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Archiv: Zeitreisen

Der Synthesizer als Instrument übte schon seitdem ich einen Schallplattenspieler besaß und mir selber Platten kaufte eine unglaubliche Faszination auf mich aus. Sonst hat ein Instrument seinen Klang und ein guter Instrumentalist kann diesen etwas erweitern, beugen, hart oder sanft hervorlocken, aber es bleibt immer der Klang dieses einen Instrumentes. Beim Synthesizer ist alles anders: da wird der Ton je nach Modell durch unterschiedliche Algorithmen erzeugt und es gibt jede Menge Einflussmöglichkeiten ihn zu verändern, modulieren, ihn groß und weich oder scharf und hart zu machen und insbesondere so zu gestalten, dass da etwas herauskommt, was einfach so noch nie zu hören war. Genau das hat in der Anfangszeit, in der Synthesizer für den normalen Musiker erschwinglich wurden, auch die Art des Musikmachens stark geprägt. Nun gab es endlich die Möglichkeit etwas zu machen, was richtig neu war, die Hörgewohnheiten völlig auf den Kopf stellte. Und das halt nicht nur wie in dem Studio für elektronische Musik in Köln, das zwar einige der späteren Protagonisten stark beeinflusste, sondern im eigenen Proberaum. Und was in den 60er und 70er-Jahren noch einige experimentierfreudige Geister auf den Plan rief, ist heute aus der Musik kaum noch wegzudenken und hat fast alle Genres infiziert.

Good Vibration ist dieses mal nicht der Titel eines Albums der Beach Boys, die zu mögen ich stets gerne anderen überlassen habe, sondern der Titel einer im August zu Ende gegangenen Ausstellung im Musikinstrumenten-Museum in Berlin über die Geschichte der elektronischen Musikinstrumente. Und die beginnt weit vor der Synthesizer-Ära mit wunderbaren Instrumenten wie dem Theremin, dem Ondes-Martenot und dem Mixturtrautonium, auf dem Oskar Sala nicht nur bizarrste Suiten, sondern auch den Soundtrack zu Hitchcocks Die Vögel komponierte. Neben begleitenden Texten, die verschiedene Aspekte elektronischer Musik beleuchten, werden dann natürlich auch die ganzen Synthesizerlegenden vorgestellt bis hin zu den aktuellen Möglichkeiten das, was früher ganze LKW’s gefüllt hätte elegant in einem iPad unterzubringen – ein synthetisches Taschenuniversum ungeahnter Möglichkeiten, das mich auf eine Zeitreise zurück zu den ersten Momenten, wo ich als Jugendlicher endlich selber die Tasten berühren und an den Knöpfen drehen durfte und mangels passabler Anleitung schrittweise herausfinden musste, welche Auswirkungen jeder Poti, jeder Regler und jeder Schalter so hatte.

 
 
 

 
 
 

Wo damals ein Synthesizer war, war aber auch der Laser nicht weit. Das, was man heute als Taschenlaser zum gefahrlosen Herumleuchten oder als Pointer billig erstehen kann, war damals deutlich größer, hatte die Tendenz mitunter ziemlich heiß zu werden und hatte noch den Mythos des Gefährlichen, vom Preis ganz zu schweigen. Ein alter Schulfreund von mir aber hatte einen Laser und so probierten wir aus, was wir damit so anstellen konnten. Beispielsweise mit einer kleinen Ablenkeinheit, wo auf mehreren Elektromotoren aus Carrera-Autos, die wir individuell in der Geschwindigkeit regeln konnten Spielgelchen mit einer leichten Neigung aufgeklebt waren und die so entstehende Figur dann auf den nächsten rotierenden Spiegel warfen, so dass es möglich wurde phantastische Figuren damit zu zeichnen. Z.B. auf der uns sehr geeignet erscheinenden Hauswand des benachbarten Hochhauses, um unseren Freunden zu signalisieren, wo die Party gerade steigt. Der Effekt war grandios, nur leider fühlten sich die Nachbarn von dem neuartigen, „gefährlichen Laserstrahl“ etwas bedroht.

Der französische Elektroniker Tim Blake war einer der ersten, der sich mit einer Lasershow zu der Musik seines Projektes Crystal Machine auf die Bühne begab und nun ist dieses Frühjahr sein erstes Studioalbum Blake’s New Jerusalem mit einigen Bonustracks wiederveröffentlicht worden. Hier finden sich ohrwurmartige Songs in denen ein kleines Synthesizerarsenal die Hauptrolle spielt und die doch eine ganz eigene, originäre Färbung haben. Insbesondere der lange Titelsong entwickelt einen fast hypnotischen Sog und zapft Ebenen des Bewusstseins an, die zuvor verschlossen blieben. Einige der Songs haben dann später Eingang in das Oeuvre von Hawkwind bekommen, deren Mitglied er lange Jahre war. Sonst wirkte er noch einige Zeit bei der wundersamst anarchischen Band Gong mit und begleitete einige Projekte des französischen Komponisten Cyrille Verdoux.

 
 
 

 
 
 

Der zweite Reissue betrifft einen Meilenstein der elektronischen Musik: Klaus Schulzes Mirage. Er arbeitete an diesem Album als sein Bruder im Sterben lag und erklärt sich so rückblickend, dass dies vielleicht sein dunkelstes und kältestes Album geworden sei. Eine elektronische Winterlandschaft, kristallin, frostig, eisklar. Und auch nach 40 Jahren immer noch ein perfektes Album. Man sagte damals, dass weltweit eigentlich nur drei Musiker wirklich Synthesizer spielen könnten und Klaus Schulze war der erste, der dann dazugezählt wurde.
Mirage war seit Erscheinen ein Monolith für mich mit seinen beiden ruhigen, halbstündigen Stücken. Wenn mich auch heute noch jemand fragen würde, welches Stück Synthesizermusik man unbedingt gehört haben müsste, würde ich stets und ohne zu zögern Crystal Lake antworten, das in seiner kalten Eleganz und seiner hypnotisch dichten Atmosphäre ein zeitloses Highlight elektronischer Musik bleibt. Klebt man einen kleinen Spiegel auf den Basslautsprecher und lenkt dann einen Laser darüber auf eine Leinwand während Musik läuft, ist dies eine wunderbare Möglichkeit der Visualisierung. Vieles aber wird dann leider recht unansehnlich, wohingegen Crystal Lake wundervolle Figuren und Muster mit unzweifelhaft psychotropen Qualitäten zu erzeugen vermag.

