Manafonistas

on music beyond mainstream

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  1. Gregs drohte zu kontern, mit einer Serie namens “Geschichten aus der Niemandsbucht”, wenn ich die Reihe tatsächlich eröffnen würde, die mir seit Tagen vorschwebt, “Geschichten eines Absteigers”. Denn zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich jüngst ein hellseherisches Erlebnis – jedenfalls waren die Umstände (ein Stehcafe, eine Torte, ein Kakao, und ein Roboter, der die Kundschaft bedient) so seltsam, dass plötzlich einsetzende Halluzinationen aus dem Mai 2015 sehr ernst zu nehmen waren. Am Boden liegende Spieler, ein Präsident in Nahaufnahme, der den Kampf gegen die Tränen verliert. Ich war dort, an diesem Tag, als all das Fakt wurde, was noch im Januar in das Reich der Schwarzseherei und Gespenstergeschichten abgetan wurde.
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  3. Trauerarbeit kann viele Formen annehmen, und nach den Jahren der Freude galt es schon einige bittere Pillen zu schlucken, aber das ist die bitterste. Der BVB 09, der Ballspielverein Borussia Dortmund (lassen Sie es mich gleich aus der richtigen Perspektive schreiben!) ist abgestiegen. Unfassbar diese Entwicklung. Da ich weiss, was kommen wird (weil es eigentlch schon passiert ist, aber mit solchen Phänomenen der Zeitwölbung will ich Sie hier nicht gleich in der ersten Folge behelligen), kann ich mich natürlich seelisch ganz anders darauf einstellen.
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  5. Und es wird diese Reihe nicht nur ein gefundenes Fressen für andere Zeitreisende und tiefe Pessimisten unter den Borussen-Freunden sein, denn im Rahmen dieser sehr speziellen Fussballstory werden viele Absurditäten zwischen Zufallsforschung, Erosionsprozessen, Tiefenpsychologie und systemischen Zusammenbrüchen auftauchen, die auch für “Fussballfreie Intelligenzen” (FI) manch zündende Idee enthalten, manch fabelhaften Rohrkrepierer.
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  7. “Life is a lot of crap, but here comes the good news: you’re not alone. You’ll never walk alone.” Sehen Sie sich mal die 11. Folge der Vierten Staffel von “Person Of Interest” an (“If – Then – Else”), dann wissen Sie gleich Bescheid, wie der Hase im irdischen Universum läuft!
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  9. Und so ist dies eigentlich auch schon, lieber Gregs, eine Geschichte aus der Niemandsbucht (du kannst dir diese Serie sparen!), wo man, wie weit man auch den Horizont absucht, schlicht niemanden sichtet, und man fragt sich, in trostloser Vereinzelung, anlässlich der grotesk aus einem Transistorradio trötenden Hymne des FC Liverpool (das Original), ob die Hoffnung nicht schon ganz am Anfang gestorben ist, und sich nicht schlicht nur etliche Geister zusammenrotten (“The Walking Dead”), um das Unbegreifliche zu einem stummen Chor anschwellen zu lassen.
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  11. Nebel, Roboter, und Kakao. Und ein Schwachkopf regiert in Zürich. Das kann ja noch heiter werden. Diese Serie ist Ror Wolf gewidmet, auf 2 bis 20 Folgen angelegt und findet im Mai ihren desaströsen Abspann.

