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Archiv: ECM

2015 17 Nov

Only Sky (reminder)

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„Cast alone with just his guitars and effects rig for company, in this stunning if somewhat unsettling set of soundscapes David Torn has produced perhaps his most direct and unfiltered work to date. […] It’s a truly fascinating glimpse into the mind of one of the great creative forces of our time and each successive listen should reveal fresh new dimensions for many years to come.“

 

2015 4 Nov

Mette Henriette

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Mette Henriette Martedatter Rølvåg. Der Name ist so schön norwegisch, den muss man wenigstens einmal voll ausschreiben. Ungewöhnlich genug: Ein ECM-Debut mit einer Doppel-CD, noch dazu mit Fotos von Anton Corbijn. Aber diese Künstlerin, behaupte ich mal, ist es wert.

Die CD 1 ist in einer Triobesetzung mit Saxophon, Cello und Klavier eingespielt, kommt sehr leise, sehr schwebend, fast flüsternd daher. Nachtmusik, das Saxophon mit viel Geräuschanteil, der Atem bestimmt die Spannungsbögen der Stücke. Die CD 2, mit einer 13-köpfigen Band aufgenommen, greift dieses Konzept zwar zunächst auf, steigert sich aber zu einer Intensität, die mich zeitweise fast an Carla Bleys legendäres Escalator over the Hill erinnert. Musik für die „Difficult Listening Hour“ und eine gelungene Synthese von Jazz und Kammermusik. Die Aufnahmen stammen aus den Jahren 2013/14.

Mette Henriette hat bereits Ende 2014 mit der Gruppe Torg und unter der Produzentenhand von Bugge Wesseltoft an dem Album kost/elag/gnäll mitgewirkt (erschienen erst im September 2015 auf dem norwegischen Jazzland-Label). Dieses Album klingt offener, entspannter, spielerischer als ihr ECM-Album, streckenweise hat es etwas Vergnügtes an sich, was zum Teil wohl auch daran liegt, dass hier auch Gesang zu hören ist. Man stelle sich vor, Kurt Weill würde versuchen, wie Philip Glass zu komponieren und gäbe der Band dazu noch großen improvisatorischen Freiraum — dann  käme wahrscheinlich so etwas wie diese Platte dabei heraus.

 
 
 


 
 
 

Trotz aller Ähnlichkeit der beiden Albumkonzepte ist der Unterschied zwischen Torg und ECM beachtlich. Das ECM-Album ist konzentrierter und dichter. Dies ist mit Sicherheit dem Produzenten Manfred Eicher zuzuschreiben, der es immer wieder versteht, entsprechende Session-Atmosphären entstehen zu lassen. Wenn das ein Hinweis darauf ist, in welche Richtung es weitergehen könnte, dann bleibe ich neugierig.

Once founded by saxophone player Iain Bellamy, and following quite an amount of incarnations and stylistic changes, „Food“ never did a wrong move, never stopped to surprise, never put out anything but, good, very good, or excellent albums. In recent years, Iain Bellamy’s knack for sophistication and sparseness has been the perfect match for Thomas Stronen’s hitting on things, and his way of, well, sophistication and sparseness. Soulmates are always welcome.

Austrian guitar and sound manipulator Christian Fennesz takes care of unexpected ambiences and noisy undercurrents; he’s a hunter of discreet wilderness proving the rewards of letting all power fall. Normally starting with nothing more than a vibe, an impulse, „Food“ decided a new modus operandi and made use of „real themes“ – banning away the beloved raw skeletons. But why making it simple when complication is so much fun?

After recording a heavy load of material, Thomas Stronen was left alone with it for months, mixing, doubling, cutting, layering, chaneling, canceling. The basics were radically reshaped without letting go some of the key elements and original ideas. „This Is Not A Miracle“ (ECM Records) may not be a miracle, but it is an adventurous perpetuum mobile of shifting moods and awesome polarities. Call it electronic, call it organic!

Stronen and Bellamy know about showdowns, too: the last four tracks are brutally ascetic and perfectly executed: it’s the magician’s trick of „Food“ to be able to even make the tiniest details unforgettable, at least endlessly enjoyable. This time they added (en passant) some grand gestures that hit you right in the face. No one could have expected that!

