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Archiv: Literatur

2013 25 Jun

Abgebrannt

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Wer an sich selbst das zunehmende Fehlen eines Nachklangs von Erlebnissen feststellt und heute schon vergessen hat, was erst gestern war, so als gäbe es nur eine ad hoc abgespulte, traumlose Gegenwart im Rhythmus von leidlichem Schlaf und getriebenem, überfordertem Wachsein, der mag sich in dem wiederfinden, was der Philosoph Byung-Chul Han schreibt, in seinem Duft der Zeit, oder dem e-book Bitte Augen schließen. Auch der Titel eines Buches des Frankfurter Schriftstellers Wilhelm Genazino bringt es auf den Punkt: Das Licht brennt ein Loch in den Tag. Der Erzähler dieser Geschichtensammlung ist beunruhigt, weil sein Gedächtnis ihn zunehmend im Stich lässt. Er versucht Abhilfe zu schaffen, indem er wichtige Erlebnisse mündlich oder in Briefen Freunden erzählt, um sie sich eines Tages dann bei Bedarf “zurückerzählen” zu lassen:

“Liebe Anne, dieser Tage hat eine kleine Spinne den Weg in unsere Zuckerdose gefunden. Ich wollte sie sofort entfernen, aber dann fand ich Gefallen an ihr. Es sah hübsch aus, wie sie die Gipfel der Zuckerwürfel erklomm und dann Ausschau hielt nach etwas. Sobald meine Hand über der Dose erschien, verschwand das Tier im Gewinkel der Würfel. Nach kurzer Zeit tauchte es wieder auf und setzte die Suche fort. Da durchzog mich die Ahnung, dass ich weder das Zu-Hause-Sein noch das Verschwinden jemals beherrschen werde. Nach einiger Zeit wurde der Spinne das Herumsteigen zwischen den Zuckerwürfeln vielleicht langweilig; oder sie flüchtete sich vor dem Schatten meiner Hand über ihr. Jedenfalls erklomm sie den Dosenrand und verschwand quer über den Tisch. Ich sah ihr nach und dachte: Es gibt keine Flucht, keine Rettung und kein Heil, es gibt nur das Versteck und auch dieses nur vorrübergehend. Der Satz galt der Spinne, aber er beschwichtigete zugleich meine Ahnung. Würdest Du mich (bitte wörtlich) an ihn erinnern, falls ich eines Tages, wer weiß, die Geborgenheit unserer Wohnung überschätze oder mich nicht mehr an die Fehlgeborenheit aller Lebewesen erinnere? Ich hoffe, es geht Dir gut! W.”

 
 

 

2012 18 Aug

Ein Horrorroman von Ror Wolf

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Die Vorzüge der Dunkelheit – Neunundzwanzig Versuche die Welt zu verschlingen.

 

Seit über 30 Jahren kenne und liebe ich die Sprachkunst-Werke von Ror Wolf. Es ist eine ganz eigene Art von Literatur, für die vielleicht nicht jeder einen Sinn hat. Wer aber offen ist dafür, dass mit Sprache, Wortklang, Redewendungen, Klischees, Wortwitz und dem kunstvollen Wechsel aus zwingender Logik und fantastischer Absurdität gespielt wird, sollte unbedingt auch dieses wunderschöne Buch besitzen und verschlingen. Hier werden kleinste Partikel und Fragmente aus allen denkbaren Textsorten zusammengefügt: Abenteuer- und Reisebeschreibungen, Reportagen, Krimis, Katastrophenberichte, Erotik und Wissenschaft. Das ist originell, ästhetisch, im Sekundentakt überraschend und vor allem hochkomisch. Zusammen mit den vielen, wunderbar reproduzierten, surrealistischen Bild-Collagen handelt es sich hier um ein grandioses Gesamtkunstwerk. Ror Wolf gehört meiner Ansicht nach zu den ganz Großen der deutschsprachigen Literatur, aber, trotz der Fangemeinde, die er zweifellos seit Jahrzehnten hat, auch immer noch zu den am stärksten Unterschätzten. Vielleicht verdeckt das scheinbar Unernste, Slapstickhafte der Texte ihre ungeheure Virtuosität und Genialität. (Karsten Siemer)

