Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Ich habe zwei-, dreimal das Berufsfeld gewechselt, zwischen Psychotherapie (speziell: Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit, Angstneurosen, Phobien, Zwänge, Sexualstörungen, Partnertherapie etc.), Erwachsenenbildung (mein kleiner zweijähriger Forschungsauftrag damals an der VHS Bochum hiess „Neue Konzepte in der Gesundheitsbildung“) – und Musikjournalismus. Der Geschichtenerzähler, der „electronic griot“, war hintergrundaktiv. Ziemlich oft. Die besten Einfälle sollten in der Wirklichkeit landen, nicht in einem Buch.

Zum Ende des Jahres ist die nächste Wendung geplant, ein guter geplanter Schuss ins Blaue, und in drei Richtungen gleichzeitig (das Paradoxe ist manchmal die Herausforderung). Ich mache gewiss noch die Radionächte „Klanghorizonte“ am 20. August und 15. Oktober – evtl., aber das entscheidet letztlich der Nachfolger des scheidenden Jazzredakteurs – ist dann der letzte grosse Spass am 30. Dezember. Und da verspreche ich einen besonderen Auftritt :) – zwischendurch ist noch meine wohl letzte Ausgabe der JazzFacts für den 23. September geplant, ein Porträt (fast einstündig) des Albums Atmospheres von Tigran Hamasyan. Mit einem Interview mit Manfred Eicher, den ich in Kristiansand beim 12. Punktfestival treffe. Dort ist auch bei den „seminars“ eine kleine „lecture“ / „performance“ meinerseits geplant, mit dem Titel Desire Lines and The Disturbance of Memory. All diese Angaben sind natürlich ohne Gewähr. Das Leben läuft ja nicht immer nach Plan.

Und meins derzeit in besonderem Masse nicht. Ich habe also einige  Ressourcen zu nutzen, mit denen ich zum Glück ausgestattet bin: Loslassen (dauerte etwas!), guter Humor, das detektivische Element. Ich kann mich gut gegen Idioten und Trolle zur Wehr setzen. Das führt nur selten zu Prügeleien. Eigentlich sind meine Helden jene Troubadoure des 16. und 17. Jahrhunderts, die nicht nur eine Laute im Gepäck, sondern auch Eier in der Hose hatten, und wussten, wie man mit einer Leiter, guten Liedern und fast reinen Herzens, spezielle  Burgbewohnerinnen aus hoch gelegenen Turmzimmern befreit.

I absolutely loved this book! Unapologetically grim, „Available Dark“ mines the ripe but overlooked black metal culture of the 80s and 90s to great effect. A must read for readers who appreciate a good anti-hero but would love a female one, as Cass Neary is what you’ve been waiting for. It has a bit of Chuck Palahnuik vibe (think Diary), and is a great follow up to the excellent Generation Loss.

 

Rachel is right about Elizabeth Hand’s Available Dark, and just a few days back, you can read – here – about some of Elizabeth’s favourite albums. Apart from the thriller of the month (read, in case you’ll give it a chance, at first, the German translation of „Generation Loss“), this month’s recommendations are a rather wild mix full of surreal effects and experiences, disturbances and distortions.

After Robert Macfarlane’s slow walking excellence, it’s for sure a pure delight to encounter Geoff Dyer’s new travel stories. I had to laugh out loud more than once when he, for example, tried to follow the footsteps of Paul Gauguin on far away islands. Dyer’s book is much more witty, but always has a dark edge. After I read his essay about „The Forbidden City“, I put it immediatley on the list of 100 places I don’t want to see before I die. Jazz also turns up, remember, Geoff has written the cultish „But Beautiful“, though I’m a bigger fan of his books about American photography (have a look, Lorenz and Jan!) – and Tarkowski’s weirdest film! :)

Meanwhile, one of our „Philosophica“ of early summer, has been translated into our home language. Yes, I’m referring to Sarah Bakewell’s brilliant book about the French existenzialists.

The reissue of the month is dedicated to a long-lost album that makes the expression „freak folk“ look rather tame and childish. Andrew Male has written a short and essential review for this month’s time travellers.

