and unlikely Japan“. Es ist beunruhigend und ungelöst, auch wenn Tweedy verkündet, dass der Zweck der Liebe darin besteht, fehl am Platz zu sein.

Nach drei Minuten weicht der Text einem ausgedehnten Solo von Cline für die restlichen 2:57 des Songs. Es ist eine fesselnde, fast hypnotische Demonstration der Beherrschung des Instruments, ohne in überwältigende Gesten abzugleiten. Es ist die Erkenntnis, dass das Ungelöste und Unvollständige etwas Faszinierendes hat, das hier in eine kleine Gitarrensinfonie umgewandelt und von Clines versierter Virtuosität angeführt wird, bevor sich die E-Gitarren von Tweedy und Pat Sansone zu einem Gespräch zusammenfinden. Zusammen bilden sie ein Crescendo aus ineinander verschlungenen Call-and-Response-Akkorden, die die Schönheit dessen zum Ausdruck bringen, was sich einer sauberen Beschreibung entzieht.

 

5 – Das Träumen der Dinge, an die wir glauben

 

Es gibt keine großen Hymnen oder kühne Beteuerungen, dass das, was vor uns liegt, durch die Rechtschaffenheit des Rock’n’Roll leicht zu bezwingen ist. Die Behauptungen sind zaghaft und verletzlich, mit einer Haltbarkeit, die keine Garantien über den Moment hinaus verspricht. Aber ist das nicht genau die unerwartete Weisheit, die uns unsere Grenzen lehren, dass reduzierte Erwartungen mit nicht weniger wunderbaren Möglichkeiten einhergehen? Wie Tweedy im Titeltrack erzählt:

„I should be satisfied / I survived / That’s good enough for now“.

Damit wir nicht in ein falsches Gefühl der Bequemlichkeit verfallen, sind die alltäglichen Beobachtungen auf diesem Album nicht unbedingt sicher. Es ist weder ein revolutionärer Aufschrei gegen den Status quo noch eine klägliche Jeremiade. Es erkennt einfach und unverblümt an, dass das Leben oft ein chaotisches Durcheinander ist, und, wie Tweedy in der Klangverschiebung von „You Are My Face“ anmerkt, werden unsere sorgfältig gezeichneten Karten umgestoßen. Der Zufall verhöhnt den Mythos vom „Meister unseres Schicksals“.

So mag es sein, dass der Lauf der Zeit unseren ehemals blinden Glauben an unbegrenzte Aufregung untergräbt. Aber vielleicht schärft er auch unsere Sensibilität für die Möglichkeit von Schönheit in unserer Mitte. Wir haben immer die Wahl. „Wenn die Geheimnisse, an die wir glauben, nicht genug geträumt werden, um geglaubt zu werden, / Manche entscheiden sich für die Blätter, manche für die Samen“, deutet Tweedy in „Side With the Seeds“ an, dass die Wahlmöglichkeiten zwar nicht unbegrenzt sind und unsere Fehler einige Optionen ausgeschlossen haben, dass es aber immer noch Möglichkeiten gibt, Entscheidungen zu treffen.

 

6 – „On and on and on“

 

Wir lernen den entscheidenden Unterschied zwischen dem Mythos der unendlichen Möglichkeiten und der Macht der Wahl für endliche Hoffnung. Inmitten der ausgeschlossenen Zukünfte entdecken wir die Schönheit der Verbindung. „Die Situation annehmen / Ist unsere einzige Chance, frei zu sein / Ich bin auf deiner Seite / Wenn du auf meiner Seite bist.“

Das Paradoxon der Lebensmitte und späterer Jahre liegt in der scheinbar kontraintuitiven Erkenntnis, dass wir erst mit der Möglichkeit eines harten Stopps wirklich zu leben beginnen. Dieses heikle Gleichgewicht schließt Sky Blue Sky in „On and On and On“, wenn Jeff Tweedy fleht: „Please don’t cry / We’re designed to die“.

