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Archiv: Walter Bachauer

 
 

 
 

Wenn ich ins Filmtheater gehe, suche ich einen Platz in der Mitte des Raumes. Meistens habe ich dann freie Sicht auf die Leinwand, sie erscheint so groß, dass man nicht alles gleichermaßen im Blick hat, die Augen können und müssen im Bild wandern und seit Jahren kommt der Schall nicht nur von vorne, sondern von allen Seiten. Ich bin ja froh, dass die meisten Besucher andere Gründe für ihre Platzwahl haben.

Bei vielen Filmen, die ich im Kino anschaue, verlasse ich als letzter den Saal, so etwa bei Wiplash oder The Revenant. Schuld daran ist die Filmmusik. Die Namen der vielen Mitarbeiter ziehen vorbei ohne dass ich mich bemühe, sie mir zu merken. Aber es passiert hin und wieder, dass ein Name aufhorchen lässt – wenn ich das so sagen darf.

 
 
 

 
 
 

Heute wird Philip Glass 80 Jahre alt. Deshalb habe ich vor einigen Stunden Koyaanisqatsi wieder gesehen, am Bildschirm. Der Film verdankt seinen andauernden Ruhm nicht nur, aber auch der Musik von Philip Glass. Andererseits hat in den frühen 80er Jahren gerade dieser Film die Popularität des Komponisten Glass außerhalb des Kreises der Minimal Music Kenner beträchtlich gesteigert.

In den letzten 35 Jahren hätte ich auf die Frage nach Godfrey Reggio passen müssen. Dass Walter Bachauer als Music Consultant und als Dramaturg Anteil nahm, weiß ich erst seit der Lektüre eines Essays von Walter Bachauer, erschienen in

 
MusikTexte – Zeitschrift für Neue Musik Heft 3, Februar 1984

Verlag MusikTexte Köln

Postfach 190155, 50498 Köln

 

Dieser „Filmreport“ dürfte nur für jene von Interesse sein, die den Film Koyaanisqatsi schätzen und gelegentlich wiedersehen. Ich darf ihn mit freundlicher Genehmigung von Gisela Gronemeyer (Verlag MusikTexte) hier vorstellen. Wegen seiner Länge erscheint er in der Kommentar-Rubrik.

 
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Dieses alte vergilbte Adress-Register ist mir vor wenigen Tagen in die Hände gefallen. Dass es noch vorhanden ist, hätte ich nicht gedacht. Freilich habe ich darin geblättert und unter den vielen, längst nicht mehr passenden Adressen und Telefon-Nummern, einige gefunden, die – wenigstens mir – eine kleine Geschichte erzählen. Ich klappe auf bei Buchstabe E.

 
 
 

 
 
 

Darin steht die immer noch aktuelle Telefon-Nummer des Café Einstein, darunter die private Nummer von Walter Bachauer. Hm, ich war ganz selten in Berlin, im Café Einstein nur ein einziges Mal. In Kronach kannte man das Café Helbig, aber das Berliner Café Einstein doch nicht! Ich wusste von seiner Existenz aus Bachauers RIAS-Sendungen Musicarium und Avantgardemagazin. Ja, ich erinnere mich, ich muss im Einstein wohl nach Bachauer gefragt haben. Man hat meine Adresse notiert und mir über viele Jahre das Kultur-Programm des Caféhauses zugesandt.

 
 
 

 
 
 

Der Name des Hauses hat weder etwas mit dem Physiker Albert Einstein noch mit dem Berliner Schriftsteller Carl Einstein zu tun. Er wurde gewählt in Anlehnung an Philip Glass’ Oper Einstein on the Beach. Das habe ich in einem Buch über die Geschichte des Kaffeehauses gefunden (Autorin Kirstin Buchinger). Zudem habe ich die Tage Internet-Suchportale befragt. Bei Focus Online wurde ich fündig.

 

So richtig alt ist das Café Einstein in Berlin gar nicht. Aber wer die Villa aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts betritt, wird sofort in die Ära der großen Kaffeehäuser in Wien versetzt. Eine Zeit, als Künstler und Intellektuelle in Cafés heiß die neuesten Nachrichten diskutierten und man ungestört ganze Tage dort verbringen konnte – wohlgemerkt ohne den Druck, ständig ein neues Heißgetränk bestellen zu müssen.