Es ist der grösste Unsinn, wenn man nach alter Väter Sitte heute immer noch in den Köpfen von Pseudo-Hierarchen und Kulturarbeitern herumirrenden Kerngedanken nachhängt und meint, dass man der eigenen Erleuchtung näher kommt, wenn man sich am Kanon der Musikhistorie abarbeitet. Sie glauben gar nicht, werte Leser, wieviele narzisstisch gestörte Spinner mit mentalem Sixpack (gerne auch “Brett vorm Kopf” genannt)  ihr leicht derangiertes Ego mit permanenter “Durchblickerei” füttern. Treten solche Affen öffentlich oder in kleinen Runden auf, erkennt man sie daran, dass sie gerne Beifall heischend in die Runde blicken, ihr Humor entweder abwesend oder gönnerhaft ist, und die Denkfalten kleine Schweissrinnsale bilden, wenn sie mal auf etwas Abwegiges stossen, das ihnen die Fallhöhe ihres steten Strebens nach Überlegenheit (rein theoretisch) vor Ohren führen könnte. So gibt es zum Beispiel, was das Auslösen von tiefreichender Faszination angeht, keinen Unterschied zwischen jenen “Diabelli-Variationen”, die Andras Schiff auf einem vierpedaligen Pianoforte des Jahres 1820 vor Jahr und Tag in Bonn aufführte (ECM New Series), und dem jüngst erschienenen Doppelalbum “Disco – a fine selection of independant Disco, Modern Soul and Boogie 1978-1982″ (Soul Jazz Records). Bei beiden Werken können unsere Körper, fernab der reinen Lehre, mächtig ins Schwitzen kommen, diesmal aber den Unterleib, den Sexus, miteinbeziehend. Das Klavier von Herrn Schiff ähnelt einer Maschine, die seltsamste Vibrationen und Töne ausspuckt – und manch alte, nie gehörte 12-inch-Single aus hehren Disco-Zeiten, ist schlichtweg “hot shit”, ein “burner unterm Neonlicht”. Wer sich solche Musik auf dem heimischen Sofa gönnt (egal, ob Beethoven oder “The Fantastic Aleems”), könnte leicht in einen ernsthaften Diskurs mit der Schwerkraft geraten. Unsere Kan(t)onisten und “Diven vom Dienst” wären schon lange implodiert.

Eine seltsame Koinzidenz. In kurzer Zeit, weitgehend innerhalb von zwei Wochen, erscheinen Musikwerke aus deutschen Landen, die alle eins verbindet: eine Verbruchstückelung (Fragmentierung) des eigenen Stils. Eberhard Weber bearbeitet Basssoli aus den Jahren 1990 – 2007, mit manch unheimlichem Unterton,  Kante sowie Bernd Friedmann alias Burnt Friedman (Nonplace Soundtracks) veröffentlichen Archivmaterial, das potentiell und ganz wirklich mit Theater, Ballett, Film, Hörspiel etc, verbandelt ist. Und auch das Kammerflimmer Kollektief radikalisiert die eigene Stllistik auf “Desaroi”, als wollte es  jeder möglichen Festlegung entkommen und mit manchem “low end desaster” am Kontrabass dem eigenen Schöngeist die Leviten lesen. Die Hamburger Formation Kante treibt sich sowieso seit Jahren multimedial herum, und lässt das Songformat weitgehend ruhen, genauso wie The Notwist, die sich mit reinen “instrumentals” bestens in diesen Reigen der Reduktionen und Verwirrspiele einfügen. Darüber hinaus haben diese Artisten noch etwas gemeinsam: sie gehören zum “Stanmpersonal” meiner Nachtsendung.

 

 
 
 

1) The Following Morning – ***** (all time classic)

2) Yellow Fields – ***** (all time classic)

3) The Colours of  Chloe – ***** (all time classic)

4) Resume – ****1/2 (late work masterclass, the art of re-composing)

5) Pendulum – ****1/2 (the art of solo playing, with restraint, but “orchestral”)

6) Encore – **** (awesome (last?) work, full of of mood changes and subtleties)

 
 

(The first three records  will never leave their position in my musical world, numbers 4 – 6 change from time to time. I saw Eberhard Weber (he now turned 75, don’t tell me time is on our side:))  for the first time when he became a member of the Dave Pike Set, in the Domicil in Dortmund. Early 70’s.  My first record was “The Colours of Chloe”, I was blown away. Later I did two long interviews with him for Jazzthetik and the Deutschlandfunk, it was the time of “Orchestra” and “Pendulum”. Then, in the new century we had a wonderful small talk on our night drive back from his solo bass performance in one of the  caves of Lanzarote. It’s not wrong to start with the forthcoming album “Encore”, if you have no Weber record in your collection. Good interview by Karl Lippegaus included, German/English. Mr. Weber always has something to tell. So, if you want to  know it all, his autobiography is out now! Kate Bush has always been a great fan, Eberhard W. plays on her album “The Dreaming”. Pat Metheny listened to “The Following Morning” months without end, if my memory doesn’t play tricks, day by day. And I, personally, don’t know why his electrified, peculiar sound never ever started to get a little bit boring, too well-trusted. It just didn’t.)

