Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Man hat ja in diesen Zeiten auferstandener faschistischer Archetypen viel auszuhalten an Tagesschaubildern, einschlägigen Talkshows und anschließenden aufgeregten Diskussionen vor dem Fernseher. Sogar die Holländer bekamen den Nazi-Vorwurf angehängt, obwohl sie eigentlich Opfer und Gegner der Nazis waren. So nahm ich es als glücklich spät Geborener auch stellvertretend hin, wenn einem in den Siebzigern trotz Rudi Carrell in Amsterdam irgendwas mit Nazi hinterher gerufen wurde. Den Schweizern der 80er Jahre sah ich das nicht nach; ich war sehr irritiert, ausgerechnet von 2 jugendbewegten Züricher Punks als Deutscher und Nazi beschimpft zu werden. Mein Kriegsverbrechen: ich hatte keine Zigaretten dabei. Überhaupt war ich bei diesem Zürichaufenthalt mehr und mehr Mark Twains Meinung, die Schweizer seien ein kleines zänkisches Bergvolk. Unvergessen, wie mich der Führer eines öffentlichen Linienbootes auf einer einsamen Insel im Zürichsee aussetzte, nur weil ich darauf bestanden hatte, eine am Ufer erstandene Schüblig-Bratwurst an Bord in Ruhe aufzuessen statt sie in meine Hosentasche zu schieben. Wer ist hier Nazi, wer Opfer, wer Antifa? Eine Pegida-Demo kann ich auch bei ausgeschaltetem Ton von einer Kundgebung arbeitsloser spanischer Jugendlicher unterscheiden. Fußballfans machen mir keine Angst; als aber einem 12-Jährigen, der zu Besuch in Stuttgart weilt, wegen seines falschen Schals „Dich zünd’ ich an!“ hinterhergeschrien wird, fällt mir Wilhelm Reichs Buch „Die Massenpsychologie deś Faschismus“ ein. Die Masse macht Angst; die Masse gibt Geborgenheit. Sie macht Angst, weil sie Geborgenheit gibt, völlig unabhängig von den Inhalten. Ob ich bei Helene Fischer auf die 1 klatsche oder bei den Bots (grüne Landsleute von Heintje) auf die 2 aufspringe und in lustigem Dialekt „Upstan!“ gröle, bedeutet beides die Aufgabe der eigene Persönlichkeit. C.G. Jung, wohnhaft am o.g. Zürichsee, war von der Masse fasziniert, wie Luis Trenker oder Leni Riefenstahl. Und an dieser Stelle der Diskussion bringe ich stets Alphonse Mouzon ein. Das verwundert, aber ich kann mich auf Joachim Ernst Berendt berufen, und damals waren Päpste noch unfehlbar. Nur Freund Dr. Music widersprach. Das könne nie und nimmer sein, dass Berendt diesen sensiblen, seine Burg aus Schlagwerk so individuell bedienenden Musiker des Faschismus’ bezichtigt habe. Ich bin durch Dr. Music sonst leicht zu verunsichern, besonders wenn er sein Tablet aus der Jackentasche zieht. Aber diesmal war ich mit dem Original-Buch „Ein Fenster aus Jazz“ schneller: auf Seite 272 findet man ohne Angaben zur Erstveröffentlichung den Artikel „Die neue Faschistoidität in Rock, Jazz und überall“. Überall – das ist da, wo sich das Schöne, Starke, Gesunde, Mächtige über das Andere erhebt und dieses zu vernichten trachtet. Dies aber Musikern wie Jan Garbarek, John McLaughlin oderr Keith Jarrett zu unterstellen, nur weil sie „schön“ spielen, ist nicht angebracht; Dr. Music wunderte sich kurz und bestand darauf, nun die Stelle mit Mouzon präsentiert zu bekommen. Doch der war in dem ganzen Aufsatz nicht zu finden. Seither bin ich auf der Suche – rechts oben auf einer ungeraden Seite war ein Foto von Mouzon abgedruckt. Erinnert sich jemand daran oder an die Debatte, die damals sicherlich stattfand? „Joker“!

