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Archiv: Steve Erickson

2017 6 Feb

Dub Housing

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“Isn’t it weird when that happens?‘ says Zazi. ‚It’s like the first time I heard the second Pete Ubu album and thought it just blew completely, I thought anyone who liked it must be stupid and full of shit–and then for about a year it was practically the only album I listened to. It was the only album that made any sense at all. So why does that happen? The music hasn’t changed. The movie hasn’t changed. It’s still the same exact movie, but it’s like it sets something in motion, some understanding you didn’t know you could understand, it’s like a virus that had to get inside you and take hold and maybe you shrug it off–but when you don’t it kills you in a way, not necessarily in a bad way because maybe it kills something that’s been holding you back because when you hear a really great record or see a really great movie, you feel alive in a way you didn’t before, everything looks different, like what they say when you’re in love or something–though I wouldn’t know–but everything is new and it gets into your dreams.”

― Steve Erickson, from his novel Zeroville

Würden Sie ein Buch kaufen, das Ihnen jemand so beschreibt: „… verzweifelte Existenzen werden zu Sinnsuchern … Mechanismen der Traumlogik … verstörendes Stück Literatur … liest sich wie ein Traumtext …“? Diese Fragmente hatte ich notiert, sie liegen immer noch in dem Buch, das ich damals sofort bestellt hatte, ohne zu recherchieren. Das war vor zwölf Jahren.

 
 
 

 
 
 

„Festgebunden am Mast meiner Träume, bevor auch noch dein letzter Strick reißt – so will ich dich haben.“ Der erste Satz. Kristin lacht. Mit diesem Satz begann die Stellenanzeige, die der Bewohner inseriert hatte. Ein Bild, das seine oder ihre Vergangenheit oder Zukunft durchzieht. Ich hatte bis Seite 70 gelesen und auf Seite 71 abgebrochen, vor zwölf Jahren. Maybe too hard stuff.

Unsere zahlreichen Manafonistas-Psychologen werden das Phänomen erklären können. Du nimmst ein Buch in die Hand, brichst es nach einer halben Seite ab und zwölf Jahre später verschlingst du den Text oder – so ist es bei mir – du genießt langsam Seite für Seite, manchmal Satz für Satz, manchmal ein Wort, und hast das Gefühl, dir ist eine Menge an Lebensgefühl verloren gegangen, weil du damals nicht dabei geblieben bist. Bei Jürgen Ploog ging es mir genauso. Beim Raumagenten. Da verschieben sich auch die Synapsen.

Strange days have found us. Ich mag es, wenn in Büchern Schallplattentitel genannt werden. Auch Lektüreerfahrungen. Deshalb hab ich die bunten Zettel eingeklebt. Und wie diese Songs zur Atmosphäre passen, die Geräusche auch, étude d´exécution. Wenn Sie irgendeinen Geschmack ausgebildet haben, werden Sie letztlich immer feststellen, dass Ihre liebste Musik und Ihre Bücher, die Filme, und alles, alles zusammenpasst. Und alles sich abgrenzt. Thomas Bernhard mochte Thomas Mann nicht. Neither I do. That way.

 
Tracklist:

  1. The Jesus and Mary Chain: April Skies
  2. Industrial Rave (was ist das denn? kann mir jemand Titel nennen? MW)
  3. Liszt: Études d´exécution transcendante
  4. Industrial Music (da fiel Steve wohl nicht mehr ein, eigentlich schade, wie wäre es mit Mika Vanio: Kilo? Die Platte erschien allerdings in diesem Jahr. Was gab es denn im Jahr 2002 an Industrial musik?)
  5. hey – und Audiokassetten mit indonesischen Gesängen, Surreal Bebop (?, MW), Gamelan-Regenlieder (?), Soundtracks von Dokumentarfilmen über den Krieg, Saint-Saens, Wasserglocken, jamaikanischer Dub, Funksignale der Polizei, Aufnahmen von Brüllaffen
  6. The Doors: Strange days have found us
  7. Chopin: Nocturne
  8. Jerome Kern
  9. The Yardbirds: Over Under Sideways Down
  10. Joy Division: Days of the Lord

 

Etwas annähernd Geordnetes zu schreiben, verbietet sich. Das Zeitalter des Nihilismus. Eine Zeitschleife? Hab schon oft gehört, dass all diese Creative Writing Kurse an angloamerikanischen Universitäten der Tod der Literatur seien. Von einem Professor oder Übersetzer wurde wirklich dieses Wort verwendet. Der Tod.

