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Kategorie: Gute Musik

2013 1 Mai

Radiohoerers CD Tipp

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CD des Monats: Aki Takase “My Ellington”. Mit der Post gekommen ( das Cd Abo bei Intakt Records !!!), läuft diese CD quasi “in der Rotation”.

Es ist einfach wunderbar zu hören, wie sich Aki Takase die Musik Duke Ellingtons zueigen gemacht hat. Das ist kein spielen der Standards, wie es üblicher Weise ist. Hier geht Aki in die Welt der Kompositionen von Duke hinein. Sie forschte wie sie funktionieren und was sie eigentlich ausmachen. Das besondere eben, wie es nur der Duke machte.

Sie setzte sich auch damit auseinander, wie der Duke selber am Klavier spielte, sein Reichtum an Varianten, Nuancen und seine unvergleichliche Eleganz. “Was nicht oft genug betont werden kann, ist Takases tiefes Gefühl auf My Ellington“, schreibt der amerikanische Journalist Bill Shoemaker in den Linernotes zur CD.

Seit ihren Duo-Arbeiten gefällt mir das Spiel von Aki Takase immer besser. Ihr Witz und ihre Spielfreude machen mir riesigen Spass. Auch der “New Blues” mit Eugene Chadbourne, Nils Wogram, Rudi Mahall und Paul Lovens ist eine reine Freude. Und nicht zu vergessen das fantastische Duo mit Han Bennink: “Two for Two”.

Also, entdeckt diese Pianistin für euch, es lohnt sich. Vergesst die Alten Meister nicht. Wo wäre der Jazz heute, ohne die Welt Duke Ellingtons!?

2013 26 Apr

Don Bikoff, a one-record wonder, and the age of the dinosaurs

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The best thing you can say about a long lost solo guitar album from 1968, is that you can, with cold blood, separate its soulfulness from the delight of discovery. This is not even an album for guitar nerds with a special knack for old time folkies. There is something on Don Bikoff’s CELESTIAL EXPLOSION that transcends the level of technical skills, studio wizardry (limited to some echo effects) and spiritual fashions of that era. Though the old liner notes heavily rely on celestial dimensions and spiritual awakening, the music is ideal stuff for the right and the left part of the brain. There is structural sharpness and, at the same time, emotional depth. Bill Meyer tells the whole story. (me)

Musically speaking, the 1960s is the age of the dinosaurs, and I’m not talking about dinosaur rock. It would seem that enough musicians deposited a record in the mud of commercial failure that we remain flush with black gold just waiting to be discovered, just as the compressed remains of countless generations of brontosauri sit beneath the ground, just waiting for some enterprising vandal to blast it into your gas tank or drinking water.

Don Bikoff’s sole LP Celestial Explosion is just the latest example. The Long Island-based acoustic guitarist recorded it in 1968, when he was just 20, for the long-extinct Keyboard Records. The record went the way of all non-viable species, appearing less and less often in cutout racks and used bins until the advent of internet-facilitated record trading rendered copies as rare as Passenger pigeon chicks.

But while the technology to raise up new dinosaurs from fossilized DNA is still a ways off, it’s possible to reanimate a record simply by mastering a new copy from old vinyl. That’s what’s been done with Celestial Explosion. While Bikoff never made another record, he’s still alive and well, spooking his grandkids with Skip James covers and playing the occasional gig at church fundraisers and motorcycle stores. He connected with Tompkins Square, a label that has undertaken the championing of new talents and rescuing undeservedly obscure older ones from out-of-print limbo.

Anyone yearning for more of the kind of music that filled that first Takoma sampler, Contemporary Guitar (they didn’t call it American Primitive back in the day), will likely be well pleased by Celestial Explosion. Like John Fahey, Harry Taussig and Max Ochs, Bikoff synthesized elements of blues and country to come up with powerfully evocative music. Bikoff is an unhurried picker, the better to let one hear the beauty that lies beyond the technique, and a fluid slide guitarist. Since he made the record in 1968, there’s a tinge of psychedelic seasoning, mostly judiciously applied echo. But what makes this record hold up after you get over the thrill of discovery is its unfussy soulfulness. Like so many in the Takoma stable, Bikoff made music that told stories encoded with personal significance. Hiding behind the Leslie effect on “Riverside Park Blues” is a walk down a path of reverie and yearning. “Bathing Prohibited In The River Styx” never oversells its winking premise, but it’s hard not to smile as it gently tugs at your leg. And a discordant lead makes “Today Has No Tomorrow” exude quiet, yet absolute trepidation, which is only partially ameliorated by the sweeter melodies that try to take a step back from the edge. Was he imagining a draft notice when he wrote it, or maybe a Dear John letter from his girlfriend? Whatever the inspiration, its music with feeling, and it’s good to feel it now. (Source: dustedmagazine, Bill Meyer)

