Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Autoren-Archiv:

Was haben Sex, Musik, Meditation, im Gleichschritt marschieren, Depression und Demenz gemeinsam? Sie sind neurophysiologisch mit einer verlangsamten gleichsinnigeren Hirnaktivität verbunden, einem Modus, der für unser Gehirn offenkundig seit Jahrtausenden ein höchst wichtiger Attraktor ist. Aber deshalb empfinden noch längst nicht alle Freude daran: was des Einen Lust ist, ist des Anderen Horror vacui! Wobei es durchaus einen wichtigen Unterschied zu machen scheint, ob jemand diesen Zustand aktiv und erfahrungsoffen ansteuert (wollen kann man ihn scheinbar nicht) oder krankheitsbedingt einfach reinrutscht.

In angenehm lässiger Schreibweise begeben sich die Autoren auf eine Reise durch Philosophie, Neurowissenschaft (die eher beiläufig vermittelt wird und nicht unbedingt vorausgesetzt wird), Psychopathologie (Epilepsie, Depression und Demenzen) bis hin zu den Tätigkeiten, die in einem intendiert positiven Verhältnis zur Leere stehen: Neurofeedback und die Stille beim Meditieren, Reizdeprivation und das Floaten in Isolationstanks, der Flow beim musizieren und Musik hören und nicht zuletzt dem Ansteuern des Orgasmus, der von einigen Neurobiologen für die stärkste Triebfeder der Sehnsucht des Gehirns nach Leere gehalten wird. Der Beweis dafür steht aber leider noch aus …

Zumindest zeigen die Autoren auf, dass die bewertenden und handlungssteuernden Areale von der sensomotorischen Verarbeitung im Zustand der zunehmenden Leere im Kopf abgekoppelt werden und auch das für Gefahrenmeldung zuständige System heruntergefahren wird. Die Eigenwahrnehmung wird reduziert und bald entsteht im bewertungsarmen bis -freien Modus des Gehirns eine Entleerung des Ichs – es kann nicht länger verborgen bleiben, dass auch dieses nicht mehr als ein Konstrukt des Gehirns ist. Während der Zen-Mönch am Ziel seiner Aktivitäten angekommen zu seien scheint oder der Musiker einfach nur befreit und glücklich in Flow spielt, nimmt der Wegfall bedeutsamer Objekte und Beziehungen beim Depressiven oder Dementen schnell bedrohliche Dimensionen an. Denn wer die Leere fürchtet, leidet eher unter ihr.

Im Vermitteln von Wissen um diese Zustände und den Umgang damit wird dieses Buch ein kleiner Reiseführer durch eine vernachlässigte, aber außerordentlich wichtige Funktionsweise unseres Gehirns und vielleicht auch einiger Regionen jenseits davon. Denn, wie schon Albert Einstein sehr vorausschauend anmerkte, kann man Probleme niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind. Vielleicht hilft hier eine echte Pause der Stille, der Reset durch die gelegentliche Erfahrung einer Leere im sonst so überfüllten Kopf?

Zur japanischen Woche soll heute eine besondere Spezialität serviert werden. Wir treten durch das Spiegelkabinett in das kleine japanische Restaurant, wo verstörend leise zum Studium der Speisekarte die seltsam perkussive Musik des Mkwaju Ensembles gespielt wird. Ein feiner Senchatee wird serviert und es gibt einen Seetangsalat mit Sesam zur Vorspeise und schon beginnen wir mit Henri Rousseau zu träumen (Mr. Henri Rousseau’s Dream). In früheren Kommentaren hatte ich schon angedeutet, dass wir vielleicht über die Compilation Fairlights, Mallets and Bamboo sprechen sollten. Leise aber, damit das Träumen nicht gestört wird und vielleicht noch klarer werden kann.

