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Aber selbstverständlich ist es auch identitätsstiftend, Gregor, den Musikgeschmack aus der Vergangenheit kritisch unter die Lupe zu nehmen und das nicht Passende (vielleicht sogar: das noch nie Passende oder mindestens: das nicht hinreichend Passende) beiseite zu legen. Im Unterschied zu wahrscheinlich allen anderen Manafonistas habe ich leider nicht schon mit zwölf damit begonnen, die Schallplatten zu entdecken, die mich wirklich berührt haben. Wer weiß, ob mein Leben dann sogar anders verlaufen wäre, weil andere Seiten in mir gestärkt worden wären und ich ein paar andere Entscheidungen getroffen hätte.

Ebenfalls in der Ecke der fast vergessenen Tonträger: Suzanne Vega. Es gibt für mich Musik, die sehr direkt mit bestimmten Zeiten oder Situationen verbunden ist, und es gibt solche, die losgelöst und irgendwie zeitlos ist. Suzanne Vega zählt ganz klar zur ersten Sorte. Ich muss nur ein paar Takte von ihr hören, da kommt auch gleich wieder so eine melancholische Stimmung auf, durch die ein paar zarte lebensbejahende Fäden durchschimmern, und manchmal auch etwas Sozialkritisches. Suzanne Vega hörte ich im Studentenwohnheim. Es waren zwei Hochhäuser zu je 15 Stockwerken mit insgesamt etwa 900 Bewohnerinnen und Bewohnern. So viele wie ein kleines Dorf. Nicht alle waren Studierende, denn in Zeiten knappen Wohnraums gab es einen boomenden Schwarzmarkt. Da wohnten ein paar ägyptische Passhändler, immer geschäftig in ihren weißen Hemden und Berufstätigenhosen, und ab und zu saßen Obdachlose in unserer Küche und benutzten unsere Dusche, denn man gelangte ohne Schlüssel in die Stockwerke. Als ich die meterlange Reihe von Briefkästen zum ersten Mal sah, war ich schockiert. Die Zimmer auf der Westseite hatten einen Blick auf die A 66. Es war aber romantisch, wenn das warme Licht der untergehenden Sonne auf die Regalreihe mit den Suhrkampbüchern im Zimmer von S fiel und wir nachts Pink Floyds „Wish You Were Here“ auflegten und harmlose Drogen nahmen. Die Sache wurde kompliziert, sowohl S als auch P waren aus den Zwillingstürmen gezogen, ich fühlte mich in meinem Erdgeschosszimmer mit Blick auf die Müllpressanlage etwas zurückgelassen, andererseits allein auch stärker.

 
 
 

 
 
 

Es sind Songs, die sich ziemlich schnell erschließen, die konventionell gebaut sind. Es gibt wenig Überraschendes, und selbst das bemerkenswerte Rhythmusgefühl wird nach kurzem Zuhören berechenbar. Ein Lied, das mich damals aufhorchen ließ, weil es ohne Instrumentalbegleitung auskam und weil ich Suzanne Vegas Stimme immer mochte, ist Tom´s Diner.

 
I am sitting
In the morning
At the diner
On the corner

I am waiting
At the counter
For the man
To pour the coffee

And he fills it
Only halfway
And before
I even argue

He is looking
Out the window
At somebody
Coming in …

 
(Fortsetzung zum Mitsingen unter Kommentar 3)
 

Kein Wunder, dass man sich nicht von verlorenen Liebschaften lösen kann, wenn man diese Musik hört.

Sehr zeitlos dagegen, für mich: „Trespass“ von Genesis. Was hier seit Tagen läuft. Songs, die ich immer nur allein gehört habe und die mit niemandem verknüpft sind. So ein trotziges „Nobody needs to discover me” baut doch gleich mehr auf als die geheimnislosen Texte der Suzanne Vega. Nein, Freunde, ich habe keinen Liebeskummer. Ich sortiere nur meinen Plattenschrank.

