Manafonistas

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I first became aware of this young up and coming Cuban pianist through my then 80 year old mom. She had gone to a luncheon, and amazingly enough, a young protege of Quincy Jones named Alfredo Rodriguez  played a set of solo piano pieces for a group of elderly ladies. I was waiting in the car to pick her up and when my mom walked out, she spoke of being dazzled by this young man’s mastery. She was clutching a piano trio album entitled Sounds of Space, and  I promptly put the album on her car CD player. I was immediately blown away by his writing, creativity and supple virtuosity. (I also immediately appropriated the CD! (with mom’s permission, of course.)

The second album, The Invasion Parade was a more ambitious album, featuring expanded instrumentation, synthesizer, electronics and sax, even a couple of vocals if I remember correctly, yet somehow fell short of its vision. For one thing, Alfredo still had a long way to go with his synth programming.

Tocororo is the fulfillment of the promise of Invasion Parade without any of the the missteps of his sophomore release, a kind of conceptual, world jazz album that finds a special sweet spot where all the elements come into balance. Although rooted in his own Cuban jazz and folkloric traditions, Rodriguez incorporates jazz fusion elements along with African and Indian influences. There are a couple of tunes that deploy a South Indian vocalist in a truly inspired way that keeps its harmony western, yet allows for traditional Indian vocalizations to soar above the complex harmonic underpinning. To top it off, Bassist/vocalist Richard Bona makes a guest appearance.

Oddly enough, some of this stuff reminds me of Tigran Hamasyan’s recent fusion masterpieces, Shadow Theater and Mockroot. Odd time signatures accentuate quirky melodies, resulting in a kinetic waterfall of sound. At times I even hear influences of the Bad Plus. Good things all…yet Rodriguez is far from being a good imitator – he’s one of a growing generation of musicians who are forging their own musical vision and are, thank heaven, not in the least concerned with ruffling the feathers of jazz purists.

Perhaps only guitar master Nguyen Le on albums such as Bakida, the breakthrough North African masterpiece Maghreb and Friends, or his more recent east meets west trio, Saiyuki, comes close to this kind of perfect blend, in which a synergistic magic occurs, where the musicians seem to inspire one another to experiment and move beyond their own cultural/musical identity, resulting in a joyous noise that transcends cultural boundaries.

Tocororo should’ve been on my top 10 list, perhaps even number one. It’s that good.

 

 
 
 

Wenn Lajla auf Reisen geht, auf Nah- oder Fernreisen, ist im Vorfeld die übliche Routine im Spiel, die jeder kennt. Aber es gibt eine kleine Abweichung bei ihr, die auf einem Markt in San Francisco begann, zu einer Zeit, als ihr dort eine blutjunge Grace Slick über den Weg gelaufen war. Eine Schallplatte, von der sie nie zuvor gehört hatte, nahm sie mit nach Hause, allein, weil ihr das Cover so gefiel – die Musik besorgte dann tatsächlich den Rest. Denn so wundersam abwegig manche ihrer Reiseziele sind, es gibt auch wiederkehrende Orte, mal mit einem Häuschen im Wald, mal mit einer Jukebox am Inselende. Wenn dann einmal nicht von vornherein frohe Erwartung herrscht, sondern die Ahnung einer reinen Wohlfühlunternehmung, also ein Hauch von Nervenkitzel fehlt, dann legt sie diese Jahrzehnte alte Highfidelity-Aufnahme auf, und in wenigen Minuten ändert sich die Sachlage der Empfindungen. Selbst die liebgewonnene Wanderdüne und das alte Jukeboxprogramm (nicht jedes Jahr kann Gregor eine Playlist runderneuern am nördlichen Ende der Republik) produzieren dann schon in vorauseilenden Träumereien allerfeinste Vibrationen.

2017 22 Jan

Jaki Liebezeit

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Dammit.
 

