Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

1) Robert Forster: Grant & I (Grant und ich – Die Geschichte einer aussergewöhnlichen Freundschaft) 

2) Rob Sheffield: Dreaming The Beatles (The Love Story Of One Band And The Whole World)

3) Colossal Youth, by Michael Blair & Joe Bucciero
 
 
 


 
 

„I was so pleased to see this album had been tackled in the 33 1/3 series, and even more so when I read the book which is a cover-to-cover delight. I find the 33 1/3 series a bit hit and miss, but this is one of the best I have read. More than just a historical retelling (although that is also done very well) the author includes connections to the wider musical and literary world which is fascinating to read.“

(Wayne Davidson)

2017 29 Dez

Medienphrasen 2017

von | Kategorie: Blog | 9 Kommentare

Alle Jahre wieder: Meine Blütenlese der albernsten Phrasen und abgenutztesten Metaphern in deutschen und amerikanischen Medien.

  • Sicherheitskonzept
  • in trockenen Tüchern
  • [sic!]
  • Exzellenzcluster
  • Gemengelage
  • Aktivist
  • Experte
  • Räume bespielen
  • Filterblase
  • Echokammer
  • Narrativ
  • artisanal
  • wertig
  • der große Teich
  • Vordenker
  • Leadership
  • Alphatier
  • abfackeln
  • gerät immer mehr unter Druck
  • scalable
  • grünes Licht
  • Sex-Täter
  • intrinsisch
  • newly renovated / neu renoviert
  • We’ll circle back to that
  • volle Härte
  • visionär / visionary
  • kreative Querdenker
  • offenes Geheimnis / open secret
  • Sustainability
  • der Berg kreißte und gebar eine Maus
  • ins Gelbe Trikot fahren
  • Game Changer 
  • angedacht haben
  • aus dem Nähkästchen plaudern
  • battle with cancer
  • Kasse klingelt
  • steile These
  • atmender Rahmen
  • befüllen
  • Rock-Röhre
  • im Raum stehen
  • Influencer
  • verhärtete Fronten
  • schallende Ohrfeige
  • hyperlocal
  • dystopisch/dystopic
  • bleibt abzuwarten
  • Schreckgespenst
  • zähes Ringen
  • wohl den Schuss nicht gehört haben
  • qualitätsvolle Inhalte
  • sei dahingestellt
  • gefühlt
  • Reich der Mitte
  • Impulsreferat
  • Zerreißprobe
 
Sollten Sie dieses Jahr den Schuss nicht gehört haben: 2018 bestimmt.

 

 
 
 

Übersetzungen sind in solchen Besprechungen eigentlich tabu. Sie zerstören den Klang des Geschriebenen und damit auch das Reich der Imagination, das sich (hoffentlich) beim Zusammenkommen von Musik und Text für den Hörer eröffnet. Dennoch ist dieser Titel auch in der deutschen Übersetzung entscheidend für ein Verständnis dessen, worum es auf diesem Album geht.

Das Selbst also, unser Selbst – beschrieben als ein Königreich. Ein strukturell, sogar geografisch klar abgrenzbares Areal, in dem ebenso klare Hierarchien, Strukturen und Ordnung herrschen. In dem ein jeder wie das berühmte kleine Rädchen ins andere greift und genau durch diese Funktion Bedeutung erlangt. Und nun kann man fragen: Geht es uns in der heutigen Zeit, der „Moderne“ (oder doch schon „Postmoderne“?!) nicht ähnlich? Wir befinden uns in einem klar abgrenzbaren Leben (geografisch, physisch, sozial), das mit allerhand Rollen angereichert ist und dadurch erst greifbar, beschreibbar wird (oder gar nur dadurch existiert?). Jeder hat „seine Woche“, die Arbeitswoche wiederum ergibt sich für viele durch einen 8-Stunden-Tag, der somit zwangsläufig die restliche „Freizeit“ definiert. Und wir scheinen uns darin eigentlich ganz wohl zu fühlen, denn durch die Zugehörigkeit zu einem Unternehmen, Team oder sonst was sowie einer entsprechenden Entlohnung lässt sich wie aus einer Frucht das süße Verständnis seiner selbst „als jemand“ extrahieren. Soziale Kreise (so hat das Georg Simmel genannt) wie eben die „Arbeit“ sind die klar abtrennbaren Lebensbereiche eines jeden, deren Kristallisationspunkt schließlich das eigene Selbst ist (am Ende dieses Textes sieht der Leser, dass es mir ähnlich geht).

