Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Autoren-Archiv:

2017 12 Aug

Drei Nuancen von Blau

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Blau war noch nie meine Lieblingsfarbe, zumindest nicht, wenn ich sie am Körper tragen sollte. Aber außerhalb meiner physischen Sphäre hingegen faszinierte sie mich schon immer. Das unbestechliche Azurblau im Sommerhimmel der Cevennen, das Ultramarin, das Yves Klein ins Extrem übersteigerte, das blaue Kobaltglas in meinem Chemiekasten. Und nicht zuletzt die großformatigen intensiv blauen Bilder meines viel zu früh verstorbenen Freundes Jörg Faak, mit dem ich Nächte durchphilosophiert habe, ohne dass uns das Verstreichen der Zeit auch nur im Geringsten aufgefallen wäre oder die Intensität auch nur einen Augenblick nachgelassen hätte. Und wir teilten Musik. Es war immer ein Fest des Austausches, wenn wir uns trafen und die Welt hatte für ein paar Stunden eine Dimension mehr. Wenn ich ihm etwas neues zum Hören mitbrachte tauchte er ganz hinein, versuchte mit seinem ganzen Wesen zu erfassen, was sich dieses Mal für eine kleine Welt auftat, was für eine Bewusstseinssphäre sich hier offenbarte. Auch bei Triptych in Blue hätte er genau hingehört, hätte die Aufmerksamkeit nicht abschweifen lassen, wäre bestimmt genauso fasziniert gewesen wie ich.

Drei Ambientstücke der besonderen Art, fließend, sich ständig verändernd, neue Klänge ganz vorsichtig aufnehmend, aber stets auf scheinbar ganz vertraute Art unfassbar bleibend, zu neuen blauen Ufern strebend. Das Produkt eines einzigen Abends, im Fluss des Augenblicks rahmen Azurite und Cobalt im Triptychon das Ultramarine ein, mal ein bisschen klassisch mit Piano und Cello, mal synthetisch und manchmal durchdrungen von feinen Samples und Field-Recordings. Improvisiert. Nicht festzuhalten und doch voller eigener atmosphärischer Dichte. Und selbst der Applaus am unvermeidlichen Ende wirkt komponiert. Vielleicht berührten Hans-Joachim Roedelius, Christopher Chaplin und Andrew Heath den großem Raum der Möglichkeiten gemeinsam für ein paar Stunden, aber die Tür dazu bleibt auch nachdem die Musik längst zu Ende ist immer noch einen Spaltbreit offen …

 
 
 

 

2017 3 Aug

Hauschka on stage

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Der Musikpavillon im Palmengarten ist eine der schönsten Frankfurter Konzertstätten. Eine akustisch durchdachte Muschel, die sich in den Palmengarten hinein öffnet und der Hörer dann zwischen Bäumen im Grünen sitzen und die wunderbare Akustik genießen kann. Und zudem seit Jahrzehnten ein Ort, an dem sehr unterschiedliche Musiker auftraten und das Kulturbedürfnis der Frankfurter vielseitig befriedigten. Zum ersten mal war ich da Ende der 70er Jahre zu einem Konzert des Sogenannten Linksradikalen Blasorchesters in dem mein Sportlehrer Altsaxophon spielte. Hierbei blieb mir aber weniger sein Einsatz, sondern vor allem ein Duett der beiden Gründer Heiner Goebbels und Alfred Harth in Erinnerung, die in beeindruckendem Tempo auf zwei Baßsaxophonen fast stakkatoartig einem Stück von Scarlatti ein erfrischend neues Gesicht gaben.

