Manafonistas

on music beyond mainstream

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Vieles verdanken wir dem Spielen: Kultur, Kreativität, Lebensfreude. “Homo ludens” – ein alter philosophischer Hut, der hübsch schräg auf dem Kopf sitzt. Norbert Bolz spürt in seinem Buch “Wer nicht spielt, ist krank” diverse Antriebskräfte dieses letztlich Unernsten und doch Leicht-Ernst-Zu-Nehmendem auf. Eine Kernidee der Manafonistas basiert ja auch auf dem Spieltrieb: die Überraschung, die Freude an Überschneidungen, das lustvolle Pokern mit dem Hintersinn des Zufalls. Selbst das Ernste gewinnt bei uns gelegentlich eine leichte Qualität, in der Geschichtenerzählerei.

Eine famose, und toternste Geschichte erzählt der englische Kriminalschriftsteller Mark Billingham in seinem Thriller “Die Lügen der Anderen”. Seit Jahren ein Schöpfer guter und sehr guter Kriminalromane, gelingt ihm sein Meisterstück ausgerechnet da, wo er vertraute Figuren, Muster und Schauplätze hinter sich lässt. Auch eine Begleiterscheinung des Spielerischen: sich seitwärts treiben zu lassen, bis ein neuer Ansatz auftaucht, und neue Volten geschlagen werden.

Wieviel Klangträumerei, Versuch und Irrtum, abseitige Pfade, und Luftssprünge (gerne etwas solider “Aha-Erlebnisse” genannt), im Spiel waren, als Erik Honore sein Album “Heliographs” gelang, ist schwerlich zu ermitteln. Dieses Album ist fürwahr eine Entdeckung, und ein weiteres Highlight des aufstrebenden Osloer Labels “Hubro” – nur dort können es interessierte Mittel-, Süd-, Ost- und Westeuropäer on-line als Cd und Lp erwerben, bevor es am 21. November offiziell ausserhalb Norwegens erscheint.

Und fast von selbst stellt sich die musikalische Wiederveröffentlichung des Monats auf – so vertraut, so einzigartig, dass nur  Desinteressierte und Anhänger des Sensurround-Sounds nicht in Verzückung geraten – die einzige Voraussetzung ist ein gediegener Plattenspieler – und die Ohren werden gross wie Scheunentore: The Beatles In Mono”.

 
 

 
 

2014 25 Sep

Der Lieblingsstrand

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Die Praia de la Costelejo (so ähnlich heisst sie, im Moment steht mir nicht der Sinn nach Reiseführern) erklärte ich rasch zu meinem Lieblingsstrand. Mit der ausgebauten Strasse von Bispo leicht zu erreichen. Gestern schon zum zweiten Mal dagewesen, im Discman lief, zwischen zwei Gängen zu den Wellen (eine sehr kräftige Brandung!), “Cease To Matter” von Burnt Friedman und Daniel Dodd-Ellis. Diese Musik unterläuft mit ihrer schrägen Beats die 4/4-Motorik von Techno, und es passieren bei Burnt Friedman sowieso überraschende Dinge: nichts zirkuliert so lange, dass man sich von einem Loop gefangen fühlt. “I’m wearing my coffin over my head, wrapped in linnen when I’m dead”: solche Zeilen geistern durch dieses spoken-word-Electronica-Album. Der Blick auf die Wellen, und diese Musik – Stoff zum Einssein mit dem Strand (nein, auf keinen Fall was fürs CT, Wolfram!).

Ich schaute mir die Bucht lange an. Vorgestern, gestern, heute. Es gibt drei “Wellenzonen”. Auf die erste triffst du schon früh, wenn du ins Wasser geht. Eine ungeschickte Bewegung, und du landest auf dem Sandboden. Nicht weit rechts und links von dir hockt unangehmes Felsgestein im Wasser, da hältst du dich besser fern. Dir gefällt die Zone zwischen der ersten und zweiten Wellendünung besonders gut. Da musst du mächtig hochspringen, wenn sich die Gischt bricht, sonst wirst du mit Wucht überspült, und rappelst dich wieder hoch. Du achtest darauf, nie tiefer als bis zur Hüft- oder Schulterhöhe im Meer zu sein. Die dritte Zone: faszinierend hoch, da siehst du nur Surfer. Als reiner Schwimmer ohne Flossen, ohne Brett: gute Nacht.