2016 6 Dez

Top Twenty 2016

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01 Lucinda Williams – The Ghosts of Highway 20 (Thirty Tigers)
02 Hannah Epperson – Upsweep (listenrecords)
03 Hélène Grimaud – Water (Deutsche Grammophon)
04 Glauco Venier – Miniatures (ECM)
05 Brian Eno – The Ship (Warp Records)
06 Joachim Kühn New Trio – Beauty & Truth (ACT)
07 Michael Wollny Trio in Concert – Klangspuren (ACT)
08 Tord Gustavsen – What was said (ECM)
09 Asya Fateyeva – Saxophone (Deutschlandradio u.a.)
10 Robert Glasper & Miles Davis – Everything is beautiful (Sony)
11 Johannes Motschmann – Electric Fields (Neue Meister)
12 Wolfgang Rihm – Two Other Movements (SWRmusic)
13 Christian Jost – Berlinsymphonie (Neue Meister)
14 Meredith Monk – On Behalf of Nature (ECM)
15 Pelle Gudmundsen-Holmgreen – Green Ground (Dacapo)
16 Roisin Murphy – Take her up to Monto! (Play It Again Sam)
17 Me And My Drummer – Love is a Fridge (Sinnbus Bln)
18 Fatima Al Qadiri – Brute (Hyperdub)
19 The Tiger Liliies & Cole Porter – Love for Sale (opera north
20 Masabumi Kikuchi – In Concert (ECM)

 

zu 01 – Bill Frisell, g
zu 08 – mit Simin Tander und Jarle Vespestad
zu 15 – Kronos Quartett, Theatre of Voices, Paul Hillier in Concert

 

Bis vor Kurzem musste man mich überreden, in eine Country-CD auch nur reinzuhören – das Lucinda Williams-Doppelalbum lief dann bis zum Schluss mit gemischten intensiven Gefühlen durch (einen ähnlichen Effekt hatte der Film „Winter’s Bone“, der zwei Seiten der „ländlichen Gebiete“ der USA zeigt). Auf Platz 1 hätten die Nummern 2-7 genausogut stehen können, z.B. die Loop-Artistin Hannah Epperson. Ansonsten viel Piano-Musik, eher ruhig. Black music fehlt fast völlig, ganz anders als ich es selbst eingeschätzt hätte; da muss ich ich bei den anderen Manas mal umschauen. Auch kein Tom Waits, obwohl der Tip „Vert – The Days Within“ gut war (aber leider von 2015, Michael hätte das gemerkt).

2016 4 Dez

Song of the day

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The Brodsky Quartet & Elvis Costello – „My Mood Swings“

 

Es gibt Tage, die sind so grau, dass man mittags nicht mit Sicherheit sagen könnte, ob man die Rollläden schon hochgezogen hat oder nicht. Das sind die Tage, an denen einem Lieder wie dieses begegnen, glückliche Tage …

 

A
 
John Cage – Waltz
The Beasts of Bourbon – Flat Hat
Joni Mitchell – Lakota
William Borroughs / Oregon – Playground in Nuclear Winter
Billie Holiday – Moonlight in Vermont
Filmmusik aus „Mississippi Burning“
Quincy Jones – Back on the Block
Dexter Gordon in „Round Midnight“
Ralph Moore – My One and Only Love
Hal Wilmer’s Disney Project
Filmmusik aus „Sea of Love“
Kurt Weill / Tom Waits – What keeps mankind alive
The Klezmatics – Bei mir bist du schön
Isabella Rosselini – Blue Velvet
Robert de Niro in „Taxi Driver“
Prince – Joy in Repetition
Arthur Honegger – Union Pacific
Janis Joplin – Mercedes Benz
Moondog – Loneliness before me
Steve Reich – Different Trains
 
