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Kategorie: Gute Musik

2017 15 Sep

Das Weite Land

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Im Rahmen meiner „50 States Tour“ bin ich nun in Oklahoma angelangt, einem der wenigen Staaten, die ich zuvor noch nicht besucht hatte. Und dabei fiel mir besonders auf, wie wenig ich tatsächlich bislang über dieses Land wusste. (Womit ich in Deutschland bzw. Europa sicherlich keinen Einzelfall darstelle.) Klar, anhand des markanten Umrisses könnte ich Oklahoma stets problemlos erkennen, und auch die Hauptstadt kann wohl jeder auch ohne Vorwissen benennen. Doch darüber hinaus war mir Oklahoma bislang eigentlich fast ausschließlich als Heimat der Flaming Lips ein Begriff. In der deutschen Wikipedia-Ausgabe werden erstaunlicherweise weder die Flaming Lips noch Wayne Coyne in der „Liste von Persönlichkeiten des US-Bundesstaates Oklahoma“ geführt. Dafür immerhin Chet Baker, J.J.Cale, Woody Guthrie, Lee Hazelwood, Chuck Norris und ja, auch William Bradley „Brad“ Pitt. Als Band werden immerhin Hanson genannt. Haha! Der Regisseur Ron Howard wurde übrigens in der Kleinstadt Duncan geboren, wo ich im Moment diese Zeilen verfasse. 

 

 

Also wollte ich endlich mal einen Ausflug in den Big Bend National Park einbauen und fuhr die vier Stunden von El Paso, der nächsten größeren Stadt, über Alpine, der letzten Ortschaft vor einer knapp 200km-Strecke zum Visitor Center des Nationalparks. Nach den Sommerferien sind dort mittlerweile nur noch sehr wenige Besucher unterwegs (auf der Rückfahrt kamen mir über knapp zwei Stunden Fahrt gerade mal zwei Autos entgegen — aber umso mehr Tiere, die die Straße überquerten), so dass man wirklich noch in die großen Weiten der amerikanischen Landschaft fährt. Ein außergewöhnlich schöner Ort ist dieser Nationalpark. Und wie schön, dass man auch heute, in Zeiten von Überall-Internet und stetiger Erreichbarkeit noch so weit hinaus fahren kann. Eine Autopanne möchte man da auch nicht haben.

 

 

In Texas findet man irgendwie alle Klischees wieder – aber auch einiges mehr. Faszinierend sind die Steinadler (Golden Eagles), die überall im Land umherkreisen. Kein Wunder ist er so etwas wie der Nationalvogel und prangt auf dem Great Seal of the United States. Auch durfte ich in Texas die Bekanntschaft mit den ernst dreinblickenden State Troopers auf dem Highway machen, die, als sie mich dabei erblickten, wie ich nach einer Ausfahrt kurz anhielt, um mein Fotostativ aus dem Kofferraum nach vorne zu holen, mit Fragen konfrontierten und letztlich eine Verwarnung ausstellten. Das war offenkundig ein Akt der Willkür, denn während sie die Begründung lieferten, ich hätte am Stop-Schild nicht haargenau am Schild, sondern erst zehn Zentimeter dahinter angehalten, taten zahlreiche andere Autofahrer quasi direkt neben uns genau dasselbe, eben weil man am Schild nicht um die Ecke sehen konnte.

Wie dem auch sei, sie befragten mich dazu, welche Art von Filme ich in Deutschland mache, wozu ich das Stativ auf dem Beifahrersitz installierte (Erläuterung: Ich mache z.B. Zeitrafferaufnahmen von meinen Fahrten auf den Straßen, die ich den beiden Polizisten natürlich direkt unter die Nase hielt. Antwort: „I get dizzy only from watching this. … How did you call this? … Time lapse, never heard that.“), warum ich die Autobahn überhaupt verlassen hätte, wo ich herkäme, wo ich hinwolle und ob ich irgendwas im Auto hätte, das ich dort nicht haben dürfe („Do you have anything in your vehicle which you shouldn’t have in there?“). Ich frage mich tatsächlich noch immer, welche Antwort er eigentlich zu hören hoffte.

Später erklärte mir jemand (a real Texan), dass höchstwahrscheinlich mein kalifornisches Kennzeichen die beiden Texaner dazu veranlasst hatte, mich unter die Lupe zu nehmen, „because Texans hate Californians“. Leider habe ich versäumt, die beiden um ein Erinnerungsfoto zu bitten. Immerhin betonte der größere der beiden, die wie aus einem Film entsprungen schienen, zum Abschluss noch einmal, wie man am Stop-Schild zu halten habe. „That’s how it is done here in Texas.“

 

 

Apropos Film: Wunderbare Musik zum Fahren hier ist die Soundtrack-CD Hell or High Water, dem starken Film von Taylor Sheridan, der schon das Sicario-Drehbuch geschrieben hat (das ja ebenfalls weitgehend in West-Texas, sowie in El Paso und Juarez spielt). Auch ohne Kenntnis des Films ein sehr empfehlenswertes Album! Taylor Sheridans Regiedebüt (spielt diesmal in Wyoming), für das er in Cannes den Regiepreis bekam, muss ich nachdrücklich empfehlen, Wind River, mit einer großartigen Musik von Nick Cave und Warren Ellis, kommt demnächst in Deutschland ins Kino. Mein „Lieblingsfilm“ in Cannes in diesem Jahr. Sehr bewegend.

Auch hörte ich bei Fahrten durch die Sonora-Wüste viele Aufzeichnungen der „Klanghorizonte“ (einige habe ich schon häufiger auf Autofahrten gehört), sehr passend etwa die Stunden vom 19. August, mit Joseph Shabason usw. Nicht zuletzt deshalb erwarb ich vor wenigen Tagen auch Father John Mistys Pure Comedy, da es in einer Special Edition für unschlagbare $7,99 bei CVS in Dallas stand. Noch besser ist, meiner Meinung nach, allerdings das neue, fantastische Album von The War On Drugs, A Deeper Understanding. Die perfekte Musik für Autofahrten durch Das Weite Land.

Kürzlich haben mehrere Mitautoren hier über das Sortieren und die Ordnungsmethoden eigener Plattensammlungen philosophiert. Dabei tauchte bei mir die Frage auf, was man als Musikliebhaber überhaupt bei sich behält oder wie andere das System handhaben. Die meisten Leute, die ich kenne, besitzen eine mehr oder weniger überschaubare CD-Sammlung. Manche/r kauft sich mal eine Platte, die als „Fehlkauf“ verbucht wird … Aber so eine richtige Sammlungspflege betreibt kaum eine/r. Oder ich höre später, dass einer alles verkauft hat.

