Manafonistas

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Archives: Mai 2022

2022 15 Mai

Oded Tzur – Isabela

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On Oded Tzur’s second ECM album, the Israeli sax player has delved further into incorporating his study of raga along with his love of delta blues to create a concept album that almost feels like a ritual. All the pieces seem ordered to take the listener on a spiritual journey. The music is devotional, yearning, longing, at times tender – at other times growling, the dragon awakens and breathes a hint of fire.  With his covered tone on ballads like Noam, Tzur’s sound brings to mind the gentle side of Charles Lloyd, while structurally (and sometimes even sonically,) I am reminded of Andy Sheppard’s deceptively simple musings, especially on Romaria. At other times a  fierceness emerges out of the dusky light, which brings to mind Coltrane’s prayerful late albums, although the hushed spell is never completely broken; the band avoids catapulting the listener all the way into the far reaches of chaotic ecstasy Trane explored. Almost everything on the album feels internalized, ruminative and meditative, except for the album’s energetic closer, Love Song for the Rainy Season.

Most of the tunes are modal; for the most part, primary soloists Tzur and pianist Nitai Hershkovits stay melodically within the structures but certainly not always: occasionally they stray outside the lines of the modal universes they inhabit.  Hershkovitz is a very agile improviser – his inventive ideas, culled from the blues, European folk tunes, classical Impressionism, Bach and everything in-between, coupled with an incredibly sensitive touch at the piano, impart his solos with sense of freedom and constant discovery. His gorgeous solo on my favorite tune on the album, the odd metered The Lion Turtle, is a good example of how he effortlessly combines all of these diverse influences into an integrated whole. It’s not easy to play over a modal structure and keep it as compelling as these two do.

Bassist Petros Klampanis is supportive and so right on the money, we scarcely notice his intuitively supportive artistry until his single concise, subdued solo on the Lion Turtle. Drummer Jonathan Blake has a tough job – he has to disappear into the music for much of the recording, although when called for, as on the aforementioned album closer, Love Song for the Rainy Season, Blake ups the ante and mixes it up with the fired up soloists, encouraging them to further heights with powerful flurries of toms and cymbals, culminating with a drum solo that is nothing short of majestic.

So much of music making is about telling a story.  All great improvisers are great story tellers. Everyone in this band is a competent storyteller, telling their individual truth, while at the same time, staying in tune with the collective. Note this is the same lineup as on Here be Dragons. This too feels like a band album. There is no egoic grandstanding here, just a commitment to humbly serving the music. And what beautiful music is. 

 

Oded Tzur, Tenor Saxophone
Nitai Hershkovits, Piano
Petros Klampanis, Bass
Johnathan Blake, Drums

 

2022 14 Mai

Das Schweigen im Walde

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Hier ist wohl jemand zusammengeklappt, vermutlich eine gehorsame Tochter unter der Last des familiären Gefühlserbes.

Ich wohne übrigens nicht freiwillig in der Ludwig-Ganghoferstrasse!

Das Schweigen im Walde und auf der grünen Heid‘ dröhnte einem seinerzeit förmlich in den Ohren, es wurde geschwiegen, geschwiegen, geschwiegen, alle Konflikte wurden totgeschwiegen, insbesondere zwischen Kindern und ihren Eltern. Zumindest so lange bis die Jugend begann zu diskutieren; ging man ins Kino oder las einen Liebesroman wurde man prompt wieder an das Schweigegebot erinnert. Die Tochter erfährt von einer kriminellen Vergangenheit oder sonstigen dunklen Punkten in der Vita ihres Vaters (z.B. einem aus dem Sudetenland geflüchteten Grossgrundbesitzer der heimlich wildert). Der in sie verliebte junge Förster ist dem Mordgesellen schon auf der Spur, aber das ebenfalls verliebte Mädel weist ihn zurück um den Vater zu decken und loyal mit ihm verbunden zu bleiben bzw den braven jungen Bewerber nicht mit der Unehre ihrer Familie zu belasten. Oder wird gezwungen und willigt ein einen reichen Schnösel zu heiraten um die Existenz der Familie zu sichern. Der Förster ist bitter enttäuscht, so im Pilotfilm Grün ist die Heide, und mich trieb das Geschehen damals schier in den Wahnsinn – Kinder sind pragmatisch – es war mir unbegreiflich dass man nicht sprechen konnte, die Dame dem Herrn nicht den Konflikt klarmachen konnte und man dabei gemeinsam ihre Eignung als künftige Ehefrau – oder eben lieber nicht – feststellen konnte. Daneben trat immer eine sudetendeutsche Gesangsgruppe in Tracht auf und besang die verlorene Heimat (Du mein liebes Riesengebirge – damals ein Mittwochabend – Wunschkonzert-Renner). Das Leid der Deutschen am Krieg konnte problemlos thematisiert werden – nicht schimpfen, uns gings doch auch so schlecht!

Statt Auseinandersetzung wurde in diesen Geschichten ein Popanz an Verwirrung, Kränkung und Nichtverstehen aufgebaut der seinesgleichen suchte. Bis zum doch glücklichen Ende – wobei vorher noch jemand angeschossen wurde –  erfolgte die Aufklärung der verworrenen Situation dann eher zufällig durch einen Dritten oder eine anderswie günstige Fügung, die Tochter musste ihre Loyalität nicht aufgeben.