There might be a lot to write about our album of the month, Ian William Craig’s Centres, but even better, there is so even more to listen to – for me, it is a culmination of aethetics that the likes of Frost, Fennesz and Hecker have worked on in recent years. And with all the songs and song fragments buried and freed from the ashes here, it’s a unique elaboration of the of spirit of „My Bloody Valentine“. This is an album made for headphones.

Einst, als Martin Scorsese einige richtig gute Filme machte, hatte er noch ein kluges Gespür für Soundtracks, und auch mal Bernard Hermann zur Seite. Später, als er wieder einen Mafiafilm drehte, kippte er eine ganze Jukebox voller Songs über die Bilder, und schwächte, Lied um Lied, das Werk, das zum Machwerk wurde. (Wie später auch, in seinem lächerlich überhöhenden Rolling Stones-Film!). Hier, in der ersten Staffel von Hap and Leonard, geht es einmal mehr um den Gesang (und Abgesang) alter Zeiten (Scorsese hat nichts damit zu tun), und es läuft, an einer fast unmöglichen Stelle, als es nicht zuletzt ums Sterben geht, Scott MacKenzie’s Uralthymne. Man empfindet unmittelbar, so geht es, und das Lied trifft einen wie beim ersten Hören. Nur ganz woanders. „No Direction Home“: diese drei Worte könnten einem da einfallen, und somit gleich ein weiteres, wiederum brilliantes Martin Scorsese-Opus.

 
 
 

 

2016 26 Jul

Every dog has his day

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The dog we’re looking for doesn’t play jazz standards. No, he never learnt the piano. Laurie Anderson’s dog was much more talented. So you will never listen to his version of „Over the Rainbow“. Otherwise, old compadre Henning Bolte would have shot some game-changing photographs. A sweating dog and his blue notes. In an old jazz club, rive gauche, me, oh my.

Last week I’ve been in the hospital. Now I’m returning to the every day routines of my private-eye office. Writing a lecture, diving into the early short films of Buster Keaton, preparing journeys to the sea. Last week was special. I experienced wonderful human beings. With the exception of one day, I was feeling fine.

Before I went unconscious, I talked to a medicine student who was preparing my narcotics. Or something a bit more simple. I asked the blonde about her favourite TV-Show, she said: „Sex and the City“. She added: „That’s me“. She meant: high hopes and some real bad outcomes.

After I found out that her musical taste was rather middle-of-the-road, I gave her a musical remedy. Only idiots think that the mainstream has per se no healing power. Bullshit. So I told her to trust me blindly (easy, I tell you!) and listen extensively to Michael Kiwanuka’s new album. It would send her places. At that moment, 30 mg of Tranxilium, had sent me places.

But now, another job. For good hunters. A dog is missing. I know that  area very well. We are five people, and we will find the „Hirtenhund“. He is very shy cause he had been in the killing station too long. Found a new home. But with a certain degree of post-traumatic stress symptoms, he lost his mind (sense of place) in a moment of fragility, and startet to run. We will bring him back. At least we will give our best.

 
 
 

 

Mich interessieren Oscars nicht, Preisverleihungen. Haben Sie mal gesehen, wie dämlich und spassgetrimmt, oder rührunsganfällig, Moderatoren bei solchen Grossereignissen, um jede scheissheilige Kuh tanzen? Heute sah ich zum ersten Mal, in aller Ruhe, mit dem fantastischen Soundtrack von Alva Noto und Ryuichi Sakamato (letzterer fiel oft genug dem Kitsch anheim), und einer Bildersprache und Vielschichtigkeit, die ihresgleichen suchen, THE REVENANT. Ziemlich preisgekrönt, glaube ich. So what? Was für ein grandioses Kunstwerk! Weitere Meisterwerke aus dem Jahre 2015: „Sicario“ und „The Duke of Burgundy“.