Denn da ist etwas versteckt, das erst kürzlich wieder hinter den Spiegeln aufgewacht ist und langsam mit einem hypnotischen Rhythmus in unser Bewusstsein kreuzt (Crossing). Quasi wie die optische Rhythmik auf einem Sushiteller, der mit Wasabi und Gari eine gewisse Schärfe erreicht, loopend wie die Bänder beim Sushi-Circle und mit Overdubbing, bei dem die genussvoll entstandenen Lücken immer wieder aufgefüllt werden und das Band nie leer zu werden scheint. Aber ist das nicht reine Augenwischerei (Trompe-l’oeil) zu den reduzierten Klängen einer kleinen Holzorgel, Glöckchen und einer leeren Colaflasche? Zeit für eine Udon-Nudelsuppe und zum Nachdenken:

 

„When I thought about it in retrospect, all the tracks actually have the same concept. The only subtle difference from track to track were the techniques I experimented with, and yet the main theme of the music on this album was the notion of time and body, of physicality. While approaching this idea in a multitude of variations, I wanted to understand how my physical body would react.“

 

Während dessen hat im Hintergrund die Musik angezogen, Fahrt aufgenommen und sich in den Vordergrund gearbeitet – nein: sich zur Summe der Katastrophe emporgeschwungen (Catastrophe Σ) – und beginnt heftiger zu oszillieren, dichter zu werden. Multirhythmisch – Steve Reich würde das Herz aufgehen. Das Gespräch ist verstummt und jeder im Raum versteht spätestens an diesem Punkt, warum andere über 600 Euros für dieses kleine Wunderwerk bezahlten, bevor es wieder neu aufgelegt wurde. Ein Album, das 1983 fast keine Beachtung fand bei seiner Veröffentlichung. Das in bloßen zwei Tagen eingespielt wurde und sich aus Mangel an finanziellen Mitteln durch konsequentes Overdubbing auf wenigen Tapes auf seine künstlerische Höhe auffaltete.

Der Ober trat an den Tisch, verneigte sich in vollendeter japanischer Diskretion und Höflichkeit und fragte, nachdem er einen kurzen Vortrag zur mathematischen Präzision und dem damit verbundenen Versuch jeglichen persönlichen Ausdruck hinter dem Klang zum Verschwinden zu bringen gehalten hatte, ob ein Nachtisch gewünscht werde. In die Stille hinein bot er einen japanischen Eisbecher zur Abrundung des Gesamterlebnisses an – bestellt!

In der Porzellanschale kamen drei Kugeln wunderbaren Speiseeises: eine apricotfarbene, eine grüne und zu meinem leichten Befremden eine graue Kugel. Nein, er wolle nichts dazu sagen, um die Geschmackserfahrung nicht durch Vorwegnahmen zu schmälern. Nie hätte ich gedacht, dass apricotfarbenes Misoeis so köstlich, grünes Algeneis so unfassbar esoterisch und graues geröstetes Sesameis so erdend seien könnten. Die Sinne waren nun endgültig überwältigt und wer schließlich wieder mühsam durch die Spiegel zurück in die Welt, aus der er kam gefunden hatte, weiß: es wird nie wieder dieselbe sein wie zuvor. Nie wieder.

Sie betreten die Bühne in bequemer Freizeitkleidung. Fröhlich. Nichts besonderes, ausser den paar obligatorischen Lampen keine Show. Wozu auch. Sie nehmen Platz, der Vater am Flügel, der Sohn auf einem Stuhl und ergreift die Gitarre. Der Vater beginnt eine kleine, fast barock anmutende Figur auf dem Flügel zu spielen, die bald beginnt ganz unscheinbar vor sich wegzulaufen und der Sohn steigt vorsichtig ein. Was war da abgesprochen, was wird improvisiert? Auf einmal sind sie da, zusammen, unglaublich schlicht und intensiv zugleich. Und alles hebt ab, der dunkle Konzertsaal des Mousontums in Frankfurt wird zur Nebensache, denn das, was nun folgt spielt sich im Augenblick ab. Vielleicht auch in der Innenwelt des Zuhörers, vielleicht sogar nur dort. Noch gibt es Momente eines Versuchs das Geschehen auf der Bühne zu reflektieren, die bald im Sog einer tiefen Intimität verloren gehen. Der Beobachter ist das Beobachtete. Vater und Sohn sind eine Einheit, die sich entspannt in einem Lachen findet und sich wieder verliert, ohne dass das dem Fluß der Musik auch nur einen Augenblick schaden würde. Über 60 Jahre Musikgeschichte laufen gleich einer skizzenhaften, verspielten Werkschau durch die Zeitlosigkeit. Da sind wieder die hypnotischen Orgelklänge und der Gesang, die die Lehrzeit bei Pandit Pran Nath erkennen lassen, die aber ganz beiläufig in eine balinesische Gamelanphantasie übergehen, um alsbald mit einer Clavecinfigur weiterzuziehen. Und die E-Gitarre hüpft, trägt, spielt mal Echo und gibt mal einen magischen Sog vor. Und sie tanzen umeinander. Auf der inneren Leinwand beginnen sich die Bilder zu überlagern, denn kaum hat eines Form angenommen, hat sich das Kaleidoskop längst weitergedreht. Schließlich greift der Vater nach einem iPhone und beginnt unglaublich schräge Geräusche darauf zu erzeugen und der Sohn läßt auf der Gitarre dazu passend die Klangkulisse eines Zoos bei Nacht entstehen. Beide haben einen offenkundig anarchischen Spaß daran. Es sind einfach nur andere Mittel, die den Flow nicht stören, sondern nur vorantreiben, weil es ohnehin keinen Weg mehr gibt sich in bekanntem Gelände zurückzulehnen. Fast zwei Stunden mit ungebrochener Leichtigkeit und Intensität. Unprätentiös und unverstellt wie ein Hauskonzert und genau damit an einem Punkt, an dem nur die wenigsten Musiker jemals ankommen: eine fröhliche, spielerische Selbstverständlichkeit, die die Grenze zwischen Bühne und Innenwelt des Hörers mühelos überwindet und schließlich ganz jenseits des Ereignishorizonts verschwinden lässt.