Dabei ist das Einstein eher das Zufallsprodukt eines Spaziergangs. Die Legende geht so: Das Ehepaar Ursula und Walter Bachauer aus Graz spazierte in den 70er-Jahren die Kurfürstenstraße entlang und verliebte sich in die verwahrloste Villa, dem einstigen Haus des Stummfilmstars Henny Porten. Der letzte Besitzer dieser Residenz war ein jüdischer Bankier gewesen, der sich angesichts der drohenden Enteignung umbrachte. Und weil das geteilte Berlin keine guten Cafés besaß, kaufte das Paar zusammen mit einem dritten Österreicher das Haus, renovierte es liebevoll und eröffnete ein Kaffeehaus. Stilecht mit lederbezogenen Bänken, Thonet-Stühlen, Marmortischchen auf gusseisernen Dreifüßen und einer langen Theke wurden die hohen, lichten Räume ausgestattet.

 

Leider habe ich keine der Veranstaltungen im Café Einstein besucht. O ja, da gab es viel zu versäumen, etwa Terry Riley. Ein paar RIAS-Mitschnitte sind mir geblieben …

 
 
Terry Riley, Live im Café Einstein

 

 
 
 

Storytelling Time

 

In den letzten Tagen sind viele Geschichten hier veröffentlicht worden. Ich möchte eine hinzufügen, eine von Walter Bachauer. Sie ist im Katalog des Metamusik-Festivals Berlin, 1974 & 1976 zu finden. Eine Suche im iNet nach dieser Story würde bis dato jedoch erfolglos bleiben. Man muss schon den gründlich vergriffenen Katalog im Bücherschrank stehen haben. Im Jahr 1976 war das Hauptmotiv des Festivals die musikalische Kraft, die auf der Kehrseite des Meditativen wirkt, der geschlagene Rhythmus, die Percussion. Im Rahmen dieses Programms ist das Ghana Dance Ensemble aufgetreten.

 

In der Londoner Ghana-Botschaft beantrage ich vergeblich ein Visum. In meinem Paß steht „Journalist“. Ein dicklicher Beamter gibt mir zu verstehen, daß „solche Leute“ nur mit Genehmigung der Regierung nach Accra reisen dürfen. Das dauere üblicherweise drei Monate. Ich fliege dennoch anderntags nach Afrika. Die Ghana-Botschaft im senegalesischen Dakar weiß nichts von der Sonderstellung „solcher Leute“ und stempelt das Visum ein. Aber Ghana erweist sich als Dickicht für einen, der Musik auf den Dörfern sucht. Ich fliege zu einem Festival in die nördliche Provinzhauptstadt Kumasi und fahre mit dem Rover die Küste ab. Fröhliche, sicherlich unverfälschte Musik überall – aber: jeder Marktflecken in diesem Land ist stolz auf „seinen“ Rhythmus, „seine“ Lieder. Die lokalen Gruppen sind stets nur einer musikalischen Gattung Untertan, einem besonderen Set von Instrumenten. Ihre Leittrommeln sprechen die Phoneme der Ewe oder Ga oder Ashanti, ja die Vielheit der Sprachen in diesem kolonial-synthetischen Staat fächert die Musik in tausend eifersüchtig gehütete Facetten. Gemeinsam ist ihnen nur die Definition des musikalischen Inhalts nicht durch Melodien, sondern Rhythmen. Hebungen und Senkungen der percussionistischen Poesie sind identisch mit Hoheitsemblemen von kleinen und großen Potentaten. Ein abendfüllendes Programm, das europäischen Ohren auch nur Bruchteile solcher Fülle zeigen will, müßte ein Dutzend Gruppen zu einem sicherlich schauderhaften Musikzirkus summieren. Die Sache scheint äußerst verfahren und der Aufwand all der Touren durch aufgeweichte Waldtracks und armselige Wellblechsiedlungen umsonst.
Wieder in Accra suche ich die Diskussion über einen Ausweg mit dem renommiertesten Musicologen Afrikas, Kwame Nketia, graue Eminenz des ‚Institute for African Studies‘ an der Universität Legon. Schon bei der Einfahrtskontrolle zum weitläufigen Legon-Campus höre ich Trommeln. Der Wind trägt ihren Klang weither. Es sind Dondos, uhrglasförmige Haussa-Instrumente, deren Tonhöhen sich mit dem Druck der Oberarmmuskel modulieren lassen. Ein charakteristischer Sound, ganz ungewöhnlich für die Region hier im Süden. Ich vergesse Nketia und gehe der Musik nach. Neben den Wegen aus ziegelrotem Lehm, zwischen weit verstreuten niedrigen Gebäuden, blühen Bäume in jeder Schattierung von Orange. Die Haussa-Trommeln spielen in einem Barackenhof: Nketias Institut. Doch der Professor ist nicht da. Seine Studenten, die mir wie eine Compagnie ausgewählter Gestalten aus allen Regionen Ghanas erscheinen, machen sich offenbar einen freien Nachmittag mit Musik und Tanz. Doch der joviale Musikmeister Opoku klärt mich auf: dies sei Unterricht. „Wir sind keine wissenschaftlichen Buchhalter, die Musik aus dem Volk in irrelevante Notenbilder transkribieren, wie ihr das in Europa macht. Wir sind ein Ensemble, in dem die Musik weiter ‚leben‘ wird. Wissenschaft auf ghanesisch ist Praxis. Diese Studenten spielen nicht nur die wichtigsten musikalischen Genres unseres Staates, sondern halb Westafrikas, meist sogar besser als die Dorfmusiker, von denen sie lernen.“
Das „Ghana Dance Ensemble“ ist schon auf dem Weg nach Frankfurt, da erreicht uns ein Telex vom Flughafen Kairo, wo ein Stop für die Nacht vorgesehen ist. „Ghana Dance Ensemble wegen unzüchtiger Kleidung auf dem Gelände des Flughafens sistiert.“ Waren schwarzafrikanische Hüllen islamischer Moral nicht gewachsen? Nein, die Ägypter blufften. Und sie hatten gute Gründe. Fünfzehn schwarzhäutige Menschen vom Südrand der Sahara waren mit einem überbuchten Flug kollidiert. Man hat sie aus der startklaren Maschine geworfen, ihre Plätze weißen Touristen angewiesen. In Afrika, nördlich der Sahara.
 
