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2014 20 Nov

Another Another Green World

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“How old are you?” asked Alfie during one of our early meetings. “Twenty-eight,” I replied. “It’s a dangerous age,” grinned Robert. “Don’t go near any high windows at a party.” (Marcus O’Dair, Autor der gelungenen Robert Wyatt-Biografie) – Die Anspielung versteht jeder, der den Weg des englischen Song-Exzentrikers verfolgt hat, oder heute Abend den JazzFacts um 21.05 Uhr im Deutschlandfunk lauscht. Karl Lippegaus ist deutlich weniger angetan von dem Buch als ich, aber ich belasse es bei einem knappen Satz, um ein Gegengewicht herzustellen. Fast alles Norweger heute in der Show, und ich hatte einen Norwegerpulli angezogen, als ich auf dem Dach des Senders den Heliographen platzierte. Da wehte ein eisiger Wind, und ich erinnerte mich daran, dass ich in aller Früh Eis von der Frontscheibe meines Toyoten kratzen musste. Ein Heliograph dient bekanntlich der Bestimmung der Tagessonnenscheindauer, bis zum Mittag kam er auf eine kärgliche Stunde, ich sorgte für Abhilfe, in dem ich im Plattenladen meines Vertrauens jene Platte abholte, die ich seit Jahrzehnten vergeblich suchte und nun in der Auflösung einer Plattensammlung auftauchte: Famadou Don Moye: Sun Percussion, Volume One. Aus dem Jahre 1975. Ich bin noch etwas müde von den Schmerzarien der letzten zwölf Tage, aber in diese Erschöpfung mischt sich reine Lebensfreude. Jetzt geht es erstmal am Wochenende mit Sancho nach Sylt, ein neuerlicher Badeunfall steht nicht zu befürchten, und Sancho kriegt rohen Fisch. Wir stromern an der Küstenlinie entlang und beobachten die Drachen im Wind. Keine Abenteuer diesmal, das haben wir uns geschworen. Der alte Racker wedelt mit dem Schwanz. Gerade meldet sich der Heliograph bei meiner Computer-App. Sonnenlicht in Köln. Das Gerät prüft dann die Temperatur, die Lichtqualität und empfiehlt ein entsprechendes Sonnenlied aus seinem Spotify-Anschluss. Jetzt ist es, nicht gerade einfallsreich, einer der schönsten Songs der Welt, “Sunny Afternoon”. Ich hätte gerne mal eine Version von Robert Wyatt gehört. 

 
 
 

 

 

 
 
 

Wenn es draussen novembergrau ist und es drinnen im Cafe auch ganz still ist und ploetzlich von der sweet waitress eine CD reingeschoben wird und eine Stimme “Follow the Sun” singt, dann geht ein gelber Luftballon mit mir durch.

 

 

 
 
 

Ö lag auf dem Sofa und hörte sich auf dem Handy einen Song nach dem anderen an. Ich hatte keine Ahnung, was in den türkischen Charts lief. Zeig mir doch mal ein Video, das du richtig gut findest. Sie führte mir mehrere vor, am besten fand ich “Sakin Ol” von Dogukan Manco Feat. Ist eigentlich gar nicht meine Musik und nicht mein Humor, trotzdem hat es mich zum Lachen gebracht. Vielleicht weil es so abstrus ist. Sehr türkisch, sagte Ö. “Sakin Ol” sei derzeit überall zu hören. Bleib mal locker, schön entspannt bleiben. So etwa kann man es übersetzen. Link direkt zum Video im Kommentar.

 
bleeding edge
 
 
 

Auf Seite 401 lesen wir das, womit wir, seitdem wir erfahren haben, dass Pynchon seinen Roman im Jahr 2001 spielen lässt, längst gerechnet haben: Flugzeuge krachen in die beiden Türme des World-Trade-Centers. Dass von den beiden Türmen eine besondere Symbolkraft ausging und sie gerade deshalb Ziel der Angriffe werden mussten, ist längst bekannt. Pynchon stellt aber einen weiteren sehr interessanten Zusammenhang her. In einem Gespräch zwischen Maxine und Shawn erinnert letzterer an die Buddhastatuen in Afghanistan, die von den Taliban zerstört worden seien. Zwei Buddhastatuen, zwei World-Trade-Center-Türme, eine interessante Parallele. Shawn sagt: “Die Trade-Center-Türme waren auch religiöse Symbole. Sie haben das symbolisiert, was dieses Land mehr anbetet als alles andere: den Markt. Immer dieser verdammte heilige Scheißmarkt.”

