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Archiv: Biografien

2015 26 Okt

John Fogerty: Fortunate Son

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Wenn dieser Mann nur nicht ein so verteufelt guter Musiker wäre. Dann könnte man den Inhalt dieses Werkes problemlos in die inzwischen einfalls- und konzeptlos dahintreibende TV-Soap „Nashville“ einfügen. So scheinbar unrealistisch ist das alles. Die zweite Hälfte des Buches ist über weite Strecken blanker Kitsch. Dummerweise nur entspricht vieles von dem, was Fogerty schreibt, den Tatsachen, und da für mich sein musikalisches Werk ziemlich idealtypisch alles repräsentiert, was für mich klassische amerikanische Rockmusik ausmacht, ist mir das Buch nicht egal.

John Fogertys Autobiografie, diese Woche auf Rang 15 der New-York-Times-Nonfiction-Bestsellerliste zu finden, ist eine Achterbahnfahrt. Lassen wir mal außen vor, ob er sie selbst geschrieben hat (ein Ghostwriter ist nicht genannt). Manchmal möchte man das Buch einfach nur zuklappen. Aber ähnlich, wie man bei „Nashville“ dann doch nicht abschaltet, so liest man auch hier weiter.

John Fogerty ist mehr als einmal übel mitgespielt worden. Diese Geschichten sollen hier nicht wiedergegeben werden, es würde zu lange dauern. Nur so viel: Die Band, die mal CCR werden sollte, ließ sich 1967 auf einen Plattenvertrag ein, den kein auch nur halbwegs vernünftiges Management abgeschlossen und den jeder halbwegs vernünftige Richter für nichtig erklärt hätte — wegen objektiver Unerfüllbarkeit. Es gab aber kein vernünftiges Management, es gab keinen vernünftigen Anwalt, Fogerty zog es vor, die Dinge selbst zu regeln, und deswegen hat Fantasy-Boss Saul Zaentz Fogerty in filmreifer Blutsauger-Manier jahrzehntelang systematisch vor sich her treiben können, bis die Geschichte schließlich ins Absurde kippte.

Dies alles wird in dem Buch in wahrhaft epischer Breite geschildert. Dazu gibt es einige eher belanglose Kindheits- und Jugendepisoden sowie einige Andeutungen über die Ehe der Eltern. Wirklich in die Tiefe geht Fogerty dabei aber nie, auch über seine Ehe mit Martha erfahren wir im Prinzip nur, dass es sie gab und dass sie irgendwann geschieden wurde. Das eigentlich Auffällige dabei ist auf der einen Seite John Fogertys bisweilen breitärschige Selbstgefälligkeit, und auf der anderen Seite seine offenkundige Unfähigkeit, sich auch nur für eine einzige Minute in die Position anderer hineinzuversetzen. Anregungen anderer kommen bei ihm nur an, wenn sie seiner Ansicht entsprechen. CCR entspricht zu keinem Zeitpunkt Johns Vorstellung von einer verschworenen Gemeinschaft, aber er erkennt nicht, dass er mit seinem eigenen Verhalten dazu beiträgt. Er erkennt in der entnervten Flucht seines Bruders Tom aus der Band nicht das Alarmsignal, das es ist. Toms folgende Soloalben erklärt er pauschal für schlecht, obwohl er wahrlich Musiker genug ist, um es besser zu wissen (immerhin sind sogar Musiker wie Jerry Garcia oder Merl Saunders daran beteiligt, die sich bestimmt nicht mit jedem abgeben). Seine verbliebenen CCR-Mitstreiter Stu Cook und Doug Clifford, die angesichts seiner ständigen Besserwisserei irgendwann rebellisch werden, hält Fogerty für intrigante Volltrottel, denen er überhaupt erstmal beibringen musste, wie man mit Messer und Gabel isst. Nein, die beiden waren keine Virtuosen und sind auch sonst keine Unschuldsengel, und als sie ihr gruppeninternes Stimmrecht für jeweils 30.000 Dollar an Saul Zaentz verkaufen, trifft ihn das tief — verständlicherweise. Dennoch: Unter normalen Umständen hätten sich diese Konflikte lösen lassen — doch nicht mit John Fogerty. Der überlässt sich lieber seiner zunehmenden Verbitterung und dem Alkohol. Jahrelang spielt seine eigenen Songs nicht mehr, bis ihn dankenswerterweise Bob Dylan auf offener Bühne quasi dazu zwingt („Wenn du es nicht tust, werden später alle glauben, ‚Proud Mary‘ sei von Tina Turner gewesen“).

Und dazu der immer noch ungelöste Konflikt mit Saul Zaentz und Fantasy Records. Am Ende jagt Zaentz Fogerty in den wohl absurdesten Prozess der Popgeschichte, den Fogerty zum Glück gewinnt. Aber woher das alles kommt: Bei Fogerty kommt es nicht an. Was immer seine Mitmenschen auch tun: Wenn es nicht das ist, was er für richtig hält, dann ist sein Urteil gnadenlos, ob es sein Bruder Tom ist, ob es CCR-Bassist Stu Cook ist (auf den er sich besonders eingeschossen zu haben scheint), ob es der Musikjournalist Ralph J. Gleason ist, ob es wer auch immer ist. Er verehrt alte Blues-Heroen, sein Urteil über andere Bands aus der San-Francisco-Szene ist dagegen oft übermäßig hart. Jefferson Airplane und Grateful Dead wirft er vor, sie könnten auf der Bühne nur endloses Genudel, aber keine Songs hervorbringen. Im Fall der Airplanes ist das schlicht falsch, im Fall der Dead scheint er das Konzept der Band nicht verstanden zu haben.

