Manafonistas

on music beyond mainstream

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Keith Jarrett lernte ich durch Jesus kennen. Und das, obwohl ich schon lang nicht mehr in die Kirche ging. Er brachte die dunkelgrüne Kiste “Concerts Bremen / Lausanne” in die Schule mit. Jesus hatte eine sehr schöne kleine Freundin, die ich aus der Ferne bewunderte. Gegen den Archetyp dieses in sich ruhenden Hippies mit dem wallenden Haar wäre ich damals als eher nervöser Romantiker nicht angekommen. Aber er brachte uns die Musik – und da begann vieles! Lang ist es her. The times they are a’changin’.

Ich hätte nie gedacht, das mich noch jemals ein Keith Jarrett-Trio aus den Schuhen hauen könnte, aber hier geschieht es – natürlich keine der arrivierten, ihren Dringlichkeitswert lang ausgereizten Standards-Erkundungen des ewigen Trios mit Peacock und DeJohnette, die in der Unsumme ihrer Veröffentlichungen vielleicht fünf essentielle Alben rausgehauen haben: Standards, Vol. 1, Standards, Vol. 2, Changes, Changeless (das fünfte will mir gerade nicht einfallen). Wie man auf die Idee kommen kann, als Künstler kaum noch die Tin Pan Alley (und andere museale Zonen) zu verlassen, und ein  halbes Leben der perfekten Version von Body and Soul hinterherzujagen, will mir genau so wenig in den Kopf, wie Alt-Hippies, die sich standhaft weigern, aus dem Hotel California auszuchecken und Radiohead für ein Ratequiz der BBC halten.

Aber hier, im Juli 1972, im Hamburger Jazzworkshop, mit Michael Naura im Hintergrund, reissen Keith Jarrett, Charlie Haden und Paul Motian ein Feuerwerk ab, in dem die Musik spürbar auf Entdeckungsreise ist. Kleinste Motive des noch in der Zukunft lauernden “Köln Concert” materialisieren sich für Momente. Entstanden nach dem Soloklassiker “Facing You”, und vor der Gründung des “American Quartet” (mit Dewey Redman und einem frühen Statement wie “Fort Yawuh”), durchdringen sich kollektive Improvisationen, Solotänze auf den Tasten, Hadens elementares  Melodiegespür und Motians Farbenspiele und Pulsierungen: Jarretts Lustschreie und Seitensprünge mit dem Saxofon (schräg und wundersam), Hadens ergreifender “Song For Che”, den sich später auch Robert Wyatt vornahm. Ach, es ist ein Fest. Als Bootleg kursierte es schon lang, so gut klang es noch nie, Manfred Eicher und Jan Erik Kongshaug haben in Oslo das Bestmögliche rausgeholt.

Auf einem Schnappschuss während dieser kleinen Hamburger Sternstunde lächelt Keith Jarrett einmal wie ein grosser Junge. Er spürt, man ist aufregenden Dingen auf der Spur ist – die Zeit der Selbstinzenierung, der “Bayreuthisierung” seiner Kunst und unnötigen Publkumsbelehrungen scheint weit entfernt: schade, daß Jahre des Aufbruchs so oft ihre eigene Restauration nach sich ziehen. Die “Hall of Fame” ist ein totlangweiliger Laden der Fremd- und Selbstbeweihräucherungen. Ruhm ist eine Falle, die leicht satt macht. Hier in Hamburg springt einen der Lebenshunger aus jedem Ton an. Es war einmal. Weil das alles sowas von vorbei ist, Haden und Motian nicht mehr unter uns weilen, musste das Cover geradezu in schlichtem Schwarz daherkommen. Das war dem Zeitensprung geschuldet, schlicht ist hier nämlich gar nichts, nicht mal die einfachste folkloristische Melodie.

