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2014 26 Nov

In Paris …

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… smoking kills. Maybe not as efficiently as a nuclear bomb, but easier on the wallet and a lot more fun. Only 7 Euro a packet from the local Tabac. Notice how the Marlboro name is now a ghost on the front of the box – it’s embossed there, but no black typeface. In the UK, the box says “SMOKING SERIOUSLY [line break] DAMAGES HEALTH”. Well, sorry UK government, but I have never smoked “seriously”. I smoke unseriously, with a smile. In fact some days I don’t smoke at all. But “Fumer tue” somehow sounds more threatening. Maybe I’ll stop. For a few hours, anyway.

 
 
 

fumer

 
 
 

In the Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris this afternoon it’s not Marlboro that kills me, but a painting by Miklós Bokor. I noted the title mentally as “The Impossibility of Existence” but am now unable to find it on Google. I spent a full ten minutes staring at it. (The painting in the Musée, that is, not Google.). It interests me how an abstract work can have such an emotional effect when you know nothing about its story. Paris’s Musée d’Art is of course known for being home to Raoul Dufy’s La Fée Électricité, which is colossal in scale, but it was Bokor that kicked a hole in the cosmos for me today.

 
 
 
 

 
 

 
 

 
 
 
 

 
 

 
 
1) Miles Davis: Miles At The Fillmore 1970 (Box Set)
2) Marshall Allen presents Sun Ra And his Arkestra: In The Orbit of Ra
3) John Coltrane: Offering – Live at Temple University
4) Keith Jarrett / Charlie Haden / Paul Motian: Hamburg ’72
5) Dollar Brand: African Piano
 
 

 
 

 
 
 

Ich glaube, so ungefähr wie die 5-Sterne-Besprechung von Mike Barnes in der Dezemberausgabe der MOJO, hätte meine Besprechung für ein deutsches Magazin auch ausgesehen. Es ist ein Buch, das auch dem Robert Wyatt-Conoisseur viele interessante Einblicke in das Leben dieses (in seiner Musik) exzentrischen und zugleich so ungemein menschenfreundlichen Songartisten gibt. Himmel und Hölle. Höhenflüge und Abstürze. “What makes this biography so compelling and entertaining is the broadness of its context, as the narrative moves through, pop, jazz and avant garde music, drumming styles, songwriting, revolutinary politics, cultural history, pataphysics, disabled access, and the changing face of Britain, particularly from the ’60s to the ’90s. Wyatt’s opinions are never just pat and he always has a cogent explanantion for his singular take on the world. Much of Marcus O’Dair’s “Different Every Time” is also very funny. And Wyatt has the last laugh.” Mike Barnes traf ich vor Jahren einmal in Kristiansand, er ist einer der wenigen Wahlverwandten, die ich in Englands Musikjournalistenschar noch ausmachen kann. Richard Williams schreibt ja nur noch selten.

2014 24 Nov

It must have been magic

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Praeludium

Henning lud mich gestern Abend zu einem Konzert nach Koeln ein. Es wuerde in einer Hoehle voller Sand stattfinden, die Musiker wuerden uns den Sand aus den Ohren blasen.

Ouvertuere

Albrecht Maurer setzt sich mit seiner Violine auf einen samtbezogenen Schemel, an seiner Linken sitzt breitbeinig Theo Joergensmann. Er beginnt mit seiner Clarinette aufs Intensivste im Brei des Weltelends zu ruehren. Maurer spielt wie wild um das Leben an sich, will alles fest/halten, was Joergensmann durchwuehlt.

Intermezzo

In der Pause sage ich zu Henning, dass ich die ganze Zeit das Bild “Melencolia” von Albrecht Duerer vor Augen hatte: Theo als der maechtige Engel mit Hang zur Melancholie und Albrecht der Putto, der mit seinem expressiven Streichen alle Diesseitslust verteidigt.