Wie anders wirkt dagegen das Cover von „Kingdom of the Self“, auf dem nur wenig klar erkennbar ist. Der Künstler Dennis Krieg, der das Bild mit der hochkomplexen Ambrotypie-Technik erschaffen hat, zeigt einen Mann mit nacktem Oberkörper, ein in der Mitte noch deutlich erkennbarer Leib, der aber zu den Rändern an Kontur verliert. Und in dessen Mitte ein Messer, das vor der Brust schwebt, jederzeit in der Lage, den dahinter stehenden Menschen zu verletzen. Ansonsten ist der Hintergrund schwarz, daneben stehen Bandname und Albumtitel. Unser Königreich des Selbst – vertieft man sich in dieses Bild, wird schnell klar, dass das nichts als eine Fassade ist, die mit einem gezielten Stich des Messers, das in Form von allerlei Unvorhersehbarkeiten des Lebens stets auch uns treffen kann, in sich zusammenfällt.

Eine solche Erkenntnis (wenn es denn eine ist; genau genommen „wissen“ wir alle schon längst um diese Fragilität) ist beklemmend und befreiend zugleich. Sie hat die Kraft, uns völlig aus der Bahn zu werfen und im Alltagsrauschen jegliche Orientierung zu nehmen, bis wir völlig hinter unseren vermeintlich wichtigen Handlungen verschwinden. Es ist das Gefühl, allein zu sein auf dieser Welt. Ganz allein – und nichts, absolut nichts, wird von uns zurückbleiben.

Aber damit muss es nicht zu Ende sein. Wir müssen nicht aufhören – nach Sinnhaftem zu suchen, zu leben. Wir können manches anders machen. Genau dafür ist diese Musik gemacht, sie lebt und atmet diesen Gedanken in besonderer Weise. Die Bilanz dieser Band ist da eindeutig: Zwölf Jahre, fünf Studioalben, rund 150 Konzerte. Dazwischen die Arbeit, Familie, zwei Bandmitglieder mit abgeschlossener Promotion, unzählige Umzüge, Hausrenovierungen, inzwischen fünf Kinder, ein sechstes auf dem Weg – und doch zu keinem Zeitpunkt der Gedanke, das alles einfach sein zu lassen, weil man den „Durchbruch“ ja nicht geschafft habe. Zu wichtig scheint es zu sein, dieses Andere.

 
 
Oh take this umbrella and shelter my soul,

I need you to guide me and call me your son.

Because I am alone

when the wolves begin to howl

When Atlas cries

for love, for pain, for joy and happiness.
 
 

Diese Zeilen aus dem für mich mit dem Opener „This Fire“ umfassendsten und somit in gewisser Weise „besten” Song „The wolves“ lässt mich daran glauben, in dieser Einsamkeit Kraft finden, uns von einem vermeintlichen Selbst, das wir nie werden erreichen können, zu lösen. Hört man den Song „The wolves“, kommen sie nämlich, jene Momente, in denen man vollkommen im Gehörten oder Gespielten aufgeht. Es ist keine schmerzvolle Auflösung, es ist ein Sich-Fallenlassen ins unabwendbar Geschehende. Momente, in denen alles, wie es nun einmal ist – nein, nicht perfekt scheint, aber doch annehmbar. Solange es das noch gibt, ist das Leben nicht verloren. Und jenes Alltagsrauschen, das es zu überwinden gilt, bleibt besiegbar. Danke Jungs!

 

David Emling, Schriftsteller und Soziologe, ist Gitarrist der Band Shy guy at the show.