 
 
 

 

2014 21 Nov

Der Nostalgiereflex

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Wie kann es sein, dass so ein unglaublicher musikalischer Schwachsinn wie das jüngste Pink Floyd-Album so wohlwollend besprochen wird, selbst von renommierten Musikkritikern wie Alex Petridis u.a.? Es ist der Nostalgiereflex. An jedem Echo aus alter Zeit (einer Anspielung an “goldene Zeiten”, die es nie gab) lassen sich Geschichten knüpfen. Und man erzählt und erzählt, und merkt gar nicht, dass das einstige “Shangrila” der psychedelischen Rockmusik im Rückblick nur noch die eigene Lebensgeschichte absichert. Weisst du noch? Das abgesichterte “Wissen” ersetzt jeden Blick ins Unbekannte. Und jede Prüfung einer ernüchternden Gegenwart. Schlimmste Selbstkarikatur. Welche Pilze muss man nehmen, um dem Retro-Rausch zu erliegen? Peyote, das kann nicht sein. Eher Billigchampignons aus der Dose. Etwas, das nach nichts schmeckt. Kein britischer Musikjournalist hat den vollendeten Kitsch des Albumcovers von “The Endless River” ins Spiel gebracht, der Bände spricht. Einen besonders elaborierten Quatsch durfte man spaltenlang in der SZ zu diesem Mist von Alexander Gorkov lesen. Glaubt der das selber, oder verbucht er es unter postmoderner Ironie? Besessen wird nach magischen Momenten geforscht. Wenn man aus den CDs nur Frisbiescheiben basteln könnte: das wäre eine würdevolle Art des Recycling von Herrn Pink und Frau Floyd. Die geriatrische Abteilung der Rockrezeption hat schon lange ihre Pforten geöffnet. Die Platte verkauft sich wie doof. Titelbild in der Mojo. Als wäre das Werk ein Ereignis. After all  these years. Es ist ein Nicht-Ereignis. Die Non-Event-Kultur muss noch erfunden werden. Andy Gill war einer der wenigen, welche Hohn und Spott über dieses Machwerk gegossen haben, und der Sturm der Entrüstung war ihm sicher. Diese Verehrung alter Helden, die nur noch Requisiten rücken, ist peinlich. Da kann man auch gleich Zeuge Jehovas werden. Oder das faschistoide Weltbild von Scientology als Weltkulturerbe verhökern. Alles Wahnsysteme – in solcher Musik bleibt der Irrsinn wenigstens harmlos. Bis auf ein paar Gift spritzende Fans, die den Schluss nicht gehört haben. Vor Jahrzehnten.

 

 
 
 

Jokleba ist das Trio des Pianisten Jon Balke, des Trompeters und Sängers Per Jorgensen sowie des Trommlers und Elektronikers Audun Kleive. Vor Beginn ihrer Europatournee, die morgen in Bristol endet, schrieb mir Jon Balke folgende Mail über das verstörende und widerspenstige Werk eines bereits seit fünfzehn Jahren existierenden Trios:

“Sämtliche Stücke von Outland entstanden aus einem Zustand der Fassungslosigkeit über den Zustand der Welt, der, während unserer Aufnahmen, in direkten Wahnsinn umschlug. Wir nahmen OUTLAND im Frühjahr auf, als all die schrecklichen Dinge aus der Ukraine und Syrien zu uns drangen, und das Barbarentum der islamischen Terrorbrigaden: uns kam es so vor, als würden wir kollektivem Irrsinn direkt ins Auge schauen. Wir haben kein Interesse daran, Programmmusik zu machen, aber diese Realitäten spiegelten sich im Herausströmen der Sounds. Wir versuchten, die Infomationsstücke zu sortieren, mit denen wir gefüttert wurden, und fortlaufend wurden wir von anderen Dingen abgelenkt. Auf die gleiche Weise wird die Klarheit in der Musik, ihr Puls, jedem Mitspieler in kleinsten informationseinheiten angeboten, dabei aber ständig auseinander gerissen von plötzlichen Strömungen paralleler oder gegenläufiger Information. Das Album ist kein Karriereschritt in eine neue Richtung, es ist ein direktes Dokument der Energien, die im Frühjahr 2014 zwischen uns flossen.”