2015 23 Jul

David Torn besprochen: Only Sky

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Only Sky ist eine ultime Form von kosmischem Blues. Torn halluziniert vorwärts in den aktuellen physischen Raum, in dem sich die gespielte Musik vollzieht, ereignet, und rückwärts in den Raum musikalischer Vergangenheiten. Magisch ist die Weise, wie hier uralte Themen und Stilelemente aus seinem Soundscaping hervortreten, Form annehmen, ohne darin festgelegt zu werden. Im Umspielen, mit Ellipsen und Fragmenten bleibt das Ganze in offener Bewegung wobei sich sehr wohl Konturen scharf abzeichnen.

Gleich zu Beginn, in „At least there was nothing“, jagen Klangfetzen durch einen vibrierenden, anschwellenden Raum, der musikalische Urformen birgt, die der nordamerikanischen Landschaft entspringen und diese nachhallen lassen. Geradezu frappierend ist, wie dann aus dem Sturm die Klänge von Torns elektrischer Ûd aufsteigen und der Zuhörerassoziation kräftig zusetzen. „Spoke with folks“, das zweite Stück, ist eine verlangsamte, nackte Form von Urrock, die sich irgendwo zwischen Howlin’ Wolf, John Lee Hooker, Vanilla Fudge und Steve Reich bewegt – mit entfernten Echos von Pionieren des Blue Grass. „Ok, Shorty“ ist ‘a beauty of a song’ und „Was a cave, There …“ ist schlicht ein Meisterwerk auf einsamer Höhe.

Man kann den leeren Konzertraum des EMPAC in Troy, Upstate New York, mit seinem enorm langen Nachhall heraushören. Aus den Anfangsklängen steigt Konzertantes auf, das den Eindruck eines Gemisches aus Jimi-Hendrix, Arditti String Quartet, Metropolis-Filmmusik und Industrial Sound hervorruft. „Only Sky“ ist eine subtile himmlische Ballade. „So Much What“ arbeitet mit Gongeffekten und ruft entfernt Assoziationen mit Verdis Gefangenenchor aus „Nabucco“ hervor. Das Schlussstück schliesslich gleitet in einen „Shenandoa“-Archetypus.

Torn hat eine anwesende Nichtanwesenheit (und umgekehrt), die seiner Musik eine besondere Qualität verleiht. Er ist der schalkhafte Magier, immer für Überraschungen gut, sowohl was das Sanfte wie das Extreme, Bizarre betrifft. Was Torn spielt, liegt nicht auf der Hand, ist aber stets von grosser Klarheit.

 

Only Sky ist bei ECM herausgekommen. Die Rezension ist eher auch im Printmagazin Jazzthetik erschienen.

6903 Lugano Besso. Du kannst Magie nicht zwingen. Du kennst eine Unzahl von Tricks, du weisst, wie man Sackgassen entkommt, du weisst, wie man aus losen Enden geschlossene Gestalten formt, aber der magische Mehrwert bleibt unberechenbar. Widerspenstig. Es begann mit alten Banden zwischen Arve Henriksen (Trompete etc.), Jan Bang (Live-Sampling etc.) und Eivind Aarset (Gitarren etc.), es begann mit dem Punktfestival von Kristiansand anno 2005. Es begann mit Lieblingsplatten aus den frühen Jahren von ECM, die den armenischen Pianisten Tigran Hamasyan durch seine Teenagerjahre begleiteten. Es begann mit den weit zurückreichenden Erfahrungen des Produzenten Manfred Eicher mit armenischer Musik. Und es begann auch damit, dass Jan Bang mir für eine Ausgabe der JazzFacts (Deutschlandfunk) eine kleine Passage aus seinem Duo mit Tigran (Punkt 2013) schicken sollte: ein Kinderspiel für offene Ohren, hier, in furios inszenierten Dejavues und elektronischen Spiegelungen, den Basisstoff für eine zukünftige Unternehmung zu wittern! Ich tat das Nötige, damit Manfred diese paar Minuten zu hören bekam – und er hörte genug, um die Dinge in Gang zu bringen.

