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Archiv: Brian Eno

Ich möchte mit einem Experiment beginnen: Denken Sie an ein Kunstwerk – an ein Stück Literatur oder Musik zum Beispiel -, das historisch betrachtet möglichst alt ist, von dessen Urheber Sie jedoch eine bildliche Vorstellung haben, vielleicht eine Büste von Plato oder ein Gemälde, das Mozart zeigt. Beeinflusst das Bild des Künstlers Ihre Rezeption des Kunstwerks? In seinem Essay „Edges and Center“ aus dem Jahr 1996 hat Brian Eno das Diagramm einer Pop-Platte mit den Schichten einer Zwiebel verglichen: Nur aus Bequemlichkeit, schreibt er, deponiert er im Zentrum die Musik selbst, dann kommen die Texte, dann der Look der Band, die Modelandschaft, der Lifestyle und die Geschichten. Wo liegen die Grenzen des Kunstwerks? Die Hochkultur beansprucht, reiner Inhalt zu sein. Das zentrale Spiel der Popkultur dreht sich hingegen um die Frage: „Wer könnte ich sonst noch sein?“ Der schöpferische Akt der Fotografie ist die Entscheidung, welche Art von Lüge man zeigen will, in den Nuancen von Licht. Brian Eno hat seinen Essay in mehreren Büchern mit Künstlerportraits von Anton Corbijn publiziert, zum Beispiel in dem faszinierenden Band „Anton Corbijn: everybody hurts“. Hier finden sich Portraits, meist von Musikern, aus einer Zeitspanne, die Mitte der 70er Jahre beginnt und bis über die Jahrtausendwende reicht. David Bowie, Joe Cocker, Ian McCullough, Iggy Pop, Jon Bon Jove, Keith Richards (mit Shelfie! Wenn Sie den Begriff nicht kennen, geben Sie ihn bei der Manafonistas-Suchfunktion ein.) Eno erzählt auch von Corbijns Tricks. Wie der Fotograf es schafft, dass jemand bereit ist, sich versuchsweise zum Volltrottel zu machen. Die Portraits wirken nicht nur auf das Publikum, sondern auch auf die Portraitierten zurück. Alan Bangs schrieb in einem Essay „Splendid Isolation“, der sich ebenfalls in dem genannten Buch findet, Corbijn sei davon überzeugt, seine Aufnahmen von Depeche Mode hätten der Musik eine neue Richtung und ihr mehr Tiefe gegeben.

Der Anspruch, mit der Fotografie die Wirklichkeit abzubilden, wurde bereits während des Ersten Weltkriegs aufgegeben. Im Jahr 1917 reiste der Kriegsfotograf Frank Hurley an die Westfront, um das Geschehen dokumentarisch und möglichst unvoreingenommen festzuhalten. Der Erste Weltkrieg war jedoch der erste technisierte Krieg und das Schlachtfeld sah anders aus als in den Kriegen zuvor. „Ich habe immer wieder versucht, Ereignisse auf ein einziges Negativ zu bringen“,  schreibt Hurley in sein Tagebuch, „aber die Ergebnisse waren hoffnungslos. (…) Die Personen zerstreut, die Atmosphäre mit Rauch dicht erfüllt – Granaten, die einfach nicht explodieren, wenn man sie braucht. (…) Die Schlacht ist in vollem Gang, aber wenn ich meine Platten entwickle (…) Ich finde nichts als die Aufnahmen von ein paar aus den Gräben stürmenden Gestalten und einen Hintergrund aus Dunst. Nichts könnte einer Schlacht unähnlicher sein.“ Hurley fertigte die ersten Montagen in der Geschichte der Fotografie an, indem er in der Dunkelkammer mehrere Negative zu einem Abzug kombinierte. Diese Methode nannte er „composite printing“. Hurleys bekanntestes Bild setzt sich aus zwölf Negativen zusammen, die er im Oktober 1917 bei Zonnebeke aufgenommen hat. Es ist, wie die Fotografien Anton Corbijns, Teil des kollektiven Gedächtnisses.

 

 
 
 

ONE The Beatles: Sgt.Pepper’s Lonely Hearts Club Band (double cd oder, auch wenn das immer doof klingt, die „super deluxe edition“) – die Herstellung einer wundervollen Stereobalance beweist, dass die Jungs damals wirklich mono bevorzugten, die Transparenz ist atemraubend, der Bass druckvoll. Wer stets gern zu der Garagenband aus Liverpool zurückkehrt, lese das Buch „Dreaming The Beatles“.