1 PORPOISE MOUTH

Steven Spielbergs Filme sind in der Regel familienfreundlich. Vor vielen Jahren habe ich UNHEIMLICHE BEGEGNUNG DER DRITTEN ART im Kino gesehen. Dass Aliens durchaus freundlich gesonnene Galaxienbewohner sein können, war die etwas moralinsaure Botschaft des Films. Jetzt begegnete mir der Film wieder, in dem Francois Truffaut einen ernsthaften Sprachwissenschaftler in verdeckter Mission spielt, ich war allerdings zu müde, um mehr als die ersten fünfzehn Minuten zu sehen. Ganz in der Ferne sieht man einen rätselhaften Streifen. Eine Wolke? Eine Gebirgsformation? Bevor die Kamera die Irritation beseitigt, ist die eigene Wahrnehmung in Erklärungsnot: was um Himmels willen ist das? Auf jeden Fall fern und gefährlich, ein lockender Horizont.

Zunächst entdecken Forscher auf einem Schrottplatz in der mexikanischen Wüste Sonora die 1945 auf mysteriöse Weise im Bermudadreieck verschwundenen Flugzeuge des Flugs 19. Die Flugzeuge erweisen sich als unbeschädigt und funktionstüchtig. Der Besitzer des Schrottplatzes berichtet, die Sonne sei in der Nacht aufgegangen und sie habe zu ihm „gesungen“. Der Mann hat einen starken Sonnenbrand. Ich bin zu müde und wandle schlaftrunken ins Bett.

In der Nacht sitze ich im Cockpit eines alten Fliegers und erkenne in der Ferne eine schneebedeckte Gebirgsformation. Es ist tiefe Nacht, aber die Schneeschicht der Gipfelregion sendet ein seltsames Leuchten aus. Langsam nähere ich mich mit der Maschine dieser bizarren Bergwelt, als plötzlich ein heftiges Rumpeln mich erstarren lässt. Ich habe offensichtlich Entfernungen unterschätzt und einen schwarzen Ausläufer des Berges gerammt. Ich versuche, den Rückwärtsgang einzulegen, und habe grosse Angst, Heidenangst.

Die Maschine ist beschädigt, aber irgendwie gelingt mir eine Bruchlandung. Unangenehmes Motorengerassel, dann Totenstille. Keine Menschen. Nirgendwoland. Fuck, wo ist der CD-Player? Ich weiss genau, um nicht den Verstand zu verlieren, brauche ich jetzt gute Musik. Ich bin doch DJ, und kein Pilot. Ah, da ist der Player, ich fische eine Cd raus. Genau die richtige: ELECTRIC MUSIC FOR THE MIND AND BODY. Ich finde sofort “Porpoise Mouth”. Drehe laut auf. Ah, wunderbar! Fange an zu lachen, heftig zu lachen, und werde dabei wach. (Sie kennen vermutlich Träume, aus denen Sie erwachen, und sie lachen auch noch in den ersten Sekunden des Wachwerdens, während Sie realisieren, dass Sie geträumt haben.)

Ich kenne den Song erst seit einer Woche. Er stammt aus dem ersten Album von Country Joe & The Fish. 1967. Ich suche Informationen zu dem Lied und staune nicht schlecht, wenn ich daran denke, dass ausgerechnet dieser Song im Traum zu meinem ganz privaten Happy End beigetragen hat. Wusste mein Unbewusstes mehr als ich? Die ersten Zeilen lauten:

“The white ducks fly on past the sun, Their wings flash silver at the moon, While waters rush down the mountain tongue, My organs play a circus tune.”

