Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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It’s a dream world, and it’s a jungle. The working methods change as do the places to be. As I said, we’re in the jungle this time, and it’s  not mighty. Not too mighty. Not mighty at all. More Walt Whitman than Walt Disney. They are three, but they sound like a tribe on this double album, vinyl only. Every side of UNFOLD covers one original composition, and as different as they are,  from mood and air and heat, it’s still and always jungle time. Everyone will get lost there, get lost in his own favourite undergrowth, favourite power spot and favourite outpost. The percussion man seems like a bunch of percussionists. Branches and leaves and squelchy rain drumming. The keyboards can easily be drowned in these textures of high density, but  a clearing is going to happen from time to time. The bass is a bass in the wilderness, sends signals, heartbeats, and farewells. Those searching do not always find, but THE NECKS discover a lot in their thrilling modus operandi of getting, well, lost, turning the old piano trio format upside down again and again.

 

Als ich jüngst eine gute Freundin und Thrillerexpertin nach den spannendsten Lektüren der letzten Jahre fragte, nannte sie, ohne lang zu überlegen, „Glut und Asche“ von James Lee Burke und „Sohn“ von Jo Nesbo. Wer also einen Pageturner in der Vorfrühlingszeit sucht, ist mit diesen Empfehlungen fraglos bestens bedient. Bei unseren Monatsempfehlungen rate ich dann doch eher zu reiflicher Überlegung, ob Sie sich auf das eine oder andere Abenteuer einlassen wollen.

Wir werden hier ganz sicher nicht GAME OF THRONES diskutieren – es gibt im Netz wohl an die drei Millionen Besprechungen der gesammelten Episoden, aber wer jemals als junger Erdbewohner fasziniert in die Welt von Sagen und  Mythen eingetaucht ist, könnte hier im Reich der „Seven Kingdoms“ ungeahnte Schätze entdecken. Mystery mit Tiefgang und eine visuelle Sprache, die ihresgleichen sucht. Sechs Staffeln, sechzig Episoden, da brauchen Sie für Homer womöglich länger.

THE OTHER PEOPLE PLACE. James Stinson war Lastwagenfahrer, hatte sieben Kinder, ein Herzproblem, machte Jahre lang dunkle elektronische Musik, bevor er „Lifestyles of a Laptop Café“ kreierte, und dann, gerade mal 32, anno 2002 starb. Damals fiel auch die Musik unter den Tisch, heuer wird sie als Klassiker dem Lied zugewandter Elektronik geachtet. Das Einfache hat eigenartige Tiefenwirkungen – und Projektionsflächen. Wie schön sich diese Musik in einer Sequenz mit dem Penguin Cafe Orchestra machen würde, immer im Wechsel … Simon Jeffes, der Meisterpinguin, starb 1997 und erzählte mir ein Jahr vor seinem Tod in meiner Dortmunder Wohnung von seiner Traummusik eines „organischen Gartens“.

Der totgeborene Zwilling von Elvis Presley erwacht in den Twin Towers, die aus dem Nichts im Hinterland von Dakota  neu auferstanden sind. Er ist natürlich schon gross, und sieht ein mächtiges Flugzeug auf die Glaswand rauschen, was sich als Halluzination heraus stellt – und dann immer diese Liedfetzen in seinem Ohr, „Heartbreak Hotel“, zahlreiche andere auch. Songs führen ein Geisterwesen in einem Geisterland, in dem sich Menschen aus Fleisch und Blut, wie du und ich, einen Reim machen auf all das Unerhörte. SHADOWBAHN ist natürlich kein Thriller, aber American Noir allemal, und dem introspektiven Leser wird nicht entgehen, dass es bei der Lektüre von STEVE ERICKSON diverse „altered states“ zu erleben gilt.