 

Ich bin mir nicht sicher, ob man Rob Sheffield zum Kumpel haben möchte. Wenn man mit ihm in einen Pub geht, könnte es sein, dass er auspackt, und einem unendliche Stories von den „Fab Four“ auftischt. Natürlich hätte er in mir einen aufmerksamen Hörer, zumindest anfangs, aber es bestünde die Gefahr, er würde sich in einen Bewusstseinsstromrausch reden, ohne Punkt und Komma, ohne Zwischenräume für ein kleines Echo des Gegenübers. Wahrscheinlich müsste ich dann auch zu dem einen und andern Redeschwall ansetzen, um eine gewisse Balance aufrechtzuhalten. Liest man aber sein Buch Dreaming The Beatles – The Love Story Of One Band And The Whole World, so kann man die Lektüre nach eigener Lust dosieren, die Kapitel sind von überschaubarer Länge, und die Substanz erstklassig. Da bietet er, in munterem Parlando, (verblüffende) Fakten, Zusammenhänge, Essays, Exkursionen, Analysen, Erinnerungen, Ahaerlebnisse, und alles fliesst ineinander, dass es eine helle Freude ist. Für ihn sind Revolver und Rubber Soul die besten Beatles-Alben, für mich Sgt. Pepper und das White Album. Wir kommen ins Gespräch. Das Buch ist ein Fest für Menschen, die nach wie vor zur Musik der Beatles zurückkehren.

 

Vor einiger Zeit habe ich hier davon erzählt, wie der von Marc-Antoine Mathieu erschaffene Künstler Otto in einer Lebenskrise auf dem Dachboden des Hauses seiner verstorbenen Eltern eine Truhe auffindet, in der detaillierte Materialien über seine Kindheit bist zu seinem 7. Geburtstag gesammelt sind. Während ich bei der Lektüre dieser Graphic Novel eine Pause einlegte und darüber nachdachte, ob ich die Truhe öffnen würde, kam ich auf die Idee, dass sich der Verlag, in dem „Otto“ erschienen ist, vielleicht für meinen Text interessieren könnte und ich schickte Herrn K von der Presseabteilung im Verlagshaus Reprodukt den Link. Herr K. antworte mir freundlich und fragte mich, ob ich gern weitere Arbeiten von Mathieu kennenlernen würde. Da ich wusste, dass sich in Mathieus Werk auch Graphic Novels ohne Worte befanden und Herrn K das richtige Gespür für meinen Geschmack vermitteln wollte, schickte ich ihm ein Foto eines Teils meines Bücherregals, ein shelfie, auf dem die Buchrücken folgender Graphic Novels erkennbar waren:

 
 

Adrian Tomine: Summer Blonde

Adrian Tomine: Sleepwalk and other Stories

Adrian Tomine: Shortcomings

Adrian Tomine: Killing and Dying

David Mazzuccheli: Asterios Polyp

Scott McCloud: The Sculptor

Marion Laurent, Arnauld Le Roux: Entre deux averses

 
 

Diese Graphic Novels weisen – auch wenn sie, wie Asterios Polyp und The Sculptor, romanhafte Züge annehmen – eine Nähe zur Short Story im Sinne Hemingways auf, das heißt, der entscheidende Teil von ihnen liegt im Verborgenen und sie klingen nach der Lektüre noch lange nach: Die Magie der nicht gezeichneten Panels.

Zwei Tage später holte ich einen großen gepolsterten Umschlag aus dem Briefkasten, in dem sich ein weiteres Werk von Marc-Antoine Mathieu befand: die Graphic Novel „Gott höchstselbst“, erschienen im Jahr 2010. Auf dem Cover war in Schwarz- und Brauntönen eine ins Unendliche reichende zusammengedrängte Menschenmenge zu sehen, die in ihrer Mitte einen gewissen Raum frei gelassen hatte, und hier stand ein Mann in einem schlecht sitzenden Anzug, von schräg hinten gezeichnet, mit langem Haar, langem Vollbart und beschwichtigender Haltung von Armen und Händen, die Figur ganz in weiß und mit einem hellen Schatten. Gott höchstselbst. Gott wirkte auf dem Cover wie ein sanfter Arbeitgeber oder wie ein netter Coach.

Ich dachte daran, zu welcher Zeit in meinem Leben mich die Frage nach Gott beschäftigt hatte, weil ich für mich eine Position finden wollte. Wir behandelten im Religionsunterricht Themen wie „Glaube und Wissen“, Gottesbeweise aus dem Mittelalter und ein bisschen Existenzialismus. Der Religionsunterricht, der von einem jungen engagierten Pfarrer gehalten wurde, war so wenig religiös-dogmatisch und inhaltlich so interessant, dass alle bis zum Abitur dabei blieben und niemand austrat. Meine engste Freundin erzählte mir, sie würde oft bis spät nachts mit ihrem sechs Jahre älteren Bruder über alle möglichen Themen diskutieren und da ich Diskussionen mit offenem Ende verlockend fand, meine Freundinnen und Freunde aber nicht gerade um die Ecke wohnten, beschloss ich, meinen Bruder zu fragen, ob er eigentlich an Gott glauben würde. Mein Bruder antwortete schnell, er sagte, das ginge mich nichts an.