Vor zehn Tagen hat ein Nordische-Musik-Bekannter (genau genommen hat er die Seite einst ins Leben gerufen), der zuvor bereits viele lange Jahre für unterschiedliche Zeitschriften geschrieben hatte, geschätzte 6500 CDs verkauft, also mehr als ich besitze – alle auf einen Schlag an einen Händler. Nur einen kleinen Teil persönlich wichtiger Scheiben behält er. Glücklicherweise konnte ich gerade noch rechtzeitig für einen Kurzbesuch dort aufkreuzen und mir einige Sachen heraussuchen, die ich zum größten Teil schon lange gerne haben wollte, unter anderem einige ECM- und Real-World-Veröffentlichungen oder je zwei CDs von June Tabor und Birthday Party. Klar kann ich mir bei weitem nicht alles kaufen, was ich gerne haben möchte – häufig leihe ich verschiedene Musik aus dem reichhaltigen Sortiment des Berliner Bibliotheksverbunds aus, einiges davon erwerbe ich später auch, wenn ich es zu günstigen Preisen finde. Und klar konnte ich bei der Sammlungsauflösung bei weitem nicht alles einpacken, was ich gerne mitgenommen hätte … Doch nun räume ich so nach und nach die CDs in mein Regal, und in der ECM-Sektion gibt es längst nicht mehr genug Platz.

Ich kenne Leute, die finden es ganz wichtig, zu Hause eine ordentliche, will sagen große Bibliothek zu besitzen. Hingegen haben Bücher mich nie so interessiert wie Musikalben. Auch DVDs habe ich nie gesammelt, besitze nur sehr wenige. Man kann doch fast alle Bücher und Filme einfach ausleihen, in einer Stadt wie Berlin sowieso; außer Spezialistensachen vielleicht. Und beim Umzug erst! Uff.

Ja, ich habe Respekt vor den riesigen Bücherregalen von Bekannten und Freunden. Ich verstehe: Dahinter steht der Gedanke, dass man ja dieses oder jenes Buch vielleicht doch irgendwann noch einmal lesen möchte. (Doch kommt man schon dazu, all die Bücher zu lesen, die man gerne lesen würde? Ich überhaupt nicht.) Oder dass einem dieses oder jenes Buch ganz arg am Herzen liegt (bei mir Siri Hustvedts What I loved oder der Katalog zur großen Steve-McQueen-Retrospektive in Basel). Oder man einfach gerne alles parat hat, um gegebenenfalls mal reinzuschauen, für ein Zitat oder ein Gedicht. Aber wenn ich ehrlich bin, sind Bücher für mich eher Gebrauchsgegenstände. Ich hatte nie eine so leidenschaftliche Verbindung zu meiner Hausbibliothek wie meine literarisch bewanderten Freunde. Man häuft schon so vieles an, und wie oft kommt es vor, dass ich in ein bestimmtes Buch unbedingt reinschauen will? Also stehen und liegen hier (fast) ausschließlich Bücher, die ich noch nicht gelesen habe oder von denen ich annehme, dass ich zur Fortbildung oder für ein konkretes Filmprojekt etwas nachschauen oder nachlesen will. Und das sind immer noch zu viele.

 
 


 
 

Ich hingegen pflege lieber eine Musiksammlung, auch wenn man heutzutage vieles online oder ebenfalls in der Bücherei bekommen kann. Aber da kommt es tatsächlich oft vor, dass ich gerade dieses bestimmte Album im Sinn habe und es zum alltäglichen Glück gehört, das dann umgehend aus dem CD-Regal ziehen und in die Hand nehmen zu können. Oder dass ich einfach den Reichtum schätze, aus hunderten von Alben wählen zu können. Und online bzw. über MP3 höre ich sowieso nie Musik, allenfalls wenn ich einen Mietwagen habe, in dem sich – wie in letzter Zeit immer häufiger – kein CD-Spieler befindet. Ohne Cover fehlt mir was bei Musik.

Was aber tun, wenn man weiß, dass man so manche Platte seit Jahren nicht gehört hat und auch nicht davon ausgeht, dass man sie in nächster Zeit wieder hören wird? Marilyn Mansons Mechanical Animals, das Spaghetti-Album von Guns N’Roses oder David Lynchs Eraserhead will ich eigentlich nicht abgeben, auch wenn ich sie nur selten höre. Es sind einfach starke Alben. Am Freitag hörte ich seit langem mal wieder Meds von Placebo – und freute mich, dass ich sie behalten habe. Aber wenn man mit einer Platte nie richtig warm wurde? Bei einigen Alben gehe ich davon aus, dass ich sie noch nicht gut genug kennengelernt habe und womöglich irgendwann mal eher auf ihrer Wellenlänge sein werde (Pat Metheny, Paul’s Boutique, Abercrombie …), und häufig traf das auch zu. Gelegentlich stehen Platten aber auch lange im Regal, immer wieder sehe ich sie, halte sie in der Hand, überlege, höre rein, lege sie womöglich wieder zurück. Manche verkaufe ich irgendwann.

Von ECM gab es immerhin schon drei oder vier Alben, die ich bislang wieder verkauft habe, weil sie mir überhaupt nicht zusagten. (OM und Judith Berkson fallen mir da gerade ein). Doch bei ECM weiß ich eigentlich, dass der Zeitpunkt irgendwann kommt, wenn ich nicht gleich damit warm werde. Aber sonst: Manche Musik versucht man immer mal wieder, ohne dass sich was tut. Eigentlich verabschiede ich mich fast laufend von Platten und CDs, schon allein, weil ich nie all das anhören kann, was ich besitze. Und eben, es gibt ja auch nicht endlos Platz. Bei vielem fällt es mir aber schwer, weil ich denke, vielleicht kommt der Zeitpunkt doch noch …

In den letzten Wochen habe ich gerade wieder einige Platten bei Discogs eingestellt. Dann kaufe ich von dem Geld gleich neue Sachen. Manche CD habe ich tatsächlich irgendwann mal bei Ebay verscherbelt oder verschenkt oder zu Oxfam gebracht… und es dann Jahre später doch mal wieder hören wollen. Da hab ich mir dann Stings Ten Summoner’s Tales oder Notwists rotes Album oder Graffiti Bridge von Prince dann bei Ebay für ein oder zwei Euro wieder besorgt und sie wieder schätzen gelernt.

Und dann entdecke ich oftmals CDs in irgendeinem Laden oder so und denke, ach, die hatte ich ja auch mal, gute Platte. Aber gar nicht vermisst.

