Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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2017 24 Sep

Froher Herbst

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Die Verlängerung der pränatalen Adventszeit

 

Jedes Jahr kurz nach den Sommerferien Mitte September beginnt die Weihnachtszeit. Das habe ich von einem meiner Klavierschüler, die meine Musikinstrumente finanzierten, gelernt. Für ihn war es wichtig, der Erste zu sein, der Lebkuchen und Schokonikoläuse mitbrachte und damit den Unterricht sabotierte. Wir aßen alles auf, unterbrochen nur von seiner eindeutig gespielten Entrüstung, es sei doch noch nicht einmal Advent. War es aber doch irgendwie, denn es wurde höchste Zeit, mit dem Einüben von Weihnachtsliedern zu beginnen, die an Heiligabend zu präsentieren waren.

Das erwarteten die Eltern wie mein Schüler die Lebkuchen. Gefürchtet war besonders die Großmutter, die jedes Jahr pünktlich unterm Baum saß. Der Grund für die recht frühe Vorbereitung des Weihnachtsrepertoires war, dass sie bei jedem Fehler laut nach einem da capo verlangte und dadurch die Bescherung bis ins Unerträgliche verschob, was den mühsam ausgehandelten Kompromiss über den friedfertigen Ablauf des Abends ernsthaft gefährdete. Der Bericht über die Rezeption des Weihnachtskonzertes gehörte jedes Jahr zur ersten Klavierstunde im Januar; ich spendete Trost mit dem Hinweis, wir könnten froh sein, nicht so eine postnatal weihnachtssüchtige Tante zu haben wie Heinrich Böll sie beschrieben hat.

Vielleicht bin ja auch ich von Weihnachtszwängen beherrscht; obwohl ich seit Jahren keinen Klavierunterricht mehr gebe, komme ich im September nicht an Aldi oder Lidl vorbei, ohne nach Weihnachtswaren Ausschau zu halten. Ich kaufe dann extra was anderes und fühle mich für kurze Zeit frei. Ich komme aber dann nicht drum herum, anstatt schleunigst mit der Manafonistas-Jahresliste zu beginnen, zuerst das alljährliche Weihnachtsmixtape fertig zu stellen. Zur weiteren Einstimmung dazu bestelle ich etwas aus dem pünktlich am 15.9. im Briefkasten liegenden Lebkuchenkatalog aus Nürnberg, der von der Aufmachung her voll auf Weihnachten macht, ohne freilich das W-Wort auch nur ein einziges mal zu erwähnen. Heuer bestelle ich 2×12 Fläschchen aus Schokolade, gefüllt mit bekannten Spirituosen. Das hilft über den verlängerten Advent hinweg und verweist auf Silvester.

Das 2017-er Weihnachts-Mixtape scheint mir besonders gelungen zu sein, vereint es doch angemessene Stimmung, dinner-geeignete Dynamik, perfekte Übergänge, geschmackvolle Auswahl und eine kleine Portion Ich-kenne-mich-aus-mit-Musik-Besserwisserei – wie sich das für ein gutes Mixtape gehört.

Es beginnt mit dem Instrument der weihnachtlichen Fußgängerzonen: der Blockflöte, hier geblasen von Moondog, dem Pionier der Minimalmusiker. Ergiebig ist die CD „Himmelslieder“ (von Poulenc, Britten, Pärt und Kaminsksi; mit dem SWR Vokalensemble). Dazu ein Ausschnitt aus Paul Hindemiths Oper „Das lange Weihnachtsmahl“ über die Eskalation der Unterhaltung vor dem Christbaum. Jazzbeiträge liefern die vor kurzem verstorbene Pianistin Geri Allen und Carla Bley (mit Steve Swallow und dem The Partyka Brass Quintett) jeweils aus dem Repertoire einer ganzen Festtags-CD. Wenn noch etwas World Christmas dazu gemixt werden soll, dann empfiehlt sich stets als zuverlässig gute Quelle eine CD der „rough music guides“. Besonders erwähnt werden soll das entsprungene Ros in der extrem langsamen Version von Jan Sandström, die Bugge Wesseltofts vom Schnee berieseltes Klavier wie ein fliehendes Pferd (A flying ross) erscheinen läßt. Den Platz von „Last Christmas“ nimmt diesmal Nick Lowe mit „Christmas at the Airport“ ein.