So sind sie, die Pynchonologen. Fast wie Dylanologen. Sobald ein neuer Pynchon in deutscher Übersetzung erscheint, stürzen sie sich kannibalenhaft auf die Lektüre, verändern die übliche Reihenfolge von Frau, Jukebox, Wein und Roman drastisch, und verschaffen sich freiwillig einen dezenten Schlafentzug. Gregor hat so gut wie alle Romane von Thomas Pynchon gelesen, ich hingegen habe nur zwei geschafft, die nicht mal als Schlüsselwerke durchgehen: “Die Versteigerung von Nr. 49″ und “Vineland”. Aber jetzt wäre ich wieder an Bord, und serviere dem Herrn der Jukeboxen folgenden Vorschlag. Wir starten gemeinsam die Lektüre am 26. September, drosseln das Lesetempo anfangs ein wenig und führen an klar definierten Wochenenden einen kleinen Dialog über das Gelesene. Der hier natürlich gepostet wird. Überschrift: “Small Talk With A Bleeding Edge (1) – (9). Jeweils an einem Sonntagabend. Die Feinabstimmung der Sonntage würde noch besprochen, jeder weitere Manafonista wäre herzlich eingeladen zum kollektven Versinken in einer gemeinsamen Romanwelt. Na, wie wäre das ?

 
 
 

 
 
 

05. Oktober Seite 7-50

12. Oktober Seite 51-100

19. Oktober Seite 101-150

26. Oktober Seite 151-200

02. November Seite 200-300

09. November Seite 301-400

16. November Seite 401-500

23. November Seite 501-618 (Ende)

30. November (Rückblick auf die Lesererlebnisse)

 
 
 

 
 
 

Wie ich dazu kam: von einem anderen Pynchonologen (aus den USA) bekam ich unlängst den Hinweis, als Spezialist für Detektivromane solle ich doch mal “Bleeding Edge” an mich heran lassen. Seiner Meinung nach sei “DeepArcher” eine Anspielung an Lew Archer, den Helden der beeindruckenden Kriminalromane von Ross MacDonald. Und er empfahl mir gleich zwei Klassiker mit Lew Archer: “Black Money”, und “The Doomsters”. Das war der “Dosenöffner”. Vamos, amigas, amigos. Tune in, drop out!

In den 70er Jahren kauften meine Eltern ihren ersten Kassettenrecorder und entdeckten die Möglichkeiten von Audioaufnahmen. Ich war nicht begeistert davon. Den einzigen Nachmittag, an dem mein Bruder und ich friedlich in meinem Zimmer Lego spielten, nahm meine Mutter auf. Ich weiß, dass ich es nicht richtig fand, und sicherlich habe ich protestiert und meine Mutter hat irgend etwas Beschwichtigendes gesagt, so dass ich die Aufnahme erlaubt habe. Aber das Gefühl, dass das Spiel dokumentiert wurde, veränderte es, machte es fad.

 
 
 

 

 

 
 
Er grub und grub, bis er merkte,
dass er grub. Aber er fragte sich nicht,
warum er grub. Deswegen grub er ja.
 
 
© FoBo_HenningBolte

Als Musikjournalist hat man ja schon so seine Vorteile, vor allem die, dass einem die unveröffentlichten CDs ins Haus flattern und man mit dem Gehörten seinen Freunden, Mitmanafonisten und Bloglesern die Freuden der Vorfreuden bereiten kann (siehe Gregor öffnet seinen Plattenschrank 47 bis 49). Manchmal kann es natürlich passieren, dass aus Vorfreude bisweilen Neid – gar nicht gut – oder Verärgerung – auch nicht gut – entsteht.  Als Michael am 16.07.14 seine Top-Ten-For-A-Hot-Summer-Night veröffentlichte, ging mir das gleich mit seinem Platz 10 so:
 
10) Dan Michaelson and the Coastguards: Bones VÖ 18.08.2014, also das ist richtig gemein, dachte ich, diese CD kann man erst bestellen, wenn der Sommer schon fast vorbei ist, die Sekunden, die man bei jpc oder amazon hören kann, klingen doch wirklich verheißungsvoll.

9) To Rococo Rot: Gitter VÖ 18.07.2014 , hier wollen wir mal nicht meckern, zwei Tage nach Veröffentlichung der Sommer-Hitliste von Michael kam diese Scheibe in die Läden.
 
 
 

 
 
 
8) Neil Young: Girl from the North Country:  Nun ja, die Letter-from-Home-CD genießen wir seit Mai dieses Jahres .

7) The Flaming Lips: In a Dream: Diese Scheibe ist seit 20.06.14 zu haben, In a Dream, kein Zweifel, ein schönes Sommerstück, sogar mit kräftigem Sommer-Gewitter.

