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Archives: Literatur

 
bleeding edge
 
 

“Oh, my brain, it´s
Lately started throbbin, and
Now and then, it´s also uh, squirmin too …”

 

Der fiktive Countrysänger Droolin’ Floyd Womack, der in Maxines Autoradio singt, bringt es auf den Punkt: Um Bleeding Edge folgen zu können, muss das Hirn pochen und sich winden. Das ist herausfordernd, interessant und an vielen Stellen auch höchst amüsant, hat aber insgesamt den Charme eines Zeit-Kreuzworträtsels: Das Enttarnen spitzfindiger Verklausulierungen wird direkt mit passenden Lösungen belohnt. Findet man keine passende Lösung, bleiben die Kästchen halt frei. Bleeding Edge ist niveauvolle Unterhaltung für den Augenblick, nachhaltig ist es jedoch nicht. So gesehen ist mein erster Pynchon für mich am Ende doch eine Enttäuschung: Ein durchaus beeindruckendes Leseerlebnis, von dem aber nichts nachhallt. Wobei sich auch meine anfängliche Bewunderung für Pynchons akribische Recherchen und sein gezieltes fortwährendes Durchbrechen traditioneller Erzählstrukuturen (wie abrupte Brüche des Handlungsstrangs, Perspektivwechsel, seitenlange Sätze mit stakkatohaften Abschweifungen etc.) nach und nach in Ungeduld verwandelt hat. Stehe ich vor meinem Bücherregal, sehe ich dort auch einige Freunde, die mich schon jahrelang begleiten. Bleeding Edge ist kein Freund.

Thomas S.
 

 

Jetzt bietet sich endlich eine gute Gelegenheit, mit einem Missverständnis aufzuräumen: ich bin kein Psychologe vom Grundberuf, sondern Pädagoge – dies nur, weil sich die Bemerkungen gehäuft haben, was man als Psychologe alles bestimmt wisse. Ist wahrscheinlich nicht so, vermute ich als Nicht-Psychologe. Ich begebe mich nun sozusagen fachfremd auf das Terrain der Statistik, um ein paar Erfahrungen beim heiteren Parallellesen zu untermauern.Zuerst sei angemerkt, dass genau 50 % der Leser die Lektüre des Buches mit einem Ausruf „geschafft!“ beendet haben. Dabei ist nicht klar, ob sie es geschafft haben, geschafft sind oder beides. Immerhin beträgt die Abbruchquote bei den offiziellen Parallellesern nur 20 %; von den bekennenden Schwarzlesern haben exakt 100 % aufgegeben. Daraus kann man schließen, dass die soziale Komponente eine Rolle spielt, wenn es um das Durchhalten geht. Man möchte nicht als Feigling dastehen, oder man möchte die anderen nicht mit dem dicken Buch allein lassen, oder man mag das Buch wirklich und hofft bis zum Schluss, die anderen doch noch überzeugen zu können. Circa 75 % der Leser (pro Runde) sammelten daher engagiert besonders gut gelungene Szenen im Buch, so ähnlich wie man Pilze sammelt. Und auf die acht Runden gerechnet kann man durchaus verifiziert behaupten: kein Körble ist ganz leer geblieben!

Wolfram G.
 

 

Ein eindeutiges Fazit aus zwei Monaten mit Bleeding Edge? Geht nicht. “Anstrengend, mit Lichtblicken” würde dem Leseerlebnis nahe kommen. Ohne das Parallellesen hätte ich den Roman irgendwann zur Seite gelegt und nicht wieder angefangen, doch hat sich das Lesen gelohnt. Mein Eindruck ist, dass alle Mitlesenden das Buch mit einem erleichterten „geschafft“ geschlossen haben – nicht notgedrungen negativ, von Euphorie jedoch weit entfernt.