Die Abschlussworte stammen von Ernst Jandl (Auszug):

 

„Machet auf den Türel, machet auf den Türel!
Dann kann herein das Herrrel. Dann kann herein das Herrrel.
Frohe Weihnacht! Frohe Weihnacht!
Und ich bin nur ein Hund.“

Manchmal sehe ich mir am Montagabend – und hierzu bitte keine Kommentare – einen der tatortalternativen Krimis im ZDF an. Sie heißen meist nach den Landschaften, in denen sie spielen, oder nach den Kommissaren, die in ihnen spielen, und manchmal ordnen sie sich dem Genre „Thrillerdrama“ zu, warum auch immer.

Der Film, den ich meine, war einer der der Landschaft gewidmeten und hieß Tod am Engelsberg, wenn ich mich richtig erinnere. Die Rollen waren mit Schauspielern gut besetzt, die Handlung war etwas durchsichtig. Immerhin wurde in letzter Minute noch ein letzter Verdächtiger als letzte falsche Fährte eingesetzt: der Dorfkneipenwirt, von Michael Fitz authentisch dargestellt, so dass man sich ganz automatisch noch ein Woiza vor den Fernseher holt.

Auffallend waren die 4 Buttons an der Jacke des Wirts, die ich nicht erkennen und deren Botschaft ich somit nicht verstehen konnte. Da aber das T-SHirt vermutlich nicht einfach zufällig am Set rumlag, darf man ihm wohl Bekenntnischarakter zuschreiben – der Wirt ist Jimi-Hendrix-Fan, der Schauspieler ist auch Gitarrist und Sänger, weit entfernt von Hendrix freilich, akustisch und bayrisch (wie musikalisch das Bayrische klingt!), solo oder mit sehr einfühlsamer und unaufdringlicher Begleitung. Ich habe mich erstmal im Netz umgeschaut – alle Lieder mag man gleich mehrmals hören, was zum Verstehen der Texte auch notwendig ist; „Des isch des“ und „Hoam“ ist was vom Leichteren.

Der Tourkalender von Michael Fitz reicht bis ins Jahr 2020; er liest sich wie das Adressbuch der mehr oder weniger unabhängigen Kultur-Häuser-Fabriken-Wassertürme-Keller-und-Zentren. Wer hätte sich das vor 40 Jahren in den Jugendzentrum-Inis träumen lassen! Auch wenn sich viele wegen der aktuellen politischen Entwicklungen Sorgen machen, stimmen mich all diese kreativen Orte zuversichtlich.
 
Hier eine kleine Auswahl (alle Termine im Internet):

 

Uslar, Kulturbahnhof
Bönnigheim, Kulturkeller
Berlin, Ufa-Fabrik
Wetzlar, Kulturstation
Hockenheim, Pumpwerk
Würzburg, Bockshorn
Meerbusch, Wasserturm
Leipzig, Anker
Gilching, Kulturmoni
Bochum, Schauspielhaus
Sylt, Kursaal 3
Stuttgart, Rosenau

 

Ich komme am 5.9.2018 zum Konzert auf Juist.
Versprochen.

2017 26 Jul

Trimpele, Trampele

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Noch mehr singende Tatort- und Polizeiruf 110-Kommissare und -Kommissarinnen
 
 
Es fing mit Paul Stöwer (Manfred Krug) und Brocki Brockmüller (Charles Brauer) an und wurde zum Massenphänomen: Tatort – Kommissare lieben es offensichtlich zu singen, entweder bei einer Fahndungspause im Film oder im anderen Leben auf der Bühne oder im Club. Meine nicht verifizierte These heißt: keine andere Berufsgruppe singt so viel wie die Tatort-Kommissare. Außer vielleicht Cowboys. Auf keinen Fall Serienärzte. Irgendwo in den Archiven der Manafonistas befindet sich eine Liste mit ca. 20 singenden Tatort-Kommissaren. Nun wird es Zeit für eine Ergänzung. Nebenbei: Polizeiruf 110 wird dem Tatort gleichgestellt.

Den kürzesten Beitrag zu dieser Sammlung hat das neue Dresdner Team (Lessing / Dorn) geleistet: das a capella vorgetragene Doldinger-Intro zum Tatort dauert nach kurzer Diskussion etwa 7 Sekunden. Da wird es noch hektischer als in echt, wenn der Flaschenöfffner noch gesucht werden muss oder jemand gerade jetzt die Diskussion anfängt: darf bei der derzeitigen Weltlage und bei diesem Wetter und überhaupt Tatort noch geguckt werden? Schnauze! Ja! Ruhe jetzt!