So listen to the silence. Once all other external sounds cut out, there´s no more escaping from yourself. The late John Cage put it like this: “ … sounds (which are called silence only because they do not form part of a musical intention) may be depended upon to exist. The world teems with them, and is, in fact, at no point free of them. He who has entered an anechoic chamber, a room made as silent as technologically possible, has heard these two sounds, one high, one low – the high the listener´s nervous system in operation, the low his blood in circulation. There are, demonstrably, sounds to be heard and forwever, given ears to hear.“

Silence marks the escape route through the self into a infinity of sounds. And this infinity finds its echo in what Gaston Bachelard, author of The Poetics of Space, discribed as the „intimate immensity“ that lies just beyond the immediate world. „Immensnsity is within ourselves“, he wrote. Ìt is attached to a sort of expansion of being that life curbs and caution arrests, but which starts again when we are alone. As soon as we become motionless, we are elsewhere: we are dreaming in a world that is immense. Indeed, immensity is the movement of motionless man … Always elsewhere. Driftworks resonates such inimate immensity.

 

(Zitiert nach den Liner Notes aus der CD-Box Driftworks)

 
 

 
 
 

Nun ist endlich auch klar, welch grandioses Werk heute aus meinem Plattenschrank endlich einmal wieder ans Tageslicht geholt wird. Es ist fast genau 20 Jahre her, ja es war 1997, da brachte Big Cats Records eine Vier-CD-Box heraus. Je eine CD des in Australien geborenen Paul Schütze, stateless, eine zweite nahm der Dortmunder Thomas Köner auf, Nuuk, die dritte kommt aus Japan, Nijiumu, der Komponist: Keiji Haino. Bleibt noch die vierte zu erwähnen: Pauline Oliveros & Randy Raine-Reusch, der Titel der Platte In The Shadow of the Phoenix. Von Pauline Oliveros, die eine US-amerikanische Komponistin und Akkordeonistin war und im November letzten Jahres starb, ging es ja erst kürzlich in dem Beitrag von Uli Koch zu Insect Music.

Diese einmalige CD-Box, die hoffentlich eines Tages wiederveröffentlicht wird – im Moment ist sie nur für einen riesigen Batzen Geld zu haben – trägt einen buchstäblich fort, man driftet ins Ungewisse, lässt sich irgendwohin treiben, ins Offene, eine musikalische Reise ohne Geländer.

 
 
 

 

(45) Songs from the West Coast (2001) ****

Finally, a new Elton John studio album! Finally, a new producer – Patrick Leonard instead of standard Chris Thomas, who’d been around for 20 years, way too long. Released on September 11, 2001. I actually bought it at the West Coast, at Tower Records in Hollywood, where Elton lived at the time. No doubt this is his best album in 25 years – since Blue Moves, I’d say. (Others might say since Too Low For Zero, which is just as acceptable.) 16 years later, this verdict still holds up, only The Diving Board surpassing it. Songs from the West Coast  is much more than a solid, professional effort like Made in England or The One, and it’s neither an imitation of his 70’s sound and style as many reviewers claimed, but a mature and diverse collection of songs by John and Taupin in their mid-fifties. Only in the latter part, one or two songs could have been left as b-sides.

Standout tracks: Dark Diamond, Birds, The Wasteland, Original Sin.

(46) Peachtree Road (2004) ***

Peachtree Road continues where Songs from the West Coast ended – just more respectable, and therefore slightly boring. Elton produced the album himself, which may not have been the best decision. Some fairly good songs, though this time with a few more references to earlier hits and albums. Some of the lesser songs play like they were made for „Wetten dass…?“, though, and the first half is much stronger than the second one, with the overall atmosphere and sound becoming too uniform.

Standout: Porch Swing in Tupelo.

(47) Billy Elliot – musical cast recording (2005) *½

Another musical, this time an immensely successful one based on the successful British film. This time it’s a cast recording instead of an all-star album. Does anyone care? I guess not.

(48) The Captain & the Kid (2006) ***¾

Conceived as a follow-up to Captain Fantastic and the Brown Dirt Cowboy, a kind-of autobiography, telling the story of Elton’s and Bernie friendship since that previous album. A mature collection of songs, not overly fantastic, but very good. A nice piano album recreating „the old sound“ of the seventies.

Standout tracks: The Captain and the Kid, And the House fell down, The Bridge (finally, a solo piano song).

(49) Lestat (2006)

Lestat is another Broadway musical, the first one by Elton and Bernie, based on Anne Rice’s Vampire Chronicles. A cast recording was reported to be finished, produced by Guy Babylon (who played in Elton’s band from 1988 until his untimely death in 2009) and Matt Still (who co-produced The Captain & the Kid). After the show’s closing however, EJ’s management stated „there are no plans to release the recording at the present.“ Since I have not seen the show on Broadway, I have never heard the music and therefore can’t give any opinion about it.

(50) The Union (Elton John and Leon Russell, 2010) ****

Leon Russell had been Elton’s idol and influence on the late 1960s and early ’70s, but when Elton noticed Russell and his songs had been forgotten about, he initiated a collaboration album, produced by T Bone Burnett. They composed and recorded 16 new songs, backed by a committed band that includes Marc Ribot and Booker T, among others. Neil Young and Brain Wilson came around to sing on a song each, and Cameron Crowe made a documentary about the recordings.

The Union continues the retrospective line of The Captain & the Kid. It’s a thoroughly enjoyable album with strong performances, sounding very down-to-earth, thanks to Burnett. However, not all of the 16 songs are equally captivating, in particular the second half drags on a bit. (The standard version is 63 minutes, and the deluxe edition is almost 72 minutes, with 16 songs.)

Standout tracks: If it wasn’t for bad, Hey Ahab, Gone to Shiloh (with Neil Young), There’s no tomorrow.

(51) Gnomeo and Juliet (2011)

I don’t really know what that is. Never heard it. I believe it’s a mix of (mostly) old and (a couple of) new songs for another animated movie.

(52) Good Morning to the Night (Pnau feat. Elton John) **½

Provided with 100% creative freedom, Australian dance pop duo Pnau were invited to produce mash-ups from Elton’s recordings of the 70s. As a matter of fact, the results could have been less respectful, but they sound nice, evoking a very 70s disco feeling. It’s not really good. But it’s also not that bad either. It’s what it is.

 

 
 

(53) The Diving Board (2013) ****½

The Diving Board was announced as – at last! – the album to feature only Elton and his piano. Unfortunately, the final album (the release was postponed after its first announcement and re-recordings were executed) is mostly a full band album, save for the opening song and some other sections throughout the 15 tracks, including and two short instrumentals. However, producer T Bone Burnett has helped arrange the songs and a third instrumental in a cautious and unpretentious way; the piano is always in focus of the songs, and 2 cellos, bass (Raphael Saadiq), drums, and, on a few occasions, a choir or a horn section, have usually been mixed in a supportive manner.

It’s furthermore notable that there are no pop songs intended to stand out, no hits, with the album having been conceived as a mature late work, in parts melancholic, in parts joyful, with the odd wink to the past (Can’t stay alone tonight strongly references I guess that’s why they call it the Blues). An arresting album of immensely inspired songwriting. The closing title track is arguably one of Elton’s best compositions ever.