 

TWO Brian Eno: Taking Tiger Mountain (By Strategy) (double vinyl) – die „vier half-speed masters“ von Enosvier Songalben aus den Siebzigern sind jeden Cent wert, obwohl die erhältlichen CD-Masters von 2004 auch keine Wünsche übriglassen. Ich schätze tatsächlich alle vier Alben gleichermassen, Favoriten wechseln mit den Jahreszeiten.

 

THREE Brian Eno: Here Come The Warm Jets (double vinyl) – das wildeste Songalbum ist alles, Protopunk vor Punk, wundervoller Pop, extravaganter Melodienrausch, das englische Wort „overflowing“ findet hier seine vollendete Entsprechung. Aus so einem Reigen  könnten andere Künstler ganze Karrieren schöpfen, Eno gönnt es sich nur einmal.

 

FOUR Brian Eno: Another Green World (double vinyl) – man garantiere mir 25.000 Euro, und ich schreibe ein 120 Seiten umfassendes Prosalanggedicht zu diesem sicher einflussreichsten der vier Alben, ohne ein pathetisches oder schwärmerisches Wort. Am 16. Oktober geht es um diese „big four“ in der „Nahaufnahme“ der Klanghorizonte im Deutschlandfunk. 

 

FIVE Brian Eno: Before And After Science (double vinyl) – ein Kieferklapptrunter-Erlebnis unter guten Kopfhörern, ich höre nie auf, das Album zu entdecken, und hatte in diesem Jahr gar einen luziden Traum, in dem ich einen perfekten neuen Enosong hörte, der nur auf dieses Album gepasst hätte. Echtes Copyright-Problem. Die englische Kurzgeschichte (non-fiction) dazu wird mit Ian McCartney verfasst. Kein Witz. 

 

SIX Radiohead: OK Computer NOTOK 1997 2017 – ehrlich gesagt, habe ich erst in diese Jahr einen Narren gefressen an diesem Album, besser spät als nie. Unfassbar „zeitgenössisches“ Werk, um diesem altbackenen Ausdruck mal etwas Feuer zu geben.

 

SEVEN Bark Psychosis: Hex – kaum einer kennt diese Musik, die ähnlich verstörend ist wie spätes Zeug von Talk Talk – noch heute absoluter „underground“ für die Psyche und nächtliches Lauschen!  „Sheer beauty. Knife-slit tension“. 

 

EIGHT Arthur Russell: Instrumentals (double vinyl) – es ist tottraurig, dass der singende Cellist, Tanzbodenforscher und Verhallungskünstler zu Lebzeiten nie das ernten durfte, was ihm posthum an Lobgesängen zugetragen wird, dieses Werk darf man auch unter „new exotica“ katalogisieren, aber es steht immer noch recht einsam da, wartet auf jeden Zuhörer. Und die kleine neue Vinyledition ist schon wieder vergriffen.

 

NINE Midori Takada: Through The Looking Glass (double vinyl) – japanischer Minimalismus, und so viel mehr. Ein Traum von Henri Rousseau, lauter „twilight zones“, ein einsam und allein eingespieltes Kunststück in arg begrenzter Studiozeit. „Beauty hurts, darkness works as medicine“.

 

TEN Pep Llopis: Poiemusia La Nau Dels Argonautes (vinyl)- die mediterrane, tiefentspannte Variante der Minimalisten & Argonauten, in der alles aquamarin funkelt, und jede Oberfläche eine eigene Tiefenströmung produziert. Ibiza ist nicht so weit von Valencia entfernt. Es ist das Jahr 1983.

 

ELEVEN Barney Wilen: Moshi (double vinyl) – eine schillernde Collage, die keine Verschmelzung der Welten vorgaukelt. Man spielt mit Einheimischen, schliesst Freundschaften, studiert neue Perkussionsinstrumente, singt alte und neue Hymnen. Die Musiker aus Frankreich lassen sich mit Haut und Haar auf die Fremde ein, lernen die blauen Menschen kennen – psychedelischer Jazz, erotischer Taumel, surreale Maskenbälle!