Nora Tschirner (Kira Dorn) hat Banderfahrung; von 2012-2015 war sie Mitglied der Gruppe „Prag“, die stilistisch an Element of Crime erinnert – und ohne die Strenge und Dominanz transportierende männliche Stimme vielleicht sogar an Julee Cruise. Mut und Eigenständigkeit wünscht man ihr auch im Tatort Weimar, dessen Debut ganz witzig war. Für das in Tübingen kursierende Gerücht, Nora Tschirner sei auch bei Konzerten der Randgruppen-Combo zur Erinnerung an den DDR-Liedermacher und Baggerführer Gundermann dabei gewesen, konnte ich keine Belege finden.

Carlo Menzinger (Michael Fitz) brauchte 17 Jahre und eine Erbschaft, um sich von den mobbenden Kollegen Ivo Batic (Miroslav Nehmet) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) zu befreien. Fitz und Nemec treten häufig als Sänger / Musiker auf, Wachtveitl durfte beim Presseball mal mitsingen.

Matthias Brandt (Hanns van Meuffels), der nur noch wenige Male im Polizeiruf 110 dabei sein wird, hat ein kleines Buch über seine Kindheitserinnerungen geschrieben: zurückhaltend, das politische Geschehen in Bonn aus Kindersicht schildernd, ironisch und mit Sinn für Magie, etwa wenn es darum geht, einen angezündelten Vorhang zu beschwören. Aber es geht ja um Musik: die liefert der Musiker Jens Thomas mit seinen ergänzenden Erinnerungen auf der CD „Memoryboy“. Bei 2 Liedern singt Matthias Brandt mit.

Die Berufung von Meret Becker zur Tatort-Kommissarin Nina Rubin in Berlin gehört sicher zu den besseren Personalentscheidungen der ARD, zumal Meret Becker den neuen Job ernst zu nehmen scheint und die in ihren früher eher hingehauchten Liedern präsentierte Kindlichkeit überwindet. Auch die Stimme ist größer und erwachsener geworden, wie etwa bei Leonhard Cohens Seniorenhymne Dance me to the end of love eindrücklich zu hören.

Das Video mit Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) ist höchst dramatisch – fast ein kleiner Tatort für sich. Bei einer Observation vertreiben sich die beiden die Zeit damit, ein Lied von den Sportfreunden Stiller zu singen, und zwar die Rap-Romanze „Es muss was Wunderbares sein, von mir geliebt zu werden“ (wobei die Sportfreunde, vom dir zu mir, einen wichtigen Konsonanten des Originals verändert haben.) Dann geht es actionmäßig wild zu im Weißen Rössl am Wolfgangsee; er liegt im Sterben, sie wird hysterisch, man weiß nicht, was schlimmer ist.

Ernst Bienzle (Dietz-Werner Steck) gehört zu den Schwaben, die zum Lachen in den Keller gehen und dann Ärger mit dem Hausbesitzer bekommen wegen der Treppenabnutzung (Original-Tatort-Thema). Umso mehr ist man überrascht, wenn Bienzle in der Stuttgarter Markthalle plötzlich zu singen beginnt:
 

„Solang ich leb auf Erden,
sollst du mein Trimpele-Trampele sein,
und wenn ich einst gestorben bin,
dann trampelst hinterdrein.
Fiderullarulla rulla la la la.“

(5.Strophe des Liedes „Wohlan, die Zeit ist kommen“; aus: Des Knaben Wunderhorn)

 
Auch wenn der Zusammenhang mit der Festnahme eines offensichtlich behinderten jungen Mannes seltsam anmutet, so ist und bleibt das Lied ein Kleinödle deutscher Dichtkunst.

Mehr lieben wir freilich Ringelnatz – nur nicht, wenn jemand seine Gedichte so distanziert, fast gelangweilt vorträgt wie Devid Striesow (Jens Stellbrink) dasjenige mit dem Titel „Der Briefmark“:
 

„Ein männlicher Briefmark erlebte
Was Schönes, bevor er klebte … .“

Ringelnatz wäre dagegen was für Marie Gruber (Rosamunde Weigand, Kriminaltechnikerin), die seit einigen Jahren im Ensemble „Bukowski Waits For You“ mitwirkt und auf Berlinerisch Texte dieser beiden und von Knef, Lindenberg u.a. vorträgt.

