Manafonistas

on music beyond mainstream

Autoren-Archiv:

 
 

 
 

Michael Engelbrecht: Irgendwann in den Siebzigern erschien als Taschenbuch das grosse Interview, das Francois Truffaut mit Alfred Hitchcock gemacht hat. Das war natürlich für jemanden aus meiner Generation ein “gefundenes Fressen”: zwei geschätzte Regisseure plaudern aus dem Nähkästchen. Wie hat sich Ihre Wertschätzung für Hitchcocks Filme entwickelt? Gab es da einschneidende, unvergessliche Fernseh- oder Kinoerlebnisse?

 

Anne Goldmann: Vielen Dank für den Tipp. Ich bin mit Filmtheorie und Filmsprache ja kein bisschen vertraut – aber ich liebe Kino: Die Atmosphäre im Saal, die große Leinwand, das Eintauchen in eine andere Welt. Zum Glück gibt es sie noch, die Kinos, in denen die Zeit ein bisschen stehengeblieben ist – oder es wenigstens so scheint …

Es muss nicht Hitchcock sein, obwohl seine Filme großartig sind und den Blick schärfen. Tatsächlich aber brauche ich nicht einmal „Suspense“. (Ich lese auch kaum Thriller, selten Krimis.) Ich mag Filme und Bücher mit gut gezeichneten Protagonisten und nur auf den ersten Blick stabilen Beziehungskonstellationen. Grenzsituationen. Filme, die an glatten Oberflächen, an meinen Sicherheiten kratzen, das Offensichtliche verweigern. Die mich irritieren und zugleich fesseln und in die Geschichte hineinziehen. In dem Sinn also kein einschneidendes Hitchcock-Kinoerlebnis, aber doch ein paar wunderbare Stunden mit einigen seiner Filme.

 

ME: Eine Ursituation aus “Das Fenster zum Hof” könnte man als Ausgangspunkt von “Lichtschacht” benennen: James Stewart meint, Zeuge eines Mordes geworden zu sein, und wird erstmal nicht ernst genommen. War dies ein Kristallisationspunkt, welche Ihren neuen Roman in Gang setzte? Das Cover des Buches macht die Parallele deutlich. Oder gab es noch eine andere Ausgangsidee?

 

AG: Tatsächlich (die Ähnlichkeit zur Ausgangssequenz des Films ist ein schöner Zufall) hat die Geschichte einen realen Kern: Vor etwa drei Jahren wurde ich Zeugin einer kleinen Szene, die sofort meine Gedanken zum Laufen gebracht hat: Da saßen drei Leute auf einem nahegelegenen Dach mit Gläsern in den Händen und prosteten einander zu. Nun bin ich ja nicht ganz frei von Höhenangst und habe erst einmal die Luft angehalten. Mein zweiter Gedanke: Eine wunderbare Einstiegsszene … Was, wenn nun einer von ihnen vom Dach gestoßen wird? Welche Gründe könnte der Täter/die Täterin haben, jemanden zu ermorden? Und: Das Verbrechen braucht eine Zeugin, die in einer Ausnahmesituation steht, die sie dazu bringt, anders zu handeln, als Sie und ich es vermutlich täten. Natürlich durfte die Leiche nicht gleich gefunden werden. Sie fällt also in einen Lichtschacht.

Anders als der Protagonist im Fenster zum Hof ist Lena in Lichtschacht freilich hinsichtlich der “Ermittlungen” ganz auf sich allein gestellt, was durch den Umstand noch verschärft wird, dass sie ihren eigenen Wahrnehmungen nicht traut und am liebsten alles verdrängen, vergessen würde.

Das Cover von Martin Grundmann mochte ich sofort. Ich spiele ja gern mit Bildern.

 
 
 

 
 
 

ME: Gibt es solche Lichtschächte an vielen Orten, oder sind sie eher eine Ausnahme? Und in der realen Welt auch schon Schauplatz von Verbrechen gewesen?

 

AG: Ich habe jedenfalls schon mehrmals Zeitungsmeldungen gelesen, wonach jemand auf einer Party betrunken in einen Lichtschacht gestürzt ist. Von Verbrechen in Lichtschächten ist mir nichts bekannt, aber wer weiß … und wenn man selber spurlos verschwinden wollte – nein, keine Sorge! -, wäre das jedenfalls der ideale Ort dafür.