Standout tracks: The Diving Board, Ocean’s Away, The Ballad of Blind Tom, Oscar Wilde gets out. 

(54) Wonderful Crazy Night (2016) ***

Another T Bone Burnett production. Unfortunately, after The Diving Board, this is a disappointment. After three rather somber and introspective studio albums, Wonderful Crazy Night was announced as a return to the colorful and extrovert sound and performance of the 1970’s albums, which is why it’s the first album with the usual live band since The Captain & the Kid. A pity there are hardly any memorable songs on this one. Painting by numbers. And the cover art is just awful and as tasteless as it could possibly get.

Standout songs: The Open Chord, In the Name of you, I’ve got two Wings.

(55) Deep Cuts (2016/2017) ****/*****

So, after you have read through all of this, here is something else I prepared for you: A year ago, around the release of Wonderful Crazy Night, Elton created a Spotify playlist with 20 „Deep Cuts“, i.e. non-hits from his back catalogue:

 
 

 
 

It’s a nice and interesting selection, of which I made a playlist of for my iTunes. Having taken a look at it again after I finished this 5-part blog entry, I am not surprised to see several of my „standout track“ choices in this list (My Father’s Gun, Have Mercy on the Criminal, Amoreena, Razor Face, The King must die, even the very unusual choice Too Low for Zero in addition to Crystal, about both of which I assume none of you co-manafonistas would like). I am rather surprised about the inclusion of a few not-great tracks, such as Leather JacketsLive Like Horses, Shoot down the Moon and Restless. For all those among you who would like to listen to the 20-track collection, I’ve put the iTunes playlist into my Dropbox for you to download. You’ll find a link in the comments. [Non-commercial offer, for private use.]

But, as I don’t really agree with this selection (I think it is, in parts, a missed opportunity) and would like to present a much better one, I have created my very own Deep Cuts collection for you, as a 70th birthday present. I don’t assume you’ll like all of those songs, but I can promise you that anyone with open ears and a love for accomplished songwriting and arrangements will find more some of these choices worth listening to – and will hopefully enjoy as much as possible in this playlist. I’d make a bet that everyone of you will find surprising things in there. Even though it was tough, I forced myself to keep the playlist run under two hours. The first half is more straightforward, whereas the latter part includes a few peculiar choices. I’ll add a download link to this selection as well. Enjoy! (NB: Only two or three of my selected songs overlap with Sir Elton’s own Deep Cuts playlist.)

I just found a readers‘ poll in Rolling Stone (from 2015) which offers ten „deep cuts“ and adds some interesting background information about several of the songs in these two playlists.

previously: part 1part 2, part 3, part 4

2017 14 Jan

Apropos Gitarristen

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Die Anekdote, wie Robert Fripp von Eno und Visconti in die Hansa-Studios in Berlin gebeten wurde, um für „Heroes“ ein Solo hinzulegen, ist wohl hinlänglich bekannt. Am Ende nutzte Visconti im Mix einfach alle drei unterschiedlichen Takes gleichzeitig und und gab dem Lied seine Outworldliness.

Ist Fripp wohl auch nicht so der redselige Interviewpartner vor diversen Kameras auf der Suche nach musikhistorischen Geschichten, so ist es vielleicht umso schöner, dass Carlos Alomar, Earl Slick, Gerry Leonard, Nile Rodgers und Gail Ann Dorsey interessante kleine Erinnerungen an die Entstehung verschiedener Songs und aus unterschiedlichen Arbeitsphasen teilen können. Ich stolperte letzte Nacht über dieses schöne kleine Video.

 

Als sympathische Fortsetzung ein Auszug aus einer Doku von BBC Arts von letzter Woche:

David Bowie inspired and challenged his musicians. But what did they think of him? Here, some of the star’s longest-serving players – Earl Slick, Mike Garson, Gerry Leonard, Catherine Russell and Sterling Campbell – get together over a meal to discuss their old boss.

Kleine Hommage zum Siebzigsten (etwas verspätet).

2016 6 Dez

2016 Subjektive Top 20+10

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01 David Bowie ★
02 Nick Cave The Skeleton Tree
03 PJ Harvey The Hope Six Demolition Project
04 Tord Gustavsen, Simin Tander & Jarle Vespestad What was said
05 Lucinda Williams The Ghosts of Highway 20
06 Ian William Craig Centers
07 A Tribe Called Quest We got it from here … Thank you 4 your Service
08 Eliot Sumner The Information
09 Ayumi Tanaka Trio Memento
10 Anthony Johnson Caribbean Roots

11 Michael Kiwanuka Love & Hate
12 Sturgill Simpson A Sailor’s Guide to Earth
13 Alicia Keys Here
14 Erlend Apneseth Trio Det Andre Rommet
15 Kuedo Slow Knife
16 Kate Tempest Let them eat Chaos
17 Anders Brørby Nihil
18 Bon Iver 22, A Million
19 Exploded View Exploded View
20 Thomas Köner Tiento de la luz

21. Solange A Seat at the Table
22. Kim Myhr Bloom
23. Naqsh Duo (Golfam Khayam & Mona Matbou Riahi) Narrante
24. Jenny Hval Blood Bitch
25. Suede Night Thoughts
26. Andrew Cyrille Quartet The Declaration of Musical Independence
27. Årabrot The Gospel
28. Katie Gately Color
29. Sinikka Langeland The Magical Forest
30. Nicolas Jaar Sirens

Anm.: Einige Alben sind mir noch nicht gut genug vertraut oder liegen mir noch gar nicht vor, die gute Chancen auf eine Top20-Beteiligung haben, vor allem Leonard Cohens You want it darker, das ich mir bislang für eine gute Gelegenheit aufgehoben habe.

Da ich seit Jahren keine solche Bestenliste zum Jahresende geschrieben habe, fiel es mir nicht leicht, eine letztgültige Reihenfolge zu erstellen. Das hat verschiedene Gründe: Alle Alben von PJ Harvey oder Nick Cave könnte ich wahrscheinlich noch in eine Rangliste bringen (ich werde das demnächst mal mit dem einen oder anderen Interpreten hier im Blog versuchen), aber so viele verschiedene Stile und Genres in eine Reihenfolge von 20 Platzierungen zu pressen, finde ich schon deshalb schwierig, weil viele Alben unter unterschiedlichen Stimmungsbedingungen gehört werden. So gesehen weist das Vergleichen von Äpfeln mit Birnen viele Mängel auf — und es scheint mir heikel zu behaupten, dass Nick Caves Album mir wirklich besser gefiele als Lucinda Williams’ oder Michael Kiwanukas… Aber sei’s drum. Dass meine Lieblingsbands Radiohead und Wilco nun gar nicht hier auftauchen, passt so gesehen wiederum gut…

Auch deshalb möchte ich als Bonus folgende vier 2016 -Lieblingsalben unabhängig erwähnen:

Sektion „zeitgenössische Musik“: Tõnu Kõrvits The Mirror
Sektion „Klassik“: Andrew Nelsons / Shostakovich 5, 8 & 9  – Under Stalin’s Shadow
Sektion Filmmusik: Jóhann Jóhannsson Arrival
Sektion Re-Release/Remix/Rework: John Cale M:Fans / Music for a New Society

Der finnische Pianist Aki Rissanen (Jahrgang 1980) ist – zumindest namentlich – wahrscheinlich etwas bekannter als sein englischer Kollege Ivo Neame (Jg. 1981), der mit dem dänischen Schlagzeuger Anton Eger unter Leitung von Bassist Jasper Høiby aus Schweden das Trio Phronesis bildet. 2014, zum Zehnjährigen, erschien ihr zweites Live-Album Life to Everything, das genau genommen eher ihr erstes ist, denn bei der Aufnahme von Alive (2010) war Eger unabkömmlich und wurde von Mark Guiliana vertreten.