Walter Bachauer

 
 

Am laufenden Band (5)

 
 

 

Diese Aufnahme wurde im RIAS am 29. März 1976 in Bachauers Sendung Musicarium vorgestellt, einige Monate vor dem Auftritt des Ghana Dance Ensembles beim Metamusik-Festival.

 

 
 
 
Katalog Metamusik-Festival Berlin, 1974 & 1976
 
 
A lost treasure, truly, denn bei einem Gang über die Marktplätze des Internets werde ich nicht fündig. Hinter einer verriegelten Tür – in Heidelberg – könnte man einen Blick darauf werfen.

Gut, dass das Buch schon eine Zeit lang in meinem Bücherschrank steht, ist es doch ein rares Dokument, in dem ab und an zu blättern und zu lesen sich lohnt. Walter Bachauer war Initiator dieses Festivals.

 

Metamusik

 

Nein, der Begriff ist keine Etikette für eine neue Schublade im musikalischen Sortiment der Zeit. Metamusik ist das genaue Gegenteil von Genre-Begrenzung, das „Meta-“ steht für „Über-„griff, für ein kasten-und kästchenloses Musikbewußtsein, dem die „Querlinien über der Weltmusik“ wichtig geworden sind. Als Titel über eine Serie von Konzerten bedeutet Metamusik nicht weniger als ein Programmkonzept, das thematischen Variationen unterliegt. 1974 war es der Einfluß Asiens auf Euroamerika, manifestiert in Meditationsklängen und mantrischen Melodieformeln, 1976 ist es die musikalische Kraft, die auf der Kehrseite des Meditativen wirkt, der geschlagene Rhythmus, die Percussion.

 

Walter Bachauer in: Metamusik-Festival 1 und 2, Berlin 1974 und 1976

 
 


 
 
 
1974 – Terry Riley / Tibetische Mönche des Gyuto-Klosters
 
 
 

 
 
1974, 15. Okt. – Steve Reich and Musicians
 
 
 

 
 
 
1976, 8. Okt. – Steve Reich “Music for 18 Musicians” (Europ. Erstaufführung)
 
 
Wie kommt es, dass Tibetische Mönche in Europa auftreten?
 

