Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Einen Logenplatz bei den volkstümelnden „Schmallenberger Tagen“ konnte ich noch gerade verhindern, also trieb ich mich in den bunt geschmückten Gassen um, und nahm mir das landschaftliche Umfeld vor. Hier begegnet man, wie in Schulbüchern alter Zeit, noch strammen Wandersleuten, deren Hunde Bello und Vincent heissen. In meinem e-book steckt seit zwei Tagen ein Werk ansteckender Heiterkeit.

Dean Burnetts „Idiot Brain“ entführt uns auf spannende Pfade zur Erkundung neuronaler Fehlschaltungen: unser Gehirn setzt sich ja nun aus recht konträr gestalteten Arealen zusammen, die keineswegs bestens harmonieren. Anders als im Skurillitätenkabinett von Oliver Sacks geht hier um „cerebrale Missgeschicke“ des Alltagslebens, von blinder Verliebtheit bis zur Seekrankheit. Burnett ist ein grossartiger Humorist, und gerne fasse ich mich, zwischen diversen Lachattacken, an den eigenen Kopf.

Es gibt eine kleine Liste von Sologitarrenalben, die bei mir einen besonderen Platz einnehmen. In diesem Jahr ist das Album von Glenn Jones hinzugekommen, der auch mal mit Jack Rose gespielt hat. Und von eben dem, mit 39 tragisch früh aus dem Leben geschieden, erscheinen in der letzten Septemberwoche, die ersten sechs Alben seiner Solokarriere, auf Vinyl. Ein Highlight habe ich rausgepickt für unsere Monatsauslese. From raga to ragtime, no circus involved.

Wer Boderliner-Persönlichkeiten studieren will, ist bei den jüngsten Thrillern von Elizabeth Hand bestens aufgehoben. Cassandra Neary ist genau das, ein drop-out, eine Hobbyfotografin, aus den frühen Zeiten des New Yorker CBGB’s, die Jahrzehnte später in diverse Schattenwelten gelockt wird. Ihre Romane sind extrem ruhig erzählt, beiläufig schleicht sich der Schrecken ein.

Bleibt das lang erwartete Doppelalbum von Tigran Hamasyan – das Quartett mit Arve, Eivind und Jan spielt, einen Tag nach der Veröffentlichung des Werkes, beim Punktfestival in Kristiansand – dort, wo alles angefangen hat vor zwei Jahren, in einem Duo des Pianisten und des Live-Samplers Jan Bang. Das Programm dieses Jahr, mhmm..

Aus reiner Höflichkeit lasse ich Namen ungenannt, die bei mir ambitionierte Formen von Langeweile und Erschöpfung auslösen. Immerhin bringt Laurie Anderson am Samstag des erwähnten release-Konzerts ihren Hund zur Welt (in dem abgründigen Opus „Heart of a Dog“) – zudem interviewt Henning Bolte Manfred Eicher, und ich bereite eine Vorlesung (mit Musik) vor, bei der sich vieles um Küstenzonen, Jukeboxen und „Drifters“ (Wanderer, Herumtreiber) dreht: da tragen die Hunde aber andere Namen als im Sauerland – einer heisst „Brian Wilson“.

 

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wenn ich komme, ins tiefe sauerland, im september, sind alle sonnenschirme aus den strassen verschwunden

 

Derzeit muss ich die Tage so durchplanen, wie zuletzt in meinem „goldenen Jahrzehnt“ im Radio, in den Neunzigern, als ich noch quer durch die alte Bundesrepublik düste, mit dicken Tonbändern im Gepäck für Michael Nauras „Klanglaboratorium“, oder einer Kiste Musik für „Radio Unfrisiert“ im Hessischen Rundfunk.

Die einzige Konstanten der kommenden Tage sind der Morgencappuccino bei Larry und die Begradigung meiner Steuerschluderei. Und dann, vier Tage lang, in Klausur, für eine „englische Vorlesung“ in abgedunkeltem Raum! Mein Aufnahmegerät für Interviews hat nach so vielen Jahren den Geist aufgegeben – ein Ersatz muss her, für ein, zwei Interviews beim Punktfestival.