6) John Hiatt: Wind Don’t Have To Hurry: John Hiatts Terms of my Surrender erschien am 11.7.2014, eine sehr hörenswerte Platte, allerdings stört mich persönlich der Hintergrundchor, muss das denn immer sein…ich weiß, es gibt inzwischen sogar einen Film über solche Chöre…

5) Swans: A Little God In My Hands: Diese Schallplatte gibt es seit dem 14.Mai 2014, meine Lieblingsstücke wären da jetzt eher Just a little boy oder To be kind.
4) The National Jazz Trio of Scotland: Getting Out: 27.06.14 war hier VÖ, tolle Platte, gefällt mir sehr.

3) King Creosote: Largs: Mit dieser Platte, VÖ 18.07.14, hat Michael seinen Lesern wieder viel Vorfreude geschenkt, bereits am 25.06.14 kam der Hinweis auf die neue CD, ich konnte es kaum erwarten. Und, die Platte hat mich nicht enttäuscht. Largs ist so ein richtiges In-den-Urlaub-Weg-Fahr-Stück. Alles ist gepackt, die Sonne lacht, der Motor läuft rund und ab geht’s. Mein Lieblinsstück der Platte wäre Something To Believe In.

2) Am 11.07.2014 erschien Remember Remember: Magnets: Zu der Platte Forgetting The Present fehlt mir offen gesagt der Zugang, kann ja noch kommen.
 
 
 

 
 
 
1) Der 27.06.14, das war das Datum der Veröffentlichung der zweiten Eno / Hyde-Platte dieses Jahres. Return ist ein tollen Stück, allerdings das Mega-Hammer-Stück trägt den Titel Moulded Life. Michael hat diesen Sturm in seiner letzten Nachtsendung im DLF losgelassen und, erstaunlich genug, der dortige CD-Player hat durchgehalten. Anyway, ich habe diese Wahnsinnstück auf einem Schulfest, einer Abrissparty, kürzlich mehrmals laufen lassen, also, die SchülerInnen hat es ja fast umgehauen. Never heard such music. Genau!
 
Für mich gibt es nun allerdings noch einen weiteren Sommer-Hammer-Burner: Mike Cooper Trout Steel. Eine Wiederveröffentlichung aus dem Jahre 1970 und: sie ist großartig, die Platte, läuft bei mir gerade richtig heiß, das ist meine Sommerplatte No.1. Rayon Hula, die CD, die Cooper 2010 herausbrachte – unglaubliche Platte, fantastisch – ist leider nur als download erhältlich, aber immerhin.

2014 28 Jul

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2014 28 Jul

Bubendey Notturno

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Bislang glaubte ich den Hamburger Hafen gut zu kennen. Mit dem Fahrrad bin ich dort oft stundenlang herumgegurkt, nicht selten auf einsamen, bereits halbverfallenen Wegen, die wohl auch nicht unbedingt immer für Privatpersonen gedacht waren. Ein Zufallsfund in meinem gestrigen Twitterfeed hat mich auf ein Areal aufmerksam gemacht, das ich leider übersehen habe: das Bubendey-Ufer. Die Fotostrecke in diesem NDR-Artikel zeigt, weshalb das schade ist. Und mehr noch, ich fürchte, wenn ich das nächste Mal in Hamburg bin, wird das Areal in seiner heutigen Form bereits nicht mehr existieren.

Dabei hätte ich dieses Stückchen Industrieromantik schon viel früher entdecken können. Irgendwie nämlich kam mir “Bubendey” bekannt vor – so einen Namen vergisst man nicht. Und richtig: Der Hamburger Klangkünstler und Industrial-Pionier Asmus Tietchens hat 1986 die Stücke “Bubendey Notturno” und “Ritual auf der Halde” eingespielt, erschienen 1988 auf der (längst vergriffenen) LP “Mysterien des Hafens” des französischen Odd-Size-Labels. “Die Titel”, so schreibt Tietchens im Booklet der Wiederveröffentlichung von 2006, “beziehen sich auf zwei Orte im Hamburger Hafen, die aber in den vergangenen 20 Jahren bis zur Unkenntlichkeit umgewandelt wurden. Nur noch einige wenige Fotos und diese Musik zeugen von dem, was so schnell Vergangenheit wurde. Sic transit gloria mundi – und das nicht ganz ohne Wehmut.”