Maxine fragt erstaunt, ob er ernsthaft glaube, dass es etwas Religiöses war und Shawn antwortet: “Ist es denn keine Religion? Wir reden von Leuten, die glauben, dass die unsichtbare Hand des Marktes alles lenkt. Sie führen heilige Kriege gegen Konkurrenzreligionen wie den Marxismus. Obwohl wir wissen, dass die Welt endlich ist, hängen sie dem blinden Glauben an, dass die Rohstoffe nie zur Neige gehen und die Profite immer weiter steigen werden, ebenso wie die Weltbevölkerung – noch mehr billige Arbeitskräfte, noch mehr abhängige Konsumenten.”

Später meint Shawn noch: “Wir leben von gestundeter Zeit. Wir wollen billig davonkommen. Wir denken nie darüber nach, wer dafür bezahlt, wer irgendwo anders auf engstem Raum mit anderen hausen und hungern muss, damit wir billige Lebensmittel haben, ein Haus mit Garten in einem Vorort … und das weltweit, jeden Tag mehr – unsere Schuldenlast steigt und steigt. Und alles, was die Medien uns anbieten, ist: Scha-luchz, all die unschuldigen Toten …”

“… wir denken nie darüber nach, wer dafür bezahlt …” – ja, in diesem Zusammenhang fällt mir ein Artikel ein, den ich kürzlich in der SZ gelesen habe. Stephan Lessenich, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, schreibt in seinem Artikel Neben uns die Sintflut von der Externalisierungsgesellschaft. Der Autor erläutert, was dieser Begriff meint: in einer solchen Gesellschaft leben die Leute nicht über ihre Verhältnisse, sie leben über die Verhältnisse anderer. Eben: Neben uns die Sintflut. Lessenich beschreibt genau das, was Pynchon hier meint: die Rechnung zahlen andere.

“Doch die Tatsache all dieser positiven Nebeneffekte der kapitalistischen Kolonialisierung unserer Lebenswelten hängt unmittelbar mit der weiteren Tatsache zusammen, dass all diese positiven Nebeneffekte anderen Menschen, hier und insbesondere anderswo, strukturell und systematisch vorenthalten geblieben sind und bleiben – und dass diese anderen stattdessen mit den extranalisierten Nebeneffekten kapitalistischer Kolonialisierung leben müssen. Beziehungsweise sterben. Denn nicht hier, daheim, aber wohl da draußen sterben die Leut´ und zwar ganz real. Always look at the bright side of life: Singen Sie das doch bei Gelegenheit mal wahlweise dem gehetzt klingelden Paketauslieferer an der Haustür, einem unter freiem Himmel schlafenden Flüchting in München oder Ihrer persönlichen Näherin aus Bangladesch ins Gesicht. Sie werden sich bestimmt freuen.”

Da sag mir mal einer, bei Pynchon sei alles Comic, alles Spaß, alles würde ins Lächerliche gezogen. Eben nicht!

Gregor M.
 

 
Unmittelbar auf die Attentate folgt eine der eindringlichsten Stellen: Pynchon schildert die Ruhe, den Geruch und die Trauer – der überdrehte, hyperaufmerksame und intellektuelle Ton hält einmal für drei Seiten inne. Aber eben nur kurz, dann geht es weiter mit “Vertreibungsgeschichten”. Driscoll und Eric sind durch 9/11 obdachlos geworden und kommen bei Maxine und Horst (!) unter. Wunderbar, wie beiläufig Pynchon schildert, dass die beiden wieder ein Paar sind.

Interessante Deutungsversuche: “Als hätte die Ironie (…) die Ereignisse vom 11. September eigentlich sogar herbeigeführt, indem sie das Land an hinreichendem Ernst gehindert und so sein Verständnis von der `Realität´ geschwächt hat.” Später (fast) dazu: “Wird das eine Jetzt-kneift-mal-die-Arschbacken-zusammen-Rede? Amerikas lasche Moral lässt Al-Qaida-Leute in Flugzeuge steigen und bringt das World Trade Center zum Einsturz?”