Zweiter Satz Andante

Henning uebergab mir dankenswerterweise eine CD vom Verkaufstisch. Er hatte die Liner-notes von “FANTASM” geschrieben. Mich umfesselte der Text in seiner magischen Wortwahl so sehr, dass ich den Beginn des zweiten Sets verpasste. Ich sah nur Lucian am Klavier sich reiben, druecken, pressen. Im Hintergrund noch ein Bratschist. [Henning, wer spielte da?]

Ode

Paul, hear you? Maurer, Maneri und Ban spielten ein fantastisches “FANTASM”. Sie innigten uns in einen Athanor, aus dem mich Hennings Stimme riss: “Wir duerfen die Strassenbahn nicht verpassen.”

Accelerando 

gings zurueck nach Duesseldorf/Amsterdam.


 

Eigentlich stand ein anderes Buch auf meiner to-read-Liste, das mich ins tiefe Sibirien geführt hätte. “Der Rabe”, von Lionel Davidson. Aber dann schaute mich das kunterbunte Cover eines opulenten englischen Romans an, und ich fing an, die ersten Seiten zu lesen. Wow, dachte ich, denn meine Wortblasen sind englisch, wenn ich in britische Romane eintauche: die weibliche Hauptfigur der ersten fünfzig Seiten ist mir rasch ans Herz gewachsen, nicht nur, weil ihre Lieblingsplatte von den Talking Heads (“Fear of Music”) schon auf der ersten Seite auftaucht. Bald befindet sie sich auf dem Weg nach Essex, als Ausreisserin. Karl Hyde kennt sich in diesen Randzonen des Vereinigten Königreiches gut aus, man kann dort auf seltsame Menschen treffen. Wir befinden uns im Dunkelengland der Thatcher-Ära, wahrscheinlich bin ich noch weit davon entfernt, den Betriebsgeheimnissen dieses Romans auf die Spur zu kommen. Es scheint viel mehr zu sein, als eine Geschichte über das Erwachsenwerden, ich ahne Zeitsprünge, Synchronizitäten, und einen Hauch von Phanatastischem Realismus. Dass man Stimmen im Kopf (“radio people”) mit Akupressur vertreiben kann, ist mir neu. Ich bin, wie gesagt, noch am Anfang, deswegen wäre es unlauter, das Werk als ganzes anzupreisen, geschweige, zu benennen, und womöglich falsche Hoffnungen zu wecken. Wie oft wird aus einem zauberhaften Beginn ein Rohrkrepierer?! Aber ich komme darauf zurück. Wenn es an der Zeit ist. In deutscher Übersetzung wird der Roman wahrscheinlich im kommenden Herbst erscheinen.

2014 23 Nov

Nie mehr nach Chicago?

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Ich wäre eine schlechte Zeugin gewesen, hätte ihn kaum beschreiben können, Erinnerung fast nur an einen Schatten, keine unangenehme Erscheinung, wie er zurück zum Haus sich bewegte, die durchsichtige Plastikbox am Wegrand zurückließ, mit der Aufschrift “Können Sie gerne mitnehmen” oder so ähnlich. New York, Tokio, Dublin, Weekend Breaks from London, Chicago, Südamerika, ein Kasten voller Traumorte, und war ich nicht gerade in einem Roman durch so viele Orte und Zeiten gereist, dass ich die Orientierung verlor? Paris und die 70er Jahre, und das Erinnerungshotel. Zeitkapseln, der blaue Kalender, Los Angeles, immer wieder zugebundene Augen. Als könnte irgend etwas einen Trost spenden. Es waren mindestens 60 oder sogar 70 Bücher, alles Reiseführer, alle neu, in dieser durchsichtigen Plastikbox am Rand der Straße. Ich fuhr mit meinem Rad ins unbeleuchtete Gelände, am Wasser entlang, Robert Fripp auf dem iPod. This is my house. Als ich wieder an die Stelle gelangte, war die Box schon lang nicht mehr da.

 
 
 

 

 
bleeding edge
 
 
 

“So! Lester. Who did the deed?” –
“Ha, ha, trick question, I´m not dead, I´m a refugee from my life.”