 

ME: Während man gern bei einigen Thrillern schnell vermutet, er sei schon mit Blick auf eine mögliche Verfilmung geschrieben, ist Ihr Roman eigentlich unverfilmbar, weil die Hauptfigur des zweiten Erzählstranges anonym bleibt, woraus sich eine besondere Spannung entwickelt. Das ist schon sehr “tricky”. Es muss da eigentlich einen Vorläufer für diese “suspense”-Startegie geben, obwohl ich in meinem Gedächntnis vergeblich rumkrame. Sind Sie da inspirationstechnisch bei irgendeinem Klassiker (vielleicht Agatha Christie?) fündig geworden?

 

AG: An eine Verfilmung habe ich nicht gedacht. Aber Sie haben natürlich recht: Lichtschacht wäre eine echte Herausforderung. (Hier müsste m. E. die Kamera die Position des Täters einnehmen und dann wäre da natürlich noch das Problem mit der Stimme, und … )

Tricky – nun ja: Ich stand vor dem Problem, dass die Leserin/der Leser mehr wissen müssen als die Protagonistin. Ich wollte sie ganz nah ans Geschehen heranholen. Gleichzeitig dürfen sie sich wie Lena der Identität des Täters nicht sicher sein. Damit blieb nur diese eine Möglichkeit. Ob schon einmal jemand diese Frage auf ähnliche Weise gelöst hat? Vermutlich – aber auch mir fällt niemand ein.

 

ME: Ich sass einmal mit Hakan Nesser tief in der westfälischen Provinz, in der Gaststätte des Bahnhofs von Unna. Wir kamen von Hölzchen auf Stöckchen, von Leonard Cohen auf Kriminalromane als Schnittstelle von Jugend- und Erwachsenenliteratur – und dann auch auf die sog. “schwedische Krimiszene”. Er hielt diesen Ausdruck für einen Hype, für einen Vermarktungstrick. Man kann drüber streiten: schliesslch gibt es so eine Art “sozialkritischen Realismus”, der von Sjöwall/Wahlöö bis in die Gegenwart (Mankell und Co.) führt. Andererseits: in welchem Land gibt es solche Strömungen der Kriminalliteratur nicht? Sehen Sie sich in irgendeiner Art in einer speziellen Tradition der österreichischen oder europäischen Literatur, oder halten Sie Kriminalschriftsteller eher für Einzeltäter?

 

AG: Ich weiß, dass Schubladen vielen ein Stück Sicherheit geben. Auch ich sehe aber wie Hakan Nesser derlei “Zuordnungen”, wenn Sie so wollen, im Großen und Ganzen als Teil einer Marketingstrategie. Die Leserin/der Leser wissen, was sie kriegen, wenn sie in ein bestimmtes Regal greifen, der Handel liefert angepasst an die Zielgruppe. Was einmal außergewöhnlich, originär, originell war, wird wieder und wieder aufgegriffen. Fast jedem Hype folgen Bücher über Bücher, die auf der Erfolgswelle mitsurfen wollen und beim Lesen einen schalen Nachgeschmack hinterlassen.

Das Schöne am Schreiben ist für mich das Entwickeln der Personen, die ich auf die Reise schicke, das Ausprobieren, wie sich eine Idee am besten umsetzen lässt – es kann glücken oder scheitern – und wie ich meine Themen in die Handlung verpacken kann. Reizvoll finde ich das Spielen mit dem Genre.

Ich glaube, dass Kriminalschriftsteller genauso verschieden sind wie ihre Bücher (oder doch eher umgekehrt). Ich selber bin sicher jemand, die sich schwer – und ungern, das auch – einordnen lässt.

 

ME: Wann waren Sie in Ihrer Vita erstmals von einem Kriminalroman dermassen in Bann geschlagen, dass die Lektüre noch lange nach der letzten Seite nachwirkte?

 

AG: Das war wohl – vor vielen, vielen Jahren – der Der talentierte Mr. Ripley von Patricia Highsmith. Heute sind es Bücher wie die von Daniel Woodrell. Der Tod von Sweet Mister hat mich nachhaltig beeindruckt.

 

ME: Gibt es einen Psychothriller, den Sie mehr als einmal gelesen haben (und sei es auch “nur”, um hinter sein Konstruktionsprinzip zu kommen)?

 

AG: Astrid Paprottas Sterntaucher. Das ist freilich schon einige Jahre her. Bezüglich “Konstruktion” halte ich mich an ein paar gute alte Regeln, breche die eine oder andere und verlasse mich dabei auf mein Gespür. (Natürlich verlaufe ich mich auch manchmal. Aber nur so lernt man.)

 

ME: Auf welche anstehende Neuerscheinung in Sachen “crime” warten Sie voller Hochspannung?

 

AG: Die werde ich vermutlich erst beim Stöbern in meiner Buchhandlung entdecken. Hier finde ich immer wieder (für mich) neue Schriftsteller. Es genügen ja meist wenige Zeilen, und ich bin gefangen – oder gelangweilt.