Parallelen werden zwischen dem World Trade Center und den Buddhastatuen in Afghanistan gezogen: beides religiöse Symbole, die Zwillingstürme für den “heiligen Scheißmarkt”, den “blinden Glauben (…), dass die Rohstoffe nie zur Neige gehen und die Profite immer weiter steigen werden …” Spannend, wie die Personen die Katastrophe unterschiedlich deuten und einordnen.

Die “Gegenwart” wird seltsam, es scheint eine “Zeitschleife” zu existieren: die Erwachsenen entwickeln sich zurück, die Kinder scheinen wie vorzeitig gealtert. Maxine und Shawn “fühlen sich, als wären sie hinterrücks niedergeschlagen worden: keine klare Vorstellung, wie man aufstehen und mit einem Tag weitermachen soll, der auf einmal voller Löcher ist – Angehörige, Freunde, Freunde von Freunden, Telefonnummern im Rolodex, alle einfach nicht mehr da … an manchen Morgen das düstere Gefühl, dass das Land selbst vielleicht gar nicht mehr da ist, sondern Bild für Bild lautlos durch irgendetwas anderes, irgendein Überraschungspaket, ersetzt wird, und zwar von denjenigen, die auf Draht sind und bleiben und den Finger auf der Maustaste haben.”

Ansonsten scheint Windust zu bekommen, was er verdient – es gibt eine Schießerei, in die Maxine verwickelt ist. Ice will Maxi einen Auftrag geben. Die Handlung folgt öffentlichen Ereignissen und Feiertagen: Halloween, NYC-Marathon, Thanksgiving. Schönes Zitat: “Memo an mich: Igor fragen – der muss schließlich wissen, was es zu bedeuten hat, verdammt. Unleserlich auf einen virtuellen Post-It-Zettel gekritzelt, den sie an eine wenig benutzte Gehirnwindung klebt, wo er sich sogleich wieder löst und zu Boden segelt, aber immerhin einen gewissen Erinnerungsrestwert hat.”

Olaf W.
 

 

“A bitter chemical smell of death and burning that no one in memory has ever in this city smelled before and which lingers for weeks”. Im aktuellen 100-Seiten-Brocken geht es um die Nachwirkungen des Terroranschlags vom 9. September und die Versuche, irgendwie zur Normalität zurückzukehren (“Hey, it´s New York. American flags appear everywhere … on cabs driven by members of the Muslim faith.”). Igor weist Maxine auf eine versteckte Videospur auf der Stinger-DVD hin, Horst zieht in Maxines Schlafzimmer um und Fußliebhaber und 9/11-Opfer Eric im Gästezimmer ein. Die Atmosphäre in der Stadt ist angespannt (“… every time a kid tries to jump a turnstile, subway services gets suspended and police vehicles of every description, surface and airborne, converge and linger.”). Merkwürdige Begebenheiten lassen Überlagerungen von DeepArchers virtueller Welt und dem “Meatspace”, der realen Welt, erahnen: Heidi hört Girlie-Talk, dreht sich um und und sieht zwei ältere Frauen sich unterhalten (“11 September infantilized this country. It had a chance to grow up, instead it chose to default back to childhood.”). Maxine sieht statt der drei Kids, die jeden Morgen an der Bushaltestelle stehen, plötzlich drei grauhaarige Männer und weiß, dass dies die Kinder sind (“Standing in exactly the same spot, was three middle-aged men, gray-haired, less youthfully turned out, and yet she knew, shivering a little, that these were the same kids.”). Horst wird immer mehr zum “homebody” und Maxine steigt tief in DeepArcher ein. Dort trifft sie auf Lucas, einen der beiden Programmierer von DeepArcher, der ihr mitteilt, dass der Code von DeepArcher als Open Source frei zugänglich ist. Sie trifft auch auf Opfer des Terroranschlags, die dort weiterleben (“… have been brought here by loved ones so they´ll have an afterlife, their faces scanned in from family photos …”), und erkundet die Grenzregionen von DeepArcher. Zurück im “Meatspace” gesteht Vyrva ihr, dass sie ein Verhältnis mit Gabriel Ice hat. Hallowe´en findet für Maxine und ihre Kinder im Deseret statt, wo sie auf Misha und Grish trifft, die als OBL, Osama bin Laden, verkleidet sind (“`We were going to go as World Trade Center, but decided OBL would be even more offensive.´”). Maxine macht Misha und Grischa mit Justin bekannt, dem anderen Entwickler von DeepArcher (“You are the Justin McElmo?”). Die “Torpedos” wissen, das auch Maxine DeepArcher kennt und dort gewesen ist, und stellen fest: “… with what could be either naive faith or raving insanity, `it´s real place!´”. Beim NYC Marathon hat Maxine eine kurze Begegnung mit Windust, der während des Terroranschlags Tacitus gelesen hat (” `Who makes a case that Nero didn´t set fire to Rome so he could blame it on the Christians.´”).