Bis dann endlich Julie die Szene betritt — eine annähernd 20 Jahre jüngere Zufallsbekanntschaft, die Johns große Liebe wird. Aber selbst diese Beziehung gefährdet Fogerty mit Alkohol und erratischem Verhalten. Erst, nachdem Julie das Management ihres Mannes übernimmt und ihr gesamtes Handeln darauf ausrichtet, ihm den Rücken fürs Komponieren und Musizieren freizuhalten, wird eine bis jetzt anscheinend glückliche Ehe daraus. Julie betritt das Buch in Kapitel 15 und schreibt ab dort eigene Textabschnitte, die sie in der 12 CDs umfassenden Hörbuchversion auch selber spricht.

Der Rest des Buches ist dann eitel Sonnenschein.

Fogerty ist, wen wundert’s, kein großer Autor. Aber darauf kommt es bei einem Buch wie diesem nicht an. Wer den Menschen John Fogerty und seine Sicht der Dinge näher kennenlernen möchte, wird aus diesem Buch eine Menge über ihn erfahren — das meiste allerdings zwischen den Zeilen. Die Geschichte der großen Hits, seine musikalischen Vorbilder, seine Liebe zur Countrymusik, seine etwas seltsamen Ansichten zum Thema Politik und Waffenbesitz (er trat mehrfach für die Demokraten auf, scheint aber dennoch zu glauben, dass die US-Regierung nur deshalb im Zaum gehalten werden kann, weil sie weiß, dass das Volk bewaffnet ist — die NRA wird jubeln), das alles ist da und wird durchaus unterhaltsam und gut lesbar geschildert. Die in amerikanischen Star-Biografien sonst unvermeidlichen ellenlangen Krankheitsgeschichten fehlen hier glücklicherweise.

Wer sich allerdings für eine objektivere Darstellung der diversen Sachverhalte um CCR und Fantasy Records interessiert, der scheint mir mit Hank Bordowitz‘ Buch „Bad Moon Rising — The Unauthorized History of Creedence Clearwater Revival“ von 1998 immer noch besser bedient zu sein.

Wenn dieser Mann nur nicht ein so verteufelt guter Musiker wäre.

 

John Fogerty:
Fortunate Son — My Life, My Music
Little, Brown & Co. 2015
ISBN 978-0316244572

 

 
 
 
Das tageslichtleuchtende Brüllorange, in dem dieses Werk daherkommt, wird auf dem Foto nur unvollständig deutlich. Und diese Farbe setzt sich drinnen fort, nicht nur als gelegentlicher Seitenhintergrund, sondern manchmal sogar als Textfarbe. Die in den Buchdeckel eingestanzten Löcher geben drei der insgesamt 35 Portraitfotos auf dem Schmutztitel frei.

Na gut, kann man so machen. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob das Resultat nun eine besonders originelle Buchgestaltung ist oder eine echte Designkatastrophe. Tut mir leid, das muss jeder für sich entscheiden. Aber mit so etwas muss man wohl rechnen, wenn man es mit Erik Spiekermann zu tun hat.

Er wird es nicht besonders originell finden, als Designguru bezeichnet zu werden, aber dass Erik Spiekermann einer der wichtigsten Schriftgestalter und Designer der Gegenwart ist, wird man nicht bestreiten können. Mit seinem Werk ist jeder, der mit halbwegs offenen Augen durch die Gegend läuft, schon in Berührung gekommen. Er hat etliche Bücher des Rotbuch-Verlages grafisch und typografisch gestaltet, er hat Schriftdesigns für die Deutsche Bahn entworfen, für die Telekom, für das Informationssystem der Berliner Verkehrsbetriebe nach der Wiedervereinigung, für den WDR, für Bosch, für Audi, für VW und für den Düsseldorfer Flughafen, von ihm stammt das Corporate Design der City of Glasgow — und hunderte kleinerer Arbeiten, denen jeder mal begegnet ist. Mit ein bisschen Übung kann man seinen Stil sogar erkennen.

Oft wird die Typographie eines Buches, einer Zeitung oder einer Website gar nicht wahrgenommen. Wie anders ist es zu erklären, dass wir permanent mit der Helvetica (oder ihrem Microsoft-Klon Arial) oder der Times New Roman zugetextet werden, als gäbe es keine anderen Schriften auf der Welt. Wobei ich gegen diese gar nichts habe, sie sind nur schon längst so abgenudelt, dass keine Überlegung mehr hinter ihrer Nutzung zu stecken scheint. In den USA werden inzwischen selbst die Namen auf Grabsteinen in der Times New Roman eingraviert; wahrscheinlich einfach deshalb, weil sie standardmäßig auf jedem Computer vorhanden ist.