2017 22 Jan

Fourth World revisited: Y

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In seinen „Phantastischen Reisen“ schildert François Place im Stil der alten Weltenreisenden in lexikalischer Anordnung von A bis Z zu jedem Buchstaben ein Reisebericht. Fremdartige Länder, fiktive Völker und deren teilweise seltsame, aber stets faszinierend unbekannte und doch nicht wirklich befremdliche Sitten und Gebräuche. Sie finden alle in ebenso fiktiven Gegenden mit ungewöhnlichster Vegetation, den seltsamsten Tierwesen und archaischsten Ethnien statt und trotzdem wirken diese Geschichten so natürlich, als ob nicht mehr geschildert würde als beispielsweise ein Familienausflug auf die Wasserkuppe. Lange habe ich nicht mehr an diese Geschichten gedacht, bis ich die ersten Töne von Y hörte.

Y steht nicht für irgendwas, sondern heißt einfach so. Eine Kooperation von Cummi Flu und Raz Ohara. Cummi Flu heißt eigentlich Oliver Doering und war bereits Mitglied von Raz Ohara’s Odd Orchestra. Stolzer Bastler kleiner Musikinstrumente, z.B. einer Schreibmaschine, die getunte Gummibänder anschlägt. Archaischer Soundforscher und überhaupt: wo hat er die ganzen feinen Rhythmen her? Unbekannte Percussioninstrumente, die zu einfach zum Nachbauen klingen. Polyrhythmische Grooves, die aus den übersehenen weißen Flecken der Landkarten Afrikas und Polynesiens, aber vielleicht auch aus den ritualaffinen Regionen des Stammhirns entführt wurden. Dazwischen Fieldrecordings und artifizielle Frösche oder Vögel, die vielleicht zwei Köpfe oder einen langen Resonanzsack an der Kehle haben und wieder diese kryptischen Gummibandloops. Dazwischen singt Ohara mit verhuschter Stimme mantrenartige Strophen, bei denen meistens unklar bleibt, welche Sprache bei dem Text Pate gestanden haben könnte. Futuristische Ethnomusik, die synästhetisch eine Bebilderung erzeugt, die durch die Schluchten des visuellen Kortex, die lichten Wälder der Insula, vorbei an den amygdaloiden Monolithen und über wernecke’sche Steppen nebst einem Abstecher in die motorisch-dubbigen Areale führt und schließlich bei den weißen Türmen des frontalen Friedens für dieses mal Einhalt zu finden scheint.

 
Cummi Flu & Raz Ohara: Y
 
 
 

 

Das Rote und das Schwarze ist keine scheinpolitische Äußerung zur Lage der Nation und auch kein Statement zu Sex ’n Crime, wo es zwischen obskuren Blutbädern (in der Wanne, versteht sich!) und dem kleinen Schwarzen (mit abhanden gekommener Trägerin) undulieren könnte.

It just follows a sidechain of themes of the last days where sprinkles of Talking Heads popped up, some words, some memories, something of …

Jerry Harrison, der irgendwo im Niemandsland der Talking Heads zwischen dem epochalen Remain in Light und einer etwas schwierigen Neuorientierung zu Speaking in Tongues zum Glück die Zeit fand sein Debütalbum aufzunehmen, das auch nach 35 Jahren in seiner Originalität und kreativen Power neben den Alben seiner Hauptband stehen bleiben kann und nicht nur seinen Anteil am Schaffen der Talking Heads aufzeigt, sondern auch eine Idee davon gibt, wie es nach Remain in Light auch hätte weitergehen können. Und seltsamerweise doch fast gänzlich vergessen …

Funkig, groovig, abwechslungsreich und doch in gewisser Weise homogen. Da blinzelt auch der Architekturstudent zwischendurch einmal. Mit Unterstützung von Nona Hendryx, Adrian Belew und Bernie Worrell. Es treibt voran. Ein Soundtrack zum Autofahren, Landstraße versteht sich, wo noch ein Gefühl für Kurven, Schlaglöcher und unzureichende Beschilderung die Freude am Moment verstärken. The new adventure of what could have been. Zitate an die Berliner Schule und kleine Verbeugungen vor der Discoszene. No warning, no alarm, fast karma, no questions, worlds in collision, things fall apart … no more reruns in the red nights. Still fantastic.

