Manafonistas

on music beyond mainstream

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Die alten Meister schweigen vorerst. Brian Eno reist von Vortrag zu Vortrag, von Ehrung zu Ehrung, und ist derzeit einen Monat lang in New York (glaubt jemand ausser mir allen Ernstes, wir werden noch ein Songalbum von ihm bekommen?), Robert Wyatt lebt mit Alfie zurückgezogen in Louth (und ich stelle mir vor, er hört in diesen Tagen alte Platten von The Blue Notes und Kevin Ayers), Scott Walker sieht man zuweilen im Hyde Park (er hat ein neues Lied im Kopf, aber wieder werden Jahre vergehen, bis das nächste Meisterwerk erscheint), von David Sylvian hört man nichts (und es ist zu hoffen, dass die dunklen Himmel von “Wandermüde” (ein Mathieu/Sylvian-Opus) nicht den letzten fallenden Vorhang bilden.) Mark Hollis ist sowieso schon abgetaucht, manchmal geht er noch zu einem Heimspiel der Spurs. Was also bleibt, ist die Vorfreude auf Alben von jüngeren Künstlern, deren Klasse, Skurrilität und Fantasie mal im Verborgenen blühen, mal grössere Kreise ziehen. So bin ich zum Beispiel gespannt auf folgende Werke, deren Veröffentlichungen im Mai und Juni anstehen, von The Last Hurrah (norwegische Hippies auf der Suche nach der Americana-Zauberformel), Laura Marling (kann man der ersten Begeisterung aus Englands Presse glauben, ich bin doch eher skeptisch), Boards Of Canada (werden sie noch etwas Unerhörtes zuwegebringen?), Tunng (möge Mike Lindsay an die Form von “Good Arrows” anknüpfen!), und bei dem Liederreigen von Teho Teardo und Blixa Bargeld (eigentlich schon ein Altmeister) vermute ich schönste Melodramatik!

 

 
 

 
 

Jetzt willst du es aber wissen, meinte Tom, die sympathische Nachteule, als ich halb vier im Zimmer des Leiters vom Dienst auftauchte. Genau, sagte ich, und wir hielten uns mit kleinen Geschichten wach. Er erzählte mir, wie einst ein Raubtier (Löwe?) aus dem Kölner Zoo ausgerissen war, und jemand nun ein Buch darüber geschrieben hatte, und ich ihm von der Lust, in ein paar Stunden, bei meinem Lieblingsfrühstücksitaliener (Ehrenstrasse, neben Zweitausendeins), zwei Spiegeleier mit Parmesankäse zu vertilgen. Dann war es vier Uhr, und die kleine Steve Tibbetts-Show begann, natürlich streikte zwischendurch wieder ein CD-Player, aber die Stunde verflog dennoch im Nu, wie immer, wenn gute Musik im Spiel ist. Die Ehrenstrasse ist noch wie leergefegt, der humorlose Kellner wird mir gleich die Spiegeleier mit dem köstlich getoasteten Weissbrot bringen, manchmal werden Träume wahr. Normalerweise ging ich früher immer (nach dem Italiener) eine Strasse weiter, und plauderte in der Alibi-Buchhandlung mit Manfred Sarrazin über neueste Thriller, aber der Laden hat seine Pforten lange zu, der Thriller meines Vertrauens heisst derzeit “Gute Nacht” und stammt von John Verdon. Aber ich schweife ab. Hätte Gregor in diesem Laden seine Jukebox aufgestellt, würde ich hier und jetzt Laurie Andersons “Tightrope” drücken, dreimal hintereinander, und das Wie-auf-Wolken-Gefühl dieser frühen Morgenstunde würde mich noch stärker umschliessen.

 