 
B
 
Samuel Barber – Adagio for Strings
Albert Collins – Iceman
„Min singt seine Sehnsucht“ (Vietnamesisches Kinderlied)
Arrested Development – Man’s Final Frontier
Miles Davis – Duke Booty
Kronos Quartett – Purple Haze
Laurie Anderson – O Superman (Live in Stuttgart)
Antonin Dvorak – Aus der Neuen Welt
Chris Isaac, aus „Wild at Heart“
The Eagles – Hotel California
Johnn Phillip Sousa – Wave the Flag
Gil Evans – What a Show!
Napalm Death – You suffer
George Crumb – Music for a Summer
Flaming LIps – What a Wonderful World
Fania Allstars – Salsa
Dreamwarriors Album
 

2016 29 Aug

Listen, please

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In meinem Bemühen, die Welt ordnend zu verstehen, oder bescheidener, zu überschauen, erwiesen sich Listen oft als hilfreich. Auch bei den Manafonistas erscheinen regelmäßig Listen; allein heute morgen habe ich mehrere entdeckt: Michael erwähnt eine kleine Liste von Sologitarrenalben; Martinas „saucerful“ ist eine schöne Mengenangabe für eine Liste „of poems with a deliberately chosen chaotic structure“; Ian enthüllt eine Tafel mit der Liste der in Berlin entstandenen Alben David Bowies; Manafonistas zitiert Raylan Givens: „I once met a man who made model reconstructions of famous aviation disasters“, eine Liste im Maßstab 1:50 o.ä.; Lajla verrät, wo sie gern Leuchtturmwärterin wäre (zugegebenermaßen eine sehr kurze Liste, aber mathematisch gesehen ok); Ian ist zeitig dran mit dem Listenklassiker „Best of the Year“; und ich habe immerhin ein T-Shirt an mit dem Aufdruck „1982 Mixtape Championship“ – ist ein Mixtape doch nichts anderes als eine Cassette gewordene Liste zur Dokumentation der eigenen musikalischen Kompetenz, in der spontanen öffentlichen Wirksamkeit allerdings übertroffen von Gregors Jukeboxen, wo die Verortung auf der Liste der zu drückenden Titel vor Publikum stattfindet. Rolf Miller würde über die Liste vermutlich sagen: „ist immer“, und ein kurzer Blick in die Zeitung bestätigt dies: man erfährt, dass „Desert Islands Discs“ seit 40 Jahren einer der beliebtesten BBC-Sendungen ist, dass Peter Handke „11. Gebote“ sammelt, und dass ein paar Balken auf die Survival List eines Preppers (von „be prepared“) gehören. Dagegen ist meine heutige Einkaufsliste harmlos – auch wenn Handke den Tag ganz ohne Fernsehen und Geldausgeben lobt – und kaum der Veröffentlichung wert. Es bleibt offen, welche die erste der „Liste der Listen“ wird. Die Katastrophen- und Kriegsprepper haben gute Chancen. Oder ich vertraue „Duck and Cover“, der Atomschutzkampagne der 50er-Jahre in den USA, und stelle Günter Freunds „Schlagerskala“ vor. Weil sie so spät lief, habe ich sie heimlich unter der Bettdecke gehört.

2016 1 Aug

Wilder Engel

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Es war viel zu warm in dem Wartezimmer; draußen stand die Luft so still wie die Autos im Stau. Doch plötzlich flogen alle Fenster mit viel Lärm zu, und für eine kurze Weile heulte Wind ums Haus. Dann klingelte es, Mutter und Tochter kamen herein. Das Mädchen schlug sofort vor, ihren Erste-Klasse-Zeugnisspruch vorzulesen. Er lautete etwa so: „Wo ich gehe, wo ich stehe, stets weht mein Engel vor mir her.“ Die beiden passen gut zusammen. Hoffentlich bekommt der wilde Engel nie wegen Hyperaktivität Ritalin verschrieben. Abends habe ich nach Jahren Julee Cruise gehört; Musik: Angelo Badalamenti. Soviel zu den Engeln.

