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Archiv: Gott höchstselbst

Vor einiger Zeit habe ich hier davon erzählt, wie der von Marc-Antoine Mathieu erschaffene Künstler Otto in einer Lebenskrise auf dem Dachboden des Hauses seiner verstorbenen Eltern eine Truhe auffindet, in der detaillierte Materialien über seine Kindheit bist zu seinem 7. Geburtstag gesammelt sind. Während ich bei der Lektüre dieser Graphic Novel eine Pause einlegte und darüber nachdachte, ob ich die Truhe öffnen würde, kam ich auf die Idee, dass sich der Verlag, in dem „Otto“ erschienen ist, vielleicht für meinen Text interessieren könnte und ich schickte Herrn K von der Presseabteilung im Verlagshaus Reprodukt den Link. Herr K. antworte mir freundlich und fragte mich, ob ich gern weitere Arbeiten von Mathieu kennenlernen würde. Da ich wusste, dass sich in Mathieus Werk auch Graphic Novels ohne Worte befanden und Herrn K das richtige Gespür für meinen Geschmack vermitteln wollte, schickte ich ihm ein Foto eines Teils meines Bücherregals, ein shelfie, auf dem die Buchrücken folgender Graphic Novels erkennbar waren:

 
 

Adrian Tomine: Summer Blonde

Adrian Tomine: Sleepwalk and other Stories

Adrian Tomine: Shortcomings

Adrian Tomine: Killing and Dying

David Mazzuccheli: Asterios Polyp

Scott McCloud: The Sculptor

Marion Laurent, Arnauld Le Roux: Entre deux averses

 
 

Diese Graphic Novels weisen – auch wenn sie, wie Asterios Polyp und The Sculptor, romanhafte Züge annehmen – eine Nähe zur Short Story im Sinne Hemingways auf, das heißt, der entscheidende Teil von ihnen liegt im Verborgenen und sie klingen nach der Lektüre noch lange nach: Die Magie der nicht gezeichneten Panels.

Zwei Tage später holte ich einen großen gepolsterten Umschlag aus dem Briefkasten, in dem sich ein weiteres Werk von Marc-Antoine Mathieu befand: die Graphic Novel „Gott höchstselbst“, erschienen im Jahr 2010. Auf dem Cover war in Schwarz- und Brauntönen eine ins Unendliche reichende zusammengedrängte Menschenmenge zu sehen, die in ihrer Mitte einen gewissen Raum frei gelassen hatte, und hier stand ein Mann in einem schlecht sitzenden Anzug, von schräg hinten gezeichnet, mit langem Haar, langem Vollbart und beschwichtigender Haltung von Armen und Händen, die Figur ganz in weiß und mit einem hellen Schatten. Gott höchstselbst. Gott wirkte auf dem Cover wie ein sanfter Arbeitgeber oder wie ein netter Coach.

Ich dachte daran, zu welcher Zeit in meinem Leben mich die Frage nach Gott beschäftigt hatte, weil ich für mich eine Position finden wollte. Wir behandelten im Religionsunterricht Themen wie „Glaube und Wissen“, Gottesbeweise aus dem Mittelalter und ein bisschen Existenzialismus. Der Religionsunterricht, der von einem jungen engagierten Pfarrer gehalten wurde, war so wenig religiös-dogmatisch und inhaltlich so interessant, dass alle bis zum Abitur dabei blieben und niemand austrat. Meine engste Freundin erzählte mir, sie würde oft bis spät nachts mit ihrem sechs Jahre älteren Bruder über alle möglichen Themen diskutieren und da ich Diskussionen mit offenem Ende verlockend fand, meine Freundinnen und Freunde aber nicht gerade um die Ecke wohnten, beschloss ich, meinen Bruder zu fragen, ob er eigentlich an Gott glauben würde. Mein Bruder antwortete schnell, er sagte, das ginge mich nichts an.

Ja oder nein. Meine Jugendzeit war von diesen starken Gegensätzen dominiert. Für oder gegen Nachrüstung, für oder gegen Atomkraft, „no future“ oder happy-party, Streber oder Lebenskünstler, Haben oder Sein. Und eben auch: Gottesglaube – ja oder nein. Ich fragte mich ständig, auf welcher Grundlage ich diese fundamentalen Entscheidungen treffen sollte.

„Gott höchstselbst.“ Ich drehte das Buch um. An der Stelle, an der der alte Mann in weiß gewesen war, befand sich auf der Rückseite des Buches nun eine Leiter, sie reichte über den oberen Rand des Buches hinaus.