Das “Bubendey Notturno” trifft mit Drones und fließenden, durch Echogeräte gejagten Metallklängen, die fast an an die Industrialsounds der zweiten Seite des “Kraftwerk 2″-Albums erinnern, die Stimmung dieses Platzes auf eine eigentümliche, gelegentlich unheimliche Weise – umso mehr, wenn man die Hafenkulisse auch mal bei Nacht gesehen hat. Eine wunderbare Wiederentdeckung, noch dazu mit Musik, die für Tietchens’ Verhältnisse relativ leicht zugänglich ist.
 
 
 

 
 
 
Asmus Tietchens scheint überhaupt ein ziemlich enges Verhältnis zum Wasser zu haben. Ich komme darauf zurück.

 

 
 

 
 

 
Sehr geehrter Herr D.,
 
auf der Liste Ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter habe ich den Namen “Irina Matei” gefunden. Ich vermute, es ist die Person, die ich suche, und möchte Sie darum bitten, diese Nachricht an Irina Matei weiterzusenden, falls die folgenden Angaben auf die Person, die bei Ihnen arbeitet, zutreffen (soweit Sie es beurteilen können):

Irina Matei und ich nahmen im Jahr 2003 an der von Kurt Drawert geleiteten Darmstädter Textwerkstatt teil. Irina schrieb damals wunderschöne Gedichte, sie machte im gleichen Jahr Abitur und wollte dann nach Aachen, um dort Architektur zu studieren. Ich vermute, sie hat ihr Studium abgeschlossen und arbeitet nun in einem – Ihrem?- Architekturbüro.

Ich habe mir erlaubt, eines von Irinas Gedichten auf dem Blog “Manafonistas. On music beyond mainstream” zu veröffentlichen und würde nun gern ein Interview mit Irina führen, das ebenfalls auf dem Blog veröffentlicht werden soll. Der Blog ist ein Gemeinschaftsprojekt von derzeit elf AutorInnen und wird im deutsch-englischen Sprachraum viel gelesen.

@ Irina: Vielleicht leben wir sogar in der gleichen Stadt und könnten eine gemeinsame Tour mit der Straßenbahn unternehmen!
Du kannst auch gern hier im Blog antworten. Keine Sorge, deine Mailadresse wird nicht veröffentlicht, sie kann nur intern gelesen werden. Ich melde mich dann.
 
Mit besten Grüßen,

Martina Weber
 

Michael Engelbrecht: Irgendwann in den Siebzigern erschien als Taschenbuch das grosse Interview, das Francois Truffaut mit Alfred Hitchcock gemacht hat. Das war natürlich für jemanden aus meiner Generation ein “gefundenes Fressen”: zwei geschätzte Regisseure plaudern aus dem Nähkästchen. Wie hat sich Ihre Wertschätzung für Hitchcocks Filme entwickelt? Gab es da einschneidende, unvergessliche Fernseh- oder Kinoerlebnisse?

 

Anne Goldmann: Vielen Dank für den Tipp. Ich bin mit Filmtheorie und Filmsprache ja kein bisschen vertraut – aber ich liebe Kino: Die Atmosphäre im Saal, die große Leinwand, das Eintauchen in eine andere Welt. Zum Glück gibt es sie noch, die Kinos, in denen die Zeit ein bisschen stehengeblieben ist – oder es wenigstens so scheint …

Es muss nicht Hitchcock sein, obwohl seine Filme großartig sind und den Blick schärfen. Tatsächlich aber brauche ich nicht einmal „Suspense“. (Ich lese auch kaum Thriller, selten Krimis.) Ich mag Filme und Bücher mit gut gezeichneten Protagonisten und nur auf den ersten Blick stabilen Beziehungskonstellationen. Grenzsituationen. Filme, die an glatten Oberflächen, an meinen Sicherheiten kratzen, das Offensichtliche verweigern. Die mich irritieren und zugleich fesseln und in die Geschichte hineinziehen. In dem Sinn also kein einschneidendes Hitchcock-Kinoerlebnis, aber doch ein paar wunderbare Stunden mit einigen seiner Filme.

 

ME: Eine Ursituation aus “Das Fenster zum Hof” könnte man als Ausgangspunkt von “Lichtschacht” benennen: James Stewart meint, Zeuge eines Mordes geworden zu sein, und wird erstmal nicht ernst genommen. War dies ein Kristallisationspunkt, welche Ihren neuen Roman in Gang setzte? Das Cover des Buches macht die Parallele deutlich. Oder gab es noch eine andere Ausgangsidee?