Die Fahrt beginnt in Pathankot, einer staubigen Stadt noch in der Ebene. Der bunt bemalte Bus, unterteilt von harten Holzbänken, windet sich im ersten Gang durch die Vorberge des Himalaya. Manchmal hält er an einem Wasserrohr, das aus dem Felsen ragt. Man sieht die Straße ganz hoch oben in einer Wand und kann sich nicht vorstellen, jemals dort anzulangen. Wenn Kurven auf künstlichen Trassen aus dem Berg hängen, sieht man, daß die Stützmauern, längst verwittert wie der Stein rundum, nur noch eine begrenzte Zahl bunter Busse verkraften werden. Daß sie diesen noch passieren lassen, indische Denkart wird daran nicht zweifeln. Nach acht Stunden kommen wir in Daramsala an. Es sind zwei Orte. Am Fuß des Berges wohnen Inder, auf dem Gipfelplateau Tibeter. Unten Hindus und Moslems, oben Buddhisten. Auf dem zentralen Platz von Upper Darashala drehen sich jede Stunde des Tages die bronzenen Gebetsmühlen mit der Prägung OM MANI PADME HUM. Jeder, der vorbeikommt, versetzt einen der Metallzylinder in Drehung. Hier residiert der Dalai Lama, weltliches und geistliches Oberhaupt aller emigrierten Tibeter, auf einem vorgeschobenen Hügel, außerhalb der Siedlung. Im Hotel Kailash, dem einzigen hier, miete ich ein Zimmer. Es ist von anderen Zimmern durch Bretter mit großen Fugen getrennt. Man wirft sich gutnachbarliche Blicke zu. Eine Woche warte ich auf die Audienz beim Dalai Lama. Ich will ihn bitten, Mönche des Gyuto-Klosters nach Europa reisen zu lassen und ihre esoterischen wie geheimen Rezitationen fremden Ohren preiszugeben. Der Dalai Lama entscheidet zu Gunsten der Reise und entläßt mich mit einem weißen Schal, der dem Bittsteller Segen verspricht. Das Gyuto-Kloster liegt in einem anderen Himalaya-Tal, nur auf dem Umweg über die Ebene zu erreichen. Oben in Dalhousie stehen Hotels im viktorianischen Stil, gebaut von Engländern, die das Wüstenklima der Gangesebene nicht ertrugen. Doch das Gyuto-Kloster bleibt unauffindbar in dieser Siedlung auf sieben verschiedenen Hügeln, deren Flanken in steile Täler führen.
„Die Klöster liegen höher in den Bergen, aber wir wissen so gut wie nichts über ihre Bewohner“, erzählt ein Inder, der sich ausnahmsweise zu einer Auskunft herabläßt. Der Weg führt in dichte Wälder. Wenn sich die Bäume lichten, sieht man im fernen Violett die schneebedeckten Berge der vorgeschobenen Himalaya-Kette. Ich erkenne das Kloster an kleinen ausgeblichenen Fahnen, die im Winde wehen. Der Abt Tara Tulku und die Ältesten versammeln sich und bewirten mich mit Keksen und gesalzenem Tee, auf dem eine Schicht Butter schwimmt. Die potentielle Reise wird in Klausur beraten. Dieweil reicht mir der Klosterarzt einen großen Karton mit deutschen Medikamenten, die ein Tiroler Chirurg gespendet hat. Ich soll dem tibetischen Mediziner übersetzen, wofür die Pillen taugen. In langen heiteren Debatten verständigen wir uns über die anatomische Lage von Organen, oder vielmehr Begriffen wie „Leber“ oder „Niere“, die die tibetische Heilkunde nicht ganz so exakt definieren will wie die westliche. Mehr als die Hälfte der Präparate sind gegen Blutdruckkrankheiten, an denen Tibeter grundsätzlich nicht leiden. Nach Ende der Klausur fällt Tara Tulku sein Urteil. „Wir sind ein aussterbendes Volk und wollen unsere Lehre weitergeben. In Europa werden wir Freunde gewinnen, auch wenn sie Text und Musik unserer Zeremonien nicht verstehen können. Und überdies schützt uns ihr Unverständnis vor dem Verrat jener wahren esoterischen Geheimnisse, die mit uns vergehen werden.“
 