Laut Landjohann (Country Joe), erfahre ich nun, beziehen sich die Verse u.a. auf seinen ersten LSD-Trip. Bruce Barthol bemerkt dazu: “Einiges an diesem Song ist der englischen Musik geschuldet. irgendwie bewegt sich das Lied in der Welt von “Greensleeves”.” Und dann sagt er, ich möchte den Satz nicht übersetzen,

There was a thing about not sounding “where” you were”.

 

2 ROCK YOUR DREAMS

Aber was brachte die Verbindung zwischen dem Spielberg-Film und dem Country-Joe-Song zustande? Neben dem “Tagesrest”, der gerne in die Träume fliesst? Nun, der Song beginnt mit einem immer höher werdenden Orgelsound, der unterschwellig den Soundtrack alter Science-Fiction-Filme suggeriert. (Es gibt Leute, die halten dieses Lied gar für die Verarbeitung einer UFO-Erfahrung.)

Zudem hatte Country Joe John Cages “A Year From Monday” gelesen, und seine Gedanken zur Stille. In meinem Traum herrschte ja auch zeitweilig “Totenstille”. Und der Songschmied wollte in den ersten Sekunden des Liedes den Hörer ganz bewusst von der “Abwesenheit von Sound befreien”, mit einem unheimlichen Sound, der sehr wohl aus dem Nichts kommt, kurz etliche Umheimlichkeiten anklingen lässt, um dann in das herrliche Walzermotiv zu wechseln. Dass man in so kurzer Zeit von einem Schreckensszenario in eine Zone grosser Freiheit gelangen kann, ist ein Verdienst der Musik, und erklärt den anschliessenden Lachanfall im Traum. Was für eine Befreiung. Da drohte ja zuvor an allen Ecken und Enden ein Alptraum. Tiefe Nacht im Nirgendwo etc.

Traumdeutung war mein Lieblingsthema während meines Psychologiestudiums, und hier hatte ich das Gefühl, beim Lesen über den Song mehr und mehr zu einer Teildeutung zu gelangen. Eine Pointe kommt noch. Gary “Chicken” Hirsh: “Der Song bringt mich zum Lachen, wenn ich ihn höre. Da ist etwas, was mich als Drummer glücklich macht. Eine Rockband, die von 3/4 in 6/8 wechselt, ist gross. Das ist meine Art von Rock’n'Roll.”

(Das Album ist kürzlich neu veröffentlicht worden, mit dem originalen Stereo- und Mono-Mix. Das Werk gilt als eine der ersten psychedelischen Rockplatten, es erschien sechs Wochen bevor der “summer of love” eingeläutet wurde. Vor meinem Traum hatte ich keinen einzigen Blick in das Begleitheft geworfen.)

Wo sind wir, wenn wir gute Musik hören – Musik, die uns zwar nicht bekifft jedoch betrifft, vertritt? Mittendrin in der Materie. Ein erstes aufmerksames Hören: Silverdays or Love, der Titel schon Genuß. Da geht es los mit losen Schlagzeugbecken, dazu dann schwebende Pianoklänge eingestreut, der Bass zirpt erstmal in den oberen Regionen rum. Der Eindruck: Denn sie wissen, was sie tun. Will man das Gehörte nachahmen, weiss man, was man will. Die Kraft entsteht aus dem Gestaltungswillen, in der Balance zwischen Abstraktion und Formlust: der schmale Grad des Weder-Noch. Der Bass des Thomas Morgan singt und spricht exakt, mit Pizzicato-Witz in punktueller Präsenz. Kein Jazzbass wie man Jazzbass spielt, weils andere schon so taten, nein: vielmehr vorbildfrei. Triomusik wie diese ortet sich diesseits der Klassik und des Jazz. Wo seicht Ravel, Debussy, Bartok anklingen, schwingt handfest stets solider Jazzrock mit. Die Eigenart des Instruments Klavier erlaubt es, zeitweise schwere Soundcluster vor sich herzuschieben, die sich dann auflösen wie Wolkenformationen. Das macht Klaviertrios so hörenswert: Variierenkönnen zwischen leichtem, fragmentarischem Spiel und voluminöser Wucht. Cracking Hearts beginnt so frei, wie man es auch von Kikuchi kennt – doch dann die Rückkehr in das Spieluhrartige; das kühle und sphärische Spiel. Was unterscheidet ein hochklassiges Jazztrio von den eher Mittelmässigen? Wir sind, wenn wir es hören, mittendrin in der Musik.