Spannend fand ich die Stellen, an denen Pynchon Entwicklungen zurückverfolgt ins Jahr 2001; es gibt z. B. Passagen über die Zukunft des Films (youtube), das Internet (haben wir letzte Woche glaube ich alle zitiert) oder Smartphones – Auswüchse der Gegenwart im keimhaften Zustand gezeigt. Interessant, und ein bisschen klugscheißerisch.

Klugscheißertum wird in „Bleeding Edge“ ohnehin mit Großbuchstaben geschrieben. Thomas Pynchon weiß über alles Bescheid – Musik, Kommunikation, Film und Fernsehen, Wirtschaft und Finanzen, Politik und Geschichte, usw. Der Roman ist so randvoll mit Wissen gepackt, dass es unmöglich scheint beim „normalen“ Lesen den Überblick zu behalten, den Wald vor lauter Bäumen zu sehen – ein Statement für sich. Ganz zu schweigen von den diversen Fälschungen, z.B. Filme, die es nicht gibt.

Notgedrungen geht die Handlung in diesem Wald etwas verlorenen. Wobei nicht nur die vielen Informationshäppchen – die wie Links quer über den Text verteilt darauf warten angeclickt zu werden – ein Verfolgen der Handlung erschwerten. Auch die vielen Personen (deren Schicksal mich über weite Strecken kalt ließ), die abrupten Szenenwechsel („jump cuts“) oder die vielen Löcher in der Erzählung taten ihr übriges. Die Lektüre vergnügte als intellektuelle Achterbahnfahrt (ja, das viele Wissen hat durchaus seinen Charme), berührte aber kaum.

Insgesamt hab’ ich das Gefühl, ein eher mäßiges Buch eines großen, schwierigen Autors gelesen zu haben. In den 90ern hab’ ich zwei Anläufe gemacht, Pynchon zu lesen, doch sowohl V als auch Vineland waren mir damals zu zäh. Jetzt stellt sich mir die Frage: soll ich es noch einmal versuchen. Und wenn ja: was würde mich packen – hat jemand einen Tip?

Vielen Dank an Michael und Jochen für Idee und Umsetzung und an die Mitlesenden … fürs mitlesen. Gute Idee einen Roman einmal so zu lesen, bin schon gespannt, wie viel in den Synapsen kleben bleibt.

So, jetzt hoffe ich auf den Gewinn: ich will mir die Weihnachtsfeiertage mit True Detective versüßen :-) !

Olaf W.
 

 

Zunächst: Bleeding Edge ist ein klassischer Pynchon: Es ist eine Freude, eine Lust, dieses Buch zu lesen; es ein Buch voller Rätsel, mit dem man sich lange Zeit beschäftigen kann, um alles in seiner Tiefe zu verstehen, aber man hat auch viel Gewinn beim Lesen, wenn man nicht immer folgen kann, sondern über das eine oder andere hinweg liest; es ist ein Buch mit einer Handlung, wir begleiten eine uns inzwischen lieb gewordenen Maxine Tarnov, aber die Handlung ist eigentlich gegenüber dem, was sonst geschieht und gesagt wird, zweitrangig und es ist ein Buch, in dem es um etwas geht, es hat eine Botschaft. Evgeny Morozov von der FAZ meint: „So kann es denn kaum überraschen, wenn Pynchon, der bekannt dafür ist, dass er die Öffentlichkeit meidet und sich nicht fotografieren lässt, entschieden für Anonymität und Unsichtbarkeit eintritt – zur Hölle mit Google und der NSA! -, weil sie unentbehrliche Elemente dieser alternativen, wohltuend verschrobenen und heterotopen Postmoderne darstellen.“ Okay, einverstanden, das ist sicher ein Punkt. Wenn allerdings Willi Winkler in der SZ meint schreiben zu müssen, dass Pynchon einen Drang habe, alles, was er aufbaue, sofort mit einem Witz wegzuballern und dass dies dem Meister der unernsten Tragödie den Literaturnobelpreis koste und das Jahr für Jahr, muss ich doch heftig widersprechen. Aber es kommt noch schlimmer, Winkler schreibt: „Als „Bleeding Edge“ wird eine Technologie bezeichnet, die noch recht neu ist und ungeprüft, `kein erwiesener Nutzen, hohes Risiko´. Das oder auch die `Klapsmühle mit Hausaufgaben´ ist die Bauchbindenformel, auf die sich dieser Roman bringen lässt. Er macht niemanden zu einem besseren oder auch nur klügeren Menschen, aber wer ihn liest, läuft Gefahr, sich weit über seinem Niveau zu amüsieren, manchmal auch knapp drunter. Mehr kann man beim Hl. Marcel Proust, von einem Buch nicht verlangen.“ Das also das Fazit von Willi Winkler.