Das Album wurde sensibel gemastert, was der Transparenz noch etwas mehr Tiefe gegeben hat und mit einem aus der Entstehungszeit stammenden Stückchen Filmmusik In cosa crede, chi non crede? das durchaus hörenswert ist, ergänzt. This Anniversary induces a massive time travel. A shift where the direction is not clear and I’m afraid it does not only lead to the future from the point I listened to it the very first time. Perhaps that’s the real meaning of Mirage.

 
 
 

 

1 – TIME TRAVELS WITH RAY

 

Ich fragte mich schon, ob ich mich in Träumen verausgabe, die Nackenmuskeln sendeten kleine Schmerzimpulse, aber Daphne, Fan von Borussia Mönchengladbach und spezialisiert auf Tiefseetauchen vor Ägypten, bereitete den Verspannungen ein Ende und renkte mir den vierten Halswirbel ein. Jetzt ist auch das Schreiben wieder eine körperliche Freude, zumal die Zeitmaschine angeworfen wird. Daran besteht ja wohl kein Zweifel, wenn Sie so gut sind und einen Blick werfen auf die besonderen Empfehlungen für den Mai. Danke.

Einige von uns erinnern sich noch an die Zeit, als es, in den Sechzigern, in den Siebzigern, keine so leichte Sache war, an rasche Informationen zu aufregenden neuen Schallplatten zu gelangen. Jeder hatte seine Kanäle, von der Europawelle Saar bis zu den frühen Ausgaben der „Sounds“, von „jazz by post“ bis zum Plattenladen des Vertrauens, aber es gab nicht viele Seelenverwandte, die im Radio die heisse Ware aus den USA, aus England, aus Norwegen und Germanien auflegten. Die Lobbyisten der Klassischen Musik erklärten ihre Ware zur einzig wahren und seligmachenden – diese Idiotenelite!

Ich weiss noch, wie sich über Nacht eine ferne, nahe Welt sperrangelweit öffnete, als ich „All Day And All Of The Night“ oder gar „Mr. Pleasant“ hörte, aufsaugte, verschlang, keine Sekunde verpassen wollte! Die Kinks waren und blieben meine No. 1-Band in jener Zeit, die Beatles waren genauso unschlagbar.

Die Stimme von Ray Davies verankerte sich tief in allen Bereichen des Bewussten und Unbewussten – „Ahnungen all inclusive“. Das Reich der Ahnungen nennt man in der Tiefenpsychologie das „Vorbewusste“, und für Teenager sind diese (nie ganz ausgegorenen) Intuitionen und Träumereien eine besondere Zone der Horizonterweiterung. Wie Rays Gesang Soziales und Sexuelles, Existenzielles und Abgründe, verschwindende Grünzonen und Fünf-Uhr-Tee wahlweise zelebrierte, ironisierte oder filettierte, war einzigartig, und er wurde zu meinem Lieblingssänger der frühen Jahre.

Ich folgte seiner Stimme nicht nur durch die Ära der Hits, sondern auch durch die verschlungen Pfade der Konzeptalben. Jetzt erzählen Sie mir nicht, die „Village Green Preservation Society“ sei an Ihnen vorüber gegangen!? Dann besorgen Sie sich am besten – als Einstieg – das kluge Buch zur Platte, aus dem Verlag „33 1/3“, und versinken in eine Songstudie drohender und fortgesetzter Verluste der Arbeiterklasse und anderer Illusionen. Das Tröstliche im Untröstlichen zu finden, ist eine Tugend, der geschliffene Witz eine Waffe von Mr. Davies.

Jetzt ist Ray 72, seine Stimme in bravouröser Verfassung, und er liefert mit „Americana“ ein weiteres Konzeptalbum ab, das noch besser ist als die weitgehend positiven und respektablen Kritiken. Ich höre das Album rauf und runter, die Favoriten wechseln täglich, für einen Song wie „A Place In Your Heart“ würde ich barfuss zum Pokalfinale nach Berlin wandern. Drei Songalben sind mir in diesem Jahr so nah wie keine anderen gegangen, „Common As Light And Love Are Valleys Of Blood“ von Sun Kil Moon, „Pure Comedy“ von Father John Misty, und eben „Americana“. Ich hoffe, im Monat Mai gesellen sich noch The Mountain Goats und Paul Weller hinzu.

 

2 – ABBEY ROAD MYSTERIES

 

„Missed the sixties? Then grab a copy of William Shaws superb A Song From Dead Lips. This is a terrific mystery novel that moves at the speed of a sixties‘ three minute single and has the best female character this side of Salander in many a year. You can literally hear the Beatles as this andrenalined narrative jets along.

 

Das sind die lobenden Worte eines „Lautsprechers“ der englischen Kriminalliteratur, Ken Bruen, aber sie rauschen etwas zu knallig an der Erzählweise der Romane von William Shaw vorbei. Die bislang vier Bücher mit dem Ermittlerteam Breen & Dozer rufen tatsächlich das alte England der „Swinging Sixties“ wach, aber sie sind allesamt ruhig inzensiert, ohne die Knalleffekte literarischer Pop-Art. Und es macht Sinn, sie in Reihenfolge zu lesen. Die ersten Drei, vorschnell zur Trilogie ausgerufen, gibt es auch in deutscher Übersetzung von Conny Lösch (immer ein Gütezeichen), mit den anglisierten Titeln „Abbey Road Murder Song“, „Kings of London“, und „History of Murder“. Der vierte Thriller erscheint am 8. Mai in England.