Geschafft! Oder besser: Endlich geschafft! Nach dem letzten Brocken stellt sich doch eine gewisse Erleichterung ein. Das Ende ist erstaunlich unspektakulär. Kein Showdown, kein großer Knall (selbst der Vircator-Angriff von Misha und Grisha auf Ices Serverfarm am Lake Heatstink, den Pynchon auf gefühlten 125 Seiten vorbereitet, wird in einem Nebensatz erledigt: “The upstate server? No worries, we switched over to the one in Lapland.”). Pynchon führt einige Handlungsstränge zusammen (bei denen Windust und Ices Frau Tallis zwei zentrale Rollen spielen) und beleuchtet das Internet, das beginnt, unser Leben zu durchdringen. Er lässt Maxines Vater Ernie warnen: “… this magical convenience that now creeps like a smell through the smallest details of our lives, the shopping, the housework, the homework, the taxes, absorbing our energy, eating up our precious time. And there’s no innocence. Anywhere. Never was. It was conceived in sin, the worst possible.” Und Ernie hat auch gleich noch eine Zukunftsvision parat: “Call it freedom, it´s based on control. Everybody connected together, impossible anybody should get lost, ever again. Take the next step, connect it to these cell phones, you’ve got a total Web of surveillance, inescapable.” Diese schleichende Durchdringung muss auch Maxine immer wieder feststellen. Sei es bei ihren wiederholten Ausflügen in DeepArcher oder auf ihrem PC, auf dem die Windust-Datei von Geisterhand fortgeschrieben wird. Überwachung und Fremdsteuerung lauern überall. Maxine trifft den virtuellen Eric, der ihr verrät: “We´re being played, Maxi, and the game is fixed, and it won´t end till the Internet – the real one, the dream, the promise – is destroyed.” Wer aber die Fäden in der Hand hält, wird nicht verraten!

Thomas S.
 

 
Nocturne in New York. Maxine und ihr Pops Ernie führen “in der Hauptstadt der Schlaflosigkeit” eine “unschuldige Vater-Tochter-Unterhaltung” vor dem Fernseher, Popcorn in Reichweite, der nächtliche Straßenlärm dringt nach oben. Zunächst geht es – wie so oft in Bleeding Edge – um früher, um die Kindheit der beiden Töchter, u.a. um vergangenen “Fernsehmüll”. Der Dialog geht weiter (Maxine beginnt):

“Vielleicht war das Fernsehen damals tatsächlich eine einzige Gehirnwäsche, aber heutzutage kann das nicht mehr passieren. Das Internet kann keiner kontrollieren.”

“Meinst du das im Ernst? Glaub es, solange du noch kannst, mein Augenstern. Weißt du eigentlich, woher dieses Online-Paradies stammt? Es fing an im Kalten Krieg, als die Denkfabriken voller Genies waren, die Atomkriegsszenarien durchgespielt haben. Mit Aktenköfferchen und Hornbrille, äußerlich der Inbegriff wissenschaftlicher Vernunft, und dabei haben sie jeden Tag darüber nachgedacht, wie die Welt enden könnte. Im Verteidigungsministerium hieß dein Internet damals DARPAnet, und sein ursprünglicher Zweck war, die Funktionsfähigkeit der amerikanischen Kommandostruktur auch nach einem nuklearen Schlagabtausch mit den Sowjets sicherzustellen.” (…)

“Du hättest es erleben sollen, Kind. Heutzutage denken alle, die Eisenhower-Jahre waren so altmodisch, harmlos und langweilig, aber das hatte seinen Preis – gleich unter der Oberfläche lauerte der reine Terror. Für immer Mitternacht. Man brauchte nur eine Minute nachzudenken, und da war es – man konnte ganz leicht hineinstürzen. Manchen ist das passiert. Manche sind verrückt geworden, andere haben sich sogar umgebracht.”

“Pops.”