Nach den letzten 9 1/2 Wochen, einer Mischung aus Medizin- und Psychothriller (alles begann mit dem von Opium begleiteten „High“ nach dem Aufwachen aus einer Vollnarkose), frei nach dem fröhlichen Motto: „Schluss mit dem Eiertanz!“, darf, neben dem Auftritt beim Punktfestival, ein frühseptemberlicher Aufenthalt in einer sauerländischen Klosterklinik als echtes Highlight meditativer Unternehmungen gewertet werden. In der Schmallenberger Klinik wird an mir eine ASS-Deaktivierung durchgeführt, was erst mal nach Philip K. Dick klingt, und dann doch eine prosaische Angelegenheit mit potentiellen Nebenwirkungen der unlustigen Art ist.

 
 
 

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Wegen meiner so gut wie sicheren Allergie gegen Salicylsäure (vermuteter Hauptgrund für wiederkehrende Probleme in den Nebenhöhlen, die somatischen Reaktionen laufen, Tücke und Segen zugleich, im Verborgenen ab) werde ich auf sanft steigende Dosierungen von ASS eingestellt, in der Hoffnung, der Körper reagiert in Zukunft eher wohlwollend auf diesen Stoff, der viel verbreiteter in unseren Nahrungsmitteln und Getränken ist als die Gefahrenliste der weitaus populäreren Lactose-Allergie. In der Zeit, in der ich gezielt ausser Gefecht gesetzt bin, beneide ich Wolfram und Gregor, die  am 9. September in Stuttgart King Crimson live erleben könnten.

Im Sauerland sagt man früh abends den Füchsen gute Nacht, und da strenge Klosterschwestern mich kaum in Wallung bringen, habe ich einen exezellenten Pageturner im Gepäck (die ersten 60 Seiten getestet, wow!): „Regengötter“ von James Lee Burke, der in Deutschland ein hochverdientes Revival erlebt. Meine Thrillerspezialistin aus Düsseldorf ist gerade im Burke’schen Leserausch.

(Abschweifung: wer mehr an Sachliteratur interessiert ist, oder unserer monatlichen „Philosophica“-Rubrik, dem empfehle ich das bei Bloomsbury herausgekommene Buch „Oblique Music“, ein wahrlich multiperspektivisches Buch über Brian Eno. In einem der dort versammelten Essays werden auch die Manafonistas ausführlich zitiert, und im Quellenverzeichnis exakt verlinkt.)

 
 
 

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Und für den Notfall (die Notfälle treten im Leben zuweilen seltsam gedrängt auf) gibt es im tiefen Sauerland auch Akuteingriffe (bei schweren Asthmaanfällen oder anaphylaktischem Schock), sowie „Glut und Asche“ (kein Alternativplan für die Einäscherung, sondern der mit in die graue, von Kreuzen und Bibeln nur so wimmelnde, gespenstische Grossanlage geschmuggelte Nachfolgeroman der „Regengötter“).

Wenn das alles so halbwegs happyendig ausklingt, mit einer Jazzsendung am 23. September, dann schlage ich drei agnostische Kreuze, berausche mich spät abends (ganz dezent) mit „The Enchanted Path“ von Molly Dooker – zur unprätentiösen, neuen Zufallmusk von Peter Broderick, oder Glenn Jones‘ Gitarrenklängen -, und besteige in den Tagen danach, in Düsseldorf oder Frankfurt a.M., ein riesengrosses Flugzeug. Natürlich kann es auch ganz anders kommen.

Und deswegen lande ich schon mal vorab an dem einzigen Ort, der einem wirklich sicher ist, der Gegenwart, und sehe mir nun jenen Film (zum wiederholten Male) an, der meine ganz persönliche „Resilienz“ (das Modewort für Widerstandsfähigkeit) genauso kräftigt wie die erste Staffel von „Justified“ – das Movie namens „Frank“ handelt nicht zuletzt von der Suche nach unerhörten Klängen – nie nostalgisch wie der Brian Wilson-Film, lässt „Frank“ jenes Quantum Verstörung zu, das nicht so ganz selten (neben allem Enthusiasmus und „flow“) Teil des kreativen Prozesses ist.

 

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Brian Hylands Version von „Sealed With A Kiss“ ist kurz zu hören auf einer von Dons letzten Autofahrten. Man sieht ihn niemals so oft „on the road“ wie in den letzten sieben Folgen dieser Klasseserie. Der Mann von der Madison Avenue wird zum Drifter, zum Herumtreiber.