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Welch eine Szenerie: Auf einer Anhöhe eines Berges stehen die Musiker von Jokleba. Das Publikum sitzt im tiefen Schnee, schaut auf die Band – und in die Luft. Hangglider, Paraglider und Parashooter ziehen ihre Kreise zu den Klängen von Jon Balke, Per Jorgensen und Audun Kleive. Bisweilen schwer auszumachen, ob Hall und Echo künstlich sind – oder ein Produkt des Tals und der gegenüberliegenden Bergen…

“Culture in Europe developed very much in larger cities…whereas in Norway the thing you do is to go out! (lacht)… Nature is just next door to almost anybody… And I think that that is also a kind of very heavy imprint on our mentality!” (Jon Balke, Jokleba)

Karsten war im norwegischen Hinterland unterwegs und besuchte das diesmal herrlich skurrile Jazzfestival in Voss. Karl stellt ein neues Buch zur englischen Jazzhistorie der Jahre 1960 bis 1975 vor, von Duncan Heining: “Trad Dads, Dirty Boppers and Free Fusioneers”. Dazu gibt es neue Aufnahmen mit June Tabor & Ian Bellamy (Quercus), dem radio.string.quartet.vienna sowie Splashgirl und dem Mats Eilertsen Trio, dessen neues Album mit seinem Titel den Klimaforschungen dieser Dreiviertelstunde nur zu gerecht wird: “Sails Set”…

Nach einer Auktion alter Schellackplatten in London gingen für sehr bescheidene 35.000 englische Pfd. einige Raritäten über den Tisch, die noch für Aufsehen sorgen werden. Henry Mascin hat sich 25 Schallplatten gesichert, die Bestandteil einer Holzkiste waren, angereichert mit etwa 150 Fotographien (in teilweise gut erhaltenem Zustand) aus New Orleans anno 1935, überwiegend Porträts aus dem Quartier Latin. Die Musik selbst ist eine geradezu obskure Seltenheit, welche die Versteigerer offensichtlich völlig falsch einschätzten, und die der Käufer im Laufe des nächsten Jahres mit sattem Gewinn veröffentlichen wird, “bei einem renommierten Label”, wie er etwas vage verriet.

Die Musik enthält nicht mehr und nicht weniger als reine Solostücke von Louis Armstrong. Trompete pur, keine Begleitung, ausser dem angeblich oft zu vernehmenden Stampfen der Füsse von Big Louis auf dem Holzboden des kleinen Studios im Quartier Latin. Einige der Fotos zeigen ihn angeblich bei der Arbeit, teilweise bei geöffnetem Fenster, sodass die Stadtgeräusche auf etlichen Tracks  deutlich zu hören seien, Droschken, Hupen, Kindergeschrei. Man ahnt, wie seltsam dieser Fund ist, wenn man sich kurz an die Historie erinnert:  damals trat Armstrong vor allem in Big Bands auf, und bereiste mit dem neu entstandenen Swing auf langen Tourneen die weite Welt.

Die gepressten Exemplare wurden damals nahezu vollständig eingestampft, weil man sie für reine Probeaufnahmen hielt, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt seien. Armstrong selbst stand dem Projekt ambivalent gegenüber, so dass er nicht gross protestiert habe. Wie ein einschlägig bekannter englischer Jazzkritiker nach Anhören der Aufnahmen mitteilte, handele es sich “nicht nur um einen historischen Schatz, sondern auch eine einmalige kreative Offenbarung, auf eine Stufe zu stellen mit frühen Klangdokumenten von Jerry Roll Morton.” Zumal Armstrong mitunter das Spiel auf der Trompete unterbrochen haben soll, um in einer Art “call and response” zwischen Trompete und Gesang hin und her zu wechseln. Mehr Details wurden noch nicht preisgegeben. Süffisant kommentierte Henry Mascin sein Schnäppchen: “niemand will das in Stereo hören!”