Phronesis-Album Nr. 6, Parallax, veröffentlichte Edition Records dann im April 2016. Ich kann es nachdrücklich empfehlen, da es mehr noch als ihre vorige Studioalben die kraftvolle, direkte Bandenergie wie bei einem guten Jazztriokonzert auf CD festhält. Mich wundert, dass Phronesis nicht schon weit bekannter sind; sie bestechen mit einem Pop-Appeal, der Rock- und Pophörer doch eigentlich ähnlich überzeugen müsste wie einst das Esbjörn Svensson Trio. Da die Aufnahmen von Parallax im Londoner Abbey Road Studio bald zwei Jahre zurückliegen, bin ich sehr gespannt, was die Jungs als nächstes machen.

Ansonsten kann ich mich nur Roger Farbeys Besprechung auf All About Jazz anschließen:

In truth, Phronesis are one of the most exciting jazz trios around. Although initially bassist Høiby’s brainchild, the band is democratic both in terms of the prominence of all three musicians, each of whom are virtuosos in their own right, and also by the equal sharing of the composing duties. But crucially, the sheer energy that’s generated from this album is simply phenomenal.

Das Trio von Aki Rissanen, den man aus Bands von Verneri Pohjola und Dave Liebman kennen kann, ist dagegen, zumindest auf CD, ruhiger, zurückhaltender, vielleicht darf man sagen: „nordischer“. Ihr Album Amorandum habe ich nicht so häufig gehört wie das von Phronesis; es gefiel mir sehr gut, es hat eine innere Ruhe und eine Klarheit, die man sich auch gut bei ECM vorstellen könnte, aber da ich kann eigentlich nichts Passenderes darüber sagen, als mein Kollege Kleinecke bei Nordische Musik schrieb, überlasse ich ihm hier das Wort:

Die neun Stücke, alle vom Pianisten komponiert, gehen zurück auf einen Soundtrack für einen Animationsfilm von Tuula Leinonen. Strukturell sind die Kompositionen mehr oder weniger offen, drehen sich mal um Ostinato-Figuren oder scheinen in sich zu ruhen. Einflüsse von Minimal Music sind ebenso zu hören wie Impressionismus und nordische Lyrik. Sparsames Spiel ist dem Trio gemein, keiner macht zu viel. Dennoch groovt »AMORANDOM« teilweise stark. Teppo Mäkynen spielt mitunter eher Pulsgeber als herkömmlichen Drummer (»Paysages Pas Sages«), Antti Lötjönen hält alles harmonisch zusammen und spielt einige Soli, die so kaum ein Bassist spielen würde. Rissanen selbst hat hörbar klassische Ausbildung, auch lässt er seiner nordeuropäischen Herkunft ihren Raum. Er beherrscht die Kunst der kontrollierten Offensive perfekt, kann allerdings auch herrlich swingen wie in »For Jimmy Giuffre«.

Das finnische Quintett Oddarrang ist ebenfalls eine vielseitige, funkensprühende Truppe. Ich muss allerdings sagen, dass sie mir vor ihrem aktuellen Album, ihrem vierten, nicht wirklich vertraut waren. Agartha, Ende September erschienen, ist wohl deutlich rockorientierter als ihre vorigen CDs, ich würde es sogar eher als Postrock bezeichnen, mit seinen synthiemäßig emotionalisierten, hymnenhaften Melodien und den bis elfeinhalb Minuten langen Stücken (insgesamt fünf) so in etwa in der Ecke von Sigur Rós zu verorten, mit einer Spur mehr treibendem Jazzgroove allerdings. Der Titel ist (natürlich) ein Verweis auf Miles Davis’ Agarta (1975) betiteltes Livealbum, da Miles für den Bandleader und „spirituellen“ Schlagzeuger Olavi Louhivuori einen grundlegenden Einfluss auf das Musikmachen zwischen den Genres und weg vom Jazz ausübte, im Interview bestätigte:

Ich würde sagen, dass 85% von dem was ich mache mehr oder weniger Jazz ist, während meine Solosachen elektronischer, experimenteller sind, und Oddarrang nicht länger Jazz ist. Ich würde sagen, es ist ein experimentelles, instrumentelles Etwas… wenn ich es kategorisieren müsste.

Ich persönlich bin mit Agartha nicht so recht warm geworden, aber Leute, deren Meinung ich schätze (Kleinecke wiederum vergab zahlreiche Sterne), sind begeistert; deshalb möchte ich es hier trotzdem erwähnen. Ähnlich ambivalent zwischen Jazz, Fusion und Rock war 2016 auch das Album Dream Keeper von Gitarrist André Fernandes aus Lissabon, der schon mit Lee Konitz und Tomasz Stanko gespielt hat, nicht durchweg gelungen vielleicht, aber dennoch hörenswert.

 
 
 

 
 
 

Dave Stapleton sagte im Gespräch mit All About Jazz auch, dass ihm das Vermeiden von Kategorien wichtig sei und er dagegen ankämpfen möchte. Die beiden letzten Edition-Alben des Jahres 2016 erscheinen noch in dieser Woche, und sie verdeutlichen diesen Anspruch:

The Space Between von den miteinander befreundeten britischen Gitarristen Stuart McCallum und Mike Walker, ist ein durchaus ungewöhnliches, aber ambitioniertes Gitarrenduoalbum, auf dem vier der neun Stücke mit einem Streichquartett aufwarten. Während McCallum, der auch auf dem Album All Things von Slowly Rolling Camera mitwirkte, sich auf akustische Gitarre (mit Elektronik) beschränkt, spielt Walker die elektrische. Er war übrigens schon Teil von Kenny Wheelers Bands, von dem bei Edition wiederum vor ein paar Jahren ein Album mit Norma Winstone erschien (soviel zum Vergleich mit ECM…).