William Shaw entmystifiziert jene Ära, in der Rassismus, Frauenfeindlichkeit und eine menschenverachtende Aussenpolitik (Nigeria/Biafra) an der Tagesordnung sind, und die aufkommende „Gegenkultur“ permanent attackiert wird. Wiliam Shaw verfügt nicht über den trockenen, schwarzen Humor der Sean Duffy-Kriminalromane aus nordirischen Bürgerkriegszeiten, aber dafür über gleich zwei faszinierende Ermittler. Breen: der Distanzierte, der  sich schwertut mit dem aufkommenden Freigeist, Tozer, die Sensible und Aufbegehrende: zu Beginn ihres Polizeidienstes steht sie eher auf die frühen Beatles, die betörend einfachen, profunden Liebeslieder. All My Lovin‘ – ahhhh!

 

3 – RESHAPE, REMODEL

 

All My Lovin‘ – ahhhh! Wieder 19 sein, aber die Lebenserfahrung und das Selbstbewusstsein von heute in das jüngere Ich transportieren, und dann sicher anders vorgehen, hier und da, willkommen, ihr alten Scheidewege! Wäre das nicht ein Heidenspass, ein Thrill ohne Ende, und manchmal eine ziemlich verstörende Angelegenheit?! In seinem Zeitreiseromanklassiker „Replay“ geht Ken Grimwood alternativen Lebensoptionen nach, und hat damit im alten Jahrtausend einen Kultklassiker dieses alles andere als zeitlosen Themas geschrieben. Anbei finden Sie Brad Meltzers Liebeserklärung an „Replay“! Und seien sich sicher: das ist alles andere als ein komödiantischer Vorläufer vom täglich grüssenden Murmeltier! Bittere Ironie: Grimwood abeitete gerade am Nachfolgeroman, da kam ihm die Zeit dazwischen. Die gnadenlose Spielart der Zeit, die keine Geschenke bringt.

 

4 – SOMETHING WENT TERRIBLY WRONG

 

Das gnadenlose Wirken der Zeit, das keine Geschenke bereithält, Variation. Die Eröffnungssequenz ist fantastisch: das Kind im Arm, das Handy am Ohr, die Waschtrommel, die kleinen Widrigkeiten, der Gang zum Auto, es kann kaum alltäglicher sein, doch von einem Laut bis zur folgenden Lautlosigkeit vollzieht sich ein Break, und die Frau in der Szene braucht zehn Sekunden, etwas zu realisieren, und dann sind es auf einmal drei Jahre, und immer noch ist der Schock, dass etwas Schreckliches passiert ist, tiefenwirksam, und keiner weiss, was genau, wie und warum. Aus solch einem Mystery-Szenario liessen sich fürchterliche Filme machen, aber bei Damon Lindelofs erstem grossen Opus seit „Lost“ darf man, zurecht, höchste Qualität erwarten.

Hier stranden und scheitern die Menschen in Scharen, die Zurückgebliebenen sind wahlweise tief verstörte Einzelkämpfer, um Reste von Würde und Versöhnung bemüht, oder verbitterte Zyniker, in Lebensverachtung und dunklen Riten vereint. Bewegend, wie das Geschehen oft von Stille unterwandert wird, alle Dialoge unhörbar, und die Musik aus dem Off zur zweiten Erzählstimme wird, und aller Erstarrung wenigstens ein Zeitmass, eine Melodie an die Hand gibt. Die kurzen Zeitreisen hier sind gesammelter Schmerz. „The Leftovers“ (Staffel 1) ist grosses, düsteres, unfassbar spannendes Kino für die eigenen vier Wände. Und, ich verspreche Ihnen: das ist erst der Anfang. (Joeys Liste wird bald ein neues Update benötigen.)

 

5 – FIXING A HOLE

 

Erinnerungsseligkeit ist den Menschen von „The Leftovers“ völlig fremd, „the past is a different country“, bei epochalen Werken der jüngeren Musukgeschichte ist Verklärung leicht zu haben, und verstellt den klaren Blick. Wer braucht schon eine Vitrine? Nach wie vor ist dieses Album (das ich in allen Fassungen besitze, derzeit läuft das 2009 erschienene, remasterte „Mono-Vinyl“) eine sprudelnde Quelle, überreich, unerschöpflich.

Schon das Foto, wenn man das Album aufklappt, und die Beatles einem direkt in die Augen schauen, in dem wunderlichen Outfit als „Lonely Hearts Club Band“, eine Schau, kaum weniger faszinierend wie das legendäre Cover selbst. Man wurde, durch den Blickkontakt allein, Teil des Clubs und all seiner Schwingungen zwischen Fernost und Liverpooler Kindheit, zwischen Meditation, britischer Burkeske, surrealer Träumerei, und all den Orten, zu denen dich das Album transportierte.

Die Platte verbreitete sich wie ein Lauffeuer. In einem klugen Aufsatz über die Wirkungsgeschichte von „Sgt. Pepper“ las ich vor Jahren, wie in der Stadt, in der alle Blumen in den Haaren tragen sollten, über Wochen, die Musik von drei Platten gleichzeitig aus vielen Fenstern drang, und eine spezielle Symphonie der Grossstadt erzeugte, „A Love Supreme“, „Bringing It All Back Home“ – und „Sgt. Pepper“.

Die nun anstehende grosse Neudarbietung, in der Deluxe-Fassung, enthält alles, Outtakes und Mono (für die Beatles „the real thing“), erstmalig Surround, und verwandeltes Stereo. Beim seinerzeit ohnehin wenig beachteten Stereo-Mix schlichen sich bekanntlich gravierende Fehler ein (die wir beim Hören ausblendeten, gar nicht wahrnahmen, weil der Rausch des Hörens uns nicht in kleinliche Tonfrickler verwandelte). Der Sohn von George Martin wusste, wie sein Vater tickte, und leistet nun wohl ganze Arbeit. Man darf gespannt sein, wie radikal der neue Stereo-Remix die Wahrnehmung aushebelt, die Tim Sommer vor einem Jahr im „Observer“ auf den Punkt brachte:

 