2016 28 Jun

Stolpern über CDs

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Es ist jedes Jahr dasselbe: soeben habe ich Version 8.5 meiner Lieblings-Musik-Software heruntergeladen, trotz aller guten Vorsätze, bis zur nächsten Musikmesse in Frankfurt auf Version 9.0 zu warten. Es ist noch lange bis Weihnachten oder Februar, und weil es sogar bis November so lang ist, erscheinen regelmäßig im Sommer die Manafonistas-CD-Halbjahres-Überblick-Listen – eine nie versiegende Quelle zuverlässiger Musiktips. Nun sortiert sich wahrscheinlich bei Michael alles bereits auf die nächsten Klanghorizonte hin; und bei einem verantwortungsbewußten Musikboxen-Vertreter wie Gregor erwartet man ohnehin eine von 1-100 durchnummerierte Ordnung im Basislager. Meine Liste dagegen entsteht beim Gang durch die Wohnung: von Küche bis Badezimmer suche ich aus Discmen, Computerschubladen, Wohnzimmeranlagen, Radioweckern und Ghettoblastern meine aktuellen CDs zusammen. Ich bin erstaunt, was ich alles gehört habe in den vergangenen Wochen. Bereits jetzt fest zu legen, welche CD Ende des Jahres auf welchen Platz kommen wird, erscheint mir schwierig. Deshalb bleibt meine sommerliche „toptwentyfive“-Liste unnummeriert:

CHARLES MINGUS: LIVE AT MONTREUX 1975, DVD (!): Sollte man mal vergessen, was Jazz ist, dann reicht es, dieses energiereiche Video einzulegen. (Es singt im Stil eines isländischen Fußballreporters: Saxophonist George Adams.)

Dagegen wirkt JOSÉ JAMES so smart, dass man ihm seine Behauptung nicht glaubt: YESTERDAY I HAD THE BLUES. Das ist bei fast allen Billie Holiday Tributes so.

Es gibt Holiday-Seelenverwandte, z.B. JEANNE LEE, deren 1961 erschienenes Album seinen Titel THE NEWEST SOUND AROUND zu Recht trägt; wegweisend auch Pianist Ran Blake.

Dagegen klingt WOLFGANG DAUNER auf der CD DAUNER & DAUNER mit seinen Stop and Go Kompositionen etwas kühl; vielleicht hätte er bei Sohn FLO und Fanta 4 mitspielen sollen.

Gefühlvoll KHATIA BUNIATISHVILI, piano solo – MOTHERLAND; doch Vorsicht: es gibt auch das Mutterland des 19.Nervenzusammenbruchs.

Auch YO-YO MA zieht es mutterwärts: SING ME HOME, vom SILK ROAD ENSEMBLE unaufdringlich begleitet auf der CD zum Film „The music of strangers“.

Ein Mixtape zum Thema WATER ist HÉLÈNE GRIMAUD gelungen; 8 Klavierstücke, romantisch bis zeitgenössisch, werden ergänzt durch musikalische Meditationen von NITIN SAWHNEY.

Schlicht SAXOPHONE heißt die CD von ASYA FATEYEVA, auf der sie wenig bekannte Saxophon-Kompositionen von F. Decruck, W. Albright, J.-D. Michat und J. Ibert vorstellt.

Ebenfalls selten zu hören sind die Cembalo-Konzerte von Gorecki und Geminiani. Höhepunkt von TIME PRESENT AND TIME PAST“ ist die Steve-Reich-Interpretation von MAHAN ESFAHANI: über 16 Minuten die Wiederholung einer einzigen Phrase. Das erfordert starke Nerven.