Das ergeht einem kaum anders, wenn man das Buch von Ayelet Waldman liest. Postnatale Depressionen, die dauern und dauern, bedrohen die Integrität des eigenen Lebensmodells, alles kann auseinanderfallen. Mit kompetenter Hilfe begann sich die Autorin in die Obhut eines (etwas kompetenteren) Timothy Leary der Neuzeit, und erlebte ihre allmähliche Genesung auch dank minimaler LSD-Einnahmen. Waldman ist aber auch kundig, was den amerikanischen „war on drugs“ angeht, und so ist das Buch ein spannender Genre-Mix, in dem Existenzielles und Politisches (und Neuroscience) Tür in Tür gehen – und die Pforten der Wahrnehmung weit geöffnet sind (und, liebe Teenager und Kiffer, nichts leichtfertig imitieren. Dummheit kann tödlich sein).

Everything about us is a lost machine / Everything about we is a forgotten dream„, das singt Jason Lytle in einem ergreifenden Song-Epos – so langsam könnte den Leser dieser Zeilen das Gefühl beschleichen, ein gewisser Wayne Coyne von den Flaming Lips wär der Kurator dieser Monatsempfehlungen. Die Filmdokumentation über die Band aus Oklahoma, „The Fearless Freaks“, würde  in diesem Kreis bestens aufgehoben sein. Soviel Psychedelisches und Traumverlorenes, soviel Dystopie, Mythenstoff und Desintegration. Und SOVIEL Melodisches – das war immer die Spezialität der Gruppe GRANDADDY gewesen, feinste Ohrwurmstoffe ins zerklüftete Gelände zu schleusen, in dem es wunderlich wirrwarrt mit analogen Synthesizern, Mellotronen und gitarristischer Verzerrungskunst. Schön, dass diese Band sich wieder gefunden hat, und Jason Lytles spezielle Gesangsstimme wieder all jene verzaubern könnte, die es nicht grell und vollmundig brauchen.

 
 
 

 

2017 23 Feb

Rhiannon und Co.

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Ich bin ja voll des Lobes für eine gern verrissene Platte, Peace Trail, von Neil Young. Viel unbekannter, vom Sound ausgefeilter, ohne rohe Kräfte auszusparen, ist ein morgen in den Läden erscheinendes Album mit einem ähnlich optimistischen Titel, Freedom Road, von Rhiannon Giddens. Auch hier ist, über die ganze Liederstrecke hinweg, der Blutzoll beträchtlich, und wer mag, sieht hier eine weitere Folk-Revivalistin in Aktion, und so verkehrt ist das nicht. Mindestens bis zum Amerikanischen Bürgerkrieg gehen manche Stories zurück, machen Zwischenhalt in der Bürgerrechtsbewegung der Sechziger Jahre, entzünden Kerzen an Gräbern im Finsteramerika der Gegenwart. Manchmal darf man von den alten Geschichten nicht genug kriegen, weil sie sich bis heute wiederholen, und falsche Wehmut zum Glück rasch in den Widerstandsmodus umschaltet. Gospel, Folk, Jazz, Blues, Funk, Rap, das alles, ja, aber nicht als gepflegte Mixtur. Neil Youngs Peace Trail ist ungeschliffener, und bei Rhiannon geben Coverversionen den Ton an. Und, um sich ganz sicher vor bloss flüchtigem Ergriffensein zu schützen, sind hinterher englische Tapas zu empfehlen, „English Tapas“, das neue Album von Sleaford Mods. Kommt dann Freitag in einer Woche raus. Ich habe gestern, nach Ewigkeiten, „The Searchers“ von John Ford gesehen, mit einem grossartigen John Wayne, und halte es für ratsam, lustvoll und fesselnd,  noch einmal Tom Sawyer und Huckleberry Finn zu lesen. These will be the days. Memory works sideways.

Am Kiosk kauften wir als Kinder kleine, verpackte Fotos,  man konnte nie wissen, was darin enthalten war, ausser etwas aus der grossen fremden Welt der Erwachsenen und der Geschichte. Nie vergesse ich das Foto der vom Himmel gestürzten Fussballmannschaft von Manchester United. Auch Schwarz-Weiss-Bilder von Western waren beliebt. Ich hatte Robert Fuller im Kopf, und „Am Fuss der blauen Berge“.