Die kriegstraumatisierten Eltern rekrutierten ihre Kinder als Unterstützer und Lebenskrücken oder wünschten sich das zumindest. Wer sich einmal den Text von „Oh mein Papa“ auf der Zunge zergehen lässt, spürt etwas davon. Im gleichnamigen Film singt es Lilly Palmer (mit der Stimme von Lys Assia, bei YouTube zu bewundern) in einem Kreise darob entzückter älterer Herren. Ähnlich wie Sissi beim ersten Treff mit Franz Joseph von ihrem Pappili schwärmt.

Mütter wünschten sich desgleichen von den Söhnen.

Beispiel: Ein Mann, der seinem Wunschberuf nachgehen möchte schleicht sich heimlich aus dem Haus um das tun zu können was er möchte, bekommt aber wöchentlich Post von der Mutter die ihn wieder bei sich zuhause haben möchte. Wer wars? Auflösung:

 
 

Ich weiss noch wie die erste Fahrt verlief.
Ich schlich mich heimlich fort als Mutter schlief,
Als sie erwachte war ich auf dem Meer.
Im ersten Brief stand: Komm doch bald wieder her!
Junge, komm bald wieder,
bald wieder nach Haus …
usw .

 
 

Freddy Quinn, der Mann im ewigen Nirgendwo, in der Ferne von Heimweh geplagt, in der Heimat von Fernweh traf so präzise den Zustand der Deutschen, die ihr zerstörtes und schuldbeladenes Land nicht mehr affektiv mit Heimatliebe zu besetzen vermochten, das Fremde aber auch nicht, das war immer noch verachtetes Feindesland, abgesehen von den deutschsprachigen Nachbarländern, die ja auch nicht Kriegsparteien waren. Demgemäss spielten die meisten Heimatfilme in Tirol oder der Schweiz. Die Deutschen im geographischen und psychischen Nowhere. Da konnte der sich permanent sehnende Freddy punkten, zerrissen zwischen Mutter und dem blauen Meer, der ewigen fernen Geliebten mit der nie erlahmenden Anziehung (aber auch ihren bedrohlichen und verschlingenden Aspekten, womit es wiederum der Mutter ähnelte) und dazu den am Kai wartenden Mädels rund um den Globus die er immer wieder verliess und ein bisschen traurig war und dann wieder aufsuchte wenn die Mama ihn kurz von der Gefühlsleine liess.

 

 

 

2022 13 Mai

„Solo Sco“

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John Scofield hat endlich sein allererstes Soloalbum aufgenommen und uns damit einen Einblick in seine Privatsphäre gewährt, die von wunderbaren Erinnerungen und freundlichen Geistern bevölkert ist. Wie ein am Kamin sitzender Konturist lässt Meister ‚Sco‘ seine treue Ibanez Gitarre singen, nur begleitet von einer diskreten Loop-Maschine. Dieser weise, immer sehr grüne Sechssaiter nimmt uns in dreizehn Stücken mit auf eine Reise durch all die Musik, mit der er aufgewachsen ist und gelebt hat. Er improvisiert anmutig über ‚Coral‘, eine Komposition von Keith Jarrett […] Das Original ‚Honest I Do‘ versetzt uns fließend ins Jahr 1991, in die Zeit einer fruchtbaren Gitarrenpartnerschaft mit Bill Frisell. Seine Version des Standards ‚It Could Happen To You‘ ist voller Swing. […] Um diesen Spaziergang durch seinen geheimen Garten zu beenden, gräbt Scofield tief in Hank Williams‘ wunderschönem Country-Song ‚You Win Again‘. All diese herrlichen Melodien werden von einem Musiker auf dem Höhepunkt seiner Kunst leidenschaftlich interpretiert.

Paul Jaillet, Jazz Magazine

Mit seinem Trio (Vicente Archer / Bill Stewart) spielt John Scofield am 24. Juni im Institut Francais in Berlin, umd am 25. Juni im Domicil in Dortmund)

Das Surreale ist etwas, das mich an Califone stets angezogen hat. Auch die seltsamen Ambivalenzen von Melodienlust und ihrer Art, vertraute Ordnungen aufzulösen. Rob Hughes‘ coole Rezension von „Villagers“ adelt Califones neuesten Streich als Album des Monats Juli. In der Musikzeitschrift „Uncut“. Ich habe mir seinen langen Text vorgenommen und behandle ihn in Califone-Art. Nichts ist sicher. Und alles voller verrückter Drehungen. Das Nüchterne schmeisse ich raus, es bleiben die Stories, die Bilder, die Metaphern. Ich mische mich unaufgefordert ein – und der Lesetext darf nicht länger dauern als dreimal hintereinander „Summer In The City“ von The Lovin’ Spoonful. (Als ich heute auf der Spree Boot fuhr, und aus der Ferne Autohupen unter blauem Himmel vernahm, hatte mich der Ohrwurm des Tages gefunden. „Hot town, danger / Moving along the city you help me / Been looking for a different world / Will you let me know the city girl?“)

Insofern, ähem, könnte es dem Leser der folgenden Zeilen so ergehen wie dem Protagonisten des Songs „Comedy“, der hier in meinem Berliner Hotel gerade in einer Endlosschleife läuft, während ich einen unendlich sanften, zimmerwarmen rubinroten Vermouth mit langem Abgang trinke, Schluck für Schluck. Der Typ aus „Comedy“ kehrt nämlich, wenn ich das richtig verstehe, aus dem Krieg nach Hause zurück, aber alles hat sich verändert, vor allem er selbst – und sein Gedächtnis ist, bingo, unzuverlässig. Das Ich ist eine fragile Grösse in diesen Liedern, und im wahren Leben sowieso, und das Gespür von Meister Tim Rutilli für leichte Beunruhigungen spiegelt sich nicht zuletzt in dem Bild einer „Roxy-Music-Kassette, die in der Sonne des Armaturenbretts stirbt“. Genug der Vorrede.