 
 
 

 

2017 20 Jan

Lost in the Valley

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Mir ist ein Lied ins Wasser gefallen. Ich habe noch die letzten Gitarrenriffs im Ohr, erinnere aber nicht den Namen des Songs, obwohl ich ihn seit einer Woche höre. Er ist weg. Ich wache auf und blicke auf Berge von Bettzeug. Ich rufe nach meinem verschollenen Bruder. Der Schuh von Günter. Damit es mir besser geht, stelle ich mir Schlimmeres vor: Wie ich an einer Gräte ersticke. Überall hängen Gräten zum Trocknen an Latten auf den Lofoten. Es drängt sich ein Mädchen am Fjord ins Bild. Es trägt einen blauseidenen Mini und eine großblumige Bali Bluse. Es kreist die Hüften zu einem Lied, das es summt. HERE I GO, FROM THE HUT TO THE BOAT. Ich springe aus dem Bett und schiebe die „Black and White Nights“ ein. OH TO SEE MY BABY AGAIN AND TO BE WITH SOME OF MY FRIENDS. … I’d be happy again, das ist das ent/gefallene Lied: Blue Bayou von Roy Orbison.

 

2017 20 Jan

W. O.

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William Onyeabor ist nun auch nicht mehr da, ich habe heute ein Lied von ihm gehört, mindestens ein halbes Dutzend mal, aus Nigeria, und es klang fast wie eins von den Talking Heads. In diesem Lied, Musik zu einem Film, den keiner je gefunden hat, kamen recht seltsame Zeilen vor, für eine Geschichte mit einer afrikanischen Prinzessin, die sich profaner Käuflichkeit verweigert. William Onyeabor war nie so radikal wie Fela Kuti, auch er sog vieles auf, was nach Afrika drang, Funk, Reggae, natürlich auch den Griot im alten Dorf. Einer der ersten Musiker seines Kontinents, der mit Synthesizern arbeitete, die allesamt beschädigt wirkten. Manchmal nach Kirmes klangen, an der Oberfläche, aber es waren, nicht allzu selten, Killergrooves.

 

Emergency unlocking. Wenn Dir Standart nicht genug ist. Entferne das ganze Gelee. Das bringt Dich weiter. Das ist Dein Moment (Du schaust, Du spürst, Du genießt) to make your body change. Ein Sixpack in zehn Wochen. Im Supermarkt geht das schneller. Beide Scheiben einschlagen. Sonst nimm die Hilfe Deiner personalisierten Nuss-Nougatcreme in Anspruch. Entdecke zu Hause die Welt. Schmeckst Du den Unterschied? Where to find hypergrowth. Smash both window panes and force out upper corner. Alle 11 Minuten. Du kannst sie nicht alle töten. Moment mal: Bin ich unsterblich? Das musst Du einfach haben – überall, jederzeit, bargeldlos. Final call for the next appointment? Die Frau mit dem orangenen Trolley. Wir wissen nicht was die Zukunft bringt. Ich bin gerne unsichtbar. Missbrauch strafbar. Dein Traum, Deine Erinnerung. Du willst mehr für weniger? Kannst Du haben. Ein neuer Anfang auf konsequente Weise. Um etablierte Grenzen aufzuheben und neue Ausdrucksformen zu schaffen. Mehr als Du wissen musst. Have a nice day!

 

(Bitte bewerten Sie Ihre heutige Fahrt).