Und so entstand und entsteht in diesen Tagen in Lugano, im „Studio Grosso“ des RSI, eine Produktion mit vier Musikern, einem Produzenten und einem Toningenieur, von der man vieles erhoffen durfte und darf, aber nicht unbedingt solch eine konzentrierte, entfesselte Energie, solch einen Ideenfluss (voller Finessen und Widerständigkeiten)! Wer in naher Zukunft die beteiligten Personen auf diese Tage im Tessin anspricht, wird auf Blicke treffen, die Bände sprechen, auf Sätze, die mal holprig, mal elegant, das So-Nicht-Vorhersehbare ins Spiel bringen, einen Glücksfall. Als Zeuge (Ohren und Augen) atmete ich die Musik ein, hellwach verfolgte ich das Abhören, das Abmischen, die minimalen Korrekturen, die im grossen Saal (ohne Trennwände, ohne Kopfhörer) eingespielten drei, vier Takes einer alten Komitas-Komposition, die eine oder andere tänzelnde Bewegung des Produzenten, die kurzen Dialoge, das Spiel der Gesten und Mienen (für stille Freude gibt es eine ganze Palette) – und einmal, in einer Kaffeepause, blieb ich einfach sitzen vor der menschenleeren Bühne. 

 
 
 

 

2013 30 Jul

Another Pastime Paradise

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No prizes for guessing that a six-disc box-set in which Steve Reich, Jan Garbarek, CPE Bach, Norma Winstone, Arvo Pärt and dozens of others rub shoulders is an ECM production. This seven-hour compilation was made for a major Munich exhibition entitled ECM – A Cultural Archaeology, emphasising ECM music’s links with other arts. So there are big roles for Georgian film-composer Andrey Dergachev’s fusions of electronics, speech and whirring machinery, Greek theatre and film scorer Eleni Karaindrou’s romantic orchestral pieces (with Garbarek’s sax and Kim Kashkashian’s viola among the solo instruments), and many other absorbing crossovers. But at least 30% of the set has clear jazz roots – from clarinetist Jimmy Giuffre’s cool-bop Jesus Maria from 1962 with Paul Bley on piano, to John Surman and Barre Phillips‘ ferocious, synth-thundering Mountainscapes V from the 1978, or the Old and New Dreams band’s blues-steeped rendition of Lonely Woman. Five stars for mostly reissued music might seem generous, but the way this set has been assembled creates transporting new narratives – or meditations – from sequences that were never meant to coexist. (John Fordham, The Guardian, on Selected Signs III – VIII)

„At Home“. Der Klavierspieler geht spät abends regelmässig ins Dachgeschoss, das Fenster geht zum Fjord. Da steht sein Flügel, das Nachtmöbelstück par excellence. Spärliches Licht. Es ist 1996 oder 1997, Jahreszahlen bedeuten wenig in diesen „blauen Stunden“. Mikhail Alperins radikalstes Werk! Die Kargheit dieses Solo-Piano-Albums ist kaum zu steigern, und dass den Stücken so viel Gesang innewohnt, ist das schöne Paradox! Alles, was Effekt ist, Ausschmückung, Triumph, ist verschwunden. in ihrer Reduziertheit, ihren aus wenigen Klängen entwickelten Essenzen führt die Musik jazznahe und jazzferne Traditionen fort; man kann At Home in einem Atemzug nennen mit dem Sparsamsten von Paul Bley (Open, to Love), dem Pausenreichsten von Erik Satie, dem Minimalsten von Dennis Johnson. Man kann dieses Werk der Stille in seiner Rigorosität mit Thelonious Monks Alone In San Francisco vergleichen, dieser weltverlorenen Träumerei in einem leeren Ballsaal, oder auch mit Keith Jarretts The Melody At Night With You, diesen Destillaten von Melodie und Atem. Wenn ich im September Jan Bangs so kompromisslos auf leisen Sohlen wanderndes Werk Narratives from the Subtropics in meiner Nachtsendung spiele, wird ein Stück aus At Home wie ein nahes, fernes Echo klingen. Leerstoff.

Lassen wir mal die üblichen ECM-Lobpreiser (John Kelman) und ECM-Verweigerer (Peter Brötzmann) beiseite, so findet sich in der Bewertung der Musik der griechischen Komponistin, seit ihrem Debüt, MUSIC FOR FILMS, ein gespaltenes Echo.

