Manafonistas

on music beyond mainstream

Du durchsuchst gerade das Archiv des Tags ‘Philosophica’.

Archiv: Philosophica

2013 20 Feb

Der gelbe Ginster

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: , | Kommentare geschlossen

Ich bin, aber ich habe mich nicht – darum werden wir erst. Dieser Satz von Ernst Bloch bleibt im Gedächtnis wie der des Descartes: cogito ergo sum. Sind das Melodie-Motive in einer Gesamtkomposition der conditio humana, die auf Selbstkonstitution verweisen? Wie aber finde ich mich, wenn wir uns noch nicht haben? Die Spur führt hier zu Hegel:

“Ein nicht-unglückliches Bewußtsein kann es bei Hegel nur geben, wenn das Individuum sich als Lokal der absoluten Reflexion begreift. Sobald die Reflexion in sich selbst den Sonntag der Geschichte herbeiführt, schließt sie den Kreis und ist daheim – ob in Ithaka oder Berlin-Mitte.”

Peter Sloterdijk schreibt das in seinen Zeilen und Tagen und bietet damit einen Zündfunken für die Erkenntnis: Ich bin auf meinem Weg. Souveränität bedeutet nämlich zunächst einmal Emanzipation von sklavischem Bewußtsein – und das Vermögen zur Reflexion als ein Akt der Betrachtung und Verneinung geht jeder Kommunikation voraus.

So verstehe ich die aktuelle Kritik an den neuen, digitalen Medien: Sie überschwemmen den Rezipienten und lösen das Cogito-Ego wieder auf, bevor es so recht geworden ist. Reduktion ist ja nicht nur eine musikalische Strategie (Peter Niklas Wilson), vielmehr eine für den gesamten Alltag: Simplify your life – Abstand nehmen, reflektieren, aussortieren.

Als Gegenpol zum Immermehr ressourcenschonend und lustvoll allem Wachstumswahn Paroli bieten – wer kennt das nicht: aufräumen, etwas von der Liste streichen, Dinge “erledigen” und ad acta legen, das hinterlässt ein Gefühl von Befriedigung und Befriedung. Denn im Mangel blüht der gelbe Ginster der Erleuchtung, wie Detlef Linke es einst nannte.

Wenn man Bücher nicht rezipiert und Platten nicht hört, als würde man etwa eine Schachtel Zigaretten aufrauchen, um sich dann am Automaten schleunigst neuen Stoff zu holen und wenn man kulturelle Dinge nicht abfrühstückt, als seien sie die Requisiten eines One-Night-Stands – sondern mit diesen Dingen eine dauerhafte Beziehung eingeht, immer wieder auf sie zurückgreifend, herumstöbernd, dann könnte auch die Literatur des Philosophen Byung-Chul Han ein idealer Begleiter sein. Der aus Korea stammende Autor schreibt in Kamikaze-kurzen, sehr präzisen Sätzen: weder ausschweifend noch allumfassend und hybrid, vielmehr aus einer östlichen Weltsicht heraus derart, dass der Leser zum Weiterdenken animiert wird. Es wundert nicht, wenn man vor Jahrzehnten schon beim dilletantischen, will sagen: genußvollen Versuch, das heideggersche Werk zu erfassen, auch diesen Autor zur Hilfe nahm und sich wunderte, welch frischer Wind einem in dessen Buch Heideggers Herz entgegenwehte. Han´s Bücher finden reichlich Anklang und er ist inzwischen wohl zum “Star-Philosophen” avanciert – so jedenfalls wurde er kürzlich in einem Beitrag der Fernsehsendung Aspekte genannt. Das mag daran liegen, dass sich aus einem ursprünglichen kontemplativen Kontext, der wenig zu tun hat mit der Übertragung oder Fortführung buddhistischer Traditionen in die westliche Hemisphere, eine kritische Abstandnahme herstellen lässt zur heutigen Lebensweise.