 

Vor zwölf Jahren versuchten zwei Indie-Filmemacher, der Welt von Califone mit einer Tournee-Dokumentation einen Sinn zu geben. „Made A Machine By Describing The Landscape“ wurde aus Studiosessions, Interviews und Live-Auftritten zusammengestellt und folgte der Band bei ihren Auftritten an kleineren Orten in Europa und den USA, die in einer trüben Heimkehr im Morgengrauen in Chicago gipfelten.

Es ist ein ziemlich erhellendes Stück Vérité. Schlagzeuger Joe durchforstet eine Müllhalde nach allem, was ein anständiges Geräusch machen könnte; die Band vertreibt sich die Zeit im Van damit, kindliche Kunst zu malen, um sie bei Auftritten zu verkaufen; bei Live-Shows gibt es das wiederholte Hämmern auf ein Klavier, experimentelle Schwarz-Weiß-Filme und Songs, die von selbst zu mutieren scheinen. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man schwören, dass sie sich das alles nur ausgedacht haben, während sie auftraten.

Califone mag zurückhaltend und unkonventionell sein, aber sie haben das Geschäft der unpassenden Sound-Collage in eine erfolgreiche Kunst verwandelt. Califone erreichte einen frühen Höhepunkt mit dem 2003 erschienenen Album Quicksand/Cradlesnakes und dem Folgealbum Heron King Blues, ein Konzeptwerk über einen mythischen Menschenvogel, das sich auf antike Texte, Engel und verrückte Hunde bezieht.

Das köstlich seltsame All My Friends Are Funeral Singers aus dem Jahr 2009 – mit Optigan, Fiddle, Ringmodulatoren und vielem mehr – wurde von einem Film begleitet, den Rutili geschrieben und inszeniert hat und der von der konfliktreichen Beziehung einer Hellseherin zu den sie umgebenden Geistern handelt.

„Ich bin der Autor und Cruise Director eines sich wandelnden Kollektivs von Leuten, die immer zu dieser Sache zurückkehren können oder auch nicht. An diesem Punkt fühlt sich Califone wie ein eigenes Universum an. Nach einer gewissen Zeit der Abwesenheit zu dieser Musik zurückzukehren, fühlt sich immer wie eine Heimkehr an.“ Das mag erklären, warum sich „Villagers“ mit Visionen von Zugehörigkeit beschäftigt. Die Texte des Albums sind nicht weniger schräg, als wir es im Laufe der Jahre erwartet haben, aber in der dichten, gebrochenen Bildsprache liegt die Idee der Suche nach Heimat, sei es eine reale oder imaginäre.

Die Ergebnisse sind beruhigend schräg und fabelhaft einfallsreich. Nur sehr wenig hält sich an das übliche Design. „The Habsburg Jaw“ rattert auf einem Schrottplatz aus Gitarre, Bass und Schlagzeug vor sich hin, bevor es von einem Sperrfeuer von schriller Klarinette, Saxophon und disharmonischer Elektronik überrollt wird.

Das erhabene „McMansions“ beginnt mit einem sanften Akustikmotiv und dem schläfrigen Understatement von Rutilis Stimme, nur um dann von Gitarrenkonvulsionen, atonalen Streichern und etwas, das wie ein knarrender Kleiderschrank klingt, der sich über alte Dielen bewegt, abgelöst zu werden.

Nachdem „Skunkish“ als langsame Prozession begonnen hat, um sich dann um ein drängendes Klavier herum zu erheben, fühlt es sich an, als würde es sich auf halbem Weg selbst dekonstruieren wollen. Ein Sample von Arthur Conan Doyle, aufgenommen während seiner Spiritualismus-Phase, ergänzt das Thema einer manipulierten Séance, bei der alles schief läuft. Aber der Song weigert sich, auseinanderzufallen, zusammengehalten von einem vage sumpfigen Funk-Groove, mit sanftem Hintergrundgesang.

Dieses Element ist der Grund, warum Califone so erfolgreich sind. In ihrem Kern besitzen Rutilis Songs eine melodische Wärme und ein angeborenes Rhythmusgefühl, das sie unendlich einladend macht. Und obwohl er seine Leidenschaft für Avantgarde-Noise und vorgefundene Klänge weiter pflegt, ist er im Wesentlichen ein Pop-Songwriter, der weiß, wie man einen guten Hook findet. „Ox-Eye“ ist ähnlich, wie Dionne Warwicks „Walk On By“, das von Krämpfen heimgesucht wird und sich in punkigem Fuzz und blökenden Bläsern auflöst. Beefheart trifft Bacharach. 

