Manafonistas

on music beyond mainstream

Du durchsuchst gerade das Archiv des Tags ‘Folk’.

Archiv: Folk

2013 31 Jan

Ted Sheldrake (2)

| Abgelegt unter: Blog,Musik aus 2013 | RSS 2.0 | TB | Tags: , | 1 Kommentar

Damals, als W. G. Sebald das Hinterland von Suffolk durchwanderte, um sich von Steinen, Gebäuden und Menschen lang vergangene Historie erzählen zu lassen, hätte er gut auch Ted Sheldrake über den Weg laufen können, diesem Urgestein aus East Anglia. Nun sind beide tot, und Roger Eno erzählt in einem fein gesponnenen Reigen aus Folk, Pub-Atmosphäre und Feldaufnahmen Stationen und Stories aus Teds Leben. Man hört das krächzige Original, aber auch Lieder seines Kumpels Arthur “Stumpy” Willis, welche die ländliche Welt des Ted Sheldrake wachrufen – übrigens mit einer Stimme, die mitunter ganz herzerweichend an Robert Wyatts Gesangsorgan erinnert. Ted erlebte den Wandel, wie fünfzig Erntearbeiter durch zwei Traktoren ersetzt wurden, und die Geräuschmusik der Dampflokomotiven aus der weiten Ebene verschwand. Roger Eno kreiert in diesem Bilderbogen einer fernen Zeit wohltuende Melancholie mit Klavier und Elektronik. Manchmal gesellen sich Vögel, ein Akkordeon und ein weiter Blick übers graue Meer dazu. Da sind wir dann wieder bei W.G.Sebald und seinen “Ringen des Saturn”.

 
 
 

 
 
 
“Ted Sheldrake (1921-2012) was proud to say that heʼd never, in all of his 91 years, set foot outside of East Anglia.”
 

2012 1 Mrz

Hannes Wader – 7 Lieder

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: , | Kommentare geschlossen

 

 

“Ich bin unterwegs nach Süden und will weiter bis ans Meer, will mich auf heiße Kiesel legen, und dort brennt die Sonne mir die Narben aus dem Nacken, jeden Kratzer, jeden Fleck, dass von den tausend Händen, die mich das ganze Jahr befingert und geschlagen haben, keine Spur mehr übrig bleibt. Und wenn der Wind mir fetzenweise meine alte, tote Haut vom Rücken fegt als weiße Asche, steh ich auf und bin gesund … Ich bin unterwegs nach Süden, will nicht weiter bis ans Meer, ich bin müde, will nur schlafen, morgen, morgen schreibe ich meine Träume auf und sehe wie in der Vergangenheit der Schmutz in meinen Eingeweiden, im Rückenmark, im Hirn begonnen hat zu faulen und zu Gift geronnen ist. Morgen werde ich dann wissen, wie es heißt, woher es kommt, und wenn ich erst den Namen kenne, bringt dies Gift mich nicht mehr um.” (Hannes Wader, Unterwegs Nach Süden)

Unvergessen jenes Weihnachten, als unterm Tannenbaum die 7 Lieder des Hannes Wader lagen. Pure Freude und Inspiration weit übers heilige Fest hinaus: eine neue Dimension.  In der Tradition linker Arbeiterlieder ebenso erklingend wie auch im Kontext von Chanson und Liedermacherei. Modernes Fingerpicking, One-Man-Show, Witz (auch Insterburg und Co. begeisterten zu jener Zeit mit anarchischer Musiziererei), Sprechgesang (Der Tankerkönig als Talking-Blues), dann dieser scharfe Ton, der dem bundesdeutschen Nachkriegsmuff etwas entgegensetzte … das alles und viel mehr noch. Ein ansprechendes Cover auch: Rattenfänger von Hameln, in seriösem Blau. Und das Orange in der Schrift? Aufbruch, Hoffnung, “Unterwegs nach Süden”.