Am 1. August dieses Jahres läuft eine Ente zwischen den wartenden Konzertgästen umher und sucht nicht erfolglos nach heruntergefallenen Brezelstücken. Das Konzert ist Teil einer sommerlichen Konzertreihe, so dass viele Besucher gar nicht recht wissen, was auf sie zukommt und sich einfach überraschen lassen wollen. Auf der Bühne steht ein präparierter Konzertflügel und zwei teilpräparierte DisKlaviere und warten auf Volker Bertelmann, der seine Musik als Hauschka präsentiert. Nach einer kurzen Einführung in seine Ideen zu dem Konzert und seine Art Musik zu machen, spielt er sich schließlich ein halbes Stündchen warm. Ein einfaches Pattern am Anfang, gelooped und dann immer ein kleines Fragment dazu. Einige Loops sind bereits vorab aufgenommen, aber das Meiste entsteht schrittweise live auf der Bühne. Mal wird ein Fragment verzerrt oder kriegt etwas mehr Delay und so kommt die Musik Hauschkas so langsam in Fahrt, fängt an zu grooven und einen fast hypnotischen Sog zu entwickeln, dem man sich einfach nur genußvoll und widerstandslos hingeben möchte. So geht es auch denen, die noch nie zuvor etwas von ihm gehört haben.

 
 
 

 
 
 

Jeder Ton zählt, egal ob verzerrt oder schön, egal ob im Takt oder fast suchend verschoben. Fast als ob sich die Klangfarbenfreude John Cage’s mit dem Rhythmusvergnügen Steve Reich’s zusammengetan hätten, um elektroakustischen Techno zu machen, minimalistisch, verspielt und doch treibend. Nach der Pause baut Hauschka ein langes Set auf, dass sich stetig steigert, mal die Richtung wechselt und endgültig abhebt, als die DisKlaviere anfangen wie von Geisterhand neue Grooves hinzuzufügen und das Empfinden weiter zu verdichten. Da sind die Klangfarben von What if, aber die Musik ist offener, manchmal suchend während der Beat weiterläuft, manchmal tanzend.

Nachher erzählt uns Volker, dass das meiste improvisiert ist und er nur kleine Patterns benutzt, die er dann ganz flexibel abrufen kann und so stets die Richtung des Flows verändern kann. Oft unsynchronisiert, was zu Rhythmusverschiebungen, von nur etwas Hall überlagerten Schwebungen und offenen Strukturen führt, die ganz subtil die Aufmerksamkeit und die Neugier aktiv halten und die Spannung weiter steigern. Und schließlich der Showdown, in dem er die Präparationen des Flügels – kleine Glöckchen, Metallkettchen und -klemmen, Kronkorken, Filzkeile in allen Größen, Schraubenzieher und eine kleine Trommel – gleich kurzer Ghostnotes aus dem Flügel entfernt, bis dieser zum Schluß wieder rein erklingt. Als Zugabe gibt es dann das Stück Gaffer Tape, bei dem Volker die Saiten kurzerhand mit dem gleichnamigen Textilband durchgehend beklebt und den dadurch entstehenden trockenen Klang für eine wunderbare Miniatur aufblühen lässt. Einfach ein einzigartiges Vergnügen von bislang in dieser Form Ungehörtem. Irgendwie öffnet sich im Kopf der Raum der Möglichkeiten, der ahnen lässt, dass diese Performance nur die Spitze des Eisbergs zukünftiger Klangräume gewesen sein könnte … wie wunderbar.

2017 21 Jul

Heute vor zwei Jahren …

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… starb Dieter Moebius. Nun werden pünktlich zu seinem Todestag seine letzten beiden Soloalben wiederveröffentlicht. Ding war nie so mein Ding, zu düster, zu technoid. Dafür bleibt Kram einer meiner All-Time-Favorites. Buntes Plastikspielzeug ziert das Cover und genauso bunt und verspielt ist die Musik. Da gibt es viel Rhythmus und viele Billigsounds, die in den sehr eigenwillig komponierten, eher skizzenhaft wirkenden Stücken auf einmal ganz reif und natürlich wirken. Da ist das konsequente Ignorieren dessen, was sonst so in der Welt der elektronischen Musik gemacht wird und ein unbändiger Spieltrieb, der diesem Opus eine fast unbefangene Leichtigkeit gibt. Und eine Menschlichkeit, eine instantane Gegenwärtigkeit, wie sie sich sonst in elektronischer Musik nur selten findet, was sich auch sehr plakativ in den Titeln ausdrückt:

 

Start
Kommt
Womit
Dauert
Steigert
Lauert
Rennt
Rast
Schwitzt
Markt

 
 

 

2017 20 Jul

Insect Music

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Die Grillen zirpen 24/7 und der Sommerwind trägt Bougainvilliablütenblätter durch die offene Tür. Es ist nunmehr auf den Tag genau 5 Jahre her, dass Gregor über die Grillen in der Musik schrieb. Seitdem öffnete er 120 mal seinen Plattenschrank, also durchschnittlich 24 mal im Jahr.