 

AG: Tatsächlich (die Ähnlichkeit zur Ausgangssequenz des Films ist ein schöner Zufall) hat die Geschichte einen realen Kern: Vor etwa drei Jahren wurde ich Zeugin einer kleinen Szene, die sofort meine Gedanken zum Laufen gebracht hat: Da saßen drei Leute auf einem nahegelegenen Dach mit Gläsern in den Händen und prosteten einander zu. Nun bin ich ja nicht ganz frei von Höhenangst und habe erst einmal die Luft angehalten. Mein zweiter Gedanke: Eine wunderbare Einstiegsszene … Was, wenn nun einer von ihnen vom Dach gestoßen wird? Welche Gründe könnte der Täter/die Täterin haben, jemanden zu ermorden? Und: Das Verbrechen braucht eine Zeugin, die in einer Ausnahmesituation steht, die sie dazu bringt, anders zu handeln, als Sie und ich es vermutlich täten. Natürlich durfte die Leiche nicht gleich gefunden werden. Sie fällt also in einen Lichtschacht.

Anders als der Protagonist im Fenster zum Hof ist Lena in Lichtschacht freilich hinsichtlich der “Ermittlungen” ganz auf sich allein gestellt, was durch den Umstand noch verschärft wird, dass sie ihren eigenen Wahrnehmungen nicht traut und am liebsten alles verdrängen, vergessen würde.

Das Cover von Martin Grundmann mochte ich sofort. Ich spiele ja gern mit Bildern.

 
 
 

 
 
 

ME: Gibt es solche Lichtschächte an vielen Orten, oder sind sie eher eine Ausnahme? Und in der realen Welt auch schon Schauplatz von Verbrechen gewesen?

 

AG: Ich habe jedenfalls schon mehrmals Zeitungsmeldungen gelesen, wonach jemand auf einer Party betrunken in einen Lichtschacht gestürzt ist. Von Verbrechen in Lichtschächten ist mir nichts bekannt, aber wer weiß … und wenn man selber spurlos verschwinden wollte – nein, keine Sorge! -, wäre das jedenfalls der ideale Ort dafür.

 

ME: Während man gern bei einigen Thrillern schnell vermutet, er sei schon mit Blick auf eine mögliche Verfilmung geschrieben, ist Ihr Roman eigentlich unverfilmbar, weil die Hauptfigur des zweiten Erzählstranges anonym bleibt, woraus sich eine besondere Spannung entwickelt. Das ist schon sehr “tricky”. Es muss da eigentlich einen Vorläufer für diese “suspense”-Startegie geben, obwohl ich in meinem Gedächntnis vergeblich rumkrame. Sind Sie da inspirationstechnisch bei irgendeinem Klassiker (vielleicht Agatha Christie?) fündig geworden?

 

AG: An eine Verfilmung habe ich nicht gedacht. Aber Sie haben natürlich recht: Lichtschacht wäre eine echte Herausforderung. (Hier müsste m. E. die Kamera die Position des Täters einnehmen und dann wäre da natürlich noch das Problem mit der Stimme, und … )

Tricky – nun ja: Ich stand vor dem Problem, dass die Leserin/der Leser mehr wissen müssen als die Protagonistin. Ich wollte sie ganz nah ans Geschehen heranholen. Gleichzeitig dürfen sie sich wie Lena der Identität des Täters nicht sicher sein. Damit blieb nur diese eine Möglichkeit. Ob schon einmal jemand diese Frage auf ähnliche Weise gelöst hat? Vermutlich – aber auch mir fällt niemand ein.

 

ME: Ich sass einmal mit Hakan Nesser tief in der westfälischen Provinz, in der Gaststätte des Bahnhofs von Unna. Wir kamen von Hölzchen auf Stöckchen, von Leonard Cohen auf Kriminalromane als Schnittstelle von Jugend- und Erwachsenenliteratur – und dann auch auf die sog. “schwedische Krimiszene”. Er hielt diesen Ausdruck für einen Hype, für einen Vermarktungstrick. Man kann drüber streiten: schliesslch gibt es so eine Art “sozialkritischen Realismus”, der von Sjöwall/Wahlöö bis in die Gegenwart (Mankell und Co.) führt. Andererseits: in welchem Land gibt es solche Strömungen der Kriminalliteratur nicht? Sehen Sie sich in irgendeiner Art in einer speziellen Tradition der österreichischen oder europäischen Literatur, oder halten Sie Kriminalschriftsteller eher für Einzeltäter?