 
 
 

 
 
 

Treffe nach dem Konzert zwei immer noch energiegeladene, gut gelaunte Musiker, Terry und seinen Sohn Gyan Riley, die ihre gemeinsame Europatournee offenbar sehr genießen. Terry lebt in Kalifornien und Gyan in New York.

 
 

TR We don’t see each other quite often. Mainly when touring and playing together. So we enjoy travelling around and spending time together.

UK How is your process of playing together, the relation of the use of fixed patterns and improvisation.

TR About 90% of our music is improvised. We just start and when we come to a particular point we change the direction to the unexpected and see what happens. Sometimes it works immediately, sometimes we’ll have to develop it and surprise ourselves.

GR We’re always trying to find something new, i.e. to work with some Apps and playing weird sounds and I tried to imitate wild animals to match these sounds. There are so many influences from several cultures that we mix up by intuition.

UK So can I say that it’s a kind of world-music, which doesn’t pretend to be world-music but is world-music direct from the heart?

TR+GR Will you please write down that sentence for us? It hits the point exactly.

UK Thank you, of course I will! (done!) Thank you very much for this musical peak experience!

 

Um Missverständnissen gleich am Anfang vorzubeugen: hier soll nicht die Rede von Kim Dotcom Schmitz und seinem Megaimperium sein, der immer noch fleißig gegen seine Auslieferung an die USA kämpft und gerade probiert deren leicht überengagierten Präsidenten für sich zu gewinnen. Nein, hier geht es um eine Compilation von Songs, die schon einmal eher nebenbei etwa im Jahre 2000 veröffentlicht wurden und nun offiziell das Licht der Welt erblicken dürfen. Einäugig versteht sich, denn so sind sie nun mal: The Residents.

Ende der 70er Jahre hörte ich zum ersten mal Third Reich & Roll auf einer alten Kassette (auf der anderen Seite war irgendwas von Throbbing Gristle) und leierte die erst mal reichlich durch mein Tapedeck. War deutlich anders als das, was es sonst so zu hören gab. Fanden meine Freunde auch & mich seltsam.

Später kam Eskimo, was ich immer noch für ihr bestes Werk halte: eine einzigartige Kreation fiktiver Ethnomusik, eine bizarre und fremde Atmosphäre, die sich entlang höchst obskurer Geschichten entlang hangelt. Oder später Wormwood, wo die höchst obskuren Geschichten einfach dem perversesten Bodensatz biblischer Erzählungen entnommen wurden, vielleicht um aufzuzeigen dass das religiös begründete Meucheln des Nächsten auch bei uns kulturell solide verankert ist. QED.

Und nun die ersten Worte auf Dot.Com: Don’t worry, I won’t hurt you! Das Versprechen hält aber nicht lange, because There’s Blood (on the Bunny) and I Murdered Mummy mit sehr plastischem Intro! Gefühlsecht. Zwischendurch, während sich die Konkurrenz im Seniorenstift Gedanken darüber macht, wie sie ihre Rente aufbessern können, weil sie zuwenig in die Künstlersozialkasse eingezahlt haben, werden ein paar alte Stücke kurz und bündig für Gamelanorchester neu gesetzt und mit Eskimo Opera eine Reminiszenz an Eskimo abgefackelt. Und wem das nicht reicht, dem sei die wunderbare Eskalation einiger eingestreuter Live-Stücke, insbesondere aber dem musikalischen Malstrom Walter Westinghouse empfohlen.