2011 24 Dez

Sarah Jarosz – Follow Me Down

| Abgelegt unter: Blog,Musik aus 2011 | RSS 2.0 | TB | Tags:  | Kommentare geschlossen

 
 

 
 

Die akustische Entdeckung der letzten Tage ist das Album FOLLOW ME DOWN von Sarah Jarosz, das im letzten Sommer erschien. Es zieht ein Folkore-sozialisiertes Wesen wie mich, das Country & Western-Anklänge nie mochte – abgesehen von der Musik James Taylors (und anderen zahlreichen Ausnahmen), sogleich in einen Sog. Kristallklare Sound-Abmischungen der diversen Saiteninstrumente; die wunderbare Stimme und die coolen Phrasierungen; geschmackvolle Arrangements und unsereins kommt zu dem Schluss: Folk is not dead  – ´cause this is pure fun listening. Geschmackvolle Cover mit deutlich eigener Handschrift – Radioheads “The Tourist” zb (“Slow down”).  Die Krönung aber: eine Interpretation von Bob Dylans “Ring Them Bells” – und ich muss gestehen, dass ich den Song gar nicht kannte – anyway, listen here …


79-tone Kanun on the couch.jpg

 

Am 5. August erscheint  bei ECM die CD “Music of Georges I. Gurdjjieff”, die Gruppe nennt sich schlicht THE GURDJIEFF FOLK INSTRUMENTS ENSEMBLE: die dort gespielten Instrumente sind hier abgebildet (natürlich nur der Typus, nicht das exakte Exemplar): duduk, blul, kamancha, oud, kanon, santur, tar, dap, saz, tombak, dumduduk. Bei den Salzburger Festspielen bekommt man solche Klangkörper nicht zu Gehör.  Ausführlich stelle ich  diese CD in den Klanghorizonten des Deutschlandfunks am  29. August 2011 vor. Es ist die Musik, die ein wyndernder Mystiker auf langen Reisen sammelte, weit  entfernt  von dem esoterischen  Raunen, das  zur Requisistenkiste pseudomystischer Sounds zählt und nicht zuletzt durch Bollywoods und Hollywoods Soundtrackschmieden ziemlich abgenutzt ist.  

Tigran Mansurian schreibt dazu: “What appeals most to me in Levon Eskenian´s instrumentation is the extreme meticulous, clear cut work approach without unnecessary “composing” and “cleverness” – when in the wilderness of silence the tiniest intervention is done with sound, which is very characteristic of Gurdjieff´s  works. There is deep silenceat the core of this music that relates  us (…) to the truths told of deep silences from faraway lands, a stillness tha thas not been darkened at all, and has a degree of density that leaves the Gurdjieffian silence immaculate”.

Music of Georges I.GurdjieffMidde East Instruments Sufi Musif - Daf DrumDatei:Baglama.jpgTonbak with Khatam

1 Irwin Steinberg, der damals neu verpflichtete Boss von Mercury Records, ereiferte sich auf einem Interkontinentalflug: “Das ist das größte Stück Mist, das ich je in meinem Leben gehört habe”. Gemeint war die kurz vor der Veröffentlichung stehende Langspielplatte “Looks Like Rain”. Als Mickey Newbury davon erfuhr, rief er den Company-Chef an (der genaue Wortlaut ist nicht überliefert) und kaufte die Rechte an dem Album zurück. Er landete bei Elektra Records und fand dort, bei Jac Holzmans Label, weitaus offenere Ohren. “Looks Like Rain” eröffnet die jetzt wiederveröffentlichten drei Werke Newburys aus den Jahren 1969, 1971 und 1973.

2  “Es gibt einen bestimmten Typus melancholischer Songs, die ein gefundenes Fressen für Kritiker und Weggefährten darstellen”, schreibt Jim Irvin in seiner Besprechung von “An American Trilogy”, “aber zugleich garantieren sie lebenslängliche Unterschätzung von Seiten der Öffentlichkeit.” Mickey Newbury war einer von jenen, dessen Songs bekannter wurden, wenn berühmte Stimmen wie Joan Baez, Elvis Presley, Johnny Cash oder Roberta Fleck sie interpretierten. Newbury war ein Solitär.