An Reich, Glass, Riley erinnert die Musik von MOONDOG, der Jahrzehnte lang in Wikinger-Kleidern an einer New Yorker Kreuzung stand und seine streng komponierten Musikstücke anbot.

Eine andere Großstadt, gleich dreimal vertreten: durch CHRISTIAN JOST mit seiner BERLINSYMPHONY, die sehr ruhig beginnt: um 4 Uhr in der Frühe…

… durch das Indie-Duo ME AND MY DRUMMER: LOVE IS A FRIDGE (zumindest ist das 1 Aspekt). Zur Musik kann man tanzen. Ich glaube, dass ich die erste CD des Duos noch mehr mag; …

… und durch WALLIS BIRD, in Berlin lebende irische Sängerin, deren CD YEAH einen Überblick über 7 Jahre Live-Dream-Pop gibt. Anspieltip: „Hardly Hardly“.

Die CD BRUTE von FATIMA AL QADIRI enthält auch tanzbare, eingängliche Musik; es bricht aber immer wieder eine gewalttätige Realität ein, etwa durch „a few troublemakers“ mit Pfefferspray und Dienstmarke.

KLANK bezeichnet sich als MusikAktionsEnsemble. Jeder der 4 Bremer Musiker spielt außer einem Instrument „Sachen“ – nicht leicht anzuhören, aber anregend und interessant.

Endlich mal wieder ein infomationshaltiges CD-Booklet. Alle Tracks von JOHANNES MOTSCHMANN’s CD ELECTRIC/FIELDS werden mit ihrem Entstehungsprozess vorgestellt

Der Grund des Erscheinens dieser CD auf der Sommerliste liegt darin, dass AKI RISSANEN sein Album AMORANDOM in Järvenpää / Finnland abgemischt hat. Es klingt nach Järvenpää – ich weiß es, denn ich war mal dort. PS: Der Flügel wurde von Juha Huotari gestimmt. Gut, dass jetzt auch die Klavierstimmer auf der Hülle auftauchen.

Bevor er so schöne elektronische Popmusik machte, war JAAKKO EINO KALEVI (dto. CD-Titel) Straßenbahnfahrer; gut vorstellbar, dass ihm die flaniertauglichen Melodien auf den Tramschienen Helsinkis eingefallen sind.

Meine Piano-CD des Jahres: BEAUTY & TRUTH, JOACHIM KÜHN NEW TRIO. Besonders überraschend Tracks 2 und 8 mit den Doors-Titeln „The End“ und „Riders on the Storm“.

Orgelstücke von Bach als Electronic-CD of the year; das weckt Erinnerungen an Wendy/Walter Carlos‘. 50 Jahre später hat sich der amerikanische Organist CAMERON CARPENTER eine Orgel mit allen ihm wichtigen weltweit gesampelten Sounds bauen lassen; erstmals zu hören auf ALL YOU NEED IS BACH. Natürlich ist es für den Musiker so bequem; aber ist es für den Hörer ein Gewinn, wenn die Originalinstrumente nicht mehr gespielt werden?

Beste Meditationsmusik: WHAT WAS SAID von TORD GUSTAVSEN, JARLE VESPESTAD und der deutsch-afghanischen Sängerin SIMIN TANDER, die Jazz mit Orientalischer Musik und etwas Meredith Monk verbindet.

Die Sparte „TomWaitsiana 2016“ bleibt noch unbesetzt. Es liegt mir einzig und allein die THEATERMUSIK von KANTE IN DER ZUCKERFABRIK vor; darin: The Black Rider.

Immerhin hat mich die Suche nach Tom Waits covers zu ANGELA MCCLUSKEY (CURIO) geführt; sie steht schon lange im Plattenschrank (1994). In ihrer Stimme ist etwas Billie Holiday dabei.