 

Video

2012 22 Nov

Zitat unter Wert

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags:  | 1 Kommentar

 
 

 

“Sansara ist gleich Nirvana. Alles, was Teil des Sansara ist, also alles, was uns quält und schlecht gelaunt macht – das alles, ohne jede Kompensation und Änderung, kann uns auch glücklich machen. Man muss nur den Gesichtspunkt und den Kontext der Betrachtung richtig wählen.” (Boris Groys)

 

Es gibt keine Welterfahrung ohne Vermittlung durch Symbolsysteme, ohne Vorstellung und den Willen zur Macht, die nicht Unterdrückung meint, vielmehr Zuordnung und Integration. Metaphern, Songs, Bücher, Erinnerungen … hilfreiche Markierungen, die die Eigenwelt vor Chaos und Auflösung schützen. Eine solche Form der Abgrenzung und Markierung ist auch das Zitieren. Es wirkt wie ein Katalysator, an dem sich Gedanken und Erfahrungen festmachen können. Der obige Gedanke entstammt dem Buch “Politik der Unsterblichkeit” – vier Dialoge mit dem Kulturphilosophen Boris Groys. Als ich es einen schönen Sommertages bei Zweitausendeins in Hannovers Lister Meile für weit unter Wert, nämlich gradmal drei Euro, erstand, war klar: das ist ein Schnäppchen und dabei keine Billigware. Groys hat das Wechselverhältnis von Wert und Müll untersucht. Wann kommt etwas ins Museum, wann findet man es auf dem Schrott? Viele, vielleicht alle Kulturwerte sind ja zeitlich limitiert. Das vorangestellte Zitat kommt mir oft in den Sinn, etwa wenn ein Missgeschick passiert und Dinge nicht so laufen wie gewünscht. Bald zeigt sich: Gutes kommt nicht nur durch Intention, sondern auch auf Nebenwegen. Mancher Verlust verwandelt sich in einen Vorteil oder man trennt sich von Gewohntem.

2012 9 Okt

Knacks! Und weiter gehts …

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags:  | Kommentare geschlossen

“Mit Ihnen ist das Leben interessanter!” Dieser an FBI-Agent Starling adressierte Gruß des Hannibal Lector im Film “Das Schweigen der Lämmer” liesse sich passenderweise auch dem Autoren und Fernsehmenschen Roger Willemsen übermitteln, der mit Redefluten und umstrittenem Schreibstil zwar zuweilen nervt, insgesamt jedoch recht unterhaltsam ist.

Speziell sein Essay Der Knacks war überhaupt das erste Buch, das unsereins gleich am Erscheinungstag aus der Buchhandlung holte und – zeitweilig untermalt von den Sylvian-Songs des Albums Snow Borne Sorrow – genüsslich rezipierte. Als es zu Ende war, las man es gleich nochmal von vorne. “There´s comfort in entropy” – selbst dem Verfall lässt sich Positives abzugewinnen, zumindest als beschauliches Studienobjekt.

Der Knacks sei der Übergang vom Werden zum Vergehen, schrieb ein Rezensent treffend. Vom Trauma unterschieden verläuft er als subtiler Wandel, ist eher physiologischer denn psychologischer Natur – so wie sich im zerbrochnen Krug schon vorher feine Risse bildeten: die berüchtigten Sollbruchstellen. Man hört´s dann am Klang: es schwingt nicht mehr, wird störrisch, spröde. Dieses Phänomen, das in Literatur und Musik sein Echo findet, wirkt in jeder alternden Kreatur.

Wo Entropie ist, ist auch Evolution. Ein Mangel des Menschen ist es, das wissen die Buddhisten: er nimmt sich viel zu wichtig. Dem Diktum, er sei die Krone der Schöpfung, setzt man, grad angeknackst und auf den Gipfeln der Verzweiflung, gerne mal entgegen, die Schöpfung sei verfehlt. Doch von solchen Höhen folgt stets der Abstieg und auf jene unerträgliche Schwere folgt eine neue Leichtigkeit: a breeze, a change, a shift.