Zu Beginn der Jahrtausendwende schwappten erst Übersetzungen aus dem britischen oder amerikanischen Englisch auf den deutschsprachigen Schreibhandwerksmarkt, dann fingen die Deutschen damit an. Noch mehr Literatur, gebaut nach dem Baukasten oder Reißbrettprinzip. Sogar ein Ratgeber zum Gedichte schreiben arbeitet nach diesem Prinzip. Der Verfasser warf mir in einem Interview vor, nicht erklären zu können, was ein Gedicht ist. Sorry, ich kann es wirklich nicht. Aber ich erkenne es, wenn es gut ist.

Dieser Roman bricht mit allen Regeln. Wunderbar abgerundete Figuren erschaffen, ruft der Gott der Romanautoren, James N. Frey, die Wahl der Erzählperspektive, Definition von Spannung, und sogar: Was am meisten zählt, ist nicht das Talent. Bei Steve Erickson ist niemand hübsch im konventionellen Sinn. Faszinierende Muster-Vorbilder bauen sich ziemlich andere Biografien auf, ich kann mir kaum jemanden vorstellen, der sich mit diesen Figuren identifizieren könnte, doch, kann ich, aber das sind dann nicht die Leute, die ein Buch vom Fischer Verlag lesen, Erzählperspektive und Tempus verändern sich innerhalb eines Absatzes, es gibt kaum Dialoge (mostly Blocksatz, viele – eher konventionelle Leser klappen beim Anblick einer solchen Bleiwüste ein Buch sofort zu) und von einer geordneten Erzählstruktur kann keine Rede sein (aber von einer raffinierten). Alles gravitativ, sehr gravitativ.

Wer sich auf das Buch einlässt, wird tief in die Biographie verschiedener Figuren hineingezogen, der Sex ist nicht so gut und fast nie freiwillig. Und was hat meine Familie mit mir zu tun, auch wenn ich es gar nicht will? I fell into the arms of the Venus de Milo. Als ich ungefähr auf Seite 200, am Ende des zweiten Drittels des Romans, einen Zusammenhang erahne, überfällt mich die Angst, das Buch könnte jetzt langweilig werden. Bitte lesen Sie nicht nur nach Seite 71, sondern auch nach Seite 200 weiter. Strange days have tracked us down.

 

Neulich im Café, in dem ich auch am Abend noch das Frühstück der Woche bestellen kann. Allein schon dafür liebe ich dieses Café.

„Ich glaube, ich habe jetzt den besten Roman gelesen, den ich kenne.“

„Was?!“

„Ja, also, ich weiß gar nicht, wie ich das erklären soll. Ich könnte ihn dir zum Geburtstag schenken. Ähem, es geht allerdings etwas gewaltsam zu, und es geht auch um Pornographie.“

„Also, das wäre kein Problem.“
 

An unsere Thomas Pynchon-Lesegruppe: Der hat sich zu einem Statement hinreißen lassen, das auf dem Rücken des Buches abgedruckt ist. P staunte. Pynchon ist eher nicht so bekannt dafür, dass er sich öffentlich zu etwas äußert.

Inzwischen liegt Rubicon Beach auf meinem to-read-Stapel, das erste auf deutsch erschienene Buch von Steve Erickson. Interessanter scheint mir aber der Titel „Our ecstatic days“, der ist auch schon da. Dass nur zwei Romane Steve Ericksons ins deutsche übersetzt wurden und die an Wirtschaftlichkeit orientierte Verlagspolitik keine weitere Übersetzung zugelassen hat, finde ich nicht vollkommen unsympathisch. Es bedeutet auch Exklusivität. Nebelhörner im Black Clock Park.


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