3 Der Mann aus Houston, Texas (1940-2002) war mit dem psychedelischen Folk seines Albums “Harlequin Melodies” nicht glücklich. Er fand es überproduziert, und strebte nach größerer Autonomie bei seinen  Produktionen. Die Arbeit an “Looks Like Rain” und den beiden andern Alben der amerikanischen Trilogie wurden denn auch eine recht teure Angelegenheit, aber Newbury konnte sein Ideal umsetzen: eine intime, nackte Musik, die alles möglicherweise Hochfahrende (Bläsersätze, Streicher; Vorsicht vor dem Zuckerbrot aus Nashville!) auf zwingend notwendige Momente reduzierte.

4 Zuerst wurde die Basis gelegt von Newburys Gitarre und Stimme. Im 4-Spur-Verfahren kamen die anderen Instrumente dazu. Einmal, spät abends, ging er mit den Aufnahmen auf sein Hausboot und war genervt vom hohen Grundrauschen der Bänder. Er hörte den Regen, das Windspiel, und kam auf die Idee, diese Sounds in die Musik einfliessen zu lassen. So wurde nicht nur das Rauschen maskiert, es kam auch ein atmosphärischer Gewinn hinzu. Newbury sah sich ohnehin als Tonmaler: sein Gewebe aus Folk und Country fiel auch deshalb aus vetrauten Rahmen, weil er die berühmten Alben jener Zeit liebte und studierte, “Sgt. Pepper”, und “Pet Sounds”; auch Newbury experimentierte mit Klangmanipulationen und Feldaufnahmen – bei weitaus beschränkteren Studioumgebungen ,  in einer  Doppelgarage.

5 “When you´re alone / there´s nothing slower than passing time”, singt er in einem der verstörendesten Einsamkeitslieder, “Frisco Depot”. Newbury wollte besondere Farben für seine Texte, die als Tongedicht, als Sekunden wahrer Empfindungen oder Short Stories daherkamen. Eines Tages kam der Gitarrist  Richard Kennedy in die Garage und brachte eine Kopie des Albums “One Stormy Night” des “Mystic Moods Orchestra” mit. Man benutzte Passagen daraus wie aus einer Klangbibliothek, extrem zurückhaltend. So kamen Frauenstimmen wie Geisterwesen ins Spiel. Und im Beschwören von Geistern war Newbury ohnehin in seinem Element!

6 “1973´s “Heaven Help The Child”, has one of the most beautiful opening minutes of any album, just guitar picking and strumming, some subtle tubular bells and Newbury singing “ooh” into a long reverb, the intro to the gorgeous, dramatic title song that appears to zip between eras, taking in F Scott Fitzgerald in Paris and a battlefield somewhere.” (Jim Irvin, Mojo, June 2011, in seiner Rezension “From Heartbreak, Tennessee”)

2011 2 Jun

John Barleycorn

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: , | 2 Kommentare

The John Renbourn Group veröffentlichte 1977 das Album A MAID IN BEDLAM, dem der oben genannte Song entstammt. Es darf als ein Meilenstein des britischen Hybrid-Folks bezeichnet werden. Eine ungemein feingliedrige Instrumentierung dieses Quintetts mit flute, recorders, oboe, fiddle, cymbals und tablas; dazu vierstimmiger Gesang; John Renbourns Gitarre mit ihren Anklängen an John Dowlands Renaissancemusik; die sinnlichen Stimmen von Jaqui McShee und Sue Draheim – das alles macht dieses Album heute immer noch hörenswert. Es ist als reissued version erhältlich, auch als dowland download.

Gönnen Sie sich doch das eine oder andere Stück, werter Manafonistas-Leser!
Besonders empfohlen seien aus dem Album A MAID IN BEDLAM neben dem Song
John Barleycorn auch die Stücke A Maid In Bedlam und Talk About Suffering,
letzteres ein A-Capella-Gesang der allerersten Güte. Doch nun zu …