 

TWELVE Lal and Mike Waterson: Bright Phoebus – „Get past a couple of hokey moments to be transported back, first to the communal hopes of the ’70s, and thence into the country lanes of centuries passed“ (Jim Irvin, Mojo)

 

 

P.S.: I’m only refering to reissues that got a special treatment by excellent remastering techniques (that surpass the quality of other available editions), or by extended and highly valuable extensions, or by brilliant design matching the brilliance of the music, or, simply being gems being saved from forgetting and ridiculously high prices at Discogs. David Bowie‘ s Berlin days  will join the circle later on. No, I’m not a Prince fan. And if  the number would be twenty, Deathprod, Oregon, Weather Report, and Ray Charles in mono would have got their songs of praise. The one who knows the writer who coined the title phrase on „darkness & beauty“, will get a free copy of the next Eno album in 2018, MHQ promises. The four prints that accompanied Before and After Science’s first edition in 1977 (double click on the pictures) are beautifully reproduced in the reissue’s design. 

Hello Brian,

here’s a „gospelmate“ of yours:

 

„The Great Debate“ is an eight-minute mini-musical that pits science against religion to determine, once and for all, who is right when it comes to humanity and existence. Though you are an atheist, in the song, the religious side comes out on top, largely thanks to the power of gospel music.

Randy Newman: Faith wins because it’s got Dorothy Love Coates, the Golden Gate Quartet, Bach, Beethoven, Mozart, Brahms, everybody. I don’t know whether I am a music lover, strictly – it’s hard to say how I feel about it – but I love good gospel music. No doubt. My side, the agnostic, atheist side, has got nothing like that. There’s no great song that’s like, “Let’s all not believe and play our agnostic hymnals!” They got everything: the high ceilings, the confessions – man what a hit idea.

(from a new Pitchfork interview)

 

P.S. Though you’ve never been too much interested in your historical ego, it’s great to see how these four classics from the 70’s receive a lot of interesting thoughts and appraisals, funny enough, nearly no one has been diving deeper into the special sound quality of the new „half-speed masters“. And there should be an improvement – standing up three times to get the full experience, makes a difference to old time vinyl experiences :) – I’m prepared for some comparative listening soon … best, Michael

 
 
 

 
 
 

Thanks Micha,

I’m just reading Anthony Heilbutt’s book THE GOSPEL SOUND which has a lot about Dorothy Love Coates in it … I’m still in love with her.

Yes, the old albums have had a good reception. I should listen to them again myself 😉. Last time I listened to any of them I found myself thinking „Who was that person?“. Releasing little time-capsules called „albums“ certainly gives you some surprises later in life: surprises about how much you change over a lifetime, and about which bits don’t change.

And I see Randy Newman has a new record out too. I look forward to that – always admired him enormously as a songwriter (GOOD OLE BOYS one of my alltime favourite albums).

XXB

I built myself a metal shakuhachi. You will have to wait a bit, dear reader, for the return of this instrument. What am I doing just now, aside from listening, on various levels, to Brian Eno’s new piece of Thinking Music? Well, thinking, and stretching the now – ordering a Jack London novel, daydreaming about my next travel to the Northwestern Highlands. A grey day today. I’m not experienced in synaesthesia, but the slowly rolling tones of „Reflection“ add an unspeakable colour (of the mind) that makes the grey catchy in a non-catchy way. Drifting. Returning. There’s, from time to time, a whistling, a kind of whistling, but, probably, it’s no real or treated whistling. What kind of landscape does this music breathe?

Mhm. An early-morning-Emil-Nolde-coast-vibe. A memory of myself standing on the cliffs of Dunnet Head at the beginning of 2016. No colours exploding on this new album of, say it with a smile, „Modern Mood Music“: once upon a time, the great British music writer Richard Williams just used this expression as headline for his Melody Maker review of Brian Eno’s „Music for Films“, Weather Report’s „Mr. Gone“ and Jan Garbarek’s „Places“ (one of the best Garbarek albums, by the way). Nice reframing for the old use of „mood music“ from Muzak to Martin Denny’s Martini-Rosso-Exotica.

Wait a minute, „Reflection“ just draws me in again. Later on I will look for my exotic birds, darken the room, light an African candle (they are called „Swaazi“), put „The Jungle Book“ on the screen – bongos in the bush of ghosts. I divert. The Nolde-coast metaphor is just an imagination, nothing to be taken too seriously. I remember, an orange grove in Morocco inspired one of Eno’s other thinking pieces, „Neroli“. The place, the smell, the heat, it all might have added up to or informed some free floating tones, an unheard vibration – unfolding within another long stretch of the now.