Dass das Lesen des Buches ein großen Vergnügen ist, habe ich in den vergangenen acht Wochen mehrfach betont, das ist fraglos richtig. Winklers Satz „Das oder auch die `Klapsmühle mit Hausaufgaben´ ist die Bauchbindenformel, auf die sich dieser Roman bringen lässt“, mag eine originelle Formulierung sein, allein, er ist meilenweit von meiner Einschätzung des Romans entfernt. „Bleeding Edge“ formuliert ernstzunehmende Kritik und Warnung bezüglich des Internets:„Von mir aus nenne es Freiheit, aber es basiert auf Kontrolle. Alle sind miteinander verbunden, keiner kann mehr verloren gehen, nie mehr. Tu den nächsten Schritt und verbinde das Internet mit dem Handy, und du hast die totale Überwachung, kein Entkommen.“ und: „Und sie kriegen uns, denn wir sind allesamt einsam, bedürftig, gekränkt und wild entschlosssen, an jede noch so jämmerliche Imitation von Zugehörigkeit zu glauben, die sie uns andrehen wollen…“; und Bleeding Edge“ formuliert Kritik am Spätkapitalismus: „Wir reden von Leuten, die glauben, dass die unsichtbare Hand des Marktes alles lenkt. Sie führen heilige Kriege gegen Konkurren-zreligionen wie den Marxismus. Obwohl wir wissen, dass die Welt endlich ist, hängen sie dem blinden Glauben an, dass die Rohstoffe nie zur Neige gehen und die Profite immer weiter steigen werden, ebenso wie die Weltbevölkerung – noch mehr billige Arbeitskräfte, noch mehr abhängige Konsumenten.“ Ich wiederhole mich: Da sag mir mal einer, bei Pynchon sei alles Comic, alles Spaß, alles würde ins Lächerliche gezogen. Eben nicht!

Ein Experiment neigt sich seinem Ende zu, das gemeinsame Lesen fand ich überaus interessant, die Kommentare der Mitstreiter habe ich sehr gerne gelesen, nur zweierlei war wirklich stressig: innerhalb von so kurzer Zeit diesen nicht ganz einfachen, über 600 Seiten umfassenden Roman zu lesen, und dann noch pünktlich wöchentlich etwas zu schreiben, was andere vielleicht auch interessieren könnte. Anyway, es war unterm Strich aber richtig gut!!!

Gregor M.
 

2013 25 Jun

Abgebrannt

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Wer an sich selbst das zunehmende Fehlen eines Nachklangs von Erlebnissen feststellt und heute schon vergessen hat, was erst gestern war, so als gäbe es nur eine ad hoc abgespulte, traumlose Gegenwart im Rhythmus von leidlichem Schlaf und getriebenem, überfordertem Wachsein, der mag sich in dem wiederfinden, was der Philosoph Byung-Chul Han schreibt, in seinem Duft der Zeit, oder dem e-book Bitte Augen schließen. Auch der Titel eines Buches des Frankfurter Schriftstellers Wilhelm Genazino bringt es auf den Punkt: Das Licht brennt ein Loch in den Tag. Der Erzähler dieser Geschichtensammlung ist beunruhigt, weil sein Gedächtnis ihn zunehmend im Stich lässt. Er versucht Abhilfe zu schaffen, indem er wichtige Erlebnisse mündlich oder in Briefen Freunden erzählt, um sie sich eines Tages dann bei Bedarf “zurückerzählen” zu lassen:

“Liebe Anne, dieser Tage hat eine kleine Spinne den Weg in unsere Zuckerdose gefunden. Ich wollte sie sofort entfernen, aber dann fand ich Gefallen an ihr. Es sah hübsch aus, wie sie die Gipfel der Zuckerwürfel erklomm und dann Ausschau hielt nach etwas. Sobald meine Hand über der Dose erschien, verschwand das Tier im Gewinkel der Würfel. Nach kurzer Zeit tauchte es wieder auf und setzte die Suche fort. Da durchzog mich die Ahnung, dass ich weder das Zu-Hause-Sein noch das Verschwinden jemals beherrschen werde. Nach einiger Zeit wurde der Spinne das Herumsteigen zwischen den Zuckerwürfeln vielleicht langweilig; oder sie flüchtete sich vor dem Schatten meiner Hand über ihr. Jedenfalls erklomm sie den Dosenrand und verschwand quer über den Tisch. Ich sah ihr nach und dachte: Es gibt keine Flucht, keine Rettung und kein Heil, es gibt nur das Versteck und auch dieses nur vorrübergehend. Der Satz galt der Spinne, aber er beschwichtigete zugleich meine Ahnung. Würdest Du mich (bitte wörtlich) an ihn erinnern, falls ich eines Tages, wer weiß, die Geborgenheit unserer Wohnung überschätze oder mich nicht mehr an die Fehlgeborenheit aller Lebewesen erinnere? Ich hoffe, es geht Dir gut! W.”

2012 18 Aug

Ein Horrorroman von Ror Wolf

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Die Vorzüge der Dunkelheit – Neunundzwanzig Versuche die Welt zu verschlingen.

 

Seit über 30 Jahren kenne und liebe ich die Sprachkunst-Werke von Ror Wolf. Es ist eine ganz eigene Art von Literatur, für die vielleicht nicht jeder einen Sinn hat. Wer aber offen ist dafür, dass mit Sprache, Wortklang, Redewendungen, Klischees, Wortwitz und dem kunstvollen Wechsel aus zwingender Logik und fantastischer Absurdität gespielt wird, sollte unbedingt auch dieses wunderschöne Buch besitzen und verschlingen. Hier werden kleinste Partikel und Fragmente aus allen denkbaren Textsorten zusammengefügt: Abenteuer- und Reisebeschreibungen, Reportagen, Krimis, Katastrophenberichte, Erotik und Wissenschaft. Das ist originell, ästhetisch, im Sekundentakt überraschend und vor allem hochkomisch. Zusammen mit den vielen, wunderbar reproduzierten, surrealistischen Bild-Collagen handelt es sich hier um ein grandioses Gesamtkunstwerk. Ror Wolf gehört meiner Ansicht nach zu den ganz Großen der deutschsprachigen Literatur, aber, trotz der Fangemeinde, die er zweifellos seit Jahrzehnten hat, auch immer noch zu den am stärksten Unterschätzten. Vielleicht verdeckt das scheinbar Unernste, Slapstickhafte der Texte ihre ungeheure Virtuosität und Genialität.

2012 13 Jul

Robinsons blaues Haus

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“Blue, blue, electric blue
That´s the color of my room
Where I will live
Blue, blue”

(David Bowie)

 

Wie konnte das nur passieren? Ich schmunzle, schaue aus dem Fenster, und erinnere mich an meinen Besuch bei ihm daheim in München. Das Haus kam mir vor, als hätte ich ein Schiff bestiegen, diverse Kajüten vorgefunden. Feiner Schwarzer Tee wurde serviert, und bald landeten wir bei den verrückten Geschichtenerzählern. Es war die Zeit, als er die nie erzählte Story von Mahmoud, dem Schlächter, in Romanform verwandelt hatte.