Rutilis Vorstellungen von Heimat, insbesondere als Ort der Zuflucht, kommen vielleicht am besten in „Halloween“ zum Ausdruck. Es ist teilweise autobiografisch, wenn auch aus der Perspektive eines alternden Gothic-Paares erzählt. Er und seine Frau, die Schauspielerin Angela Bettis, sind seit kurzem auf der Suche nach einem Haus, das sie kaufen und als ihr eigenes abstecken können, was zu den folgenden Zeilen führt: „Wenn wir dort sind, wo wir sind, weißt du, dass die Halloween-Dekoration nie abgenommen wird„. An anderer Stelle werden Kindheitserinnerungen („McMansions“), wechselnde Zeitvorstellungen („Sweetly“) und eine unbehagliche, selbsttäuschende Art von Nostalgie beschworen.

Rutilis gewohnte Ausflüge ins Surreale sind ebenfalls sehr präsent. „Der Habsburger Kiefer“ folgt einer phantasievollen Begegnung mit König Karl II. von Spanien, dem Besitzer der längsten Gesichtsdeformität des Hauses Habsburg, dem entsetzlichen Ergebnis jahrhundertelanger königlicher Inzucht. „Trinkt auf das Geld der Familie, die Chemtrails und die heiligen Grale„, singt Rutili zwischen Entsetzen und Absurdität, „das Licht auf deinem Habsburger Kiefer, der Beweis, dass du dazugehörst“.

In ähnlicher Weise sind es die scheinbar gegensätzlichen Kräfte in der Musik von Califone, die sie so einprägsam machen. Wie die späten Talk Talk, Jim O’Rourke’s Drag City Records oder Low gedeihen Rutili und seine Band im Grenzbereich zwischen zugänglichem Rock und rigoroser Erforschung. Das Cover des Albums ist bezeichnend: ein Haufen disparater, alter Schrott, der sich irgendwie zu einem Ganzen zusammenfügt. Das Bemerkenswerte an diesem Album ist, dass es das auf so spektakuläre Weise schafft.

 

2022 12 Mai

Sexmob (released today)

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Steven Bernstein (slide trumpet), Briggan Krauss (alto/baritone saxophones, guitar),Tony Scherr (upright/electric bass, guitar), Kenny Wollesen (acoustic/electric drums) Scotty Hard (upright bass, electronic beats and soundscapes, synth bass) Special Guests: John Medeski (Hammond organ, Mellotron), Vijay Iyer (piano), DJ Olive (turntables, synths, sonics)

2022 12 Mai

„Xpujil Revisited“

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Hallo in die Runde, sagt Uta Bretsch! Kurz vor dem Wochenende noch diese Nachricht: Another life in the bush of ghosts. Wieder und wieder traut man seinen Ohren nicht, und kann nicht anders – da in Momenten der Ergriffenheit die Sprache einfach wird, fast schon Halt sucht in einfachsten Wortreflexen – als diese Musik von Caroline Chaspoul und Eduardo Henriquez ‚unheimlich schön‘ zu nennen, unheimlich und schön. Ich gebe dem Album fünf Sterne“schrieb Michael Engelbrecht auf Manafonistas über Nova Materias experimentelles Ambientalbum Xpujil, Jazz thing fand „[v]ertüftelte Sounds zu einer mystischen Klangreise zu verweben, ist die Stärke von Eduardo Henriquez und Caroline Chaspoul“ und Bad Alchemy konstatierte: „Eine feierliche Aura, wie von der Tiefe der Zeit gedehnt, wie in einer Seance mit Jorge Reyes. Dunkle Drones treiben im Traumstoff, durch den der Wind fährt. Wasser gluckst, Metall zittert, der Dschungel kommt nicht zur Ruhe, schon gar nicht in der Nacht.

Im Sommer letzten Jahres veröffentlichte das chilenisch-französische Duo innerhalb der Made To Measure-Reihe von Crammed Discs das Album, eine vierzigminütige Klangreise durch eine organische und sich verändernde Welt, bei der die Grenzen zwischen Musik, Feldaufnahmen und psychoakustischer Trance verschwimmen. Das zugrundeliegende Material war auf einer Wanderreise im mexikanischen Dschungel entstanden.

Nach der Veröffentlichung baten Caroline Chaspoul und Eduardo Henriquez alias Nova Materia drei bekannte Klangkünstler*innen, Tracks aus dem reichhaltigen Material des Albums zu kreieren:

Donato Dozzy: italienischer Meister des experimentellen Ambient-Sounds mit einer magischen, 18-minütigen Exkursion in die surreal wirkende Welt des Xpujil-Dschungels Lucrecia Dalt: hoch angesehene kolumbianische Avantgardemusikerin, die Affinität zum Geheimnisvollen, der Lyrik, dem Geschichtenerzählen und Feldaufnahmen hat, was sich in ihrem äußerst präzisen Ansatz an das Stück zeigt. Low Jack: Der Franzose Philippe Hallais ist vor allem als Künstler in der elektronischen Musik bekannt. Er ist in Honduras geboren und hat in seinen Garifuna Variations an ethnographischen Aufnahmen gearbeitet, so dass die Anfrage, ob er am Album mitwirken würde, ganz natürlich schien.