2012 13 Jul

Robinsons blaues Haus

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“Blue, blue, electric blue
That´s the color of my room
Where I will live
Blue, blue”
– David Bowie

 
Wie konnte das nur passieren? Ich schmunzle, schaue aus dem Fenster, und erinnere mich an meinen Besuch bei ihm daheim in München. Das Haus kam mir vor, als hätte ich ein Schiff bestiegen, diverse Kajüten vorgefunden. Feiner Schwarzer Tee wurde serviert, und bald landeten wir bei den verrückten Geschichtenerzählern. Es war die Zeit, als er die nie erzählte Story von Mahmoud, dem Schlächter, in Romanform verwandelt hatte.

Ein Fabulierer ohnegleichen. Wir sprachen über Karl May und Jules Verne, und wie er Lee Morgans Jazzklassiker Sidewinder entdeckt hatte, tief in den USA. In den späten Siebzigern und frühen Achtzigern stiegen seine beiden Romane Eastend und Der amerikanische Traum zu Lieblingsbüchern auf, die ich gerne und oft verschenkte (in der Gestalt eines roten und eines blauen Suhrkamp Taschenbuchs, auf dem roten war ein Londoner Doppeldecker-Bus abgebildet).

Wer in Afghanistan als Psychiater gearbeitet hatte, konnte die Selbsterfahrungsszene in der Bundesrepublik der Siebziger Jahre natürlich gut aufs Korn nehmen, so geschehen in Eastend. Das Buch war aber auch eine romantische Liebesgeschichte und für mich das ideale Pendant zu Handkes Kurzem Brief zum langen Abschied (auch ein rotes Suhrkamp Taschenbuch).

Ich komme aus meinem Schmunzeln nicht mehr raus, während ich auf den grauen Regen schaue: ist doch zu Beginn dieses Jahres ein neuer Roman von Ernst Augustin erschienen, ohne dass ich irgendetwas davon mitbekommen habe – bis gestern. Robinsons blaues Haus. Er hat sich hier wohl in die verrückte Welt des Internet begeben. Das wird amüsant. Seit ich ihn kenne, lese ich seine Schriften stets mit des Altmeisters Stimme im Ohr. Dunkel fallen seine Sätze. Traumgarn, du bist willkommen!

2012 28 Feb

Emily, allein

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Dienstags kam er immer, der lange, graue, fast fensterlose Bücherbus. An diesem Tag war von 14:00 bis 16:00 Uhr auf einer gekennzeichneten Stelle eines Parkplatzes in Hannover-Kirchrode absolutes Halteverbot, nur dieser, mit lesbaren Schätzen beladene Bus durfte hier stehen. Der Busfahrer, zugleich Bibliothekar, öffnete vorne die Tür und herein durften wir Kinder, in der Hand die braune Ausleihkarte, in der Autoren, Büchertitel und Leihfrist eingetragen wurden. Der Datumsstempel, der das Ende der Leihfrist angab, wurde stets auch auf die letzte Seite eines Buches gesetzt. Was für ein festliches Gefühl, wenn man ein stempelloses Buch erwischt hatte, eines, das noch nie jemand gelesen hatte … All das ging mir durch den Kopf als ich das neue Buch Emily, allein von Stewart O´Nan aufschlug. O´Nan widmet dieses Buch seiner Mutter, das wäre nun wirklich nicht ungewöhnlich, wenn da nicht ein Zusatz stünde Für meine Mutter, die mich immer zum Bücherbus mitnahm. Glücklich die Kinder, die von ihren Eltern auch heute noch mit zum Bücherbus genommen werden.