Der Held in meinen Serienträumen hiess Okko und rettete mich aus lauter gefährlichen Situationen. Leider zog er, als ich sieben war, seiner Wege, und ich durfte mich allein auf die Abenteuer des Verliebens machen. Nicht ganz allein, denn im Radio begleitete mich Caterina Valente durch manche Tagträumerei.

Die alten Wildwestfilme wirkten für Kinder verdammt realistisch, und als ich heute The Searchers von John Ford nach Ewigkeiten wiedersah, dauerte es, bis ich den Film halbwegs wieder mit den Augen des Heranwachsenden sah. Die grosse Leinwand half dabei.

Wie in vielen Dramen, gab es auch hier einen Narren, der letztlich für die richtige Spur sorgt. Sein Traum vom Schaukelstuhl ist ein uralter, von Buster Keaton über J.J. Cale bis Kurt Wagner. Die humorvollen Szenen überlagern keinesfalls das Bittere und Dunkle des Films, der so viel von Stammesdenken und dem alten Westen erzählt.

John Ford und John Wayne schürften in Abgründen. Einmal reitet John Wayne durch den Schnee, ein Mann mit vielen Gesichtern, der keinen Zweifel lässt, sein Ziel zu erreichen, „as sure as the turning of the earth“, wie er in unnachahmlicher Art sagt (man muss es im Original sehen, dann können auch Altlinke die Klasse von Wayne erkennen).

Und am Ende, das traurig ist, und doch versöhnlich, dreht sich John Wayne um und verlässt das sichere Heim. Man glaubt es kaum, aber sein Gang hat Grazie, und er scheint, ansatzweise, im Einklang mit sich selbst. Zwei Seiten der Furchtlosigkeit, eine glasklare Entschlossenheit – und ein befriedetes Herz.

Das ist nicht der Sound seiner brillianten ECM-Arbeit MBOKO, auf der sich der Pianist David Virelles auf die sakrake Musik Kubas einliess, im geschützten Raum eines klimatisierten Studios. Das Teil hier heisst ANTENNA und klingt, als hätte sich der Keyboarder für manche Feldaufnahme ins nicht ganz ungefährliche Hinterland Havannas begeben. Und den Rest in einer kleinen Strohhütte aufgenommen, in der ab und zu recht prominente Gäste wie der Saxofonist Henry Threadgill vorbeischauten. Rituelle Rhythmen, ein fiktives Perkussionsensemble. Der Buena Vista Social Club hat seine Pforten geschlossen, hier, auf ANTENNA, wird die Musik zum puren Abenteuer mit unsicherem Ausgang. Ein kubanisches Klanglaboratorium. Wenn jetzt noch ein paar unerbittliche Grooves geschöpft werden, ohne den pittoresken Havanna-Longdrink-Nostalgie-Mumpitz, könnte David Virelles etwas gelingen, was vor vielen Jahren Nils Petter Molvaer mit dem Album KHMER anzettelte. Virelles‘ Piano hat nur einen kurzen Auftritt, ansonsten bearbeitet er alle möglichen Gerätschaften, eine Hammond B3, elektrische Klaviere von Wurlitzer und Vermona, und der gute alte Roland Juno-6 kommt auch ins Spiel. Das ist rohe, im besten Sinne unfertige, ungezähmte Musik.

 