Es gibt drei eigenwillige Interpretationen fremder Komponisten: Burt Bacharachs und Hal Davids Alfie, das ruhigste Stück hier, erinnert tatsächlich an manche ECM-Gitarrenplatte, My Ideal hat schon Sonny Rollins gespielt, und dann führen die beiden Gitarristen ihre spannende Verbindung aus Jazz und Kammermusik mit dem 3. Satz von Debussys Streichquartett (g-moll, 1893) sozusagen bis in die letzte Konsequenz weiter. Der Rest sind eigene Stücke von McCallum. Die Art von Gitarrenspiel, wie es die beiden Herren auf The Space Between praktizieren, ist nicht gerade meine bevorzugte Musik, aber was Stuart McCallum und Dave Stapleton hier im Wood Room der Real World Studios fabriziert haben, finde ich doch sehr faszinierend und anregend.

 
 
 

 
 
 

Auch in dieser Woche erscheint Subterranea, das Debüt eines durchweg sehr jungen Sextetts namens Mosaic unter Leitung des britischen Vibrafonisten Ralph Wyld, Gewinner des Kenny Wheeler Jazz Prize 2015, der zudem alle Stücke geschrieben hat. Das Ensemble setzt sich zusammen aus Trompete/Flügelhorn, Klarinette, Cello, Kontrabass und Schlagzeug/Perkussion. Auch diese Art von Jazz gehört sonst eigentlich nicht zum engeren Kreis meiner „Lieblings-Stile“, aber es lädt ein, die vier zwischen achteinhalb und zwölfeinhalb Minuten langen Stücke (plus zwei längere Interludes und eine Reprise) eingehender zu erfahren, und hier beeindruckt mich ebenfalls, wie fantasievoll Musik aus den Linien Wheeler, Steve Reich (das erste Stück zitiert direkt City Life), Gil Evans und Dave Holland verbunden werden. Improvisation meets Minimal Music.

Eine reizvolle Mischung und einen geglückten Querschnitt durch zwölf Edition-Alben der jüngeren Zeit erschien im Frühjahr unter dem Titel Northern Edition. Kuratiert von BBC-Autorin und -Moderatorin Fiona Talkington gibt es hier einen leichten Schwerpunkt auf skandinavischen Künstlern, darunter einigen, deren Alben mir in den Vorjahren bereits gefallen haben: Drifter (ehem. Alexi Tuomarila Quartet), die auf ihrem Neustart-Album Flow eine eigenwillige Kreuzung aus Jazz und Pop vorgelegt haben, Phronesis, Spin Marvel (ein Quintett mit Nils Petter Molvær, Tim Harries, John Parricelli u.a.), Daniel Herskedal (sein tolles Album Slow Eastbound Train war „CD des Monats“ bei Nordische Musik im Mai 2015), das feine Alexi Tuomarila Trio mit Mats Eilertsen und Olavi Louvihuori, sowie Marius Neset und Verneri Pohjola, beide Alben ebenfalls von Tim J. Kleinecke hochgelobt (ich selbst habe die beiden CDs nicht gehört). Es gab wenige Alben bei Edition im Jahr 2016, die ich nicht empfehlen könnte. Ich bin sehr gespannt, wie es 2017 weitergeht. Als erstes erscheint im Januar Godspeed von Morten Schantz, das als „a 21st Century Weather Report in its most original and creative form“ angepriesen wird.

Es gibt nicht nur ECM. Der Jahresausklang ist mal ein guter Zeitpunkt, eine Lanze für Edition Records zu brechen. Seit 2008 veröffentlichte das in England (Berkshire) und Wales (Cardiff) beheimatete Label etwa 80 Alben. Gegründet hat Edition Dave Stapleton, der selbst in mehreren Gruppen spielt, die wiederum zum Teil in sehr unterschiedlichen Richtungen zu verorten sind. Ein leidenschaftliches Exempel, das recht gut für seine gesamte Labelarbeit steht, ist das in diesem November erschienene Album All Things der Band Slowly Rolling Camera, die Stapleton seit vier Jahren mit der Sängerin und Texterin Dionne Bennett führt. SRC haben 2014 ein Debütalbum ohne Titel und 2015 eine EP aufgenommen. Mit ihrem kraftvollen All Things steht die Gruppe für einen Typ Stilgrenzen ignorierender Musik, der mich immer zu Hören erfreut. Manche haben SRC mit Massive Attack verglichen, wahrscheinlich wegen der dunkelhäutigen Sängerin mit vollem Lockenhaar und ebenso voller Soul-/Gospelstimme, doch der Vergleich ist ein arg hinkender, vor allem, wenn man bedenkt, wo Massive Attack klanglich und stilistisch stehen – von den Soulnummern ihrer ersten beiden Alben abgesehen. Auf dem Facebook-Profil von Slowly Rolling Camera nennt die Band Cinematic Orchestra, Oddarrang, Portishead, Radiohead, Zero 7 und 4 Hero als Inspiration und Vorbilder, was vielleicht ein wenig hilft, den Stil greifbar zu machen.

 

 

All Things ist eher eine manchmal berauschende, etwas dunkel bluesige Soul-Jazz-Popmusik, teils mit Streichquartett, teils mit mehreren Bläsern (u.a. Laura Jurd), vor allem mit vielen schönen Perkussionsinstrumenten. Dionne Bennett wird von Stapleton (der auch die Albumfotos geschossen hat) als Gesicht der Band präsentiert, denn außer ihrem Konterfei, prägnant auf dem Cover und uns schemenhaft aus dem Schwarz des Rückcovers anblickend, zeigt das CD-Design keine weiteren Mitglieder. Co-Produzent ist Deri Roberts, der laut der Edition-Webseite für „Sound Design“ und „Elektronik“ verantwortlich zeichnet, im CD-Beiheft aber mit einer ganzen Reihe Perkussion (und einiger Instrumente, die ich erst einmal googeln müsste, um zu wissen, was er da genau spielt: Calabash, Cuica, Udu, Cabasa, Pandeiro, Ribbon Crasher …) gelistet wird. Als Schlagzeuger ist Elliot Bennett dabei, der ebenfalls alle möglichen Perkussionsinstrumente einsetzt.

Dionne Bennett hat eine eindrucksvolle stimmliche Präsenz, sie vermag also durchaus einige Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen (gerne würde ich die Band mal im Konzert erleben), aber das gesamte Album ist musikalisch komplex mit zahlreichen Gastmusikern. Die Band verweist auf einen „demokratischen Schaffensprozess“, und das glaube ich ihnen aufs Wort. Einen schönen Gastauftritt bekommt im abschließenden kurzen Titelstück übrigens Dee Dee Bridgewater, die nur den Bandnamen spricht, als Sample in den Rhythmus integriert.