Ja oder nein. Meine Jugendzeit war von diesen starken Gegensätzen dominiert. Für oder gegen Nachrüstung, für oder gegen Atomkraft, „no future“ oder happy-party, Streber oder Lebenskünstler, Haben oder Sein. Und eben auch: Gottesglaube – ja oder nein. Ich fragte mich ständig, auf welcher Grundlage ich diese fundamentalen Entscheidungen treffen sollte.

„Gott höchstselbst.“ Ich drehte das Buch um. An der Stelle, an der der alte Mann in weiß gewesen war, befand sich auf der Rückseite des Buches nun eine Leiter, sie reichte über den oberen Rand des Buches hinaus.

Ich schlug das Buch willkürlich auf ein paar Seiten auf, um mir die Zeichnungen anzusehen. Sie waren ähnlich wie bei „Otto“, es dominierten warme Grautöne, die ins Bräunliche übergingen, schwarz und weiß. Die Zeichnungen waren genau so detailliert, dass man bei Menschen den wichtigsten Charakterzug erkennen konnte und nicht abgelenkt war. Ein ruhiges, klares Design.

 
 
 

 
 
 

Da fiel ein dünnes, zusammengefaltetes Stück Papier zwischen den Buchseiten heraus. Ich faltete es vorsichtig auseinander. Das Papier war auf beiden Seiten eng von Hand beschrieben, die feine, sorgsame Schrift eines Mannes in seinen besten Jahren. Glücklicherweise habe ich während meines Studiums in Freiburg einen Volkshochschulkurs zum Thema „Graphologie, Handschriften deuten“ besucht. Ganz oben auf dem Papier standen folgende Worte: „Dieu en personne, conception.“ Kein Zweifel, mir war eben ein wichtiges Planungsdokument von „Gott höchstselbst“ in die Hände gefallen, verfasst von Marc-Antoine Mathieu höchstselbst.

Mit Hilfe von Wörterbüchern, – merci à LEO.ORG -, einigen Grammatikbüchern, Such- und Übersetzungsmaschinen habe ich versucht, das, was ich auf dem Papier entziffern konnte, ins Deutsche zu übertragen. Mathieu hat seine Skizzen mit Bleistift geschrieben, einiges ist verblasst, verwischt, durchgestrichen oder schlecht lesbar. Hier ist – exklusiv für Manafonistas – das, was ich übersetzen konnte:

 

Konzept zu „Gott höchstselbst“

Grundfrage, Grundthema: Was wäre, wenn Gott auf die Erde zurückkehrt?

Okay, die Überlegung ist vielleicht nicht neu, aber ich behandle das Thema anders als die anderen. Es wird das Gegenteil von Becketts Warten auf Godot – auch wenn vielleicht niemand mehr wartet.

Habe die HBO-Serie „John from Cincinnati“ gesehen, ein Hinweis auf dem Independent-Blog Manafonistas bei den Monatsempfehlungen in der Rubrik Bingewatching. Habe „Surfen lernen“ in die Liste meiner Lebensziele aufgenommen, mein Konzept für das neue Buch sucht aber den größeren Rahmen, einen größeren Wirkungskreis. Außerdem war die Figur des John, der so eine Art Gottes Sohn gespielt hat, nicht überzeugend. Er wirkte geistig zurückgeblieben. Das geht gar nicht! Gott muss von überdurchschnittlicher Intelligenz sein. Nicht nur überdurchschnittlich: Jenseitig, überirdisch intelligent, nicht definierbar. Psychiatrisches Gutachten zur Feststellung von Gottes Geisteszustand? Gott auf der Couch? Mögliche Frage: Wenn Sie ein Buch wären, welches Buch wären sie? Antwort: Ein Buch aus Sand.