“Ja, und das Internet war ihre Erfindung, dieses Zauberding, das wie ein Geruch noch in die letzten Winkel unseres Lebens dringt, das Einkaufen, die Hausarbeit, die Hausaufgaben und die Steuererklärung erledigt, unsere Energie verbraucht und unsere kostbare Zeit frisst. Und darum gibt es da keine Unschuld. Nirgends. Hat es nie gegeben. Das Internet ist aus Sünde geboren, aus der schlimmsten Sünde, die es gibt. Und während es gewachsen ist, hat es nie aufgehört, diesen bitterkalten Todeswunsch für den Planeten im Herzen zu tragen, und glaub bloß nicht, dass sich daran etwas geändert hat.”

Maxine sucht zwischen den halb explodierten Körner nach dem letzten Popcorn.

“Aber du hast uns doch immer eingehämmert, dass die Geschichte nicht stillsteht. Der Kalte Krieg ist vorbei, oder? Das Internet hat sich weiterentwickelt, weg vom militärischen Nutzen, es ist ziviler geworden – heutzutage gibt es Chatrooms, das World Wide Web, man kann online einkaufen. Das Schlimmste, was man darüber sagen kann, ist, dass es vielleicht ein bisschen kommerzialisiert wird. Und sieh dir die Milliarden Menschen an, die Zugang dazu haben, die Möglichkeiten, die Freiheit.”

Ernie beginnt, durch die Kanäle zu surfen, als wäre er verärgert.

“Von mir aus nenn es Freiheit, aber es basiert auf Kontrolle. Alle sind miteinander verbunden, keiner kann mehr verlorengehen, nie mehr. Tu den nächsten Schritt und verbinde das Internet mit diesen Handys, und du hast die totale Überwachung, kein Entkommen. (…) Diese Dinger werden überall sein, alle Trottel werden darum betteln, eins Tragen zu dürfen, die Handschellen der Zukunft. Großartig. Davon träumen die im Pentagon: weltweites Kriegsrecht.”

Olaf W.
 

 
Und wieder geht ´s ab ins DeepArcher, über zehn Seiten werden die Abenteuer, die Maxine erlebt geschildert. Besondes beeindruckend, der Besuch “in der Finsternis der Dritten Welt, in der nur da und dort ein Feuer glimmt. Sie tastet sich durchs Dunkel und stößt auf Öl. Urplötzlich schießt, Schwarz auf Schwarz und basslastig donnernd, eine gewaltige Fontäne empor, aus dem Nichts erscheinen Prospektoren mit Generatoren und Scheinwerfern, deren Strahl die Spitze dieser Säule nicht mal erreicht.”  Wer denkt da nicht an Nigeria, die umweltzerstörende Ölförderung dort …

Aber nun kommt Pynchon zum eigentlichen Thema des Buches, das neben der Gier ja das Internet ist. Zunächst erfahren wir einiges über die Entstehung des `Online Paradieses´. “Es fing an im Kalten Krieg, als die Denkfabriken voller Genies waren, die Atomkriegs-szenarien durchgespielt haben … Im Verteidigungsministerium hieß das Internet damals DARPAnet, und sein ursprünglicher Zweck war, die Funktionsfähigkeit der amerikanischen Kommandostruktur auch nach einem nuklearen Schlagabtausch mit den Sowjets sicherzustellen.“

Pynchon schildert nun, wie das Internet, weg vom militärischen Nutzen, immer ziviler geworden sei. Heute nun dringe das Zauberding bis in die letzten Winkel unseres Lebens, es erledige das Einkaufen, die Hausarbeit, die Hausaufgaben, die Steuererklärung, es verbrauche unsere Energie und fresse unsere kostbare Zeit. Das Internet sei aus Sünde geboren, aus der schlimmsten Sünde, die es gebe, darum existiere  da keine Unschuld. Und während es gewachsen sei, habe es nie aufgehört, diesen bitterkalten Todeswunsch für den Planeten im Herzen zu tragen …