Und, ohne etwas zu verraten, sollte man sich, wenn man die letzte Folge gesehen hat, kurz die Hochgeschwindigkeit der ersten Szene und die absolute Ruhe des letzten Bildes (ein „film still“, das schon im bewegten Bild die Ruhe eines Mantras ausstrahlt) vergegenwärtigen. Und wie wunderbar gegenläufig, einen doppelten Boden auslegend, die beiden Schlussmusiken im Abspann …

Die vorletzte Folge legte vor, mit einem Titel, der einem, nach den ersten Szenen, den Atem stocken lässt, so dezent wird man in die Irre geführt: „The Milk And Honey Road“. Läuft das Leben nun fortwährend in vertrauten (unheimlichen oder harmlos eingeschliffenen) Mustern ab? Bis etwas endgültig reisst! Wie kommt man aus der eigenen Haut raus, und rettet sie gleichzeitig? Wie springt man über den Schatten, ohne sich in den Schatten zu verlieren? Wie retten die beteiligten Figuren (und können sie das überhaupt) ihre Würde?

Über die Schlusszene von „Lost“ wurde viel gelästert, sie machte Sinn, war aber schon grenzwertig nah am Kitsch. Es gibt allerdings eine Dosis von Kitsch, die dem üblichen Lamentieren über Hollywood’sche Gefühlsgängelei gute Argumente entgegen hält. Hier, in „Person To Person“, auch einem anfangs leicht wunderlich wirkenden Titel, ist nun alles kitschfrei, obwohl Sad Endings und Happy Endings sich die Waage halten.

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Ich habe mich schon einige Male gefragt, was dieser Mann für Bücher liest. Selten wird man von einem Sänger und seiner Band dermassen  zwischen Klarheit und Traum eingesponnen. In dieser Musik gibt es eiskalte Winternächte, einen Schaukelstuhl, und den Geruch amerikanischer Holzhäuser.  In seinen Texten könne man sich leicht verfangen, sagte ich vor Jahren dem freundlichen Herrn mit Hornbrille ins offene Gesicht, und manchmal erscheine es mir, seine Songs seien eine seltsame Kreuzung zwischen dem skurrilen Humor eines Richard Brautigan und den hermetischen Kargheiten eines Raymond Carver.

„Is A Woman“ war eines der Meisterstücke der Band. Auch ein Traum von altem Jazz, von den Sphären, in denen Billy Strayhorn und Duke Ellington „Solitude“ spielten. „Is a Woman“ war ein Melancholikum ersten Grades, vom Licht alter Sommer erfüllt, von Spinnweben, von der Tragweite unscheinbarer Momente. Kurt Wagner lockte uns mit „Lammkeule ist eine Frau“ in einen keinesfalls aus der Mottenkiste stammenden Geschichtenzauber: der Pianist Tony Crow legte dabei Klangspuren, die bis in die Vierziger Jahre des alten Amerikas reichten, lauter melodische Destillate. All diese „alten Hüte“ bringen erst dann etwas, wenn sie schief auf dem Kopf sitzen, nicht formgerecht!

„Ich habe ja so meine Begrenzungen, was die Sprache des Jazz angeht, aber Tony erlaubte mir, meine Vorstellungen weiter in die Richtung zu treiben, die mir im Kopf vorschwebte“, sagt Kurt, hustet, und blickt aus dem Fenster des Kölner Chelsea Hotel.  

 

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Das Sedierende (was manche als „Soft Rock“ denunzieren) ist die größte Hinterlist des Mannes mit der Mütze. Dem großen und zugleich lässigen Wurf von „Is A Woman“ folgt eine Tour mit dem „Kurt Wagner Trio“, die alles Leise noch mehr auf die Spitze trieb. Mittlerweile muss  der Mann mit der sonoren Baritonstimme nicht mehr dem Job des Fliesenlegers nachgehen; „Nixon“ (2000) war ein kommerziell erstaunlich erfolgreiches Album, die Palette der Klangfarben weiter gefächert, man zollte Curtis Mayfield Tribut und  blieb sich selber treu.