2012 13 Aug

Kraft des Innehaltens

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: , , | Kommentare geschlossen

 
 

 
 

Viel ist die Rede dieser Tage vom Ungemach der Leistungsgesellschaft, von Überforderung und Desintegration (Farewell To Multikulti) und von den Gefahren der digitalen Demenz. Passend zur Urlaubszeit im Folgenden ein Zitat zur Bekräftigung des Innehaltens – einer Potenz, die der Vita Activa das Vermögen zur Kontemplation entgegensetzt. Gemeint ist die Fähigkeit zur Abstandnahme und Abschlusshandlung – angesichts des Übermasses an Möglichkeiten und Beliebigkeiten. Die Sufis nannten das “Retreat”:

Ohne jene “abschließenden Instinkte” zerstreut sich das Handeln zu einem ruhelosen, hyperaktiven Reagieren und Abreagieren. Die pure Aktivität verlängert nur das bereits Vorhandene. Eine wirkliche Wendung zum Anderen setzt die Negativität der Unterbrechung voraus. Nur vermittels der Negativität des Innehaltens kann das Handlungssubjekt den ganzen Raum der Kontingenz durchmessen, der sich einer bloßen Aktivität entzieht. (Byung-Chul Han, Die Müdigkeitsgesellschaft)

Besser also wäre es, nicht immer gleich dem nächstbesten Projekt hinterherzujagen, in das unsere Wünsche und Pläne uns verstricken. “Wie´s frömmt, so´s kömmt!” – so die kritische Bemerkung eines Kunstprofessors zum erstbesten zu Papier gebrachten Einfall eines von sich selbst überzeugten Studenten. “Wer sich schon anschickt, Pinsel und Leinwand zu kaufen …” – gerne auch gedachten wir dieser Mahnworte des Joseph Beuys und seiner Honigpumpe am Arbeitsplatz, als wir jüngst die dOCUMENTA (13) in Kassel besuchten.

2012 14 Jun

Die Pille des schlauen Menschen

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: , | Kommentare geschlossen

 
 

 
 

Viele Bücher suggerieren, sie hätten Lösungen für Konflikte, die sie kunstvoll und metaphernreich beschreiben. Diese Bücher verkaufen sich gut, sie beleben den Markt. Manche behaupten gar, auch die Psychoanalyse sei eine Strategie von Pseudolösungen, ein “Tiefenschwindel”. Aber es gibt Unterschiede. Peter Sloterdijk schilderte in seinem klugen und witzigen Roman “Der Zauberbaum” (1987) Widerfahrnisse, die hinderlich sind, um sein Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Der Held heisst Jan van Leyden und der Name ist Programm. Es ist die fiktive Geschichte von Sigmund Freud, der auf seiner Wanderschaft in Frankreich zuzeiten der Revolution ein Phänomen entdeckt: den Magnetismus. So stellt er fest, dass die Vorstellung einer isolierten Ich-Identität den Menschen krank mache und körperlicher Kontakt Heilung bedeute. Während einer heilbringenden Seance vernimmt er eine mahnende Stimme:

“… Ja, Herr van Leyden, es ist so, wie sie fürchten … Sie sind noch nicht der richtige Mann für die kommenden Aufgaben, denn Sie haben nicht den Mut, Ihre Verrücktheit zu übernehmen und Ihre Aufgabe zu erfüllen. Die großen Aufgaben suchen sich immer ihre Verrückten, ohne diese geschieht nichts. Nur sie sind mutig genug, dem Traum einen Körper zu geben … Das ist Ihre Sache nicht. Für eine wirkliche Unternehmung zur Sabotage des Schicksals haben Sie nicht die Mittel, noch sind Sie zu weich, zu diffundierend, zu reaktiv, zu klug und zu zeugenhaft, um etwas Hilfreiches zustandezubrigen …”

Zu den interessantesten philosophischen Fragen gehört wohl die, ob wir überhaupt in der Lage sind, Entscheidungen zu treffen oder ob nicht vielmehr alles vorbestimmt, reaktiv und konditioniert sei. Der Sufi-Gelehrte John G. Bennett – wir erinnern uns an seine Stimme auf dem Sylvian/Fripp-Album Gone To Earth im Song “Upon This Earth” – schrieb ein Buch über Risiko als kreative Herausforderung. Gurdjieff nannte eine Methode kalkulierten Opferns “die Pille des schlauen Menschen”, zitiert in Ouspenskys Auf der Suche nach dem Wunderbaren.