Wer nach all den prominenten singenden Kommissaren des gehobenen Dienstes zwei uniformierte singende Streifenpolizisten begleiten möchte, der ist mit diesem Video gut bedient: „Atemlos durch die Nacht“ aus dem Polizeifunk.

Das ist auch die Überleitung zum letzten Tip: im Til-Schweiger-(Nick Tschiller-)Tatort „Der große Schmerz“ wechselt Helene Fischer die Genres andersrum vom Gesang zur Schauspielerei. Dunkel gekleidet und mit schwarzen Haaren ist sie nicht gleich zu erkennen: sie entführt Frau und Tochter von Nick Tschiller, darf sich dabei ein bißchen prügeln und gehört eindeutig zu den Bösen – oder nicht?
 
Ein kleiner Nachtrag: nicht alle musikalischen Kommissare singen. Maximilian Brückner (Franz Kappl) spielt Tuba.

Auch wenn die Zeitung noch täglich auf der Türschwelle liegt, so erreichen einen die schlechten Nachrichten meist übers Internet, zum Beispiel über die aufdringlichen Startseiten der Browser, derer man sich kaum erwehren kann. Man liest viel Unnötiges, müllt sich das Kurzreitgedächtnis mit Belanglosem zu, und dann fällt dir eine Überschrift wie diese auf – und dein Leben hat sich verändert.

Am 21. Juli 2017 hieß eine solche Meldung: „Sängerin stirbt während ihres Konzertes.“ Todesursache: Herzstillstand, wahrscheinlich im Zusammenhang mit einem elektrischen Stromschlag, vielleicht wegen der Gewitter in der Gegend, die an diesem Abend mehrfach zu Problemen mit der Stromversorgung führten; vielleicht kam noch dazu, dass die Sängerin barfuß auf ein defektes Kabel trat.

Barbara Weldens aus dem Herault wurde nur 35 Jahre alt. Ihre Karriere als Musikerin hatte erst vor einem Jahr so richtig begonnen, verlief dann aber rasant: sie bekam mehrere bedeutende Chanson-Preise verliehen, veröffentlichte ihre erste und einzige CD „Le grand H de l’homme“ im Februar 2017 und hatte eine große Sommertournee durch Frankreich vor sich.

Eine Station – die ungeahnt letzte – war das mittelalterliche südfranzösische Städtchen Gourdon-en-Quercy, wo jedes Jahr das Festival Léo Ferré in der gotischen Église des Cordeliers stattfindet. Es ist ein ruhiger Ort, der den 100-jährigen Krieg ebenso wie den Einmarsch der deutschen Wehrmacht überstanden hat, auf einem Hügel gebaut, mit weitem Blick in das Land, mit engen Gassen und vielen Kirchen. Ein Ort zum Sterben? Inmitten von Musik? Schnell, ohne nachdenken zu können oder zu müssen, und ohne zu leiden? Und gleich das nächste Klischee: was für eine Verschwendung von Talent und Kreativität! Wie viele glückliche Momente hätte sie ihren Fans, ihren Freunden noch geben können!

Der innige Kontakt zum Publikum ist selbst auf den kleinformatigen YouTube Videos zu spüren. Barbara Weldens war in einem Wanderzirkus groß geworden, jonglierte und arbeitete am Trapez. Später gründete sie mit ein paar Freunden den Circo Solo, den man in einer Besetzung von 1-4 Artisten und 1-3 Hunden für Straßenfeste und Kindergeburtstage engagieren konnte.

Anders als der meist stille Léo Ferré zeigte sich Barbara Weldens extravertiert, emotional offen, lebhaft, extrem ausdrucksfähig, mal leise, mal laut, beheimatet in der Tradition des französischen Chansons und „beyond“, mit einer wandlungsfähigen Stimme und einer Mimik und Gestik, die an Jacques Brel erinnert. Die erwähnte CD ist gelungen; man kann sie ergänzen durch ein paar technisch professionelle Video-Clips.