“Von mir aus nenne es Freiheit, aber es basiert auf Kontrolle. Alle sind miteinander verbunden, keiner kann mehr verloren gehen, nie mehr. Tu den nächsten Schritt und verbinde das Internet mit dem Handy, und du hast die totale Überwachung, kein Entkommen.” “… Bildschirme verwandeln sich in Portale für Websites, wo man lauter Zeug kriegt, nach dem laut Beschluss des Managements alle süchtig werden sollen: Shoppen, Daddeln, Abspritzen, endloses Streamen von Müll …” ” … Während hashslingrz und all die anderen immer lauter vom `freien Internet´schreien und gleichzeitig immer mehr davon den bösen Buben übergeben … Und sie kriegen uns, denn wir sind allesamt einsam, bedürftig, gekränkt und wild entschlosssen, an jede noch so jämmerliche Imitation von Zugehörigkeit zu glauben, die sie uns andrehen wollen …“

Wer hat das je so geschrieben. Mit fallen da meine Schüler ein, die früher einmal in den Pausen miteinander kommuniziert haben, heute aber mit dem Schlussläuten der Schulstunde, sofort die Smartphones zücken und ihre WhatsApps bedienen. Nein, telefoniert wird nicht mehr, das ist vorbei, es herrscht nun eine gespenstische Ruhe im Klassenzimmer, es ist ruhiger als in der Schulstunde , “denn wir sind allesamt einsam, bedürftig, gekränkt und wild entschlosssen, an jede noch so jämmerliche Imitation von Zugehörigkeit zu glauben, die sie uns andrehen wollen …“

Zwischendurch die Fragen der Kinder S.537f!!!

Der Roman endet, wie er anfängt: Maxine bringt ihre Kinder zur Schule, aber, sie überlegt, ob sie überhaupt mit dem Kinder-in-die-Schule-bringen an der Reihe ist. “Sie hat den Überblick verloren.”

Gregor M.

 

 

So, die 605 Seiten sind geschafft. Das klingt jetzt, als ob es anstrengend gewesen wäre, dieses Buch zu lesen. Das war es streckenweise auch; aber es gab auch entspannt und fließend zu lesende Abschnitte. Da ist sie wieder, diese Ambivalenz, die sich durch die Beiträge der meisten Parallelleser wie auch durch die Feuilletons zieht. Hierzu nächste Woche mehr, denn es soll ja noch eine letzte Textrunde über das Projekt geben. Heute will ich in versöhnlicher Stimmung auf einige mir besonders gelungen erscheinende Szenen hinweisen.

“Weihnachten” – damit ist es nicht allein – “kommt und geht”. Immerhin gelingt es Maxine, mittels einer “revisionistischen Weihnachtsgeschichte” über gut und böse nachzudenken, bevor sie zu Deep Archer ins tief unten wabernde Netz hinabsteigt. Dort wird sie zu einer Mischung aus Edward Snowden und Mom-die-nicht-will-dass-die-Kinde-so-viel-am-Computer-sitzen. Die Übergänge zwischen New Yorker Realität und der virtuellen Welt sind fließend. Der Horrortrip durch den mörderischen Untergrund, wo gleich mehrere Höllenhunde versammelt sind, ist auch eine gefährliche Reise durch das eigene (kollektive) Unbewusste.

Eigentlich könnte hier Maxines Psychotherapeut einen großen Auftritt bekommen; aber er trichtert Maxine nur ein paar binsennahe Weisheiten ein (“Es ist, wie es ist”). Dass ausgerechnet aus seinem Munde dann aber eine intelligente umfassende politische Kritik kommt, wundert etwas. Ist das sein Job? Die zweite intelligente, noch differenziertere politische Diskussion führt Maxine mit ihrem Vater, dem sie dann auch noch ihr Herz ausschüttet. Die neue Bezogenheit der Romanfiguren untereinander überträgt sich auf den Leser: Nach 600 Seiten ist einem zumindest Maxine ein bisschen näher gekommen.