Ich schlug das Buch willkürlich auf ein paar Seiten auf, um mir die Zeichnungen anzusehen. Sie waren ähnlich wie bei „Otto“, es dominierten warme Grautöne, die ins Bräunliche übergingen, schwarz und weiß. Die Zeichnungen waren genau so detailliert, dass man bei Menschen den wichtigsten Charakterzug erkennen konnte und nicht abgelenkt war. Ein ruhiges, klares Design.

 
 
 

 
 
 

Da fiel ein dünnes, zusammengefaltetes Stück Papier zwischen den Buchseiten heraus. Ich faltete es vorsichtig auseinander. Das Papier war auf beiden Seiten eng von Hand beschrieben, die feine, sorgsame Schrift eines Mannes in seinen besten Jahren. Glücklicherweise habe ich während meines Studiums in Freiburg einen Volkshochschulkurs zum Thema „Graphologie, Handschriften deuten“ besucht. Ganz oben auf dem Papier standen folgende Worte: „Dieu en personne, conception.“ Kein Zweifel, mir war eben ein wichtiges Planungsdokument von „Gott höchstselbst“ in die Hände gefallen, verfasst von Marc-Antoine Mathieu höchstselbst.

Mit Hilfe von Wörterbüchern, – merci à LEO.ORG -, einigen Grammatikbüchern, Such- und Übersetzungsmaschinen habe ich versucht, das, was ich auf dem Papier entziffern konnte, ins Deutsche zu übertragen. Mathieu hat seine Skizzen mit Bleistift geschrieben, einiges ist verblasst, verwischt, durchgestrichen oder schlecht lesbar. Hier ist – exklusiv für Manafonistas – das, was ich übersetzen konnte:

 

Konzept zu „Gott höchstselbst“

Grundfrage, Grundthema: Was wäre, wenn Gott auf die Erde zurückkehrt?

Okay, die Überlegung ist vielleicht nicht neu, aber ich behandle das Thema anders als die anderen. Es wird das Gegenteil von Becketts Warten auf Godot – auch wenn vielleicht niemand mehr wartet.

Habe die HBO-Serie „John from Cincinnati“ gesehen, ein Hinweis auf dem Independent-Blog Manafonistas bei den Monatsempfehlungen in der Rubrik Bingewatching. Habe „Surfen lernen“ in die Liste meiner Lebensziele aufgenommen, mein Konzept für das neue Buch sucht aber den größeren Rahmen, einen größeren Wirkungskreis. Außerdem war die Figur des John, der so eine Art Gottes Sohn gespielt hat, nicht überzeugend. Er wirkte geistig zurückgeblieben. Das geht gar nicht! Gott muss von überdurchschnittlicher Intelligenz sein. Nicht nur überdurchschnittlich: Jenseitig, überirdisch intelligent, nicht definierbar. Psychiatrisches Gutachten zur Feststellung von Gottes Geisteszustand? Gott auf der Couch? Mögliche Frage: Wenn Sie ein Buch wären, welches Buch wären sie? Antwort: Ein Buch aus Sand.

 

Wie den ersten Auftritt von Gott auf der Erde gestalten? Wie soll er auffallen, sich outen? Motive aus der Bibel einbringen? Josef und Maria waren unterwegs zu einer Volkszählung…

Bilderstreit… Das Gesicht Gottes zeigen oder verhüllen? De meisten stellen ihn sich als einen alten Mann mit langem Bart vor. Ist Gott als Frau denkbar? Stichwort Feministische Theologie googeln? Ah, non. It´s a men´s world! [Im Original englisch, M.W.]

Wieso sollte man jemandem, der behauptet, Gott zu sein, überhaupt glauben? Weil er etwas Nachprüfbares weiß? Allwissenheit Gottes? Kann Gott die Zahlen bei einem Glücksspiel vorhersagen? Glücksspielszene einbauen!

Habe ein Buch mit Vorträgen Albert Einsteins gelesen. Wichtiges Zitat: „Das Schönste und Tiefste, was ein Mensch erfahren kann, ist das Gefühl des Geheimnisvollen.“ Erstaunlich: Viele berühmte Naturwissenschaftler waren tiefgläubige Menschen.