London in summertime (long ago), a paper and pencil-shop, I’m looking for some postcards, suddenly I see a smart and beautiful looking woman, immediately ready to having a word with her, such as „Would you lead me through the streets of London?“ I’m just thinking of a somehow more prosaic first phrase, when I hear my name being called from the back of the shop: „Michael.“ It’s Brian, his old studio has been just around the corner, and we have an appointment for an interview on „Neroli“ later in the morning. So, within seconds, one of my favourite musicians and a dream girl in the same room, I was a bit confused, I explained (no kidding, but with all brevity required!) the complex situation to Brian, he apologized for interrupting me, I say, nevermind, how could you know, turned around again, she was gone. Like an apparition.

When you listen to „Reflection“, apparitions, memories, ideas, pictures, feelings, thinking (sideways), it all may come up, along with some really „deep listening“ (the term coined by the late composer Pauline Oliveiros, who really had a knack for the long lasting drones and uncompromised moods) engaging the left and the right field of your brain. Free floating trance. „I want to be the wandering sailor / We’re silhouettes by the light of the moon / I sit playing solitaire by the window…“ 

The old impact of asynchronism and generative processes in music: you always hear something different, though the components stay the same, or, nearly the same. Steve Reich was the pioneer, with „It’s Gonna Rain“, and some other tape pieces. Brian Eno, always keen on cybernetics, later created „Music for Airports“, and other Ambient classics, with this working method (as small part of the game of creating).

Now „Reflection“ draws me in again, a kind of relaxed magnetism. Sometimes the composition is flooding my living space, sometimes I’m writing at other places, with the music in mind. That’s a difference, cause your memory is never shooting pictures of a track without some mild distortion or nostalgic timbre. Memory is a remix. In the windmills of your mind, certain motives swirl around, prevail, endure, vanish.

The term „old school ambient music“ might arise with first reviews, and, to be honest, this kind of labeling surely deserves a „kick-in-the-ass-treatment“. Compare, f.e., „Neroli“, „Thursday Afternoon“, „Discreet Music“ or „Lux“ – all these musics open up quite (understatement!) different fields of moods and rooms and surroundings (another question is, in a review full of diversions, it’s Thinking Music, isn’t it, why don’t Eno’s ambient works get some well-deserved 5:1-remixes, to make them even more immersive, „Reflection“, at least, will get its generative App for your computer).

So, returning to my kick-in-the-ass-treatment, a term like „old school ambient music“ narrows the focus and totally ignores the diversity, let me be more precise, the extreme diversity of all these slowly evolving compositions. For someone who is more on the „Metallica“ side of sounds, or the „real-music-is-handmade-and-sweating“-approach, this all may be boring stuff, for someone who can at least imagine that thrill-seeker’s paradise might be compatible with the „adagio“ unfolding and exploring of the never everlasting now, every single ambient record might by a seductive invitation into the unknown.

„I built myself a metal shakuhachi.“ What a weird sentence to pop up while listening? Is there anything that sounds like a metal shakuhachi on „Reflection“? Nope, or: dunno. Maybe it’s a metaphor for the music, another label (but ungraspable): „Metal Shakuhachi Music“ – though there’s no metal vibe and no Japanese bamboo flute artifact. But even more so there’s a melting  of the electronic/systemic and the soulful/organic. Left with uncertainties can be a gift – like not being trapped in old school knowledge can be a gift. Just, well, surrender. It even works on old, new vinyl.

 

Dear Micha

many thanks for that very interesting and inspired review. I really enjoyed reading it – and I hope other people can find some of the same depth in it that you’ve found. I deliberately downplay the musical qualities of these long ambient pieces because I prefer people to regard them as ‚functional‘ – and then to discover (if they want to, if they’re able to, if they need to) that they are really music. It’s a nice surprise for them then.. have a lovely christmas wherever you are. I shall be in Italy, probably sleeping. It’s been a busy year…

XXB

London, Dec. 18th

 

2017 5 Feb

The Sisters of Reflection

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Hannah, Irial, Darla, Anya. Sisters. Generative Music, vier mal 15 Minuten und 13 Sekunden. Etwas wärmer als Reflection, organischer. Irgendwo zwischen solemnen und serenen Stratosphären. Ein elektronischer Mitternachtsraga …

Hätte vielleicht auch Daughters heißen können; kleine wunderbare Geschöpfe, die aus sich immer wieder neue Räume generieren. Aber halt: war ich da nicht schon einmal? Kommt mir die Ecke, diese Seitenstraße, dieses Fenster, dieser Horizont nicht bekannt vor? Ich versuche mich zu erinnern, aber alles, was aus der Tiefe meines Basalhirns aufsteigt, bleibt fragmentarisch. Wie ein Traum. Der Blick aus einem Fenster in New York, eine badende Frau, unendlich langsam oszillierende Farbflächen, so dass ich den Übergang nicht spüre. Den Übergang zu dieser fraglosen Gegenwärtigkeit, die gerade die leiseste Musik Brian Eno’s für mich immer ausgemacht hat.