2 Tage lang lief hier Barbara Weldens Musik. Ich habe meine Zweifel, ob sie wirklich tot ist.
 
 

Barbara Weldens – „Purple Room“

 

Nun hat also auch für den schwarzgelben Fan unter und in uns die Fußballsaison noch happy geendet, nachdem bereits letzte Woche Hannover auf-, Stuttgart glanzvoll auf-, Düsseldorf nicht abgestiegen sind. Aber wieso wurde Helene Fischer in der Halbzeitpause in Berlin ausgepfiffen? Ich dachte eher, dass es gemeinsame Schnittmengen o.ä. bei den Fanclubs gibt. Freddy Bobic, früher Stuttgart, jetzt Frankfurt, immer gern mehr Äffle als Pferdle, hatte eine Erklärung parat: „Weil wir Fußball spielen und die wahren Fans des Fußballs haben da in der Halbzeitpause keine Lust drauf.“ Geht es also um ein Stück Leitkultur: wir singen, wenn wir gefragt sind (gell, Herr Özil? Und laut wie Buffon)!“ Auch Anastacia bekam den Unmut der „Fans des Fussballs“ zu spüren, als sie zum Ende der Saison im Münchner Stadion in der Halbzeit nicht zu leise, aber zu lang sang; das Spiel wurde mit einer Viertelstunde Verspätung wieder angepfiffen. In Stuttgart ist für Verspätungen kein Star zuständig, sondern der Stadionwirt. Der ist bei jedem Heimspiel aufs Neue überrascht, dass nach 45 Minuten Pause ist, und beginnt, die Würste auf den Grill zu legen … Wahrscheinlich hängt eh alles mit den Würstchen zusammen: wer kann schon mit einer Wurst in der einen, einem vollen Pappbecher in der anderen Hand auf die Eins klatschen? Da hatten es die Stuttgarter mit ihren Aufstiegspartygästen DIE FANTASTISCHEN VIER besser: die Fäuste kann man auch mit Roter Wurst und Bier in die Luft strecken, vorausgesetzt, man hält die Wurst ganz fest und den Pappbecher eher weniger fest umklammert.

Man hat ja in diesen Zeiten auferstandener faschistischer Archetypen viel auszuhalten an Tagesschaubildern, einschlägigen Talkshows und anschließenden aufgeregten Diskussionen vor dem Fernseher. Sogar die Holländer bekamen den Nazi-Vorwurf angehängt, obwohl sie eigentlich Opfer und Gegner der Nazis waren. So nahm ich es als glücklich spät Geborener auch stellvertretend hin, wenn einem in den Siebzigern trotz Rudi Carrell in Amsterdam irgendwas mit Nazi hinterher gerufen wurde. Den Schweizern der 80er Jahre sah ich das nicht nach; ich war sehr irritiert, ausgerechnet von 2 jugendbewegten Züricher Punks als Deutscher und Nazi beschimpft zu werden. Mein Kriegsverbrechen: ich hatte keine Zigaretten dabei. Überhaupt war ich bei diesem Zürichaufenthalt mehr und mehr Mark Twains Meinung, die Schweizer seien ein kleines zänkisches Bergvolk. Unvergessen, wie mich der Führer eines öffentlichen Linienbootes auf einer einsamen Insel im Zürichsee aussetzte, nur weil ich darauf bestanden hatte, eine am Ufer erstandene Schüblig-Bratwurst an Bord in Ruhe aufzuessen statt sie in meine Hosentasche zu schieben. Wer ist hier Nazi, wer Opfer, wer Antifa? Eine Pegida-Demo kann ich auch bei ausgeschaltetem Ton von einer Kundgebung arbeitsloser spanischer Jugendlicher unterscheiden. Fußballfans machen mir keine Angst; als aber einem 12-Jährigen, der zu Besuch in Stuttgart weilt, wegen seines falschen Schals „Dich zünd’ ich an!“ hinterhergeschrien wird, fällt mir Wilhelm Reichs Buch „Die Massenpsychologie deś Faschismus“ ein. Die Masse macht Angst; die Masse gibt Geborgenheit. Sie macht Angst, weil sie Geborgenheit gibt, völlig unabhängig von den Inhalten. Ob ich bei Helene Fischer auf die 1 klatsche oder bei den Bots (grüne Landsleute von Heintje) auf die 2 aufspringe und in lustigem Dialekt „Upstan!“ gröle, bedeutet beides die Aufgabe der eigene Persönlichkeit. C.G. Jung, wohnhaft am o.g. Zürichsee, war von der Masse fasziniert, wie Luis Trenker oder Leni Riefenstahl. Und an dieser Stelle der Diskussion bringe ich stets Alphonse Mouzon ein. Das verwundert, aber ich kann mich auf Joachim Ernst Berendt berufen, und damals waren Päpste noch unfehlbar. Nur Freund Dr. Music widersprach. Das könne nie und nimmer sein, dass Berendt diesen sensiblen, seine Burg aus Schlagwerk so individuell bedienenden Musiker des Faschismus’ bezichtigt habe. Ich bin durch Dr. Music sonst leicht zu verunsichern, besonders wenn er sein Tablet aus der Jackentasche zieht. Aber diesmal war ich mit dem Original-Buch „Ein Fenster aus Jazz“ schneller: auf Seite 272 findet man ohne Angaben zur Erstveröffentlichung den Artikel „Die neue Faschistoidität in Rock, Jazz und überall“. Überall – das ist da, wo sich das Schöne, Starke, Gesunde, Mächtige über das Andere erhebt und dieses zu vernichten trachtet. Dies aber Musikern wie Jan Garbarek, John McLaughlin oderr Keith Jarrett zu unterstellen, nur weil sie „schön“ spielen, ist nicht angebracht; Dr. Music wunderte sich kurz und bestand darauf, nun die Stelle mit Mouzon präsentiert zu bekommen. Doch der war in dem ganzen Aufsatz nicht zu finden. Seither bin ich auf der Suche – rechts oben auf einer ungeraden Seite war ein Foto von Mouzon abgedruckt. Erinnert sich jemand daran oder an die Debatte, die damals sicherlich stattfand? „Joker“!