 

ME: Verfolgen Sie einige der Fernsehserien, die seit Jahren tatsächlich genrerweiternd sind, bzw. bleibende Meilensteine in die ansonsten oft öden TV-Landschaft platzieren, wie zuletzt etwa True Crime, Top of the Lake, oder Broadchurch? Alle drei genannten Serien haben traumatisierte Figuren als Protagonisten!

 

AG: Auch hier muss ich passen. Ich lebe schon seit gut zweieinhalb Jahrzehnten ohne Fernsehen. Traumatisierte Menschen begegnen mir v. a. in meinem Arbeitsalltag als Sozialarbeiterin in der Straffälligenhilfe. Ich begleite sie oft über viele Jahre, durch alle Höhen und Tiefen. Wenn es Fernsehserien gelingt, im Zuschauer Interesse zu wecken, das über Voyeurismus hinausgeht, vielleicht einen Zugang ermöglicht, begeistern Sie mich vielleicht noch fürs Fernsehen.

 

ME: In Ihrem Roman habe ich zum ersten Mal erfahren, was man in Wien für “Milchkaffee” sagt. Wo in Wien gibt es ihrer Meinung nach den besten “Melange”?

 

AG: Jetzt bringen sie mich tatsächlich in die Bredouille. Wo es die beste Melange gibt – das ist nämlich eine Glaubensfrage, über die man lange streiten kann.
Ich würde Sie ins Café Prückel einladen.

 

Webseite der Autorin: www.annegoldmann.at

 
 
 

Foto © Herbert Redtenbacher
 

Michael Engelbrecht: Von wem ist dieses erstaunliche Gedicht?

Martina Weber: Freut mich, dass es dir gefällt. Die Autorin heißt Irina Matei. Ich habe sie Anfang des Jahres 2003 kennengelernt, wir nahmen beide an der Darmstädter Textwerkstatt von Kurt Drawert teil. Irina war damals Abiturientin. Sie war auch nur ein halbes Jahr dabei, weil sie nach dem Abitur nach Aachen gezogen ist, um Architektur zu studieren.

ME: Ist der Text nur damals in kleinen Kreisen gelesen worden, oder später, was er wohl verdient hätte, in einer Anthologie gelandet?

MW: In der Textwerkstatt lief es immer so ab, dass an einem Seminarabend zwei Teilnehmer ihre Arbeiten vorgestellt haben, meist etwa zehn Seiten. Irina las an dem Abend zwölf Gedichte, die uns vorher per Post zugeschickt wurden, damit wir die Besprechung vorbereiten konnten. Die Sache blieb also im kleinen Rahmen. Ob Irina ihre Gedichte in Anthologien veröffentlicht hat, weiß ich nicht. Mir ist ihr Name im Literaturbetrieb nirgendwo wieder begegnet. Einen Gedichtband hat sie nach meinen Recherchen bisher auch nicht veröffentlicht.

ME: Wie hast du Irina Matei damals erlebt, der Text unter ihren Initialen scheint deine Phantasie über diese ganz reale Person zu sein – und hast du inzwischen, nachdem dir dieses Gedicht in die Hände fiel, Kontakt mit ihr aufnehmen können?

MW: Mein kleiner Text ist auch ein Remix aus den anderen Gedichten, die Irina damals in der Textwerkstatt las. Ich habe Irina als sehr lässig erlebt. Mein Eindruck war, dass sie sich keine besonders großen Sorgen um ihre Zukunft machte und die Dinge spielerisch anging. So etwas imponiert mir. Sie schien ihre dichterische Begabung auch gar nicht so wahrzunehmen wie die andern. Das ist oft bei Naturtalenten so. Für sie ist das Schreiben deshalb auch nicht die große Herausforderung ihres Lebens. Weil sie im Prinzip alles schon erreicht hat. Andere brauchen ein ganzes Jahrzehnt dafür.

Mir fiel dieses Gedicht keineswegs zufällig wieder in die Hände. Ich habe die zwölf Gedichte bewusst aufbewahrt und in den vergangenen Jahren sogar immer wieder hervorgeholt. Irinas Gedichte sind ziemlich verschieden, sie hatte viel ausprobiert. Kurt Drawert beschrieb Irinas Arbeiten damals als phantastischen Realismus, er erwähnte Chagall, eine Behauptungsfrechheit, kühne Bilder, und eine im positiven Sinn naive Fantasie.

Ja, und ich bin auf einer heißen Spur, um Kontakt mit Irina aufzunehmen.