Ich muss auf ältere Aufnahmen ausweichen – die Plattenfirmen schicken immer noch keine Probe-Päckchen. Mein Sommerhit stammt aus dem Jahr 1998: 1,2,3 SOLEILS von TAHA, KHALED & FAUDEL. Seitenscheiben runter, Lautstärke voll auf, mit überwachten 30 km/h die Theo-Heuss (Stuttgarter „Party-Meile“) rauf und runter cruisen, wenn nicht gerade EM-Autocorso-Zeit ist (das wäre dann der Test für Katar).

Meine aktuelle No.1, erstmals mit einer Sopranistin: SIMONE KERMES – LOVE. Skurille Texte, eine unaufdringliche Stimme, Musik aus dem 16./17. Jahrhundert – einfach hinreissend schön. Wie wäre es damit mal auf der Theo-Heuss?

 

 
 
 

Gestern wäre der amerikanische Musiker, Komponist, Autor, Instrumentenbauer und Philosoph Moondog (= Louis Thomas Hardin) 100 Jahre alt geworden. Da ihm aber die Zahl 9 symbolisch von besonderer Bedeutung war, erschienen eine Festschrift und eine CD bereits vor einem Jahr zum 99. Geburtstag. Das Buch – herausgegeben von Arne Blum und Wolfgang Gnida (der auch die spannend informative Website „moondogscorner.de“ betreibt) – ist sehr schön aufgemacht mit vielen Fotos, Texten, Noten, einer Biographie, musiktheoretischen Beiträgen und persönlichen Erinnerungen. Moondog’s corner war lange Zeit die New Yorker Straßenkreuzung 6th Avenue und 52nd Street; dort stand er in einem Wikingerkostüm und verkaufte seine Musik, Lieder und Gedichte; wohl gab ihm als nach einem Lausbuben-Dynamit-Unfall Erblindeten die bekannte Gegend Sicherheit. Ein Fels in der Brandung, ein Riese mitten im New Yorker Verkehr, und mehrmals am Tag fährt Robert de Niro in seinem Taxi vorbei – so habe ich ihn mir vorgestellt, ohne YouTube, vielmehr wie immer gut versorgt mit (kurzen) Informationen von den Radiophon-istas um Achim Hebgen, Harry Lachner und Francis Gay. Die Sendung Radiophon gibt es schon ewig; es ist eine der seltenen am Mixtape-Prinzip orientierten, nicht spartengebundenen Sendungen – gewidmet, so der Untertitel, der Musik aus Klassik, Jazz, Rock und Grenzgebieten. Und in diesen Grenzgebieten bewegt sich die Musik von Moondog, unverwechselbar und immer auch etwas rätselhaft. Der Klassik entspricht das exakte Ausnotieren, das strikte Einhalten von Regeln (des Kontrapunktes, des Kanons, der Tonalität). Zur Improvisation erhält der ausführende Musiker keine Erlaubnis. An Jazz erinnert dagegen der oft akzentuierte Rhythmus, irgendwie swingend. Moondog beschäftigte sich auch mit der Musik der Indianer und baute Trommeln. Er war mit Musikern aller Genres befreundet. Auf Philipp Glass, Steve Reich und die minimal music hatte er wesentlichen Einfluss. Aber auch die Schattenseiten dieser Musik zeigten sich hier wie da: wird sie nicht abwechslungsreich dargeboten, wie dies auf der Jubiläums-CD gut gelungen ist, dann kann es auch mal langweilig oder gar nervtötend werden – wer einmal Michael Nymans Filmmusik ohne Film angehört hat, weiß was ich meine. Die vielen noch nicht aufgeführten Kompositionen warten nicht nur auf werktreue Aufführungen; man darf auf die Coverversionen gespannt sein, die entstehen werden. Das erste Moondog-Cover ist vermutlich „All is loneliness (before me)“ mit Janis Joplin und Big Brother and the Holding Company (unbedingt in der langen Version anhören). Mitten im Stück wandelte Janis Joplin den Text um: „No more loneliness before me“. Optimistisch. Moondog zeigte gemischte Gefühle: er ärgerte sich über nicht dem Original entsprechende Phrasierungen, zeigte sich aber über das Interesse des jungen Publikums an seiner Musik hoch erfreut. Bei moondogscorner.de gibt es ganz neu die Noten zur CD. Vielleicht ist Moodog mit 100 Jahren nicht mehr so streng – falls die Kompositionen das Klavier zum Swingen bringen.