Neben diesen drei Stücken ist das ursprüngliche Album von Catherine und Eduardo für das am 24. Juni erscheinende XPUJIL Revisited überarbeitet worden. Der 40-minütige durchlaufende Track ist nun in vier eigenständige Segmente unterteilt, um ein anderes Hörerlebnis zu ermöglichen.

2022 11 Mai

Die Party der Grautöne

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„Hinter der vorgeblichen Abwehr von Angriffen Putin-Russlands auf die westliche Demokratie verbirgt sich ein globaler Konflikt um Märkte und Ressourcen und damit einhergehend um Führungsansprüche, Begehrlichkeiten und Bündnisse.“

(Yana Milev, Europa im freien Fall)

„Fuck the EU!“

(Victoria Nuland, US-Diplomatin)

 

Ich war sehr neugierig, wie S die Verhältnisse in Kasachstan und in der Ukraine sieht. Die junge Psychologin mit tatarischem Blut kam als Russlanddeutsche. Sie erzählt, Putin sei um Hilfe gebeten worden und habe bei den Unruhen in ihrer Heimatstadt im Februar als willkommener Schutzpatron geholfen. Die Stadt sei ein gefundenes Fressen für allerlei Banditen in den umliegenden Dörfern, eine stabile Lage ohne Direktive von oben sei nicht möglich. In den westlichen Medien würde oft ein verfälschtes Bild verbreitet hinsichtlich der Verhältnisse. Sie habe viele Freunde sowohl in Russland als auch in der Ukraine, es gebe viele Unvereinbarkeiten und Konflikte. In manchen Landesteilen sei es verboten, Russisch zu sprechen, was viele verstört hätte. S berichtete auch vom Anspruchsdenken vieler Geflüchteter, sie mögen doch bitte alsbald eine schöne Wohnung in Deutschland bekommen, das sei wohl selbstverständlich. Ihr selbst wurde das heimatliche Studium in Deutschland nicht anerkannt. Nun aber sollen Ukrainer:innen problemlos in den Arbeitsmarkt integriert werden. Schon vor dem Krieg gab es in deutschen Großstädten zu wenig bezahlbaren Wohnraum, auch für Deutsche. Warum habe man sich nicht dort schon intensiv um diese missliche Lage gekümmert? Eine andere Frage sei die Bewertung, wer letztendlich der Kriegstreiber sei. Stecken die USA dahinter, denen eine Allianz aller Staaten auf dem europäischen Kontinent, also der Allianz von Russland und Europa, langfristig zu mächtig wäre? Sind wir hier in Deutschland etwa ein Spielball der Amerikaner? Ich habe Anton Hofreiter und Marieluise Beck lange und freundlich zugehört. Mir scheint, sie sind etwas einseitig orientiert. Die Bildzeitung mutiert zur Kriegstreiberpresse. Olaf Scholz wurde Besonnenheit als Schwäche angelastet. Mehr Waffen in die Ukraine hiesse Feuer machen im Kamin. Cui bono – wem nützt es? Dass Putin eine persona non grata geworden ist, ein Kriegsverbrecher und Massenmörder, der nicht mehr an einen Verhandlungstisch gehört, klare Sache. Klar ist ebenso, dass Deutschland kein Interesse hat, das gesamte russische Volk als seinen Feind zu sehen. Ich selbst mag das Wort „Interessenspolitik“, für mich persönlich als Manager meiner eigenen Angelegenheiten und auch für mein Land. Meine Meinungsbildung befindet sich in einem stetigen Prozess, ich höre anderen gerne zu, versuche mir ein Urteil zu bilden mittels mehrwertiger Logik. Peter Sloterdijk erwähnte einst Gotthart Günther, den Erfinder des ersten Computers, als einen wichtigen Einfluss. Jenseits des starren Entweder-Oder entfalten sich Grautöne, Nuancen und Zwischenbereiche: der Ort, an dem man selber denkt. Den rigiden Behauptungen vieler Querdenker (beispielsweise der, wir seien alle fremdgesteuert) halte ich gern mal mit Herrn Grönemeier entgegen: „Hör auf mit der Laberei, wir feiern hier ’ne Party und du bist nicht dabei!“

 

2022 10 Mai

Die Runde am Blaubergsee (Teil 5)

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Als diverse Pollen im Wald ringsum explodierten, legte sich auf die Autos am Gasthof ein gelb-grünlicher Schleier, wie eine hartnäckige Flechte. Es fiel mir ein, dass ich meinen VW damals, 1982, Jackson Pollock-artig in wildem Gelb und Grün besprühte, was mir deutlich zu viele Polizeikontrollen einbrachte. Am Morgen war der Abschied der grossen Runde gekommen, Uwe und ich blieben noch einen Tag länger in unserer ersten „Wohngemeinschaft“. Mit Petra und Willi ging es dann zum Blaubergsee, an den ich mich nur dunkel erinnerte. Nahe der Ortschaft Runding (wo wir damals, nach einem furiosen Finale gegen die französische Garnison, knapp verloren, und immerhin die Silbermedaille des Rundinger Wanderpokals mit nach Hause nahmen).