 
 
 

 
 

… The less we say about it the better
Make it up as we go along
Feet on the ground, head in the sky
It’s okay, I know nothing’s wrong, nothing

I can’t tell one from the other
I find you, or you find me?
There was a time before we were born
If someone asks, this is where I’ll be, where I’ll be

Eyes that light up
Eyes look through you
Cover up the blank spots
Hit me on the head

 
(This Must Be The Place – Talking Heads)

Café Frida (Bremen, Frida wie Kahlo) und Bagels & Beans, Aachen, sind die Schauplätze eines Kaffeehausgespräches der Manafonisten Ingo J. Biermann und Michael Engelbrecht. Mails wandern hin und her. Es geht um drei jüngst erschienene Aufnahmen, von A Winged Victory for the Sullen, The XX, und The Flaming Lips. Alben, welche allesamt die Fähigkeit besitzen, unter Oberflächen zu dringen. Man hat The XX schon in Modeboutiquen gehört, aber John Coltrane auch in Fahrstühlen – so what? Ein beherztes Plaudern, etwas Koffein, ein paar Abschweifungen – you’re welcome!

 
 

me: Ingo, kennst du eine Iris, persönlich? Ich nicht. Bei dem Namen stelle ich mir eine Frau vor, die Thomas Mann liest und sehr zartbesaitet ist. Lauter Klischees! A Winged Victory for the Sullen ist ein Duo mit Geschichte. Adam Bryanbaum Wiltzie ist eine Hälfte der Zeitlupenforscher von „Stars of the Lid“, Dustin O’Halloran ist der Pianist, der die wundervolle Titelmelodie für die Serie „Transparent“ komponierte. Nun also ein Soundtrackalbum, „Iris“. Ein 40-köpfiges Orchester aus Bukarest, lauter Streichinstrumente, ein Modularsynthesizer, und mehr. Ich kenne den französischen Thriller, der die Vorlage gab, nicht, aber wenn er so durchweg interessant wie die Musik der Beiden hier ist, bin ich gespannt.

 

ijb: Bei „Iris“ und „Film“ kam mir als erstes ein anderer, älterer Film namens „Iris“ in den Sinn. War der mit Judi Dench, oder verwechsle ich das jetzt? Auch der Freund, mit dem ich gerade in Bremen bin, zur Drehbucharbeit, dachte sofort an den Film. Der hatte, glaube ich, eine Musik von Philip Glass. Möglicherweise bringe ich hier aber auch was durcheinander. Iris lässt mich auch an das Auge denken… also Kino, Auge… mehr Visuelles als Musik… Den Film hier hab ich auch noch nicht gesehen, aber ich kenne und schätze den Regisseur, Jalil Lespert, bislang allerdings vor allem als Schauspieler. Etwa aus „Ressources Humaines“, dem tollen ersten Spielfilm von dem Regisseur, der später mit „Die Klasse“ („Entre les murs“) die Goldene Palme gewonnen hat, Laurent Cantet. Die beiden Winged-Victory-Leute kannte ich bisher nicht, erst Anfang Januar habe ich mir aber die „Salero“-CD von Wiltzie gekauft. Auch eine Filmmusik. Ein übrig gebliebener Tipp aus dem Jahr 2016…

 

me: Da ist mir wohl einiges entgangen. „Iris“ jedenfalls ist ein Soundtrack, bei dem ich keine Bilder vermisse. Und möglicherweise hat die Vorlage eines sicher alles andere als humorvollen Thrillers dazu beigetragen, das Duo aus der Zone des bloss „netten Experimentierens“ zu locken, wozu Pianisten gelegentlich neigen, die gerne melodisch und trickreich agieren, von O’Halloran bis Hauschka, oder dem mitterweile bei mir, nach den Vivaldi-Inventuren und „Sleep“-Banalitäten durchgefallenen Max Richter. „Iris“ aber schärft die Sinne.