Walter Bachauer in: Metamusik-Festival 1 und 2, Berlin 1974 und 1976

DRUMMING

 

Das Berliner Festival des Sommers 1972 – von Walter Bachauer initiiert nach dem Vorbild von Hans Ottes „pro musica nova“ – präsentierte Steve Reich and Musicians mit Drumming. Der RIAS und SFB nahmen auf. Im Mai 1973 sendete Bachauer diesen Mitschnitt im Avantgardemagazin. Ich saß vor den Lautsprechern, und mein Revox A77 lauschte mit. Meine Eindrücke sind nicht zu beschreiben – eine unerhörte, eine nie zuvor gehörte Art von Musik …

 
 
 

 
 
 

Das Tonband ist verschollen, nur meine Notizen in der Tonbänder-Kladde existieren noch. Im Jahre 1974 erschien bei der Deutschen Grammophon Gesellschaft jene legendäre 3-LP-Box, die Steve Reichs Bekanntheit enorm förderte. Zum 80. Geburtstag Steve Reichs in diesem Jahr gab es ein 180g-Vinyl-Reissue dieser Box. Weil das Booklet meiner 1974-Ausgabe verloren gegangen ist, habe ich die Wiederveröffentlichung erworben. Das neue Beiheft enthält erstaunliche Ergänzungen …

 

By 1974 Steve Reich was emerging from what one music critic called „that underground pantheon where he was installed as composer in residence to the young and initiated“, going on to say that Deutsche Grammophon had now „produced the album which [brought] Reich above ground“: the 3-LP set of Drumming, Six Pianos and Music for Mallet Instruments, Voices and Organ. The album, recorded in Hamburg in January 1974, had been released in the autumn of that year (early 1975 in the US). The history of its inception, however, goes back to May 1972, and is richly documented in a remarkable series of letters, telexes, telegrams, internal memos and protocols preserved in a Deutsche Grammophon A & R file – including no fewer than 46 letters from Steve Reich himself, mainly addressed to his producer Dr. Rudolf (Rudi/ Rudy) Werner.
 
aus dem Beiheft zu
Drumming, Six Pianos, Music for Mallet Instruments, Voices and Organ
DGG 479 6310

 

… und weiter mit

It was Walter Bachauer, the director of avant-garde music at the Berlin Festival, who first recommended Drumming to Rudolf Werner in a letter of 11 May 1972 …
 
 
 

 
 
 
On 31 May Bachauer sent Werner a tape of Drumming, Reich’s tour plan and the Berlin Festival programme. Reich was to be in Berlin from 6 to 11 July; he and Werner first met up there.

 

Das kann nur ein Band eines frühen New Yorker Mitschnitts gewesen sein.

Hans Otte ist ein beinahe Unbekannter
 
 
ein kaum bekannter Pianist
es gibt Aufnahmen mit dem SWF-Sinfonieorchester und den Berliner Philharmonikern

ein kaum bekannter Komponist
sein bekanntestes Werk ist DAS BUCH DER KLÄNGE für Klavier

Herbert Hencks 1999 erschienene ECM-Einspielung dieses 12-teiligen Klavierzyklus hat die Erinnerung an einen unterschätzten Komponisten lebendig erhalten.
 
 
 

 
 

Auf dem kompositorischen Weg des 1926 geborenen Hans Otte scheint es keine kontinuierliche stilgeschichtliche Entwicklung zu geben.

Beiheft Zeitgenössische Musik in der Bundesrepublik, Vol. 5

 

Man hat keine Chance, diese Feststellung profund zu überprüfen. In Heft 17 der MusikTexte vom Dezember 1986 findet man neben einem überraschend umfangreichen Werkverzeichnis eine nur schmale Diskographie. Das ist bis heute so geblieben. Das widerspiegelt auch meine Tonträgersammlung. Neben einer Aufnahme von Das Buch der Klänge / Stundenbuch – gespielt von Hans Otte – ruhte viele Jahre eine Aufnahme von passages (1965) für Klavier und Orchester ungehört.
 