2016 23 Jul

Purzelbaumeffekte

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Es war ein Sommer in den Sechzigern, in dem die Siebziger schon rückwärts ein paar Schatten warfen, eine Ahnung erfüllter Zeiten, die ersten Jukeboxen, ledergebundene Single-Alben in unserer kleinen Kirchhörder Welt. Benny war ein älterer Teenager, und er hatte die grösste Kollektion an Singles. Wenn ich mal bei ihm vorbei kam, legte er gerne The Small Faces auf, und kurz blitzten all die Dinge auf, von denen Frischlinge gerne träumten. Ich trug damals (oder war es später, früher, wer kennt nicht den Purzelbaumeffekt mancher Erinnerungen, die jede nüchterne Chronlogie unterlaufen?) „Pictures of Lily“ von The Who in mir und stellte meinen privaten Onanierekord auf (siebenmal am Tag). Einmal fiel ich bei Conny nach Sekunden in eine tiefe Trance, als er, frisch aus dem Single-Presswerk, „Summer In The City“ auflegte, von The Lovin‘ Spoonful. Es war wohl eines der ersten Lieder, bei denen mir bewusst wurde, wie bezaubernd die alltäglichen Sounds einer grossen Stadt sein konnten. Der erste Riff, die Melodie, die Stimme John Sebastians. Ich bat Benny inständig, mir die Single einen Tag zu leihen, ich sagte nicht, dass ich sie mir mindestens hundert Mal am Stück anhören wollte. Schliesslich gab er nach, und ich musste ihm versprechen, die Ware am folgenden Tag um Punkt 17 Uhr bei ihm abzuliefern. Das war ja nun kein Problem, oder doch, ein kleines. Ich war so umrauscht von dem Song, dass ich dachte, in einer Zeit, in der wir alle Grenzen überschreiten würden, wäre es kein Problem, den „Sommer in der Stadt“ auch am Wochenende bei mir zu horten. Ich hatte die „Bravo“ neben dem Bett liegen, und war nicht erfreut, zu lesen, dass The Kinks, meine Lieblingsband, mal wieder betrunken auf der Bühne aufeinander losgegangen waren. „Hot town, summer in the city / Back of my neck getting dirty and gritty / Been down, isn’t it a pity / Doesn’t seem to be a shadow in the city“. Irgendwann nachmittags rief mich Uwe an (mit dem ich selten zu tun hatte, er besass als Erster „Hey, Joe“ von Jimi Hendrix), und sagte mir, er habe eine Überraschung für mich, und ich möge doch zu unserem Bolzplatz kommen. Als ich dort war, traten Uwe und Benny hinter einer Hecke hervor, und Benny schlug mir voll in den Bauch, so dass mir die Luft wegblieb und ich auf den Boden kippte. Er erinnerte mich an unsere Abmachung, und als ich wieder Luft bekam, entschuldigte ich mich. Jetzt war Uwe dran, und schlug noch einmal mit voller Wucht zu. Ich bekam es mit der Angst, und wartete, bis der Atem wieder einigermassen auf und ab ging. Dann rannte ich los, was verrückt war weil die beiden älter waren, und mich jederzeit einholen und weiter auf mich einprügeln konnten. Stattdessen traf mich ein Stein an der Schläfe, und ich sank schreiend zu Boden. Das Blut floss über Augen und Nase, und ich weiss heute nicht mehr, welcher Zeuge der Ereignisse dafür gesorgt hatte, dass ich ins Krankenhaus kam und mit etlichen Stichen genäht wurde. Am Tag darauf legte ich klammheimlch die Single, verpackt in in einen Umschlag, in den Briefkasten von Bennys Familie. Benny schien oft allein zuhaus zu sein. Ich hatte noch hier und da Doppelbilder, und selbst meine „Pictures Of Lily“ waren eine Zeitlang leicht verwackelt.

 
 

 
 

Normalerweise, wenn ich längere Zeit an einem Ort weile, fern der vertrautesten Räume mit elektrischem Kino und Hängematten auf einem Berg, habe ich nur ganz wenig Musik bei mir. Es macht mir so viel Freude, tiefer und tiefer in ein, zwei Alben einzusteigen. So ergeht es mir in diesen Tagen mit dem neuen Album vom hierzulande noch wenig bekannten Ian William Craig (wenn keiner Widerspruch erhebt, unser nächstes Album of the Month) – und Paul Simon. Ich lese die Texte Simons so lange, bis sich mir Stück um Stück mehr von ihrem Reichtum erschliesst. Ich halte STRANGER TO STRANGER für eines seiner grössten Alben, und es bedeutet mir jetzt schon mehr als ein Klassiker a la GRACELAND. Lassen Sie nur mal diesen Text auf sich werken, IN A PARADE und später vielleicht, mit welcher Zwischenraumklanglust jede Zeile an Tiefe gewinnt.