2016 6 Dez

Top Twenty 2016

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01 Lucinda Williams – The Ghosts of Highway 20 (Thirty Tigers)
02 Hannah Epperson – Upsweep (listenrecords)
03 Hélène Grimaud – Water (Deutsche Grammophon)
04 Glauco Venier – Miniatures (ECM)
05 Brian Eno – The Ship (Warp Records)
06 Joachim Kühn New Trio – Beauty & Truth (ACT)
07 Michael Wollny Trio in Concert – Klangspuren (ACT)
08 Tord Gustavsen – What was said (ECM)
09 Asya Fateyeva – Saxophone (Deutschlandradio u.a.)
10 Robert Glasper & Miles Davis – Everything is beautiful (Sony)
11 Johannes Motschmann – Electric Fields (Neue Meister)
12 Wolfgang Rihm – Two Other Movements (SWRmusic)
13 Christian Jost – Berlinsymphonie (Neue Meister)
14 Meredith Monk – On Behalf of Nature (ECM)
15 Pelle Gudmundsen-Holmgreen – Green Ground (Dacapo)
16 Roisin Murphy – Take her up to Monto! (Play It Again Sam)
17 Me And My Drummer – Love is a Fridge (Sinnbus Bln)
18 Fatima Al Qadiri – Brute (Hyperdub)
19 The Tiger Liliies & Cole Porter – Love for Sale (opera north
20 Masabumi Kikuchi – In Concert (ECM)

 

zu 01 – Bill Frisell, g
zu 08 – mit Simin Tander und Jarle Vespestad
zu 15 – Kronos Quartett, Theatre of Voices, Paul Hillier in Concert

 

Bis vor Kurzem musste man mich überreden, in eine Country-CD auch nur reinzuhören – das Lucinda Williams-Doppelalbum lief dann bis zum Schluss mit gemischten intensiven Gefühlen durch (einen ähnlichen Effekt hatte der Film „Winter’s Bone“, der zwei Seiten der „ländlichen Gebiete“ der USA zeigt). Auf Platz 1 hätten die Nummern 2-7 genausogut stehen können, z.B. die Loop-Artistin Hannah Epperson. Ansonsten viel Piano-Musik, eher ruhig. Black music fehlt fast völlig, ganz anders als ich es selbst eingeschätzt hätte; da muss ich ich bei den anderen Manas mal umschauen. Auch kein Tom Waits, obwohl der Tip „Vert – The Days Within“ gut war (aber leider von 2015, Michael hätte das gemerkt).