2016 25 Mai

Zweitklassig

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Wenn ich an das 1. Manafonistas-Treffen auf Sylt vor ziemlich genau einem Jahr denke, dann fällt mir auch die Hotelbar mit Sky-Schild und den unbequemsten Hockern der Welt ein. Es war der letzte Tag der Bundesligasaison 2014/2015, an dem erst Minuten vor Schluss die Entscheidung über den Abstieg fiel. Wäre damals der VfB Stuttgart aus der 1. Liga geflogen, wäre meine Laune sicher das restliche Wochenende schwer erträglich gewesen. In diesem Jahr reichte eine Viertelstunde European Song Contest, um sicher zu sein: es gibt Schlimmeres als Fußball. Der Abstieg in die 2. Liga ließ mich kalt – abgesehen davon, dass das letzte entscheidende Spiel gegen die Mannschaft aus einer Stadt stattfand, in der höchstens drittklassige Autos gebaut werden – in Stuttgart ist bekanntlich alles erstklassig. So auch der Abgang; Stuttgart ist die bisher einzige Stadt mit 3 in 1 Saison abgestiegenen Profi-Fußballvereinen! Das konnte auch der grüne Oberbürgermeister mit seinem Dekret, der VfB müsse erstklassig bleiben, und seiner Analyse des Zusammenhanges zwischen Sport und Kaufkraft nicht verhindern. Immerhin trat der Präsident kurz entschlossen zurück; so bleibt es dem Verein erspart, den präsidialen Phantasien folgend eine Marke zu werden. Andere Nachrichten sind eher beunruhigend, legen sie doch nahe, dass alles beim Alten bleibt. Einer der ersten Beschlüsse nach dem Abschied aus der 1. Liga sicherte die Höhe der Managerbezüge auch für die 2. Liga. Sportlich wird der direkte Wiederaufstieg beschlossen. Dazu brauche man Trainer mit großer Bundesliga-Erfahrung. Ein Co-Trainer ist bereits gefunden: er hat die letzten 5 Jahre unter Berti Vogts in Aserbaidschan gearbeitet. Lajlas Worte für Hannover- und Stuttgart-Fans sind leider nicht angekommen. Ein schlechtes Zeichen? Ab morgen: mehr music, weniger beyond.

2015 12 Dez

Da rosa Mond

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Die Post von Andreas Bankhofer kam als Kommentar zu mundartlichen Tom Waits – Covers, die ich anlässlich des Erscheinens der ersten schwäbischen Variante im Vorabend-TV aus dem Plattenregal geholt hatte. Das war am 25.September; ich musste eine Pause einlegen, bin aber wieder da, während der singende Privatdetktiv Huck nach nur 8 Folgen (und die waren schon zu viel) wohl nie wieder in Erscheinung treten wird. Jetzt hoffe ich, dass der nachbarschaftliche Austausch mit den Hunden im Regen wieder in Gang kommt und zu Auftritten führt. Im Stuttgarter Laboratorium zum Beispiel, wo schon die Schweizer Waits-Szene auftrat (Claudia Benaglio, Die Kummerbuben), oder im Merlin (Rüdiger Frank), oder im etwas entfernten Nepomuk (Bukowski Waits For You). Wer weiß noch eine Lokalität, wo sich der doppelte Charme des Waitsschen Wiener Liedes entfalten kann? Um am 25.September anzuknüpfen, erlaube ich mir, Andreas Bankhofers Post (mitsamt der kongenialen Übersetzung von Grapefruit Moon* sowie dem Sound-Cloud-Link zu den hundimregen) aus dem Halbdunkel der Kommentare ans Licht zu schieben.