Ein Fabulierer ohnegleichen. Wir sprachen über Karl May und Jules Verne, und wie er Lee Morgans Jazzklassiker Sidewinder entdeckt hatte, tief in den USA. In den späten Siebzigern und frühen Achtzigern stiegen seine beiden Romane Eastend und Der amerikanische Traum zu Lieblingsbüchern auf, die ich gerne und oft verschenkte (in der Gestalt eines roten und eines blauen Suhrkamp Taschenbuchs, auf dem roten war ein Londoner Doppeldecker-Bus abgebildet).

Wer in Afghanistan als Psychiater gearbeitet hatte, konnte die Selbsterfahrungsszene in der Bundesrepublik der Siebziger Jahre natürlich gut aufs Korn nehmen, so geschehen in Eastend. Das Buch war aber auch eine romantische Liebesgeschichte und für mich das ideale Pendant zu Handkes Kurzem Brief zum langen Abschied (auch ein rotes Suhrkamp Taschenbuch).

Ich komme aus meinem Schmunzeln nicht mehr raus, während ich auf den grauen Regen schaue: ist doch zu Beginn dieses Jahres ein neuer Roman von Ernst Augustin erschienen, ohne dass ich irgendetwas davon mitbekommen habe – bis gestern. Robinsons blaues Haus. Er hat sich hier wohl in die verrückte Welt des Internet begeben. Das wird amüsant. Seit ich ihn kenne, lese ich seine Schriften stets mit des Altmeisters Stimme im Ohr. Dunkel fallen seine Sätze. Traumgarn, du bist willkommen!

2012 28 Feb

Emily, allein

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Dienstags kam er immer, der lange, graue, fast fensterlose Bücherbus. An diesem Tag war von 14:00 bis 16:00 Uhr auf einer gekennzeichneten Stelle eines Parkplatzes in Hannover-Kirchrode absolutes Halteverbot, nur dieser, mit lesbaren Schätzen beladene Bus durfte hier stehen. Der Busfahrer, zugleich Bibliothekar, öffnete vorne die Tür und herein durften wir Kinder, in der Hand die braune Ausleihkarte, in der Autoren, Büchertitel und Leihfrist eingetragen wurden. Der Datumsstempel, der das Ende der Leihfrist angab, wurde stets auch auf die letzte Seite eines Buches gesetzt. Was für ein festliches Gefühl, wenn man ein stempelloses Buch erwischt hatte, eines, das noch nie jemand gelesen hatte … All das ging mir durch den Kopf als ich das neue Buch Emily, allein von Stewart O´Nan aufschlug. O´Nan widmet dieses Buch seiner Mutter, das wäre nun wirklich nicht ungewöhnlich, wenn da nicht ein Zusatz stünde Für meine Mutter, die mich immer zum Bücherbus mitnahm. Glücklich die Kinder, die von ihren Eltern auch heute noch mit zum Bücherbus genommen werden.

 
 
 

 
 
 

Und natürlich ist auch Emily, allein ein echter Stewart O´Nan. Der 1961 in Pittsburgh/ Pennsylvania geborene Schriftsteller ist nicht nur ein Meistererzähler, ein Meister auch darin, Menschen, die gemeinhin niemand sonderlich beachtet, ein Denkmal zu setzen. Dieser zutiefst menschliche Autor wendet sich immer wieder – im Grunde auch schon in seinem Erstlingswerk Engel im Schnee von 1993 – Menschen zu, die sich durch nichts besonders auszeichnen, die aber um ihr Leben und das ihrer Mitmenschen kämpfen. Jetzt ist es also Emily. Stewart O´Nan-leser werden sich erinnern: die Personen dieses Buches kennen wir aus dem großen Familienroman Abschied von Chautauqua (2005)

 
 
 

 
 
 