Im Vorfeld der Publikation dieser musikarchäologischen Sensation (mutmasslich Herbst 2014) hat sich das Management von Björk mit Henry Mascin in Verbindung gesetzt und ihm 80.000 Pfd. geboten für den Ankauf eines “Schellackschätzchens” der Sammlung, mit dem Deal, dass das neue Björk-Album dieses Fundstück nicht nur in jeder erdenklichen Weise sampeln könne, sondern auch zeitlich deutlich vor dem offiziellen Veröffentlichungsdatum erscheinen dürfe.

In der Welt der experimentellen Popmusik erscheint Armstrongs unerwarteter “Nachlass” fast grössere Wellen zu schlagen als im Jazz. So ist ausgerechnet der Klangkünstler Brian Eno mittlerweile in die reguläre Veröffenlichung dieser Armstrong-Box eingebunden, für eine Edel-Edition will er auf einer Cd (resp. einer Doppel-Lp) eine elektro-akustische Aufbereitung des Materials anbieten: “Es war mal ein Traum von mir, Miles Davis’ Trompete in eine uralt klingende, verwitterte elektronische Landschaft zu transportieren. Teo Mascero hat das auf seine Art zauberhaft gemacht auf dem Stück “He Loved Him Madly”,  was ja auch eine Hommage an Duke Ellington war. Jetzt eine Zeitreise anzutreten in die Frühzeit des Jazz, wird ein Abenteuer mit unbekanntem Ausgang. Ich war zwar selten sonderlich scharf auf Jazz als Genre, aber ich liebe die Vorstellung, einem so singulären Sound eine Landschaft an die Seite zu stellen, die von ähnlich weit herzukommen scheint.” Völlig offen ist, inwieweit Eno den Originalsound von Armstrong bearbeitet, zwischen purem Realismus und totaler Verfremdung.

 

 
 

Eigentlich nur ein Trio. Drei junge Norweger: SPLASHGIRL. Keyboards, Piano; Bass; Schlagwerk. Das letzte Werk “Pressure” war radikale Kost, vertrauter Jazz meilenweit entfernt, das Pianotrio wirft kulturelles Gepäck ab. Die Drei hören nicht so sehr Monk oder Jarrett, lieber Paul Bleys Synthesizer Show und experimentelle Metal-Music a la Sunn O))). Wohl auch Bohren und den Club of Gore, diese Hypno-Schleicher, gebürtig aus der westfälischen Provinz. Grosse Töne spucken Splashgirl nicht. Sie tuen es vorzugsweise leise.

Zwei Gäste liefern zusätzliche Ideen, Eivynd Kang an der Bratsche, Timothy Mason am Modular-Synthesizer. Alles passiert in slow motion, manchmal in slow, slow motion, manchmal sogar in slow, slow, slow motion. Eine Klangspur aus dem Orient, ein weiches Rauschen aus dem Dream House von La Monte Young. Irgendwas Klassisch Getöntes. Ein Hauch Chopin? Oder doch ein Drehleiermotiv, aufgeschnappt auf einem Marktplatz im winterlichen Oslo?

Der Produzent Randall Dunn (Akron, Mountain a.o.) erinnert sie daran, dass sie doch auch eine Jazzband sind. Sie vergessen das gerne, haben aber nun doch (so rate ich mal) alten raumöffnenden Pianojazz im Ohr. Etwa Paul Bleys “Open, To Love”. Ein Meilenstein. Bley nimmt das Ausschwingen der Töne ernst. Es erinnert ihn an die Hüllkurven seines alten monophonen Synthesizers. Mit diesen Klangmaschinen konnte man noch lamgsamer in der Stille verschwinden als mit getretenem Pedal auf einem Flügel. Jede Nummer bei diesen “Freizeitritualen” eine andere Ruhe. Eine dezent aufrührerische, eine feinnervige, eine gespannte. Raffiniert an der Idylle vorbeigespielt. Immer für ein Aufhochen gut, auch wenn nicht viel passiert, an der Oberfläche, in diesem Ambient-Hypno-Post-Jazz. Splashgirl-Musik eben.