Der Durchbruch (womit der Wechsel von nahezu leeren Clubs zu ausverkauften Häusern gemeint ist) gelang im Sommer 1998, als Lambchop, mindestens zwölfköpfig, mit den damals noch recht unbekannten Calexico und Vic Chesnutt durch Europa reisten. Ich sah diesen Dreierpack im „Electric Ballroom“ im Camden Town, es war eines dieser Konzerte, bei denen sich die Holzmaserung der Ausschanktheke so sehr ins Gedächntnis schreibt wie die Augen der Frau an deiner Seite,  und das Hinausströmen der Scharen in die Nacht.

 

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Lambchop rückwärts zu entdecken, ist eine ergiebige Sache, denn diese Band hat nur Gutes, sehr Gutes und  sehr, sehr Gutes geschaffen, „What Another Man Spills“ (1998) gehörte in meiner Mitternachtssendung  genauso so zu den besten Produkten des Jahrgangs wie zuvor „How I Quit Smoking“ (1996). David Byrne wurde damals Lambchop-Fan, erinnere ich mich. Für den  Doppelschlag,  „Aw C´mon“ und „No You C´mon“, nahm sich der Mann aus der Countrymetropole jede Menge Zeit, um seiner Kunst,  ziemlich gewitzt, auf die Sprünge zu helfen:

 

Wenn ich früher Songs schrieb, dann konnte ich nie sagen, wann diese Lieder entstanden, es waren Glücksmomente. Nun aber wollte ich einmal nach klaren Kriterien arbeiten, und jeden Tag einen Song schreiben. Klar, gute Ideen kamen, schlechte Ideen kamen, aber ich bewertete nichts, ich war geradezu begierig darauf, Fehler zu machen. Es war wie ein Ritual, und es blieb mir kaum Zeit, lange über kreative Entscheidungen zu grübeln. Manchmal flog der Tag nur so dahin, manchmal blieb die Zeit auf der Stelle stehen. Aber es gab ja immer ein Morgen, immer einen neuen Nullpunkt.

 

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Die Trennung von Spreu und Weizen überließ man einem späteren Zeitpunkt, Kurt Wagner verschwand zwischen Sommer und Winter 2002 in seiner Songschmiede. Das meiste war schon geschrieben, da flatterte das Anbgebot ins Haus, Murnaus melodramatischen Klassiker „Sunrise“ neu zu vertonen.

 

Ich wollte an diese Aufgabe so herangehen, wie es einige Filme in den Sechziger Jahren gemacht haben, etwa „The Graduate“, mit Dustin Hoffman und den Liedern von Simon & Garfunkel, oder „Butch Cassidy and Sundance Kid“. Damals begann man damit, Popmusik in Filmkontexte zu transportieren, das war zuvor nicht so häufig der Fall. So wählte ich einige Songs aus, die bestimmte Passagen des Films auf ganz eigene Weise kommmentieren oder miterzählen sollten. Und ich schrieb einen beschwingten, leichten „Opener“ wie „Sunrise“, schließlich hatte der Film ein Happy End, und, trotz aller Liebeswirren, eine optimistische Ausstrahlung – das wollte ich schon in der ersten Sequenz andeuten!

 

Wenn Kurt Wagner mal kurzweilig mit Walt Disney-Stimmungen spielt, wenn alte Anleihen beim Seventies-Philly-Soul (der berühmte seidige Streicherglanz!) genauso zum Tragen kommen wie versprengte „blue notes“, amorphe „ambient drones“, eine Prise Rumpelrock, ein Abreissen der Kehlkopfstimme in bester (ja, auch der Mann hat mal tolle Songs geschrieben!) Cat Stevens-Manier; wenn darüber hinaus leicht mysteriöse Stories und Wortspiele selbst Dylanologen zur Verzweiflung treiben könnten, dann liegt die Vermutung nahe, daß es sich wohl um einen recht bunten Gemischtwarenladen handelt. Und genau an diesem Punkt (wo manchem der Spruch vom „Weniger wäre mehr“ auf der Zunge liegt) lässt sich das schöne Gelingen von „Aw C´mon“ und „No You C´mon“ festmachen: statt die leisen Intensitäten von „Is A Woman“ fortzuschreiben, erlaubt man sich gleichermassen Exerimente und alte Lieben.