Vor der Seniorenresidenz an der Fake-Bushaltestelle sitzen inzwischen die übrig Gebliebenen mancher einst bekannten Band (ich will hier keine Namen nennen, um die Ärmsten nicht noch zu ihrem traurigen Schicksal zusätzlich zu diskriminieren) und planen eine weitere überflüssigste Reunion, die man sich so wenig wünscht, wie dass an der Scheinbushaltestelle doch noch einmal ein Bus vorbeikommt. Währenddessen rücken die Residents den Zylinder auf ihren Augapfelköpfen zurecht, straffen den Frack und ab geht’s über den Anstaltszaun raus in die Welt der Schaurigkeiten. Wo derletzt tragische Geschichten von Zugunglücken auf Ghost of Hope herhalten mussten, gibt es vielleicht demnächst die bitterbösen Stories von mysteriös verschwundenen Greisen mit musikalischer Untermalung, während der hausinterne Seniorenresidenzsender gerade dazu übergeht die akustischen Einschlafhilfen der Alteingesessenen ehemals Kreativen in die Appartements zu spielen, nicht zuletzt um Medikamente zu sparen und einige multipel vorgeschädigte Lebern zu schonen … Chapeau!

 
 
 

 

2017 7 Mai

Ein Pinguin in der Wüste

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | 1 Kommentar

Ein Pinguin in der Wüste. Und einen Sonnenbrand vom Feinsten hat er sich auch noch zugezogen. Quasi ein bißchen gegrillt. Ob das den Ohren schmeckt?

Vor einigen Jahren wählte Eckart von Hirschhausen den Pinguin in der Wüste als Bild dafür, wenn jemand seine Ressourcen nicht ausreichend wahrhabend, versucht in artfremder Umgebung zurecht zu kommen, nicht ohne die anhaltende Tendenz ständig zu scheitern. Warum also wählt Arthur Jeffes dieses Bild für das Cover seines neuen Albums? Und dem Pinguin geht es wie dem kleinen Gespenst als es Sonnenlicht abkriegt: Kein feiner Frack mehr, sondern mehr ein passendes Outfit für eine Beerdigung. Aber ist es tatsächlich schon Zeit zu gehen?

 
 
 

 
 
 

Fangen wir vorne an: Mitternacht in einer lauen Sommernacht im Grüneburgpark in Frankfurt. Normalerweise nicht die beste Zeit dorthin zu gehen, es sei denn man wollte seinen Dealer etwas ungestörter treffen. Es war schon recht ruhig geworden, kaum noch jemand unterwegs und man hörte schon das Rauschen der Autos vom Alleenring lauter als das Flüstern der Bäume. Nicht mehr lange, denn schon sehe ich zwischen ihnen ein matt erleuchtetes Zelt. Nicht wirklich groß, eher eine intime Atmosphäre zu später Stunde. Eine konspirative Veranstaltung? Endlich sind wir angekommen und haben unsere Plätze im Zelt eingenommen. Dann wird es dunkel.

Das Licht auf der kleinen Bühne geht an und herein kommen ein paar Musiker, die ein teilweise eigenartiges Instrumentarium mit sich bringen. Der Vater des oben erwähnten Protagonisten begrüßt mit ausgesprochen britischer Höflichkeit das Publikum und dann beginnen sie zu spielen. Mit dem gleichen anarchischen Spaß, mit dem sie völlig selbstverständlich um Mitternacht ein Konzert im Park anbieten. Telefonklingeltöne, Ukulelen, Gummibänder, found objects (ein Harmonium?) und nicht zuletzt das legendäre complete outfit for a double suicide. Es pulsierte mit morbidem Charme und die lichtscheuen Geister, die sich nachts in den Park zurückzogen, tanzten leise, fast wie Schatten hinter der Bühne mit. Aber trotzdem war es sicher, denn der unbändige Spaß, mit dem die Musiker zu Werke gingen, Zeit völlig ignorierten und kaum ein Ende finden konnten, schützte die Zuschauer vor ihnen und ließ sie schließlich nach Hause schweben und von oben sehen, wie die Lichter Frankfurts verblassten …