 

2013 7 Mrz

Erste Auslese 2013

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1) John Grant: Pale Green Ghosts (Der bitterste Süssstoff des Jahres)
2) L Pierre: The Island Come True (eine eigenwillige Verbeugung vor Les Baxter)
3) Devendra Banhart: Mala (grosse kleine gelassene Lieder über Liebe und Irrtum)
4) Stefano Scodanibbio / Quartetto Prometeo: Reinventions (ein Ohrwurm für die Nacht)
5) Fire! Orchestra: Exit (bester Free Jazz Big Band Exorzismus des Herrn Gustafsson)
6) Roger Eno: Ted Sheldrake (herrliches Porträt eines Originals aus Suffolk )
7) Charles Lloyd / Jason Moran: Hagar’s Song (Leidenschaften mit Understatement)
8) Masayoshi Fujita: Stories (der Zauber des Elementaren, vibraphonissimo)
9) Nick Cave and The Bad Seeds: Push The Sky Away (komponiert mit Meerblick)
10) Stephan Mathieu & David Sylvian: Wandermüde (die Parallelwelt eines Klassikers)
11) Iva Bittova: Fragments (schwebende Gesänge mit Violine und Kalimba)
12) Harold Budd: Bandits of Stature (Meditative Strenge aus der Mohave-Wüste)
 

Fair genug zu sagen, dass ich mir auch schon mal bestimmte Platten unbewusst schönhöre, weil ich voller Erwartungen bin, und sich dann, womöglich, unter einem weiten Nachthimmel, oder auf einer guten Anlage, erste Begeisterung breit macht, bevor sich das kritische Ohr mit einem Räuspern meldet, früher oder später. So ist es mir zuletzt ergangen mit den neuen Werken von David Bowie (blame it on my Istanbul trip!) und auch Atoms For Peace (ich liebe Thom Yorkes Gesangsstil), bei denen meine ersten Eindrücke rasch pulverisiert wurden. Don’t believe the hype, dachte ich mir und schüttete Asche auf mein Haupt. Die Sammlung der hier aufgeführten Werke ist mittlerweile (bei mir) über alle Zweifel erhaben. Besonders freue mich mich, dass Roger Eno mit TED SHELDRAKE eine der schönsten Platten seiner Karriere gemacht hat, neben VOICES, LOST IN TRANSLATION, und einem weiteren Opus, dessen Namen mir gerade entfallen ist. Eine CD, die ich ganz schlimm fand, und die unendlich viel begeisterte Kritiken bekam, prätentiöses New Age-Gebimmel für den Kater danach, als edle Kunst highfidel produziert und mit weihevollem Brimborium unters zahlende Publikum gebracht, ist das jüngste Machwerk von Pantha du Prince & Bell Laboratory.

Bevor im April die Klanghorizonte in eine andere Zeitzone wandern, und “Radio Nirvana” dann die Zeitschaltuhren, den diskreten Podcast und ggf. die eigene Biorhythmik vor neue Herausforderungen stellt (Details folgen), hier die Nennung der fünf Alben, die seit Mai 1990 in meinen Ausgaben am häufigsten eingesetzt wurden. Nummer 1: Brian Eno: Another Green World. Nummer 2: Brian Eno: Music for Films. Nummer 3: Brian Eno: On Land. Nr. 4: Talk Talk: Laughing Stock. Nr. 5: Wire: Chairs Missing. Es kann nicht sein, dass Sie, liebe Leser, diese Werke nicht besitzen, ich hätte meine Mission verfehlt :) Hier, re-mixed, eine private Remniszenz an die “Musik für Filme”, u.a. mit einem historischen Plattenversand aus Pasing, einem alten Autoradio, einem Alptraum, einer Kantate von Bach, und einem Grog am frühen Morgen.

 
 

Brian Eno - Music For Films

 
 