 

ijb: Mir gefällt an dieser „Iris“-Musik vor allem der Einsatz der verschiedenen Synthesizer-Klänge. Hat mich sofort an die „Neon Demon“-Musik von Cliff Martinez erinnert. Vielleicht der gleiche Synthesizer. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass der Film ziemlich gut ist, weiß aber auch nichts drüber. Das Cover verspricht einiges, oder? Max Richter hat mich bis jetzt noch gar nicht überzeugt. Manche seiner Stücke sind ganz sympathisch, aber was ihn bei der Deutschen Grammophon so begehrt gemacht hat, kann ich nicht nachvollziehen. Da gibt’s so viele spannendere Komponisten aus dieser Ecke. Hast du gelesen, dass Laurie Anderson auf der neuen CD von The XX mitspielt? Bratsche, wenn ich recht erinnere.

 

2

 

me:  Ein „special guest“. „I See You“ ist das mittlerweile dritte Album des Londoner Trios. Ihr Debut hat über anderthalb Millionen Exemplare verkauft, und wurde in einer Garage aufgenommen. Der Grossstadtblues von Zwanzigjährigen interessiert mich nicht so sehr, aber dieses Trio hatte einen unerhörten Sound: schwarzer Bass, extrem zurückgenommener Gesang, aber auch ferne Echos der Young Marble Giants. „I See You“ ist opulenter, mehr Breitwand, mixt Neues dazu, ohne nun auf Stadion-Sound zu setzen. Berührt mich immer noch.

 

ijb: Beim ersten Album war ich anfangs auch noch distanziert, aus den gleichen Gründen, die du anführst, Befürchtung von spätpubertärer Poesiealbumsmusik, wurde dann aber schnell eines besseren belehrt. Mich hat immer sehr gewundert, dass viele Leute sagen, das zweite Album sei viel schlechter. Das ist doch genau das gleiche wie das erste, von Details abgesehen. Ich finde beide noch immer toll. Das dritte ist in meinen Augen näher am Clubsound, mehr Pop. Hat mich sofort begeistert. Würde sogar sagen: „Instant Classic“. Ja, muss man schauen, wie es sich entwickelt… ob ich das in einem halben Jahr immer noch denke … Aber „A Violent Noise“ und „On Hold“ sind echt großartige Popsongs.

 

me: Ich höre „I See You“ auch sehr gerne, ausgefeilt, aber nicht klinisch, und dann noch eine Bratsche von Laurie, ha! Ich mag es, wie die Band Zwischenzonen von Emotionen auslotet, die weit über „Boy Loves Girl & Loses Girl & umgekehrt“ hinausgehen. Eigentlich eine Schattenmusik, ich der ich die schwarzen Bässe sehr schätze, die Wechselgesänge sind auch alles andere als ein Abklatsch von Lee Hazelwood und Nancy Sinatra. Manche Momente gehen tief. Aber ganz teile ich deine Begeisterung (noch) nicht. Vielleicht ist mir die Fortschreibung ihres Sounds eine Spur zu clever. Mein Lieblingsalbum bleibt ihr zweites, „Coexist“. Aber auch auf „I See You“ vermeiden sie eine Falle sehr geschickt, den Bombast. Sie fetzen niemals ab.

 

ijb: Das stimmt. Guter Punkt. Trotzdem ist „I see you“ deutlich vielseitiger — oder vielleicht sollte ich eher sagen: heterogener als „Coexist“ und das Debüt. Das sage ich ohne Werturteil, meine es erst einmal rein objektiv. Freut mich zu hören, dass du „Coexist“ bisher am besten findest. Wie gesagt wundert mich, dass man total oft hört, es sei schwach. Was hören die Leute da wohl? Oder was hören sie nicht, um zu diesem Urteil zu kommen…? Ich habe irgendwo in einer Rezension gelesen, dass „Test me“, das letzte Stück der CD, mit Brian-Eno-mäßiger Suggestion begeistere. Was hältst du als Eno-Spezialist von dieser Beobachtung?