Wieder viele Details, viele Personen, viel Lesearbeit! Viele Momentaufnahmen von der Bewältigung des 9/11-Traumas und den atmosphärischen Veränderungen, die sich daraus ergeben. Handlungsstränge scheinen aufeinander zuzulaufen, ob sie sich allerdings tatsächlich treffen, bleibt abzuwarten. Was mir zunehmend fehlt, ist ein Spannungsbogen, der mich auf der Handlungebene weiter fesselt. Das Buch wird immer mehr zu einer Herausforderung, der ich mich nicht ungern stelle, auf deren baldiges Ende ich mich inzwischen aber sehr freue.

Thomas S.
 

 
Es wäre vielleicht ein noch erfolgreicheres Buch geworden, wenn es rechtzeitig einem guten Lektor in die Hände gefallen wäre. Der hätte erst mal dafür gesorgt, dass es kürzer geworden wäre; er hätte alle Figuren, die nicht in den ersten Kapiteln mindestens 20 Seiten für sich bekommen hätten, rausgeschmissen. Dasselbe hätte er mit einem Großteil der Assoziationen getan, was vielen Gelegenheitslesern das Verständnis erleichtert hätte. Die echten Pynchon-Leser aber wären enttäuscht gewesen!

Die meisten Witze, Scherze, Wortspiele usw. hätte der gute Lektor nur dann im Text stehen lassen, wenn der Autor bereit gewesen wäre, das Wechseln zwischen Joke und Realität zu kennzeichnen. So etwa wie Rolf Miller, der Meister der in der Luft hängen bleibenden Sätze, Witze ankündigt: “Pass amol uff: Witz!” Sicherlich wäre es auch Aufgabe des Lektorates gewesen, zumindest die Witze zu streichen, die selbst im Kindergarten nur ein müdes Lächeln hervorgerufen hätten. Dazu gehören alle Witze, die aus Wortspielen mit den Worten Pimmel oder Möse bestehen. Zum Vergleich hier ein Witz, der schon für einen Grundschulhof geeignet wäre. Also: “Pass amol uff: Witz! Kommt ein Junge in einen Spielzeugladen. Sehnsüchtig schaut er hinauf ins oberste Regal, wo die Schlümpfe stehen. Die Verkäuferin fragt: “Soll ich dir einen runter holen?” “Von mir aus, wenn ich dann so einen Schlumpf kriege.”

Eine weitere Aufgabe des guten Lektors wäre es gewesen, darauf zu achten, dass das Gefühlsleben der Personen nachvollziehbar bleibt, und dass sie dem Leser immer mehr vertraut werden. Warum Maxine in dem Moment, als sie vom Anschlag auf die TwinTowers erfährt, lediglich ein 0-oh von sich gibt, ist nicht klar zu verstehen. Vielleicht liegt es an der beschriebenen Computer-, Medien-, Internet-Szene und ihren coolen aber kühlen Beziehungsmustern? Dann würde ich als Leser sozusagen in dieses Muster hineingezogen: kein Wunder, dass ich zu Maxine keine Lese-Beziehung aufbauen kann. Es findet ein klassischer Übertragungs- / Gegenübertragungsprozess statt (mehr dazu im letzten Teil des Berichtes vom Parallellesen).

In anderen Szenen spürt man Lebendigkeit viel intensiver. Besonders gelungen ist die Schilderung der Halloween-Nacht, die von Jung und Alt gefeiert wird. Das um Süßigkeiten bettelnde Herumziehen von Haus zu Haus, bei dem die Kids seltsamerweise von ihren Müttern begleitet werden, ist ebenso vergnüglich beschrieben wie das Treiben der gruselig verkleideten Erwachsenen.