 

Wie den ersten Auftritt von Gott auf der Erde gestalten? Wie soll er auffallen, sich outen? Motive aus der Bibel einbringen? Josef und Maria waren unterwegs zu einer Volkszählung…

Bilderstreit… Das Gesicht Gottes zeigen oder verhüllen? De meisten stellen ihn sich als einen alten Mann mit langem Bart vor. Ist Gott als Frau denkbar? Stichwort Feministische Theologie googeln? Ah, non. It´s a men´s world! [Im Original englisch, M.W.]

Wieso sollte man jemandem, der behauptet, Gott zu sein, überhaupt glauben? Weil er etwas Nachprüfbares weiß? Allwissenheit Gottes? Kann Gott die Zahlen bei einem Glücksspiel vorhersagen? Glücksspielszene einbauen!

Habe ein Buch mit Vorträgen Albert Einsteins gelesen. Wichtiges Zitat: „Das Schönste und Tiefste, was ein Mensch erfahren kann, ist das Gefühl des Geheimnisvollen.“ Erstaunlich: Viele berühmte Naturwissenschaftler waren tiefgläubige Menschen.

In der Serie „The Leftovers“ gibt es einen Wahrsager, der seinen Kunden angeblich aus dem farbigen Abdruck einer Handfläche die Zukunft vorhersagt. Wie beweist der Wahrsager seine Glaubwürdigkeit? Indem er etwas Persönliches über die Person des Ratsuchenden weiß, was er nicht wissen kann. Dann vertrauen sie ihm. Und was ist sein Trick? (Nochmal die Episode anschauen.)

Personal einbringen, auch als Erzähler, um das Ganze aufzulockern: den bereits erwähnten Psychiater, außerdem zwei Astrophysiker, einen Soziologen, einen Historiker (stark kurzsichtig), zwei Journalisten Radio oder Fernsehen? Mal überlegen. Wenigstens eine Frau sollte schon auch dabei sein. Ha, eine Pressesprecherin mit Doppelnamen!

Typischer Satz von Gotteszweiflern: Wie konnte Gott dies oder jenes zulassen? Gott die Schuld geben für privates Unglück. Einen Gerichtsprozess nach US-amerikanischer Art einbringen, Anwälte, Richter, Verteidiger, Geschworene. Am besten alle Vorwürfe in einem Prozess abhandeln, inklusive der Frage nach der Existenz Gottes. Gott sitzt im Gerichtssaal wie ein Terrorist hinter Panzerglas.

Auswirkungen des Auftretens Gottes auf verschiedene Branchen: Theaterwelt, Büchermarkt (Comics), bildende Kunst, Fernsehshows, Glücksspiel (siehe oben), Kirche. Überall wird das Thema Gott behandelt.

Ein Freizeitpark zum Thema Gott. Riesenrad, Achterbahn, ein kleiner Wasserfall als Quelle der Unschuld. Highlight: die Hölle, die eine echte Empfindung existenzieller Ängste garantiert. Was würde Menschen am meisten bedrohen? (Hierzu Liste anfertigen, Umfrage unter meinen Freunden).

Habe in meinen alten Philosophieunterlagen herumgeblättert und meine Klausur zum Einführungskurs Logik wiederentdeckt. Zwei interessante Aspekte: 1. Der Satz von der Identität. Und 2. „Alle Kreter lügen“, sagt der Kreter.

Auf einer öffentlichen Veranstaltung äußert ein Junge den Wunsch, später Gott zu werden. Er trägt, als wäre es Fasching, eine Perücke mit der weißen Haarpracht Gottes und einen künstlichen Bart. Dies könnte der Höhepunkt und Wendepunkt des Buches sein.

 
 
 
An dieser Stelle brechen Marc-Antoine Mathieus Aufzeichnungen ab.