Eine Zugabe. Zur hochpreisigen App, weil die brexikalen Kursschwankungen den Preis getrieben haben. Deshalb. Jetzt haben alle ein gutes Gefühl. Die Atmosphäre ist rein. Subtilationen …

 

Gestern war ein trüber Tag. Nach meinem Spaziergang „über den Berg“ (ich wohne nicht am Alpenrand oder im Mittelgebirge, also war die Angelegenheit in einer knappen Stunde erledigt) machte ich mir eine grosse Tasse Assamtee, verdunkelte mein Musikzimmer, und hörte in der Folge zwei Platten, die jeweils von einem Künstler allein eingespielt wurden. Eine Kerze vertrieb das Restgrau, das durch Vorhangsspalten huschte. Das eine Album heisst „REFLECTION“, das andere „MY FOOLISH HEART“. Zuerst Ralph Towner, dann Brian Eno. In der Pause bereitete ich mir eine weitere Tasse Tee zu, diesmal grünen. Obwohl Towners Sologitarrenmusik die Aufmerksamkeit des Hörers unmittelbarer einfordert als „Reflection“, kann man sich dabei auch, mit geschärftem Bewusstsein, tief entspannen. Und es gäbe einiges zu sagen zum siebten puren Soloalbum des amerikanischen Musikers. Man merkt gar nicht, wie konzentriert die Kompositionen sind, es erscheint behändiger, schwebender, als das auf enorme Reduktion bedachte Solowerk „Timeline“, das Peter Ruedi einst, und völlig zurecht, zu einer seiner sachlichen Lobeshymnen animierte. Gedanken(splitter) zum „närrischen Herzen“ kamen kurz zu Bewusstsein, tauchten ab – in der stillen Freude unkommentierten Hörens. Später, bei Enos neuer CD, huschten alte Gedanken vorbei, solcher Art, und etwas abgerundeter (achten Sie auf die Abweichungen von Bekanntem, alte Hüte sitzen besser schräg): die Rezeption der Ambient Music von DISCREET MUSIC bis REFLECTION folgt einem Muster; des einen Langeweile ist des andern Erfüllung. Selten wird wahrgenommen, wie weit all diese „doors of perception“ von einander entfernt sind, der Handschrift des Komponisten oder „Algorithmikers“ zum Trotz. Eine Welt liegt zwischen dem lo-fi von DISCREET MUSIC und dem high-end von REFLECTION. Das eine Zufallsentdeckung, das andere Resultat langen Hörens und Verwandelns. Ich habe mich in diesen Räumen noch nie gelangweilt, aber das Wort Erfüllung trifft es auch nicht. Zu edel. Transzendenz kommt näher heran, ist für mich aber nichts Spirituelles, es ist das, was hinter den Türen auftaucht, wenn man Gewohnheiten, Kreisläufe durchbricht. A dark room. The silence of a candle. Stop making sense. „Do you realize?“. Was ist mein Lieblingssong – ever? „Sunny Afternoon“, von den Kinks. Hier könnte es spannend werden, bei den, nicht auf Aphorismen bedachten, Randnotizen. Was da so von ferne alles hereinschneit, beim Hören zweier wundervoller Platten, bis das eine und andere, stets fragmentierte, Sammelsurium, nach kurzem Quer- und Rumtreiben, entgleitet und forttrudelt!