Und nun, viele Jahre später, der Vater ist an einem Hirntumor verstorben und sein Sohn erwachsen, nahm er sich des Projektes wieder an, reanimierte es quasi. Und steht jetzt als Pinguin zwischen den kleinen kräuseligen Sanddünen. Und da ist die altbekannte Eleganz gleich beim ersten Stück gleich wieder da, geht bald über in langsame akustische Drones, strecken die Zeit ein bißchen und es entsteht eine wohlige Atmosphäre. Sogar Kraftwerk und Simian Mobile Disco werden gecovert. Aber halt: wo sind die tausend kleinen Ecken und Kanten geblieben, wer hat die nicht identifizierbaren Sounds durch ein manchmal konventionell perlendes Piano ersetzt, wo sind die kleinen Schattengeister, die einst mit ihrem Tanz das Penguin Cafe Orchestra zum Leben erweckten? Sind sie in den kleinen, etwas verloren wirkenden Pinguin geschlüpft und haben seinen Frack geschwärzt? So sieht es aus: schön ist die Musik geworden, wunderbar, wenn man einmal durch einen grauen Sonntagnachmittag getragen werden möchte, immer noch filigran und voller guter Ideen.

Aber wie schrieb schon Eckart von Hirschhausen: … wenn du merkst, du bist ein Pinguin, schau dich um, wo du bist. Wenn du feststellst, dass du dich schon länger in der Wüste aufhältst … braucht es kleine Schritte in die Richtung deines Elements. Und dann heißt es: Spring ins Kalte! Und schwimm! Jump into The Imperfect Sea, making a programme out of the title again, please!

 
 
 

 

Zur japanischen Woche soll heute eine besondere Spezialität serviert werden. Wir treten durch das Spiegelkabinett in das kleine japanische Restaurant, wo verstörend leise zum Studium der Speisekarte die seltsam perkussive Musik des Mkwaju Ensembles gespielt wird. Ein feiner Senchatee wird serviert und es gibt einen Seetangsalat mit Sesam zur Vorspeise und schon beginnen wir mit Henri Rousseau zu träumen. In früheren Kommentaren hatte ich schon angedeutet, dass wir vielleicht über Fairlights, Mallets and Bamboo sprechen sollten. Leise aber, damit das Träumen nicht gestört wird und vielleicht noch klarer werden kann. Denn da ist etwas versteckt, dass erst kürzlich wieder hinter den Spiegeln aufgewacht ist und langsam mit einem hypnotischen Rhythmus in unser Bewusstsein kreuzt (Crossing). Quasi wie die optische Rhythmik auf einem Sushiteller, der mit Wasabi und Gari eine gewisse Schärfe erreicht, loopend wie die Bänder beim Sushi-Circle und mit Overdubbing, bei dem die genussvoll entstandenen Lücken immer wieder aufgefüllt werden und das Band nie leer zu werden scheint. Aber ist das nicht reine Augenwischerei (Trompe-l’oeil) zu den reduzierten Klängen einer kleinen Holzorgel, Glöckchen und einer leeren Colaflasche? Zeit für eine Udon-Nudelsuppe und zum Nachdenken:

 

When I thought about it in retrospect, all the tracks actually have the same concept. The only subtle difference from track to track were the techniques I experimented with, and yet the main theme of the music on this album was the notion of time and body, of physicality. While approaching this idea in a multitude of variations, I wanted to understand how my physical body would react.

 

Während dessen hat im Hintergrund die Musik angezogen, Fahrt aufgenommen und sich in den Vordergrund gearbeitet, nein sich zur Summe der Katastrophe emporgeschwungen und beginnt heftiger zu oszillieren, dichter zu werden. Multirhythmisch – Steve Reich würde das Herz aufgehen. Das Gespräch ist verstummt und jeder im Raum versteht spätestens an diesem Punkt, warum andere über 600 Euros für dieses kleine Wunderwerk bezahlten bevor es wieder neu aufgelegt wurde. Ein Album, dass 1983 fast keine Beachtung fand bei seiner Veröffentlichung. Das in bloßen zwei Tagen eingespielt wurde und sich aus Mangel an finanziellen Mitteln durch konsequentes Overdubbing auf wenigen Tapes auf seine künstlerische Höhe auffaltete.