 

3

 

me: Davon halte ich erstmal nichts, weil ich das Stück nicht im Ohr habe. Ich bin schon froh, dass ich während unseres Gesprächs die totlangweilige Klassische Musik im Hintergrund weghalluzinieren kann. Ingo, wir besprechen hier, glaube ich, drei verdammt gute Alben, lass uns nachher noch einmal auf „Iris“ zurückkommen. Das neue Album der Flaming Lips, „Oczy Mlody“, wirkt erstmal so, vom Cover bis zu allen den schwirrenden Sounds, als würde die Band aus Oklahoma City eine neue synthetische Droge testen, und alle Psychedelik auf die Spitze treiben. Was da so alles an Weltraum und mythischen Tieren durch die Lieder geistert! Aber dann: hier gibt es mehr als Weltflucht, mehr als nur e i n e n  doppelten Boden …

 
 
 

 
 
 

ijb: Also erstmal, ja, ich bin totaler Fan von den Flaming Lips, gerade auch mit den ganzen Sachen, die nicht so genial sind. Schon deshalb, weil sie wie vielleicht keine andere Band sich keine Schranken im Kopf setzen und, so scheint mir, komplett fern von jeder Erwartungshaltung operieren. Als würden sie jedesmal ein verrücktes Debütalbum aufnehmen. Da fällt mir akut keine andere Band ein, die das so konsequent macht. Diese neue CD gefällt mir erst einmal besser als „The Terror“, aber als so extrem psychedelisch habe ich sie bisher nicht empfunden. Bei mir entstand eher der Eindruck, dass das Album homogener und dichter ist als „The Terror“, ein einheitlicheres Gesamtbild als alle CDs seit „Yoshimi“, mindestens. So von der Gesamtstimmung erinnert es mich auch sehr an „Yoshimi“. Ruhigere, melodischere Lieder wie „The Castle“ und „Sunrise (Eyes Of The Young)“ auch an die verträumten von „Soft Bulletin“. Also gar nicht so „far out“ eigentlich.

 

me: Hmm … Diese Band ist so lange im Geschäft, und hat ihre Widerständigkeit von Anfang an gewahrt, das ist unglaublich! Sicher ist dieses Album zugänglicher als „The Terror“ oder „Embryonic“, diese wunderbaren, dunklen Zumutungen, aber auch hier müssen sich die Ohren öffnen wie Scheunentore. Ich mag es, wie die Musik sich scheinbar zerfranst, verliert, auflöst, wieder und wieder, um dann von einem Puls, einem Rhythmus, von der hereinschallenden Stimme eines Reggie Watts, von einem fast krautrockigen Groove, „gerettet“ zu werden, Form gewinnt, Struktur, Spannung. Das passiert mt der ganzen Trickkiste psychedelischer Musik“, und spiegelt, wie grosse Fantasy es eben schafft, existenzielle und auch dunkelste politische Realitäten. ich liebe es, wie der Gesang von Wayne Coyne auftaucht, verschwindet, so dass man mitunter nur Textfragmente erhascht. “One Night While Hunting for Faeries and Witches and Wizards to Kill” heisst ein Song. Wo-bin-ich-Musik.

 

ijb: Ja, volle Zustimmung. Besser hätte ich es nicht beschreiben können. Auch einige Songtitel sind wie immer genial. Meine Lieblingsstücke: „There Should Be Unicorns“, „One Night While Hunting…“ und „Listening To The Frogs With Demon Eyes“. Also nicht wegen der Titel — oder nicht nur. Frösche und Dämonen gab’s bei den Flaming Lips ja schon öfter. Erinnerst du dich an dieses lustige Froschlied auf einem Album Anfang der Neunziger? „I’m looking at the sky, waiting for the rain, waiting for the frogs to fall down on me“. Ich habe gerade nur das Albumcover vor meinem inneren Auge, aber der Titel fällt mir nicht ein. Mein Lieblingsalbum der Band ist wahrscheinlich „Embryonic“, da mag ich den psychedelischen Wahnsinn und diese Krautrock-Exkurse sehr. Hier, auf dem neuen Album, sind die Elemente vielleicht überall viel fokussierter und bewusster eingesetzt, eigentlich weniger ausgefranst.