Ich wundere mich, wie wenig Menschen hier baden. Morgens um 11 ist es noch recht leer, Surfer, ein paar Sonnenanbeter, und ich bin rasch wieder hinter der ersten “Zone”: in meinem Element, denke ich. Ich bemerke nicht, wie ich von einer Seitwärtsströmung in einen anderen Raum getrieben werde, mit jedem Sprung über die Gischt etwas mehr, ich vergesse zurückzuschauen, und will nun, die Brandung wird kurztaktiger, was ist hier los, zurück ans Ufer.

Beim Rückwärtsgehen gerate ich in eine Untiefe (es muss doch eigentlich Tiefe heissen), verliere den Boden unter den Füssen. Als ich auftauche, trifft mich eine weisse Gischt, ich bin nicht mehr in meinem Element, und ich werde weiter seitwärts gerissen, schlage auf einem Felsen auf, ich finde keinen Halt, es ist glitschig, die nächste “Tiefe”, ich reisse eine Hand hoch und rufe in den folgenden Sekunden, die bald eine ewige Minute währen, um Hilfe, wie noch nie in meinem Leben!

Ich schlage mich wiederholt an spitzem Fels, rutsche unter die Brandung, schlucke das Meerwasser. Aus den Augenwinkeln sehe ich niemanden kommen. Todesangst. Die nächste Welle erwischt mich und wirbelt mich Richtung Ufernähe. Der Atem rast. Aber ich spüre den Sand unter meinen Füssen. Bleibe eine Weile so stehen, krümme mich, um etwas Atem zu holen, und blute wie Sau. Der “Life Guard” ist mittlerweile da, mit radebrechendem Englisch begleitet er mich zu seinem Kabuff, und sprüht Desinfektionsmittel über die Wunden. Ich sei schon gestern, sagt er mir, zu weit gegangen.

Enigmatic, abstract, violent, absurd. Stick SOUSED on a C120 with “Lulu”, take it on a family holiday, and you probably have grounds for divorce. (Louis Pattison)

Leonard Cohen turned 80, and there’s a lot of praise to be read in these days about his masterful murmuring and mix of dark wit and last-man-standing-melancolia of POPULAR PROBLEMS. Great album, “Nevermind” is the outstanding track, in my ears. (8/10)

Another mastress of passionate songwriting, Lucinda Williams, crossing the 60th-year-on-earth-zone a while ago returns with her dark take on country, soulful ballads beyond the night bar comfort zone of the Gregory Porters of this world, and there are some “Southern gothic” traces to be found on her new double album  DOWN WHERE THE SPIRITS MEET THE BONE (8/10). Anger and longing, fierceness and calm on several songs in nearly perfect unison.

The forthcoming collaboration of Scott Walker (who crossed the line of turning 70 some time ago) and Sunn O))) is as exciting as everybody who has a deeper relationship with these extreme characters of radical singing and experimental metal areas might have hoped for. (9/10)

In the line of “genre transcending” (I’m so sorry for this phrase) “pop avantgardists” (I´m sorry for this phrase, too) who left their footprints and inspirations in the ten years of Kristiansand’s “Punktfestival” (Brian Eno, David Sylvian, Laurie Anderson), Scott Walker would be the logical next step.

Erik Honore, artistic director of Punkt (since 2005, with Jan Bang at his side), has just released a fantastic album on Hubro Records in Norway. The problem is: it will first be released in great parts of Europe near the end of November, so just make a mental note. I’ll try to find out how you can already get a copy of this “slow-motion-excellence”. HELIOGRAPHS (9/10) will be our record of October (here on manafonistas.de), and I have written a very long English review with a few sidesteps.

Returning to Scott Walker one more time: in the November edition of “Uncut”, Louis Patton has written an insightful review on SOUSED even managing to reveal the pitch black humour inside of some of Scott’s lyrics that are conventionally associated with pure horror that make look some early Stephen King books like children’s Halloween delight.