Mit einer Spielweise, die allen Regeln eines groovefreudigen Jazz widerspricht, mit bizarren Sounds, und einer Palette zwischen abgrundtief brüchiger Melancholie und gespenstisch eruptivem Furor ist Jokleba eine so aufregende wie widerspenstige Produktion gelungen: in diesem Jazz fliegen Fetzen, stolpern Rhythmen – und auch wenn Balke, Jorgensen und Kleive auf der Bühne nicht in exotisch Masken schlüpfen, sind gewisse Parallelen zu einigen Stilelementen des frühen Art Ensemble of Chicago alles andere als weit hergeholt. Bei den Chicagoer Pionieren wie bei den drei Norwegern geht es auch da, wo die Musik, surreal, wild, unberechenbar daherkommt, darum, eigene Ideen nicht zu lange in sicheren Zonen zu dulden. Jokleba trauen ihren Kontrasten und Brechungen zurecht emotionale Durchschlagskraft zu: gerade in solch rauen, explosiven energiefeldern gewinnen lyrische Momente eine besondere Strahlkraft (jenseits des gepflegten, guten Tons).

Wenn sich laut Jon Balke bei “Outland” die Musik nicht zuletzt “um den Verstand dreht, wenn er dabei ist, verloren zu gehen” – ein Titel lässt den Kinoklassiker “Einer flog über das Kuckucksnest” anklingen – dann handelt das Album eben nicht nur von der Wut über die Schräglage der Welt anno 2014. Mit OUTLAND legt das Trio das Potential offen, dass der Jazz auch da entfalten kann, wo einzelne seiner sogenannten gesicherten Bestandteile zu kollabieren drohen. Diese Arbeit verlangt vollkommene Konzentration und belohnt sie mit einem nur zu Anfang verwirrenden Klangfarbentheater, mit aufblitzendenden, abtauchenden Ideen der atemraubenden Art, mit lerztlich kinderleichten Drahtseilakten. Der Jazz braucht wueder mehr Chaosforschung, Jokleba bietet dazu ein paar unvergessliche Lektionen. Wehe, wer jetzt an Free Jazz denkt.

Zum Ende des Jahres erscheinen bei ECM einige umwerfende Alben: Keith Jarrett, Charlie Haden und Paul Motian spielen in Hamburg 1972 wie entfesselt (jetzt wird das lang kursierende Bootleg, klanglich überarbeitet, offiziell!), es ist nicht mehr lange hin bis zum “Köln Concert”, und als ich gestern in der Jazzredaktion das erste zwölf Minuten lange Stück des Doppelalbums “Souvenance” von Anouar Brahem hörte, versuchte ich erst gar nicht, aus dem Staunen herauszukommen. Die Streicher kamen nicht aus Hollywood. Und so ein Cover hat man bei dem Tunesier auch noch nie gesehen: ihn liessen die Unruhen und Gewalttätigkeiten im eigenen Land nicht kalt und scheinen den Stücken eine dunklere Tönung mit auf den Weg zu geben, in der ersten Komposition jedenfalls werden manche Sounds in freier Jazzmanier, von Kontrabass und Blasinstrument, angerissen, kurz in den Raum geworfen: die Violinen besänftigen nicht.