Ich habe seltsamerweise schon als Kind einen Blick für Schriften gehabt, ohne dass mir das damals bewusst war. Eines meiner frühen Lieblingsbücher, Michael Endes „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“ von 1960 war für mich nicht nur die Geschichte selbst, es war (und ist bis heute) auch die Palatino, aus der es gesetzt ist. Auch die grüne Ausgabe des „Herrn der Ringe“ ist für mich untrennbar mit dieser Schrift verbunden; die andere Schrifttype der englischen Ausgabe (irgendeine etwas schmal geratene Times-Variante) verändert für mich die inhaltliche Färbung der Geschichte mindestens so stark wie die Sprache selbst. Die Musik der Gruppe Kraftwerk wird für mich immer gekoppelt bleiben mit der guten alten Futura — sie hätten für ihre „Mensch-Maschine“- und „TEE“-Covers keine bessere finden können. Typographie bestimmt den Sound eines Buches oder überhaupt aller beschrifteten Objekte und beeinflusst dadurch auch den Inhalt selbst. Mein erster Blick gilt meist den Buchstaben W, R, a und g, dazu auch den Ziffern 1, 2 und 5. Sie tragen die Substanz einer Schrift in sich. Immer fand ich, dass das „g“ im Logo der Süddeutschen Zeitung irgendwie verkümmert wirkt. Ein Roman, gesetzt aus der Bodoni, ist für mich eine Geschichte; derselbe Roman, gesetzt aus der Garamond, klingt für mich anders, er ist nicht dieselbe Geschichte. Es war und ist für mich ein Rätsel, weshalb so viele Autoren und Verlage offenkundig überhaupt keinen Gedanken daran verschwenden, für den Text, den sie veröffentlichen wollen, die richtige Schrifttype zu finden.

Klar, dass mich jemand wie Erik Spiekermann interessiert. Gerade auch, weil er nicht nur sein Handwerk versteht, sondern auch ein recht meinungsstarker Typ ist. Johannes Erler, der diese Biographie verfasst hat, lässt Spiekermann selbst, aber auch viele seiner Wegbegleiter und Mitarbeiter zu Wort kommen, darunter Neville Brody, Christoph Niemann oder Stefan Sagmeister. Das Buch ist eine Collage aus Interviews, kurzen Essays, Fotos — und natürlich jeder Menge Schriften und dem Prozess ihrer Gestaltung. Manchmal geht es um Millimeterbruchteile, die den Charakter einer Schrift verändern können, und das sieht man hier.

„Hello, I am Erik“ verwendet übrigens nur eine einzige Schrifttype, „Real“ genannt. Diese allerdings in etlichen Varianten. Das Buch ist deutsch und englisch in identischer Aufmachung zu bekommen; am Ende findet sich ein Code, mit dem man einen kompletten Fontsatz von Erik Spiekermann downloaden kann.

 

Johannes Erler:
Hello, I am Erik — Erik Spiekermann: Typographer, Designer, Entrepreneur
Verlag die gestalten, Berlin 2014
ISBN 978-3-89955-519-6

2015 20 Jun

Lesezeichen # 10

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Kann mich noch sehr gut erinnern, wie ich in den 1990igern den Film Awakenings mit Robert De Niro und Robin Williams gesehen habe, und wie sehr mich die Handlung und die schauspielerischen Leistungen (nicht nur) der beiden Hauptdarsteller berührt haben. (Randy Newman schrieb zu diesem Film einen ganz exzellenten, behutsam orchestrierten Soundtrack!).

Dem Film lag das gleichnamige Buch von Oliver Sacks (auf deutsch als „Zeit des Erwachens“ erschienen) zu Grunde; zahlreiche weitere in einem nicht nur für Mediziner (trotz oder wegen der Fussnoten) verständlichen Art geschrieben, folgten: Der Tag an dem mein Bein fortging oder Stumme Stimmen – Reise in die Welt der Gehörlosen, zum Beispiel.

In seinem Buch Onkel Wolfram hat Sacks bereits aus seinem Leben und seine in der Kindheit geweckte Begeisterung für den Chemiekasten und häusliche Experimente damit erzählt; nun legt er mit On The Move seine Biographie vor.

Er erzählt sehr hier freimütig über sein Aufwachsen in den 1950iger Jahren, seine frühe Begeisterung für das Motorradfahren und Gewichtheben, Freundschaften die er an Universitäten (W.H. Auden!) schloss und, natürlich, seinem beruflichen Werdegang.

Ein ehrlicher und unpathetischer Rückblick. Lesenswert!

 

 
 
 
Manuel Göttsching, Gitarrist, Keyboarder, Komponist, kann auf eine Karriere seit 1971 zurückblicken (es gab ihn auch schon vorher, aber nicht auf Platte). Stationen seiner Karriere sind Ash Ra Tempel, Ashra, Alben unter eigenem Namen, Zusammenarbeit mit Klaus Schulze, Steve Hillage und diversen anderen, auch als Filmkomponist hat er sich betätigt. Seit einiger Zeit gibt es ihn sogar als Wachsfigur in einer japanischen Krautrock-Ausstellung.