Den größten Entwicklungsschritt aber machen die beiden Jungs, Otis und Ziggy. Anders als auf den ersten Seiten, wo sie von ihrer Mutter noch zur Schule begleitet werden, bestehen sie nun morgens darauf, den Schulweg selbständig zu bewältigen: “Ab in dein Zimmer, Mom!”

Wolfram G.

 

 

 
 
 

A long time ago (how long, depends on your sense of time), two albums appeared out of some nowhere that can be seen as an early starting point for a new old; an old new kind of music: far away from the usual retro touch, Jan Bang, Arve Henriksen and Erik Honore (with the soulmateship of some other outstanding musicians like Sidsel Endresen, Eivind Aarset, Audun Kleive et al.) offered a highly original approach to sounds, immediately recognizable, yet surprising without end.

These albums, Arve Henriksen’s CHIAROSCURO (2004) and Punkt’s CRIME SCENES (2006) drew their inspirations from many sources: the ambient textures of Brian Eno, the meditative streams of free improv, refined sampling methods, distant echoes of new classical spheres and home-grown and faraway-folk, as well as the most introspective moods of David Sylvian’s chamber-art-pop.

After the Garbarek-generation a surprisingly new, thrilling Norwegian palette of melancholic sound colours was born (at different places, many more musicians involved than mentioned here, from Terje Isungset to Christian Wallumrod, from disturbing hinterland underground scenarios to arctic ambient explorers!) without any big gestures (well, Nils Petter Molvaer’s KHMER surely was a big gesture, but he wasn’t really melancolic in the first place), and miles away from the cliches of being dark and depressive, and yet managing to be dark and enlightening at the same time.

Some of these hunters of sound used such early discoveries (the two albums mentioned above were no stand-alones – think of Arve Henriksen’s early solo albums on Rune Grammofon, some soft standstill passages from Supersilent 4 and 5 (no complete list intended here!) as a constant source of inspiration, without repeating a formula.

UNCOMMON DEITIES (by Jan Bang and Erik Honore, 2012), and DREAM LOGIC (by Jan Bang and Eivind Aarset, 2012) are exquisite examples of those old new ways of creating multi-layered textures that flow softly, mixing the melodic and the experimental, revealing new details with every listen. Jan Bang’s solo albums “… AND POPPIES FROM KANDAHAR” (2010) and “NARRATIVES FROM THE SUBTROPICS” (2013) are essential stuff (though Jan could afford a little dramaturgic mistake on the former one, the groovy Jon Hassell-piece being just too long, a minor quibble for sure).

The “sound aesthetics” created by Erik Honore and Jan Bang (artistic directors of Kristiandsand’s outstanding Punktfestival) and their companions, can easily cope with stylistic diversities and disturbing ideas, but even the most promising areas imply the danger of being trapped inside a modus operandi working in “autopilot mode”. For example, think of Arve Henriksen’s album PLACES OF WORSHP (2013, recorded with the usual suspects Jan and Erik at his side).

Sidestep 1: This was Arve’s “Chet Baker-goes-Norway”-work: way too smooth, relying too much on its atmospheric “standard values” and missing holes and weirdness all along the endless way of “holy places”. CARTOGRAPHY (2009) is, in comparison, a roller coaster ride, a thrill-seeker’s paradise! PLACES OF WORSHIP works more like a tourist’s guide or soundtrack for the “Jakobsweg” – from the mystical title to the overall, uninhibited softness. It’s also a parallel to the time Jan Garbarek stopped creating exciting new music and was looking for a comfort zone of international acceptance, sweet melodies, old stuff and a spiritual aura that was much too close to “new age”-nirvana: trapped in a time-loop. All sharpness gone.