Hier in Chautauqua hatte die Familie ein Sommerhaus, damals wollte sich die ganze Familie nach dem Tode von Vater Maxwell noch einmal dort treffen, bevor das Haus verkauft werden würde. Und nun, sieben Jahre nach Abschied von Chautauqua, erzählt O´Nan weiter, im Mittelpunkt seines neuen Roman steht Emily, die Witwe, die allein in einem Haus voller Erinnerungen lebt, die sich zu trennen versucht von Dingen, die ihre Bedeutung längst verloren haben. Sie lebt auf Weihnachten, auf Ostern und Thanksgiving hin, weil dann ihre Kinder – Kenneth und Margaret, wir kennen sie bereits aus Abschied von Chautauqua – kommen, ihre Enkel, die sie verwöhnen möchte. Viel mehr gibt es nicht mehr in ihrem Leben. Und manchmal holt Emily sich die Vergangenheit mit Hilfe von Fotos zurück und bleibt doch nicht dort stehen:

“Während sie die klebrigen, mit Plastikfolie umhüllten Seiten umblätterte und sich mit krauser Dauerwelle oder in grell bedruckter Bluse sah, fand sie es immer wieder beeindruckend, wie lang das Leben dauerte und wie viel Zeit verstrichen war, und wünschte, sie könnte die Zeit zurückdrehen und sich bei allen, die ihr nahe standen, entschuldigen, ihnen sagen, dass ihr inzwischen vieles klar geworden sei. Das war unmöglich, und doch ließ das Bedürfnis, zurückzukehren und ein anderer Mensch zu sein, niemals nach, sondern wurde immer stärker.” (S.103)

Und so begleitet der Leser Emily während eines Jahres und wird sich vielleicht fragen, wie seine letzten Jahre aussehen, wird es genügend Dinge geben, für die zu leben es lohnt?

 

 
 
 
The Sense Of An Ending

by Julian Barnes
Hardcover, 150 pages

 

This is a book that reveals itself gradually. You think you know what it’s about, only to realize you’ve been mistaken — just like the narrator. What’s curious is that you’d think he would know. After all, it’s his life you’re reading about. The narrator, Tony Webster, has led an ordinary life. He had a group of friends back in his school days who seemed to mean a lot to him. And he had a serious girlfriend while in university. But he moved on, got married, had a child. Now divorced, he’s on good terms with both his wife and daughter. Suddenly, an unexpected inheritance forces him to reinvestigate his life. Along the way he finds that his memory has betrayed him. Or did he simply fail to remember what he wanted to forget?

“Did you read this book?” my friend asked. “I can’t stop thinking about it.” That about sums it up. The Sense of an Ending is the kind of book that when you finish, you want to read again just to sort out what clues you missed the first time around. And it makes you think: If one man can get his life so wrong, can shape his memories to fit his own self-satisfied image of himself, doesn’t that open the possibility that we all do the same thing to some degree? Oh, this is a great book to talk about.

(Linn Neary)

2011 26 Sep

Aufgabe der Literatur

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Im Sommer dieses Jahres galt mein Hauptinteresse dem großartigem Buch Stichwort Liebe von David Grossmann. Hierzulande ist Grossmann mit seinem Roman Eine Frau flieht vor einer Nachricht einer größeren Öffentlichkeit bekannt geworden, es erschien 2010, dem Jahr, in dem er auch den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekam. 2008 erschien ein Aufsatzband Grossmanns, der die wichtigsten Stellungnahmen zu Politik und Literatur aus den letzten Jahren beinhaltet. In dem Artikel Die Sprache des Einzelnen und die Sprache der Masse finden sich folgende bedenkenswerte Sätze zur Aufgabe der Literatur:

„ … Die Literatur hat keine einflussreichen Repräsentanten in den Machtzentren dieser von mir beschriebenen Welt, und es fällt mir schwer zu glauben, dass sie sie verändern kann. Doch sie vermag alternative Wege aufzuzeigen, wie man in dieser Welt nach einem inneren Rhythmus und mit einer inneren Kontinuität leben kann, die unseren natürlichen, seelischen und geistigen Bedürfnissen viel mehr entsprechen als das, was uns mit Gewalt von äußeren Systemen aufgezwungen wird.