Der englische Bibliothekar Christian Wheeldon hat in sechsjähriger Arbeit die längst fällige Biografie geschrieben. Das sehr gut geschriebene Buch führt chronologisch anhand von Events und Plattenveröffentlichungen durch Göttschings Musikerlaufbahn. Zunächst wird im Regelfall faktenreich und sauber recherchiert die Vor- und Produktionsgeschichte geschildert, im Anschluss daran bespricht der Autor das jeweilige Album. Sympathisch, dass dabei nicht nur Göttschings eigene, sondern auch einige Werke von Wegbegleitern Göttschings berücksichtigt werden; etwa das Soloalbum Synthesist des Drummers Harald Großkopf, das längst vergessene Projekt Central Europe Performance oder Lutz „Lüül“ Ulbrichs Arbeiten mit Nico.

Klar sein muss man sich darüber, dass hier ein Fan schreibt. Das merkt man seinem Urteil nicht selten ein bisschen zu deutlich an. Ohne Frage hat Göttsching viele gute Platten gemacht, aber wie es in einer über 40-jährigen Karriere nicht anders sein kann, sind auch weniger gelungene Einspielungen zu verzeichnen. Das hätte man gelegentlich dann auch gern so gelesen. Bei Wheeldon ist das alles „masterpiece“, „genius“, „incredible“, auch „legendary“ taucht viel zu oft auf, und immer wieder werden als Vergleichsmaßstab Philip Glass, Steve Reich und Terry Riley genannt — über den letzteren würde ich ja noch mit mir reden lassen, aber Glass, und erst recht Reich, spielen nun wirklich in einer anderen Liga.

Ein anderer kleiner Haken des Buches sind häufige Übersetzungsfehler aus dem Deutschen, weil Wheeldon Wortspiele oder Mehrfachbedeutungen von Begriffen nicht versteht. So hat Göttsching etwa, um ein Beispiel herauszugreifen, einem kleinen Fluss bei Leipzig namens „Mulde“ eine musikalische Beschreibung gewidmet, deren letzter Teil mit „Zerfluss“ betitelt ist. Klar, dass man diese Wortschöpfung nicht direkt übersetzen kann, aber beschreiben zumindest könnte man sie. Wheeldon jedoch setzt sie mit „Zufluss“ gleich, übersetzt den Titel mit „Inflow“ und verfehlt damit das eigentlich Entscheidende. Dergleichen findet man in englischen Büchern zum Thema Krautrock leider sehr häufig.

Bleibt noch darauf hinzuweisen, dass das Buch, wohl um die Kosten niedrig zu halten, in einer sehr kleinen und noch dazu serifenlosen Schrifttype gesetzt ist. Das macht das Lesen für alte Knacker wie mich schlicht zur Tortur.

Das ist allerdings alles, was es an dem Buch auszusetzen gibt. Ohne sich je in alter Krautrockseligkeit zu ergehen, macht die Lektüre Lust, die alten Platten wieder auszugraben, darüber aber auch die neuen nicht zu vergessen. Einige Webseitenempfehlungen und ein sorfältig erstellter Index runden das Buch ab.
 
 
Christian Wheeldon
Deep Distance – The Musical Life of Manuel Göttsching
King’s Lynn, GB 2015
ISBN 978-1-91069324-7
 
Das Buch kann ausschließlich hier bestellt werden.

 

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Dass Fritz Lang einer der bedeutendsten Regisseure und Innovatoren der Filmgeschichte war, muss nicht mehr ernsthaft belegt werden. Dr. Mabuse, der Spieler, Der müde Tod, Die Nibelungen, Metropolis, Frau im Mond, M – Eine Stadt sucht einen Mörder, Das Testament des Dr. Mabuse, Fury, You Only Live Once, Hangmen Also Die, Scarlet Street – das sind nur einige seiner Meisterwerke. Wirklichen Schrott hat Lang nur ein einziges Mal produziert (An American Guerilla In The Philippines), ansonsten sind selbst seine „kleineren“ Filme immer noch besser als 90 Prozent aller anderen Filme. Behaupte ich mal so.

Lang-Biografien gibt es bereits in größerer Zahl – weshalb also jetzt noch eine weitere?