Der Kreislauf geht weiter.

 

*Triptane, haben die nicht geholfen gegen seine Migräne? Opioide sind da eher nicht hilfreich. Und wenn die dann noch zur Eindämmung von Panikattacken genommen werden, gute Nacht. Wirklich ein Segeln am Abgrund damals für Jeff Tweedy. Lesenswert für Interessierte, seine Autobiografie, auch deutsch. „Let’s go (so we can get back) – Aufnehmen und Abstürzen mit Wilco“.

 

 

 


Material  for Research & Wonder:
Max Porter: Trauer ist das Ding mit Federn  / Tunng: … presents Dead Club (my album of 2020) /  Dead Club: The Podcast / Jason Lytle: Dept. of Disappearance / Flambierter Provencalischer Lammbraten mit Auberginen, Zwiebeln & Zucchini / Richard Brautigan: Forellenfischen in Amerika / Ralf Schneider: Die Suchtfibel / Oliver Burkeman: 4000 Wochen (Das Leben ist zu kurz für Zeitmanagement), Pieper Verlag 2022 / Steve Tibbetts: Life Of 

 

Appendix

 

 „The majority of critics mistook Richard  Brautigan‘s  economy of means and minimal style for slightness, his humour and playfulness for irresponsibility. In reality, his books are particularly sombre, centering on decay, disfigurement and sadness. Paradoxically, he elevated the spirits of his readers“  (Brian Morton, How Hippies Got Hooked on Trout Fishing in America, in: The Times Higher Education Supplement, 16.Nov. 1984; zitiert nach John F. Barber – An Annotated Bibliography)

 

Geschrieben und kompiliert von Michael Engelbrecht und Rick Quinn. (Text in Bearbeitung. Deadline unbekannt. Sie haben Humor? Gut.)

 

1. Alabaster DePlume: Go Forward In The Courage Of Your Love

Ich war lange nicht mehr abends ausgegangen, die 20er Jahre boten dafür ja auch eher wenig Gelegenheit. Ohne je dort gewesen zu sein, war der Ort mir seltsam vertraut: niedrige Decken im Keller einer ehemaligen Grundschule, ausrangierte Sofas und Sessel, ein zu einer Bar umfunktionierter Konditoreitresen, ein kleines DJ Pult in einer Ecke, gegenüber einer winzigen Bühne. 

Der LSD Barde begann um halb zehn (als Michael gerade mitten in den JazzFacts war) gemeinsam mit seinen drei Musikern zu spielen. Die Musik war lässig, die Songs wurden nur notbedürftig an den Fugen zusammen gehalten, das Saxophon steckte im Mundwinkel, die Bassistin kauerte auf ihrem Verstärker. Geboten wurde eine beglückende Mischung aus Mantren und DIY Jazz, mit Alabaster DePlume als überaus sympathischen, kommunikativen und humorvollen Frontmann. Sein ohnehin schon gutes Album macht seit dem Konzert noch mehr Spaß.

2. Daniel Rossen: You Belong There

Ein seltsam hermetisches, versponnenes Werk, sehr eigenständige Musik. Ich höre hier und da Robert Wyatt heraus, auch Talk Talk oder das letzte Album von Damon Albarn – aber es ist eindeutig amerikanische Musik, die Räume sind sehr weit. Ein Song Album, in das man tief versinken kann.

3. Jeremiah Chiu & Marta Sofia Honer:Music From The Åland Islands

Wie Alabaster DePlume bei International Anthem erschienen. Auf Tasteninstrumenten, Modularen Synthesizern, Geigen und mit Feldaufnahmen geht die Reise von den Schären zwischen Schweden und Finnland zu den Andromeda Nebeln und zurück.

4. Toechter: Zephyr

Ulis Worten kann ich nichts hinzu zu fügen – ganz wundervolle Musik, danke für den Tip, wäre ich nicht drauf gekommen.