2013 14 Mai

Ein reissender Fluss

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Ich sass heute, als die Sonne rauskam, unter einer japanischen Zierkirsche, die so alt ist, dass das eigene Gesicht, für Aussenstehende, älter und immer älter wirken musste, als wär der Geruhsam-Verweilende auf ewig mit dem bejahrten Wurzelwerk verbandelt. Die rosa Kirschblüten verblassten dieweil, und einen weiteren Baum erblickte ich, als ich den Literaturteil der Süddeutschen Zeitung las, eine Seite, die mir so viel Spannendes zu erzählen hatte, wie sonst in einem ganzen Monat nicht. Mitch Epstein fotografierte Bäume in New York (“New York Arbor”, Steidl Verlag). Riesige Bäume, spukige Bäume, Dinosaurierbäume. Die Amerikanische Ulme auf dem Foto wirkt noch weitaus seltsamer, als meine japanische Zierkirsche, das muss ich zugeben, so herrlich suchen die dicken Äste nach unmöglichen Drehungen. Das Buch scheint so angelegt, als würden die Bäume die Hauptrolle spielen in einem verschwiegenen, allenfalls windumrauschten Stadtbild. Kennen Sie den berühmten Tulpenbaum im Alley Pond Park in Queens, ich nicht. Oder die “Henkersulme”, wo man während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges Verräter aufgehängt haben soll? Natürlich sind die Bilder Schwarzweissfotografien, wie sonst will man die Schwingungen einer uralten Zeit mitbekommen. Manafonista Henning mag auf seinem letzten New York-Trip einigen von ihnen begegnet sein. In ein altes Amerika entführt auch die Besprechung des Romans “Dunkle Gewässer” von Joe R. Landsdale, doch der liebe Rezensent macht nach verheissungsvollen ersten Sätzen zwei grobe Fehler: er erzählt zuviel von der Geschichte, und zu wenig von den Betriebsgeheimnissen des Romans. Der Rezensent wird zur Plaudertasche, und nennt den Roman schliesslich “wohl das Beste, was Lansdale je verfasst hat.” Falsch, der gute Joe hat etliche brilliante Romane verfasst, die genauso brilliant Pulp-Elemente mit film noir-Fragmenten mischen, wunderbar gesponnenes Garn, das ohne postmodernen Schnickschnack alte Erzählkunst in reinster Form darbietet. Und als drittes Buch fiel mir auf dieser Seite eins von Franz Hessel ins Auge: “Der Kramladen des Glücks”; da wird viel geschwebt und flaniert, und man weiss gar nicht, bemerkt Herr Rüdenauer zu diesem Empfindsamkeitsschmöker aus dem Jahr 1912, “wo die Melancholie beginnt und die Unbeschwertheit endet.” Der Protagonist des Buches, Franz Berendt, mischt sich unter die Münchner Boheme und bleibt ein Beobachter, der sich wenig traut und ganz gewiss einen an der Waffel hat, aber auf sympathische Weise. Den Alltag wie einen Traum zu beobachten, ist schliesslich auch eine Kunst, aber von fraglichem Wert, wenn man zwischendurch nicht mal vorübergehend wach wird. Ich erwachte zum Glück unter der Zierkirsche, als ein kühler Wind aufkam und meine diffusen Tagtraumbilder zerstreute, in denen eine Silberpappel, ein altes Kino in Schwabing und ein reissender Fluss vorkamen.

Seit die “Klanghorizonte” zwischen 4.05 Uhr und 5.00 Uhr morgens stattfinden, zwischen Freitagnacht und Samstagmorgen, verschlafe ich die Sendung regelmässig. Da ich diese Stunde aber doch e r l e b e n möchte (9 von 10 Sendungen waren live, zwischen 1990 und 2013), produziere ich sie mit einem Techniker in bester altmodischer Art und Weise. Das dauert etwas länger, macht aber weitaus mehr Freude. Also werden die Musikstücke nicht ratzfatz digitalisiert, und die Moderationen nicht am Stück gelesen, um dann daraus einzelne Clips zu bilden und die einzelnen Text- und Klangblöcke schliesslich naht- und leidenschaftslos zusammen zu fügen. Nein, alles geschieht in realer Zeit, und so erlebe ich die Stunde in ihrem ganz natürlichen Ablauf, etwaige Sprechfehler werden hinterher geschnitten, Übergänge zwischen Musik und Sprache, oder Musik und Musik, nachträglich optimiert. Beim nächsten Mal, am 11. Mai, spiele ich Musik von The Hawk And The Hacksaw, Ennio Morricone (Wiederentdecktes, keine alte Hüte), Teho Teardo, dem Craig Taborn Trio, Karl Bartos, Brian McBride und Matthias Delplanque. Eine Woche später mache ich dann, zur selben Zeit, eine “Milestones”-Sendung mit drei Werken von Steve Tibbetts aus den 70er, 80er und 90er Jahren.

Vor eingen Tagen war ich in der Mintropstrasse in Düsseldorf, zufällig, vor dem alten Haus, in dem einst Kraftwerk werkelte, und das Ian McCartney mit ein paar knappen Anmerkungen zur Band fotografiert hatte. Von Ian natürlich keine Spur mehr. Der lang vermisste Bob wird bald zurückkehren. Gregor ist busy as ever, und macht aus seinen Schülern weiterhin David Mitchell-Spezialisten, Joey liest gerade, wenn er seine Tonne verlassen, und sein Rad abgestellt hat, philosophische Essays zum “Duft der Zeit”, und Henning hat noch mit den Folgen des Einbruchs in seiner Wohnung zu kämpfen. Wird er hier etwas über die Magie der neuen CD von Lucian Ban und Mat Maneri schreiben? Ich hoffe, das Duo am 24. Mai in Wuppertal live zu erleben.