Pass amol uff: Witz zu Halloween! Es klingelt an der Haustür. Der Bewohner macht auf und sieht sich einem winzig kleinen Skelett gegenüber, so etwa 30 cm groß; es sagt mit unheimlicher Stimme: “Ich bin der Tod!” Der Bewohner ist wenig beeindruckt: “Sie habe ich mir viel größer vorgestellt.” – “Ich komme ja auch bloß wegen des Kanarienvogels”.

Ob der Lektor die Witze stehen lassen würde? Mir sind sie halt gerade eingefallen; und wahrscheinlich ist auch Bleeding Edge durch unaufhaltsames Einfallen bzw. Einfallenlassen entstanden, und daran hätte wohl ein Lektor, besonders ein guter, nichts geändert.

Wolfram G.
 

2014 16 Nov

Another Green World

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11:45. Der Schmerz, den die Harnschiene beim Urinieren auslöst, bleibt unerträglich. Und hält meist bis zu zehn Minuten danach an, mit ungeheurer Wucht. Ich habe meine Rituale: erst schreien, um dem Schmerz ein Ventil zu öffnen. Dann in den Schmerz hineinatmen. Ich habe meinen wuscheligen weissen Schmerzteppich, Selbsthypnose geht gar nicht. Der Plan ist heute, wenigstens den ersten und letzten Text zu verfassen (der Jokleba-Part, im Moment ist es unklar, ob ich Jon Balke in Köln noch interviewe; hängt davon ob, ob nach der Entfernung des Schlauches am Dienstag mein altes schmerzfreies Ego reibungslos die Geschäfte übernimmt). Die Erschöpfung nach jeder einzelnen “Schmerzarie” ist so beträchtlich, dass es leicht fällt, ins Blaue zu schreiben, aber schwer, konzentriert zu arbeiten. Das ist wie die Aufforderung, nach einer kleinen Schmerzfolter die Hausaufgaben zu machen. Ich kann defokussieren, aber nicht so gut fokussieren. Ich schreibe dies als Divertimento, und “Tagebuch des Projekts: JazzFacts.” Als kleine Spannungsgeschichte mit offenem Ausgang. Morgen früh Vorbesprechung in der Anästhesie – keine Scheu zu fragen, ob man mich einen Tag ins künstliche Koma abschiessen kann. Das wäre bis zur OP wie Wolke 7 im Traumland. “Cuckooland”. Ah ja, Robert Wyatts Biografie, ruhig erzählt, gut geschrieben, Karl Lippegaus stellt sie in der Sendung vor.

2014 15 Nov

Loop me in 2

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Julia Stoschek ist eine junge reiche Galeristin, die ein gutes Geschick besitzt, die amerikanische Avantgarde nach Duesseldorf einzuladen. Gestern Abend zeigte William Basinski sein neues Werk “Cascade” in der Stoschek Foundation.

Es war seine Urauffuehrung. Er kam in eleganter, enganliegender Lederkleidung in den Raum, stellte sich an den mit Technik ueberbordenden Tisch und begann fast wortlos mit seiner Performance. Hinter ihm lief ein Video, gedreht von seinem Lebensgefaehrten James Elaine. Es zeigte fast ausschliesslich Bilder von bewegtem Wasser. Irgendwann schloss ich die Augen, weil ich staendig an flying toasters denken musste. Er stand ueber eine Stunde fast unbeweglich vor seinem Werkzeug: dem Laptop, dessen Apple Logo er ueberklebt hatte [why?] und den beiden links und rechts aufgebauten tape decks.

Die Musik hoerte sich fuer mich zunaechst “rotten” an. Zuhause haette ich meine kaputte Anlage sofort entsorgt. Aber hier war es wohl part of the game. Links von mir sass eine Frau, die nach 5 Minuten ging, rechts von mir sass ein Mann, der die ganze Zeit die Augen geschlossen hielt. Ich langweilte mich die ersten 15 Minuten, weil alles sehr aehnlich fliessend klang und noch dazu durch ein Echo gedoppelt wurde.

Als die Klaenge vollkommen unerwartet leiser wurden, wurde ich wieder hellhoerig und verfolgte bis zum Schluss das Konzert mit Begeisterung, die Klaviertoene schienen aus dem bereits gehoerten Soundtrack heraus zu wollen. Basinski verabschiedete sich mit den Worten: “Thank you, oops, I forgot my words.” Und verschwand.
 