Die 2001 von Rolf Aurich, Wolfgang Jacobsen und Cornelius Schnauber herausgegebene Lang-Bio bleibt, was Fakten und Dokumente betrifft, weiterhin die definitive. Grobs Zugang und inhaltliche Ausrichtung unterscheidet sich aber von den bisher vorliegenden Werken. Alle mir bekannten Lang-Biografien drehen sich im wesentlichen um seine Filme; Lang selbst verschwindet meist hinter seiner Arbeit. Das dürfte ihm durchaus recht gewesen sein. Denn auch, wenn Lang sich exzellent und öffentlichkeitswirksam zu präsentieren wusste, so war er doch stets der Ansicht, wer etwas über ihn erfahren wolle, müsse sich seine Filme anschauen. Dazu kam Langs notorisches Vergnügen daran, Ereignisse aus seinem Leben mit viel Phantasie auszuschmücken; nicht selten gibt es über ein- und dieselbe Sache sogar mehrere Varianten. Wer etwa wissen möchte, woher Langs Augenverletzung stammt, die zu seinem Monokel führte, kann sich entscheiden, ob er eher einer Kriegsverletzung oder eher einem bei frühen Dreharbeiten geplatzten Scheinwerfer zuneigt. Auch Langs Indienreisen, von denen er oft erzählte, sind durch nichts zu belegen. Legendär auch das Treffen zwischen Lang und Joseph Goebbels in dessen Büro, bei dem er Lang eröffnete, der Führer und er seien der Meinung, Lang sei der Mann, „der uns den nationalsozialistischen Film schenken“ werde, weshalb sie ihn dazu auserkoren hätten, den Posten eines „Reichsfilmintendanten“ anzutreten. Das, soviel war Lang mit Sicherheit klar, war ein Angebot, das er nicht hätte ablehnen können. Lang will sich daraufhin noch am selben Abend ohne Geld (weil die Banken schon geschlossen waren) auf Nimmerwiedersehen nach Paris abgesetzt haben. Das Treffen als solches hat stattgefunden, es ist in Goebbels‘ Tagebuch erwähnt, aber dessen angeblicher Ablauf dürfte weitgehend Langs Phantasie entsprungen sein. Und seit vor einigen Jahren Langs Reisepass aufgetaucht ist, wissen wir, dass zwischen dem Treffen und Langs Abreise immerhin drei Monate gelegen haben. Aber immerhin: Er ging.

Es gibt etliche dieser Anekdoten. Sie gehören zu Lang wie seine Filme. Zwar hangelt auch Grob sich im wesentlichen an Langs Filmen entlang (der inhaltlichen Stringenz wegen bestätigen einige Vor- und Rückgriffe die Regel), legt dabei den Schwerpunkt aber klar auf die Person Fritz Lang und richtet ein besonderes Augenmerk auf Langs frühe Jahre. Die ewige Frage, ob Lang seine erste Frau erschossen hat oder ob es sich um Unfall oder Suizid handelte, wird zwar auch hier nicht geklärt (sie wird mit Sicherheit nie mehr geklärt werden können), aber die Begleitumstände werden von Grob ausführlicher dargestellt als irgendeine andere Biografie dies je geleistet hätte. Ähnliches gilt auch für Langs lebenslange enge Freundschaft mit Theodor Adorno, Peter Lorre, der „Eisnerin“, seine Auseinandersetzungen mit Bert Brecht (den er sehr schätzte, der aber nicht in der Lage war, in filmischen Strukturen zu denken), oder auch seine Unterstützung des Widerstands gegen die Nazis, die ihm offenkundig ein großes Anliegen war. Dabei stellt Grob einiges vom Kopf auf die Füße, und das ist manchmal recht wohltuend. Auch das Hollywood-Bild, das hier gezeichnet wird, scheint mir realistischer zu sein als in manch anderen Biografien. Ein bisschen misstrauischer bin ich, was die Schilderung der diversen — angeblichen — Liebschaften betrifft, die Lang mit so ziemlich jeder Frau gepflegt haben soll, die ihm über den Weg gelaufen ist. Einige dieser Episoden kennt man, mit Sicherheit wird es die eine oder andere weitere gegeben haben, aber weshalb nun ausgerechnet auf erotischem Gebiet Langs Neigung zum Ausschmücken nicht gegolten haben soll …

Ein deutliches Manko dieser Biografie ist das Fehlen einiger wichtiger Personen. Dass eine – gerade im Stummfilm – so wichtige Persönlichkeit wie der Komponist Gottfried Huppertz gerade einmal im Vorbeigehen erwähnt wird, ist keine Kleinigkeit. Huppertz schrieb immerhin die sinfonischen Musiken zu den beiden Nibelungen-Filmen und zu Metropolis, und anders als jeder andere Komponist spielte er seine Musiken am Klavier bereits während des Drehs, so dass sie die Schauspieler unmittelbar beeinflussten – und das sieht man ihrem Spiel an. Auch das Fehlen des Ausstatters Walter Schulze-Mittendorff, der viele Requisiten und wichtige Ausstattungsstücke entwarf – das wichtigste sicher der Maria-Roboter in Metropolis -, ist schade.

Wie auch immer: Wer sich für Fritz Lang interessiert und sich am gelegentlich etwas blumig-illustriertenhaften Ton dieser Biografie nicht stört, möge unbesorgt zugreifen.