2012 5 Mai

Foucaults Irrtum

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags:  | 1 Kommentar

Wenn einem gerade das Knie schmerzt, weil man aus Wut gegen die Waschmaschine trat, die unwuchtig im Schleudergang versagte, und keine HB griffbereit zur Hand liegt … dann greift man eben zur passenden Lektüre, die ermahnt und erinnert an die Vorzüge der Affektfreiheit und auch ansonsten gründlich aufräumt mit so manch falscher Vorstellung vom Glück. Nicht Selbstbeherrschung und Selbstentfaltung sind die Garanten dessen, wie uns der französische Philosoph Michel Foucault einst darlegte, sondern sondern die Aufgabe eines Glaubens an “das Selbst” und andere kontraproduktive Einbildungen. So erklärt es Robert Pfaller in seinem Buch “Die Illusionen der anderen”:

“Denn für Kyrenaiker, Kyniker, Stoiker, Epikureer und Pyrrhoniker geht es niemals um Beherrschung eines Selbst, sondern vielmehr um Beherrschung der Einbildung. Wenn darum der Begriff der Beherrschung, wie Foucault es tut, als Selbstbeherrschung aufgefasst und auf ein Verhältnis zweier Teile derselben Seele, etwa Platons Bild vom Gespann mit den zwei ungleichen Pferden, bezogen wird, dann verfehlt dies nicht nur die glücksphilosophische Fragestellung; es führt sogar dazu, das man geradewegs aufs falsche Pferd setzt. Was die Glücksphilosophien meinen, ist nämlich keineswegs, daß dafür gesorgt werden müßte, daß das edlere Tier die Herrschaft über das struppigere ausübt. Im Gegenteil: Was bekämpft werden muss, ist genau die Einbildung, daß es ein solches edleres Pferd gäbe, welches Unterstützung in seinen Herrschaftsansprüchen verdiente.”

Wir ahnen, warum das HB-Männchen so schnell und ständig in die Luft ging. Es fand den Stachel nicht im Fleische: den Irrglauben an ein Ideal-Ich und das versteckte Leiden an dessen Herrschaft; die Vorstellung, ein edles Pferd müsse gegen ein struppiges siegen. Sieht man hier nicht auch eine Parallele zu all den Derivaten des Fanatismus mit seinen versteckten und offenen Moralismen, diese Verteufelung struppiger Pferde? More Momo than Moral! Wohl dem, der seinen Pullover noch verkehrt herum anzieht, zuweilen im Schlafanzug zum Kiosk rennt oder einfach eine raucht. Und morgen geh´ ich zum Friseur, vielleicht. Seis drum, Freunde der Hochglanz-Fassaden: das Leben ist anderswo.

2012 25 Mrz

Dance

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: , , | Kommentare geschlossen

Gute Musikrezeption hat Ereignischarakter. Sie entzieht sich dem Wiederholungszwang. Mit Hilfe des Zufalls und durch eigenes Geschick (Psycho- und Physiotechniken) wird man überrascht. Das wertende Über-Ich ist lahmgelegt. Man assimiliert, antizipiert, assoziiert. Der Kairos kommt ins Spiel, jener Zeitpunkt, der genau der Richtige ist.

Der Kairos inmitten des Chaos rettet uns vor Kontingenz und Redundanz. Es ist der Moment, der uns befreit aus dieser fatalen Erwartungshaltung, aus diesem Abgesättigtsein, das immer mehr will. Doch im Mangel blüht der gelbe Ginster der Erleuchtung – und im Wartenkönnen. Der Sinn für die Pause; das Evidenz-Erleben; die Frucht der Langeweile.

Wo die Bürokratie beginnt, dort endet nicht nur die Liebe zur Weisheit (Philosophie), sondern auch die zur Musik. Markt- und Konsumentenbedürfnissse zu befriedigen, Erinnerung und Festhalten an Altbekanntem: mehr als das alles ist Musik vor allem der authentische, vitale Ausdruck von Daseinsbefindlichkeiten.