 

Ich machte den Driver für Uwe und legte „On The Beach“ von Neil Young in den Cd-Player. Der See stellte sich als recht verlassener Teich heraus, und unser kleiner Rundweg war nicht länger als gute tausend Schritte, rauf und runter. Der Grillplatz sah so verrottet aus, als wäre er seit den Achtziger Jahren nicht mehr in Gebrauch gewesen. Der running gag mit Willi war die Sache mit den Holzhäusern (ich gehe nicht ins Detail). Petra hatte mich mal ausfindig gemacht, ohne mich zu suchen. „Diese Stimme kenn ich doch“, dachte sie auf einer ihrer Nachtfahrten, und seitdem hörten Petra und Willi die eine oder andere meiner Sendungen im Deutschlandfunk. Was aus alter Zeit so alles hängen bleibt – Stories, Erlebnisse, zuweile einzelne Sätze, die sich in den Winkeln des Hinterkopfes herumtreiben und gelegentlich an die Oberfläche drängen.

 

Nach dem Ereignis sagte Petra mal zu mir: „Dieses Jahr kann dir keiner nehmen.“ Innerlich widersprach ich: ein Traum hatte sich in Luft aufgelöst, und Zeit sowieso die dezente Tendenz, sich zu verflüchtigen. Dennoch hallte der Satz nach. 1982 war ein „Schlüsseljahr“ auf allen Ebenen, an „Ereignisdichte“ kaum zu überbieten. Ich hätte daraus daraus einen kleinen Roman machen können, oder ein  „Mixtape“, mit  „Come On, Eileen“ von Dexy‘s Midnight Runners, „Abracadabra“ von der Steve Miller Band, „Eisbär“ von „Grauzone“, „Ashes to Ashes“ von David Bowie, „Listening Wind“ von den Talking Heads, „See The Sky About To Rain“ von Neil Young, und diesem einen Song (wie heisst er noch gleich, er liegt mir auf der Zunge). Als alles zuende war, hockte ich in Cham, in einem Café, in dem noch der Muff einer viel älteren Zeit und ein heruntergekommener, müde glitzernder Kronleuchter hingen, während aus dem Radio die weich, wie in Seide eingewickelten, Worte „words, they don‘t come easy“, oder so ähnlich, tönten. Petras Worte kamen, in all ihrer Einfachheit, nicht aus der Schule des Positiven Denkens, sie kamen aus dem Herzen.

 

 

Auf dem Balkon, vorgestern, an dem Tag, an dem so etwas wie Sommer endlich in die Gänge kam, kurz vor der Explosion der Pollen, erzählten sich Uwe und ich unsere Würzburger Geschichten. Verblüffend, was wir alles gar nicht voneinander wussten! Wir schwelgten aber nicht in Sentimentalität – einige Erinnerungen führten, ratzfatz, in die Gegenwart, zu einem weiten Feld nächster Schritte, anstehender Entscheidungen. Zum Schmunzeln – auf  der Rückfahrt trafen wir Zwei uns nochmal auf einem Rastplatz, er erzählte mir von einer schottischen Segelroute, ich ihm, beim Blick zum Himmel, von Wilcos feinem Album „Sky Blue Sky“,  und kurz darauf leuchtete mir auf der A3 ein Strassenschild entgegen, eine Abzweigung nach „Schlüsselfeld“.

 

The future ist now“, sagte mir Robert Wyatt mal während eines Interviews in London (es drehte sich um sein Album „Shleep“ von 1997) mit Hinblick auf die veränderte Perspektive, wenn Zeiträume kein unendlich zu bespielendes Terrain mehr sind. (Wieder so ein unspektakulärer Satz aus der Ferne.) Ich hatte inzwischen zwei Stücke Zwetschgenstreusel aus der Gaststube besorgt. Uwe notierte sich meine Lektüre, „4000 Wochen“ von Oliver Burkeman. Das Buch lag später im Koffer neben Ralfs „Suchtfibel“ – und meinem Leseexemplar von „City On Fire“, von Don Winslow (erscheint Ende Mai bei dem deutschen Verlagszweig von Harper & Collins). Alles Zeitreisen.

 

„In Werner Herzog’s „Grizzly Man“ kommt vieles von dem, was Richard Thompson gelernt und geschaffen hat, mit einer Art von wettergegerbter Leichtigkeit zur Geltung. Manchmal fühlt es sich fast wie ein Western-Soundtrack an, in dem die Musik dieser Inseln auf den weiten nordamerikanischen Himmel trifft. Bei all seinen akribischen Notizen und Erkundungen hat Thompson ein überragendes Gespür für den Raum und weiß, was er weglassen und was er einfügen kann. Die Musik evoziert nicht nur die Landschaft, sondern auch die Psyche des Protagonisten, einen trügerisch sanften Fluss an der Oberfläche, hinter dem sich Strömungen, Strudel und Trümmer verbergen, die die Oberfläche immer wieder überschatten. Es herrscht ein heimeliges Gefühl, das durch plötzliche, schrille Überschreitungen unterbrochen wird. Obwohl sein Gitarrenstil ganz und gar sein eigener ist, ist er nicht weit von der Atmosphäre von Ry Cooders „Paris, Texas“ oder Neil Youngs „Dead Man“ entfernt. Indem er zu einer Filmvorführung improvisiert, ob absichtlich oder nicht, verkörpert Thompson die einzige wirksame Reaktion, die wir auf die Natur haben können, nämlich einfach mit der gebotenen Sorgfalt und dem nötigen Respekt auf sie zu reagieren, da wir sonst Gefahr laufen, individuell oder kollektiv vernichtet zu werden, sei es durch Bärenangriffe oder den Klimawandel.“