 

Norbert Grob:
Fritz Lang
Propyläen, Berlin 2014
ISBN 978-3-549-07423-7

2015 17 Mai

Philip Glass: Words Without Music

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Words Without Music is one of the most inspiring books I’ve ever read“, schreibt Laurie Anderson über dieses Buch. Nun ja, man kann alles übertreiben, sogar Blurbs. Absolut lesenswert ist das Buch aber allemal. Unaufgeregte Memoiren, geschrieben von jemandem, der genau weiß, wer er ist. Und der das auch darf, denn Philip Glass hat sich seinen Erfolg mit unendlicher Geduld erarbeitet. Eine Kindheit im väterlichen Plattenladen in Baltimore, Studium in Chicago. Als er mit 19 nach New York ging – eine andere Stadt kam für ihn nicht in Frage -, um an der Juilliard School Komposition zu studieren, warnte ihn seine Mutter, er werde enden wie sein Onkel Henry (nein, die Geschichte wird hier nicht verraten). So kam es dann glücklicherweise nicht, aber um als Komponist zu überleben, hat dieser Mann im Stahlwerk gearbeitet, als Möbelpacker, als Klempner, als New Yorker Taxifahrer und noch mehr. Als er zum ersten Mal Von seiner kompositorischen Arbeit leben konnte, war er über 40, hatte eine eigene Band und bereits etliche Musiken für Bühne und Tanztheater im Gepäck. Obwohl die Gelegenheit bestand, hat er ganz bewusst niemals lehren wollen, weder an einer Highschool noch an einer Universität. Gut so, denn ich kenne fast keinen Künstler, dem nicht auf dem Lehrstuhl die Kreativität abhanden gekommen wäre.

 

Einen großen Teil des Buches nehmen Reiseschilderungen ein. Glass‘ Reisen haben ihn mit der Eisenbahn nach Indien und Nepal geführt; Ravi Shankar war einer der Leute, die er dort traf und der sehr zu seinem Musikverständnis beigetragen hat. Hier liegt einer der Schwachpunkte des Buches: So abenteuerlich die Reisen und die vielen Begegnungen gewesen sein mögen, man erfährt nur, dass sie stattgefunden haben. Was Philip Glass von diesen Begegnungen mitgenommen hat, das bleibt oft unklar. Seine Kompositionslehrerin Nadia Boulanger in Paris hat, wie er immer wieder betont, großen Einfluss auf ihn ausgeübt – aber worin konkret dieser nun bestanden hat: Wir erfahren es nicht. Im Studium an der University of Chicago hat sich Glass früh entscheiden müssen zwischen der Zwölftonmusik und der „tonalen“ Musik. Er hat sich, obwohl er die Musik Bergs und Stockhausens sehr schätzte, für die tonale Musik entschieden. Warum? Das bleibt ebenso sein Geheimnis wie eine Antwort auf die Frage, wie er überhaupt seinen spezifischen Kompositionsstil gefunden hat – den hatte er schon sehr früh entdeckt; schon seine erste Theatermusik (das Streichquartett Company zum gleichnamigen Bühnenstück von Samuel Beckett) zeigt seine typische Handschrift.

 

Anscheinend gab es für ihn da nie irgendwelche Zweifel, obwohl  ihn fast alle Musiker für verrückt erklärten und der Publikumserfolg ewig auf sich warten ließ. Man wüsste auch gern, was ihn, das Kind aus jüdischem Elternhaus, zum Buddhisten werden ließ. Man wird nie ganz den Eindruck los, Glass‘ Leben sei sowohl auf der künstlerischen wie auch auf der privaten Ebene ziemlich reibungslos verlaufen, obwohl man zwischen den Zeilen doch gelegentlich mitbekommt, dass es ganz so einfach nicht immer gewesen sein kann. Man merkt bei solchen Gelegenheiten, dass Glass das Buch tatsächlich selbst geschrieben hat; ein externer Biograph hätte bei manchen Fragen vermutlich tiefer gebohrt. Um so interessanter sind dann aber die Stories, die Glass um seine großen Erfolge zu berichten weiß, Einstein On The Beach, Akhnaten und Satyagraha, die Filmmusik zu Koyaanisqatsi sowie seine Opern nach den Filmen von Jean Cocteau. Die kennt fast jeder, und Glass liefert hier jede Menge interessante Hintergründe über die Entstehung, die Zusammenarbeit mit Regisseuren, Dirigenten, Choreographen und Musikern und die Rezeption dieser Werke. Gegen Ende verliert sich Glass dann ein bisschen im Kleinteiligen. Das nimmt dem Buch aber nichts von seinem Wert. Anders als der Titel es sagt, enthalten die Worte dieser Autobiographie sehr viel Musik.

 
 

Philip Glass:
Words Without Music
Liveright Publishing, New York/London 2015
ISBN 978-0-87140-438-1
 

 

 
 
 
Den Lesern dieses Blogs muss man nicht erklären, wer Eberhard Weber ist. Résumé ist seine tatsächlich von ihm selbst geschriebene Autobiografie, parallel mit seinem Album Encore veröffentlicht.

Da erzählt jemand, was ihm aus dem vielen Jahren seiner Karriere in Erinnerung geblieben ist — Begegnungen mit Kollegen, Reiseerinnerungen, Flugplatzabenteuer, sein Instrument, die Arbeit mit Manfred Eicher, der Einsatz von Verstärkern und Elektronik im Jazz, der Konzert- und Tourneebetrieb, die (teils deftigen) Unterschiede zwischen dem deutschen und dem amerikanischen Jazzbusiness, die Existenz als „Telefonbassist“, wie er sich einmal einen LSD-Trip mit Wolfgang Dauner geteilt hat. Und noch vieles mehr, was in eine Autobiografie gehört. Das alles ist ein bisschen unsystematisch, ein bisschen sprunghaft, manchmal heiter, manchmal mit Widerhaken versehen (das ist dann besonders interessant), nie langweilig. Résumé liest sich, als würdest du mit Weber beim Glas Wein zusammensitzen.