 
 

 
 
 
Die New Music aus Amerika kam in zwei Wellen. In den 50er Jahren war es der Kreis um John Cage, der die festen Burgen des europäischen Serialismus erschütterte.

In den frühen 70er Jahren fand die amerikanische Minimal Music essentielle Unterstützung in Deutschland. Die New Allies waren zahlreiche Kulturträger Westdeutschlands, allen voran die Rundfunkanstalten.
 
 
Die Festivals „pro musica nova“ und „pro musica antiqua“ in Bremen
 
 
Hans Otte gehörte zu den Neuen Verbündeten der American Experimental Music und war dazu ein Förderer der Alten Musik, ganz besonders der damals noch jungen historischen Aufführungspraxis. Nikolaus Harnoncourt hat ein erstes entscheidendes Podium in Bremen gehabt. 1959 war das Jahr, in dem Hans Otte die Leitung der Musikabteilung von Radio Bremen übernahm.

Als ich 1959 nach Bremen kam, hab‘ ich mir einfach das Konzertleben der Stadt angeschaut, und das war ja, wie man weiß, sehr traditionsbeflissen. Es waren in erster Linie eben die Philharmonischen Konzerte für klassische und romantische Musik da, dann gab es ein reges Kirchenmusikleben. Was der Stadt also meiner Meinung nach damals fehlte, war die gesamte alte Musik, vom Mittelalter bis zur Renaissance und in das Barock hinein, was der Stadt fehlte, war die Kenntnis der neuen Musik, und was der Stadt ebenfalls fehlte, war das, was man Informationen über die außereuropäischen Musikkulturen nennen kann. Also habe ich ein Festival für alte Musik aufgebaut und eins für neue. Im Zusammenhang mit anderen Festivals in Berlin, Rennes und München war es möglich, als Ergänzung auch immer mehr außereuropäische Musikensembles nach Bremen zu holen. Es war eigenttlich eine Liebeserklärung an Bremen, eines Tages sollte jeder wissen können, was auf dieser Welt musikalisch existiert. (Bei Pro Musica Nova) ging es darum, durch das Festival darüber zu informieren, was die mittlerweile längst schon arrivierten Komponisten der Welt denn gerade machen: Stockhausen, Cage, Boulez. Kagel. Ligeti und so weiter. Dann gab es natürlich die vielen ganz jungen Komponisten, die wir hier vorgestellt haben.

MusikTexte 17, 33

Ungewöhnlich detailreich, fast möchte man glauben lückenlos, wird in New Music, New Allies Hans Ottes Wirken in Bremen beschrieben, ein Engagement, das weit über die Hansestadt hinaus ausstrahlte. Und hier kommt Walter Bachauer ins Spiel, der am 3. Dezember 1971 der Uraufführung von Drumming im Museum of Modern Art, New York beiwohnte – am 3. Dezember 2016 wäre Hans Otte 90 Jahre alt geworden.
 

In the audience at Otte’s legendary 1972 festival sat a RIAS employee named Walter Bachauer (1942-1989). In July 1972 he hosted a similar eight-day series of avant-garde concerts in West Berlin (11-18 July), subtitled „Spiel, Klang, Elektronik, Licht.“ For this ambitious event, Bachauer took advantage of the European tours of Cage, Tudor, and Reich and other Americans like Feldman and Rzewski who resided in Europe that summer. Following Otte’s plan, Bachauer presented concerts as well as exhibitions, tape demonstrations, and three seminar series. […] Like Otte, Bachauer framed his festival with Cage and Tudor, who gave the first concert as well as the last. Three concerts featured works by Feldman. […] Many critics agreed that for better or for worse, Reich’s Drumming stole the show.

New Musik, New Allies, 184

 


 
 
 

