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2014 31 Okt

Sweet Halloween …

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… und guten Appetit!
 

 

- Michael, was war das enttäuschendste Konzert, das du in diesem Jahr gesehen hast?

 

- Maria Laurette Friis / Kresten Osgood / Dodebum: das war beim 10. Punktfestival in Kristiansand und fing recht spannend an. Frei improvisierte Musik. Wie ein Abenteuerspielplatz für Erwachsene. Interessante Sounds, kleine Überraschungen, aber dieser Überraschungseffekt nutzte sich schnell ab.

 

- Wie das?

 

- Die Musik drehte sich endlos im Kreise, ohne dass eine ihrer Wiederholungen spannend war. Das Publikum war sehr geduldig, und ich weiss, dass Langeweile mitunter spezielle Bewusstseinszustände erzeugt, wenn man sie lang genug aushält. Da kann auf einmal ungeahnte Energie durch dich strömen, enorme Wachheit einsetzen, aber dieser pseudofreisinnige Jazz war total selbstverliebt und richtete keine Öffnungen ein, keine breaks – ich fürchte, die Musikanten waren ganz beeindruckt von ihrem Tun. Ich denke, diese Erfahrungen hatten sie relativ exklusiv.

 

- Kanntest du die Band?

 

- Nein, nur eine ganz freie, feine Duoplatte von Paul Bley und Kresten Osgood. Mit den Musikern sass ich Stunden vorher im Foyer. Da erzählte mir Kresten, meiner bescheidenenen Meinung nach, ziemlichen Blödsinn über die Rolle von Musikjournalisten. Ich habe gleich Einspruch eingelegt, es war so schwarzweisses, krudes Zeug, dass ich mich nicht mehr genau erinnern kann. Ich bin aber sicher, dass dies meine Wahrnehmng des Konzerts in keiner Weise beeinflusst hat.

 

- Bist du die ganze Zeit über dageblieben?

 

- Nein, zum Glück nicht, nach einer gefühlten Ewigkeit bin ich rüber ins Hotel gegangen und habe mich geduscht. Als ich wieder kam, haben die immer noch gespielt, das gleiche Zeug. Ich dachte, ich bin in “Täglich grüsst das Murmeltier”. Später kam mir ein Freund entgegen und sagte, dass sei wohl die Band gewesen, die kein Ende fand. Ein anderer Kollege war regelrecht erbost, er hat einen viel konservativeren Geschmack als ich, aber in diesem Fall konnte ich nur mit ihm übereinstimmen. Angeblich sei der Vorhang zugezogen worden, während die Band noch spielte! Ich nehme mal zu ihren Gunsten an, sie hatten einen schwachen Tag. Allerdings muss das ein sehr schwacher gewesen sein. Wer sowas positiv umdeutet, nennt das gerne “harte Kost”. Aber das war einfach nur schlechte Musik.

 

- Oder ist “hard core free improv” nichts für dich?

 

- Das hast du aber schön gesagt. Nein, es gibt wunderbar wilde Sachen auf diesem weiten Feld, das du “hard core free improv” nennst. Dieses Raster sind eh immer zu grob. Aber zwei Beispiele: ich habe jüngst die neuen bzw. bald erscheinenden Alben von Jokleba (Outland, bei ECM) und  Sidsel Endresen / Stian Westerhus (bei Rune Grammofon) gehört. So geht “Grosse Radikale Kunst”. Kunst, die Spiegel ist, Hammer, und Fenster.

 

Ein Medienpaedagoge an der Uni in Leipzig beschaeftigt sich fortlaufend mit jugendlichem Musikverhalten. Es ist eine sehr interessante Forschung, die Prof. Bernd Schorb betreibt. Seine Ergebnisse kann man im Internet lesen. Ich habe mir seine Studie Klangraum Internet – Auf neuen Wegen Musik entdecken durchgelesen. Mich interessierte besonders der Untersuchungspart ueber Jugendliche, die in ihrer Freizeit selber Musik machen. Als ich mir die Statistik genauer ansah, fiel mir auf, dass eine grosse Musikrichtung fehlte. Hier zunaechst mal die Anzahl der Jugendlichen, die Musik machen in Prozent:

 
Rock 47%

Pop 37%

Klassik 23%

House 20%

HipHop19%

Punk 16%

Soul / R’n’B 15%
 

Ich gehoere ja eher zu der Bear Family in Hamburg, deswegen die Frage an die ECM boyz: WO BLEIBT DER JAZZ? Warum fehlt er hier? Was koennte der Grund dafuer sein, dass Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren noch keinen Jazz produzieren? Ist es zu schwer? Das Improvisieren? Ist das Idolisieren wichtig?