Now this coffee table monologue makes a special turn, cause from now on, I ‘m speaking about forthcoming albums I haven’t heared yet, but they all may deserve high expectations.

Of course, one strong lead is again directed to the North of Europe. Arve Henriksen, Helge Sten and Stale Storlokken are “Supersilent” and went into a reverberating mausoleum that forced them to play different, and to make the long echoes a fourth member of the band. After listening to the final mix of Helge Sten, Arve told me (and is this not one of the best things a musician can say after a recording): “This are we? Supersilent?” “SUPERSILENT 12″ will be out soon (in the good record shops, and can easily be ordered via runegrammofon.no).

I’m keen to listen to another Scandinavian “all-star-all-sound-hunters-trio” that will be their first ECM release though their history goes a long way back. OUTLAND is the title of Jokleba’s new work. The always-underestimated Per Jorgenson plays trumpet, kalimba, flute, and sings; Jon Balke plays electronics and piano; Audun Kleive closes the circle with electronics, drums and percussion. ECM headquarter speaks of “freely created pieces which hint at relationships between inspiration and instability.” Produced by Manfred Eicher, I suppose.

Produced by Daniel Lanois: another guarantee of high quality work, most of the time. I can’t stand U2, even if God himself might sit at the controls. I’ve always felt close to Dan’s solo albums, and now here comes another one, after quite a long silence, on October 23rd. “FLESH AND MACHINE” was, as the press info is telling us, “initially conceived as an ambient album, and tracks such as ‘Forest City’ take the classic Brian Eno albums that Daniel Lanois worked on Ambient 4: On Land (1982) and Apollo: Atmospheres And Soundtracks (1983) as a wonderful bedrock to stand on to see the sonic future. The album bristles with new ideas. He spent countless hours processing an array of source sounds – steel and electric guitar, piano and human voice to create the sound palette that is Flesh and Machine.” Let’s hope for the best!

Denovali Records has found its way into my radio show at the beginning of this year with a wonderful vinyl album of Ensemble Economique, called INTERVAL SIGNALS. I used this music as “entrance area” for my “Electronic Griot”-lecture at the 10th Punktfestival. And Thomas Köner sent me a new piece for that “radio performance”, one of his “Tientos”.

Now, in October, and on Denovali Records, TIENTO DE LAS NEVES will be released, as double vinyl, CD and digital download. Denovali Headquarters announce it this way, and that might ring some bells: “Upon producing this tiento, Thomas Köner had a strong and clear sensation of a large white space. Norwegian explorer Fridtjof Nansen has always been an important figure for Köner. In a quote from his expedition account ‘Farthest North’, Nansen constructs a synthesis between love and snow.” No reason anymore to be worried on long winter nights: some red wine, some candle lights, some of you might even own chandeliers, and we’ll meet on the other side. Music takes you places!

Man könnte, nach Lajlas geologischen Erkundungen, und weil das Licht gerade so mittelmeerblau daherkommt,  noch weiter schweifen, seitwärts, rückwärts, und auf der Insel Hydra landen, an die junge schwedische Geliebte von Leonard Cohen denken, verewigt in einem Song,  und auf dem Foto der Rückseite von “Songs From A Room”. Der Mann wird morgen 80, und man sollte sein neues Album nicht für ein Abschiedsgeschenk halten, Abschiedsgeschenke hat er uns bereitet, seit er 1967 sein erstes Album veröffentlichte. “Der weise Rebell” heisst ein kluges Porträt von Kurt Kister in der Süddeutschen,  das heute auf jedem Frühstückstisch liegen sollte.  In einer Zeit, in der “alte Helden” im Wochentakt die Bühne zu verlassen scheinen – der Jazztrompeter Kenny Wheeler, der Schauspieler Joachim Fuchsberger (die Todesanzeige in der heutigen SZ lässt einen auch nicht ganz ungerührt) – bleibt der Tod eine nahbare Grösse, und das Leben ein rabenschwarzer Song von Scott Walker, ein Fest auf portugiesischen Weinbergen, eine Elendsnummer mit vorhersehbarem Schlussstrich, ein Sprung in unnachgiebige Wellen am Atlantik, eine Wartezimmernummer in der Chirurgie, eine blaue Stunde mit Fernblick, ein Theaterstück von Samuel Beckett, ein kulinarisches Fest auf einem Hügel der Toskana, ein nach allen Regeln der Kunst kollabierender Lebensentwurf, geliebter schmutziger Sex ohne falsche Götter, das Gegenteil eines starken Abganges, eine lange Schallplattenseite mit John Coltrane in Japan. So ungefähr.