Heute erscheint offiziell das neue Album REFLECTION von Brian Eno. (Ian is entranced, and maybe he will write another story on the album starring our beloved DJ from another age, Mireia Moreorless). Ich habe es schon einige Zeit auf dem Computer, aber nun das erste Mal die CD über die grosse Stereoanlage laufen lassen. Ich hatte eine grosse Tasse grünen Tee zubereitet, und liess die Musik in all ihren Feinheiten auf mich wirken. Es sind ja verschiedene „Soundschleifen“ aktiv, die sich aber stärker wandeln als auf Klassikern wie DISCREET MUSIC oder MUSIC FOR AIRPORTS. Jeder „Tonspur“ ist eine (digital gespeicherte) Anweisung zugeteilt, wie sie sich zu entfalten habe. So ist schon mal für beträchtliche Variationsbreite der einzelnen „Inputs“ gesorgt. Die Überlappungen sorgen also für unendliche Vielfalt im Zuge sich nie identisch wiederholender Wiederholungen. Das Tolle ist, dass diese Beschreibungen absolut ernüchternd sind, die Musik aber eher das Gegenteil davon, sinnlich, traumartig, ein Fluss. Nur die Oberflächenstruktur suggeriert generative Systeme, Kybernetik, Künstlichkeit. In der Tiefe, die hier kein metaphysischer Begriff ist, sondern den Sprung in den Fluss avisiert, das gute alte Loslassen, herrscht Staunen, Verwunderung, Trance. „But if an algorithm composed this music, is Brian Eno the author of it?“, Kitty Empire asks in her review, and I like to answer: „Yes, Kitty, he’s the author! You know why? It’s his handwriting! And: the music has no story, but soul.“ Und, erst beim Hören auf der grossen Anlage, kommt das Element der puren Überraschung hinzu. Oft scheint sich die Musik dem Nichts zu nähern, es gibt vollendet klingende Verschwindeklänge, und aus dem sanften Sog des Nichts kommt dann plötzlich ein fast lauter glockenheller Ton, der etwas Aufrüttelndes hat, aufreissendem Licht und einer Marimba nicht unähnlich. Man darf also durchaus, bei REFLECTION, einer übrigens klanglich absolut highendigen Aufnahme, Kristalle in Drei D, Landschaften vorüberziehen sehen, man darf die Musik persönlich nehmen. Ja, und ich tauche derzeit, beim Hören des Albums, in einen alten Gedichtband von Jürgen Becker ein, den ich aus dem Speicher runtergeholt habe, kehre immer zu den Klängen, den Worten zurück, dem Raum dazwischen. Besorgen Sie sich einfach mal ein schmales Lyrikbändchen von Herrn Becker, nach dem Zufallsprinzip, und halten Sie die Zeit an, wenn die Musik läuft. Kinderleicht, geht von allein, und immer eine Illusion.

 

01 Brian Eno (204)
02 David Bowie (163)
03 Hamasyan / Henriksen / Aarset / Bang  (161)
04 Bon Iver (127)
05 Leonard Cohen (81)
06 Lucinda Williams (75)
07 Jon Balke (74)
08 Nick Cave (65)
09 Radiohead (52)
10 Paul Simon (52) 
11 Daniel Lanois (47)
12 Vijay Iyer & Wadada Leo Smith (44)

 

For Love Can Turn Us Still (FLOTUS) – the wonderful new album of Lambchop is on par with their classics – the subtle electronic innovations intensify their palette instead of reaching for a bigger audience. The album of December. The album for the subversive christmas tree. The album for friends of Frank O’Hara poems. The album for people who love albums they can listen to forever. In one way, and this is no joke, it even supasses SGT. PEPPER. Not one weak track! Or will anybody tell me that „Good Morning Good Morning“ is not rather crappy?!

Going back in time: some of you may have a decent memory about the second Jethro Tull album, the one with the stand-up cover. STAND UP now got THE ELEVATED EDITION, with lots of footage, films and, excellence as usual, Steven Wilson‘ stereo and surround remixes. Even Ian Anderson’s Bach-Bourée can still create a shiver in this new ambience. And the elevated edition is a book, too, full of stunning episodes. 1968, 1969 revisited. Brian Whistler’s tales of the SACD of Weather Report’s TALE SPINNIN‘ would be perfect, too, here (I got it, I heard it, I love it – a rediscovery!), but the comments there have an extra-value, so we leave it in the blog diary for its own good.

And a small change in our third column of monthly appraisals: the term „philosophica“ can from now turn into „psychologica“, „artistica“, „graphica“ etc., dependant on the object of desire. Anybody who has something in mind? Mail your proposal of a review to manafonistas@gmx! The first idea is often the best and will be taken! That is, by the way, the address of the real Manafonista headquarter, 500 miles away from my living place. Otherwise (a quiet bravo for my understatement, please!) my enthusiastic review of the wonderful #42 of MONO.KULTUR incl. the adventurous, spellbinding talk with thrill-seeking SOPHIE CALLE, mastress of Houdini-esque ego-dissolution, will find its place there. (A day later: oh, wonderful, from the backyard of the MHQ, someone went enthusiastic about a book that has a very special, vague, nearly ungraspable topic: MOOD.)