 
 
 

 
 
 

Und natürlich ist auch Emily, allein ein echter Stewart O´Nan. Der 1961 in Pittsburgh/ Pennsylvania geborene Schriftsteller ist nicht nur ein Meistererzähler, ein Meister auch darin, Menschen, die gemeinhin niemand sonderlich beachtet, ein Denkmal zu setzen. Dieser zutiefst menschliche Autor wendet sich immer wieder – im Grunde auch schon in seinem Erstlingswerk Engel im Schnee von 1993 – Menschen zu, die sich durch nichts besonders auszeichnen, die aber um ihr Leben und das ihrer Mitmenschen kämpfen. Jetzt ist es also Emily. Stewart O´Nan-leser werden sich erinnern: die Personen dieses Buches kennen wir aus dem großen Familienroman Abschied von Chautauqua (2005)

 
 
 

 
 
 

Hier in Chautauqua hatte die Familie ein Sommerhaus, damals wollte sich die ganze Familie nach dem Tode von Vater Maxwell noch einmal dort treffen, bevor das Haus verkauft werden würde. Und nun, sieben Jahre nach Abschied von Chautauqua, erzählt O´Nan weiter, im Mittelpunkt seines neuen Roman steht Emily, die Witwe, die allein in einem Haus voller Erinnerungen lebt, die sich zu trennen versucht von Dingen, die ihre Bedeutung längst verloren haben. Sie lebt auf Weihnachten, auf Ostern und Thanksgiving hin, weil dann ihre Kinder – Kenneth und Margaret, wir kennen sie bereits aus Abschied von Chautauqua – kommen, ihre Enkel, die sie verwöhnen möchte. Viel mehr gibt es nicht mehr in ihrem Leben. Und manchmal holt Emily sich die Vergangenheit mit Hilfe von Fotos zurück und bleibt doch nicht dort stehen:

“Während sie die klebrigen, mit Plastikfolie umhüllten Seiten umblätterte und sich mit krauser Dauerwelle oder in grell bedruckter Bluse sah, fand sie es immer wieder beeindruckend, wie lang das Leben dauerte und wie viel Zeit verstrichen war, und wünschte, sie könnte die Zeit zurückdrehen und sich bei allen, die ihr nahe standen, entschuldigen, ihnen sagen, dass ihr inzwischen vieles klar geworden sei. Das war unmöglich, und doch ließ das Bedürfnis, zurückzukehren und ein anderer Mensch zu sein, niemals nach, sondern wurde immer stärker.” (S.103)

Und so begleitet der Leser Emily während eines Jahres und wird sich vielleicht fragen, wie seine letzten Jahre aussehen, wird es genügend Dinge geben, für die zu leben es lohnt?

2012 17 Jan

Keine Panik!

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»Gelb«, dachte er und schlurfte wieder in sein Schlafzimmer, um sich anzuziehen. Als er am Badezimmer vorbeikam, blieb er stehen und trank ein großes Glas Wasser, dann noch eins. Es kam ihm der Verdacht, daß er einen Kater hatte. Warum hatte er einen Kater? Hatte er sich letzte Nacht betrunken? Er hatte den Verdacht, daß er das wohl getan haben mußte. Er erspähte ein Schimmern im Rasierspiegel. »Gelb«, dachte er und schlurfte in das Schlafzimmer. Er stand da und überlegte. Der Pub, dachte er. Du liebe Güte, der Pub. Vage erinnerte er sich, wahnsinnig wütend gewesen zu sein, wütend über irgendwas, das wohl wichtig war. Er hatte den Leuten davon erzählt, er hatte den Leuten lang und breit davon erzählt, vermutete er beinahe: woran er sich noch am deutlichsten erinnerte, das war der glasige Blick in den Gesichtern der Leute. Irgendwas über eine neue Umgehungsstraße hatte er gerade rausgefunden. Sie war schon monatelang geplant, bloß hatte offenbar niemand was davon gewußt. Lächerlich. Er trank einen Schluck Wasser. Das Problem würde sich von selbst erledigen, hatte er beschlossen, niemand wollte eine Umgehungsstraße, die Gemeindeverwaltung würde kein Bein an die Erde kriegen. Es würde sich von selbst erledigen. Meine Güte, was für einen fürchterlichen Kater ihm das trotzdem eingebracht hatte! Er besah sich im Kleiderschrankspiegel. Er streckte die Zunge raus. »Gelb«, dachte er. Das Wort gelb ging ihm im Kopf herum und suchte nach einer Gedankenverbindung. Fünfzehn Sekunden später war er draußen und lag vor einem großen gelben Bulldozer, der den Gartenweg heraufgefahren kam. (aus: Douglas Adams, Per Anhalter durch die Galaxis)

2011 31 Dez

Zum Jahreswechsel

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Zum Jahreswechsel möchte ich an einige Zeilen von Kurt Tucholsky erinnern, die dieser 1926 geschrieben hat….