Dass das, was das Publikum wahrzunehmen glaubt, nicht immer mit dem übereinstimmt, was die Musiker auf der Bühne empfinden, wenn sie es spielen, ist eine Erkenntnis, die vielleicht manchen überraschen wird, ebenso, dass die Musik auf der Bühne anders klingt als im Saal. Als Hörer macht man sich das selten klar. Eine andere interessante Erkenntnis Webers ist, dass gerade in den 60er Jahren die Grenzen zwischen Jazz und Schlager fließend sein konnten, die Musiker das aber nie gestört hat (anders als oftmals die Kritiker). Nicht allen wird gefallen, was Weber über den Free Jazz schreibt. Er weist nicht nur auf das Dilemma hin, dass, wenn alles erlaubt ist, kaum noch Variationsmöglichkeiten existieren und das Ganze dann ziemlich einförmig wird, sondern er beschreibt auch, dass es zwei Free-Jazz-Fraktionen gab, nämlich eine „Hardcore“- und eine „Happening“-Fraktion. Erstere nahm ihr Wirken todernst, letztere nicht. Deswegen konnten sich beide gegenseitig nicht ausstehen. Mittendrin finden sich einige nette Anekdoten über den „Jazzpapst“ Joachim-Ernst Berendt, dessen Verdienste als Gründer und damaliger Leiter der SWF-Jazzredaktion zwar unbestritten sind, der sich aber gelegentlich, wie Weber hier an einem Beispiel schildert, in Widersprüche mit seinen eigenen Forderungen verwickelte — etwa, indem er Musikern vorschrieb, wie sie „free“ zu spielen hatten. (Der geschätzte Werner Burkhardt hat Berendt mal eine „rührende Humorlosigkeit“ bescheinigt. Das findet sich hier bestätigt.)

Weber geizt nicht mit Meinung. Immer schimmert dabei ein stilles Augenzwinkern durch den Text hindurch. Selbst dann, wenn er über seinen Schlaganfall spricht. Auch hier nimmt man ganz beiläufig Erkenntnisse mit, auf die man sonst nur kommen kann, wenn man direkt mit dem Thema konfrontiert ist — etwa, dass der Schlag nicht nur körperliche Auswirkungen hat, sondern auch die emotionale Wahrnehmungsweise des Gehirns verändert. Seinen Humor hat Weber trotzdem nicht verloren: „Ich kann nicht Bass spielen. Aber ich weiß, wie’s geht!“

Ein sympathisches Buch.
 

Eberhard Weber:
Résumé – Eine deutsche Jazz-Geschichte
sagas.edition, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-944660-04-2
 

Eine Nachbemerkung sei noch gestattet: Ich weiß nicht, weshalb gerade die Verleger von Musikbüchern immer wieder zu glauben scheinen, sie müssten die Regeln der Typografie neu erfinden. Dieses Buch ist eigentlich schön aufgemacht, sogar mit Lesebändchen. Um so mehr irritiert mich die verwendete Schrift, eine serifen- und gesichtslose Type, die an Formulare vom Finanzamt erinnert und das Lesen von Seite zu Seite anstrengender macht. Liebe Buchgestalter, ihr wisst es doch: Ein Buch stellt andere typografische Anforderungen als, sagen wir, ein ECM-Booklet. Selbst wenn ihr die Garamond nicht mehr sehen mögt, es gibt viele Möglichkeiten. If in doubt, set in Caslon. Funktioniert immer. Oder von mir aus sogar in Times New Roman — besser als dies hier wäre selbst das. Danke fürs Zuhören.

 

 
 
 

„Beginne an einem beliebigen Zeitpunkt deines Lebens, durchwandere dein Leben, wie du lustig bist, rede nur über das, was dich im Augenblick interessiert, lass das Thema fallen, sobald dein Interesse zu erlahmen droht; und bring das Gespräch auf die neuere und interessantere Sache, die sich dir inzwischen aufgedrängt hat.“ (Mark Twain)

 

Das könnte ein Motto der Manafonistas sein, bei denen gewiss keiner Interesse an der Niederschrift seiner Lebensgeschichte hat; umso mehr aber am durchaus sprunghaften, zugleich konzentrierten Erzählen von musikalischen Erlebnissen und Entdeckungen, flüchtigen, aber folgenreichen Erinnerungen, satirischen Seitenhieben etc. Da mehrere an der Arbeit sind, entsteht Stimmenvielfalt; Zufälle kreuzen sich und bilden interessante Muster!