 

 
 
 

The next performance of “The Electronic Griot” might take place in the amazing backroom of this bar in Karlsruhe. As in Kristiansand, Michael would do most of it in English language, and he would possibly be supported by special guest Thomas Weber from The Kammerflimmer Kollektief. But this is still a castle built on sand, “Zukunftsmusik”. And yet, not so far away from reality. The person you see in the foreground is not Michael, he’s an unknown stranger possibly drinking Scotch whisky. Ian? No one has seen Ian yet :)

We sat in Cafe Beckmann, in Dortmund, and one guy in our class had always been looking for strange, leftfield music. We all loved the Beatles or Stones, and my No.1-band were The Kinks, but this guy, P.S., came up with early Charles Lloyd, with Caravan and Soft Machine. One afternoon he gave me his copy of Soft Machine’s THIRD, and this was the beginning of a long-time relationship with Robert Wyatt’s music. All four sides of that double album were killers, but Robert Wyatt’s MOON IN JUNE overwhelmed me with its surreal beauty and his singing. I don’t know how often I had heared it during my late teenager years, but I think I belonged to the Top Ten or Twenty of German MOON IN JUNE-listeners.

Years later I stood in DIE SCHALLPLATTE, a record shop in Dortmund. The man in the shop (that was very small but seemed to contain the best music of the world) looked like Jimi Hendrix, and the woman was so much older than I was then, and sometimes I dreamed of her fucking me all day and all of the night. She was no. 10 of my masturbation charts. Both knew a lot about music, there I bought my first ECM album which must have been SART or RUTA AND DAITYA – and now there stood a guy in the corner. I knew him only a little bit, but I knew he was a music freak of highest order. So I approached him from the side and saw that white-grey album in his hands, ROCK BOTTOM. – He fell out of a window, he said to me, but now he’s back. Immediately I took another copy, had to wait much too long for the bus, ran home with that album in my hand, and put it on the record-player. I was stunned.

From that year on I always got a new Robert Wyatt-album as soon as it appeared in the shops. Often there were long breaks between his solo albums, but it was always worth waiting. The next album nevertheless was released quite fast after ROCK BOTTOM, and it was called RUTH IS STRANGER THAN RICHARD. By that time I had a little cassette record player with batteries, and on my holiday with U.U. in the Bretagne it was nearly the only music we heared in the car, the other one was HOTEL HELLO with Gary Burton and Steve Swallow. Musically spoken, these were days of wine and roses and Camembert and baguettes, but we were young, not really in love, the sex was so la la, and even when we returned via Paris, we couldn’t live up to the cliche of “the city for lovers”: the only real magic of those days was looking at the sea for hours, swimming at rocky coasts, sitting quietly in a famous little parc in Paris, and listening to Robert’s and Gary’s music.

You can go into the details, and if you’ve followed Leonard’s way, you’ll do it anyway. 80 years old, the man from Canada is about to release a very good album. Three “killers”, no fillers. Decent songs, the other ones, at least. Decent in the best way, blues-inflected, sparse arrangements, the female choir moments well-dosed  & never overpowering, short glimpses of an Arabic-sounding voice, deep breathing, darkness with humour mixed in his own peculiar way. The titles of the outstanding tracks: “Almost Like The Blues”, “The Street”, and, best of all, brilliantly set in scene, “Nevermind”.   Excerpt of  “Nevermind’s” lyrics: “Your victory was so complete / Some among you thought to keep / A record of our little lives / The clothes we wore, our spoons, our knives / The games of luck our soldiers played / The stones we cut / The songs we made / Our law of peace, which understands / A husband leads, a wife commands … / Names so deep and names so true / They’re blood to me and dust to you.” You will go into the details, angels and demons included. 