Neues Leben                                               von Kurt Tucholsky

Berlin, den 31. Dezember 1920
Berlin, den 31. Dezember 1921
Berlin, den 31. Dezember 1922
Berlin, den 31. Dezember 1923
Berlin, den 31. Dezember 1924
Berlin, den 31. Dezember 1925
(abends im Bett)

Von morgen ab fängt ein neues Leben an.
Der Doktor Bergmann hat einen ordentlichen Schreck bekommen, als er mich ansah, und ich bekam einen noch viel größeren. »Was machen Sie denn, lieber Freund?« fragte er leise. »Was … was ist denn, Doktor?« sagte ich. »Haben Sie etwas mit der Leber?« fragte er. »Ihre Augen gefallen mir gar nicht. Kommen Sie mal in den nächsten Tagen zu mir!« Natürlich gehe ich hin. Ich weiß schon, was er mir sagen will, und er hat auch ganz recht. So geht das nicht mehr weiter.
Also von morgen ab hört mir das mit dem Bier bei Tisch auf. Wenn mir Mutter wieder Hamann-Schokolade durch Emmy schicken läßt, gebe ich sie den Kindern. Und Edith darf nicht mehr so fett kochen. Gestern hab ich ihr noch gesagt … Nein, gestern hab ich gefragt, ob noch Stopfleber da ist – das ist wahr. Aber das hört mir jetzt auf.
Der Sandow-Apparat – wo ist der Sandow-Apparat? Er liegt auf dem Boden. Das Mädchen soll ihn morgen herunterholen. Von morgen ab fange ich wieder an, regelmäßig jeden Morgen zu turnen. (›Wieder‹ – denke ich deshalb, weil ich mir das schon so oft vorgenommen habe.) Und fünfzig Kniebeugen, wenn ich fleißig trainiere, kann ichs mit Leichtigkeit auf hundert bringen. Ich war doch ein sehr guter Turner, seinerzeit – wenn ich nicht gerade dispensiert war. Na ja, aber heute ist das ja ganz was anderes.
Von morgen ab stehe ich früh auf. Dieses ewige Lange-im-Bett-herum-Geliege – das führt ja zu nichts. Ich stehe einfach um sechs auf, turne ordentlich, dann schön brausen und frottieren – ah – darauf freue ich mich. Ob ich nicht doch anfangen soll, zu reiten … ? Na, das ist vielleicht zu teuer – aber ein Stündchen durch den Tiergarten – großartig! Ich werde ins Geschäft gehen! Das härtet ab – in drei Monaten bin ich ein anderer Kerl. Schlank, elegant, gesund – Bergmann wird sich wundern.
Von morgen ab nehme ich den spanischen Unterricht wieder auf. Jeden Tag abends im Bett ein halbes Stündchen Spanisch – das geht ganz gut und bringt einen auf andere Gedanken. Dann kann ich die Reise nach Südamerika machen – ich werde Edith nichts sagen – das wird eine Überraschung, wenn ich auf dem Dampfer so ganz lässig Spanisch spreche … Als ob sich das von selbst verstände … Hähä …
Übermorgen fängt ein neues Jahr an – ich werde ein anderer Mensch.
Von übermorgen ab wird das alles ganz anders. Also erst mal muß die Bibliothek aufgeräumt werden – das wollte ich schon lange. Aber jetzt gehts los. Von übermorgen ab mache ich nicht mehr diese kleinen Läpperschulden – eigentlich sind das ja gar keine Schulden –, aber ich will das nicht mehr. Und die alten bezahle ich alle ab. Alle. Von übermorgen ab höre ich wieder regelmäßig bildende Vorträge – man tut ja nichts mehr für sich. Ich will wieder jeden Sonntag ins Museum gehen, das kann mir gar nichts schaden. Oder lieber jeden zweiten Sonntag – den anderen Sonntag werden wir Ausflüge machen –, man kennt die Mark überhaupt nicht. Ja, und neben die Waschtoilette kommt mir jetzt endlich die Tube mit Vaseline – das macht die rauhe Haut weich, so oft habe ich das schon gewollt. Übermorgen ist frei – da setze ich mich hin und lerne Rasieren. Diese Abhängigkeit vom Friseur … Außerdem spart man dadurch Geld. Das Geld, was ich mir da spare – davon lege ich eine kleine Kasse an – für die Kinder. Ja. Das ist für die Ausstattung, später. Von übermorgen ab beschäftige ich mich mit Radio – ich werde mir ein Lehrbuch besorgen und mir den Apparat selbst bauen. Die gekauften Apparate … das ist ja nichts. Ja, und wenn ich morgens durch den Tiergarten gehe, da werde ich vorher Karlsbader Salz nehmen – so weit ist es bis zum Geschäft gar nicht …
Man kommt eben zu nichts. Das hört jetzt auf.
Denn die Hauptsache ist bei alledem: man muß sich den Tag richtig einteilen. Ich lege mir ein Büchelchen an, darin schreibe ich alles auf – und dann wird jeden Tag unweigerlich das ganze Programm heruntergearbeitet – unweigerlich. Von morgen ab. Nein, von übermorgen ab. Im nächsten Jahr … Huah – bin ich müde. Aber das wird fein:
Kein Bier, keine Süßigkeiten, turnen, früh aufstehen, Karlsbader Salz, durch den Tiergarten gehn, Spanisch lernen, eine ordentliche Bibliothek, Museum, Vorträge, Vaseline auf den Waschtisch, keine Schulden mehr, Rasieren lernen. Radio basteln – Energie! Hopla! Das wird ein Leben!
Anmerkung des ›Uhu‹: Wir wollen mal nächstes Jahr wieder vorbeifliegen….