„In mono, Sgt. Peppers’ sounds like an urgent, anxious and sometimes alarming statement; it’s not the over-large bouquet of sickeningly sweet aromatic flowers it appears to be in stereo. Rather then seeming like a fanciful, welcoming LSD dreamscape, the mono version comes across as an almost cynical reflection of its time. The mono Sgt. Pepper’s often sounds skeptical, mocking and it’s altogether more thoroughly rocking.“

 

Das englische Magazin „Mojo“ (Juni 2017j widmet der neuen Edition von Sgt. Pepper allerlei aussagekräftige Beiträge. Paul McCartney kommt zu Wort, Giles Martin, andere Gestalten aus dem Hintergrund, berühmte Zeitzeugen. Jon Savage blickt hinter die Oberflächen jedes einzelnen Songs. „Fixing A Hole“ etwa erzähle von Einsamkeit und köperlicher Arbeit, meilenweit entfernt von den alten Zeiten und dem üblichen Pop-Irrsinn. Die Beatles hatten vor der Produktion des Albums eine längere Auszeit genommen, und waren bereit für Veränderungen. So gehe es in dem Song auch um die Mühen, die jeder Weg zur Erleuchtung mitbringt, und nichts ist im „summer of love“ skurriler als die Reparaturarbeiten an einem Loch zu schildern, durch das Regenwasser dringt. „I’m painting my room in the colourful way / And when my mind is wandering / There I will go / Ooh ooh ooh ah ah / Hey, hey, hey, hey“. Ich sagte ja: nichts für die Vitrine und den Staub im Regal.

 

There you will go, dear listener, ooh ohh ohh ah ah!

Neid kann auch was Herzliches sein, wenn man dem Beneideten alles Gute gönnt, und sich eigentlich nur selbst an den Kopf fasst, dass man damals die Antennen nicht weit genug ausgefahren hatte. Was die Teenager-Initiationen im Mutterland des „Pop“ angeht, zehre ich heute noch von  karg gestreuten Erlebnissen mit dem Seelenfutter der Rockmusik, den Auftritten von Fleetwood Mac und Atomic Rooster in Paignton, sowie, ja, Schlüsselerlebnis, Steamhammer im Londoner Marquee Club. Sweet 16. Das war es auch schon. Und dann stellt sich am Wochenende heraus, „Klassenkamerad“ Klaus hat doch die etwas grössere Nummer erlebt, ebenfalls mit 16 Lenzen, ebenfalls in England. Er sagt „Plumpton“, ich sage: „Was?“, er sagt „Plumpton“.

 

 

Er sagt 1970, ich befrage Google, und da klappt sie auf, die Seite, die das ganze, unfassbare Festivalereignis im englischen Essex dokumentiert, mit Bilder, Berichten und Bootleglinks. Ich studiere die Namen, und frage bei jedem nach: „… und die hast du live erlebt?!?“ Hat er, Tage und Nächte lang,  ich möchte sofort die Zeitmaschine betreten. Ein englisches Woodstrock. Hardin & York, The Incredible String Band (wow!!), Fotheringay, Colosseum, East of Eden, Caravan (oh, my gosh!), Cat Stevens … aber schauen Sie selbst! Es war das Jahr, in dem Herr Stockhausen hoch oben auf einem Dach einen Fünf-Uhr-Tee zu sich nahm, und die Beatles ein letztes Mal „Hey Jude“ sangen.

2017 18 Mrz

BBC Radiophonic Workshop 21

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Previously known as the 21st Birthday Album, this is a gorgeous and goofy compilation of 45 fun and experimental electronic tone poems made for radio and TV from 1958 to 1979, some from the days when the music department only allowed the Workshop to exist by pretending electronic music wasn’t music (just as Forbidden Planet was scored with „electronic tonalities“). So since no one was being taken seriously, the composers could even be women, of whom Delia Derbyshire has recently gained acclaim (in electronic-music geek circles; if you’re not in one, it’s not too late to join!). The longest track, ‚A Whisper from Space‘, is 2:11; so if something doesn’t grab you, wait a minute. If only all records could be this varied and entertaining. Derbyshire’s immortal Dr. Who theme isn’t even necessarily the best track.

(Stephin Merritt, The Magnetic Fields, more of his current musical obsessions in TheQuietus)

2017 14 Mrz

1982

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Am Vorabend hatte John Peel Peter Tosh und The Fall aufgelegt. Wahrscheinlich war das die Stunde, in der ich den Einbruch plante. Ich bin kein Kirchengänger, mich lässt die Architektur des Monumentalen zumeist kalt, aber der Turm der Kirche St. Bride’s in der Fleet Street hatte es mir angetan, seit die Kinks vor dem ehrwürdigen Gebäude in Hosen mit Schlag auftraten und Ray „A Well Respected Man“ sang. Die nächstgelegene Underground Station ist Blackfriars (falls Sie mal vorbeischauen wollen). Angeblich hat der Turm mehrstöckige englische Hochzeitstorten inspiriert. In meinem ganz privaten Leben bin ich auf Scheidungstorten spezialisiert, die selten reissenden Absatz finden. Das kleine Monstrum ist 71 Meter hoch, besitzt fünf achteckige Geschosse und einen steinernen Obelisken. Sir Christopher Wren war der Baumeister. Ein Neuaufbau war nötig, weil 1940 die Brandbomen der Nazis nur wenig übrig liessen. Wrens 1675 geweihte Kirche hatte sechs Vorgänger. Der erste Bau wurde angeblich im von der irischen Heiligen St. Bride gegründet. Ich wollte einmal in Brighton mit einer Folksängerin namens Bridget schlafen, aber sie schenkte ihre Gunst einem anderen, mir blieb eine Single, die ich spielte, bis ihre herben Vokalisen nach Jahren ein Rauschen in der Ferne wurden. Der Chronist Samuel Pepys wurde in diesem heiligen Schuppen getauft, der Dichter John Milton gehörte zur Gemeinde. Spuren aller Epochen sind in der Krypta zu sehen. Ausgrabungen brachten vergessene Grüfte zutage, darunter ein mit 300 Skeletten bis zur Decke vollgestopftes Beinhaus, und ein weiteres, in dem Knochen und Schädel im Schachbrettmuster angeordnet lagen. Zur Ausstellung in der Krypta gehörte schon damals (als ich mir, Peter Tosh und The Fall im Ohr, heimlich Einlass verschaffte und eine Nacht unter der Kuppel verbrachte, im winterfestesten Schlafsack, den ich je besass) ein patentierter Eisensarg, der Leichendiebstahl verhindern sollte: bis 1832 war der Henker die einzige legale Quelle für medizinische Sezierübungen, und so entstand ein gruseliger Handel mit gestohlenen Leichen. Die Nacht dort oben im Winter 1982 war schon ein spezieller Thrill, ich lag über Stunden wach, und wurde morgens von einem Bediensteten entdeckt, der noch üblere Beschimpfungen für mich bereit hatte, als er merkte, dass ich „a fuckin‘ German“ war. Ich erinnerte den schmächtigen Gesellen daran, dass ich kein „fuckin‘ nazi“ sei, dass Flüche im Hause des Herrn keine gutes Licht auf seine Kinderstube werfen, und fragte ihn dann noch, ob er „fuckin‘ Maggie Thatcher“ gewählt hätte.