5. Bill Evans: Inner Spirit

Ich bin weder Fan von Bill Evans noch vom Record Store Day (zu dessen Anlass dieses im September 1979 in Buenos Aires aufgenommene Konzert erschienen ist), aber als diese Veröffentlichung am Freitag im lokalen Plattenladen stand, habe ich spontan zugegriffen. Wie Bill Evans, Marc Johnson und Joe LaBarbera die einzelnen Elemente von Nardis auseinandernehmen, sorgfältig untersuchen und wieder zusammensetzen, wie sie das „Theme From M*A*S*H“ auffächern, mit welcher Tiefe Bill Evans „Letter To Evan“ interpretiert, … – besser geht’s nicht.

 

2022 7 Mai

Das alte Haus in Bergeinöden (Teil 3)

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off

 

 

Ein wenig beklommen fuhr ich den alten Weg an den knallgelben Feldern vorbei, jetzt ein kleines Wurmloch, und ich hätte meinen hippiebunten VW in der Einfahrt geparkt. Das Finale in der Volleyballhalle hatte ich beim Frühstück in kleinerer Runde erzählt, das Drama in kurzen Zügen, auch die Verwünschungen einer Verbitterten – und selbst wenn das eine „Repertoire-Story“ ist, hat meine Erinnerung nie die Kanten geglättet. Es hätte entgleisen können. Ich fuhr also um das alte Haus, aus dem eine kleine Häuserzeile geworden ist, herum, und machte ein Foto der Rückansicht über den Acker weg. Nichts an diesem Foto ist besonders, weil es schlicht nicht durch die Zeit springen kann. Ich beschäftige mich halt ein wenig, hantiere, gucke rum, während die inneren Bilder ein umso wilderes Tänzchen aufführen. Dann halte ich vor dem Haus an, in dem ich lebte und liebte – aus einer Garage, in welcher ihr Motorrad immer verschwand, waren drei geworden, und eine leichte Leere beschlich mich, von ferne her, vom  Sommer 1982. Der braune Hund sah mich vom gegenüberliegenden Haus, er trottete langsam zu mir, hockte sich vor meine Fahrertür. Ich öffnete das Seitenfenster und streichelte ihm den Kopf: „Alter, ich habe hier mal gelebt. Schön, dass du mir ein bisschen Gesellschaft leistest.“ Das war der Moment, in dem ein paar Tränen flossen. Und noch ein paar. Als ich losfuhr, drehte sich der Hund um und schaute meinem Wagen hinterher. Wir sehen uns im nächsten Leben. 

 

2022 7 Mai

Ambient Movie Masterpiece

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off

 


Was zum Teufel passiert in diesem Film? „24 Frames“.  Nichts, könnte man sagen. Und: es handelt  sich um ein formales Experiment, das auf der Vorstellung beruht, dass man fünf Minuten lang auf ein Gemälde oder ein Foto starren und sich die Welt darin vorstellen kann.

Genau das tut Kiarostami in diesen 24 kurzen Stücken, die wie Fotos sind, die sich zufällig bewegen. Das erste Stück ist ein Gemälde von Pieter Bruegel, das durch bestimmte bewegte Elemente – Rauch, Vögel, Hunde – animiert wird. Die anderen Stücke sind Fotografien, viele davon in Schwarz-Weiß, die Natur und Tiere zeigen.

Oft schneit oder regnet es, und es gibt viele Vögel und Kühe. Bild 15, eines der wenigen, in denen Menschen zu sehen sind, zeigt ein Standbild von Menschen, die von einer Brücke aus auf den Eiffelturm starren, während Fußgänger zwischen ihnen und der Kamera vorbeigehen. Solche Beschreibungen sind nur fragmentierte Hüllen, vieles fehlt. Anmutung. Geräusch. Raumwirkung. (Rauschwirkung.)

Die meisten Stücke zeichnen sich durch eine sorgfältige natürliche Klanggestaltung aus, einige wenige enthalten Lieder wie Maria Callas‘ Interpretation von „Un bel di vedremo“ und Janet Baker, die Gounods „Ave Maria“ singt. Das komplexeste Stück ist das letzte.