(Darren Anderson,  TheQuietus)

 

 

… so grün dass es einen förmlich blendete und in den Augen wehtat. Blendung spielte eine grosse Rolle in dieser Zeit, der Nachkriegszeit, die so unbeschwert daherkam. Und so blendend weiss – Waschmittel spielten ja eine tragende Rolle: Die Wäsche musste nicht nur weiss sein sondern superweiss, ultraweiss, nicht nur weiss sondern rein, fasertief rein, porentief rein, weissderteufelwienochrein, schliesslich wurden noch potente Männer und Militaria zum Reinemachen bemüht:  Meister Proper und der General. Womit man wieder beim Thema war. Und wenn die Haut darunter litt: Palmolive! Wasch mich aber mach mich nicht nass und mach dass man meinen Händen nicht ansieht was sie getan haben. Am besten wasch sie in Unschuld!

Heute wissen wir sehr gut was da abgewaschen werden sollte, damals noch nicht. In einer alten Persilreklame entsteigt ein mit den Ärmeln fuchtelndes Herrenhemd  dem Waschkessel wie ein Geist – ein Relikt aus der Vergangenheit, wird es gleich Haltung annehmen oder den deutschen Gruss entbieten? Wäsche, wasche Dich selbst, ja, so hätte man es gern gehabt. Ödipus blendete sich selbst um seine Schuld nicht mehr zu sehen und vor den strafenden Erynnien, Repräsentanten seines Gewissens, Ruhe zu haben. Obs geholfen hat??

Ebenso ultrarein wie der deutsche Haushalt war die Trivialkunst und der Trivialfilm, schön, sauber und steril, kostümverliebt und happyendsüchtig – Biedermanns Welt. Die Brandstifter im Untergrund ruchbar für den der riechen wollte; die meisten wollten nicht, bis es 20 Jahre später den Studenten dann doch allzu sehr stank und der Protest explodierte. Dann stanks plötzlich aus allen Öffnungen und die Studenten wurden als die Urheber dieser Gerüche angeprangert. Der Überbringer der schlechten Nachricht wird erstmal geköpft.

Die Männerwelt suggerierte im Kino vorwiegend Biederkeit: edle Recken, nette Familienpapas, freche Lausbuben, Clowns und Hanswurste: Gunther Philipp, Rudolf Prack, Heinz Rühmann, Heinz Erhardt, Peter Alexander … lustig, gemütlich, aggressionsfrei, steril und im Bett als Liebhaber nicht vorstellbar. Seht, wie brav wir sind! Nicht mal gepimpert wird. Unmöglich uns das zuzutrauen, was wir noch vor ein paar Jahren angeblich getan haben sollen! Die Verdrängungsmaschinerie war angeworfen – Kriegsschuld und Kriegstraumata wurden verarbeitet durch Verkehrung ins Gegenteil – ein von Anna Freud gut beschriebener Abwehrmechanismus. Man fraß sich satt an Käseigeln und schönen Bildern – unfähig zu trauern.

Im Kino gabs unzerstörte Landschaft statt zerstörter Städte (vorwiegend Tirol, Schwarzwald, Lüneburger Heide – noch nicht Italien, das war ein Schritt weiter), moralisch einwandfreie Frauen, die nicht in Grosstadtschluchten die Kleidung des Feindes trugen und in verräucherten Lokalen in Jeans zu „Negermusik“ tanzten. Exotische Frauen mit schwarzem Haar waren meistens moralisch nicht einwandfrei – die angeblich „slawisch“ aussehende Ellen Schwiers war darauf programmiert den anrüchigen Kontrapunkt darzustellen.

 

 

Das Fremde wurde exotisiert anstatt kennengelernt – und damit neu entfremdet, in den Wohnzimmern hingen verführerische Damen, Angehörige eines fahrenden Volkes, das man heute nicht mehr aussprechen darf, glutäugig, tiefdekolletiert und gerne beäugt – funktionalisiert und romantisiert für diffuse Sehnsüchte, nicht als Mitmensch. Hätte sie vor der Tür gestanden hätte man diese zugeknallt. Aber von der Wand nochmals zum Film – der Autor Gerd Bliersbach hat sich der Reflexion dieser Machwerke angenommen, ich versuche mich gerade an einer Fortsetzung über weitere Phänomene.

Es gab z.B. das zwanghaft auftretende Motiv der „Verwechslung“ von Personen, das für Spannung und Heiterkeit in einer Überzahl von Verwechslungskomödien sorgen sollte und perseverierend abgenudelt wurde. Meiner überschlagsmässigen Zählung zufolge bestanden über 60 % der Trivialfilme aus Verwechslungskomödien oder wuchtigeren Falscher-Verdacht-Dramen. Die Zofe tauscht mit der Gräfin das Prachtgewand und trifft sich mit deren Verehrer, der nette Kellner ist in Wirklichkeit der Hotelbesitzer oder umgekehrt, die Erntehelferin ist die Gutsbesitzerin. Und kommt plötzlich in ein schiefes Licht wenn sie auf dem Schoss des alten Grafen sitzend entdeckt wird, der in Wirklichkeit ihr Papa ist – alles bekannt.