“How old are you?” asked Alfie during one of our early meetings. “Twenty-eight,” I replied. “It’s a dangerous age,” grinned Robert. “Don’t go near any high windows at a party.” (Marcus O’Dair, Autor der gelungenen Robert Wyatt-Biografie) – Die Anspielung versteht jeder, der den Weg des englischen Song-Exzentrikers verfolgt hat, oder heute Abend den JazzFacts um 21.05 Uhr im Deutschlandfunk lauscht. Karl Lippegaus ist deutlich weniger angetan von dem Buch als ich, aber ich belasse es bei einem knappen Satz, um ein Gegengewicht herzustellen. Fast alles Norweger heute in der Show, und ich hatte einen Norwegerpulli angezogen, als ich auf dem Dach des Senders den Heliographen platzierte. Da wehte ein eisiger Wind, und ich erinnerte mich daran, dass ich in aller Früh Eis von der Frontscheibe meines Toyoten kratzen musste. Ein Heliograph dient bekanntlich der Bestimmung der Tagessonnenscheindauer, bis zum Mittag kam er auf eine kärgliche Stunde, ich sorgte für Abhilfe, in dem ich im Plattenladen meines Vertrauens jene Platte abholte, die ich seit Jahrzehnten vergeblich suchte und nun in der Auflösung einer Plattensammlung auftauchte: Famadou Don Moye: Sun Percussion, Volume One. Aus dem Jahre 1975. Ich bin noch etwas müde von den Schmerzarien der letzten zwölf Tage, aber in diese Erschöpfung mischt sich reine Lebensfreude. Jetzt geht es erstmal am Wochenende mit Sancho nach Sylt, ein neuerlicher Badeunfall steht nicht zu befürchten, und Sancho kriegt rohen Fisch. Wir stromern an der Küstenlinie entlang und beobachten die Drachen im Wind. Keine Abenteuer diesmal, das haben wir uns geschworen. Der alte Racker wedelt mit dem Schwanz. Gerade meldet sich der Heliograph bei meiner Computer-App. Sonnenlicht in Köln. Das Gerät prüft dann die Temperatur, die Lichtqualität und empfiehlt ein entsprechendes Sonnenlied aus seinem Spotify-Anschluss. Jetzt ist es, nicht gerade einfallsreich, einer der schönsten Songs der Welt, “Sunny Afternoon”. Ich hätte gerne mal eine Version von Robert Wyatt gehört. 

 
 
 

 

11:45. Der Schmerz, den die Harnschiene beim Urinieren auslöst, bleibt unerträglich. Und hält meist bis zu zehn Minuten danach an, mit ungeheurer Wucht. Ich habe meine Rituale: erst schreien, um dem Schmerz ein Ventil zu öffnen. Dann in den Schmerz hineinatmen. Ich habe meinen wuscheligen weissen Schmerzteppich, Selbsthypnose geht gar nicht. Der Plan ist heute, wenigstens den ersten und letzten Text zu verfassen (der Jokleba-Part, im Moment ist es unklar, ob ich Jon Balke in Köln noch interviewe; hängt davon ob, ob nach der Entfernung des Schlauches am Dienstag mein altes schmerzfreies Ego reibungslos die Geschäfte übernimmt). Die Erschöpfung nach jeder einzelnen “Schmerzarie” ist so beträchtlich, dass es leicht fällt, ins Blaue zu schreiben, aber schwer, konzentriert zu arbeiten. Das ist wie die Aufforderung, nach einer kleinen Schmerzfolter die Hausaufgaben zu machen. Ich kann defokussieren, aber nicht so gut fokussieren. Ich schreibe dies als Divertimento, und “Tagebuch des Projekts: JazzFacts.” Als kleine Spannungsgeschichte mit offenem Ausgang. Morgen früh Vorbesprechung in der Anästhesie – keine Scheu zu fragen, ob man mich einen Tag ins künstliche Koma abschiessen kann. Das wäre bis zur OP wie Wolke 7 im Traumland. “Cuckooland”. Ah ja, Robert Wyatts Biografie, ruhig erzählt, gut geschrieben, Karl Lippegaus stellt sie in der Sendung vor.

Es wird nicht leicht, die kommenden JazzFacts am Donnerstagmorgen zu produzieren. Bis jetzt habe ich  keine Manuskriptzeile geschrieben, das grobe Konzept stand allerdings schon vor der “Schmerzarie” fest. Ich habe gestern die Struktur festgelegt, die Sendung in drei Teile geteilt.