Das ist die Müdigkeit am Mittag nach einer durchwachten Nacht. Dummes Zeug schiesst mir durch den Kopf, mein Körper fühlt sich so leicht an, dass ein „reality-check“ angezeigt wäre, ich gleite zwischen Caféhaus, Couch und Game of Thrones hin und her. Meine Heldin in „GoT“ ist Arya, und das Finale der drittletzten Folge der Sechsten Staffel entliess mich mit Ganzkörpergänsehaut. Aber wenn wir schon beim Weltenwechsel sind, ich suche noch ein drittes Thema für „mein“ JazzFacts-Magazin im Deutschlandfunk am 9. März um 21.05 Uhr. Einen Kollegen, Karsten M., habe ich ins Rheinland geschickt, um Julia Hülsmann zu interviewen, und der wundervolle Peter Kemper (manche kennen ihn vom Feuilleton der FAZ, er hat einige der schönsten Texte über Daniel Lanois geschrieben, die ich je gelesen habe) bringt ein Buch über John Coltrane auf den Markt. Einen Beitrag darüber macht mein Lieblingsjazzfachmann „aus dem Osten“, Bert N.. Was wäre nun das spannende dritte Thema?  Any ideas? Sprunghaftigkeit ist ein Symptom von Übermüdung: mein treuester Begleiter  ist derzeit – man kann es rauschhaft am Stück und in kleinen Happen zu sich nehmen – Steve Ericksons Shadowbahn, womit Kraftwerk auch in der Amerikanischen Gegenwartsliteratur Spuren hinterlassen haben. Was sagte Mark Z. Danielewski doch zu diesem Roman: „A great, great, great novel. I could say more – about its big-world-heartedness and old-world-shadowness, about twins and towers, road trips and borders we design and transgress, and mostly about Erickson’s beautiful heart-bit music – and it would add up to the same thing: great. Sung, of course.“ Bei einer stilistisch so weitgefächerten „Musikshow“ eine Stunde über das Buch und seinen Soundtrack zu machen, ist dann doch ein ganz konkretes Ziel für 2017. Und hier der Zerstreuung letzter Teil, eine Stoff- und Namensammlung für die „Klanghorizonte“ im April: Glenn Jones, Terje Isungset (neuer Versuch), Valerie June, Hauschka, Louis Sclavis, Tomasz Stanko, Michael Brooks und Roger Enos zwei „Klassiker“ für die Zeitreise-Abteilung, Hurray For The Riff Raff, Sleaford Mods (wenn die sich gut unterbringen lassen :)), Grandaddy (maximale Vorfreude !!!), Jebloy Nichols, „the church in my suitcase“ – die Instrumentalmusik von Daniel Lanois in der „Nahaufnahme“; The Magnetic Fields, eine Gruppe namens 1982, „From Here – Various Folk Field Recordings“, sowie Hayes McMullan … – erzählen Sie mir nicht, Sie kennen Hayes McMullan! Ich verschwinde jetzt eine Woche auf der „Schattenautobahn“.

 

Erste Stunde – Cindytalk: The Labyrinth of a Straight Line / The Flaming Lips: Ozly Mlody / David Virelles: Antenna / Tinariwen: Elwan / The Necks: Unfold // Zweite Stunde: A Winged Victory for the Sullen / Mark Eitzel: Hey, Mr. Ferryman / Terje Isungset: Oase (techn. Defekt des CD-Players, leider!) / V.A. – Antologia de Musica Atipica Portuguesa, Vol. 1 / Lawrence English: Cruel Optimism / Neil Young: Peace Trail / Tinariwen: Elwan / Meredith Monk: On Behalf of Nature // Dritte Stunde – Musik aus den sieben reinen Soloalben von Ralph Towner zwischen 1973 und 2017: Diary, Solo Concert, Blue Sun, Ana, Anthem, Time Line, My Foolish Heart, sowie ein Stück aus dem Album Distant Hills von Oregon / Vierte Stunde („Before And After Groove“) – Eine „Mixtape-Fantasie“ mit Laurie Anderson, Weather Report, The Durutti Column, dem Song „Mad World“ aus dem Film „Donnie Darko“, Emahoy Tsegue-Maryam Guebrou,  Can, Sun Ra, Mabrak, Caetano Veloso, Brian Eno & David Byrne, Exuma und Frankie Knuckles (dieses Stück von Frankie Knuckles stammt aus der Compilation „Acid Rain: Definitive Original Acid and Deep House 1985-1991“, die Jaki- Liebezeit-Erinnerung findet sich auf den „Lost Tapes“ von Can, und die beiden Sun Ra-Tracks auf der Compilation „Singles – The Definitive 45s Collection Vol. 1 – 1952-1961“) // Fünfte Stunde – Sandy Bull: Fantasia for Guitar and Banjo / Jone Takamäki Trio: Universal Mind

 

2017 16 Feb

Naura

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Sie waren alte Gefährten, Michael Naura am Klavier, und Peter Rühmkorf,  der an den Wörtern schmiedete. Naura hörte ich erstmals, und sehr oft, als Teenager, auf den Nordseeinseln, auf Langeoog (wo ich ein Buch von Rühmkorf erstand in der Buchhandlung Krebs, „Haltbar bis Ende 1999“), auf Borkum, auf Wangerogge, wo die grossen Ferien dann grosse Jazztage waren. Später, in den Neunziger Jahren, fuhr ich regelmässig mit dicken Tonbändern zur Rothenbaumchaussee, er liess mir freie Hand, vertraute meinen Themen fürs Jazzlaboratorium: beim Spätwerk von Talk Tak fragte er dann doch mal nach, aber als ich ihm versicherte, Ellington und Coltrane, Davis und Evans hätten ihre Auftritte da, war er beruhigt. Konrad Heidkamp lief in den Hallen umher und suchte Rares von Nina Simone. Einmal schickte mich die Jazzredaktion, in der immer auch die wohltuenden Wesen Tobias Hartmann und Hannelore Raukuttis ihr Werk verrichteten, eine Woche in den strömenden Londoner Regen, um die Experimentierstuben der Metropole aufzusuchen, ich traf Max Eastley, David Toop und andere, ich hörte Free Jazz im Polar Bear Club. Zu selten hörte ich spät abends Nauras bärbeissige Tiraden am Mikrofon, wenn er nachharkte, und desillusionierte, wo sich falscher Zauber ausbreitete. Wenn er sich begeisterte, war er in seinem Element. Ein bisschen NDR konnte ich immer mit nach Dortmund nehmen, und mir rare Jazzschallplatten aus dem Archiv leihen. Naura habe ich viel zu verdanken, als 1990 etliche Türen für mich aufgingen, unter anderem das Jazzmekka meiner Jugendzeit. Im Deutschlandfunk schlummert irgendwo mein 45-Minuten-Portrait. Onkel Pö kommt da nur am Rande vor, die Reisen mit alten Weggefährten durch das Ende der DDR schon mehr. Ich liess ihn einfach erzählen. Als er sich zurückzog, Ende 99, waren  die grossen Jazzzeiten im hohen Norden Geschichte, Jazzbeamte übernahmen das Zepter. Die alte Bundesrepublik ging permanent zuende. Naura, ein kauziges Original, nie aufs Maul gefallen – seine „blue notes“ und Blockakkorde trieben Rühmkorfs Texte an, während Wolfgang Schlüter dem Vibraphon reines Schweben entlockte und Eberhard Weber luftigste Erdungen besorgte – zwei gute, weitgehend vergriffene ECM-Platten dokumentieren Jazz & Lyrik in bewegten Hamburger Zeiten.

2017 15 Feb

Elwan

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Je mehr ich über die politische Lage im Norden Malis lese, desto unklarer erscheinen mir die Verhältnisse. Selbst die Stämme der Tuareg scheinen sich uneins in ihren Vorstellungen, Unabhängigkeit zu erlangen. Als Gruppe, die sich westlichen  Einflüssen öffnete, galt Tinariwen den  zerstörungswütigen Fundamentalisten als „satanische Musik“. 2012 war ein einschneidendes, bitteres Jahr für die Gruppe, die gleichsam ins Exil gezwungen wurde. Ich fand die Musik der Band faszinierend, ohne dass sie mich je wirklich packte. Einmal interviewte ich einen der Musiker in Köln, während nebenan ein Gebetsteppich ausgerollt wurde, ich kam mir wie ein Touristendepp vor mit meinem Schulfranzösisch. Die Religion ist mir fremd, das Land ist mir fremd, die Musiker sind mir fremd, und egal, wie populär die Musik Malis bei uns wurde, ich kam mir stets vor wie ein Oasengast auf Bildungsreise. Und dann hörte ich heute, laut, das neue Album der Band, es heisst „Elwan“. Es erging mir wie in den phantastischen Geschichten, die jeder schon mal gehört hat, aus 1001 Nacht, oder aus der Parapsychologie, von Menschen, die angeblich im Traum eine fremde Sprache verstehen und sprechen, als wäre es nichts. Ich war auf einmal mitten in der Musik, „under a spell“. Keine schlauen Sätze schwirrten durch den Kopf. Da ich meinen Ohren nicht traute, hörte ich „Elwan“ noch einmal. Ich glaubte zu träumen, und sage das nicht nur so dahin. Sollte mir in diesem Jahr noch irgendwann eine ähnlich archaische Musik zu Ohren kommen, würde es mich wundern. Eine herausragende Produktion, in jeder Hinsicht. Zwei Platten sind schon in meinen Top 10 des Jahres angekommen, „Elwan“ und „Reflection“.

2017 8 Feb

Those were the days

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Ich weiss noch, das Raunen, das durch den Melody Maker ging, als die Platte erschien. Die Jungs auf dem Cover sahen alle ausgemergelt aus und blass, und die Songs landeten schliesslich in dem kleinen Würzburger Plattenladen, wo ich auch Low gekauft hatte. Ich nahm das Teil sofort mit, zog die Vorhänge zu, machte mir einen Tee (damals bestellten wir die Oolongs und Darjeelings bei einem Teeversand aus Bremen, warum auch immer), und die Musik verrichtete ihre Arbeit. Ein kleiner Studioraum in NYC, eine kleine Studentenbude im Frankenland. Jeder Song filettiert, rohes Material, das ins Singen kam. Die Zeit der alten Erhabenheiten war vorbei, und später sagte der Mann mit der schneidenden Stimme, er habe in jener Zeit viel Coltrane gehört. Zumindest erinnere ich das so, und höre ich die Musik, merke ich davon nichts. Ich fiel sowieso gleich in Trance. Nackter ekstatischer Rock, die Parallele zur Jazzlegende liegt vielleicht in der permanenten Intensität, die beiden Gitarren scheinen nicht die Notenblätter, sondern Telepathie zu proben. Nichts lässt einen hier vom Haken. Das lange Titelstück von Marquee Moon vergeht im Rausch. „Not just one of the best long songs but possibly the greatest rock song of all time, the title track of Television’s 1977 debut LP has everything: the grandeur of the finest freewheeling 70s rock, the needling intensity of punk and the eerie tension of an Edgar Allen Poe short story, marked by strange encounters and elemental surges (“the lightning struck itself”). Despite the efforts of generations of critics to unpick it, Marquee Moon remains brilliantly inscrutable – a mystery inside an enigma wrapped in a stinging guitar solo.“ (Sam Richards). Ich stimme zu, man denkt bei solchen Sounds an plötzliche Lichtausfälle, man muss im November nicht mehr auf die Friedhöfe, und John Carpenter kann sich mit dem nächsten Schocker ruhig Zeit lassen. Wird auf dem Album von Liebe gesungen? Blöde Frage. Ein Meilenstein, eine der Platten, bei denen sich viele daran erinnern, wann genau sie sie das erste Mal gehört haben. Und warum fühlte und fühlt man sich hinterher so verdammt lebendig, „good vibrations“ gingen doch eher anders. Die Platte erschien auf den Tag genau vor vierzig Jahren. Gut, dass einer der Hammersongs dieser Tage auftauchte, im Guardian, bei einer Sichtung unvergesslicher Lieder mit dem „long-time-treatment“, ein Fehler, Autobahn nur am Rande zu erwähnen, aber immerhin sind Kevin Rowlands und Iron Butterfly dabei, sowie „Papa Was A Rolling Stone“ und Donna Summers Song mit den dreizehn (?) Orgasmen. (Was ich zu gern finden würde auf den Plattenmärkten der Welt, ist die 12-inch-Ausgabe, die Langfassung, von „State of Independance“, es hat sie einmal gegeben, ich weiss es.)


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