Während Gregor damals Musik vorstellte, in der der Sound der Grillen vorkam oder eine Rolle spielte, möchte ich heute zwei Alben vorstellen, in denen dieser wunderbare Insektenklang, der laut Murray Schafer von den meisten Menschen als angenehm und entspannend erlebt wird, im Mittelpunkt steht und Hauptklangquelle ist.

Vor vielen Jahren als Student arbeitete ich als Konzertkartenverkäufer im Saturn Frankfurt, was auch die Platteneinkäufe günstiger machte. Eines Tages bat ich meinen Chef mir doch Graeme Revells The Insect Musicians mitzubringen. Als er damit zurück kam hatte er sich bereits das Backcover durchgelesen und schaute mich besorgt an und legte dann ein freundliches „Geht’s dir gut?“ nach.

Spätestens nachdem zu Hause die ersten Töne aus meiner Anlage erklangen, wusste ich: es geht mir gut! Die Faszination einer durcharrangierten Musik, deren Quellen ausschließlich aus von Insekten, vornehmlich verschiedener Zikadenarten, stammte, erfasste mich sofort und trug mich fort in bizarre insektoide Welten, wo völlig andere Regeln der musikalischen Kommunikation galten. Revell sammelte die Ausgangsklänge rund um den Globus und veränderte sie dann elektronisch, indem er sie streckte bis sie perkussiv wurden, loopte oder tonal ausbalancierte. Das Ergebnis reicht von völlig eigenwilligen ambienthaften Stücken bis hin zu der eigenartig schönsten Variation über ein japanisches Volkslied. Ein Kleinod, das, desto länger man es hört anfängt unter die Haut zu gehen und bald dort beginnt ein fast unheimliches Kribbeln zu verbreiten.

 
 
 


 
 
 

Ganz anders dagen das Vorgehen des Jazzmusikers, Philosophieprofessors und Insektenforschers David Rothenberg auf Bug music, der zu den nur wenig manipulierten Klängen einer nur alle 17 Jahre auftretenden Zikadenart Bassklarinette spielt und sich teilweise die (entbehrliche) Unterstützung des Gitarristen Robert Jürjendal dafür holt. Dabei entstehen magische Liveduette zwischen ihm und den Insekten und faszinierend perkussive Stücke: Insect drummers I-III. Am verständlichsten wird sein ungewöhnliches Vorgehen in der Kommunikation mit den Insekten in diesem Video, die durchaus nicht für jeden zu bewältigenden Schwierigkeiten hingegen zeigen sich in diesem kurzen Clip.

2017 13 Jul

Soirée sobre

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Eine wunderbare laue Sommernacht. Es gibt mal wieder was umsonst: ein Konzert im modernen Betonamphitheater. Reggae, und jemand hat im lokalen Seniorenstift Bescheid gesagt. Und weil ja sonst nichts los ist, sind alle gekommen. Der Altersschnitt lag bei 70+ und die Stimmung war bestens. Die alten Herrschaften hatten sich ihre auffaltbaren Strandsitze mitgebracht und es schien unausgesprochene Ehrensache zu sein freihändig und ohne Gehhilfe die Haupttreppe hinunterzukommen. Aufmunternde Blicke und ein Leuchten in den Augen waren der Lohn, wenn sie endlich unten angekommen waren. Auch für mich war das erleichternd, sah ich mich schon jedesmal die möglicherweise erforderlichen Erste-Hilfe-Maßnahmen im Geiste durchspielen.