 

 
 
 
1989 Acadie – ***** (classic)
1993 For the Beauty of Wynona – **** (rough brilliance)
1996 Sling Blade (soundtrack) – ** 1/2 (a little letdown)
2003 Shine – ***** (buried treasure)
2004 Rockets – *** (remixes, light and shadow)
2005 Belladonna – **** 1/2 – (excellent ambient noir)
2007 Here Is What Is – **** (firing on all cylinders)
2008 The Omni Series: Steel / Purple Vista / Santiago (Box Set) – *** (good)
2014 Flesh and Machine – **** 1/2 (a brilliant return to form, the gist!)

Ich sage es mal so schlicht wie der Pressetext des Antje Kunstmann-Verlages, der seit Jahr und Tag – u.a. – aussergewöhnliche Kriminalromane veröffentlicht: “William McIlvanneys Romane um den legendären Ermittler Jack Laidlaw sind in Großbritannien schon lange Kult und gehören schlicht zum Besten, was Kriminalliteratur zu bieten hat.” Jetzt ist der Klassiker Laidlaw in einer ganz neuen Übersetzung erschienen: Es wird unser thriller of the month. Sollte der Mann aus Glasgow im nächsten Jahr auf eine kleine Lesereise nach Deutschland kommen, freue ich mich auf ein Interview mit ihm. (For Manafonista Ian, Laidlaw contains a lot of memories of old Glasgewian times :)). Dass “Philosophiebücher” auch mal ganz anders daherkommen können, beweist der Roman Wittgenstein Jr., der viele Merkmale des britischen Humors vereint, von skurril bis nachtschwarz, von Monthy Python bis Samuel Beckett – und darüber nicht vergisst, auch “food for thought” zu sein. Und ECM hat gerade ein Album veröffentlicht, das auf erfrischende Art Traditionen der “drone music” mit dem Hinterland-Folk der Hardanger Fiddel verschmelzt. Lumen Drones (ECM  2434). Eine Entdeckung. Und wer sich dann noch was ganz Wildes zutraut: Mark Richardsons Besprechung eines John Coltrane-Konzertes (aufgenommen mit einem Mikrofon) macht Mut, sich auf den radikalen Grenzüberschreiter einzulassen, der in seinen letzten Jahren fortlaufend neue Horizonte öffnete, aber die Energien kaum zu bremsen wusste. Als er Miles Davis von diesem Problem erzählte, er könne nie das Ende seiner Saxofonsoli ausfindig machen, antwortete der “dark magus”, das sei kein grosses Problem, er müsse einfach das Saxofon aus seinem Mund nehmen.

Jetzt hat er es öffentlich verkündigt, nach “50 Jahren im Sattel” sei Schluss. Jüngst hat er sich den Fuss gebrochen, und weitere gesundheitliche Probleme (auch seiner Lebensgefährtin Alfie) haben diesen Entschluss bekräftigt. Für mich war Robert Wyatt seit meinen Teenagerjahren (“Moon In June”) ein Begleiter, ich habe seinen seltsam-feinen Gesang voller Politik, Surrealismen und existenziellem Stoff genauso geliebt wie viele seiner Arrangements: man konnte leicht heraushören, dass da stets der Jazz in ihm zirkulierte, wenn er seinen Liedern besondere Gewänder verpasste: an allen Moden vorbei, hat er das Kunststück fertig gebracht, das Politische und das Private ohne jede Aufgesetztheit zu verbinden: er hat immer Partei für die Opfer ergriffen. Er hat sich durch Traumwelten bewegt, deren Schrecken ganz real war. Als Einstieg kann es nie ein Fehler sein, mit ROCK BOTTOM zu beginnen. Simple as that. In diesem Monat wird eine Biographie erscheinen und eine Compilation. Einmal hat er auf einer Platte, die auf Carla Bleys Label erschien, die Texte der Bildergeschichten von Edward Gorey gelesen. Mehr gelesen als gesungen, glaube ich. Ein Nebenwerk, aber voller beiläufigem Zauber. Und Terje Rypdal spielte Gitarre. Jedes meiner Interviews mit ihm war eine grosse Freude. Ein  kluger und so bescheidener Mensch. We’re all living in “Cuckooland”. Und niemand sonst hat den alten, lang nicht mehr existierenden Jazzclubs des linken Seine-Ufers, ein so anrührendes Denkmal gesetzt. Es ist sehr traurig, nie mehr einen neuen Song von ihm hören zu können. Der Trost: dieses grosse, unerschöpfliche Reservoir von Liedern, die auf leisen Sohlen kommen und keinen Sättigungsgrad kennen. Da habe ich keine Wahl und werde in meiner nächsten “Radionacht Klanghorizonte” in der Abteilung “Zeitreise” ein Stück von ihm spielen, vielleicht “Team Spirit”. Und niemand anders als Robert Wyatt spielte das Klavier auf “Music For Airports”!