 

AG: Ich weiß, dass Schubladen vielen ein Stück Sicherheit geben. Auch ich sehe aber wie Hakan Nesser derlei “Zuordnungen”, wenn Sie so wollen, im Großen und Ganzen als Teil einer Marketingstrategie. Die Leserin/der Leser wissen, was sie kriegen, wenn sie in ein bestimmtes Regal greifen, der Handel liefert angepasst an die Zielgruppe. Was einmal außergewöhnlich, originär, originell war, wird wieder und wieder aufgegriffen. Fast jedem Hype folgen Bücher über Bücher, die auf der Erfolgswelle mitsurfen wollen und beim Lesen einen schalen Nachgeschmack hinterlassen.

Das Schöne am Schreiben ist für mich das Entwickeln der Personen, die ich auf die Reise schicke, das Ausprobieren, wie sich eine Idee am besten umsetzen lässt – es kann glücken oder scheitern – und wie ich meine Themen in die Handlung verpacken kann. Reizvoll finde ich das Spielen mit dem Genre.

Ich glaube, dass Kriminalschriftsteller genauso verschieden sind wie ihre Bücher (oder doch eher umgekehrt). Ich selber bin sicher jemand, die sich schwer – und ungern, das auch – einordnen lässt.

 

ME: Wann waren Sie in Ihrer Vita erstmals von einem Kriminalroman dermassen in Bann geschlagen, dass die Lektüre noch lange nach der letzten Seite nachwirkte?

 

AG: Das war wohl – vor vielen, vielen Jahren – der Der talentierte Mr. Ripley von Patricia Highsmith. Heute sind es Bücher wie die von Daniel Woodrell. Der Tod von Sweet Mister hat mich nachhaltig beeindruckt.

 

ME: Gibt es einen Psychothriller, den Sie mehr als einmal gelesen haben (und sei es auch “nur”, um hinter sein Konstruktionsprinzip zu kommen)?

 

AG: Astrid Paprottas Sterntaucher. Das ist freilich schon einige Jahre her. Bezüglich “Konstruktion” halte ich mich an ein paar gute alte Regeln, breche die eine oder andere und verlasse mich dabei auf mein Gespür. (Natürlich verlaufe ich mich auch manchmal. Aber nur so lernt man.)

 

ME: Auf welche anstehende Neuerscheinung in Sachen “crime” warten Sie voller Hochspannung?

 

AG: Die werde ich vermutlich erst beim Stöbern in meiner Buchhandlung entdecken. Hier finde ich immer wieder (für mich) neue Schriftsteller. Es genügen ja meist wenige Zeilen, und ich bin gefangen – oder gelangweilt.

 

ME: Verfolgen Sie einige der Fernsehserien, die seit Jahren tatsächlich genrerweiternd sind, bzw. bleibende Meilensteine in die ansonsten oft öden TV-Landschaft platzieren, wie zuletzt etwa True Crime, Top of the Lake, oder Broadchurch? Alle drei genannten Serien haben traumatisierte Figuren als Protagonisten!

 

AG: Auch hier muss ich passen. Ich lebe schon seit gut zweieinhalb Jahrzehnten ohne Fernsehen. Traumatisierte Menschen begegnen mir v. a. in meinem Arbeitsalltag als Sozialarbeiterin in der Straffälligenhilfe. Ich begleite sie oft über viele Jahre, durch alle Höhen und Tiefen. Wenn es Fernsehserien gelingt, im Zuschauer Interesse zu wecken, das über Voyeurismus hinausgeht, vielleicht einen Zugang ermöglicht, begeistern Sie mich vielleicht noch fürs Fernsehen.

 

ME: In Ihrem Roman habe ich zum ersten Mal erfahren, was man in Wien für “Milchkaffee” sagt. Wo in Wien gibt es ihrer Meinung nach den besten “Melange”?

 

AG: Jetzt bringen sie mich tatsächlich in die Bredouille. Wo es die beste Melange gibt – das ist nämlich eine Glaubensfrage, über die man lange streiten kann.
Ich würde Sie ins Café Prückel einladen.

 

Webseite der Autorin: www.annegoldmann.at

 
 
 

Foto © Herbert Redtenbacher
 


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