2017 25 Jan

From the Archives of Borneo

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Summertime. Ein strahlender Junimorgen Anfang der 90er Jahre. Später Vormittag im Innenhof des historischen Museums Frankfurt, der noch halb im Schatten liegt. Barttragende Herren tragen noch Spuren des Frühstückeis im Bart und andere kommen gerade vom Frühschoppen. Normalerweise nicht gerade meine Zeit für Aktivitäten. Aber dieses mal war es obligatorisch. Meine Tochter sitzt auf meinen Schultern und freut sich mindestens genauso wie ich. Was gleich kommt mögen wir nämlich beide.

Bei den Kommentaren zu Jerry Harrisons The Red and the Black fiel unser Blick in die Runde der Side-Projekte der Talking Heads, zuletzt auf David Byrnes Knee Plays. Ein phantastisches Opus, das gerade in Einheit mit Robert Wilsons Inszenierung mir tief in Erinnerung geblieben ist. Jetzt muss ich erst einmal Abbitte leisten, denn hierzu merkte ich an, dass man mich mit Bläsersätzen sonst ganz weit weg jagen könne. Stimmt definitiv. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel: es gibt im weiteren Umfeld der Aktivitäten der Talking Heads doch noch ein einziges Bläseralbum, das mich nicht weit weg jagte, sondern dort hinzog, wo es live zu hören war. An diesem Sonntagmorgen zur Unzeit für einen Nachtmenschen nach Frankfurt.

Die Sonne scheint auf die Bühne, ich stehe noch im kühlen Schatten. Der Professor für Jazzsaxophon aus New York betritt die Bühne. Er ist kein Unbekannter mehr: für David Bowie, Talking Heads und Laurie Anderson hat er schon Arrangements geschrieben. Und jetzt Stücke mit seinem Bläserensemble für eine Tanzperformance: Dance Music for Borneo Horns. Lenny Pickett. Was nun folgt ist kein langweiliges Jazzmatinee, sondern knackig und funkig fegt er mit seinen Borneo Horns den letzten Rest der Müdigkeit des Vorabends aus den altehrwürdigen Mauern, die Köpfe klaren auf und die Beine kommen in Bewegung. Meine Tochter auf meinen Schultern auch und ich schwinge darunter so gut es geht ins Gleichgewicht. Was von Minute zu Minute keineswegs leichter wird. Die Sonne steht inzwischen senkrecht, es wird heiß und die Borneo Horns legen an Fahrt zu, werden fetziger, abgefahrene Arrangements zwischen Barock, City Funk, Avantgarde, Steve Reich und einer ganz und gar nicht unsäglichen Bigband. Lenny Pickett and his Borneo Horns. Gibt’s leider nur einmal. Keine zweite Scheibe, aber diese eine reicht.

 
Neglected Treasures

2017 9 Jan

No Plan

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Sommer 76, habe gerade meinen Urlaub halb gegen meinen Willen mit meinen Eltern in einem abgelegenen Bergdorf in den Cevennen verbracht, damals noch ohne geeignete Möglichkeiten Musikkonserven mit auf die Reise zu nehmen. Definitiv die letzte Unternehmung dieser Art. Freute mich also auf meine frisch erstandene Musikanlage zu hause und die Möglichkeit einfach wieder in Klang(t)räumen abtauchen zu können. Damals lief Tangerine Dreams „Zeit“ in Trance heiß, fast eine Vorwegnahme der Ambient Music, nichts woran ich mich wirklich festhalten konnte, ein Fluss, ein Eintauchen in den Augenblick. Just there I am, no plan….

Sommer 76, ich kam in die 9. Klasse – was da lief, war gründlich nachgeordnet – und David Bowie (der mir erst etwas später von unserem kulturell vielseitig interessierten Dorfpostboten vorgestellt werden sollte) kam nach Berlin. Zu Edgar Froese. Vielleicht haben sie sich ja gegenseitig etwas inspiriert, Bowie in seinem Berliner Sound und Froese hat später einmal sogar einen Sänger zu Tangerine Dream geholt, was er alsbald, gut nachvollziehbar, als Fehler einstufte. Nun noch einmal die letzten Songs von Bowie, ein Video im Regen und die beiden Herrn sind fort. Aber hoffentlich nicht in der Ödnis, wo die Zeilen von „No Plan“ uns hin mitnehmen wollen, but here I am …. this is not quite yet.
 
 

Here there’s no music here
I’m lost in streams of sound
Here am I nowhere now?
No plan

Wherever I may go
Just where
Just there
I am

All of the things that are my life
My desires
My beliefs
My moods
Here is my place without a plan

Here
Second Avenue
Just out of view
Here
Is no traffic here?
No plan

All the things that are my life
My moods
My beliefs
My desires
Me alone
Nothing to regret
This is no place, but here I am
This is not quite yet

 

 
 
 

Mit ihrem zweiten Album STAND UP kamen Jethro Tull auf den grossen Bühnen an, man entfernte sich von dem Blues, der lange Zeit das Ticket für kleine Clubs war, man suchte vor der Produktion händeringend einen neuen Gitarristen, der Ian Andersons verspielten und vertrackten Songideen in die geheimsten Winkeln folgen konnte.