Dann endlich kam die Band. Bongo White. Never heard before. Schöne Dreadlocks hatten die meisten von ihnen und nett angezogen waren sie auch. Das Seniorenstift applaudierte geschlossen. Eine Familie kam etwas verspätet mit einem Stapel Pizzakartons, der intensiv duftete. Und ein junger Herr hatte seinen äußerst korpulenten, nahezu schnauzenlosen Hund dabei, der auf Grund seines freundlichen Charakters alsbald viel Zuspruch von den mitgebrachten Enkelchen bekam.

Ach ja, und dann gings los: schöner, echt cleaner Reggae. Gute Musiker und auch offenkundig nicht erst seit gestern auf der Bühne. Aber stocknüchtern! Da hatte garantiert keiner vorher einen Joint geraucht. War ja auch überall Polizei. Aus Sicherheitsgründen. Also gehts halt nüchtern weiter: jedes Reggaeklischee wurde niveauvoll bedient, ein bisschen Dub, ein bisschen Ska und die Omis klatschten. Schwung kam erst in die ganze Angelegenheit als der Veranstalter gegen Ende mit einem Mikro auf die Bühne kam und eine High-Speed-Einlage zwischen Ska und Rap beisteuerte und das Publikum aus der Reserve lockte. Ja und die Greise waren die ersten auf der Tanzfläche. Wie schön, so ganz nüchtern ist Reggae, um abschließend noch ein Klischee zu bedienen, in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

 
 
 

 

Was haben Sex, Musik, Meditation, im Gleichschritt marschieren, Depression und Demenz gemeinsam? Sie sind neurophysiologisch mit einer verlangsamten gleichsinnigeren Hirnaktivität verbunden, einem Modus, der für unser Gehirn offenkundig seit Jahrtausenden ein höchst wichtiger Attraktor ist. Aber deshalb empfinden noch längst nicht alle Freude daran: was des Einen Lust ist, ist des Anderen Horror vacui! Wobei es durchaus einen wichtigen Unterschied zu machen scheint, ob jemand diesen Zustand aktiv und erfahrungsoffen ansteuert (wollen kann man ihn scheinbar nicht) oder krankheitsbedingt einfach reinrutscht.

In angenehm lässiger Schreibweise begeben sich die Autoren auf eine Reise durch Philosophie, Neurowissenschaft (die eher beiläufig vermittelt wird und nicht unbedingt vorausgesetzt wird), Psychopathologie (Epilepsie, Depression und Demenzen) bis hin zu den Tätigkeiten, die in einem intendiert positiven Verhältnis zur Leere stehen: Neurofeedback und die Stille beim Meditieren, Reizdeprivation und das Floaten in Isolationstanks, der Flow beim musizieren und Musik hören und nicht zuletzt dem Ansteuern des Orgasmus, der von einigen Neurobiologen für die stärkste Triebfeder der Sehnsucht des Gehirns nach Leere gehalten wird. Der Beweis dafür steht aber leider noch aus …

Zumindest zeigen die Autoren auf, dass die bewertenden und handlungssteuernden Areale von der sensomotorischen Verarbeitung im Zustand der zunehmenden Leere im Kopf abgekoppelt werden und auch das für Gefahrenmeldung zuständige System heruntergefahren wird. Die Eigenwahrnehmung wird reduziert und bald entsteht im bewertungsarmen bis -freien Modus des Gehirns eine Entleerung des Ichs – es kann nicht länger verborgen bleiben, dass auch dieses nicht mehr als ein Konstrukt des Gehirns ist. Während der Zen-Mönch am Ziel seiner Aktivitäten angekommen zu seien scheint oder der Musiker einfach nur befreit und glücklich in Flow spielt, nimmt der Wegfall bedeutsamer Objekte und Beziehungen beim Depressiven oder Dementen schnell bedrohliche Dimensionen an. Denn wer die Leere fürchtet, leidet eher unter ihr.

Im Vermitteln von Wissen um diese Zustände und den Umgang damit wird dieses Buch ein kleiner Reiseführer durch eine vernachlässigte, aber außerordentlich wichtige Funktionsweise unseres Gehirns und vielleicht auch einiger Regionen jenseits davon. Denn, wie schon Albert Einstein sehr vorausschauend anmerkte, kann man Probleme niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind. Vielleicht hilft hier eine echte Pause der Stille, der Reset durch die gelegentliche Erfahrung einer Leere im sonst so überfüllten Kopf?