 
 

Some nights the ER is quiet as an EKG
But tonight it feels like every broken bone
Tonight it feels like every wounded soul
Is filling out a form or on the ‚phone

I can’t talk now, I’m in a parade
I can’t talk now, I’m in a parade
Can’t talk to you now, I’m in a parade
I can’t talk now, I’m in a parade
Diagnosis: schizophrenic
Prognosis: guarded
Medication: Seroquel
Occupation: Street Angel

I drank some orange soda
Then I drank some grape
I wear a hoodie now to cover my mistake
My head’s a lollipop
My head is a lollipop
My head’s a lollipop and everyone wants to lick it
I wear a hoodie now so I won’t get a ticket
I write my verse for the universe
That’s who I am

I can’t talk now, I’m in a parade
I can’t talk now, I’m in a parade
I can’t talk now, I’m in a parade
Can’t talk to you now, I’m in a parade

Diagnosis: schizophrenic
Prognosis: guarded
Medication: Seroquel
Occupation: Street Angel

 
 

(Empfehlung: nochmal lesen!) Und warum ich soviel Reggaemusik liebe, ist mir manchmal ein kleines Rätsel, jenseits der experimentellen Werke mag ich nämlich auch die gesammelten „heartfelt songs“ von Bunny Wailer’s BLACKHEART MAN. Zum Beispiel. Ich kannte es bis vor kurzem gar nicht. Ich glaube, es kommt aus den 70ern.

Derzeit reden alle, man kann es den Hype des Monats kennen, von Michael Kiwanuka und seinem retro-experimentellen, na ja, halb experimentellem Retro-Soulalbum LOVE AND HATE. Ehrlich? Ich glaube, es ist wirklich so gut! Danger Mouse haut mich auch nicht oft vom Stuhl, aber hier: chapeau! Das Zauberwort: „Verwundbarkeit“. Das Rezept: den klassischen Sound aufbrechen, und dennoch Lieder lauschen, von denen man das Gefühl hat, sie seien schon immer da gewesen. Sind sie aber nicht. Frank Ocean hat gute Spuren hinterlassen.

 
Ian William Craig: Centres
 
(the title is the review)
 

Since my childhood days I have been attracted to crime series on TV. There were The Avengers (with Emma Peel and John Steed), there was even mainstream stuff I liked, 77 Sunset Strip, Rockford and many others. Then Peter Falk entered the scene with his dirty old automobile.

Many years later, David Lynch extended the limits of crime and mystery with the glorious first season of Twin Peaks. Unforgettable: Angelo Badalamenti’s soundtrack. And several scenes (the dream with the dwarf) that burned deep into the unconscious. With HBO and the hard core suspense counter terrorist dramas of 24 a new period of television started. Homeland, for example.

During the last two years, other outstanding crime stories wrote TV history: Broadchurch, Sherlock Holmes, Top of the Lake, Die Brücke revealing that Scandinavia, New Zealand and England could contribute to top notch crime dramas. Germany is a wasteland in this field. I was thrilled by them all. But, nothing matched the quality of TRUE DETECTIVE. Sometimes it was really dangerous to dive into the story, cause I easily forgot breathing. And this is for fans of great soundtracks: the way T Bone Burnett provided the musical score with original instrumentals and a bunch of songs from the Americana genre (oldtimey folk, gospel etc.) added another layer – a perfect mix of sounds and sceneries!

Right to the end, True Detective danced around cop drama tropes and transcended them. It was pitch black, philosophical (the spirit of Albert Camus!), unabashedly entertaining, thoughtful and ultimately hopeful and human storytelling that trusted its audience’s intelligence and their capacity to be challenged. And the last song is a real closer: „The Angry River“, with Father John Misty.

 

(Remix from June 2014)


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