 

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Dabei setzen Kurt Wagner und Co. einen Trick ein: etliche Songs legen in den ersten Sekunden eine falsche Fährte, holen Luft, und schlagen unversehens eine gänzlich andere Richtung ein. Und sie sind kürzer geworden: das Extra an stilistischer Breite und die fallweise epische Pinselführung werden ausbalanciert von einer Verdichtung der Komposition. So wird, anders als bei vielen Retrobands im Retrorausch, die Lambchopsignatur noch ins offenhörbarste Zitat eingewoben. Und hier kommt die herzlich begrenzte Stimme des Herzerweichers und Crooners entscheidend ins Spiel, eine Stimme, welcher geschätzte Attribute wie elegante Geschmeidigkeit, oktavenumspannendes Spektrum und lautmalerische Prägnanz weitestgehend abgehen.

 

Bei mir geht es immer um den Song, den ich gerade singe. Bei manchen Liedern ist ein leiserer Ansatz erforderlich, und jede Art von Aus-Sich-Herausgehen wäre falsch. Manchmal denke ich, klappt das sehr gut, und die Stimme findet den Ort, an den sie innerhalb eines Liedes gehört. Wahrscheinlich verlangt jeder Song, daß ich ihn auf bestimmte Weise singe. Und das ist gut, weil auf diese Weise eine ganz persönliche Aussage entsteht. Zugleich erhält das Lied dadurch eine Einschränkung. Daß es vielleicht kein anderer singen kann (lacht). Und das ist nicht mein Ziel. Es wäre ein Erfolg, wenn ich jemanden finden würde, der sich einer meiner Songs annehmen könnte!

 

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Sogenannte „begnadete“ Stimmen hören sich anders an, erliegen dann aber auch um so öfter dem eigenen Reiz und landen, statt in der Kunst, im Gewerbe. Wer aber so rigoros wie Kurt Wagner durch die Worte haucht,  einzelne Silben liebend gerne verschluckt und mit einem dunkel dröhnenden „rrrrr“ Marke Tennessee umliegende Vokale massiv in ihrer Existenz bedroht, der ist entweder von allen guten Geistern verlassen oder damit befasst, den vielzitierten und viel seltener realisierten „eigenen Sound“ zu entwickeln! Und um die Abweichungen vom guten Ton komplett zu machen, hat ein Refrain bei Lambchop schlicht Seltenheitswert, und kryptische Bilder schlingern von Zeile zu Zeile:

„She loved the spare texture / of his difficult, and sad books, / and felt she was exceptionally equipped with Stanley Wilson´s distractions.“ Singen Sie das mal, lieber Leser! Oder rezitieren Sie es, ohne daß es an allen Ecken hakt! Und wer ist dieser Stanley Wilson?! Man muß ja schon schmunzeln, wenn ein  Reim aufaucht! Und beginnt ein scheinbar simpler Lovesong mit folgenden Worten, wittert man gleich ein ganz ausgekochtes Manöver: „And I hate candy / But I like rain / And I like substance / To tickle my brain (…)“

„Steve McQueen ist ein Song über das Sterbenmüssen, es geht um die Annahme der eigenen Sterblichkeit. Steve McQueen war einer dieser Berühmtheiten der 70er Jahre, eine Filmikone, schon früh eine Kinderstar, alle Kids hatten ein Poster von ihm an der Wand, wie er mit dem Motorrad über einen Zaun  sprang, ich glaube, in „The Great Escape“. Und er war die erste Berühmtheit meiner Jugend, an die ich mich erinnere, die an Krebs starb. Dieses Ereignis nahm in der Öffentlichkeit der USA einen großen Raum ein, und wirkte auch bei mir nach.“

 

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Wer über solche kulturellen Prägungen hinaus in der Zuckerbäckerei der amerikanischen Volksmusik  aufwächst – schauen Sie sich mal Robert Altmans dokumentarischen Spielfilm „Nashville“ aus den Siebziger Jahren  an, um sich ein Bild von diesem leicht deprimierenden Milieu zu machen – der muß unbedingt einen klaren Kopf bewahren, vor allem, wenn die  eigene sentimentale Ader gar nicht zu leugnen ist. Dezente  Country-Spuren finden sich bei Lambchop im Gebrauch der pedal-steel-Gitarre, die  Daniel Lanois so vollkomen transparent auf seinen Arbeiten zum Einsatz bringt. Er nennt das Instrument „the church in my suitcase“.