Für die einen ist es eine hypermelodische Kunstmusik, die, bei allem Eklektizismus, eine ureigene Art zeitgenössischer „mood music“ geschaffen hat, und sich eine verblüffende Autonomie jenseits der Vertonung, etwa der Filme von Angelopoulos, bewahrt. Für die anderen ist es neoromantischer Edelkitsch, der seine spärlichen, folkloristisch und klassisch angehauchten, Motive ad infinitum ausreizt. Bedeutungsschwanger.

Ohne Polemik und Vollmundigkeit schlage ich mich bei ihrer Musik seit vielen Jahren mal auf die eine, mal auf die andere Seite der Kritik. Ein Beispiel für Ross und Reiter: MUSIC FOR FILMS ist ein opus magnum, ETERNITY AND A DAY eine Repertoirenummer. Der vielfach missbrauchte Ausdruck „Melancholie“ darf bei der Griechin als durchgängiges Etikett verwendet werden, solange man den Begriff weit fasst und in ihm nichts Niederdrückendes ausmacht, vielmehr etwas Dunkel-Erhebendes.

Hier auf Lanzarote, bei meinen Autofahrten durch Vulkanlandschaften, und vorbei an, von warmen Wüstenwinden heimgesuchten, Küstenstreifen, bin ich geradezu neugierig auf diese neue Aufnahme (was fast wie ein Widerspruch in sich erscheint). Wäre sie doch in all dieser Kargheit und fern der Touristenorte der ideale Soundtrack für gedehnte Blicke und Gedanken in „slow motion“.
 
 
 

 
 
 

Presseankündigung: Im November 2010, fünf Jahre nach jenem Konzert, dessen Mitschnitt unter dem Titel „Elegy Of The Uprooting“ veröffentlicht wurde, kehrte die griechische Komponistin mit einem neuen Programm und dem Camerata Orchestra unter Alexandros Myrat in den Athener Megaron-Konzertsaal zurück. Als Gastsolisten standen unter anderem Kim Kashkashian und Jan Garbarek mit auf der Bühne. Das Programm umfasste diesmal sowohl Werke für Theater und Film (von denen einige erstmals auf der Konzertbühne vorgestellt wurden) als auch Kompositionen, die eigens für die konzertante Aufführung geschrieben wurden.

 

2012 20 Okt

Nik Bärtsch´s Ronin – Live

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Wozu solche Musik gut sei, fragte mal einer hinsichtlich dessen, was oft als „Zen-Funk“ tituliert wird und seinen Ursprung hat im Land, wo Präzisionsmechanik Grundlage ist für richtiges Timing: in der Schweiz.

„Ein gutes Kunstwerk will nichts!“ wäre eine Antwort auf obige Frage. Musik wie diese behutsam ausgesuchte Zusammenstellung von Live-Mitschnitten der Gruppe Ronin um den Pianisten und Komponisten Nik Bärtsch lebt und atmet aus sich selbst heraus.

Der Covertext des Bandleaders besagt, Ronin habe sich immer, von Beginn an als eine Live-Band verstanden, auch wenn die ausgeklügelten Studioalben mit ihren als Module bezeichneten Songs etwas anderes vermuten liessen. Beim Genuß dieses vitalen Albums gerät man zunehmend in einen Sog – man möchte diese Musik immer wieder hören, denn sie wirkt als ein Appetizer, der angenehm unangestrengt daherkommt.

Auch als eine ECM-Produktion ist dies auf wohltuende Weise völlig melancholiefreie Musik – in der dafür die Zen-Funken nur so sprühen. Yin und Yang heisst hier: das Gefühlvolle trifft zuweilen auf recht rabiate Krach- und Kraftexplosionen – alles bleibt aber im Rahmen einer disziplinierten und konzentrierten Vorgehensweise. Ronin sind tüftelnde Teamworker und der Reiz ihrer Stücke besteht im Zusammenspiel vielfältiger perkussiver Elemente.