John Barleycorn


T
here were three men came out of the west

their fortunes for to try
and these three men made a solemn vow
john barleycorn should die
they ploughed they sow they harrowed him in
threw clods upon his head
then these three men made a solemn vow
john barleycorn was dead

then they let him lie for a very long time
’til the rain from heaven did fall
but little sir john sprung up his head
and so amazed them all
then they let him stand ’til midsummer come
’til he looked both pale and wan
but little sir john he grew a long beard
and so become a man

then they hired men with their scythes so sharp
to cut him off at the knee
they rolled him and tied him by the waist
and served him barbarously
then they hired men with their sharp pitchforks
and they pricked him to the heart
but the loader he served him worse than that
for he bound him into the cart

they wheeled him around and around in the field
’til they came into the barn
then these three men made a solemn oath
on poor john barleycorn
and they hired men with their crab tree sticks
to cut him skin from bone
but the miller he served him worse than that
for he ground him between two stones

it´s the little sir john and the nut brown bowl
and brandy in the glass
and little sir john and the nut brown bowl
proved the strongest man at last
for the hunter he can’t hunt the fox
nor loudly to blow his horn
and the tinker he can’t mend kettle or pots
without a little of barleycorn …


“John Barleycorn” A MAID IN BEDLAM ©1977 The John Renbourn Group

2011 31 Mai

file under heartbreaking

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags:  | 4 Kommentare

http://www.youtube.com/watch?v=5gNi_n2p_fU&feature=related

in memoriam Mickey Newbury

(An American Trilogy, 2011, eine Wiederentdeckung!)

American Trilogy

Es sind Marktmechanismen und PR-Strategien, die Mumford & Sons (obwohl wesentlich untalentierter) zur großen jungen Folkrock-Band der Stunde gemacht haben – der Zauber der Leisure Society bleibt scheinbar vielen unerschlossen. Am Sonntagabend spielte die Band im Luxor in Köln, vor gerade mal fünfzig Hansels und Hannahs – die siebenköpfige Formation zelebrierte hinreissende Songs, voller Dynamik, plötzlicher Tempowechel – und reich an Melodien, die weich schwingen und tief reichen. Wer hat schon je dem letzten Rest des schmelzenden Schnees ein Lied gewidmet (und darin das Ende einer Liebe besungen)? Eröffnet wurde der Set mit dem Titelstück des neuen Album, „Into The Murky Water“. Aber fangen wir am Anfang an, bei ihrem Debutalbum „The Sleeper“.

Die Idee von der Freizeitgesellschaft stammt aus den 1930er Jahren. Alles ist automatisiert und mechanisiert, und wird von Robotern erledigt. Die Leute dachten damals, in der Zukunft brauchten sie nicht mehr zu arbeiten, weil die Maschinen das für sie tun. Sie selbst würden den ganzen Tag mit Freizeitvergnügen zubringen. So ist es natürlich nicht gekommen. Ich fand es immer romantisch, wie sich Menschen in der Vergangenheit die Zukunft vorstellten. Als es um das Cover unseres Albums ging, kaufte ich eine Menge amerikanische Magazine aus den 30er Jahren mit futuristischen Stadtansichten und Raumschiffen. Diese Bilderwelten fand ich sehr interessant.

The Leisure Society, die Freizeitgesellschaft, die der Sänger, Songwriter und Multiinstrumentalist Nick Hemming aus der englischen Provinzstadt Burton-On-Trent 2006 in London ins Leben rief, ist ein großes Ensemble mit bis zu 13 Mitgliedern. Mit Violinen, Celli, Flöten, Akustigitarren, Banjos, Piano, Glockenspiel und vielen weiteren Instrumenten haben sie auf ihrem Debütalbum „The Sleeper“ hart daran gearbeitet, Hemmings Vision eines orchestralen Folk-Pop so federleicht umzusetzen, dass man ganz verblüfft ist von der Beiläufigkeit des Tiefgangs. Das liegt sicher an der betörenden Poesie der Songs, aber auch an den Echos aus der Musik der späten 60er und frühen 70er Jahre, die in den weit aufgespannten Klangräumen der Leisure Society nachhallen:

Ich war in einem düsteren, deprimierten Zustand, als ich die Songs schrieb. Eine Liebesbeziehung war zerbrochen. Ich verließ meine Heimatstadt, um von meiner Ex-Partnerin und den schlechten Gefühlen wegzukommen. Ich zog nach London, schlief bei Freunden auf  Sofas und auf dem Fußboden, trank Wodka, und schrieb diese Songs in einer elenden Verfassung. Ich wollte aber nicht, dass das Album depressiv klingt. Ich hörte zu der Zeit viel Beach Boys und die Beatles, diese fröhlichen Melodien. So ergab sich diese Mischung aus traurigen Texten und aufmunternden Melodien, die uns wichtig war.