Unfassbar: heute in der SZ ein Artikel im Sportteil der Süddeutschen Zeitung. Von wem sonst als dem Sportjournalisten Thomas Kistner, dessen Bücher allesamt das Prädikat “besonders entlarvend” verdienen. Der Artikel findet sich auf Seite 32 unten rechts, und wird hier, sobald er als “link” verfügbar ist, angegeben. “Ganz unten in der Tüte. Eine neue Affäre im  Reich der Fifa: diesmal geht es um Luxusuhren für alle ihre Vorständler”. Szenenwechsel. Als BVB-Fan war für mich natürlich das geglückte Comeback von Shinji Kagawa die reine Freude. Jochens und Gregors Hannover 96 hat sich erstmal auf Platz 3 eingenistet, Gladbach hat mit durchaus begrenzten Möglichkeiten eine beeindruckende Mannschaft zusammengestellt, Paderborn und Köln schlagen sich wacker. Es gibt also noch gute Nachrichten und Überraschungen in diesem universalen Fussballgebilde, das nach wie vor, wie der Fisch, am Kopf am meisten stinkt.

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Wie etwa GRAVITY, ist LOCKE ein Raumfilm, wenn man so will, eine Art “space movie”, obwohl der Raum in Ivan Lockes Welt (Tom Hardy legte sich für den Film einen walisischen Akzent zu, der allein in mehrfacher Hinsicht dieses Drama bereichert) ein sehr begrenzter ist. Er fährt mit seinem Auto von Birmingham nach London, durch die Nacht. Und wie ALL IS LOST, handelt der Film von einem Mann allein, der ums Überleben kämpft, zumindest um das Überleben seiner privaten und sozialen Welt. Und es geht um Würde, ein fürchterlich altbackenes Wort, aber so ist es, es geht um die Erfüllung einer Verpflichtung. “I’ve made a decision”, ist ein Kernsatz. An einer Stelle formuliert Tom Hardy, der diese Rolle mit allen Nuancen ausreizt, ohne je eine Spur zu dick aufzutragen, all seine Vorhaben wie eine Shakespeare’sche Figur in einem Monolog, in grosser, zugeich, an den Rändern der Stimme, zitternden Ruhe, und beendet seine Affirmationen mit dem Satz “… and this is my prayer.” Gänsehaut pur. Mit Religion hat der Film rein gar nichts am Hut. Anders als Robert Redford in ALL IS LOST, kämpft Ivan Locke nicht mit Naturgewalten, sondern mit den gewaltigen Kräften der menschlichen Natur, und diese können brutal sein, in all ihrem Beharren, Sehnen, und Zerbrechen.

 

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Tom Hardys Darbietung ist ja nicht das einzige Highlight des Meisterwerkes “Locke”. Ich habe den Film jetzt zum zweiten Mal gesehen, ohne dass er an Intensität eingebüsst hat. Bei Filmen achte ich stets auf die Musik, und ich habe meine Zweifel, ob der mittlerweile downloadbare Soundtrack auch autonom funktioniert. Und das ist beileibe keine Kritik an der Instrumentalmusik von Dickon Hinchcliffe. Bei einem anderen exzellenten Thriller der letzten Jahre, “Prisoners”, war die Musik des Isländers Johan Johansson eine subtile Bereicherung der erzählten Geschichte, aber als eigenständige Musik schlicht langweilig. Nun arbeitet Dickon Hinchcliffe in “Locke” weitaus mehr mit rhythmischen Elementen als der Isländer im besagtem Film von Regisseur Dennis Villeneuve (dessen danach fabriziertes Machwerk übrigens vollkommener, postkafkaesker Unsinn war). Hinchcliffes Musik sorgt weitgehend für Atempausen, für akustische Zwischenspiele, in diesem gnadenlosen, Kilometer fressenden, Adrenalinrausch. Hinchcliffe gelingt es, Momente der Entspannung und des – kontrapunktisch – “sanften” Schreckens so feinnervig zu verweben, dass der Zuschauer sich, in all diesen Interludien, in denen kein Handy klingelt, keine Menschen durchdrehen, keine Lebensentwürfe kollabieren, einfach mal in die Musik fallen lassen kann.


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