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Archiv: Fahrradfahren

 

 
 
 

Er hat dieses Haus gebaut und er hat diesen Garten angelegt. Den Hauptweg „pflasterte“ er mit Manuskripten und Buechern. Er hat eine ganze Generation „aphrodisiakatisiert“, seine Juenger folgten ihm in langen Gewaendern mit Lorbeerkraenzen auf den Haeuptern. Zu diesen Wandlern gehoerte ich nicht, ich war auch nie eine eifrige Leserin seiner Werke. Ich teile sicher mit ihm die Unruhe und den Reisegeist, der durch das Entdecken der Vielfalt, mit Freude belohnt wird.

Hermann Hesse wohnte in diesem grossen Haus in Gaichingen auf der Hoeri nur 5 Jahre. Warum er das schoene Anwesen verliess, laesst sich nur vermuten. Entweder er dachte wie Michel Leiris: „sich leicht wie eine Feder machen“ oder er konnte die Bodenseepeople nicht ertragen, hier haben sie einfach zu viele Gene von Lehrer Laempel oder er konnte den Sauerampferpudding von seiner Mia nicht mehr sehen.

Der Bodensee ist mir in seiner riesigen Ausdehnung unheimlich. Ich fuhr mit dem Rad auf der Schweizerseite entlang (von Konstanz bis Steckborn 35km). Auf dem Rueckweg sehnte ich mich nach dem freien Platz neben Neil Young. Mein Wochenhit: Glimmer auf STORYTONE.

2016 20 Feb

Lesezeichen # 12

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Einen realistischen Eindruck in die Arbeitswelt der Fahrradkuriere bietet Wolf Schmid – der selbst in einem Fahrunternehmen gearbeitet hat – in seinem Buch „Pedalpilot Doppelzwo“. Mit viel Witz, Lokalkolorit (Hamburg und seine urtypischen Einwohner, Johannes‘ Arbeitskollegen!) gibt das Buch rund um den Fahrer Johannes und dessen Vater Walter all‘ das, was das Berufsleben so ausmacht: Rivalitaeten mit anderen Fahrunternehmen und Unfaelle „im Dienst“ und Fahrten im stroemenden Regen inclusive. Ein Anhang mit Bezug auf der im Buch vorkommenden Plaetze der Hansestadt sowie eine kleine Landkarte vervollstaendigen das lesenswerte Buch. War fuer mich ein echter pageturner!

 

Ich bin keine Sprinterin. War immer der Ausdauertyp. Ich habe mir schon seit sehr vielen Jahren vorgestellt, irgendwann nicht nur Rad zu fahren, sondern auch zu joggen. Du bist dann so drin im Laufen, du kannst nicht mehr aufhören. Sagte W. Sagen alle. Sind nicht die körpereigenen Drogen, all diese Endorphine und was da sonst noch ausgeschüttet wird, die verlockendsten? Vor ein paar Wochen erzählte mir L, er würde jeden Morgen einen Berg hinaufrennen. Er sei deshalb sogar in die Schweiz gezogen. Aber es ist nicht so einfach, vom Rad fahren aufs Joggen umzuschalten. Das ist eine andere Liga. Als erstes kaufte ich mir Joggingschuhe mit dicker Luftpolstersohle. Durchgehende fünf-(von fünf) Sterne-Bewertung. Ja, klar bin ich manipulierbar. C gab entscheidende Tipps. Ganz langsam anfangen. Sie hatte Kurse belegt. 30 Sekunden joggen, zwei Minuten gehen, 30 Sekunden joggen usw. Kein Leistungsdruck. Ich sollte langsamer joggen als ich gehen würde. Mit dem ganzen Fuß abrollen. Arme anwinkeln und eine Vorwärtsbewegung visualisieren. Ich packte mein Kurzzeitmessgerät ein, mit dem ich die Ziehzeit des Tees messe (4 Minuten, ich weiß, beim grünen Tee gibt es hier Gegner), und stellte es auf eine Minute ein. Eine Minute joggen, eine Minute gehen. Eine Minute joggen, eine Minute gehen. Usw. Zwei Minuten joggen. Eine Minute gehen. Zwei Minuten joggen. Ich hatte mir eine ganz bestimmte Strecke in einem freien Gelände vorgenommen. Ein paar Tage später das gleiche Spiel. Dann nochmal. Aber es fehlte dieses I could do it forever-Feeling. Dann kam der entscheidende Tipp. Pack dein iPod ein. Wie weit komme ich mit Brian Eno? Wie weit mit dem Köln Concert? Khmer? Letter From Home? Oder Path Prints? An Electric Storm? A Stable Reference? No way. Schon lange nicht mehr R.E.M. gehört. Accelerate! I started running, one minute, two, first song, Living Well is The Best Revenge. Second. Man Sized Wreath. I threw the timer in the open field. Third. Supernational superserious. Listened to the whole album. Didn´t stop. Wrote this while running. Can´t find the ESC. Fitting music recommendations welcome.