Die ganz frühe Zeit war hart, als die Band sich von Tag zu Tag durchschlagen musste, und Ian Anderson sogar den vom Vater bekommenen Mantel nachts überstreifte, um 1967 durch den Londoner Winter zu kommen. Wenn er mit langen Haaren und Schlottermantel morgens in Hampstead Heath frische Luft schnupperte, konnte er entfernt an eine der Figuren der späteren Herumtreiber von AQUALUNG erinnern, ihrem ersten Meisterwerk.

Nach WAS, dem Debüt, suchten Ian Anderson, Clive Bunker und Glenn Cornick, und der noch nicht ganz als ihr Mann an der Gitarre akzeptierte Martin Lancelot (!) Barre, ihren ganz speziellen Pfad durch die verzweigte Welt der Rockmusik, sie wollten keine zweiten Beatles, Zeps, Stones, Who oder Kinks werden – und ein Typ, der vornehmlich Flöte, gerne auch mal auf einem Bein spielte, und von Jazzmagier Roland Kirk inspiriert wurde, war da schon mal ein Anfang.

Dortmund-Kirchhörde, Ort meiner seltsamen Teenagerjahre, anno 1969, ein Sommer, in dem wir immer wieder bis in den Abend Badminton wie die Verrückten spielten, im grossen Garten am Rande eines Waldes. Eines Nachmittags hatte ich mir die englische Hitparade gegönnt (es war die Zeit, in der man noch Singles kaufte), da rief mich die Schwester eines Kumpels an, sie war allein zuhaus und lud mich in den Flachdachbungalow ein, um eine „ganz tofte Platte“ zu hören (wie sie es ausdrückte), und den Weinkeller ihrer Eltern etwas zu plündern. Sylvia.

Ich werde den Moment nie vergessen, als sie mir die Schallplatte in die Hand drückte und ich das Cover, aussen wie innen, auf mich wirken liess. Man konnte es aufklappen, und die vier Popmusiker sprangen einem als Pappkameraden entgegen. So was kannte ich bislang nur aus Kinderbüchern. Ich werde den Moment nie vergessen, wie wir zusammen auf der Couch sassen, die Musik von STAND UP den Raum erfüllte, und wir eine Flasche „Kleinwinternheimers Geiershölle“ in einer Nachmittagsstunde leerten. Ich werde den Moment nie vergessen, als, zwei Jahre später, der Bruder mir, mit Tränen in den Augen, mitteilte, seine Schwester sei in der Nacht an Herzasthma gestorben (so wurde es genannt, ich kannte mich mit Asthma aus, aber das Wort hatte ich noch nie gehört).

Seltsam, seit dieser Nachricht habe ich mir diese Schallplatte (die ich stets nur in jenem Bungalow gehört und mir selbst nicht gekauft hatte) nie mehr angehört. Als wäre mit der Nachricht vom Tod einer nahezu Gleichaltrigen nicht nur ein Stück Zeit und Kindheit weggebrochen, sondern auch etwas von der Musik nach hinten gekippt, welche lange Zeit mit diesem einem besonderen Nachmittag verbunden blieb.

Ich kaufte mit die Platte auch später nicht, als ich mich in R.D. verliebt hatte, eine Pfarrerstochter aus Dortmund-Bittermark (ein paar Häuser weiter lebte der Violinist Zbginef Seiffert, in einem kleinen Haus im Grünen), die mir im Westfalenpark auf einer Decke ihre (komplett windschiefe) Version des des Bach-und-Tull-Hits BOURÉ vorspielte. Im Falle der über Nacht Gestorbenen galt eine kaum wiederholbare, geteilte Nachmittagssehnsucht ganz der Musik, im Falle der schönen Regina galt mein ganzes Sehnen einem Kuss und mehr, aber mehr als ein paar Küsse und verplemperte Sehnsuchtsszeit sprangen nicht heraus.

Natürlich kann ich STAND UP nicht begutachten von allen Seiten, ohne die Wellen zu erwähnen, die sich in mir anfangs zumindest ausbreiteten (die Schauer massierten einen Wirbel nach dem anderen), als ich beim ersten Wiederhören nach so langer Zeit wieder in das Wohnzimmer jenes Bungalows transportiert wurde – ich sehe das Panoramafenster zum Garten vor mir, Silvia, die mir die Platte in die Hand drückt – nahm sie da nicht Form an, die Zukunft, auf die wir so begierig waren, das volle Programm – und die Rockmusik war der Botengänger, die Zeitmaschine ins weit geöffnete, unbekannte Leben).

STAND UP war damals ein grosser Renner, Jethro Tull wurde Ende 69 vom NME hinter den Beatles zur zweitwichtigsten Rockband gewählt, noch vor den Stones. Das Quartett war damals in New York, als die Platte im Sommer 69 erschien, und ein gewisser Joe Cocker gratulierte den verdutzten Jungs im abgewrackten Hotel, dass sie es in England auf Platz 1 geschafft hätten. Das bedeutete nun unzweifelhaft, das sich die grossen Hallen und Open-Air-Räume für sie öffnen würden. Fillmore East, Fillmore West, die Royal Albert Hall, die Playbackscharaden von „Top of the Pops“ nahm man achselzuckend in Kauf. Es war alles ein wenig unwirklich: die Vier waren schlicht besessen davon, bessere Musiker zu werden.

Und so ging es auf Reisen, über den grossen Teich, auch Paris öffnete die Tore, und in kurzer Zeit begegnete die Band allen möglichen Grössen ihrer und vergangener Jahre. Ein schon beim Konzert den Faden, die Wörter, verlierender Elvis Presley wollte die Band in seiner Garderobe begrüssen, Ian lehnte freundlich ab, war nie ein Elvis-Fan, und wollte nicht vollends ernüchtert werden. In Kopenhagen traf er bei einer Pressekonferenz einen jungen, schüchternen, noch nicht von Drogen gezeichneten Jimi Hendrix – freundlich und gentlemanlike, so gar nicht das Bild des zornigen jungen Mannes, das die Presse gerne ablieferte. Hendrix war es auch, der dem deutschen Grossveranstalter Fritz Rau Jethro Tull empfahl, und so ging es alsbald auch durch Germanien.