Zur japanischen Woche soll heute eine besondere Spezialität serviert werden. Wir treten durch das Spiegelkabinett in das kleine japanische Restaurant, wo verstörend leise zum Studium der Speisekarte die seltsam perkussive Musik des Mkwaju Ensembles gespielt wird. Ein feiner Senchatee wird serviert und es gibt einen Seetangsalat mit Sesam zur Vorspeise und schon beginnen wir mit Henri Rousseau zu träumen (Mr. Henri Rousseau’s Dream). In früheren Kommentaren hatte ich schon angedeutet, dass wir vielleicht über die Compilation Fairlights, Mallets and Bamboo sprechen sollten. Leise aber, damit das Träumen nicht gestört wird und vielleicht noch klarer werden kann.

Denn da ist etwas versteckt, das erst kürzlich wieder hinter den Spiegeln aufgewacht ist und langsam mit einem hypnotischen Rhythmus in unser Bewusstsein kreuzt (Crossing). Quasi wie die optische Rhythmik auf einem Sushiteller, der mit Wasabi und Gari eine gewisse Schärfe erreicht, loopend wie die Bänder beim Sushi-Circle und mit Overdubbing, bei dem die genussvoll entstandenen Lücken immer wieder aufgefüllt werden und das Band nie leer zu werden scheint. Aber ist das nicht reine Augenwischerei (Trompe-l’oeil) zu den reduzierten Klängen einer kleinen Holzorgel, Glöckchen und einer leeren Colaflasche? Zeit für eine Udon-Nudelsuppe und zum Nachdenken:

 

„When I thought about it in retrospect, all the tracks actually have the same concept. The only subtle difference from track to track were the techniques I experimented with, and yet the main theme of the music on this album was the notion of time and body, of physicality. While approaching this idea in a multitude of variations, I wanted to understand how my physical body would react.“

 

Während dessen hat im Hintergrund die Musik angezogen, Fahrt aufgenommen und sich in den Vordergrund gearbeitet – nein: sich zur Summe der Katastrophe emporgeschwungen (Catastrophe Σ) – und beginnt heftiger zu oszillieren, dichter zu werden. Multirhythmisch – Steve Reich würde das Herz aufgehen. Das Gespräch ist verstummt und jeder im Raum versteht spätestens an diesem Punkt, warum andere über 600 Euros für dieses kleine Wunderwerk bezahlten, bevor es wieder neu aufgelegt wurde. Ein Album, das 1983 fast keine Beachtung fand bei seiner Veröffentlichung. Das in bloßen zwei Tagen eingespielt wurde und sich aus Mangel an finanziellen Mitteln durch konsequentes Overdubbing auf wenigen Tapes auf seine künstlerische Höhe auffaltete.

Der Ober trat an den Tisch, verneigte sich in vollendeter japanischer Diskretion und Höflichkeit und fragte, nachdem er einen kurzen Vortrag zur mathematischen Präzision und dem damit verbundenen Versuch jeglichen persönlichen Ausdruck hinter dem Klang zum Verschwinden zu bringen gehalten hatte, ob ein Nachtisch gewünscht werde. In die Stille hinein bot er einen japanischen Eisbecher zur Abrundung des Gesamterlebnisses an – bestellt!

In der Porzellanschale kamen drei Kugeln wunderbaren Speiseeises: eine apricotfarbene, eine grüne und zu meinem leichten Befremden eine graue Kugel. Nein, er wolle nichts dazu sagen, um die Geschmackserfahrung nicht durch Vorwegnahmen zu schmälern. Nie hätte ich gedacht, dass apricotfarbenes Misoeis so köstlich, grünes Algeneis so unfassbar esoterisch und graues geröstetes Sesameis so erdend seien könnten. Die Sinne waren nun endgültig überwältigt und wer schließlich wieder mühsam durch die Spiegel zurück in die Welt, aus der er kam gefunden hatte, weiß: es wird nie wieder dieselbe sein wie zuvor. Nie wieder.