 

Es war für Daniel Lanois sicherlich hilfreich, nicht in Nashville groß geworden zu ein. Er lässt das Instrument mit einer eigenen Stimme singen. Und dieses „Singen“ beschreibt den Klang des Instruments am besten. Es ähnelt so sehr der menschlichen Stimme. Du kannst da einiges erfahren über das Gleiten eines Klanges! Unser Gitarrist spielt eine Vielzahl von Gitarren und benutzt das Instrument ganz sicher auch außerhalb des typischen Lehrplans alter Nashville-Schulen.

 

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Als Teenager hatte Kurt Wagner einen ersten großen Angriff auf die eigenen Wurzeln unternommen. Einer seine besten Kumpel war ein Chemikalien-Freak, bastelte gerne kleine Rauchbomben und wohnte gegenüber von Ned Pierce, einem großen Star, desses Swimmingpools die Illusion vermitteln sollten, im Korpus einer Gitarre schwimmen zu können.

 

Das Unglück war, es waren verdammt große Rauchbomben, und als wir sie um einen seiner gitarrenförmigen Pools aufgestellt und angezündet hatten, verwandelten sie die ganze Umgebung in riesige Rauchschwaden, und ein großes Aufgebot an Polizei und Feuerwehr rückte an. Wir schlugen uns in die Büsche, wir waren halt kleine Teufel!

 

Es gab auch einen Underground in Nashville, aber diese Geschichte solle ein anderes Mal erzählt werden, und Kurt wagner kennt sie gut. Kurt Wagner und sein wandlungsförmiges Ensemble können mit allen möglichen Szenarien spielen, ein Streichquartett genauso ins eigene Repertoire integrieren wie die Soundpalette einer Big Band. Man kann Lambchop-Songs lieben, ohne ein Wort zu verstehen, und vielleicht ist das ja auch der Kunstgriff dieser halbverschlossenen Lyrik: einzelne Worte bleiben haften, werden zu Bildern oder reiner Klang – und das Lied zieht weiter seine eigenen  Kreise ums Unerhörte herum! Lambchop ist wohl eines der wenigen Exemplare (und hier holen wir ein ganz altes Wort aus dem Schrank) einer „progressiven“ Band, die sich, analytisch betrachtet, eine „Regression im Dienste des Ichs“ nach der anderen leistet, ohne in prätentiösen Wallungen zu stranden.

 

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„Ich versuche, den Liedern auf eine indirekte,  nicht philosophische Art, Tiefe zu verleihen, welche die Erfahrung des Hörens mitformt. Die  Songs von Lambchop   haben ganz sicher eine Art von Ambiente und Umgebungsqualität, andere Leute nennen das „cinematisch“.“

Stimmt. Und auf dem kurzen Weg zwischen Schallquelle und einem Paar Ohren öffnen sich eben unerwartet Räume (der Schaukelstuhl und die amerikanischen Holzhäuser entpuppen sich als reines Bühnenbild), da kann auch schon mal, en passant und völlig unpathetisch, der Atem stocken! Und was liest dieser Kurt Wagner nun wirklich, der ein lautes Lachen bereithielt, als ich den Verfasser von „Forellenfischen in Amerika“ ins Feld führte (der sich in Kalifornien mit einem Gewehr das Hirn aus dem Kopf geschossen hat, in diesen goldigen Hippiezeiten!) als mögliche literarische Parallelwelt der „Lammkeulenmusik“.

 

Ich lese seit Jahren Don DeLillos „Unterwelt“: ich beginne den Roman, komme eine bestimmte Strecke durch, und dann ist es erst mal gut. Und irgendwann fange ich wieder von vorn an, und diesmal schaffe ich mehr. Aber ich komme wieder nicht durch. Und das Seltsame ist, ich fange immer wieder von vorne an, und lese es immer wieder sehr gerne. Das ewige Buch!