2014 16 Mai

Rad, Rost und Reiter

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„Ein Buch übers Fahrradfahren schreiben, das wär´s!“, dachte Jannis. Ein Kapitel hiesse dann Die Knie – als guter Einstieg für das Thema Ergonomie. Denn es gilt, die richtige Haltung zu beherzigen. Jannis´ Mutter hatte sich am Telefon darüber belustigt (sie rief wieder mal aus Athen an und klagte über die ernste Lage dort) – doch er unterstrich: ein optimal eingestelltes Bike, gehe mit dem Fahrer eine Verbindung ein wie Pferd und Reiter, das sei archaisch und gar nicht witzig.

Die Haltung ändert sich, sobald Fahrstil und Fitness sich bessern: diese ist bei sportlicher Fahrweise weiter nach vorne gebeugt und das Körpergewicht, vielmehr die Körperkraft, geht dann mehr in die Pedale und in den Lenker. Sollte jemandem das Radfahren verleidet sein, weil sein Gesäß ständig auf dem Sattel schmerzt, so könnte die Ursache seines Missvergnügens auch körperliche Schlaffheit sein. Mehr Dynamik! wäre der hier hilfreiche Imperativ.

„In meinem Alter fährt man sowieso kein Fahrrad mehr!“, entgegnete die altehrwürdige hellenische Dame. Jannis wusste, sie war auch früher nie Rad gefahren, und dachte weiter an sein Buch und das Kapitel Knie: die Sattelhöhe ist dann richtig eingestellt, wenn man bei durchgestrecktem Bein mit der Ferse gerade eben das untere Pedal berührt. Andernfalls nämlich ginge die Belastung zu sehr in die eingeknickten Gelenke. Hinzu kommt, dass ein leichter, möglichst hochtouriger Tritt – dem Gleichmass einer surrenden Nähmaschine in ebenem Gelände ähnlich – förderlich ist.

Findet man einen Partner, der ebenso vertraut ist mit der Philosophie des richtigen Radfahrens, dann überträgt sich das Gleichmass gemeinsamer körperlicher Anstrengung leicht auf die gesellige Gesprächsführung – und eine sich weitende, offene Landschaft trägt das Übrige dazu bei. Als schaue man Mark Twain samt Begleitung beim Wandern durch Europa zu, so gleitet das Gespräch locker von den Themen Fussball, Freundschaft oder Zahnersatz zu jenen anspruchvolleren, wie denn etwa eine geeignete Altersvorsorge auszusehen habe.

2013 9 Apr

Vicente Amigo – Tierra

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„Roma“ (from Tierra)
 

Als ich das angenehm unaufgeregte, aufgeräumte Gitarrenspiel des José Luis Montón in seinem Solo-Debut auf dem Label ECM hörte, musste ich an Vicente Amigo denken – ein Epigone des spanischen Flamencohelden Paco de Lucia und wie ich finde: besser als jener, der seit dem Zusammenspiel in einer Motzki-Truppe mit John McLaughlin und Aldi Meola („uups!“) bei nicht wenigen wohl in Verruf geriet. Vicente ist anders: milder, moderner, freier und mit wunderschönen, ephemeren Melodien, diesen „sweet nothings“. Schon die Vorgängeralben, das preisgekrönte Ciudad de las Ideas und danach Paseo de Gracia waren hörenswert. Auf Tierra nun hört man Elemente der keltischen Folklore … (JS)

2012 1 Apr

Gedanke beim Fahrradfahren

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„Logbuch des Lebens“ heißt ein Werk von John Steinbeck. Natürlich haben Seefahrer und Abenteurer mehr zu erzählen als etwa niedersächsische Mittfünfziger der Generation Golf – erst recht, wenn die dann nicht mal Golf spielen oder fahren. Aber trotz des Handicaps eines fehlenden Handicaps: ein Logbuch führen, das wärs doch – und ist viel reiz- und sinnvoller als Tagebuchschreiben, das sich ja zumeist nur um den eigenen Nabel dreht. Logbuch heißt ja: von unterwegs berichten, Fährtenkunde, Pfadfinderei, auf dem Laufenden sein, bewegen. Dann nennen wir es gleichmal B-Logbuch, also Blogbuch, Kurzform: Blog. Bem Vindo!   