Sie betreten die Bühne in bequemer Freizeitkleidung. Fröhlich. Nichts besonderes, ausser den paar obligatorischen Lampen keine Show. Wozu auch. Sie nehmen Platz, der Vater am Flügel, der Sohn auf einem Stuhl und ergreift die Gitarre. Der Vater beginnt eine kleine, fast barock anmutende Figur auf dem Flügel zu spielen, die bald beginnt ganz unscheinbar vor sich wegzulaufen und der Sohn steigt vorsichtig ein. Was war da abgesprochen, was wird improvisiert? Auf einmal sind sie da, zusammen, unglaublich schlicht und intensiv zugleich. Und alles hebt ab, der dunkle Konzertsaal des Mousontums in Frankfurt wird zur Nebensache, denn das, was nun folgt spielt sich im Augenblick ab. Vielleicht auch in der Innenwelt des Zuhörers, vielleicht sogar nur dort. Noch gibt es Momente eines Versuchs das Geschehen auf der Bühne zu reflektieren, die bald im Sog einer tiefen Intimität verloren gehen. Der Beobachter ist das Beobachtete. Vater und Sohn sind eine Einheit, die sich entspannt in einem Lachen findet und sich wieder verliert, ohne dass das dem Fluß der Musik auch nur einen Augenblick schaden würde. Über 60 Jahre Musikgeschichte laufen gleich einer skizzenhaften, verspielten Werkschau durch die Zeitlosigkeit. Da sind wieder die hypnotischen Orgelklänge und der Gesang, die die Lehrzeit bei Pandit Pran Nath erkennen lassen, die aber ganz beiläufig in eine balinesische Gamelanphantasie übergehen, um alsbald mit einer Clavecinfigur weiterzuziehen. Und die E-Gitarre hüpft, trägt, spielt mal Echo und gibt mal einen magischen Sog vor. Und sie tanzen umeinander. Auf der inneren Leinwand beginnen sich die Bilder zu überlagern, denn kaum hat eines Form angenommen, hat sich das Kaleidoskop längst weitergedreht. Schließlich greift der Vater nach einem iPhone und beginnt unglaublich schräge Geräusche darauf zu erzeugen und der Sohn läßt auf der Gitarre dazu passend die Klangkulisse eines Zoos bei Nacht entstehen. Beide haben einen offenkundig anarchischen Spaß daran. Es sind einfach nur andere Mittel, die den Flow nicht stören, sondern nur vorantreiben, weil es ohnehin keinen Weg mehr gibt sich in bekanntem Gelände zurückzulehnen. Fast zwei Stunden mit ungebrochener Leichtigkeit und Intensität. Unprätentiös und unverstellt wie ein Hauskonzert und genau damit an einem Punkt, an dem nur die wenigsten Musiker jemals ankommen: eine fröhliche, spielerische Selbstverständlichkeit, die die Grenze zwischen Bühne und Innenwelt des Hörers mühelos überwindet und schließlich ganz jenseits des Ereignishorizonts verschwinden lässt.

 
 
 

 
 
 

Treffe nach dem Konzert zwei immer noch energiegeladene, gut gelaunte Musiker, Terry und seinen Sohn Gyan Riley, die ihre gemeinsame Europatournee offenbar sehr genießen. Terry lebt in Kalifornien und Gyan in New York.

 
 

TR We don’t see each other quite often. Mainly when touring and playing together. So we enjoy travelling around and spending time together.

UK How is your process of playing together, the relation of the use of fixed patterns and improvisation.

TR About 90% of our music is improvised. We just start and when we come to a particular point we change the direction to the unexpected and see what happens. Sometimes it works immediately, sometimes we’ll have to develop it and surprise ourselves.

GR We’re always trying to find something new, i.e. to work with some Apps and playing weird sounds and I tried to imitate wild animals to match these sounds. There are so many influences from several cultures that we mix up by intuition.

UK So can I say that it’s a kind of world-music, which doesn’t pretend to be world-music but is world-music direct from the heart?