Dem Pianisten Vijay Iyer ist die Verwandtschaft von Musik, Bewegung und Körperlichkeit wichtig – er studierte einst Physik und physikalisch heißt ja körperlich. “Traue niemandem, der nicht tanzen kann” – bei diesem Spruch fühlt sich wohl mancher auf den Schlips getreten. Aber es ist doch so: wer tanzt, der zeigt und offenbart sich, ist human.

Es klingelt an der Tür, die Mutter öffnet. Ein Verteter? “Vielen Dank, wir brauchen nichts!” “Ich hätte da aber was, das würde ihrem kleinen Sohnemann gefallen!” Na gut. Der dubiose Fremde schüttet aus einer dreieckigen Papiertüte Heftzwecken auf ein Tablett – die darauf einen Tanz vollziehen und abstrakte Töne fabrizieren. Das gefällt dem Kleinen in der Tat.

Jahre später dann zur Studienzeit hört der Sohn Paul Motians Dance und erinnert sich an diesen Traum. Rhythmus und Musik: abstrakte Emanationen, entstanden aus Intuition, Einbildungskraft, und Verlangen (the longing). Gäbe es diese Momente nicht, es gäbe auch keine Musik. Nada Brahma. Der Urknall war schon lange vor so manchem Knallfrosch da.

2012 14 Mrz

Time being – Zeit erfahren

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags:  | Kommentare geschlossen

“Hui!”, beziehungsweise “Buh!” – ein Gespenst geht um. Es ist der Geist des retro.

Nach dem metrosexuellen Mann nun also der retrokulturelle Rezipient. Leicht lässt er sich erkennen: er ist vergangenheitsbehaftet und flüchtet sich ins Illusionäre. Kauft sich wieder einen Plattenspieler, möbelt alte Möbel auf, fährt in Urlaub dorthin, wo er früher schonmal war. Ach wie war das damals schön, und überhaupt: Musik der Siebziger und Achziger; vorzugsweise alte Filme, möglichst in Schwarzweiß.

Doch Rückbezogenheit ist wichtig, denn wir können nur erkennen, was wir längst wissen. Ohne die Relation zwischen unmittelbaren Sinneseindrücken und vergangenen Erfahrungen (Konditionierungen) bliebe unser Leben ohne Rahmen. Und wer etwa zu Musik und Kunst Zugang haben will, dem blieben ohne Geschichtskenntnisse die Türen verschlossen. “History will teach us nothing” – das sang einst Sting, der damit irrte.

Geschichte ist das Eine. Das Andere ist die Einbildungskraft. Dieses Amalgam aus Tradition und Phantasie erscheint mir sehr erfolgsversprechend. Rückblickend kann man sagen, das sowohl politisch als auch kulturell das Neue immer auch eine Reaktion auf Vorheriges war. Ist dies banal und kaum der Rede wert?

Time is Now hieß eine Gruppe der Göttinger Jazz-Ikone Gunter Hampel; Time Being war Musik vom Peter Erskine Trio; Entspannt im Hier und Jetzt sein ist ein Garant fürs Glück. “There is no time”, behauptete ein Guru unbekannter Herkunft; Schlagzeuger Paul Motian fragte beim Blick auf ein neues Notenblatt zuallererst: “Is it in time?”

In einem Thriller (ich vermeide das Wort “Krimi”), der auf einem Campus spielte, war eine Kommissarin, die unter Zählzwang litt. Aber Zählzwang ist nicht nur Neurose, sondern vielmehr: Rhythmus, Ritual, Methode. Alles, was man tut, in Takte packen – die geniale Lösung! Packen wir es an, dann geht kein Ruck durchs Land, wie es einst Roman Herzog wünschte, sondern ein Rhythmus, bei dem jeder mit muss. So wie es Billy Wilder meinte: “Eins, Zwei, Drei.”
 
 

 

2011 6 Dez

Kleine Fluchten – ein Lob der Stille und des Zweifels

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags:  | Kommentare geschlossen

1
Peter Sloterdijks philosophische Schriftstellerei ist geprägt von Referenzen, Vorbildern und prägenden Einflüssen – so der Eindruck, den ein interessierter Leser gewinnen kann, wenn er diesen Autor seit vielen Jahren aufmerksam liest. Da wären beispielsweise – um nur wenige zu nennen: Jaques Lacan, Osho (The guru formerly known as Baghwan) und last but not least Martin Heidegger.