 

 
 

Guten Morgen, ich habe eine Buchempfehlung für Sie. Sie würden wohl in zehn heissen Sommern nicht auf die Idee kommen, dieses Buch zu lesen, dessen Cover diverse Reaktionen fast zwangsläufig erzeugt: kitschiges Familienbuch, Frauenroman, süsse italienische Romanze. Die ersten Seiten nähren noch diese Annahmen, aber, wie würde Ernst Jandl sagen: “Werch ein Illtum!” Nun, eine Love Story ist es schon, aber eine besondere, und in einem alten Italien spielt die Geschichte auch, aber die Lokalität und die Liebe allein sagen nie viel aus. Ich habe seit Keigi Higashinos “Verdächtige Geliebte” und Joe R. Lansdales “Dunkle Gewässer” kein Buch so schnell verschlungen. Zwei Tage tauchte ich in diese Welt ein, und kam aus dem Staunen über solche Erzählkunst nicht mehr raus. Lesen Sie nicht den Klappentext, vertrauen Sie mir blind, und besorgen Sie sich “Schöne Ruinen” von Jess Walter.

2013 8 Mai

The National

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“All The L.A. Women fall asleep while swimming.”

 

Das neue, exzellente Album von The National erscheint am 17. Mai. Es ist, wie HIGH VIOLET, wie BOXER, dunkel und schön, um es ganz schlicht zu sagen. Die Texte sind anspielungsreich, raffiniert. Jeder Song ist fein gearbeitet, die Texturen sind so wichtig wie die Melodieführung. Trouble will find you!

 

2013 7 Mai

11 Freunde

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Mein erstes Fussballspiel sah ich mit meinem Blutsbruder Matthias in Dortmund. Wir spielten 2:2 gegen den HSV, Uwe Seeler hat mindestens eins der Tore geschossen. Wenn wir nicht ins Stadion gingen, hörten wir Radio, und wenn Borussia gewonnen hatte, freuten wir uns wie Bolle auf die Sportschau, und, später, Das Aktuelle Sportstudio. Am Freitag bereitete uns Wolfram Esser, der viel zu jung vom Krebs hingerafft wurde, auf die Spiele des Wochenendes vor, und gab seinen Tipp ab: Fussballtoto stand damals hoch im Kurs. Die Fussballberichterstattung hatte mit der heutigen Aufbereitung mit gefühlten 132 Kameras herzlich wenig gemeinsam, und erinnerte in ihrer Jagd nach verwertbaren Bildern mittels einer (oft auf dem Stadiondach platzierten) Kamera eher an tollkühne Filmexperimente zwischen Slapstick und Nouvelle Vague. In der Mai-Ausgabe der wunderbaren Fussballzeitschrift 11 FREUNDE gibt es einen Rückblick auf 50 Jahre Bundesliga, und ein Highlight ist das Interview mit Dieter Kürten, dem Nestor des deutschen TV-Fussballs. Neben Aki Watzke einer der wenigen sympathischen CDU-Männer, die ich kenne. Die Bundesliga begleitete er seit ihrer Gründung 1963. Ein Gespräch über Hetzjagden auf der Autobahn, Kamelhaarmäntel, und kleine Flirts mit Trainerfrauen. Wer Fussball liebt, sollte sich die Zeitschrift unbedingt besorgen. Ich werde hier zwischen dem 26. Juni und dem 30. Juni über Borussia Dortmund schreiben, jeden Tag, aber nur, wenn die Borussen in Wembley den Henkelpott holen! Nach dem Abgang des irregeleiteten Götze zu den Bayern brauche ich keinen Fussballblues mehr!