 

me: Weisst du, was Flaming Lips-Platten und ihre Konzerte mir bedeuten, Ingo? Laut gehört, nachts gehört, in Köln und London gehört? Karthasis, pure Karthasis. Absolute Lebendigkeit! Wayne Coyne ist ein Meister darin, das Tragsiche, Surreale, Wundervolle unseres Lebens auf diesem Planeten zu inszenieren, ohne die gesammelten Betroffenheitskulte von U2 bis sonstwohin. Wenn ich auf ihren Konzerten bin, durchschauert es mich immer wieder, den Körper rauf und runter, ohne dass ich was eingeschmissen habe. Deshalb freue ich mich auch riesig auf ihren Auftritt in „Huxleys Neuer Welt“ in Berlin. Aber noch mal zurück zu dem Soundtrack „Iris“. Da höre ich neben Anklängen an John Carpenter auch, und, das wird dich vielleicht überraschen, eine Spur von Eleni Karaindrou…

 

4

 

ijb: John Carpenter kann ich nachvollziehen, ja. Karaindrou: Hm, ja, überraschend. Aber dazu erzähle ich dir eine andere Assoziation: Ich wollte, dass mein Kind einen Namen bekommt, der bei mir keine Assoziationen zu nichts und niemandem weckt. Am Ende landeten wir bei Ida. Aus irgendeiner Laune heraus haben wir uns allerdings für einen zweiten Vornamen entschieden, obwohl wir beide keine Zweitnamen haben. Deshalb heißt sie nun mit zweitem Vornamen Eleni, wegen Eleni Karaindrou. Muss man also auch mit entsprechender kurzer Betonung auf der zweiten Silbe aussprechen. (Die meisten hier sagen ja „Eleeni“ statt „E-lenni“.) Als ich vor ein paar Jahren dann mal nach einem Konzert in Berlin, nur ein paar Straßen von unserer Wohnung entfernt, die Chance ergriff, mit Eleni Karaindrou (und Manfred Eicher) nach dem Auftritt in der Garderobe zu plaudern und eine Widmung in eine oder zwei ihrer CDs zu bekommen, erzählte ich ihr dies. Und sie war sehr gerührt und schrieb gleich einen kleinen „Brief“ in eines der CD-Booklets, an die ganze Familie gerichtet.

 

me: Schön. Bei „Iris“ gefällt mir, dass mich die Musik von Anfang bis Ende nicht loslässt. Das gelingt nicht mal Ennio Morricone auf seiner bepreisten Musik zum letzten Streich von Tarantino. „The Revenant“ hat das 2016 geschafft, Noto und Sakamoto. Der Griechin gelingt das unter anderem mit dem Wechselspiel, den Reibungen von Folkinstrumenten und Klassischem Instrumentarium, und keine zu grellen Crescendi. Da entwickelt sich ein vergleichbarer, leiser Sog, nur dass bei ihr, statt Elektronik, einzelne Folkinstrumente einen Kontrast bilden, wie „verlorene Gestalten in einsamer Landschaft“ wirken. Und diese Empfindung eines weiten Raumes erlebe ich bei A Winged Victory for the Sullen und bei Eleni Karaindrou. So gehört, könnte Iris auch die Musik für einen Science-Fiction-Film abgeben. Nichts Griechisches hier!

 

ijb: Ja, das ist wahr, gute Beschreibung. Vielleicht sollten wir das Gespräch fortsetzen, wenn wir den Film „Iris“ gesehen haben. Dann auch reflektieren, wie die Musik dann wirkt… Den Film „Iris“ mit Judi Dench habe ich übrigens nicht gesehen. Er erzählt die Geschichte der Schriftstellerin Iris Murdoch, ist aus dem Jahr 2001. Und der Film, den ich im Kopf hatte, mit der Musik von Philip Glass, heißt „Notes on a Scandal“. Toller Film – und einer von Philip Glass’ besseren Soundtracks der letzten 15 Jahre.


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