Während wir Andrew Lloyd Webbers „Love Never Dies“ hören, sehen wir neblige Winterbäume vor einem Fenster, während unten im Vordergrund ein Junge oder ein Mädchen an einem Schreibtisch schläft und ein Laptop einen Kuss in Zeitlupe aus William Wylers Die besten Jahre unseres Lebens (1946) zeigt. In dieses reichhaltigen Arrangement können viele Bedeutungen hinein gelesen werden. 

Wenn man nicht „in the mood“ ist, langweilt einen dieser Film sehr. Wenn man „in the mood“ ist, fesselt einen dieser Film total. Ein Dazwischen gibt es kaum. Der Film selbst eine Trancearbeit. Der ohne traditionelle Tranceinduktion arbeitet. Ob sich also spontan eine Trance einstellt, und wie tief sie ist, hängt von diversen Faktoren ab. 

Wie Brian Enos Ambient Music eben erstmal „funktionelle Musik“ ist. „Music For Airports“. „Neroli – Thinking Music 4“. Ob, über die Funktion hinaus, Tiefe entsteht, ein besonderes Hörerlebnis, entscheiden die innere Verfassung, der Ort, das Licht, etc. Es kann so vieles passieren, wenn nichts passiert. „Lux“.

 

2022 6 Mai

Das Teamfoto 82 (Teil 2)

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags:  | Comments off

 

Aus der Zeit damals habe ich kein einziges Foto, bis jetzt. Einige von damals treffe ich in diesen Tagen wieder, einige nicht. Es waren tatsächlich, das wurde mir heute in den Gesprächen bewusst, Pionierjahre der Kognitiven Verhaltenstherapie in der Behandlung von Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit. Aufregend. Und ohne sentimental zu sein, kann ich sagen, dass diese Jahre zwischen dem Herbst 1980 und dem Herbst 1982 – trotz meines späteren Glückfalls in der Medienwelt – die prägendsten Berufserfahrungen meines Leben waren. Die Grenzen von Arbeit und Privatleben waren fliessend, von den Einheimischen konnte man kaum jemand kennenlernen, ohne eine Sprachkursus zu machen. Und ohne das es an alten Kamellen lag, ohne jeden Hang zur Übertreibung – an dieses Gefühl einer speziellen „community“ konnten wir heute, beim ersten Zusammenkommen, nahtlos anschliessen, nach einen Sprung über Jahrzehnte. Da war kein behutsames Abtasten nötig. Wir warn damals so verdammt jung. Einmal reisten einige von uns nach Berlin in die weite Welt, und liessen die Berge hinter sich. Es gab das hinreissende Filmfestival, mit einem Thriller von Christopher Petit (unvergessen), es gab amouröse Verwicklungen, es gab, in politisch recht dunkler Zeit, gute Widerständigkeit, die Grünen nahmen Kontur an und Fahrt auf. 1982 war Höhenflug, Bruchlandung, Aufbruch. Keine Platte spielte ich öfter als „Remain In Light“. Selbst die alte Wirtin im Einödhof stellte die „Popsession“ im Radio an, wenn ich zum Abendtisch in ihr Wirtshaus kam. Ich hatte meinen ersten luziden Traum, und nahm mir sofort mein Ticket nach London. Alle sind auf diesem Bild versammelt, das einmal, vor Ewigkeiten, reine Gegenwart war.