Edition Records haben im Jahr 2016 sechzehn CDs herausgebracht, von denen die allermeisten als „Jazz“ durchgehen, doch regelmäßig nehmen Grenzüberschreitungen zu anderen Genres eine tragende Rolle bei Edition ein, wie etwa bei Oddarrang, Mosaic, Drifter oder Girls In Airports.

Viel gelobt wurde auch das eklektische erste Album von Laura Jurds Quartett Dinosaur, das seit sechs Jahren miteinander spielt. The Guardian hat Together, As One in seiner 5-Sterne-Besprechung mit In A Silent Way verglichen, offenbar weil Laura Jurd Trompete spielt und wegen der Keyboardsounds (Hammond und Rhodes). Aber auch hier kann man das Album zwar als Jazz kategorisieren, aber die acht Stücke, die bis zu neuneinhalb Minuten lang gehen, grasen mancherlei Stile mit ab – ein bisschen Fusion, ein bisschen elektronischen Pop, mal eine altmodisch gestopfte Trompete mit heiterer Kirmesmusik und fast breakbeatartigem Fundament … Mit Laura Jurd und ihren drei jungen Kollegen kann man sich von einigen fantasievollen Wendungen überraschen lassen. “That’s pretty much punk rock by jazz standards …” sagte Nick Luscombe im BBC-Radio. Finde ich eine schöne Zusammenfassung des Albums.

 

 

Dave Stapleton hat zwar in Wales klassisches Piano studiert und sich seit seinem Abschluss 2002 einen Namen in der britischen Jazzszene erarbeitet, doch er betont, dass es ihm nicht behage, einem der beiden Lager zugeordnet zu werden. Vor ein paar Jahren sagte er im Interview mit All About Jazz, dass es ihn geradezu in Schrecken versetze, mit jedem Auftritt exakt die gleichen Noten spielen zu müssen.

 

From a composer’s point of view I’m thinking on a much larger scale than most jazz composers do. So I don’t see myself as either. I try not to pigeonhole myself. I don’t see myself as a jazz musician: I don’t play bebop; I don’t play in lots of bands. I don’t want to do that. I’m somewhere in the middle: a European improvising composer/pianist. Somewhere in between jazz and classical: but there’s no terminology for that.“ 

 

Einige der Veröffentlichungen seines Labels im Jahr 2016 können diesen Anspruch treffend unterstreichen.

Bei Nordische Musik haben wir in diesem Jahr zwei Mal ein Album von Edition Records zum „Album des Monats“ gewählt: Im Mai Per Oddvar Johansens Trio mit Let’s Dance und im Juli Eyolf Dales Ensemblealbum Wolf Valley.

Den Schlagzeuger Per Oddvar Johansen kennt man ja als Sideman von unzähligen Platten, nicht zuletzt bei ECM, doch überraschte, dass er erst jetzt ein eigenes Album gemacht hat. Mit Helge Lien, sonst oft mit recht versierten, aber auch mal zu glatten Jazzalben in Verbindung gebracht, und dem eher im experimentellen Bereich verankerten Saxofonisten Torben Snekkestad konnte Johansen einen spannenden Mittelweg finden. Der Kollege Tim Jonathan Kleinecke schrieb in seiner Besprechung für Nordische Musik über Let’s Dance:

 

Er drängt sich und sein Schlagzeug aber keinesfalls auf, es sind eher die kleinen Gesten, die seine Meisterschaft verraten: Man folge der Besenarbeit in »Panorama«! Ab und zu spielt er Violine, Vibraphon oder Electronics, aber lediglich als Klangtupfer. Außer auf »Uluru«: Da greift er gar zur Gitarre, schrammelt ein paar Akkorde – als wenn sich Neil Young und Sonny Landreth nach einer durchzechten Nacht wortlos am Seeufer treffen. Aufgenommen haben sie übrigens in Sjur Miljeteigs Studio mitten in einsamen schwedischen Wäldern, fernab von allen Ablenkungen. Dort kann solche Musik entstehen, wenn man denn eine Klangvision hat wie Per Oddvar Johansen.

 

Zu Eyolf gibt es von meiner Seite eine etwas persönlichere Verbindung: Ich war in der Funktion als Filmemacher im April 2014 mit ihm als Teil des Hayden Powell Trios auf einer Tour durchs schöne Westnorwegen und im Februar 2015 im Studio The Village in Kopenhagen bei den Aufnahmen zum aktuellen Album des Trios, woraus ich mehrere Videos geschnitten habe. Entsprechend gespannt war ich, was der Pianist mit einem Oktett anstellen würde. Das erste Album mit Hayden Powell (The Attic) war ein Sextett (bzw. das um drei Gäste erweiterte Trio), das mir etwas zu konventionell erschien, aber ansonsten ist Eyolf eher bekannt für sein experimentelles Duo mit dem Saxofonisten André Roligheten (der wie Hayden Powell auch auf Wolf Valley mitspielt), Albatrosh, von dem bislang sechs Alben, teils mit Gästen oder dem Trondheim Jazz Orchestra, erschienen sind. Ich bin sonst nicht direkt ein Liebhaber von größeren Jazzensembles, aber Eyolf nutzt seine Gruppe auf eine Weise, die mir meist eher zusagt: subtile, fantasievolle Kompositionen und geschicktes Austarieren der einzelnen Instrumente mit eher reduzierterer Lautstärke. Wolf Valley hat mich dann zwar nicht durchweg begeistert, aber reizvoller als Eyolfs vorige Soloalben ist es allemal. Aufgefallen ist mir 2016 mehrfach der Vibrafonist Rob Waring, der in ein paar Tagen schon 60 wird. Er wurde zwar in New York geboren, lebt aber seit 35 Jahren in Norwegen, wo er seither in vielen interessanten Projekten mitgewirkt hat. Nach Wolf Valley ist er mir 2016 auch als Teil von Mats Eilertsens ECM-Ensemblewerk Rubicon und im höchst reizvollen Avantgarde-Projekt Filosofer (Nakama Records) aufgefallen. Das einzige, was ich an Eyolfs Album etwas unpassend finde, ist das verschneite Covermotiv. Ein helleres, sonnigeres hätte besser gepasst.

Drei weitere Edition-Alben, die wir bei Nordische Musik als mögliche „Alben des Monats“ diskutiert haben, waren im März Aki Rissanens Amorandum und im April Parallax von Phronesis, beides sehr empfehlenswerte Pianotrios, sowie im Oktober Oddarrangs Agartha.

2016 15 Nov

Kate Gately: „Color“

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Ich höre mir ja jedes neue Madonna-Album an — nicht weil ich Fan von Frau Ciccone wäre, sondern einfach, weil es ja doch immer mal sein könnte, dass sie sich doch noch einmal die richtigen Partner/innen sucht und am Ende das innovative Popalbum macht, das sie jedes Mal von Neuem verspricht. Doch Madonna hat seit den Tagen mit William Orbit und Mirwais Ahmadzaï leider stetig nur auf aktuell angesagte Hipster-Produzenten gesetzt (anders als etwa Björk, die zuletzt Alejandro „Arca“ Ghersi und Bobby Krlic alias The Haxan Cloak anfragte, als die beiden nicht einmal Spezialisten ein Begriff waren).