„The Last Of The Melting Snow“, im Frühjahr 2009 vollkommen überraschend als „bester Song“ für den Ivor Novello Award, den renommierten britischen Songwriter-Preis, nominiert, beförderte The Leisure Society mit einem Schlag ins Rampenlicht: symphonischer Kammer-Folk, der, was den Gesang angeht, an die heitere Wehmut von Brian Enos sanften Songs erinnert. Vor allem aber scheint das Stück sich The Leisure Society in typisch englischen Folk-Traditionen zu verorten:

Ich habe mir nie viel traditionelle Folk-Music angehört, allenfalls so etwas wie Nick Drake oder Joni Mitchell. Ich verwende ähnliche Instrumente, die auch im Folk vorkommen, ich mag zum Beispiel Banjos und akustische Gitarren. Mein Songwriting aber hat mit dem des Folk nichts zu tun, ich habe da eher einen Pop-Hintergrund. Jemand hat uns kürzlich für eine Dokumentation über englische Folk-Music interviewt. Und ich sagte, ich mag keinen traditionellen Folk. Ich finde ihn zu niedlich und muss dabei immer an Ein-Mann-Kapellen mit Schellenkranz um den Fuß denken. Ich stehe mehr auf den großen klassischen Pop.

Folk kann heute eine Million verschiedene Dinge bedeuten, sagt Nick Hemming. Und so kann man fasziniert verfolgen, wie er mit seiner Leisure Society folkige Miniaturen mit Hilfe von symphonischen Elementen in epische Songs verwandelt, in denen der freie Geist englischer Folk-Rock-Pioniere à la Fairport Convention, Pentangle, oder Steeleye Span in zeitgemäßer Form fortwirkt. Aber es kommen noch ganz andere Anklänge hinzu: 

Als ich mit The Leisure Society anfing, saß ich allein in meinem Schlafzimmer-Studio und komponierte Musik für den Film eines Freundes. Ich ließ mich durch die Musik von John Barry und Ennio Morricone inspirieren, denn mir gefiel die Art, wie dort die Instrumente zusammen flossen. Ich begann, Unmengen an Instrumenten zu sammeln: Sitars, Banjos, Ukulelen. Ich fand es aufregend, wie zum Beispiel eine Sitar und eine elektrische Gitarre zusammen klingen. Das brachte mich dazu, immer mehr Musik aufzunehmen.

Es ist nicht allein die Verwendung bestimmter akustischer Instrumente, die The Leisure Society ein folkiges Flair verleiht. Stellt man sich vor, wie Nick Hemming und seine Musikerfreunde aus Brighton in dem alten romantischen Seebad nicht weit von London zusammen an ihren Songs arbeiten, fühlt man sich leicht in andere Zeiten und Geschichten zurück versetzt:

Ich finde das Meer und die Küste ziemlich anregend und habe viele Songs dort geschrieben. „A Matter Of Time“, eine der Singles vom Album, ist dort entstanden. Wir nehmen die Stücke bei einem von uns zuhause auf oder mieten ein Haus auf dem Land, sitzen dort im Kreis und spielen Musik. Die spezielle Atmosphäre eines Raumes, in dem Leute zusammen Musik machen, auf einer Platte einzufangen, dafür spricht vieles.

Für die Aufnahme von „Into The Murky Water“ sind sie in eine alte Tudor-Villa gezogen. Im Luxor verging die Zeit (auch wenn hier viel „alte Zeit“ anklingt) im Flug. Nick Hemming ist ein so  begabter Melodienfinder! Hernach ging es auf die Zülpicher Strasse. Wir waren ein wenig berauscht von der Musik. Jegliches Sonntagabendfeeling ging verloren. Das Meer hätte gleich hinter der nächsten Ecke auftauchen können. Der Sommer pulsierte, die Fassbrause schmeckte, der Caipirinha erfrischte. Mir stand der Sinn nach einem Gedicht über ein himbeerrotes Sommerkleid.  