So ist dies Album rundum positiv zu bewerten – allerdings mit einer kleinen Ausnahme und darausfolgender Bitte an die Design-Abteilung einer Münchener Plattenfirma: man möge doch bitte Abstand nehmen von diesen schwarzmonochromen und meist reizlos monotonen Coverbildern. Es müssen ja nicht gleich wieder Sonnenuntergänge sein – aber zuviel corporate identity ist langweilig.

„Diese Musik ist wie ein Schlüssel!“, entgegnete ein musikverständiger Zeitgenosse, als unsereins einst überschwänglich Begeisterung für das Paris-Concert des Bandleaders und Saxofonisten Tim Berne zeigte. Den Bass auf dieser legendären Liveaufnahme spielte damals ein gewisser Michael Formanek. Der war mir vorher schon zu Ohren gekommen, auf Parias Pariah beispielsweise – im Quartett mit Gary Thomas, Greg Osby und John Arnold. Wuchtige polyrhythmisch-harmonische Strukturen legten dort den Grundstein für das abstrakt-kühle Spiel der Kompositionsarchitekten Osby und Thomas.

Als Nachfolge des hochgelobten Formanek-Debüts The Rub and the Spare Change erschien nun Small Places. Von der Wucht des auch im echten Leben stabil gebauten Bassisten hört man viel und gerne. Und kein Eicher wäre im Spiel, käme nicht zu dieser Kraft auch Feingefühl und Atmosphäre. Man munkelte schon von „muskulösen Ostinati“, doch der Hörer sei besänftigt: diese Musik wurde nicht im Kraftraum eines sterilen Fitnesscenters ausgeschwitzt – sie entstand enspannt unter der federführenden Hand Formaneks und entfaltete sich dann weiter vor den Mikrofonen der New Yorker Avatar-Studios.

Als Einstieg empfielt sich das letzte Stück des Albums: der von dem Bordun-Ton einer Shruti-Box getragene Song „Soft Reality“. Hier hört man diese schnörkelig feinen Linien, diese hingehauchten Verspieltheiten des Tim Berne, wie er sie schon auf dem Paris-Konzert zelebrierte. Dann aber, im anfänglichen Titelstück „Small Places“, geht es zur Sache. Das ganze Album gewinnt seine Spannkraft durch den Gegensatz von kraftvollen, geradezu rockigen und dann den leiseren, lautmalerischen, tentativen Passagen. Was ist hier noch komponiert, was schon improvisiert?

Das Zusammenspiel Tim Bernes – dessen Ton immer auch etwas ungehobelt, raubeinig und organisch klingt – mit dem Pianisten Craig Taborn und seinen leichten, kühl-ätherischen Klangfarben ergänzt sich gut. Hört er den Letzteren spielen, fragt sich der Klassik-Laie einmal mehr: „Wo ist eigentlich der Unterschied zwischen E-Musik und Jazz?“ Ist das hier Ravel, Schönberg, Webern oder gar Strawinsky? Auch an den kaskadenhaften, klassisch angehauchten Spielwitz des Frank Zappa erinnert zuweilen die Musik auf Small Places.

Keith Jarrett und sein Trio spielen bekanntlich seit Jahren Standards auf hohem Niveau. Jazzstandards sind basis-komponiert im Gefüge von Funktionsharmonik oder Modalität. Darin ähneln sie dem Bossa Nova und den Songs von Steely Dan. Die Musik Formaneks, Bernes, Taborns funktioniert anders: es sind verschachtelte, rhythmische Melodielinien, frei von funktionsharmonischer Struktur – sie bieten Gerüst und Rahmen für die sich öffnenden Räume der Improvisation. Wäre dies Malerei, sie wäre teils abstrakt, teils gegenständlich.

Schlußendlich gehört Small Places zu jenen akustischen Schauplätzen, wo sich auf offener Bühne etwas vollzieht, das sowohl dem leidenschaftlichen Jazzliebhaber als auch dem selbst Musizierenden so manch inspirierenden Aha-Effekt verleiht; die Lust auf Musik macht und – um zappaesk zu schließen – einem die Einsicht vermittelt, der Jazz sei noch lange nicht dahingeschieden, vielmehr ein ewiger Phoenix, aus Asche entsprungen.
 
 
 

 


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