2016 4 Dez

Song of the day

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The Brodsky Quartet & Elvis Costello – „My Mood Swings“

 

Es gibt Tage, die sind so grau, dass man mittags nicht mit Sicherheit sagen könnte, ob man die Rollläden schon hochgezogen hat oder nicht. Das sind die Tage, an denen einem Lieder wie dieses begegnen, glückliche Tage …

 

A
 
John Cage – Waltz
The Beasts of Bourbon – Flat Hat
Joni Mitchell – Lakota
William Borroughs / Oregon – Playground in Nuclear Winter
Billie Holiday – Moonlight in Vermont
Filmmusik aus „Mississippi Burning“
Quincy Jones – Back on the Block
Dexter Gordon in „Round Midnight“
Ralph Moore – My One and Only Love
Hal Wilmer’s Disney Project
Filmmusik aus „Sea of Love“
Kurt Weill / Tom Waits – What keeps mankind alive
The Klezmatics – Bei mir bist du schön
Isabella Rosselini – Blue Velvet
Robert de Niro in „Taxi Driver“
Prince – Joy in Repetition
Arthur Honegger – Union Pacific
Janis Joplin – Mercedes Benz
Moondog – Loneliness before me
Steve Reich – Different Trains
 
 
B
 
Samuel Barber – Adagio for Strings
Albert Collins – Iceman
„Min singt seine Sehnsucht“ (Vietnamesisches Kinderlied)
Arrested Development – Man’s Final Frontier
Miles Davis – Duke Booty
Kronos Quartett – Purple Haze
Laurie Anderson – O Superman (Live in Stuttgart)
Antonin Dvorak – Aus der Neuen Welt
Chris Isaac, aus „Wild at Heart“
The Eagles – Hotel California
Johnn Phillip Sousa – Wave the Flag
Gil Evans – What a Show!
Napalm Death – You suffer
George Crumb – Music for a Summer
Flaming LIps – What a Wonderful World
Fania Allstars – Salsa
Dreamwarriors Album
 

2016 29 Aug

Listen, please

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In meinem Bemühen, die Welt ordnend zu verstehen, oder bescheidener, zu überschauen, erwiesen sich Listen oft als hilfreich. Auch bei den Manafonistas erscheinen regelmäßig Listen; allein heute morgen habe ich mehrere entdeckt: Michael erwähnt eine kleine Liste von Sologitarrenalben; Martinas „saucerful“ ist eine schöne Mengenangabe für eine Liste „of poems with a deliberately chosen chaotic structure“; Ian enthüllt eine Tafel mit der Liste der in Berlin entstandenen Alben David Bowies; Manafonistas zitiert Raylan Givens: „I once met a man who made model reconstructions of famous aviation disasters“, eine Liste im Maßstab 1:50 o.ä.; Lajla verrät, wo sie gern Leuchtturmwärterin wäre (zugegebenermaßen eine sehr kurze Liste, aber mathematisch gesehen ok); Ian ist zeitig dran mit dem Listenklassiker „Best of the Year“; und ich habe immerhin ein T-Shirt an mit dem Aufdruck „1982 Mixtape Championship“ – ist ein Mixtape doch nichts anderes als eine Cassette gewordene Liste zur Dokumentation der eigenen musikalischen Kompetenz, in der spontanen öffentlichen Wirksamkeit allerdings übertroffen von Gregors Jukeboxen, wo die Verortung auf der Liste der zu drückenden Titel vor Publikum stattfindet. Rolf Miller würde über die Liste vermutlich sagen: „ist immer“, und ein kurzer Blick in die Zeitung bestätigt dies: man erfährt, dass „Desert Islands Discs“ seit 40 Jahren einer der beliebtesten BBC-Sendungen ist, dass Peter Handke „11. Gebote“ sammelt, und dass ein paar Balken auf die Survival List eines Preppers (von „be prepared“) gehören. Dagegen ist meine heutige Einkaufsliste harmlos – auch wenn Handke den Tag ganz ohne Fernsehen und Geldausgeben lobt – und kaum der Veröffentlichung wert. Es bleibt offen, welche die erste der „Liste der Listen“ wird. Die Katastrophen- und Kriegsprepper haben gute Chancen. Oder ich vertraue „Duck and Cover“, der Atomschutzkampagne der 50er-Jahre in den USA, und stelle Günter Freunds „Schlagerskala“ vor. Weil sie so spät lief, habe ich sie heimlich unter der Bettdecke gehört.


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