TR+GR Will you please write down that sentence for us? It hits the point exactly.

UK Thank you, of course I will! (done!) Thank you very much for this musical peak experience!

 

Um Missverständnissen gleich am Anfang vorzubeugen: hier soll nicht die Rede von Kim Dotcom Schmitz und seinem Megaimperium sein, der immer noch fleißig gegen seine Auslieferung an die USA kämpft und gerade probiert deren leicht überengagierten Präsidenten für sich zu gewinnen. Nein, hier geht es um eine Compilation von Songs, die schon einmal eher nebenbei etwa im Jahre 2000 veröffentlicht wurden und nun offiziell das Licht der Welt erblicken dürfen. Einäugig versteht sich, denn so sind sie nun mal: The Residents.

Ende der 70er Jahre hörte ich zum ersten mal Third Reich & Roll auf einer alten Kassette (auf der anderen Seite war irgendwas von Throbbing Gristle) und leierte die erst mal reichlich durch mein Tapedeck. War deutlich anders als das, was es sonst so zu hören gab. Fanden meine Freunde auch & mich seltsam.

Später kam Eskimo, was ich immer noch für ihr bestes Werk halte: eine einzigartige Kreation fiktiver Ethnomusik, eine bizarre und fremde Atmosphäre, die sich entlang höchst obskurer Geschichten entlang hangelt. Oder später Wormwood, wo die höchst obskuren Geschichten einfach dem perversesten Bodensatz biblischer Erzählungen entnommen wurden, vielleicht um aufzuzeigen dass das religiös begründete Meucheln des Nächsten auch bei uns kulturell solide verankert ist. QED.

Und nun die ersten Worte auf Dot.Com: Don’t worry, I won’t hurt you! Das Versprechen hält aber nicht lange, because There’s Blood (on the Bunny) and I Murdered Mummy mit sehr plastischem Intro! Gefühlsecht. Zwischendurch, während sich die Konkurrenz im Seniorenstift Gedanken darüber macht, wie sie ihre Rente aufbessern können, weil sie zuwenig in die Künstlersozialkasse eingezahlt haben, werden ein paar alte Stücke kurz und bündig für Gamelanorchester neu gesetzt und mit Eskimo Opera eine Reminiszenz an Eskimo abgefackelt. Und wem das nicht reicht, dem sei die wunderbare Eskalation einiger eingestreuter Live-Stücke, insbesondere aber dem musikalischen Malstrom Walter Westinghouse empfohlen.

Vor der Seniorenresidenz an der Fake-Bushaltestelle sitzen inzwischen die übrig Gebliebenen mancher einst bekannten Band (ich will hier keine Namen nennen, um die Ärmsten nicht noch zu ihrem traurigen Schicksal zusätzlich zu diskriminieren) und planen eine weitere überflüssigste Reunion, die man sich so wenig wünscht, wie dass an der Scheinbushaltestelle doch noch einmal ein Bus vorbeikommt. Währenddessen rücken die Residents den Zylinder auf ihren Augapfelköpfen zurecht, straffen den Frack und ab geht’s über den Anstaltszaun raus in die Welt der Schaurigkeiten. Wo derletzt tragische Geschichten von Zugunglücken auf Ghost of Hope herhalten mussten, gibt es vielleicht demnächst die bitterbösen Stories von mysteriös verschwundenen Greisen mit musikalischer Untermalung, während der hausinterne Seniorenresidenzsender gerade dazu übergeht die akustischen Einschlafhilfen der Alteingesessenen ehemals Kreativen in die Appartements zu spielen, nicht zuletzt um Medikamente zu sparen und einige multipel vorgeschädigte Lebern zu schonen … Chapeau!

 
 
 

 

2017 7 Mai

Ein Pinguin in der Wüste

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Ein Pinguin in der Wüste. Und einen Sonnenbrand vom Feinsten hat er sich auch noch zugezogen. Quasi ein bißchen gegrillt. Ob das den Ohren schmeckt?