* Meine Lieblingszeile des Grapefruit Rosé Mondes ist diese:

„spiast net wos i gspia?“

 

 
Andreas Bankhofer, Sonntag, 27. September 2015 um 22:25

 

Lieber Wolfram,
 
das ist aber nett, dass du uns erwähnt hast – d Hund im Regn – und positiv auch noch … Die angekündigte Platte ist leider wirklich noch nie ofiziell rausgekommen – hab alle Aufnahmen fertig – wollt aber dass ein Management das raus bringt – hab das Studio eh schon selber bezahlt – na ja… Wer die Aufnahmen hören will –> https://soundcloud.com/hundimregen/sets/waits-fia-wean
Ich hab mich bemüht aus den Songs vom Herrn Waits Wienerlieder zu machen – und das funktioniert erstaunlich gut … Soll ma mal bei euch in Deutschland spielen? Wenn du denkst das tät wo passen … Gib mir einen Tip – wir sind zu jeder Schandtat bereit – wir täten uns freun … Schau ma mal … Wenn jemand eine (Vorab)CD haben will – Gern –> über –> andychow.eu
 
Alles Liebe für dich und den Rest unserer Nachbarn – Andreas

 

Weilst kein Textbeispiel hast – schick ich dir eins (gleich mit Übersetzung):
 
Da rosa Mond
(Grapefruit moon)

Da rosa Mond, a Sterndal blinslt,
(Der rosa Mond, ein Sternchen blinselt)
blinslt hea zua mia
(Es blinselt zu mir)

I hear des Liad do, I heu und I winsl,
(Ich höre dieses Lied, ich weine und winsle)
spiast net wos i gspia?
(Spürst du nicht was ich spüre?)

Weu imma wonn is hea des Liadl
(Denn immer wenn ich dieses Lied höre)
Bricht in mia wos zom
(Bricht in mir etwas zusammen)

Da rosa Mond, des Sterndal blinslt,
(Der rosa Mond, das Sternchen blinselt)
mea ois I vagroftn ko
(Mehr als ich verkraften kann)

I woa danebn, hob net gwusst wos longgeht,
(Ich war neben der Spur, habe nicht gewusst wie es weiter geht)
hob nix checkt, hob ois vasamt
(Habe nichts verstanden, habe alles versäumt)

Oba donn bist du kumman, und host ma ois sche grodgricht,
(Aber dann kamst du, und hast mir alles geradegerichtet)
Nua wos des kost hod, echt, vadommt
(Nur was das kostete, wirklich, verdammt)

Und imma wonn is hea des Liadl
(Und immer wenn ich dieses Lied höre)
Bricht in mia wos zom
(Bricht in mir etwas zusammen)

Da rosa Mond, des Sterndal blinslt,
(Der rosa Mond, das Sternchen blinselt)
mea ois I bockn ko
(Mehr als ich tragen kann)

A Viadl rot, 2 weiße Spritza,
(1/4 Rotwein, 2 Weiswein mit Soda)
I suach was fia mei Gspia
(Ich suche etwas für mein Gespür)

Oba mir gehts ois wia an Stean im Wödoi,
(Aber mir geht es wie einen Stern im Weltall)
mi straats, i kolapia
(Ich falle, und kolapiere)

Wö imma wonn is hea des Liadl
(Denn immer wenn ich dieses Lied höre)
Hauts mi in d’ Breduin
(Bringt es mich in eine Bredouille)

da rosa Mond, des Sterndal blinslt,
(Der rosa Mond, das Sternchen blinselt)
Ois ondre is faluan
(Alles andere ist verloren)

Ein wunderschönes Liebeslied – …
 
Alles Liebe – Andreas


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