 

 

Selbst Sissi und Kaiser Franz Josef erkannten sich nicht bei ihrem ersten Treffen im Wald, als Sissi ihm von ihrem „Pappili“ vorschwärmt, ein No – go bei jedwedem Date; die kriegstraumatisierten Eltern mussten geschützt und weiter glorifiziert werden, aber das ist ein anderes Kapitel. Franz Joseph findet das offenbar niedlich und heiratet das Mädel vom Fleck weg. Damit ist Herzog Max in Bayern als Vater der österreichischen Kaiserin auch eine Stufe höher gefallen – auch hier wird wieder ein Vater rehabilitiert und emotional versorgt, by the way. Dem das realiter herzlich wurst war, was im Film aber die aufstiegswütige Herzogin herzlich freut.

Und alles Indikator für die Frage, die alle im Untergrund – wo die Brandstifter hausen – bewegte: Bist Du wirklich der, der Du zu sein vorgibst? Wer warst Du im Krieg – Nazi, Mitläufer, Verweigerer? Und wo stand ich selbst, wer war ich selber? Stehe ich selbst in einem schlechten Licht und was ist mein Anteil daran? Keiner ist der, der er zu sein vorgibt. Sind Soldaten Helden oder müssen sie sich nun fragen ob sie einfach Mörder sind? Waren die Frauen zuhause treue Gefährtinnen oder haben sie sich anderweitig umgesehen? Nagende Zweifel!

In der Verwechslungskomödie gibt es – meistens durch einen Lauschangriff oder ein dramatisches Geständnis – Auflösung, das Paar findet sich, die Buffo – Paare finden sich und jeglicher böse Verdacht löst sich in Luft auf in einer Art Generalrehabilitation. Und einer grandiosen Generalamnestie.

Der Zuschauer als Kind seiner Zeit hat von Anfang an im Kinositz die Rolle des Wissenden, ist – im Gegensatz zum herkömmlichen whodunit – Krimi – eingeweiht und fiebert identifikatorisch dieser Rehabilitation entgegen, in deren Verlauf sich alle Schuld in Wohlgefallen auflöst, oder – seltener – in toto einer Sündenbocksfigur (einem verruchten Kerl oder einer mondän aufgebrezelten Frau) aufgehalst werden kann, die sodann in die Wüste entsandt werden. Wie entlastend! Dieses Motiv wurde filmisch und literarisch (Lore – Romane) in diesen Jahren geradezu suchtartig konsumiert. Unsere Schuld ist gar keine … alles nur ein grosses Missverständnis! Wie schön das miterleben zu dürfen … man bekam nicht genug davon.

Nachkriegsdauerbesoffenheit! Schütt die Sorgen in ein Gläschen Wein! Schau nicht hin, schau nicht her, schau nur gradeaus – letzteres war weiland Marika Rökk.

Ja, ich weiss – dieser Beitrag klingt zynisch und aggressiv – die transgenerational vermittelte Wut steckt noch tief in uns Kindern dieser Zeit, trotzdem verstehe ich auch das verzweifelte Bedürfnis nach Schönheit, Unschuld und Harmonie nach all den furchtbaren Kriegsjahren und dann wird plötzlich Mitleid spürbar für diese geplagte Generation und ihre gestohlenen Lebensjahre, so viele gestohlene Lebenszeit, so viele zerstörte Leben vieler die sich nichts zuschulden kommen liessen. Die in unsere Biographien mit einsickern. Mit dieser Wut nehmen wir eine intellektuell überlegene Position auf dem bequemen Stuhl der späten Geburt ein und spotten über Kitsch. Das ist auch eine Unfähigkeit zu trauern, genau das was wir dieser Generation so gern vorwerfen und was wir selbst ebenso schlecht können. Nur eine andere Form der Abwehr der eigenen Verletzungen auf die wir uns nicht allzuviel einbilden sollten. „Lieber wütend als traurig“ heisst auch ein Buch über Ulrike Meinhof.

Ich guck übrigens grad „Im Prater blühn wieder die Bäume“, die kleine Näherin im geliehenen Fürstinnenkleid soupiert gerade mit dem Erzherzog den sie aber nicht liebt (schnüff!) obwohl er ein ganz Fescher ist und Küssdiehandgnädigesfräulein sagt, der sie aber wiederum schon liebt, aber gar nicht der Erzherzog ist und wieder mal kennt sich keiner mehr aus, der Bräutigam des Mädels stösst dazu und es gibt grosses Getöse – aber das wissen wir jetzt ja alles schon …!

Vielleicht waren diese Szenerien auch für den einen oder anderen die Möglichkeit, aus der posttraumatischen Erstarrung und Eingefrorenheit wieder ins Fliessen zu kommen, da ist es zur Trauer nicht mehr gar so weit, da könnten wir tun, was wir schon lange tun müssten.

Und jetzt ist Mai! Und ich möchte so gern mal wieder nach Wien … ratet mal wohin zuerst? Und ein Kleid tragen mit Rüscherl am Saum und am Ausschnitt … ja, danach wär mir jetzt. Ist das jetzt schlimm?


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