Der Ober trat an den Tisch, verneigte sich in vollendeter japanischer Diskretion und Höflichkeit und fragte, nachdem er einen kurzen Vortrag zur mathematischen Präzision und dem damit verbundenen Versuch jeglichen persönlichen Ausdruck hinter dem Klang zum Verschwinden zu bringen gehalten hatte, ob ein Nachtisch gewünscht werde. In die Stille hinein bot er einen japanischen Eisbecher zur Abrundung des Gesamterlebnisses an – bestellt!

In der Porzellanschale kamen drei Kugeln wunderbaren Speiseeises: eine apricotfarbene, eine grüne und zu meinem leichten Befremden eine graue Kugel. Nein, er wolle nichts dazu sagen, um die Geschmackserfahrung nicht durch Vorwegnahmen zu schmälern. Nie hätte ich gedacht, dass apricotfarbenes Misoeis so köstlich, grünes Algeneis so unfassbar esoterisch und graues geröstetes Sesameis so erdend seien könnten. Die Sinne waren nun endgültig überwältigt und wer schließlich wieder mühsam durch die Spiegel zurück in die Welt, aus der er kam gefunden hatte, weiß: es wird nie wieder dieselbe sein wie zuvor. Nie wieder.

 
 
 

 

Warum hören wir Musik? Warum haben wir unterschiedliche Präferenzen beim Musikhören? Wozu hören wir Musik und wobei? Sagen unsere Vorlieben etwas über unsere Persönlichkeitsstruktur aus oder darüber, wie wir wahrscheinlich mit unseren Mitmenschen umgehen? Was verbindet uns mit der Musik, die wir lieben? Fragen über Fragen. Aber wir würden in einer anderen Welt leben, wenn es nicht jemanden gäbe, der ihnen nachgeht. Und dabei keineswegs uninteressante Ergebnisse findet. So z.B. die University of Cambridge, die mit The Musical Universe eine Seite zur musikpsychologischen Forschung bereitstellt an der jeder teilnehmen kann und zudem gleich danach sein persönliches Testergebnis zu einer der obigen Fragen und noch einigem mehr mitgeteilt bekommt.

Einen etwas anderen Weg geht das Max Planck-Institut (MPI) für empirische Ästhetik in Frankfurt mit seiner Abteilung Musik. Hier werden die Fragen etwas weiter gestellt und versucht den ästhetischen, emotionalen und soziologischen Hintergrund zu erfassen: Worin besteht die Lust am Unvorhersehbaren? Unter welchen Bedingungen erleben wir Musik als schön? Wie kommt es beim Musikhören zu einer völligen Absorption und was genau geht da vor sich? Wie heterogen kann Musikgeschmack sein und wer bevorzugt was? Was sind musikalische Schlüsselerlebnisse und welchen Einfluss haben sie auf die Entwicklung des Musikgeschmacks? Und gibt es Diskrepanzen zwischen geäußertem Musikgeschmack und tatsächlichem Hörverhalten?

Ein lesenswertes und nicht ganz unamüsantes Ergebnis, das ganz nebenbei die Eingangsfrage teilweise beantwortet ist beispielsweise die Arbeit von Paul Elvers: Songs for the Ego: Theorizing Musical Self-Enhancement. Im Abstract sagt er:
 

I claim that listening to music serves as a resource for actively manipulating affective states so that a positive self-view is maintained and a sense of optimism is provided. Self- enhancement—the process by which individuals modify their self-worth and gain self-esteem—typically takes place in social interactions. I argue that experiencing music may serve as a unique “esthetic surrogate” for interaction, which equally enables self- enhancement.

 
 
 

 
 
 

Life and music etc beyond mainstream: betreiben wir hier also mit einigem Spaß ein nebenwirkungsarmes Self-Enhancement indem wir Neuentdeckungen, Liebgewonnenes, Liegengebliebenes, personal Lifers, Eigenwilliges und Wiederentdecktes auf Resonanzen oder Schnittmengen untersuchen und uns über nette, zustimmende oder weiterführende Kommentare freuen? Wahrscheinlich schon, denn wie schon Hermann Hesse treffend bemerkte: Eigensinn macht Spaß! Aber reiner Hedonismus ist sicherlich nicht alles. Das Trittbrettfahren auf den musikalischen Erfahrungen und den poetischen Skizzen des Nichtalltäglichen der anderen Autoren sind oft wunderbare Reisen hinter die Spiegel, die vielleicht verhindern, dass unsere Phantasiekräfte sich in den monochromen Netzen des täglichen Stumpfsinns verfangen. Zeitreisen und Neulandfahrten scheinen dazu bestens geeignet.