 

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Nachbemerkung: dies ist ein gekürzter und überarbeiteter Artikel aus der Frühzeit der Manafonisten. Anlass: am 4. November erscheint ein neues, etwas a n d e r e s Album von Lambchop: „FLOTUS (For Love Can Turn Us Still)“. Eine seiner besten Platten wurde von mir gar nicht erwähnt hier, sie heisst „DAMAGED“. Sie stammt aus einer dunklen Zeit seines Lebens. Und dann ist da ja auch noch „Mr. M“. Aber ich denke, es ist eine gute Einführung.

(August, 2016)

It’s an old saying that music is sending you places, great music to very special ones. We’re all time travellers when it comes to deeper listening. Nevertheless dejavues and old ways are all around us. Call it postmodernism. Distant decades even ring a bell when you’re listening to the most recent hot or cool stuff. But if we do follow our desire lines, we’re not trapped in the advertising of the extraordinary and canonical – we’re back on „boogie street“ (from downtown to the wilderness). Our memory may easily skip from nostalgia to disturbance, from telling old stories to simply changing the stories. What has all been fixed in history books (or the comfort zones of your mind), is losing its power, becomes purely academical. In this slightly hypnotic lecture (beware of a trained psychologist and music journalist in a rather dark room!), a genre-defying collection of broadly Norwegian and British music spanning several decades will be placed in different settings and tales, from desolate areas at the Northern coast of Scotland to the fully air-conditioned studios at the RSI, Lugano.

2016 6 Aug

Black Ship

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Ich bin in der einsamsten Ecke von GC, in einem Miniappartment, vollklimatisiert, Blick aufs Meer, plus WLAN. Man fährt zehn Minuten Rumpelweg, um von der Strasse des Dorfes hierhin zu kommen. Unterwegs rechts Avocodo, tiefhängend, links Bananenstauden – wie werden die gewässert? Ich wünsche mir (eiskalte) Johannisbeeren, aber die wachsen hier scheinbar nicht. Mein Ipad funktioniert, aber ich habe mir eine ähnliche Beschränkung wie in Nordschottland auferlegt. Höre nur vier CD’s: Van Morrisons Astral Weeks, Joni Mitchells Hejira, The Beatles‘ Sgt. Pepper sowie Miles Davis – Sketches of Spain. Irgendwann bei MAD MEN spielten sie, glaube ich, auch einmal eine Passage aus diesem Klassiker von Miles. Und ich kann gut verstehen, dass man einzelne Momente der Serie anhalten möchte, um sie in Ruhe zu betrachten: „film stills“. Manches  kommt Gemälden nah, und trotz mancher Nachtbar stand hier Hopper einmal nicht Pate. Gestern war ich einmal an einem lärmigen Küstenort im Süden, und da tranken vier supercoole Typen Pina Colada. Kleines Schmunzeln. Ich bestellte einen extra grossen Martini Rosso, mit viel Eis. Der eiskälteste Wermut meines Lebens. Leider lief im Hintergrund seelentote Lounge-Musik a la Cafe Ibiza. Der Martini tat seine Wirkung. Gut. Ich konnte eigenen Träumen nachgehen, und in meinem „Soul Radio“ „Dreadlock Holiday“ einstellen. Laut, sehr laut.

 
 
 


 

2016 5 Aug

Jamaikagarn

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Der Text ist ja eher erleuchtungsfrei, nicht mal von doppelten Böden oder raffinierten Subtexten dürfte da die Rede sein, das offizielle Video auf „Clipfish“ ist allenfalls ganz hübsch beknackt, aber ich liebe diesen Song, seit ich ihn das erste Mal in einer Discothek in Würzburg gehört habe. Es ist ein vollkommener Song, nur eben ohne Chance auf tiefe Exegese. Es sei denn, wir nehmen uns die Bauteile abseits der Lyrik (des „Jamaikagarns“) Stück für Stück her. Melodik, Stimmführung, Slang, die Exotik des weissen Reggae. „Dreadlock Holiday“. Wenn ich das Lied höre, springe ich Jahrzehnte rückwärts, Jahrzehnte vorwärts, ich lande in einem heisssen Spargelsommer der Achtziger Jahre in Volkach, ich lande in Gran Canaria im August 2016, und suche die verlassendsten Bergflecken und Küstenstreifen tief im Westen der Insel.