Ich las das Buch an einem Nachmittag, ohne Unterbrechung. Ja, es basierte auf den handschriftlichen Überlegungen.  Und: ja, ich hätte es gern während meiner Schulzeit gelesen. Auch wenn sich vielleicht auch heute noch vor allem Jugendliche mit der Frage konfrontiert sehen, ob sie an Gott glauben, handelt es sich bei „Gott höchstselbst“ keineswegs um ein Jugendbuch. Die Versuche, das Wesen von Gott zu erfassen, sind nicht neu, aber klug und undogmatisch. Und: Wer drängt uns eigentlich, zwischen einem „Ja“ und einem „Nein“ zu entscheiden? Es aushalten, einer Frage zuzuschauen, wie sie unbeantwortet im Raum schwebt – ist das nicht Magie? Das Szenario, das eine Rückkehr Gottes in einer beliebigen Großstadt auslösen könnte, ist witzig, vielschichtig, vielseitig und sehr intelligent. Die Story wird irgendwann vielleicht etwas überdreht und ein paar Kapitel weniger hätten dem Buch nicht geschadet, andererseits ist der Wendepunkt am Ende, der hier nicht verraten werden soll, wundervoll und man möchte das Buch sofort noch einmal lesen.

Ich kam auf die Idee, Herrn K in der Presseabteilung von Reprodukt zu kontaktieren und ihn zu fragen, ob er von dem Geheimdokument des Marc-Antoine Mathieu gewusst hatte, oder ob es sich bei dem angeblichen Dokument womöglich um ein Faksimile und in Wahrheit um einen Presse-Waschzettel handeln würde, der dazu diente, Rezensenten die Arbeit zu vereinfachen. Doch das Papier mit Marc-Antoine Mathieus Konzeption war, während ich das Buch las, zu Staub zerfallen und unsichtbar geworden, ohne dass ich es gemerkt hatte.

Anfang und Ende der ersten Stunde und zweiten Stunde markieren Räume und Zeiten. Ein fast übersehener (und überragender) Songzyklus aus dem Herbst, Räume der Kindheit und Jugend in East Anglia, und nicht die schlechteste Lektüre dazu: W. G. Sebalds „Ringe des Saturn“. Ein kleiner Stapel von Januar-Neuerscheinungen aus dem Hause ECM, und kurze Reminiszenzen an Horizonte, in einer Sendung, welche nicht zufällig heisst wie sie heisst. Hier ist so einer.

 
 
 

 
 
 

Die dritte Stunde, die NAHAUFNAHME, ist eine Einladung, sich auf die Musik von Laraaji einzulassen, einen Afroamerikaner mit einem Faible für Oscar Peterson und Erroll Garner, der musikalisch ganz andere Sphären ins Visier nimmt. Die zwei letzten Stunden enthalten ausgiebige Zeitreisen, zur „Jukebox von Hörnum“ (Arbeitstitel), und dann kommt Santana. Aber das ist dann noch nicht das Finale. Ich erinnere an den einzigen Studiogast der Klanghorizonte seit 1990, und setze ein Stundenglas in Bewegung. Goodnight, and good luck.

2017 25 Dez

„Ride“

von | Kategorie: Blog | Tags: , | Keine Kommentare

„Messages ran all over town,
words without sound
condemned me
and left me for dead …
 
Ride, ride the very thought into the ground,
in the church of lost and found
the angels cry.

Ride, ride until the darkness closes in,
until the ravaged soul begins
to reflect the open skies.“

(David Sylvian)

 

To analyze and imitate music makes fun: music that I like the most, miss the most or that accompanied me for a long span of lifetime as part of a personal, biografical soundtrack. In the present I rarely listen to tracks or albums of David Sylvian exept they attract me as a kind of „re-entry“: recall, repeat, rework. The ghosts of my life then become wild again, so to speak. Examining „Ride“ now after years of beeing addicted to it manically in times of Everything and Nothing reveals some compositional habits. Putting the Kapo on the second fret (means C Major sounds in D), playing the guitar (not necessarily a red one), starting with the chords F#m, E, C#m, B#m, C# running along the verse works all quite easily. When moving to the chorus something typical in many songs of this special artist happens: a surprising, unusual change into another tonality. This gives us the impression of stepping from one plateau to another, somehow simular to the music of canadian trumpet player Kenny Wheeler. „Silver Moon“ from Gone to Earth might as well fit into this pattern. In „Ride“ it perfectly emphases the uplifting from a depressive mood to some kind of relief. The key change goes from F# minor (verse) to A minor (chorus) which means: three semitone steps up. The chorus follows with Am, G, F, Em, Dm, Em, Dm, C … (Esus4/B). Here comes another typical element of Sylvian´s songs into play: the quality of his voice on one hand disguises and upgrades quite trivial chord progressions (time and again also spiced and saved from pure boredom by the fine drum work of Steve Janssen) and on the other hand connects the different plateaus with tricky and beautiful melodic guidance.