Aber eines gerät dabei bei all der Freude (oder gerade deswegen) mitunter ganz an den Rand: Disliked Music – das Ablehnen bestimmter Musik oder bestimmter Musikstile – ein vernachlässigtes Phämomen. Auch hier ist eine Forschergruppe des MPI daran die psychologischen und soziologischen Zusammenhänge und Funktionen der Abneigung gegen einzelne Musikstücke oder -stile zu erforschen, was mich neugierig macht und mir mindestens so interessant wie die Affinitäten erscheint …

Music stripped bare. A strong promise on a concert poster. An autumn evening someday in the end oft the eighties. It’s cold outside on the stairs of the Batschkapp, Frankfurt. Just waiting to get in the black coated concrete hall to listen to four musicians. Their name was printed in small letters underneath the big promise: Paul Beavis, Trey Gunn, Toyah and Robert Fripp.

 
 

All over the world it’s Sunday
Temperatures are soaring
Runners run in the park, it all goes too fast
Except for those who find life boring …

 
 
 

 
 
 

One thing was made definitely clear in the first minutes after they started playing: there was no promise on the poster. It was simply a fact. Puristic reduction, brute pulses, roaring frippertronics and Toyah’s voice over it. No alternative facts. What a musical crash. Maximum drive, no rest, no compromise. One take. One End.

 
 

I was never told that the good things in life would be with me forever
I was never told that the good things in life are invisible friends
I was never told that the good things in life are gently disguised
I was never told that the good things in life will be remembered forever
I was never told that the good things in life cut through the night
I was never told that the good things in life aren’t in the hands of others
I was never told that the good things in life could be here forever

 
 

Gone but present forever. Years later I was really happy to find out that they decided to record this incredible stuff & it was a big flashback listening to that sound again and again. And it is still exciting. Precious treasure but neglected. Totally forgotten by the public and I never found out why … so let’s name the obvious again: today it’s Sunday all over the world. Stripped bare.

 
 
 

 

2017 30 Apr

Japanese Jewels (2): async

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags:  | 4 Kommentare

And this I dreamt, and this I dream

 

And this I dreamt, and this I dream,

And some time this I will dream again,

And all will be repeated, all be re-embodied,

You will dream everything I have seen in dream.

 

To one side from ourselves, to one side from the world

Wave follows wave to break on the shore,

On each wave is a star, a person, a bird,

Dreams, reality, death – on wave after wave.

 

No need for a date: I was, I am, and I will be,

Life is a wonder of wonders, and to wonder

I dedicate myself, on my knees, like an orphan,

Alone – among mirrors – fenced in by reflections:

Cities and seas, iridescent, intensified.

A mother in tears takes a child on her lap.

 

Miniaturen. Essentiell. Auf das Wesentliche reduziert. Ein Spiel mit bekannten Instrumenten, vorbeigelaufenen Geräuschen, unbekannten Perspektiven. Intim und sehr persönlich. Ein Spiel mit A-Synchronizitäten, Primzahlen, Chaostheorie und Quantenphysik und nicht zuletzt der Unschärfe von Musik, Klang und Geräusch. Warm und beiläufig. Ein Soundtrack zu einem unbekannten Tarkovsky-Film. Inspired by nature. David Sylvian gibt ein Lebenszeichen von sich und trägt das Gedicht von Arseny Tarkowsky vor. Unikate. Ein bisschen wie die Jane-Stücke von Harold Budd. Aber ausgearbeiteter. Subtiler. Tiefer. Abwechslungsreich und doch ein homogenes Ganzes. Und eigen, einfach sehr eigen. Async.

 
 
 

 

 

A few days ago a friend with whom I share quite a lot of musical affinities showed a video of an exiting performance to me. It’s typical Japanese in some way and on the other side it reminds me of a recent Björk performance. An it’s still a bit special …

 


Manafonistas | Impressum | Kontakt
Wordpress 4.8 Design basiert auf Gabis Wordpress-Templates
94 Verweise - 0,614 Sekunden.