Nicht nur die beiden “eingekauften” Themen werden in diesen 55 Minuten “Jazz und Politik” als ein Thema definieren: Karl L. stellt die neue Robert Wyatt-Biografie vor, und Michael K. einen Fotoband aus den wilden Aufbruchszeiten des Jazz in den USA zwischen 1957 und 1975.

Ich weiss nicht, ob ich das neue Opus von Anouar Brahem (mit angeblich dezenten Jazzelementen) noch rechtzeitig bekomme – der tunesische Oud-Spieler sieht sein Werk von den Unruhen der letzten Jahre in seinem Heimatland Tunesien beeinflusst, und auch Jon Balke schrieb mir in einer Mail, dass das neue Album “Outland” mit seinen zerklüfteten Soundgebilden von der gewaltigen Schräglage des Jahres mitgeprägt wurde.

So sehen die drei Abschnitte aus:

 

1) Jokleba: Outland

2) Albatrosh: Night Owl 

Beitrag Eins: “Different Every Time” (Biografie Robert Wyatt)

 

3) Supersilent: Supersilent 12

4) Erik Honore: Heliographs

5) Sidsel Endresen & Stian Westerhus: Bonita

 

Beitrag Zwei: “Black Fire! New Spirits!”

6) Jokleba: Outland 

 

Bei einigen dieser Produktionen ist der Begriff “Jazz” sehr weit auszudehnen, vertraute Jazzelemente sind bei Supersilent und Erik Honore nur in Spurenelementen ausfindig zu machen. Und das Gitarrenspiel von Stian Westerhus ist schon sehr post-post-post-fusion. Aber an den Rändern, nicht in den Konventionen, warten die grösseren Überraschungen. Auf der Couch ins Blaue zu schreiben, ist relativ leicht. Ich hoffe, ab morgen jeden Tag jeweils drei Moderationen zu schreiben. Dienstag soll der Harnleiteiterschlauch unter Vollnarkose gezogen werden, in einem anderen Institut. Warum habe ich als ultima ratio kein Morphium bekommen? Die Schmerzattacken verhindern das Alltagsritual. Ich könnte im Cafe meines Vertrauens nicht mehr zur Toilette gehen, ohne mich hnterher ca. zehn Minuten stöhnend auf dem Boden zu wälzen. Not funny.

Vor Tagen, in aller Früh, meldete sich ein Nierenstein. Das ist so spassig wie ein Messer, das jemand langsam in deiner Niere hin und her dreht. Schnell war ich in der Notaufnahme, und zu Anfang wirkten das Opiumderivat und Buscopan, aber nach dreissig Minuten arbeitete das Messer wieder in alter Frische. Ich kenne die Statistik nicht, aber ich nehme mal an, einer von 10000 Menschen hat wie ich eine multiple Schmerzmittelallergie (seit 1998). Ausser Paracetamol und Opiumderivaten wird jedes Analgetikum lebensbedrohlich. Novalgin, ein grossartiges Mittel bei Nierensteinen, kann ich genauso vergessen, wie das volle Programm von Ibuprofen bis Aspirin. Und so war ich der erste Patient, den der Stationsarzt in sechs Jahren nicht schmerzfrei bekam. Und das ist ein Euphemismus. Auf der Schmerzskala 0-10 turnte ich bis zur OP am folgenden Tag, also ca. vierundzwanzig Stunden lang meistens zwischen 7 und 9 rum, nur gelegentliche Schmerzpausen waren mir vergönnt.

Ich verlangte nach stundenlangem Stöhnen und Schmerzgeschrei eine Notfall-OP, der diensthabende Stationsarzt möge ein Team zusammenrufen, er könne meinen Extremschmerz nicht in den Griff kriegen. Ich wurde laut, und verlangte von ihm zu handeln. Sofort. Mein Verlangen wurde abgelehnt.  Er sagte mir auch noch, wir seien hier nicht im Kindergarten. Fehler. Er wusste nicht, wem er das sagte, er kannte mich nicht. Daraufhin wurden ihm ein paar deutliche Mitteilungen gemacht. Ich war nicht allein, und nicht ohne Zeugen. Er entschuldigte sich später, aber er lag falsch mit der positiven Bewertung seiner weiteren Behandlung: auch Tramal half nur sehr wenig. Schlaf war ein Minutenluxus in dieser Nacht.