Das deutsche Feuilleton bearbeitet gerne solch hochtrabenden Blödsinn wie Lady Gaga, es hängt sich an jeden scheintoten Zeitgeist, es zelebriert jede einst gefeierte Rampensau, die den alten Schmus uninspiriert ins Ohr säuselt, Einschlafpillen für die 68er, hippies´little helpers, die den Partykeller so langsam, aber sicher mit Seniorenresidenzen eintauschen, ihre Träume  begraben haben, und sie nur noch da ausfindig machen, wo sie selbst „für immer jung“ waren, etwas doof und Luftschlösser bauten oder Karrierepläne bastelten. The Leisure Society funktionieren hier als Heilmittel: eine kleine Prise dieser Songs, und man kommt wieder in der Gegenwart an und checkt aus – aus dem „Hotel California“!

 http://www.youtube.com/watch?v=9MhHXAIGhQQ
 
(Am Anfang des Gitarrenintros zitiert Nick Hemming Neil Youngs “Only Love Can Break Yor Heart”. Der Text ist eine Zusammenarbeit von Andreas Dewald und mir. Das Interview hat Andreas Dewald gemacht. Ein guter Freund, und mein treuester Mitarbeiter bei “Corso am Samstag”, einer Sendung, bei der ich jetzt, auf grund inhaltlicher Differenzen mit dem Redakteur, ausgestiegen bin.)

2011 20 Mai

Ein Gespräch mit Simone White (2009)

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: , , | Kommentare geschlossen

Heute hörte ich nach längerer Zeit wieder Simone White. „Yakiimo“ ist ein federleichtes Liederalbum, und doch seltsam geerdet. “These are songs rich in yearning, despair and very American symbolism. It’s a deceptive listen; you want it to be gorgeous, but Simone constantly trips you up with flashes of real darkness.” Gut gesagt, New Musical Express! Hier mein Gespräch aus dem Jahr 2009. Eine Einladung, eine besondere Sängerin kennen zu lernen.

Es gibt einen Song auf Ihrem Album „Yakiimo“, da dachte ich, oh, Sie mögen die Bücher von Carson McCullers aber sehr …

O ja, vor ein paar Jahren las ich ihren Roman „Der Herz ist ein einsamer Jäger“ und verliebte mich in ihre Schriftstellerei. Wie sie es schaffte, in das Herz ihrer Charaktere vorzudringen und deren ganz eigene Einsamkeiten. Und unter diesem Einfluss begann ich mit einem Lied; es war ein trauriges Lied, über das Gefangensein in eigenen Gefühlen, wirklich ziemlich traurig. Aber dann las ich im letzten August ein Buch mit ihren Essays, und da schrieb sie über die Allmacht, die man als Schriftsteller hat, wenn man Charaktere erfindet und über ihr Schicksal verfügt. Und da dachte ich, das mache ich ja auch mit meinen Liedern, und eigentlich wünsche ich ja meinen Figuren mehr Glück, nur bin ich nicht gerade eine Spezialistin für frohe Lieder, aber dieses Lied änderte ich, und es blühte auf und wurde zu „Baby Lie Down With Me“.

In einem anderen Song schlüpfen sie in die Kindheit einer bekannten Folk-Sängerin…

Victoria Williams traf ich auf einer Tour, wir schlossen schnell Freundschaft, sie lebt nicht weit von mir entfernt in der Wüste, sie erzählte mir von ihrer Kindheit und dem amerikanischen Süden, sie wuchs in Louisiana auf. Jedes Jahr zog in ihrer kleinen Stadt der „Nebelmann“ durch die Strassen, und die Kinder fuhren mit ihren Fahrrädern hinter seinem  Lastwagen her, der dicke Qualmwolken ausstiess. Die Kinder wussten nicht, dass der Mann mit Insektengift unterwegs, um Moskitos zu töten. Eines Tages sagte ihre Mutter: Ach, Victoria Ann, fahr nicht mehr hinter dem „Nebelmann“ her, und mit diesem Satz begann die Idee des Songs „Victoria Ann“. Ich stellte mir vor, wie es gewesen wäre, wenn wir beide dort zusammen aufgewachsen wären – und als ich ihr das Stück später vorstellte, war sie verblüfft, weil ich einige Dinge genau getroffen hatte. „Habe ich dir das erzählt, daran kann ich mich gar nicht erinnern!“ Es  war fast so, als hätte ich da etwas „gechannelt“, aus anderen Sphären geholt….