Warum diese Vorrede? Weil Katie Gatelys Stimme auf ihrem Debütalbum nicht selten so klingt, als handle es sich bei Color um das lange versprochene Madonna-Album, das Songwriting und experimentelle Elektronik zu einem ambitionierten, hochkomplexen „State of the Art“-Pop verbindet. Ach, was wäre es schön, wenn die junge Dame aus Los Angeles auch nur ein Drittel der Aufmerksamkeit bekäme, die Madonna mit jedem neuen Album generiert, sich auf den Ideen anderer Popmusiker ein bequemes Polster einrichtend. Ich denke mir so, dass tatsächlich Hunderttausende diese Musik hören würden, wenn da jetzt „Madonna: Color“ auf dem Cover stünde. Den Unterschied würden die meisten doch ohnehin nicht mitbekommen, bei den Softwaretechniken, mit denen Madonnas Gesangstimme mittlerweile verfremdet wird (und, wie gesagt, der Unterschied zwischen den Stimmen der beiden ist, soweit die Songs dieser Platte zeigen, ohnehin nicht groß). Und die 25% der Käufer und Hörer, die sich über „das neue Madonna-Album“ eh nur beschweren würden, weil es (wieder einmal?) nicht spannend / traditionell / innovativ / klassisch / eingängig / mutig (Zutreffendes bitte unterstreichen) genug ausgefallen ist, die kann man getrost vergessen, denn die Ausfallquote — derer, die sich ja doch eigentlich eine andere CD gewünscht hätten — gibt es ja doch zuverlässig mit jedem neuen Album.

Nun wird Katie Gately sicher niemals den Status einer Madonna einnehmen. Doch anders als die ältere Kollegin aus Michigan, die bereits zu lange auf bereits (von anderen) erprobte Ideen setzt und diese mit ihren üblichen Songideen zusammenfügt, bringt die dreißig Jahre jüngere New Yorkerin sehr zeitgenössische und mutige Klangideen mit Pop-Songwriting zusammen, manchmal eingängig („Sift“, „Color“), manchmal radikal fragmentiert, verzerrt und manipuliert, und es ist deutlich, dass sie sich keineswegs immer sicher ist, was als Ergebnis ihres orchestral spielerischen Arbeitsprozesses hinten rauskommen wird. Color ist, anders als zuletzt Rebel Heart, MDNA und Hard Candy (schon die mauen Albumtitel tragen ihr Pseudo-Wagemuts-Programm unbeholfen vor sich her), eine echte Wundertüte mit verqueren (um ganz hip zu sein, müsste man wohl sagen: „queeren“) Pop-Melodien, die mit verzaubernder Produzentinnenfantasie zu einem surrealen Album voller eigenwillig spannungsreicher Songs ausgefeilt wurden. In meinen Augen (bzw. Ohren) liefert Katie Gately mit Color das „(über-)experimentelle, versponnene“ Songwriting-Album, als das Bon Ivers (zugegeben, ganz hervorragendes) 22, A Million mancherorts dargestellt wurde. Mit etwas Vorsicht kann man Miss Gately damit in die Ecke verwandter Pop-Neuschöpferinnen wie FKA Twigs oder Grimes stellen, deren letzte Platten nur vielleicht mehr Pop als Experiment boten, während bei Katie Gately das Verhältnis umgekehrt ist.

Deutlich scharfkantiger als Grimes, knalliger als FKA Twigs, und vor allem weniger verkopft als Holly Herndon… und wer bei der Flaming-Lips-Kollaboration mit Miley Cyrus (Miley Cyrus & Her Dead Petz) den versprochenen Wahnsinn vermisst hat, sollte bei Katie Gately die ersehnten freudig glühenden Ohren bekommen. Dazu darf man gerne die Lautstärke auf ein (für die Nachbarn?) ungesundes Maß aufdrehen. „Not quite ‘industrial’ but I am a massive Public Image Ltd. fan. The dissonance and aggression in the music is the Holy Grail for me,“ sagt Gately im Interview mit Richard Allen. Ja, die wundervolle Verzerrung und Übersteigerung eines Songs wie „Sire“ mit seinen metallischen krachenden Beats zu flippigem Gefieps und Kling und Klang aus allen Ecken und Vokalharmonien obendrein, was in der Summe ein durchaus transparentes Klangspektakel bleibt, das sind fünf von insgesamt 42 Minuten eines der spannendsten Popalben des Jahres mit einem Genres durchdringenden Wahnwitz.

Unzählige Mädchen meines Studiengangs stürzen sich auf die Seminare über mittelalterliche Liebeslyrik. Hohe Minne, niedere Minne: Verse über schöne Frauen, deren Tugenden, ihre roten Lippen, und glänzendes Haar.

Während meine Kommilitoninnen um mich herum dahinschmelzen, lässt mich dieses aussichtslose Schwärmen um die Damen des mittelalterlichen Hofes eher kalt.

Betrachten wir den Komplex der Minnelyrik doch einmal ganz nüchtern. Ein Sänger beobachtet eine Frau aus sicherer Entfernung. Er bewundert ihre Anmut und ihre Schönheit und dichtet deshalb süße Zeilen über seine Herzensdame. Natürlich ist ihm bewusst, dass er niemals ihre Gunst gewinnen wird. Er beklagt sein Leid, aber dennoch verspricht der Verliebte, niemals mit seiner Werbung aufzuhören, denn neben der Qual der unerfüllten Liebe bereitet es ihm größte Freude, diese unnahbare Frau zu ehren.

Wie rührend! Das muss wahre Liebe sein!“ – finden die Teilnehmerinnen des Seminars. Mir fällt dazu leider nur ein Wort ein: Stalking.

Ein Mann, der geradezu fanatisch an einer Wunschvorstellung festhält, obwohl er selbst bereits erkannt hat, dass es eben nur ein Wunsch ist und bleiben wird. Trotz dieser Erkenntnis lässt er nicht davon ab, sein Objekt der Begierde zu beobachten bis er jedes Detail über sie in Erfahrung gebracht – und natürlich besungen – hat.

So romantisch einige Menschen diesen Gedanken finden, mich schreckt es eher ab. Nicht, dass ich keinen Sinn für Romantik habe – ganz im Gegenteil. Allerdings muss ich zugeben, dass Punk-Poeten wie Blink182 ihre Gefühle auf eine schönere Art ausdrücken, wenn sie wie in „Rock Show“ das wunderbare Mädchen besingen, das von der Schule geflogen ist und mit dem sie nach Vegas ziehen wollen.


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