Der Dezember 1971 ist in New York C. überaus kalt. Frierend pendle ich zwischen den Protagonisten des Manhattan-Avantgarde-Undergrounds und werde immer überzeugter, daß Europa eine Generation von Komponisten dieser Stadt einfach nicht zur Kenntnis nimmt. Die jüngste, diejenige, die dem eurozentrischen Weltbild all dieser „Ästhetiker“ nicht hörig ist, jene, die nicht den „Staten Island Serial Stile“ schreibt. Am letzten Tag vor dem Abflug nach Los Angeles vertreibe ich mir die Zeit im Museum of Modern Art. Am schwarzen Brett hängt ein Plakat: „Steve Reich: ‚Drumming‘. Premiere“. Die Anzeige bezieht sich auf den kommenden Abend, auf das Keller-Auditorium des Museums. Ich verspäte mich und der Saal ist übervoll. Während unzähliger Wiederholungen immergleicher Melodiebruchstücke fühle ich zuerst argen Widerstand gegen „Monotonie“. Aber der Versuch eines rationalen Einspruchs scheitert an der fast automatischen Veränderung meiner Wahrnehmung. Ich bemerke, wie auch andere Leute in ihre Sitze fallen, als würde die Energie der Musik eine besondere Position des Körpers verlangen. Als stünde ein ungeheuerlicher Start bevor. Ich falle in einen Traum von Sonnenaufgängen. Irgendwie folgen sie den Wellen von Aufbau und Zerstörung in den Rhythmen der Musik, die dort vorn mit einem präzisen Gleichmut geschlagen wird. Doch auch den Zusammenhang zwischen Klängen und Farben der inneren Bilder kann ich nicht verfolgen. Begonnene Überlegungen werden weggespült, die synästhetischen Träume reißen alles mit sich. Es ist, als würde ich rückwärts fliegen, in einen Strom bunter Partikel ohne Angst fallen. Der Strom versiegt nach 83 Minuten mit dem Finale der Musik. Jetzt fällt mir ein, daß ich ähnliche, von farbigen Linien erfüllte Räume in einem Film Stanley Kubricks sah. Als ich mit dem japanischen Komponisten Makoto Shinohara das Museum verlasse, finde ich Vergnügen bei dem Gedanken, daß die musikalische Utopie stets noch unkalkulierbar und jäh aus den Kellern kommt. Shinohara und ich sind bester Laune, als uns auf der 53th Street zwei schwarze Boys links und rechts überholen. Sie machen kurzen Prozeß und erbeuten grinsend 20 Dollar. Shinohara rühren sie nicht an. Er ist in ihren Augen „farbig“. Die Boys laufen zum nächsten U-Bahn-Eingang und schreien dabei die verdutzten Passanten an. Ich verstehe nur  “ …  Power … . „

 

Walter Bachauer in: Metamusik-Festival 1 und 2, Berlin 1974 und 1976

 
 

Walter Bachauer hat am Abend des 3. Dezember 1971 der ersten Aufführung von DRUMMING beigewohnt. Eine Begegnung mit Folgen …

 
 
 

 
 

aus „List of Works“ in: Steve Reich, Writings about Music 

 

Clara Mondshine ist ein einzigartiger Name, unauffindbar in Telefonbüchern und Einwohnerverzeichnissen – ein Kunstname, ein Künstlername. Dass Bachauer Clara ist, wurde nicht geklärt als ich zwei- oder dreimal Musik von Mondshine im RIAS hörte.
Im Juli 1988 lief mein Cassettendeck im Aufnahmemodus.

 
 

clarvis1o

 
 

Am laufenden Band (4)

 

 

(Sendung RIAS am 8. Juli 1988 – Moderation: Hildegard Curth)

 

Ocean of Tears

The Final Ritual

 

Bachauer mochte die Musik von Eno.

Diese drei Personen sind am 5. Oktober 1974 beim Metamusik-Festival in der Nationalgalerie Berlin aufgetreten. British Rock of the Avantgarde hieß die Veranstaltung. Da war es nicht mehr lange hin zu ANOTHER GREEN WORLD
 
 
 

 
 
 
In der Retrospektive der Metamusik-Festivals 1 und 2 (veranstaltet von den Berliner Festspielen und dem Berliner Künstlerprogramm des DAAD in Verbindung mit RIAS Berlin) werden zahlreiche Veranstaltungen in Wort und Bild beschrieben und mit Rezensionen aus renommierten Zeitungen bedacht, nicht jedoch der Auftritt von Nico, John und Brian. Ein Review dieser denkwürdigen Veranstaltung kann man hier finden.
 
 

Am laufenden Band (3)

 


 
 

Walter Bachauer
Abreise ins südliche Blütenland – Die Avantgarde auf dem Weg zur Popularität

(Sendung RIAS am 26. Juli 1982)


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