 

 
 
 

Another drone world. In parts. Daniel Lanois goes wild. With the volume turned low. Is “Drone Music” a new, rediscovered, or “never-really-off-the-scene”-topic of some creative upheaval anno 2014? Think of Scott Walker, Swans, “Lumen Drones” – and (in historic perspective) the reissue of “The Church of Anthrax”, this “hard-core-primitive-minimalism” of John Cale and Terry Riley (1971). The man from Ontario is diving deep into his non-Canadian roots and textures – on a work without songs and singing. And now the next surprise: this record is not really a close relative to the “golden age” of Mr. Lanois’ “ambient classics” he had created with Brian Eno in the Grand Avenue Studios in his old home in Hamilton (a long, long time ago). Only the track “Space Love” may draw some parallels to the “Apollo” dreamsphere with his pedal steel guitar singing softly, the instrument he loves to call “the church in my suitcase”. And if there is one other track that might be a heartfelt greeting to his old “compadre of strangeness”, it’s the haunted softness of “Iceland”. On nearly all the other compositions we seem to drift into a strange territory in the back of the artist’s mind. It may all appear like the ideal soundtrack for a town called Lonesome, where the streets have no names. The man who has produced U2, Peter Gabriel and other candidates for this nostalgia-driven “hall of fame”, keeps his most rewarding things for himself – and for the happy few who keep company. “Flesh & Machine” is quite an unsafe journey. Do yourself a favour and don’t believe in campfires anymore! 

Die Altstadt von Dubrownik ist von hohen hellen Steinmauern umgeben und liegt fast wie eine Insel in der Adria. Die Gassen sind eng, überall Treppenstufen. Irgendwann gelangt man hier immer an einen Platz, der mit großen Steinen bepflastert ist, die so aussehen, als seien sie frisch geputzt worden und noch nass, das Stradun. Wie in jeder Altstadt gibt es Cafés und Restaurants und alle möglichen Läden. Eher wenig besucht ist die Fotoausstellung “War Photo Limited” mit Dokumentationen von Szenerien der jugoslawischen Verfallskriege Anfang der 1990er Jahre, aber auch klassischer Kriegsherde, zum Beispiel in verschiedenen afrikanischen Staaten und im nahen Osten (Israel). Dabei geht es immer um den Krieg als solchen und wie er sich allgemein auswirkt, gezeigt werden die Menschen, in Grenzerfahrungen, in Traumatisierungen, veränderte Orte. Alle Bilder wurden mit einigen Sätzen kommentiert, alle gingen unter die Haut, eines zum Beispiel zeigt einen vielleicht 12-jährigen afrikanischen Jungen, so vollgepumpt mit Drogen, dass er noch gar nicht registriert hat, wie ihn ein Geschoss in den Hals getroffen hat und wie überall schon sein Blut sich verbreitet. Wenige Minuten später wird er zusammenbrechen.

Ich hatte wenigstens teilweise ein paar hinskizzierte Schwarzweißbilder erwartet, und war erstaunt über die ästhetische Perfektion der Fotografien. Nur einmal lief der Boden in geschrägten Bahnen, eine Fläche zwischen Plattenbauten, eine Frau läuft davon.