Die Operation lief gut, nur muss ich jetzt eine Woche mit einem Schlauch zwischen Niere und Harnleiter rumlaufen, der beim Pinkeln zu krampfartigen Schmerzen führt. Vielleicht würde da Novalgin helfen, aber das darf ich ja nicht. Dieser Schlauchschmerz dauert manchmal nur zwei Minuten, zweimal in den letzten zwei Tagen hielt er über eine Stunde an, und der Schmerz kommt nah an den eines aktiven Nierensteins ran. Am 20.11. soll mir der Schlauch entfernt werden. Ich teilte dem Arzt mit, nur unter Vollnarkose, er sagte, nein. Ich sagte, als mir vor zwei Jahren von einem fachlich anerkannten Urologen schon mal so ein Schlauch entfernt wurde, hätte ich, ohne Hysteriker zu sein, mehrere Minuten Blut und Wasser geschwitzt und geschrien. Der Arzt sagte, wahrscheinlich hätte der Urologe mit festem Besteck gearbeitet, sie würden es mit flexiblem Besteck machen. Und ich würde kaum was merken. Mir fehlt da etwas der Glaube.

Aus meiner Sicht wäre man in meinem Fall zu einer sofortigen Notfalloperation verpflichtet gewesen (wenn nicht formaljuristisch, dann medizinethisch). P.S.: Bitte bloss keine Besserungswünsche, die helfen mir nicht. Ich habe den Text auch nicht geschrieben, um eine Welle von Mitgefühl zu entfachen. Wenn ich aus dieser Sache heil herauskomme, wird  dieser Text (mit weiteren Details) dem Chef der Urologie zugänglich gemacht, angereichert mit klaren Fragen und freundlicher Bitte um Antworten. Ich kann extrem unlustig werden in sachlich geführten Dialogen, ich wahre die contenance, ich vergreife mich nicht im Ton. Es genügt, eiskalt sein zu können. Kann ich. Nur jetzt nicht, wo sich die Blase wieder meldet. Manchmal hört sich mein Stöhnen auf öffentlichen Toiletten für zufällige Zeugen wohl so an, als würde ich mir einen runterholen. Ich versuche, wenn ich nicht allein bin, so leise wie möglich zu sein. Von aussen betrachtet, besitzt das eine gewisse Tragikomik. (Ich werde diese Text umgehend einem bekannten Urologen zukommen lassen, einer Juristin, einem befreundeten Arzt, und sie um Rat bitten. So muss ich das ganze Elend nicht immer aufs Neue erzählen.)

NACHTRAG AM ABEND: ich habe, wie es so schön heisst, “an einigen Stellschrauben gedreht”. JETZT KÖNNEN SICH EINIGE PERSONEN, wie es ebenso schön heisst, WARM ANZIEHEN. Wie das Juristen werten, lasse ich mal offen: ich nenne das UNTERLASSENE BZW. DILETTANTISCHE HILFELEISTUNG, DAS VERWEIGERN EINER NOTFALLOPERATION. HOHE DYSFUNKTIONALITÄT IN KRISENINTERVENTIONEN. Der Leidtragende war ich. Und das wird Konsequenzen haben.

  1. True Detective (Season One)
  2. Fargo (Season One)
  3. Rectify (Season One)
  4. Longmire (Season Three)
  5. Mad Men (Season Six)
  6. Homeland (Season Four)
  7. Happy Valley (Season One)
  8. Person of Interest (Season Three)

 
the worst album:

  • Pink Floyd – The Endless River

 

(all my respect for Andy Gill who wrote what has to be said about this nirwana-new-age-noodlings in “The Independant” followed by a shitstorm of hard-core fans who defend this piece of crap with a kind of fanatism that resembles the denial of Darwin’s evolution theory by fundamental Christians. A look at the cover speaks volumes.)