The Sense Of An Ending

by Julian Barnes
Hardcover, 150 pages

 

This is a book that reveals itself gradually. You think you know what it’s about, only to realize you’ve been mistaken — just like the narrator. What’s curious is that you’d think he would know. After all, it’s his life you’re reading about. The narrator, Tony Webster, has led an ordinary life. He had a group of friends back in his school days who seemed to mean a lot to him. And he had a serious girlfriend while in university. But he moved on, got married, had a child. Now divorced, he’s on good terms with both his wife and daughter. Suddenly, an unexpected inheritance forces him to reinvestigate his life. Along the way he finds that his memory has betrayed him. Or did he simply fail to remember what he wanted to forget?

“Did you read this book?” my friend asked. “I can’t stop thinking about it.” That about sums it up. The Sense of an Ending is the kind of book that when you finish, you want to read again just to sort out what clues you missed the first time around. And it makes you think: If one man can get his life so wrong, can shape his memories to fit his own self-satisfied image of himself, doesn’t that open the possibility that we all do the same thing to some degree? Oh, this is a great book to talk about.
(Linn Neary)

2011 26 Sep

Aufgabe der Literatur

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Im Sommer dieses Jahres galt mein Hauptinteresse dem großartigem Buch Stichwort Liebe von David Grossmann. Hierzulande ist Grossmann mit seinem Roman Eine Frau flieht vor einer Nachricht einer größeren Öffentlichkeit bekannt geworden, es erschien 2010, dem Jahr, in dem er auch den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekam. 2008 erschien ein Aufsatzband Grossmanns, der die wichtigsten Stellungnahmen zu Politik und Literatur aus den letzten Jahren beinhaltet. In dem Artikel Die Sprache des Einzelnen und die Sprache der Masse finden sich folgende bedenkenswerte Sätze zur Aufgabe der Literatur:

„ … Die Literatur hat keine einflussreichen Repräsentanten in den Machtzentren dieser von mir beschriebenen Welt, und es fällt mir schwer zu glauben, dass sie sie verändern kann. Doch sie vermag alternative Wege aufzuzeigen, wie man in dieser Welt nach einem inneren Rhythmus und mit einer inneren Kontinuität leben kann, die unseren natürlichen, seelischen und geistigen Bedürfnissen viel mehr entsprechen als das, was uns mit Gewalt von äußeren Systemen aufgezwungen wird.