Sidestep 2: To be honest: a music critic can be such an unreliable factor: at first, I was disappointed by this record, then I liked it because of its rigorous sweetness (wasn’t it, in the end, a courageous statement to cancel all bleeding edges?), then I returned to my first point of view as an all too easy exercise in simple beauty. For all the good reasons, Arve returned to form with his “Sun Ra”-moments, CHRON / COSMIC CREATION (2014), a double album of wild electronic experimentations, and his new work “THE NATURE OF CONNECTIONS” (out now on Rune Grammofon).

Erik Honore’s debut album HELIOGRAPHS is the next highlight on this long and winding road. Aside from one shocking moment, meditative moods prevail; the calm, unsettling side of Sidsel Endresen’s voice appears and vanishes here and there, moving under your skin without using common language or ecstatic outbursts. Ingar Zach plays poignant and soft percussion, Eivind Aarset’s guitar enriches the colour fabric, Jeffrey Bruinsma’s violin strays (on his one and only appearance) through a strange territory of twilight zones, Jan Bang only occasionally intervenes with ghost-like samples – no doubt about it, Erik Honore is the central figure, yet working out of the shadows with his liminal melodic lines, samples, synthesizers, field recordings and other carefully chosen sounds.

Sidestep 3: When the release concert of HELIOGRAPHS took place in early September, 2014, during the 10th Punktfestival, Erik Honore didn’t just replay his compositions, but also offered new perspectives on the different routes the album was taking. But after this impressive (a bit too short) performance softly entered the “live-remix area” – Erik Honore and Italian saxophone player Raffaele Casarano shared the stage, and that became a real let-down. Suddenly adventurous settings were replaced by an overdose of melodicism, the sweetest sax sounds “Garbarek-style” were carefully wrapped into peaceful, thornless eletronic texture. Please, no! The most delicate studies of decline lost all their refinements within seconds. A revealing moment nevertheless, describing the thin line between intricacies and banalities. Easy to understand in the context: the 10th installment of PUNKT contained a bit too much self-appraisal and too many jubilee rituals.

Sidestep 4: Whenever, from year one of the Punktfestival onwards, from their first collaboration on CRIME SCENES till her ethereal expressionsism on HELIOGRAPHS, singer Sidsel Endresen guaranteed class A performances, if singing ghost lines along Jon Hassell’s trumpet, playing furious duos with guitarist Stian Westerhus (doczmented on a “killer record” on Rune Kristoffersen’s label) – or delivering an unforgettable presence at every moment of sharing the stage and studio with Jan Bang and Erik Honore. Where is the record that will finally show this trio a the height of their powers? Please: simply do it, enter a studio, throw away the key, look for a good catering service and, three weeks later, a masterpiece will be born.

Returning again to Erik’s new album, after the ups and downs of this year’s edition of Punktfestival No. 10: not for god’s sake, but for the ability of Erik Honore to be very self-critical, HELIOGRAPHS doesn’t deliver one wrong footstep – it’s a stunning album from start to end. On the cover you see the sun shining through a greenish coloured indoor area with bicycles, windows and plants. Like a visual interlude between late summer and autumn, and maybe one possible reading of the album, as Erik once told me is that of the shadows of remembered or half-remembered things from childhood days. There are no limitations to the listener’s fantasy: I once read the album’s tracklist, with titles like “Pioneer Trail”, “Red Cafe”, and “Last Chance Gas & Water” – and suddenly I imagined traveling through Edward Hopper Country (though there are no American signature sounds at all). And who says that deep listening needs any inner pictures at all?

HELIOGRAPHS is music for drifters, drifting through various zones of our conscious and unconscious minds, thereby creating very personal responses. It’s not the kind of music that begs for attention; it’s all too subtle, too ethereal, too dream-like for big headlines. But, very often, the things that last shine from the margins – and vanish with dignity. So make sure you get your hands on a physical copy of the cd or the vinyl edition (okay, a digital high quality download is possible, too) – there’s no reason for HELIOGRAPHS to leave the scene too early. It will stay with us for a very long time. How long? Depends on your sense of time, and your love of the relentless, unflinching side of fragility.