Ich weiß, dass ich bei der Lektüre eines guten Buches ein inneres Aufklaren durchlebe: Das Gefühl meiner Einzigartigkeit als Mensch wird deutlicher. Die differenzierte, präzise Stimme, die von außen zu mir vordringt, bringt Stimmen in mir zum Sprechen, die vielleicht stumm waren, bis jenes bestimmte Buch kam und sie weckte. Auch wenn Tausende von Menschen in einem bestimmten Moment das gleiche Buch lesen wie ich, steht schließlich jeder von uns allein davor. Für jeden Einzelnen von uns ist das Buch ein Lackmuspapier von einer anderen Sorte.

Das gute Buch – und es gibt nicht viele gute Bücher, denn auch die Literatur ist selbstverständlich den Verführungen und Hindernissen der „Massenmedien“ ausgesetzt – macht den Leser einzigartig und befreit ihn aus der Menge. Es gibt ihm die Möglichkeit zu spüren, wie aus unbekannten Regionen Seeleninhalte, Erinnerungen und Existenzmöglich-keiten in ihm auftauchen und an die Oberfläche steigen, die ihm allein gehören und nur ihm. Die ausschließlich die Frucht seiner Persönlichkeit sind. Das Ergebnis seiner intimsten Schlussfolgerungen. Denn im alltäglichen Leben, in der Vulgarität des Alltags, in der allgemeinen Beschmutzung des Intellekts, der flachen, undifferenzierten Sprache, haben diese Seelenstoffe es schwer, aus jenen inneren Tiefen aufzusteigen und zu Wort zu kommen.

Im Idealfall kann die Literatur unser Schicksal und das Schicksal anderer, die weit von uns entfernt leben und uns völlig fremd sind, verbinden. Sie kann uns zuweilen zum Staunen darüber bringen, dass wir nur mit knapper Not dem Schicksal fremder Menschen entgangen sind, oder Trauer darüber in uns auslösen, dass wir diesen Fremden nicht wirklich nah sind, nicht die Hand nach ihnen ausstrecken und sie berühren können. Ich sage nicht, dass diese Gefühle uns sofort zu irgendeiner Handlung motivieren, doch ohne sie ist sicher keine Solidarität, Verbindlichkeit und Verantwortung möglich.

Im Idealfall kann die Literatur uns die Gnade gewähren, die Kränkung der Entmenschlichung ein wenig zu überwinden, die das Leben in großen, anonymen, globalisierten Gesellschaften uns antut: die Kränkung, selbst in einer „groben“ Sprache beschrieben zu werden, in Klischees, Verallgemeinerungen und in Stereotypen; die Kränkung unserer Verwandlung in einen – wie Herbert Marcuse sagte – eindimensionalen Menschen.

Und die Literatur gibt uns auch das Gefühl, es gäbe einen Weg, die brutale Willkür unseres Schicksals zu bekämpfen: Selbst, wenn am Ende von Kafkas Prozess die Behörden Josef K. „wie einen Hund“ erschießen. Auch wenn Antigone hingerichtet wird, auch wenn Hans Castorp im Zauberberg am Ende stirbt, haben wir, die wir sie in ihrem Kampf begleitet haben, die Macht des Einzelnen entdeckt, menschlich zu bleiben, auch unter schwierigsten Bedingungen. Das Lesen – die Literatur – gibt uns unsere Selbstachtung zurück und unser ursprüngliches Gesicht, unser menschliches Antlitz, bevor es in der Masse verschwamm und ausradiert wurde. Bevor wir von unserem Selbst enteignet, vergesellschaftet und als Massenware zum billigsten Preis verkauft wurden.“
 
 

David Grossman, Die Sprache des Einzelnen und die Sprache der Masse, in:David Grossman, Die Kraft zur Korrektur – Über Politik und Literatur, Frankfurt a.M. 2010, S.95ff

 


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