Liebe Gabi,
danke, dass ich deine Mail auf dem Blog veröffentlichen darf. In Absprache sind alle bis auf deinen Namen geändert, und ob deine Favoritin mit den Buckelwalen das liest, keine Ahnung. Schmunzeln würde sie bestimmt. Nein, die Aufzeichnungen behalte bitte als „akustische Postkarte“ bei dir, es reicht mir, wie lebendig sich das alles gerade in der Erinnerung anfühlt. Den „alten Meister“ kannst du Samstag in den Klanghorizonten hören, ich spiele mein vierzehn minütiges Lieblingsstück des Album, „Aus weiter Ferne“ – das passt doch, auch zu dem letzten Satz deiner Zeilen.
Also, du fragst nach Lieblingsalben dieser Tage. Nun, tatsächlich mag ich Roedelius „achtes“ Selbstportrait sehr. Auf Wunsch von Gunther Buskies, dem Chef von bureau-b, ging Roedelius an die Aufgabe, vorzugsweise mit dem „vintage“-Instrumentarium aus Forst, eine Art Zeitreise zu seinem jüngeren Ich anzutreten. Und das ist ihm rundum geglückt. Folgende Maschinen und Gerätschaften sind im Einsatz: Farfisa Fip345, Fender Rhodes Mark II, Roland CR78, Korg MS20, Boss RE-20, Echolette Aolis State Panorama Mixer. Was hier im Studio entstand, zusammen mit Wolf Rod Bock (Aufnahme) und Onnen Bock (Produktion), ist eine sehr hochwertige Aufnahme, und der Klassesound unterscheidet es von den alten Scheiben: was damals einen besonderen Reiz ausübte (und immer noch ausübt), wurde also nicht platt imitiert. Für mich hört sich das wie eine Sammlung von Essenzen an. Das Kindliche und Verträumte, das Skurrile und Weltenferne, und auch Dunkles, das sich immer wieder an die Ränder von Roedelius‘ Träumereien einschleusen kann. Und während ich diese Zeilen schreibe, läuft Wahre Liebe auf dem Kopfhörer. Das Album heisst wirklich so. Da hätte ich vielleicht was anderes vorgeschlagen. Haha.
Gestern und vorgestern war meine Lieblingsplatte die in Kürze erscheinende Arbeit von Lucinda Willliams. Good Souls Better Angels. Wie ich dich in Erinnerung habe, ist das sicher etwas, das dir gefallen könnte: rohe, ungeschliffene Energien, und dann die Power in der Stimme, selbst da, wo sie bricht. Mit ihrem Mann und Produzenten Tom ist sie erst kürzlich nach Nashville umgezogen, und sicher nicht aus Nostalgiegründen. Ich las ein langes Interview mit ihr in der Mai-Ausgabe von Uncut. Beeindruckend. Aber jetzt ist auch sie in dieser neuen befremdlichen Welt gelandet.
Kontemplatives Leben kann ich gut. Ich versuche mich fit zu halten. Jeden Tag einmal über den Berg. Aussenwelt, Innenwelt, schön im Wechsel. In den letzten Tagen bin ich in folgenden Filme versunken, bei mir daheim auf grosser Leinwand: Steamboat Bill, Jr. ein grossartiger Buster Keaton. Die schöne Querulantin. Von Jacques Rivette. Einsame Klasse. The Man Between. Von Carol Reed. Nachkriegsberlin, kurz vor dem Mauerbau. Alles Zeitreisen. Was reale Reisen betrifft, würde ich ich gerne ratzfatz auf Sylt auftauchen und einen Tag lang an der Küste wandern. Von Kampen bis Hörnum. Und zurück. Die Inselpolizei bekäme meinen Unabkömmlichkeitsausweis vorgezeigt. Ich bin keine Schmuggelware. Ich muss einfach ans Meer gelangen können. Irgendwie und „sowiesoso“! Fisch, Aszendent Waage. Und da bin ich auf einmal, schaue mich um, gespenstische Leere. Ein Gefühl, wie zwischen „Lost“ und „The Leftovers“.
Herzlich, Michael