 

 

 

2022 6 Mai

Zimmer mit Ausblick (Teil 1)

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off

 

Diese Zeitreise beginnt mit meinem Zimmer unter dem Dach. Und natürlich ein wenig früher. Die Heizung lässt sich nicht aufdrehen, ich komme wohl in das Alter elektrischer Heizdecken. Auf der Fahrt von Würzburg nach Furth im Wald ploppten  Erinnerungen auf, kleine Blitze, Schauer. Diese Namensschilder kleiner Dörfer und Ortschaften! Es stellt sich ein Hauch von Wehmut ein, wenn man in ein vergangenes Leben reist. Ich erinnere mich an ein Naturschauspiel, wie einmal, bei mir in Bergeinöden, die Lüfte in Farben explodierten, und wäre ich in Kanada gewesen, hätte ich sofort an die aurea borealis gedacht. Aber so etwas gab es im Bayerischen Wald nicht. Dann also die ersten Menschen von DAMALS wieder erlebt, in den letzten zwei Stunden, vierzig Jahre später. P zauberte ein Foto des Teams von 1982 aus dem Hut, solche Aufstellungen habe ich zuletzt von Fussballmannschaften gesehen. Ja, all diese Gesichter, all diese Geschichten. Auf der Herfahrt lief über drei Stunden nur eine CD, eines der Solo-Konzerte der „Music For Quiet Moments“ von Robert Fripp – es gibt für mich kaum einen perfekteren Soundtrack bei dieser Rückkehr in ein einst gelebtes Leben. Ich schaue aus dem Fenster, erste Tropfen. Here we are in the years.

 


Einmal ist die Musik grossartig, und zum anderen hat sich damit der Kreis meiner Zeitreisen in diesem Monat geschlossen, die mich tief in den Oberen Bayerischen Wald geführt haben.

Das erste ECM-Album von Steve Tibbetts, „Northern Song“, kam via jazz by post, Gleichmannstrasse 10, im magischen Sommer 1982, in meine Souterrainwohnung nach Bergeinöden, King Crimson sah ich erstmals live in Nürnberg, neben Neil Young & Crazy Horse und den nicht mehr ganz so fesselnden Jethro Tull, ebenfalls in jenem „summer of love“. Jedem sein kleines Woodstock! 

Es handelt sich um Ausgrabungen aus den frühen und den späten Achtzigern. Zwei Gitarristen, zwei aussergewöhnliche Alben. „Washington Square Church“ (July / August 1981) zeigt den jungen Robert Fripp auf seiner ersten Frippertronics-Tour, die CD / DVD (mit Surround-Version) erscheint in diesen Tagen. (Ein Klick aufs Foto vergrössert den Anblick.) Er spielte in Cafés, Clubs, und damals bereits gerne in sakralem Ambiente. Auf dem  in Bälde erscheinenden Riesen-Box-Set „Robert Fripp: Exposures 1977 – 1983“ tauchen, neben diversen Studioprojekten, 83 Stunden voller „frippertronics“ (blu-ray) auf. Also sage niemand, diese bloss  rund einstündige Versenkung in Fripps Gitarren- und Loop-Universum wäre harter Tobak. Deep listening recommended!

Diese Empfehlung gilt auch für das „blaue Album“. Steve Tibbetts‘ Werk entstand 1987-88 in St. Paul, Minnesota, und erschien 1989 bei ECM Records. „Big Map Idea“ ist momentan ein Sammlerstück, zumindest, wenn man es als LP oder CD haben möchte – die Suche lohnt sich, und das sage ich nicht, weil die liner notes von mir sind, ein ziemlich langes Interview mit Steve Tibbetts, und eines meiner Tickets in meine Radiogeschichte. Neben meinen ersten Treffen mit Harald Rehmann (DLF), Volker Bernius (HR) und Michael Naura (NDR).  Und einem Jahr Jazzthetik.

Von Anfang an habe ich dieses Album geliebt, schon bevor ECM mein Gespräch mit Mr. Tibbetts „einkaufte“. Absolut famoses Opus, neben Steve Tibetts an Gitarren, Dobro, Kalimba, Pianolin, und Tapes agieren Marc Anderson, Congas, Steel Drums, Percussion, Berimbau, Marcus Wise, Tabla, und Michelle Kinney, Cello. Über Steve Tibbetts‘ bislang letztes Album „Life Of“ (2019) habe ich ebenfalls mit ihm gesprochen – hier der komplette Text

 


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz