Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Als ich Hunderte von Kilometern hinter mir hatte, mit meinem Toyoten, um in der Folge drei Tage auf Sylt meine Fotoperformance einzurichten, mit 235 Variationen meines verwundeten Beins, gleich neben Hennings „77 Million Jazz Pictures“, und einen Vortrag abzuliefern, betitelt „Der Mythos der Meerjungfrauen“, hatte ich mir noch die Zeit genommen, ein grosses altes Landkino zu besuchen. In Schleswig-Holstein. Viele gibt es nicht mehr davon. Es verströmte den Charme der frühen Siebziger, und der Film, der dort lief, in einer „sneak preview“, war „Frank“. Endlich in den deutschen Kinos angekommen, sah ich zum zweiten Mal diesen meisterlichen Film (mit Michael Fassbender) über die Suche nach unerhörten Klängen. Nie nostalgisch wie der Brian Wilson-Film, lieferte der Film jenes Quantum Verstörung ab, das so oft (neben dem Enthusiasmus) Teil des kreativen Prozesses ist. Das Scheitern ist eben stets Teil des Spiels.

2015 22 Aug

Und dann krachte es!

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Ich ärgerte mich, dass ich mein Aufnahmegerät nicht dabei hatte. Die Wolken enthüllten ein seltsames Farbenspiel, der Wind frischte auf, Regen ging in Bindfäden nieder. Ich hätte gerne die Geräusche aufgenommen, zumal aus dem Hintergrund, durch das Mauerwerk einer alten Kirche hindurch, ein Chor erschall. Ich stand am Rande eines wilden Gartens, als Manfred Eicher dazukam. Ich sagte zu ihm: „Höre dir diese Kulisse an, es klingt, als würden die Stimmen tief aus der Erde kommen.“ Wir erlebten dann, wie eine sonderbare Stille Einzug hielt, der Himmel violette Farben annahm, selbst der Chor schien den Atem anzuhalten. Ich blickte auf ein freies Feld, und plötzlich schlug ein Blitz ins hohe Gras, und setzte etliche Quadratmeter in hoch aufschiessende Flammen. Es dauerte, bis ich mein Handy gefunden hatte, und die Feuerwehr anrief. Mich wunderte, dass die 112 funktionierte, denn ich war in einem anderen Land. Noch immer merkte ich nicht, dass ich träumte, es waren  bereits in der Ferne Alarmsirenen zu hören. Relativ schnell hatte sich das Feuer beruhigt und bewegte sich nicht mehr auf den Produzenten und mich zu. „Manfred, ich gebe ja nicht ständig Laut, aber das wollte ich dir seit Tagen mailen: diese Produktion mit Tigrans Pianospiel und dem armenischen Chor ist unfasslich gut. Chormusik ist nun gar nicht mein Ding, aber das Teil setzt meine Abwehr ausser Kraft.“

1) Human Arts Ensemble: Under The Sun / 2) Sam Rivers Trio: Live w/ Steve McCall & Cecil McBee (Impulse) / 3) Anthony Braxton & Derek Bailey (Emanem) / 4) Dave Liebman: Lookout Farm (ECM) / 5) Charles Lloyd: Sombrero Sam (?) oder Live (?) – Mann mit Hut auf Cover / 6) Oregon: Live (Vanguard, the original quartet, ca. 1977?) / 7) Andrew Hill: Live in Montreux (?) (Freedom/ Arista) / 8) Association P.C. (mit oder ohne Toto Blanke, MPS) / 9) Paul Desmond (eine Lieblingsplatte von Anthony Braxton, mit ein oder zwei Mitgliedern des MJQ, Titel enthält evtl. das Wort „Clouds“, die Platte das Stück „You Go To My Head“, lang vergriffen, jap. Label?, unfassbares Schweben) / 10) John Surman: Morning Glory (pre-ECM days) / 11) Cecil Taylor: Live in Montreux (Antibes?) (Arista/Freedom) / 12) Cecil McBee: Mutima

Es kann verblüffend sein, mehr über einen guten Freund zu wissen als selbiger von sich. Nicht, dass man ihn schonen möchte, weil etwas Unlustiges aus seinen Umfeld ihn in unguten Zorn versetzen würde. Viel aufregender ist es doch, etwas Grossartiges zu wissen, das seine Tage und Abende und Rotweinrituale immens bereichern wird. In diesem Fall kenne ich nun Gregs Platte des Jahres 2015, von der er noch keinen Schimmer hat, sie kommt erst noch auf den Markt. Greg und ich schätzen es, Jahreslisten zu erstellen, in denen all die akustischen Verführungen von vier Jahreszeiten so aufgeführt sind wie einst die Top Twenty auf einem englischen Soldatensender im „summer of love“. Gregs Album des Jahres hier zu verraten, hiesse jedoch, mit unzulässigen Suggestionen zu arbeiten, und so schicke ich dieses Dokument von Empathie und Geheimwissen an unsern Webmaster, als schlichte Mail, ohne Lack und Siegel. Er wird es dann beizeiten lüften, und Greg später, zwischen Nikolaus und Weihnachten, still bei sich denken: „Hat der Schurke doch wieder Recht behalten, und sich nicht mal um ein, zwei Plätze vertan!“. Übliche Verdächtige, die dieses Spiel leichter machen könnten (Brian Eno, Robert Wyatt, Scott Walker) werden 2015 nicht ins Spiel eingreifen. Da kommt nichts.  Bleibt der „grosse ungenannte Act“, und soviel sei verrraten, es ist ein Meilenstein im Leben dieses „Acts“. Auch für mich ein Fünf-Sterne-Album – bei meinem Freund und Jukeboxhändler (und Kupferstecher) wird „das Teil“ gar David Torns „Only Sky“ vom Sockel stossen. Das ist natürlich, wie wir Cronopien und Famen wissen, heiteres Sockelstossen. Dem Himmel wird man auf besagtem, unbesagten Album auch begegnen, und ganz gewiss einem unrosaroten. Sollte es irgendwann mal wieder einen grandiosen, nicht zuletzt in entlegenen Wäldern spielenden, Horrorfilm geben, die ideale Musik für den Abspann hätte dieses Opus schon parat. Es müsste allerdings tatsächlich ein Film sein vom Kaliber von, ähem, jetzt habe ich den Namen vergessen, er spielt, glaube ich, zur Zeit des spanischen Bürgerkrieges. Und bitte nicht raten, keine Fährten, keine Brotkrumen, einfach nur im Dunkeln tappen. Immerhin hat der fast unbeteiligte Leser in diesen Zeilen schon einiges erfahren können, über ein einzigartiges Gitarrenalbum, einen Klassiker des Phantastischen Kinos (fast), und, zu guter letzt, dann noch den Titel eines Buches, das Greg endgültig vom Stuhl hauen würde, ähnlich wie David Mitchells „Uhrenknochen“ anno 2016, wäre das Englische nur seine Haussprache: „Our Endless Numbered Days“, von Claire Fuller. In diesem Roman geht es auch tief in die Wälder. Sehr tief.

„Dirty old river, must you keep rolling / Flowing into the night“. Ich spazierte sehr gerne durch die Nacht von Kristiansand. Die Arbeit war getan und Lust obendrein, die Musik von Cyclobe die Überraschung jenes Septembertages. Ossian Brown, einer der Bandleader, hatte vor Jahren ein Fotobuch zum Thema „Halloween in England“ veröffentlicht, mit vielen uralten Bildern – Kinder in alter Zeit, die dem Grauen ein Schnippchen schlugen.

Ich gehe (eine richtige „Mörderwanderung“!) über gepflegte, hölzerne Hafenbrücken, an riesigen Fischlagerhallen vorbei, lasse den winzigen Küstenpark links liegen, jetzt komme ich zum Stadtrand, die Strasse steigt an, aus einem Studentenwohnheim kommt Musik der Rolling Stones, eine alte Platte, ich glaube, es ist „Let It Bleed“, eine gute Stunde zieht ins Land, ich komme noch an dem Laden mit den verzerrten Technoklängen (ein ewiges Umpf-Umpf der bekloppten Art) und der grossen Kebab-Pizza vorbei (open till 4.30 in the morning!), dann sinke ich ins Bett, nur die Gedanken rotieren noch, ich remixe meinen Tag live, steige aus allen „loops“ aus, na ja, ein paar kreisen noch ums Gehirn herum, ich stehe noch einmal auf, nehme einen Soft Drink aus der Mini-Bar, und lege in meiner virtuellen Jukebox einen Song auf, der mir aus Gründen, die ich nur zu gut kenne, ganz nahe kommt, „Waterloo Sunset“, von den Kinks.

Die „Doom-Folk“- und „Drone-Spezialisten“ von Cyclobe kommen mir wieder in den Sinn, die mit ihren Synthesizern, hurdy-gurdy-klängen und sonstigem historischem Klanggerät, wie die Kinks, aus einem alten England stammen, wild entschlossen, dessen letzte Spuren zu sichten, in einer dunklen, songfreien Zone, herrlich archaisch, und „very strange in a positive way“. Die Art von Musik, bei der Musikjournalisten immer gerne den „heidnischen Gral“ der britischen Folk-Historie (Abteilung: Kino) ins Spiel bringen, den Horrorfilm-Klassiker „The Wicker Man“. Tatsächlich haben Cyclobe ein Faible für Soundtracks, und jüngst alte Filme von Derek Jarman neu vertont.

Nachklang: Ich werde die Waffeln im Hotel Norge vermissen, die anregenden Gespräche, die grosse Crew, die sich um das Wohlergehen aller Gäste kümmerte, die meistens klugen Festivalplanungen der künstlerischen Leiter Jan Bang und Erik Honore, die Gespräche mit Sidsel und Eivind, mit Arve und Jon (Hassell), Fiona K. und Dave B., das wunderbarste Ehepaar aus Kristiansand, Freigeister durch und durch, ich weiss, Dankeslisten sind langweilig, aber diese ist ja nun auch schon zuende und sowieso unvollständig.

Was Menschen oft verkennen, ist die Freude, wenn man weiss, dass man etwas Grossartiges einfach loslassen kann, so richtig, und für immer. Ich hoffe, die beiden Direktoren werden einmal Steve Tibbetts und Marc Anderson nach Norwegen holen, damit sie „Northern Song“ neu inszenieren. Dann, und nur dann, würde ich noch einmal dort sein. Der unnahbarste Mensch, der mir dort begegnet ist, heisst David Sylvian. Gespenstern begegnet man eben nicht nur in alten Schlössern.

  1. George Duke: Faces In Reflection
  2. Julian Priester: Polarization
  3. Herbie Hancock: Headhunters
  4. Byard Lancaster: Us
  5. Eine Schallplatte von Red Norvo
  6. Joachim Kühn: Cinemascope (MPS)
  7. Grover Washington Jr.: Winelight
  8. Julie Tippetts: Sunset Glow (?)
  9. Astor Piazzolla / Gary Mulligan (Duo)
  10. The Blue Notes (Doppel-Live-Album)
  11. Jeremy Steig: This Is Jeremy Steig
  12. Chris Hinze Combination: Mission Suite (MPS)

Auf dem Küchentisch das volle Glas Milch. Nur eisgekühlt und auf ex konnte ich Kuhmilch halbwegs geniessen. Abends trank ich so ein Glas manchmal, damit das Bier oder der Wein am nächsten Morgen keinen Kater verursachten (eine Flasche „Kleinwintersheimer Geiershölle“ hatte es in sich). Aber morgens, das war eine Ausnahme. Vielleicht „Nachdurst“. Auf dem Kühlschrank stand ein Radio-Kassettenrecorder, und ich setzte mich an den Tisch und berauschte mich an Frank Zappa. Ich hatte seinen Auftritt von der Isle of Wight mitgeschnitten, George Duke spielte ein atemraubendes E-Piano, die Zappa Band legte eine fulminante Version von „The Grand Wazoo“ auf die Bühne. Um die Zeit herum hörte ich einmal in der Stadt eine Schallplatte von George Duke, die auf dem Kunstkopfhörer ausserordentlich klang – der damals moderne Fusion-Jazz mit Tasteninstrumenten und Synthesizern entfaltete sich um den Kopf herum, dass es eine Pracht war. Ich zweifle daran, ob George Duke jemals eine auftegendere Platte gemacht hat als diese mit dem Titel „Faces in Reflection“ (1974). Lassen wir die Sidemen-Aktivitäten dabei mal ausser Acht. Kürzlich erschien eine Prachtbox für Vinylisten, die alle sieben Soloalben von George Duke für das Schwarzwald-Label MPS aus den Jahren 1973 bis 1976 vereint. „The Era Will Prevail“. Kostenpunkt 169 Euro. Klanglich war MPS für exzellente Tonqualitäten bekannt, und meine meistgespielte Platte des Labels war eine von Don Sugarcane Harris. Nur, George Duke war immer auch ein Mann für den „smooth jazz“, den longdringtauglichen Mix aus Funk, Soul, Pop und Jazz. Da gab es ja noch einen Spezialisten für Kerzenlicht, Martini rosso und Barhocker, wie hiess dieser Softie noch, ja, genau, Grover Washington Jr. Ha, eine seiner erfolgreichsten Platten war „Winelight“, und die ist so samtweich, dass man sie als dämmeriges Glanzstück des „smooth jazz“ durchaus geniessen kann. Statt der „Zigarette danach“. Ich schweife ab. Ich glaube, George Duke hat bei MPS die besten Platten seines Lebens gemacht, aber inwieweit mich das  ganze Paket heute noch fesseln würde, keine Ahnung, leichte Zweifel. Später behauptete mein Jazzchef einmal felsenfest, ich hätte doch einmal ein feines Porträt über George Duke gemacht, aber ich war mir sicher, ihm nie im Leben begegnet zu sein. Ich hätte aber Lust, wenn nicht mit Kunstkopf, so wenigstens mit einem Plattenspieler, „Faces In Reflection“ wieder einmal zu hören, gerade nach so langer Zeit. Vielleicht auch das Vorgängeralbum „Feel“. Das Glas Milch war schnell ausgetrunken, George Dukes langes Solo bei Frank Zappa verklungen, und ich legte eine andere Kassette ein, „Lord of the Rings“, von Bo Hansson. Das war nie verkehrt in meiner wirren Teenagerliebeswelt.

 
 
 

 

2015 16 Aug

„Del mondo“

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Für mich sind diese letzten Stücke meines Albums CUCKOOLAND ein Bündel von möglichen „Exit“-Strategien in einer unerträglich brutalen Welt. Da bin ich offen für Sinnsuche, für Bedeutungsreste, für jeden Lichtblick. Ich mochte die ergreifende Melodie von „Del Mondo“; der Song basiert aber auf der mystischen, geradezu feminstisch anmutenden Weltsicht eines katholischen Komponisten. Da spukte wohl in jungen Jahren in seinem Kopf die Idee rum, daß wir es mit einer Erdenmutter besser haben würden als mit einem männlichen Gott. (Robert Wyatt, aus meinem CUCKOOLAND-Interview)

 

 
 
 

Chris am Mikrofon. Cicely, Alaska. Die hintersinnig-komische Serie „Northern Exposure“. Vor langer Zeit. Heute sah ich zwei alte Folgen auf grosser Leinwand, in einer ging es um Bella Italia, Dante, und die Tücken, eine neue Sprache zu lernen. In der anderen, „Fish Story“, traten drei Rocker auf, mit Motorrädern, am Ende der Welt. Und es war wunderbar, in der Kneipe lief plötzlich ein alter Song der Allman Brothers Band. Stunden vorher hatte ich daran gedacht, wieder mal im Fillmore East aufzutauchen, an diesen drei Abenden, 1971, an denen sie für die Ewigkeit spielten, Monate, bevor Duane tödlich verunglückte. Ich werde mich nie satt hören an diesem Doppelalbum. Diese Musik erfüllt mich, dabei war ich nie ein Blues Brother. Ich hätte gerne nachts im Sender diesen Blick nach draussen, eine Sendestation an der West Coast würde mir auch gefallen, es muss ja nicht gleich ein Leuchtturm sein, und, wie einst bei John Carpenter, der Nebel des Grauens aufziehen. In der Morgendämmerung vom Samstag kommen grosse alte Langspielplatten, produced by Manfred Eicher, 1973, 1974, 1977, ins Spiel, eine leider fast vergessene Solopianoplatte wird den Abspann bilden, und neben Mitschneidern und Nachteulen auch einige Frühaufsteher beglücken, „Ecstasy“, von Steve Kuhn. Die Siebziger Jahre waren die wahren Sechziger.

 

„I will bring you through the night“ (Laura Nyro)  NEULAND: Flying Saucer Attack / Mike Cooper / Hilde Marie Holsen / Dino Saluzzi / Sokratis Sinopoulos / „Eine Olive des Nichts“ / Robert Forster / Codex // Moritz von Oswald Trio (w. Tony Allen) / Fennesz + Ozmotic / Monkey Plot / Brutter (w. Christian Wallumrod) / Radio Vietnam / Heitor Oliveros // NAHAUFNAHME: Terje Isungset // ZEITREISE: Arthur Russell / Brian Eno / Michael Mantler / Dieter Moebius / Lloyd McNeill / David Toop / Michael Head / Terry Riley // Art Lande / Jan Garbarek / Peter Rühmkorf / Steve Kuhn — (… from friday night till saturday morning – 1.05 ’til 6’oo) – www.dradio.de (live stream) 

 
 

 
 


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