 

Yakiimo

 

Auf dem Cover Ihrer neuen CD sehen Sie aus wie eine Frau, die aus den 30er oder 40er  Jahren kommen könnte. Nur die Tätowierung lässt an unsere Zeit denken. Ist das Foto eine Art Hinweis auf  Ihre Liebe für ein altes vergangenes Amerika?

Absolut. Ich war immer ein Fan früherer Zeiten! Sowohl was die Musik betrifft und den Lebensstil, die einfachen Dinge des Alltags. Dieses Foto sieht wirklich sehr altmodisch aus. Wir machten das Bild mit einer alten Kamera, in einem Bahnhof in Los Angeles, einem wunderbaren Art-Deco-Gebäude!

Schon beim ersten Hören war ich erstaunt von dem ganz feinen Sound der Aufnahme. Erst später las ich, dass das Album produziert wurde von Mark Nevers, der ja schon mit Lambchop, Candi Staton und andern gearbeitet hat. Was war nun sein Beitrag bzw. was war Ihre Vorstellung von dem Sound, den dieses Werk haben sollte?

Mark Nevers und ich haben ja schon auf „I am The Man“ zusammengearbeitet. Es gab jetzt  keinen besonderen Plan, die Produktion verlief sehr organisch. Zuerst sandte ich ihm einige Demos – dann schlug er einige Musiker vor. Es war klar, dass wir keine Blasinstrumente verwenden wollten; die Songs verlangten nicht nach einem grossen Sound. Und es war wohl ein glücklicher Zufall, dass der eingeplante Gitarrist nicht verfügbar war. Mark schlug als Ersatz einen Fiedelspieler vor, und der Klang dieser Fiedel entwickelte sich zu einem besonderen Motiv des gesamten Albums. Beim letzten Album  kam ich nach Nashville, spielte den Musikern meine Songs vor, und fünf Minuten später haben wir die Lieder aufgezeichnet. Dieses Mal wollte ich mir mehr Zeit lassen, um unter die Haut der Lieder zu gelangen. Und so haben wir zwei Tage geprobt, bevor wir uns an die Aufnahme machten.

Obwohl die Musik tief in amerikanischen Traditionen verwurzelt ist, trägt das Werk einen japanische Titel – Yakiimo…

„Yakiimo“ ist der Name des Titelstücks und ist der Ausdruck für „steingeröstete süsse Bergkartoffeln“. Vor über einem Jahr war ich in Japan und hörte, spät abends, einen spukigen Sound, er stammte, erfuhr ich später, von den Männern, die diese Kartoffeln verkauften, es klang wie ein schauriges Lied, fast wie ein Aufruf zum Gebet. Als ich wieder in Los Angeles war, schrieb ich, diesen einfachen Song. Es ist kein Fantasielied- die Atmosphäre des Stückes steht wohl für den Grundton des Albums, dieses Fernweh nach einer anderen Zeit, dieses nostalgische Empfinden verlorener Unschuld und vergangener Jugend. Ich spielte den Song meinen japanischen Freunden in L.A. vor – und sie hatten ganz ähnliche Empfindungen bzgl. dieser  „Yakiimo-Männer“. Und das freute mich. Ich war also nicht bloss die Ausländerin, die etwas Besonderes auf etwas vermeintlich Lächerliches projizierte!

Sie sind ja in einer musikalischen Familie aufgewachsen. Hatten sie damals ein musikalisches  Schlüsselerlebnis, das ihr Leben sozusagen über Nacht veränderte und Ihnen klarmachte: das wird mein Ding werden; gab es da etwas ausserhalb der Familientradition?