2015 27 Jan

Jazzfakten

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Manchmal ist es ganz gut, die Dinge von der Seite anzugehen. Bruchstellen, laterale Drifts und andere Abenteuer der improvisierten Musik: JazzFacts, 5. Februar, 21.05 Uhr, im Deutschlandfunk: Vijay Iyer Trio / Chris Potter Underground Orchestra / Jakob Bro / Jack DeJohnette / Eberhard Weber / Vincent Peirani

Eivind Aarset – “Dream Logic”

 
Eivind Aarset, Gitarre, Elektronik
Audun Erlien, Bass
Jan Bang, Live-Elektronik, Sampling
Erland Dahlen und Wetle Holte, Schlagzeug, Perkussion

 
Aufnahme vom 6.9.13 beim Punktfestival in Kristiansand

 


 

2015 24 Jan

Gemischtes

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1) Ich habe noch nie etwas von Wynton Marsalis und Nils Landgren in meinen Radiosendungen gespielt, und das wird auch so bleiben.

2) Die von mir aufgrund persönlicher Ohrenzeugenschaft als mögliche “Platte des Jahres 2015″ gehandelte Arbeit von Tigran Hamasyan, mit Arve, Jan & Eivind, wird nun nicht im Mai, sondern frühestens Anfang 2016 erscheinen, weil Tigran bei Nonesuch in Kürze mit eigenem Trio und Sängerin ein Album veröffentlicht. Ob er da klug beraten war?

3) Wer bislang glaubte, Heino Ferch garantiere hochspannende Fernsehthriller, wurde letzte Woche eines Besseren belehrt. Ich schätze Herrn Ferch sehr, und bislang schien er mir klug auszuwählen, bei welchen Filmen er mitmacht. Aber dieser hanebüchene Blödsinn um einen Psychoanalytiker, seine Tochter, die Kriminalbeamtin, und eine dysfunktionale Borderliner-Familie war an Drehbuchautorenschwachsinn schwer zu überbieten.

4) Gillian Anderson kennen viele noch als tragende weibliche Rolle der “X-Files”. Dass sie aber eine exzellente Schauspielerin ist, wurde mir erst klar, als ich jüngst die zweiteilige Serie “The Fall” sah, die weitgehend in Belfast spielt und die Jagd eines Serienkillers zum Thema hat. Die Serie leistet sich harten Realismus, brilliante Akteure, und eine fast unerträgliche Spannungskurve.

5) Bald erscheint Bob Dylans Album mit Coverversionen von Liedern, die Frank Sinatra einst sang. Ein im Netz offiziell kreisender Song führte beim Chef des Kammerflimmer Kollektiefs und mir zu sehr unterschiedlichen Wahrnehmungen. “Der Hammer” (er) vs. “gehobene Barmusik” (ich).

6) Beim ersten Manafonistas-Treffen könnte der Abstieg von Borussia Dortmund schon besiegelt sein (vorletzter Spieltag), was dazu führen könnte, dass Mahlers Sechste sich in meinem Reisegepäck befindet.

7) Als ich jüngst im Rahmen einer Umfrage unter Musikjournalisten nach dem überschätztesten Rock-Album des 21. Jahrhunders gefragt wurde, musste ich nicht lange überlegen: “Is This It” (2001), von den Strokes. Immer noch, in meinen Ohren, extrem dröge.

8) Eine wundervolle One-Picture-Story veröffentlichte Frank Nikol am 17. Januar bei den “Ex-Surrealisten” (s. Blogroll), unter dem Titel “Damals”.

“In fairness, the first few times I played ALL THESE DREAMS, I struggled to get a handle on where he was coming from, even though my wife instantly liked it. Then, during a motorway car journey when I witnessed a glorious winter sunset – bingo! – it hit me like a mallet. The album reminds me of those early Harry Nilsson albums. It has great lyrics, beautiful melodies, softly swooping strings, and a voice that sounds like it’s been rolled in tobacco and honey.”

“”Rainy Day Song,” which opens the album, sounds like the work of a man who’s worked on Music Row 20 years. David Comb’s song has a story, melody, and a timeless chorus that will make you stop what you’re doing, turn the lights down low, and get comfortable for a journey into the past.”

 

Easy Ed is my favourite Americana specialist. He can write good stories, is a real insider of the American rock history and singer/songwriter-scene, knows some of the still living Grateful Dead, and has probably never enjoyed an album of Brian Eno’s ambient music. He writes for that big Americana site No Depression, and I would not be stunned, if in his normal life, he’s a seller of surf boards and regularly gets invitations for acoustic griots at mid-western campfires. Still looking for my first awesome song album, I ordered David Comb’s second album after reading his review. At least it seems to be music for time travellers. For Lajla, Ed would the ideal 13th Manafonista.