In einer Email unterrichtete mich unserer früherer Klassensprecher H.W., dass er wohl an unsere alten Abiturarbeiten herankomme, die in einem Archiv seit Jahrzehnten schlummern würden. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das ein “Fake” ist, um uns möglichst zahlreich zum baldigen Klassentreffen begrüssen zu können, und uns dann das Scheitern seiner Nachforschungen mit einer netten Story schmackhaft zu machen. Auch weiss ich nicht genau, was an solchen Abiturarbeiten so verlockend ist, ausser, wenn mit ihnen eine besondere Erinnerung verknüpft ist. Nun, die schriftliche Französisch-Prüfung würde ich zu gern wieder lesen, denn sie war auch das Produkt einer ausgefeilten Vorbereitung. Meister Wienecke war unser Franz-Pauker, rotblondes Haar,schnell errötend, ein grundfreundlicher Zeitgenosse mit einem Faible für Charles Baudelaire. Etliche Gedichte aus den “Fleurs du Mal” deuteten wir im letzten Schuljahr, allerfeinste dunkle Gedichte, die die leicht Verträumten unter uns durchaus beeindruckten. Es war naheliegend, dachte ich mir, dass uns auch im Abitur eine “Blume des Bösen” begegnen würde. Und so trommelte ich drei weitere Klassenkameraden zu einem konspirativen Treffen zusammen. Binnen kurzer Zeit erledigten wir folgenden Job: wir strichen alle Gedichte durch, die im Unterricht durchgenommen worden waren. Wir strichen weiterhin alle Gedichte durch, deren Symbolik zu verquast war, und deren Anspielungsreichtum weit über unseren Wissensschatz hinausging. Es blieben an die acht Texte, die wir fleissig übersetzten und gemeinsam bis in ihre hintersten Winkel deuteten. Eins davon kam wirklich dran. L’albatros. Wir grinsten uns über die Schulbänke zu und waren auf der ganzen Linie erfolgreich.

Gregors Fantasie vom Handel mit Jukeboxen ist ja keine Träumerei ohne Vorgeschichte. Ein halbes Jahr lang betrieb er ein florierendes Geschäft mit dem Import und Vertrieb dieser alten amerikanischen Kulturgüter. Es war Ende der Siebziger Jahre, als wir uns zum zweiten Mal trafen, Gregor stand mit einem grauen VW-Bulli vor der Tür meiner Wohnung in Gerbrunn nahe Würzburg. Auf der Ladefläche hatte er eine Jukebox untergebracht, fest mit Seilen gesichert, so dass selbst eine Vollbremsung keinen Schaden anrichten konnte. Das erste Mal überhaupt waren wir uns über den Weg gelaufen, in der Gleichmannstrasse 10 in München-Pasing. Wenn man dort in den Laden ging, an Staubsaugern, Waschmaschinen, diversen Elektrogeräten vorbei, und dann hinauf in den ersten oder zweiten Stock, landete man bei “jazz-by-post”, mitten in einer Riesensammlung neuer aufregender Jazzplatten. Gregor (Trenchcoat, Vollbart) hatte eine neue Platte von Jan Garbarek in der Hand, auf den Titel komme ich gerade nicht, Jack DeJohnette war auch dabei, und Pianist John Taylor spielte nur auf einer skurrilen elektrischen Orgel (oder spielt mir die Erinnerung hier einen Streich?). Eine fantastische Platte, aus der Zeit, als der Norweger noch sein altes Feuer besass, das ihm später weitgehend abhanden kommen sollte. Bald kamen wir vom Thema Lieblingsplatten zu seiner Jukebox-Obsession, und noch im selben Sommer kam er in meine vorübergehende fränkische Wahlheimat, um mit mir zusammen eine Jukebox in einer renommierten Würzburger Studentenkneipe einzurichten und zu bestücken. Ich steuerte neben einigen Überbleibseln meiner Jugend (“Winchester Cathedral”, “Death of a Clown”, “House of the Rising Sun”, solche Kaliber) auch noch an die dreissig (!) Singles der Hofband des äthiopischen Kaisers Haile Selassie bei, die auf seltsamen Wegen von Adis-Abeba über den Hafen von Marseille in meinen Besitz gelangt waren. Einen Sommer, einen Herbst und einen Winter lang wurden diese nordafrikanischen Exotica öfter gedrückt als die anglo-amerikanischen Klassiker; der “Alte Peter” wurde sozusagen die erste Weltmusikkneipe Würzburgs. Gregor liess sich allerdings nicht lumpen (“Amerika ist ein Fass ohne Boden” war sein Kernspruch), und steuerte einige Schätze aus der Frühzeit amerikanischer Popularmusik bei, Gospels aus den Fünfziger Jahren, und etliche Erstpressungen von den Coasters (mit Autogrammen!). In besonderer Erinnerung habe ich die Single “Smokey Joe’s Cafe” mit “Just Like A Fool” auf der B-Seite. Etliche Hüllen hingen über der Theke, zusammen mit Sammlerstücken von Dick Dale, Abdoul Ahmed, Haik El-Masir und anderen.


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