Obwohl der junge Mr. Anderson rein äusserlich jedes Hippieklischee erfüllte (auch lange nachdem ihm sein Schlottermantel aus der Garderobe geklaut wurde), blieb er ein Skeptiker dieser Gegenkultur, mochte keine bekifften Hippies, und auch den grossen Zinnober drumherum nicht. Woodstock liess er einfach links liegen. Solcher Eigensinn macht unempfänglich für Imagepflegerei, und dieser Rigorismus befeuerte wohl nachfolgende Meisterwerke wie AQUALUNG und THICK AS A BRICK.

Aus der Distanz betrachtet, kommt der Zweitling nicht heran an die Klasse der gerade genannten Highlights (und auch A PASSION PLAY ist vertrackter, abgründiger). Ian Andersons Songlyrik war im Gegensatz zu späteren Werken noch leicht gestrickt – es ging um die Ablösung vom Elternhaus, schräge Vögel aus dem Bekanntenkreis, die gängigen Lovesongs, die noch nichts von Dylans Widerstand gegen rasche Deutbarkeit spüren liessen.

Was STAND UP aber wirklich jenseits privater Hörgeschichten zum gar nicht so gepflegten Sinnesrausch macht („Play it loud!“), ist die perfekte Mixtur aus fernen Bluesspiegekungen, Power-Flöten-Rock (no flowers in your hair, Mr. Anderson), feingesponnenen Balladen, urenglischer Vaudeville-Tradition, einer Prise Exotica als klingendes Fernweh (der Song mit der Balalaika, Fernöstliches, ein afrikanischer Moment – man kommt hier so schnell nicht an das Ende der Liste!) – ein lustvoller Eklektizismus macht sich breit, und die ohnehin gute Aufnahmequalität aus den Morgan Studios strahlt in den Stereo- und Surroundmixen noch heller: da wirbelt die Band um einen herum, dass alles Gerede von „wahrer Freude“ wahrlich wahre Freude wird (imitieren sie ruhig den Stil jener Jahre – ein verdunkelter Raum, Kerzenlicht, Räucherstäbchen, Wein, Weed, Couchknutschen!) – und Steven Wilson weiss genau, wie er die Spiellust all dieser Lieder steigern kann, ohne sich in Effekthascherei zu verlieren.

Wie schon bei AQUALUNG, THICK AS A BRICK und PASSION PLAY. Das sind allesamt „elevated editions“. Seltsam, wie demgegenüber der Viertling, BENEFIT, verblasst, und zwar allein wegen der überwiegend durchschnittlichen Lieder – da war, vorübergehend, die Luft raus. Ich sah die Band einmal live – neben dem Bandleader agierte mittlerweile ein anderes Team. 1982 in Nürnberg boten sie in mittelalterlicher Kleidung brilliantes Entertainment, der Sinn fürs Skurille gab den Ton an, die doppelten Böden, Stolperfallen und Abgründe waren allerdings komplett verflogen.

Einmal, in ihren grossen frühen Jahren, spielten sie in London (ich habe den Namen des Clubs vergessen, und bin mir auch mit der Metropole an der Themse nicht ganz sicher, ich weiss auch, dass manch einer diese Story für erfunden halten wird, aber sie ist so wahr, als wäre ich selbst dabei gewesen). Die Band spielte inspiriert das Programm von STAND UP, und hier und da einen Song des in den Startlöchern der Fantasie schon gewaltig zuckenden Nachfolgers, improvisierte munter drauflos, mit dem Flötentänzer am Bühnenrand, dass es ein Glück gewesen sein muss für alle Anwesenden.

War es im Marquee Club, ich bin mir nicht sicher, war selbst nur zweimal in diesem Untergrundtempel der Londoner Szene, 1971 (?) sah ich dort (die Erinnerung kann den Zauber jenes Abends nie überflügeln, eine Inititiation!) Steamhammer, und 1982 (im schönschaurigen Liebeskummertaumel) Jah Wobble & The Invaders of the Heart. Zu der Zeit hörte Jah Wobble am liebsten DARK MAGUS von Miles Davis, und der ehemalige Bassist von P.I.L. trug einen langen Schlottermantel, der an den Schlottermantel des jungen Ian Anderson erinnerte.

Ich schweife ab, drehen wir das Rad der Zeit ein gutes Jahrzehnt zurück, lassen uns von genauen Zeit- und Ortsangaben nicht weiter ins Bockshorn rein historischer Betrachtungsweisen jagen, und tun einfach so, als wären wir vor Ort. Eine Tüte geht rum, Ian Anderson ist in seinem Element, und lässt den Blick schon mal übers Publikum schweifen, traut plötzlich seinen Augen nicht, und traut ihnen dann doch. Als sich ihre Augen treffen, hebt John Lennon seine rechte Hand und winkt zum Grusse. Ich glaube, Ian Anderson befand sich kurz in einem Zustand der Verwunderung (oder sollen wir es Ergriffenheit nennen). Es wäre ein leichtes gewesen, nach dem Konzert zu John Lennon zu gehen, aber Ian Anderson machte das nicht, zu sehr war er von dem Moment der zuwinkenden Hand beeindruckt, wollte diese Variante einer stillstehenden Zeit, einer unauslöschbaren Erinnerung (und Würdigung), nicht mit Small Talk und Schulterklopfen schmälern.