In der Serie „The Leftovers“ gibt es einen Wahrsager, der seinen Kunden angeblich aus dem farbigen Abdruck einer Handfläche die Zukunft vorhersagt. Wie beweist der Wahrsager seine Glaubwürdigkeit? Indem er etwas Persönliches über die Person des Ratsuchenden weiß, was er nicht wissen kann. Dann vertrauen sie ihm. Und was ist sein Trick? (Nochmal die Episode anschauen.)

Personal einbringen, auch als Erzähler, um das Ganze aufzulockern: den bereits erwähnten Psychiater, außerdem zwei Astrophysiker, einen Soziologen, einen Historiker (stark kurzsichtig), zwei Journalisten Radio oder Fernsehen? Mal überlegen. Wenigstens eine Frau sollte schon auch dabei sein. Ha, eine Pressesprecherin mit Doppelnamen!

Typischer Satz von Gotteszweiflern: Wie konnte Gott dies oder jenes zulassen? Gott die Schuld geben für privates Unglück. Einen Gerichtsprozess nach US-amerikanischer Art einbringen, Anwälte, Richter, Verteidiger, Geschworene. Am besten alle Vorwürfe in einem Prozess abhandeln, inklusive der Frage nach der Existenz Gottes. Gott sitzt im Gerichtssaal wie ein Terrorist hinter Panzerglas.

Auswirkungen des Auftretens Gottes auf verschiedene Branchen: Theaterwelt, Büchermarkt (Comics), bildende Kunst, Fernsehshows, Glücksspiel (siehe oben), Kirche. Überall wird das Thema Gott behandelt.

Ein Freizeitpark zum Thema Gott. Riesenrad, Achterbahn, ein kleiner Wasserfall als Quelle der Unschuld. Highlight: die Hölle, die eine echte Empfindung existenzieller Ängste garantiert. Was würde Menschen am meisten bedrohen? (Hierzu Liste anfertigen, Umfrage unter meinen Freunden).

Habe in meinen alten Philosophieunterlagen herumgeblättert und meine Klausur zum Einführungskurs Logik wiederentdeckt. Zwei interessante Aspekte: 1. Der Satz von der Identität. Und 2. „Alle Kreter lügen“, sagt der Kreter.

Auf einer öffentlichen Veranstaltung äußert ein Junge den Wunsch, später Gott zu werden. Er trägt, als wäre es Fasching, eine Perücke mit der weißen Haarpracht Gottes und einen künstlichen Bart. Dies könnte der Höhepunkt und Wendepunkt des Buches sein.

 
 
 
An dieser Stelle brechen Marc-Antoine Mathieus Aufzeichnungen ab.

Ich las das Buch an einem Nachmittag, ohne Unterbrechung. Ja, es basierte auf den handschriftlichen Überlegungen.  Und: ja, ich hätte es gern während meiner Schulzeit gelesen. Auch wenn sich vielleicht auch heute noch vor allem Jugendliche mit der Frage konfrontiert sehen, ob sie an Gott glauben, handelt es sich bei „Gott höchstselbst“ keineswegs um ein Jugendbuch. Die Versuche, das Wesen von Gott zu erfassen, sind nicht neu, aber klug und undogmatisch. Und: Wer drängt uns eigentlich, zwischen einem „Ja“ und einem „Nein“ zu entscheiden? Es aushalten, einer Frage zuzuschauen, wie sie unbeantwortet im Raum schwebt – ist das nicht Magie? Das Szenario, das eine Rückkehr Gottes in einer beliebigen Großstadt auslösen könnte, ist witzig, vielschichtig, vielseitig und sehr intelligent. Die Story wird irgendwann vielleicht etwas überdreht und ein paar Kapitel weniger hätten dem Buch nicht geschadet, andererseits ist der Wendepunkt am Ende, der hier nicht verraten werden soll, wundervoll und man möchte das Buch sofort noch einmal lesen.

Ich kam auf die Idee, Herrn K in der Presseabteilung von Reprodukt zu kontaktieren und ihn zu fragen, ob er von dem Geheimdokument des Marc-Antoine Mathieu gewusst hatte, oder ob es sich bei dem angeblichen Dokument womöglich um ein Faksimile und in Wahrheit um einen Presse-Waschzettel handeln würde, der dazu diente, Rezensenten die Arbeit zu vereinfachen. Doch das Papier mit Marc-Antoine Mathieus Konzeption war, während ich das Buch las, zu Staub zerfallen und unsichtbar geworden, ohne dass ich es gemerkt hatte.


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