Vor einigen Jahren wählte Eckart von Hirschhausen den Pinguin in der Wüste als Bild dafür, wenn jemand seine Ressourcen nicht ausreichend wahrhabend, versucht in artfremder Umgebung zurecht zu kommen, nicht ohne die anhaltende Tendenz ständig zu scheitern. Warum also wählt Arthur Jeffes dieses Bild für das Cover seines neuen Albums? Und dem Pinguin geht es wie dem kleinen Gespenst als es Sonnenlicht abkriegt: Kein feiner Frack mehr, sondern mehr ein passendes Outfit für eine Beerdigung. Aber ist es tatsächlich schon Zeit zu gehen?

 
 
 

 
 
 

Fangen wir vorne an: Mitternacht in einer lauen Sommernacht im Grüneburgpark in Frankfurt. Normalerweise nicht die beste Zeit dorthin zu gehen, es sei denn man wollte seinen Dealer etwas ungestörter treffen. Es war schon recht ruhig geworden, kaum noch jemand unterwegs und man hörte schon das Rauschen der Autos vom Alleenring lauter als das Flüstern der Bäume. Nicht mehr lange, denn schon sehe ich zwischen ihnen ein matt erleuchtetes Zelt. Nicht wirklich groß, eher eine intime Atmosphäre zu später Stunde. Eine konspirative Veranstaltung? Endlich sind wir angekommen und haben unsere Plätze im Zelt eingenommen. Dann wird es dunkel.

Das Licht auf der kleinen Bühne geht an und herein kommen ein paar Musiker, die ein teilweise eigenartiges Instrumentarium mit sich bringen. Der Vater des oben erwähnten Protagonisten begrüßt mit ausgesprochen britischer Höflichkeit das Publikum und dann beginnen sie zu spielen. Mit dem gleichen anarchischen Spaß, mit dem sie völlig selbstverständlich um Mitternacht ein Konzert im Park anbieten. Telefonklingeltöne, Ukulelen, Gummibänder, found objects (ein Harmonium?) und nicht zuletzt das legendäre complete outfit for a double suicide. Es pulsierte mit morbidem Charme und die lichtscheuen Geister, die sich nachts in den Park zurückzogen, tanzten leise, fast wie Schatten hinter der Bühne mit. Aber trotzdem war es sicher, denn der unbändige Spaß, mit dem die Musiker zu Werke gingen, Zeit völlig ignorierten und kaum ein Ende finden konnten, schützte die Zuschauer vor ihnen und ließ sie schließlich nach Hause schweben und von oben sehen, wie die Lichter Frankfurts verblassten …

Und nun, viele Jahre später, der Vater ist an einem Hirntumor verstorben und sein Sohn erwachsen, nahm er sich des Projektes wieder an, reanimierte es quasi. Und steht jetzt als Pinguin zwischen den kleinen kräuseligen Sanddünen. Und da ist die altbekannte Eleganz gleich beim ersten Stück gleich wieder da, geht bald über in langsame akustische Drones, strecken die Zeit ein bißchen und es entsteht eine wohlige Atmosphäre. Sogar Kraftwerk und Simian Mobile Disco werden gecovert. Aber halt: wo sind die tausend kleinen Ecken und Kanten geblieben, wer hat die nicht identifizierbaren Sounds durch ein manchmal konventionell perlendes Piano ersetzt, wo sind die kleinen Schattengeister, die einst mit ihrem Tanz das Penguin Cafe Orchestra zum Leben erweckten? Sind sie in den kleinen, etwas verloren wirkenden Pinguin geschlüpft und haben seinen Frack geschwärzt? So sieht es aus: schön ist die Musik geworden, wunderbar, wenn man einmal durch einen grauen Sonntagnachmittag getragen werden möchte, immer noch filigran und voller guter Ideen.

Aber wie schrieb schon Eckart von Hirschhausen: … wenn du merkst, du bist ein Pinguin, schau dich um, wo du bist. Wenn du feststellst, dass du dich schon länger in der Wüste aufhältst … braucht es kleine Schritte in die Richtung deines Elements. Und dann heißt es: Spring ins Kalte! Und schwimm! Jump into The Imperfect Sea, making a programme out of the title again, please!

 
 
 

 


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