Nevertheless I’m not so sure i will share Easy Ed’s ethusiasm. Now, in these days everybody sings praise about 28-years young Natalie Prass and her album with Matthew E. White’s spacebomb-crew. Nothing here is retro, everything’s timeless, announces the reviewer in the Guardian – please, this is an old rhetoric pattern to make you keen on the super retro side of things. There’s at least a little bit of  Dusty and Joni and Diana in here that one should be careful with these zones of timelessness.

Remember: last year I fell in love with the songs of Brian and Karl (both, Someday World and High Life), Sidsel and Stian, Mirel Wagner and King Creosote, Leonard and Marianne, Scott and Lucinda, Damon and Owen, James (Yorkston) and Mark (Kozelek) (Sun Kil Moon).

And now: Björk’s new one, mhmm. I haven’t heard it yet, but I read five of the song texts – okay, I understand, it’s a break-up album, but it’s wrapped in quite awful lyrics. For usual I cannot like an album that makes me a witness of someone’s love desaster finally finding temporary relief by singing: “I am fine-tuning my soul, to the universal wavelength.” Which fucking universal wavelength? Dylan’s Blood On The Tracks was an exception, those songs were really spooky and, well, he knows how to write!

But maybe, this is not fair, cause often the adventurous side of music might succeed over second-class metaphors for rage and grief. For instance, the Icelandic singer has a master of darkness at her side, The Haxan  Cloak. Let’s wait and see. Or do I really have to listen to that other album of the moment, by Viet Cong. Seems to be a post-punk band with, of course, an experimental approach. Deep sigh. Am I too old for such shit?

To be honest, the first four albums that blew my mind in 2015, are new and forthcoming jazz albums by ECM. Done by Jakob Bro (a discovery for me), Eberhard Weber, Vijay Iyer and Sinnika Langeland (more of a genre defying free folk album with undercurrents of jazz and classical elements, and definitely NOT a song album, only a few songs, based on texts of poet Thomas Tannströmer). And the “Nonplace Soundtracks” are awaited with a high degree of curiosity.

To cancel the comments, happened by a strange mixture of accident and “Freud’scher Fehlleistung”. The wise idea behind it all didn’t show up being a remix of the controversial voices in a new posting, as a dialogue of a few people sitting at a table. I’m very sorry for pushing a wrong button at one time and can promise it won’t be happening again. It only happened about four times in four years that I decided to remove something, and in all cases a dialogue with the person involved, and agreement on both sides, had been part of the game.

Can you bewray something by writing about music? Reveal, yes, but bewray, betray? So that, by hearing, you already have the formula at hand, before your eyes, dissolved? Don’t think so. It’s different with plots. Storylines. So even a thousand words can only hint at the magic of a great record, something about its whereabouts, the structure behind the surface, hidden subtexts. Might be telling, but could never replace the act of listening. Always good then to have stories in the bag for wrapping them around the music like an invisble glove always prepared to fall apart, or – best case – to linger on Memory Lane like something your thoughts might recur to (for seconds) when listening. So here are two records that are, in my ears, really great records, and I won’t tell a thing. Though it would be easy. But for now, I’m just exercising restraint. You cannot program magic. So even the actors (musicians, producer) must have had their moments here where they didn’t trust their ears. Stunned, so to speak. True that! So, for the moment, I’m leaving you alone with the titles of two forthcoming ECM albums produced by Manfred Eicher at the Rainbow Studio in Oslo. Class performances. Awesome sequencing of tracks. Oh, sorry, I seem to sabotage my premeditations. The one is by guitarist Jakob Bro (guitar, bass and drums); and the other one by kantelele player and singer Sinika Langeland (with viola, saxophone and percussion). But, no, it’s not a song album, in the sense Eno’s “Another Green World” is not a song album either.  Both reords wil be released on February 6th. All stories will be told on February 5th, in “JazzFacts”, and on February 21st in “Radionacht Klanghorizonte”, my next two appearances in the Deutschlandfunk. The titles of these Nordic pieces of excellence (the only one from outside Scandinavia is bass player Thomas Morgan): “Gefion”, and (well, some resonating sort of punchline at the end of not telling any stories!), “The half-finished heaven”.


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