Wir sind wieder in dem mehrfach ins Spiel gekommenen Flachdachbungalow, es ist die Vorweihnachtszeit, die Sechziger Jahre haben nur noch drei Samstage vor sich, dann sind sie Geschichte. Im Partykeller hängen die Lampions jener Ära sturmfreier Buden, auf dem Plattenteller dreht sich der einzige grossartige Song von Iron Butterfly. Sylvia ist noch das blühende Leben und besorgt den Punsch, Manfred (der Bruder) schwärmt von Ten Years After, ein Raum voller Junghippies, die Girls haben noch Namen wie Sabine und Angelika, irgendwann singen Eric Burdon and the Animals vom „House of the Rising Sun“, die meisten werden den Wehrdienst verweigern, ein Mädchen wird bald schwanger sein und abtreiben. Jeder hat eine Lieblingsgruppe und ein Geheimnis.

 
 
 

 

2016 15 Nov

The Labyrinth Of A Straight Line

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In einer unendlich verzweigten Szene, voller Stilbrüche, Seitenwege und Sundowner, bleibt vieles verborgen. Es ist interessant, wie eine Generation, die einst für Aufbruch stand, ein ums andere Mal die Nostalgiekarte zieht, auch wenn einstige Meilensteinsetzer lange schon in der Beschaulichkeit angekommen sind. Meister ihres Fachs, die bis zum Schluss kleine Beiträge zur Abteilung ars longa abliefern, sind uns zum Glück lang erhalten geblieben, dieses Jahr machte es, mitunter, schmerzhaft deutlich.

Aber abseits der einsamen Klasse jüngster / letzter Werke von David Bowie, Leonard Cohen, Brian Eno, Paul Simon oder Nick Cave gibt es eine andere Unterwelt, reich an entlegenen Klängen, die, wenn sie überhaupt eine Historie anzapft, dann eine verwitterte, die aus Drogenkulturen und politisch-spirituellen Kraftfeldern der Sechziger Jahre, aus Feldaufnahmen und Zeitreisen hervorgegangen ist, von der Klanggewalt  alter britischer Lokomotiven bis zu elektronischen Jenseitsbildnissen (David Behrman), von alten Trickfilmmusiken bis zu javanischer Geistermusik, von wilder Roots-Musik aus den Appalachen bis zu diversen unortbaren „X-Files“, klassifiziert als „Exsurrealist“, „Dubhousing“, „Doom“ und „Strange“.

Der dreizehnte Manafonista schreibt derzeit in Cleveland, Ohio, an dem Buch dieser Geschichte. Es darf durchaus der Punkt erreicht werden, in der Schreiberei über Musik, wo die Fakten Traumland betreten, Grammophone wie von Geisterhand anspringen, und ein lang unentdeckt gebliebenes Stück von „Neu!“ in einer Krefelder Diskothek den Boden unter den Füssen wegzieht.

Solange nichts von alledem allerweltstauglich verbogen wird, in falschem Schönklang erstarrt, zu guter alter Psychedelik erklärt wird, taucht  aus dem Nichts, gleichsam unermüdlich, ein Underground nach dem andern auf,  wie etwa The Labyrinth Of A Straight Line von Cindytalk, ein Werk, das am 9. Dezember bei „Editions Mego“ erscheinen wird.

 
 
 

 
 
 

„The Labyrinth of the Straight Line“ is a compilation of chimerical poetry. Ambiguous haikus of agony, melancholy, obscurity and dissensus are unfolding over time. Walking on the shapeshifting paths of transgression, on the search for new realities since the early 1980’s, Cindytalk’s latest release pays homage to their industrial roots, comprising brutalist outbursts in abstract sceneries of beauty and abysmality.

As surreal and introspective as a film by Jean Cocteau, as labyrinthic and enigmatic as a story of Borges, Cindytalk succeeds in spatializing subjectivity. These introverted detournements follow the logic of dreams and form the unsettling soundtrack of an unresting mind. The outcome can be abrasive and balearic at times, but also delicate and melancholic. ‚The Labyrinth Of The Straight Line‘ forms an alphabet of dark and obscure detachment. Acid shivers of a body without organs and convulsive pumps of arteries alternate with poignant murmurs of the past that dissolve in tender shades of hushed despair and graceful debris.

We find ourselves in spaces with walls crumbling down or concaved by glazed mirrors terrorizing the claustrophobic body. From time to time we can hear a disembodied voice, speaking soft and clear like a narrator from a different reality.

Sonic psychogeography between somnambul dark ambient, claustrophobic post-industrial and nightmarish techno. Delightful sketches of escatology.

 
 

Sweet Dreams!

2016 22 Okt

Voodookind

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John erinnerte sich an das Candomblé-Fest in Salvador. Grit war vor dem Tempel stehengeblieben, nicht aus mangelndem Mut, sondern aus Respekt vor den Ritualen dieser afro-brasilianischen Religion – einer weissmagischen, christlich gefärbten Variante des Umbanda-Kultes, dem Voodoo verwandt. Man hörte dort Musik, die er nie vergessen würde: eine kleine Band, nur aus Perkussion und Bläsersatz bestehend, spielte mit geradezu animalischer Power. Ein bisschen mulmig war ihm schon zumute gewesen, als er inmitten der Teilnehmer Platz genommen hatte und bald darauf der erste Eingeweihte aus dem Tanzkreis in eine Trance verfiel und herausgetragen wurde. John fühlte sich zunächst sicher, bis dann aber die kleine Tochter eines amerikanischen Touristenpaares, das am Rande des Geschehens, im Eingang des Tempels stand (der Vater im Hawaiihemd und mit der Weitwinkelkamera vor dem Wohlstandsbauch), in wilde Zuckungen geriet. Und noch etwas geschah: der neben John sitzende schwarze, junge Brasilianer – wie alle anderen einheimischen Gemeindegäste feierlich in Weiss gekleidet – rutschte von seinem Sitz und ein schwarzes Loch, wie ein unendlich tiefer Brunnen, der mit seinem Sog ins Jenseits lockte, tat sich stattdessen auf. John hielt sich am Stuhl fest, konzentrierte sich auf die Kräfte des Guten, während Grit, von draussen durch ein Fenster in den terreiro blickend, nur verständnislos den Kopf schüttelte: Wie kannst du nur da drinnen bleiben! Es war wohl die Nähe zum Ungeheuren gewesen und ein Urvertrauen, das ihn begleiten würde durch diesen fremden Kontinent.


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