Ich weiß, dass ich bei der Lektüre eines guten Buches ein inneres Aufklaren durchlebe: Das Gefühl meiner Einzigartigkeit als Mensch wird deutlicher. Die differenzierte, präzise Stimme, die von außen zu mir vordringt, bringt Stimmen in mir zum Sprechen, die vielleicht stumm waren, bis jenes bestimmte Buch kam und sie weckte. Auch wenn Tausende von Menschen in einem bestimmten Moment das gleiche Buch lesen wie ich, steht schließlich jeder von uns allein davor. Für jeden Einzelnen von uns ist das Buch ein Lackmuspapier von einer anderen Sorte.

Das gute Buch – und es gibt nicht viele gute Bücher, denn auch die Literatur ist selbstverständlich den Verführungen und Hindernissen der „Massenmedien“ ausgesetzt – macht den Leser einzigartig und befreit ihn aus der Menge. Es gibt ihm die Möglichkeit zu spüren, wie aus unbekannten Regionen Seeleninhalte, Erinnerungen und Existenzmöglich-keiten in ihm auftauchen und an die Oberfläche steigen, die ihm allein gehören und nur ihm. Die ausschließlich die Frucht seiner Persönlichkeit sind. Das Ergebnis seiner intimsten Schlussfolgerungen. Denn im alltäglichen Leben, in der Vulgarität des Alltags, in der allgemeinen Beschmutzung des Intellekts, der flachen, undifferenzierten Sprache, haben diese Seelenstoffe es schwer, aus jenen inneren Tiefen aufzusteigen und zu Wort zu kommen.

Im Idealfall kann die Literatur unser Schicksal und das Schicksal anderer, die weit von uns entfernt leben und uns völlig fremd sind, verbinden. Sie kann uns zuweilen zum Staunen darüber bringen, dass wir nur mit knapper Not dem Schicksal fremder Menschen entgangen sind, oder Trauer darüber in uns auslösen, dass wir diesen Fremden nicht wirklich nah sind, nicht die Hand nach ihnen ausstrecken und sie berühren können. Ich sage nicht, dass diese Gefühle uns sofort zu irgendeiner Handlung motivieren, doch ohne sie ist sicher keine Solidarität, Verbindlichkeit und Verantwortung möglich.

Im Idealfall kann die Literatur uns die Gnade gewähren, die Kränkung der Entmenschlichung ein wenig zu überwinden, die das Leben in großen, anonymen, globalisierten Gesellschaften uns antut: die Kränkung, selbst in einer „groben“ Sprache beschrieben zu werden, in Klischees, Verallgemeinerungen und in Stereotypen; die Kränkung unserer Verwandlung in einen – wie Herbert Marcuse sagte – eindimensionalen Menschen.

Und die Literatur gibt uns auch das Gefühl, es gäbe einen Weg, die brutale Willkür unseres Schicksals zu bekämpfen: Selbst, wenn am Ende von Kafkas Prozess die Behörden Josef K. „wie einen Hund“ erschießen. Auch wenn Antigone hingerichtet wird, auch wenn Hans Castorp im Zauberberg am Ende stirbt, haben wir, die wir sie in ihrem Kampf begleitet haben, die Macht des Einzelnen entdeckt, menschlich zu bleiben, auch unter schwierigsten Bedingungen. Das Lesen – die Literatur – gibt uns unsere Selbstachtung zurück und unser ursprüngliches Gesicht, unser menschliches Antlitz, bevor es in der Masse verschwamm und ausradiert wurde. Bevor wir von unserem Selbst enteignet, vergesellschaftet und als Massenware zum billigsten Preis verkauft wurden.“
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David Grossman, Die Sprache des Einzelnen und die Sprache der Masse, in:David Grossman, Die Kraft zur Korrektur – Über Politik und Literatur, Frankfurt a.M. 2010, S.95ff

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