 
 

 

Es wird nicht leicht, die kommenden JazzFacts am Donnerstagmorgen zu produzieren. Bis jetzt habe ich  keine Manuskriptzeile geschrieben, das grobe Konzept stand allerdings schon vor der “Schmerzarie” fest. Ich habe gestern die Struktur festgelegt, die Sendung in drei Teile geteilt.

Nicht nur die beiden “eingekauften” Themen werden in diesen 55 Minuten “Jazz und Politik” als ein Thema definieren: Karl L. stellt die neue Robert Wyatt-Biografie vor, und Michael K. einen Fotoband aus den wilden Aufbruchszeiten des Jazz in den USA zwischen 1957 und 1975.

Ich weiss nicht, ob ich das neue Opus von Anouar Brahem (mit angeblich dezenten Jazzelementen) noch rechtzeitig bekomme – der tunesische Oud-Spieler sieht sein Werk von den Unruhen der letzten Jahre in seinem Heimatland Tunesien beeinflusst, und auch Jon Balke schrieb mir in einer Mail, dass das neue Album “Outland” mit seinen zerklüfteten Soundgebilden von der gewaltigen Schräglage des Jahres mitgeprägt wurde.

So sehen die drei Abschnitte aus:

 

1) Jokleba: Outland

2) Albatrosh: Night Owl 

Beitrag Eins: “Different Every Time” (Biografie Robert Wyatt)

 

3) Supersilent: Supersilent 12

4) Erik Honore: Heliographs

5) Sidsel Endresen & Stian Westerhus: Bonita

 

Beitrag Zwei: “Black Fire! New Spirits!”

6) Jokleba: Outland 

 

Bei einigen dieser Produktionen ist der Begriff “Jazz” sehr weit auszudehnen, vertraute Jazzelemente sind bei Supersilent und Erik Honore nur in Spurenelementen ausfindig zu machen. Und das Gitarrenspiel von Stian Westerhus ist schon sehr post-post-post-fusion. Aber an den Rändern, nicht in den Konventionen, warten die grösseren Überraschungen. Auf der Couch ins Blaue zu schreiben, ist relativ leicht. Ich hoffe, ab morgen jeden Tag jeweils drei Moderationen zu schreiben. Dienstag soll der Harnleiteiterschlauch unter Vollnarkose gezogen werden, in einem anderen Institut. Warum habe ich als ultima ratio kein Morphium bekommen? Die Schmerzattacken verhindern das Alltagsritual. Ich könnte im Cafe meines Vertrauens nicht mehr zur Toilette gehen, ohne mich hnterher ca. zehn Minuten stöhnend auf dem Boden zu wälzen. Not funny.

Was verbindet das Gedicht mit dem Film? Zunächst einmal gar nichts. Film schwarz, Poesie weiß, oder umgekehrt, daraus entsteht dann ein Zebra, also ein schönes und interessantes Tier. Poesiefilme wurden seit den Anfängen desFilms gedreht, sogar schon zu Stummfilmzeiten. L´invitation au voyage. Das Zebra Poesiefilmfestival gibt es nun schon seit dem Jahr 2002, alle zwei Jahre in Berlin, veranstaltet von der Literaturwerkstatt Berlin, die kürzlich sogar ein Poesiezentrum gegründet hat. In diesem Jahr gab es mehr als 700 Einsendungen aus der ganzen Welt, alle Filme haben englische Untertitel. Zu den Gewinnerfilmen in diesem Jahr zählt “The Dice Player” von La’eb Al Nard, nach einem Gedicht von Mahmoud Darwisch.

 
 
 

 
 
 

Nicht weniger existenziell, aber sehr witzig ist die Verfilmung des Ernst Jandl-Gedichtes “essen – stück mit aufblick” durch Peter Böving:

 
 
 

 
 
 

“Transit”. Ein Film über ein Leben nach einem Gedicht von Julietta Fix, der Frau, die hinter fixpoetry.com steht. Und auf deren Website es jede Menge poetryletter anzusehen gibt, das ist dann die Verbindung von Gedicht und Grafik oder Foto oder Gemälde. Aber das ist ein anderes Thema.

 
 
 

 
 
 
Alle Links zu den Filmen im 1. Kommentar.
 


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