2011 3 Nov

I Do Nothing

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Eines meiner Lieblingsbücher ist Roger Willemsen´s „Der Knacks“. Daran musste ich denken, als ich gestern bei einer Radtour lange an einer Stelle verweilte, weil sie zu meinen Lieblingsplätzen gehört (a healing place of magic). Dort beobachtete ich lange und genau das geschäftige Treiben ringsum. Rehe waren zwar nicht zu sichten, aber ich fühlte mich sichtbar wohl – fühlte die subtilen Energien fliessen, die aus dem Stillsein erwachsen. Doch ein leichtes Hintergrundgrummeln des internalisierten Geschäftigkeitszwanges wollte nicht ganz weichen. Hier die betreffende Textstelle aus Willemsen´s Buch, an die ich dachte:

 

Ein Mann stellt sich in einen Winkel zwischen zwei Wohnblocks. Er steht regungslos. Niemand sieht, wohin er blickt, aber er ist anwesend. Wo vorher Bewußtlosigkeit war, ist jetzt eine Situation, weil er da ist. Er ist Zeuge, bevor es etwas zu bezeugen gibt. Das stört. Zieht der Zeuge Geschehnisse an? Eine Frau nähert sich …

„Warten Sie?“
„Nein.“
„Was wollen Sie dann?“
„Nichts.“
„Muss das hier sein?“

Als er nichts erwidert, überlegt sie, ob das erlaubt ist: Nichts zu wollen.

 

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Es kann kein Zufall sein, dass nahezu alle eingetragenen Manafonistas passionierte oder zumindest freudig erregte Radfahrer sind. Unglaublich, aber wahr: zwei Manafonistas besitzen genau dieses oben abgebildete Fahrrad. Auch David Byrne zählt zu den Dahon-Faltradenthusiasten; der einstige Talking Head berichtet über seine Erfahrungen beim Radeln durch diverse Städte der Welt; seine „Bicycle Diaries“ erscheinen in Kürze im deutschen Buchhandel. Die Nits haben mal ein Lied über Fahrradverrückte geschrieben: „Bike In Head“. An Amsterdam wird Byrne kaum herumkommen …

2011 15 Okt

Two Fabulous Bikers

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1
 
David Byrne ist nicht nur ein begnadeter Musiker und ein kreativer Kopf (talking head), sondern auch ein leidenschaftlicher Radfahrer (biking man), der sich für fahrradfreundliche Städte engagiert (bikes vs. cars) – zudem einer, der das Handwerk des Schreibens beherrscht. Dies zeigt sich nicht nur in seinen poetischen, teils subversiven, Songtexten. Sein Buch „Bicycle Diaries“, das im November auch in deutscher Übersetzung erscheint, lese ich gerade mit Vergnügen und Erstaunen. Byrne erzählt, analysiert, recherchiert, strukturiert und philosophiert da, als wären auch die Geisteswissenschaften sein Metier.

Unter anderem beschreibt er, was alle Radler wohl schon erfahren haben: Radfahren, egal ob man es sportlich betreibt oder mehr gemütlich – die Landschaft erkundend, mit beschaulichen Pausen zwischendurch – ist generell eine ideale Möglichkeit, den Horizont (die Kampfzone) zu erweitern; sich leibphilosophisch-phänomenologisch gesprochen „auszuweiten“ (Hermann Schmitz); sich auf eine gelenkschonende Weise fit zu halten; bei Besorgungen, das Auto stehen lassend, die Umwelt zu schonen; alles in allem Stress abzubauen etc … (demnächst mehr dazu in diesem Blog).
 
 
2
 
Peter Sloterdijk habe ich stets bewundert ob seiner Fabulierkunst (sic!) – in einem wähnte ich mich ihm voraus: denn ich war ein topfitter Radsportler. Einen ganzen Sommer lang dann ließ ich das Sportgerät im Keller, fühlte mich schlapp (byrne-out-syndrom).
Da las ich ein Interview mit Sloterdijk im Spiegel, es ging um Profisport und Doping (die Tour de France lief gerade) und der Befragte erwähnte nebenbei, dass auch er seit Jahren ausgiebig diesen Sport betreibe, im Sommer mehrere Tausend Kilometer zurücklege und mit einem Trainer in Begleitung selbst den Mount Ventoux emporgeradelt sei.

Ich war verdutzt: sitze in meiner Stube, mehr als zehn Jahre jünger als der Philosoph, vermutlich mehr als zehn Kilo leichter und Sloterdijk fährt mir nicht nur geistig davon. So wurde aus dem Philosophen dann also auch ein Motivationstrainer – und er hat ja mit einem asketisch-therapeutischen Imperativ in Buchform („Du Musst Dein Leben Ändern!“) und Hochform ein phantastisches Regelwerk der Trainings- und Motivationskunst nachgeliefert. Askesis heißt übrigens „Übung“ – und wer nicht mehr übt, kann den Karren, in diesem Fall das Fahrrad, eigentlich gleich hinschmeißen.


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