Das ist interessant. Viele aus meiner Familie machten Musik auf einer professionellen Ebene, aber alles in der Zeit vor meiner Geburt. Meine Mutter sang daheim ständig alte Folksongs. Aber auf dem Plattenspieler, das war so eine Regel, lief nur nur Klassische Musik. Mit einer Ausnahme: aus unerfindlichen Gründen gab es daheim auch Joni Mitchells Schallplatte „Blue“. Das hörte ich wieder und wieder: ein vollkommenes Werk! Dann entdeckte ich die Beatles, die mich sehr berührten; das war in  der Zeit nach John Lennons Tod. Ich hatte keine Vorstellung, wer er war und kaufte mir Kassetten. Das hat mich wirklich geöffnet … In späteren Jahren wurde ich in meinem Gitarrenspiel sehr nachhaltig beeinflusst von dem Folkgitarristen Bert Jansch. Zuvor hatte ich immer kräftig die Gitarrensaiten geschlagen … ich kannte das nur so … alle machten das … ich hasste das …  aber bei Bert Jansch und seinem „fingerpicking“ bekam ich  mit, welche Besonderheiten diese  Spielweise ermöglichte. Das war ein Durchbruch.

Heute leben Sie in Los Angeles, aber die ersten vier Jahre Ihres Lebens haben Sie auf Hawaii verbracht. Haben Sie Erinnerungen an diese  Jahre?

Ich habe sehr viele Erinnerungen. In meiner ersten war ich ein Baby, ich lag auf meinem Rücken, ich konnte mich noch nicht gross bewegen, ich schaute zum Fenster, und da war dieses Riesentier. Später wurde mir klar, dass das ein Gecko war. Das Tier kletterte  am Fenster entlang. Da vermischte sich wohl etwas mit den Spuren der DNS, die viele Generationen zurückreichen: auf jeden Fall war das Tier für mich ein Ur-Tier, ein riesiger Dinosaurier. Ansonsten erinnere mich bestens an den Ozean, den Klang des Meeres: wie lebten direkt am Strand, die milde Luft, das Wasser. Ich denke diese Jahre sind fundamental und ich fühle mich nirgendwo besser als an einem solchen Ort wie Hawaii; dieses Gefühl von Frieden ist unvergleichlich.

P.S. 2011: Gestern mailte mir Simone White, dass ihr neues Album (das elektronischer sei als die Vorgänger) so gut wie fertig sei und wahrscheinlich noch in diesem Jahr veröffentlicht werde. Sie schickte mir noch den link zu einem mit ihr zusammen gecoverten Song von Sufjan Stevens (s.u.).   http://pitchfork.com/news/42519-listen-fol-chen-cover-sufjan-stevens-i-walked/

Bon Iver

Entrückungen spielen eine besondere Rolle in der Musik von Bon Iver. Das Abgelegene ist ein Thema. Die letzte Platte, die Justin Vernon bekannt machte, liefert gleich ihren eigenen Mythos mit: zurückgezogen wie einst Henry David Thoreau, verbrachte der Mann, der sich “Guter Winter” nennt, lange Zeit in einer Blockhütte, krank und trauernd. Da entstanden die Lieder. Diese Platte wurde von Kritik und Publikum gleichermassen verehrt, ich konnte mich da nicht anschliessen.  Auch auf der Mitte Juni erscheinenden neuen Arbeit (s. Cover) wird ein Rückzug angetreten – diesmal in die alte Heimat. Dort scheint meistens Winter zu sein. Und diese neue CD beeindruckt mich sehr.

Hier der Text des ersten Songs – wenn hier keine Druckfehler im Spiel sind, dann zumindest ziemlich ausgefuchste Wortspiele…

Perth

Iʼm tearing up, acrost your face
move dust through the light
to fide your name
it’s something fane
this is not a place
not yet awake, I’m raised of make

still alive who you love
still alive who you love
still alive who you love

in a mother, out a moth
furling forests for the soft
gotta know been lead aloft
so I’m ridding all your stories
what I know, what it is, is pouring – wire it up!

you’re breaking your ground


Manafonistas | Impressum | Kontakt
Wordpress 4.0.1 Design basiert auf Gabis Wordpress-Templates
76 Verweise - 0.591 Sekunden.