 
 
 

 
 
 

The MANA THRILL PRIZE FACTORY 2016 is offering a fine collection of new thrillers and crime novels beyond mainstream, and Stephen Dobyn’s eccentric, funny, dark, hilarious „IS FAT BOB DEAD YET?“ is such a wonderful book with a beating heart, in spite of all its obliqueness. A thriller that evokes Elmore Leonard and Donald E. Westlake at their best, but adds several layers of absurdity and a narrative voice that suggests metafiction meets a Greek chorus meets Jane Austen …

In our BINGEWATCH TRANCE DECEMBER corner, two series of 2016 take center stage: as different as they are, these legal dramas offer rather dark tales: GOLIATH (season 1), a fresh take on the old John-Grisham school (it’s not written by Grisham though) with fabulous Billy Bob Thornton, and THE NIGHT OF (one season only!), mirroring the neo-realistic grittiness of the „noir“- underworlds of „The Wire“ or „True Detective“, in this case with fabulous John Turturro.

 

P.S. January 2017 will be the month of promising new works by Brian Eno (purely ambient this time, and, nevertheless, another landscape, another thinking space for sure), Tinariwen, The Necks (on Mego now), Ralph Towner (guitar solo, recorded in Lugano,  release date: February (!) 3rd), and „the fearless freaks“ (watch the documentary!) of The Flaming Lips.

 

„Reflection is the latest work in a long series. It started (as far as record releases are concerned) with Discreet Music in 1975 ( – or did it start with the first Fripp and Eno album in 1973? Or did it start with the first original piece of music I ever made, at Ipswich Art School in 1965 – recordings of a metal lampshade slowed down to half and quarter speed, all overlaid?)

Anyway, it’s the music that I later called ‘Ambient’. I don’t think I understand what that term stands for anymore – it seems to have swollen to accommodate some quite unexpected bedfellows – but I still use it to distinguish it from pieces of music that have fixed duration and rhythmically connected, locked together elements.

The pedigree of this piece includes Thursday Afternoon, Neroli (whose subtitle is Thinking Music IV) and LUX. I’ve made a lot of thinking music, but most of it I’ve kept for myself. Now I notice that people are using some of those earlier records in the way that I use them – as provocative spaces for thinking – so I feel more inclined to make them public.

Pieces like this have another name: they’re GENERATIVE. By that I mean they make themselves. My job as a composer is to set in place a group of sounds and phrases, and then some rules which decide what happens to them. I then set the whole system playing and see what it does, adjusting the sounds and the phrases and the rules until I get something I’m happy with. Because those rules are probabilistic ( – often taking the form ‘perform operation x, y percent of the time’) the piece unfolds differently every time it is activated. What you have here is a recording of one of those unfoldings.

Reflection is so called because I find it makes me think back. It makes me think things over. It seems to create a psychological space that encourages internal conversation. And external ones actually – people seem to enjoy it as the background to their conversations. When I make a piece like this most of my time is spent listening to it for long periods – sometimes several whole days – observing what it does to different situations, seeing how it makes me feel. I make my observations and then tweak the rules.

Because everything in the pieces is probabilistic and because the probabilities pile up it can take a very long time to get an idea of all the variations that might occur in the piece. One rule might say ‘raise 1 out of every 100 notes by 5 semitones’ and another might say ‘raise one out of every 50 notes by 7 semitones’. If those two instructions are operating on the same data stream, sometimes – very rarely – they will both operate on the same note…so something like 1 in every 5000 notes will be raised by 12 semitones. You won’t know which of those 5000 notes it’s going to be. Since there are a lot of these types of operations going on together, on different but parallel data streams, the end result is a complex and unpredictable web.

Perhaps you can divide artists into two categories: farmers and cowboys. The farmers settle a piece of land and cultivate it carefully, finding more and more value in it. The cowboys look for new places and are excited by the sheer fact of discovery, and the freedom of being somewhere that not many people have been before. I used to think I was temperamentally more cowboy than farmer… but the fact that the series to which this piece belongs has been running now for over 4 decades makes me think that there’s quite a big bit of farmer in me.“

 


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