 
 
v i d e o
 
 

In dieser Nacht

 

Jeder singt das gleiche Lied,
und das geht so: In dieser Nacht, in dieser Nacht, in dieser Nacht.
War mir nicht klar, dass diese Künstler hauptsächlich ans Sterben denken.

Es könnte dich zum Heulen bringen, dass wir alle auf die gleiche Weise enden.
Aber es ist die beste Nachricht dieser Woche.

Du hörst es überall im Radio.
(Was vom Radio übrig bleibt.)
Danke, ehrlich, für dein Werbepsychoding, durch das wir immer up-to-date sind.

Alle Hits über dasselbe,
nur: In dieser Nacht, in dieser Nacht, in dieser Nacht.
Und: Das Leben, es hat eine Grenze.
Shit, es fühlt sich aber endlos an.

Ob es jedem so geht?
Wir sind doch alle ungezügelt.
Nur du nicht.
Du weißt, wer gemeint ist.
Das ist ein Liebeslied.

Und du wirst älter.
Das verspreche ich dir; du wirst älter.
Und es wird besser, immer besser, bis …
– Bist ein Gewinnertyp –
bis die Zukunft ein Alptraum ist
und dann ist da nichts, was ich tun kann.
Niemand kann da etwas tun.

Jetzt kriegst du die Chance, dich anzugleichen –
Du kennst die Dialektik der Verneinung, ja?
Deine Gegner jagen dich mit Spott und Spucke.
Freunde aber können dich ins Aus befördern.
Ha, das stimmt nicht.

Du bist zu erschüttert, um ausgenutzt zu werden.
Oder du bist zu erschüttert, weil du ausgenutzt wurdest,
von großmäuligen Kindern einer mysteriösen Verlosung
von Schuhen in limitierter Auflage.

Was machst du nochmal?
Oh, ich spiele Kassandra, ich bin
der behinderte Veteran einer Plattenladen-Inquisition,
angesetzt, um das Macho-Arschlochtum zu stoppen
mit meinem späten Middle Age-Geschwafel.
Jeder Verliebte will es, dieses
„berühre mich, berühre mich, in dieser Nacht.“
Vielleicht erkennen wir das, was wir brauchen, wenigstens
bevor wir sterben.

Glück ist immer besser als Geschicklichkeit in etwas.
Wir fliegen, blind.
Großer Gott,
das hört sich an wie meine Mutter.

Außerhalb der kleinen Zimmer, auf den Straßen
kriegst du kein Internet. Wir haben unsere Erinnerung verloren.
Hinter uns, da waren Fußabdrücke aus Papier. Unsere Geheimnisse waren geborgen.
Die peinlichen Fotos haben wir alle gelöscht,
und ersetzt durch Versionen von uns, von denen wir finden, dass sie das Optimum sind,
bis sich Versionen über Versionen legen. Kopieren. Bearbeiten. Löschen. Repeat.

Du kommst her und machst dich lustig über alles, was uns einmal wichtig war.
Und du machst immer noch Fehler, immer die gleichen Fehler.
Erbsenzähler, Rationalisten kennen sich aus mit langfristigen Kalkulationen
– und darin sind sie besser als du –,
aber den schnellen Kick kennen sie nicht.
Den kennen die Gauner, und darin sind sie besser als du.

Sie werden benutzt und ausgenutzt von Leuten, die anfangs nette Zuhörer waren.
So wirst du bedrängt und verspottet, so lange du lebst.
Du versäumst eine Party, worüber du nie hinwegkommst.
Du verabscheust das Gefühl, deine Jugend zu vergeuden,
dass du viele Jahre im Hintergrund warst, oh, bis du dann älter wurdest.
Aber das sind alles Lügen,
alles, alles sind Lügen.

Ist gut jetzt, ich kann nicht mehr weiter, mein Kopf, mein Gehirn is kaputt.

 

(lyrics by James Murphy, LCD Soundsystem)

(translated by Martina Weber)

(planned to be performed by Michael Engelbrecht, Radionacht Klanghorizonte, 30-12-2017)

 

 


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