Es passieren ja auch im Restjahr noch die skurrilsten Dinge: Bryan Ferry beschwört die Zwanziger Jahre, das „Jazz Age“ der Fitzgeralds, und er wird knietief in Nostalgie versinken, sogar mit dem „Bogus Man“; reines Party-Album, und gefällige Selbstausbeutung; die Alt-Hippies werden in Teilen immer stockkonservativer, sie hören öfter WDR 4, und warten sehnsüchtig auf die neue Joe Cocker-Platte. Oder die neue, heisse Bardame im „Hotel California“. Manchmal sind verwegene Norweger, die zum Gitarrespielen schon mal in ein eiskaltes Mausoleum gehen, die einzige Rettung. Oder Free Jazz. Oder auch, keine Frage, „Drifting Back“ mit Neil Young. Auch ein Entfesseler! Auch ein Autobiograph. Wie einst Samuel Langhorne Clemens!

Die guten Dinge: die Seitensprünge, der „laterale Drift“, wenn man in eine unerwartete Klang- oder Geschichtenwelt eintaucht. Wer erst mal auf Seite 235 der geheimen Autobiographie von Mark Twain vorgedrungen ist, könnte eine minutenlange Lachattacke erleiden und mit einem ewigen Kiffer verwechselt werden; und, wenngleich nicht mit einem einzigen „Emmy“ gekrönt, ist die fünfte Staffel von „Mad Men“ die vielleicht beste dieser exzellenten Serie über ein wiederum anderes altes Amerika! Zum Glück gibt es auch Zeitreisen in die Gegenwart. Guter Stoff entfesselt. Jeder ist sein eigener Houdini. Gute Nacht.

2012 25 Apr

Eine Peter Handke Biografie

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Was war er für ein Typ, zu Lebzeiten? Ein finster blickender Unglücksprophet, der schon als Kind um sich herum den „Tempel des Nichtendenwollenden Deutens und Bedeutens“ errichtet hatte und fortan darin wie in einem Gefängnis saß. Ein Meister der Dämmerung. (Malte Herwig)

 
Die Neugierde ist ein ausgezeichneter Kompass: sich genau dem widmen, was gerade von Interesse ist. „Was ist der Peter Handke wert: was hat es mit ihm auf sich, wer ist dieser Autor?“, genau das war jetzt die Frage und die Zeit schien reif, endlich einmal Wissen zu erlangen, das über Wikipedia hinausgeht und – das Krakelen eines Literaturpapstes noch im Ohr – vorurteilsfrei diesem Schriftsteller zu begegnen sowie Bildungslücken aufzufüllen.

Eine aktuelle Biografie kommt da gerade recht. Unvergesslich jene Abendstunden, in denen man sich einst nach langem Arbeitstag im Winter auf der Baustelle den Feierabend schön machte: mit einem bis zum Rand gefüllten Glas Fernet Branca, einigen Zigaretten und der Lektüre von Rüdiger Safranskis Heidegger-Buch mit dem Titel Ein Meister aus Deutschland.

„Ein Meister der Dämmerung“ – so heißt die Biografie über einen Meister aus Österreich, geschrieben von Malte Herwig und im letzten Jahr erschienen. Sie liest sich spannend wie ein Roman, sehr lebendig und frisch, und sie zeigt, um wen und was es sich handelt: um das paradigmatische Exempel eines Schriftstellers der Innenwelt-Erkundungen.

Peter Handke ist keiner für die großen Erzählungen, die sensationellen Plots und für das humoristische Fach. Was er schreibt, handelt vom Tiefgang seiner Empfindungen, von der Genauigkeit seiner Wahrnehmungen, dem angestrengten Bemühen um klischeefreie Wortfindungen. Wäre er Schweizer, es würde nicht wundern: ein Uhrmacher der Sprache, langsam, bedächtig, fast pedantisch. Hier kann man von Handke lernen: Sprache – schriftlich oder mündlich – präzise zu benutzen. Die Stunde der wahren Empfindung.

Etwas Wesentliches verbindet unsereins mit diesem bedeutenden Schriftsteller – und hier mag der Kernpunkt des Interesses liegen: es ist das Bedürfnis nach Stille. Wanderungen, Vereinzelung und Ausweitung, die Selbsterleichterung durch das Erleben von Landschaft und Natur werden als ein Ausweich-Pol benutzt, über den man dann wieder den Zugang zu den Mitmenschen findet. Wie beim Billard: über die Bande, das Dreieck, spielen. Auch bei Handke zeigt sich diese Ambiguität im Bedürfnis nach Rückzug und nach Gemeinschaft.

Malte Herwigs Biografie ist auch eine Anleitung zum Schriftstellerwerden, ohne dabei unglücklich zu sein. Ein facetten- und beziehungsreiches Leben, das da jemand führt und führte, mit der nötigen Portion Egozentrik und Rigorosität, die unabdingbar scheint für einen erfolgreichen künstlerischen Werdegang. Peter Handke ist Musikliebhaber, seine Tochter Amina ist DJ. Über Musikgeschmack kann man streiten, aber hier schreibt einer auch im Horizont von Selbstfindung – eine wichtige Stimme im Sound der Pop-Kultur.
 

 
Malte Herwig: „Meister der Dämmerung. Peter Handke. Eine Biografie“, DVA
 


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