How to get Erik Honore’s HELIOGRAPHS:

International release is 21. 11, the album (CD or vinyl) can also be ordered from the label’s webshop: www.grappa.no/en/hubro/ (The 180 g vinyl in gatefold sleeve also includes the CD.)

Keith Jarrett lernte ich durch Jesus kennen. Und das, obwohl ich schon lang nicht mehr in die Kirche ging. Er brachte die dunkelgrüne Kiste “Concerts Bremen / Lausanne” in die Schule mit. Jesus hatte eine sehr schöne kleine Freundin, die ich aus der Ferne bewunderte. Gegen den Archetyp dieses in sich ruhenden Hippies mit dem wallenden Haar wäre ich damals als eher nervöser Romantiker nicht angekommen. Aber er brachte uns die Musik – und da begann vieles! Lang ist es her. The times they are a’changin’.

Ich hätte nie gedacht, das mich noch jemals ein Keith Jarrett-Trio aus den Schuhen hauen könnte, aber hier geschieht es – natürlich keine der arrivierten, ihren Dringlichkeitswert lang ausgereizten Standards-Erkundungen des ewigen Trios mit Peacock und DeJohnette, die in der Unsumme ihrer Veröffentlichungen vielleicht fünf essentielle Alben rausgehauen haben: Standards, Vol. 1, Standards, Vol. 2, Changes, Changeless (das fünfte will mir gerade nicht einfallen). Wie man auf die Idee kommen kann, als Künstler kaum noch die Tin Pan Alley (und andere museale Zonen) zu verlassen, und ein  halbes Leben der perfekten Version von Body and Soul hinterherzujagen, will mir genau so wenig in den Kopf, wie Alt-Hippies, die sich standhaft weigern, aus dem Hotel California auszuchecken und Radiohead für ein Ratequiz der BBC halten.

Aber hier, im Juli 1972, im Hamburger Jazzworkshop, mit Michael Naura im Hintergrund, reissen Keith Jarrett, Charlie Haden und Paul Motian ein Feuerwerk ab, in dem die Musik spürbar auf Entdeckungsreise ist. Kleinste Motive des noch in der Zukunft lauernden “Köln Concert” materialisieren sich für Momente. Entstanden nach dem Soloklassiker “Facing You”, und vor der Gründung des “American Quartet” (mit Dewey Redman und einem frühen Statement wie “Fort Yawuh”), durchdringen sich kollektive Improvisationen, Solotänze auf den Tasten, Hadens elementares  Melodiegespür und Motians Farbenspiele und Pulsierungen: Jarretts Lustschreie und Seitensprünge mit dem Saxofon (schräg und wundersam), Hadens ergreifender “Song For Che”, den sich später auch Robert Wyatt vornahm. Ach, es ist ein Fest. Als Bootleg kursierte es schon lang, so gut klang es noch nie, Manfred Eicher und Jan Erik Kongshaug haben in Oslo das Bestmögliche rausgeholt.

Auf einem Schnappschuss während dieser kleinen Hamburger Sternstunde lächelt Keith Jarrett einmal wie ein grosser Junge. Er spürt, man ist aufregenden Dingen auf der Spur ist – die Zeit der Selbstinzenierung, der “Bayreuthisierung” seiner Kunst und unnötigen Publkumsbelehrungen scheint weit entfernt: schade, daß Jahre des Aufbruchs so oft ihre eigene Restauration nach sich ziehen. Die “Hall of Fame” ist ein totlangweiliger Laden der Fremd- und Selbstbeweihräucherungen. Ruhm ist eine Falle, die leicht satt macht. Hier in Hamburg springt einen der Lebenshunger aus jedem Ton an. Es war einmal. Weil das alles sowas von vorbei ist, Haden und Motian nicht mehr unter uns weilen, musste das Cover geradezu in schlichtem Schwarz daherkommen. Das war dem Zeitensprung geschuldet, schlicht ist hier nämlich gar nichts, nicht mal die einfachste folkloristische Melodie.

 
 
 

 


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