I absolutely loved this book! Unapologetically grim, „Available Dark“ mines the ripe but overlooked black metal culture of the 80s and 90s to great effect. A must read for readers who appreciate a good anti-hero but would love a female one, as Cass Neary is what you’ve been waiting for. It has a bit of Chuck Palahnuik vibe (think Diary), and is a great follow up to the excellent Generation Loss.

 

Rachel is right about Elizabeth Hand’s Available Dark, and just a few days back, you can read – here – about some of Elizabeth’s favourite albums.  Apart from the thriller of the month (read, in case you’ll give it a chance, at first, the German translation of „Generation Loss“ – „Dem Tod so nah“ ist ein fantastischer Thriller, der beginnt in den frühen Tagen des CBGB’s in New York, ein Muss für Freunde der Fotografie und knallharter psychologischer Thriller mit Tiefgang), this month’s recommendations are a rather wild mix full of surreal effects and experiences, disturbances and distortions.

After Robert Macfarlane’s slow walking excellence, it’s for sure a pure delight to encounter Geoff Dyer’s new travel stories. I had to laugh out loud more than once when he, for example, tried to follow the footsteps of Paul Gauguin on far away islands. Dyer’s book is much more witty, but always has a dark edge. After I read his essay about „The Forbidden City“, I put it immediatley on the list of 100 places I don’t want to see before I die. Jazz also turns up, remember, Geoff has written the cultish „But Beautiful“, though I’m a bigger fan of his books about American photography (have a look, Lorenz and Jan!) – and Tarkowski’s weirdest film! :)

Meanwhile, one of our „Philosophica“ of early summer, has been translated into our home language. Yes, I’m referring to Sarah Bakewell’s brilliant book about the French existenzialists.

The reissue of the month is dedicated to a long-lost album that makes the expression „freak folk“ look rather tame and childish. Andrew Male has written a short and essential review for this month’s time travellers.

There might be a lot to write about our album of the month, Ian William Craig’s Centres, but even better, there is  even more to listen to – for me, it is a culmination of aethetics that the likes of Frost, Fennesz and Hecker have worked on in recent years. And with all the songs and song fragments buried and freed from the ashes here, it’s a unique elaboration of the spirit of „My Bloody Valentine“. And very different from the pioneers. This is an album made for headphones.

 

P.S.: If we would have a column for the best „TV series of the month“, it would definitely be Netflix’s Stranger Things (Season 1), with its unique melange of nostalgia, creepiness, 80’s flavour. Horror, loss and the values of friendship: Bloodline (Season 2) is worth watching, too.

Ich habe zwei-, dreimal das Berufsfeld gewechselt, zwischen Psychotherapie (speziell: Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit, Angstneurosen, Phobien, Zwänge, Sexualstörungen, Partnertherapie etc.), Erwachsenenbildung (mein kleiner zweijähriger Forschungsauftrag damals an der VHS Bochum hiess „Neue Konzepte in der Gesundheitsbildung“) – und Musikjournalismus. Der „storyteller“, der „electronic griot“, war hintergrundaktiv. Ziemlich oft. Die Kunst des Geschichtenerzählens ist Teil der Hypnotherapie nach Milton Erickson. Die besten Einfälle landen eben zuweilen in der Wirklichkeit, nicht in einem Buch.

Zum Ende des Jahres ist die nächste Wendung geplant, ein guter geplanter Schuss ins Blaue, und in drei Richtungen gleichzeitig (das Paradoxe ist manchmal die Herausforderung). Ich mache gewiss noch die Radionächte „Klanghorizonte“ am 20. August und 15. Oktober – evtl., aber das entscheidet letztlich der Nachfolger des scheidenden Jazzredakteurs – ist dann der letzte grosse Spass am 30. Dezember. Und da verspreche ich einen besonderen Auftritt :) – zwischendurch ist noch meine wohl letzte Ausgabe der JazzFacts für den 23. September geplant, ein Porträt (fast einstündig) des Albums Atmospheres von Tigran Hamasyan. Mit einem Interview mit Manfred Eicher, den ich in Kristiansand beim 12. Punktfestival treffe. Dort ist auch bei den „seminars“ eine kleine „lecture“ / „performance“ meinerseits geplant, mit dem Titel Desire Lines and The Disturbance of Memory. All diese Angaben sind natürlich ohne Gewähr. Das Leben läuft ja nicht immer nach Plan.


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