 

P.S. A reminder for all manafonistas who are still part of the game (11 at the moment) to send your TOP 20 or TOP 10 albums of 2014 to Jochen’s or my email adress. Ian has already send his ones (full of surprises, and several records I’ve never heared of) – deadline is December 1st. Anyone who thinks Anouar Brahem’s or Sidsel Endresen’s albums might join the list have to be quick: Sidsel’s one can already be ordered via Rune Grammofon,  Anouar Brahem’s “Sovenance” will be released on Nov. 28th (ECM). And Sylvian’s new one will see the light of day in the last half of November.

All will be posted on December 6th.

Wenn er nicht auf anderen Geleisen landet, könnte es passieren, dass die Verbindung Eno/Hyde 2015 zum dritten (und wieder ganz anders klingenden) Streich ansetzt, jedenfalls hat Brian, wie er mir vor Monaten in einer Mail schrieb, klare Vorstellungen von diesem möglichen, nächsten Schritt. Zudem wird das Label Staubgold im nächsten Jahr rausrücken mit einem neuen Opus des Kammerflimmer Kollektiefs, es gibt sogar schon einen Namen für das Album: “Désarroi”. Thomas Weber wird gewiss nicht im Sinn haben, das vertraute Feld ohne Abzweigungen weiter zu kultivieren, vielleicht lockt ihn seine Arbeit mit Hörspielen auf neues Terrain. Ich hatte das Glück, überwiegend bei der Abmischung einer Manfred Eicher-Produktion dabei zu sein, die schon jetzt für mich ein “hot contender for the album of the year 2015″ ist. Tigran Hamasyan, mit Arve Henriksen, Jan Bang und Eivind Aarset. Aber nehmen Sie keine Warteposition ein. Ich tippe auf den Oktober 2015. In Lugano tauchte auch Egberto Gismonti auf, der ein pures Soloalbum aufnahm. Vorfreude auch hier. Man muss bei dem Brasilianer nicht in allzu ferne Jahrzehnte zurückschweifen, um sich an seine Meilensteine zu erinnern. Jene erst Zusammenarbeit mit Nana Vasconcelos, ja, klar. Oder das Album “Solo”, speziell Seite Eins (da gab es noch Schallplatten als primären Tonträger). Man denke aber auch (viele Monde später) an “Danca Dos Escavros”, Gitarre pur, Sternstunden sind selten in der improvisierten Musik, das war so eine! Peter Ruedi hat in seinem Mammutbuch eine herausragende Besprechung dazu geschrieben. Kaum nimmt man die Spuren der Zukunft ins Visier, landet man in einer Zeitschleife. It’s a merry-go-round!

 

Yes, true, it might be Joey’s next favourite comic book. Takes a bicycle right to the end of the world, or nearly so. You have to take your time to find the book, maybe in some deserted bookshop in Amsterdam or London. I’m surely not an expert of this genre, but there were some comics that really blew me away. And I keep coming back to them. One thing I love is the fragmentation of time in a comic book. When a painter knows how to slow down time.

Such fragmentation allows us to freeze and meditate on fleeting events, deepening our appreciation of the ephemeral. British landscape printmaker Jon McNaught brings the colour-mixing of traditional lithographs to the medium, refining its borderless panel down to its sparsest elements and painstakingly drawing and separating by hand each layer of colour, typically black, grey, pale blue and sunset pink.

Is there something like “sunset pink” – I do think so! In “Pebble Island” the Englishman recaptures his wanderings as a boy on an island in the Falklands after the 1982 war, taking time to show the rain subsiding before he sets of cycling across the beach through shafts of sunlight. A sheep looks up and briefly watches him past. Beautiful. Not much happening. Robert Wyatt’s record “Dondestan” from 1991 could be an ideal companion to this silent book: both share a sense for far away places and slow motion.


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