Letzterer äußerte eine Aversion gegen den philosophischen Lehrbetrieb und proklamierte eine Hinwendung zum Denken als Weg. “Der Mensch ist das Weg”, so der umstrittene Heidegger. “Der Feldweg” und “Holzwege” sind Titel seiner Bücher. Kleine Fluchten hieß einmal ein netter kleiner Film, in dem ein Mann auf seinem Mofa Freiräume erschloss. Auch mit dem Falt- und Fahrrad geht es – oder eben doch zu Fuß.

Was heutzutage an der Medienwelt und ihrer Info-Flut so beunruhigt, das ist die damit einhergehende Unfähigkeit, mit der wirklichen Welt überhaupt noch in Kontakt zu kommen. Denn ein Computer sendet keine sinnlichen Signale, und Atmosphären schafft er auch nicht. Der Dauer-User mutiert zum Zombie und das Alltagsleben wirkt seltsam verhuscht (durch den medialen Wind) – denn allerorten wird mit digitalen Welten kontaktiert.

2
Intuition ist neben der Rationalität eine unverzichtbare Methode der Orientierung und Entscheidungsfindung. Quelle der Intuition ist die Stille. In der Ruhe liegt die Kraft. Und von diesem Ort der Stille aus wird ein Denken bewegt, das mehr ist als bloßes mechanisches Verwalten von Wissen – vielmehr die Verbindung des Gedanklichen mit dem Sinnlichen, Atmosphärischen und (im pornofreien Sinne) Anstössigen.

Von hier aus können nicht nur grenzüberschreitende Erfahrungen ihren Ausgang nehmen, sondern ebenso die Kreativität, dh der durch eine Eingebung initiierte Antrieb auf eine Handlung; ein Projekt oder ein Vorhaben hin. Das Denken findet im Kopf statt, ist aber verbunden mit der Leiblichkeit.

“Sex ist ein öffentlicher Prediger” (Octavio Paz) – aber der Raum hier ist jenseits von Sex und frei von Predigt. Es sind tatsächlich diese kleinen Fluchten: Freiräume, die man sich suchen und nehmen muss. Denn eine profit- und leistungsorientierte Gesellschaft wird sie dir sowenig von sich aus geben wie eine auf gegenseitige Ausnutzung angelegte Neben- und Mitmenschlichkeit dies tut. Innerhalb der Normalitätspropaganda gibt es keine Freiheit.

3
Der Fundamentalismus mit seinen verschiedenen, teils widersprüchlichen Ausprägungen und diversen humorlosen Strömungen im Islamismus, Katholizismus, Protestantismus etc mag einen Menschen handlungsstark machen und seinem Leben Sinn und Rückhalt geben. Häresie, Zweifel, Skepsis und Subversion aber: das sind die wahren Antriebe sowohl einer Philosophie als Lebensform als auch der Kunst.

Deren beider Grundprinzip ist der Anti-Fundamentalismus. Denn wer eh schon weiß, der fragt und sucht nicht mehr (“Ik bin all da”, sächt de Igel un sin Fru) und verschließt sich somit weiteren Entdeckungen. Dieses aus dem Zweifel und dem Fragen geborene Suchen ist per se Bewegung bzw entfaltet sich in ihr – in diesem fortdauernden Wechselverhältnis zwischen dem Impliziten und dem Expliziten: the on-going …

“Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben”, so sagt in diesem Sinn ein Essaytitel des eingangs erwähnten, nietzsche- und heideggerinspirierten Sloterdijks, dem ich hiermit auch das Schlusswort gebe – und der damit hier und jetzt auf wundersame Weise meine chaotischen Denk- und Schreibversuche legitimiert. Ha! Hum-crush.


Manafonistas | Impressum | Kontakt
Wordpress 3.5.1 Design basiert auf Gabis Wordpress-Templates
133 Verweise - 1,131 Sekunden.