 
 
 

 
 
 

600 Kilometer entfernt, in Zagreb, gibt es das “Museum der zerbrochenen Beziehungen”, über das vor einigen Wochen der “Weltspiegel” einen Beitrag sendete. Die Idee stammt von einem Künstlerpaar, das sich scheiden ließ, und sie ist so simpel wie überzeugend. Es braucht auch heute noch Rituale, um Einschnitte im Leben zu symbolisieren oder zu verarbeiten. Das Museum sammelt Gegenstände, die mit zerbrochenen Beziehungen verknüpft sind, zusammen mit den dazugehörigen Geschichten. Jeder Betroffene ist eingeladen, an der Erweiterung des Museumsbestandes mitzuwirken. – Ähem, ich hoffe natürlich, dass die Manafonistas und die Leser dieses Blogs keinen akuten Bedarf an einer solchen Mitarbeit haben.

“Let us not be strangers if we come to know / Things about each other that come and they go / As friendship is everything as love is to last / And I have my guard down, and love passes fast”.  Neil Young’s new record about lost and found love will raise eyebrows. Polemics will be on the agenda , as will be thumbs-down. And, no doubt about it, that eco-song is naive from start to end. On the other  hand (the one I take)  it is not so difficult to realize that an area of strong and often contrasting emotions push you into a zone where a 92-piece orchestra working within the parameters of old time-strings and some jazzy-brassy vibes can be more cathartic than hiding oneself in a wood of metaphors and some  guitar-feedback drones. Everybody has his Sinatra-moments. Young is able to let  some leftfield harshness enter the field. Well-hidden, yes, even cleaned up a bit too well  in ultra-conservative Hollywood string skies. Sometimes it makes you strangely vulnerable playing on safe ground. It just may seem a bit ridiculous and child-like. But, so what?  The fool dancing on the cliffs often  has a much more easy game with the audience. Neil Young – in all his career moves – never cared about his audience.  All in all, marginal, decent, fun, nothing essential, too many cars, preaching to the converted, precious moments, three stars. 

 
 
 

 

2014 28 Okt

Lesezeichen # 9

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Zwei Buecher, die ich zuletzt gelesen habe klingen noch in mir nach. -

Zum einen “Am Fluss” von Esther Kinsky: Spaziergaenge (Streifzuege?) fuehren die Autoren in London an den Rand der Stadt, am River Lea entlang. Diese Wege, weit fort von den schmucken Fussgaengerzonen sind ihr Keimzellen sich an die eigene Lebensgeschichte zu erinnern; versinnbildlicht durch die vorgefundenen Ruinen und verlassenen Gebaeude, den Wildwuchs am Fluss.

Und zum anderen “Als wenn es gar nichts wär”, die Erinnerungen von Klaus Hoffmann, die vor einiger Zeit bereits erschienen sind, mir aber erst jetzt in die Haende fielen.

Mit einem lachenden und weinenden Augen beschreibt Hoffmann hier sein Kindsein und Aufwachsen im Kiez in Charlottenburg in den 1950iger Jahren. Das alltaegliche Leben noch vom vergangenen Krieg gezeichnet, um ihn die Familie die (noch) etwas Geborgenheit gibt. Aber frueh auch sein Drang als Gegenentwurf auszubrechen, anders zu sein: Musik zu machen, sich ein Ventil, eine Ausdrucksmoeglichkeit zu suchen. In die Ferne zieht es ihn, bis nach Afghanistan und, von Eindruecken und Erlebnissen reich, mit letzter Kraft auch wieder zurueck nach Berlin.

“Als wenn es gar nichts waer” ist ein Buch, dass einen selbst nachdenken laesst wie Eindruecke und Erlebnisse im Leben praegen; Gepaeck und Ausruestung fuer den weiteren Lebensweg mitgeben.

Manchmal ein schwer werdendes Gepaeck, aber auch so ist das Leben.

Beide Buecher eint etwas: Nicht immer sind die mittendrin liegenden Hochglanzfassaden der Staedte wichtig. Manchmal entstehen die interessanten Geschichten an den Veraestelungen und ausgefransten Raendern – nicht nur am River Lea.

Ein Gluecksfall zieht man zur richtigen Zeit die richtigen Buecher aus dem Regal. Das sollte dann so sein, denke ich dann immer.


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