In dem Sommer (oder war es schon Herbst), in dem diese Langspielplatte erschien, lebte ich in einer ziemlich leergeräumten Wohnung, in der die Schatten einer alten Liebe noch an der Wand tanzten. Allmonatlich kaufte ich die “Sounds”, die beste Musikzeitschrift, die es je gab in der alten Bundesrepublik. Ich stöberte durch die jüngste Ausgabe, als mein Blick auf eine kleine Werbung der Firma Polydor fiel: “Der Mann im Hintergrund”, war da zu lesen, so flüstert es mir meine Erinnerung ein, ein monochromes graues Cover war abgebildet, und das Erscheinen von Music for Films wurde mit kalkuliertem Understatement verkündet. Sofort bestellte ich die Platte bei einem meiner zwei Dealer, in Unterlüss. Der andere Postversand war Jazz by Post in der Gleichmannstrasse 10 in Pasing, von dort kamen mir über Jahre u. a. viele ECM-Neuheiten ins Haus, die Schatztruhe der 70er Jahre war weit geöffnet. Unterlüss war für die Rockmusik und ihre Ränder zuständig. Zwei, drei Tage später hielt ich Music for Films in Händen. Und hörte sie zum ersten Mal. Ich habe diese Platte mit ihren flüchtigen und mich auf jede Flucht mitnehmenden Skizzen, ihren vollkommenen Unfertigkeiten, ihren Sehnsuchts- und Angst- und Traumstoffen seither unendlich oft gehört, bewusst, unbewusst, im Hintergrund, im Seitengrund, im Vordergrund. Beim Wandern (mit Knopf im Ohr), beim Schreiben, beim Einschlafen, Wachwerden, in der Fremde. Und als Alternative für “die Zigarette danach”. Beim ersten Hören wusste ich, dass diese Musik lebensbegleitend sein würde. Sie wurde rasch auch eine Medizin, sie half mir, mit den nackten Schatten an der leeren Wand zu tanzen, statt sie zu verscheuchen. Und als damals ein Riese mich aus dem Bett und meiner Wohnung im 7. Stock schleudern wollte, ich meinen Geist vergeblich mit Kakao zu beruhigen suchte, der Alptraum aber wiederkehrte, und ich mir einen heißen Grog machte mit dem guten alten Pott, dann mit dem Auto auf einen großen leeren Acker in der Nähe von Würzburg fuhr, dort den Sonnenaufgang erlebte und meine einzige tief anrührende Begegnung mit einer Kantate von Bach aus dem schräpigen Autoradio hatte, und hernach in die Alpdruckwohnung heimkehrte, legte ich Music for Films auf, und erlebte, wie sich die vollkommen irrationalen Glücksgefühle, die sich schon auf dem kühlen Morgenacker eingestellt hatten, weiter ausbreiteten, und ich mich gar freute auf die nächste Begegnung mit dem Riesen.

2013 27 Feb

Battaglia bitte!

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Beim ersten Hören von Songways überlegte ich, Formationen dieser Konstellation fortan zu boykottieren, dachte sogar an einen Sticker mit der Aufschrift Klaviertrios Nein Danke! Dieses scheinbar elegische Geklimper an der Grenze zur Claydermanie, und schon der Titel “Songwege” – Pathways war wohl schon vergriffen?! Als logische Fortsetzung der Ostfriesen- und Blondinenwitze lag die Kategorie Klaviertriowitze nahe (“Gestern waren wir Pilze sammeln im Wald, fanden keinen einzigen. Aber überall schossen diese verrückten Trios aus dem Boden.”) Doch wiedermal war ich nicht Herr meiner eigenen Meinung: denn wer weniger mit dem urteilenden Verstand als vielmehr mit dem Körper zuhört, etwa im Modus von Yoga, Antizipation und Ahmung in Schwingung versetzt wird, dem entfaltet sich die Musik des Stefano Battaglia Trios plötzlich ganz wunderbar.

Dann nämlich klingt sie stellenweise wie ein afrikanisierter Erik Satie, mit perkussivem Groove und Kontrabass, geht weiter in die Sphären der Stille – begleitet von Windharfe-artigem Geraune – und will nichts weiter als unangestrengt und sehr entspannt sein. Eine generelle Stärke dieser in Verruf geratenen Trioformationen ist die Fähigkeit, Klänge zu modellieren und Tempi zu variieren. Es entstehen organische Gebilde abseits digital-rhythmisierter Zwangsneurose und technophiler Studiotüftelei. Der Geist eines frühen Paul Motian Trios erscheint: Le Voyage. Als Kontrapunkt kann man danach ja bei Bedarf Scott Walker hören, den zornigen John auch, wandermüde Elektronik-Klänge oder pottersche Sirenen-Walgesänge. Boykottiert wird aber gewiß das Songways-Cover. Denn es ist, wenn auch korporativ identisch in ECM-gemäßer Strenge, gänzlich unfotogen.


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