ME: Mir kam beim Lesen die alte Zauberformel  “magischer Realismuus” ein.  Wenn du sie wieder treffen solltest, frage Sie doch einmal, wie sie sich an diese frühe Zeit ihres Lyrikschreibens  erinnert, und ob es irgendwelche Verbindungen zu ihrer Arbeit als Architektin gibt: Ein phantasievolles Raumgefühl scheint mir ja hier wie da hilfreich. Oder worauf wärst du neugierig?

MW: Mich interessiert die Entwicklung ihrer Persönlichkeit. Und ob sie noch ab und zu Gedichte schreibt.

ME: Wenn du sie im Cafe triffst, und alle Plätze belegt sind, unterhalte dich am besten mit ihr in einer Strassenbahn :) Eine Frage von mir: wie steht sie zu dem Architekten Christopher Alexander und seinem Buch “A Pattern Language”? Gibt es in Frankfurt überhaupt noch die gute alte Trambahn?

2014 26 Jul

Ray

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | 6 Kommentare

Damals, als ich noch “Bravo” las und 12 Jahre jung war, war ich immer scharf darauf, Neues von meinen Helden zu lesen, den Kinks. Sie verfassten einen Wahnsinnssong nach dem andern, und ich erinnere mich genau an späte Abende, an denen ich zum ersten Mal unter der Bettdecke, auf einem Transistorradio (einmal war es ein silbernes, einmal ein graues), “All Day And All Of The Night” und “Mr. Pleasant” hörte. (Ich  wollte seinerzeit unbedingt die ganze Nacht und den ganzen Tag mir Manuela verbringen.)

Seltsamerweise weiss ich nicht mehr, wann ich das erste Mal jene beiden Songs hörte, die seitdem nie mehr aus meinen “Top Twenty aller vergänglichen Zeiten” herausgefallen sind, “Sunny Afternoon” und “Waterloo Sunset”. Man vergisst solche ersten Male wohl, weil sie überwältigend sind. All dieser Magie zum Trotz konnte ich in der “Bravo” lesen, dass die Jungs sich gerne auf der Bühne prügelten, betrunken Konzerte abbrechen mussten, und offensichtlich jede Menge privaten Irrsinn mit sich rumtrugen. Die Rivalitäten zwischen den Brüdern Ray und Dave traten zunehmend zutage, und ich musste früh um den Bestand meiner Lieblingsband bangen.

In den Jahren darauf wurden die Ewigkeitslieder, seltener, die Alben kleine, skurrile Gesamtkunstwerke. Ray Davies stimmte nie gross in den “Summer of Love” ein, lebte fast zurückgezogen, sang Lieder über den “five o’clock tea” bei seiner Oma, schrieb Songs und das Verschwinden der Dampflokomotiven und Grünflächen in alten Stadtvierteln. Er porträtierte die Restbestände der englischen Arbeiterklasse, bevor Maggie Thatcher ihr den Rest verpasste. Er überstand den Blues, als Chrissie H. ihn verliess,  und eine Schussverletzung in New Orleans.

Und jetzt feiert er in London, am 9. August oder September, in der Royal Albert Hall (oder da in der Nähe, auf jeden Fall an der South Bank, gegenüber von Waterloo Station), sein 50-Jähriges Bühnenjubiläum. Und mein alter Freund Ed aus Bad Windsheim hat drei Karten erstanden, für Frau, Sohnemann und sich. Ich überlege, aus purer Lust und Sentimentalität, mich ihnen anzuschliessen, und von Schwarzhändlern vor Ort ein masslos überteuertes Ticket zu kaufen. Ich glaube, das muss sein. Ich wäre doch blöd, wenn ich da nicht auftauchte.

2014 23 Jul

The August List

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

It’s a very hot summer in Germany, and this may have influenced a bit next month’s choice of recommendations. Just look at the cover of King Creosote’s new record, and you know what I mean. The Scotsman and the legendary Mike Cooper transcend the so-called folk idiom without sacrificing its roots. Both artists, one in 2014, one in 1970, enrich the old traditions with a broad palette of emotions and arrangements reaching from chamber music to free floating jazz, from cinematic string moods to surprising breaks. And, yeah, it’s the best time for “beach books”. The old prejudice is that on beaches the value of literature has a lighter weight, but that’s nonsense. Discover the Hitchcock-fuelled world of love and desaster of Anne Goldmann’s “Lichtschacht”, or a nearly timeless introduction into the history of philosophy. One of the books you can read with 17, and 71. Time moves in circles – and anniversaries: in September the cd of the month will probably be the forthcoming debut of Erik Honore on Hubro Records, or the forthcoming record of Arve Henriksen (with strings) on Rune Grammofon. Both essential figures of the Punktfestival of Kristiansand that will celebrate its 10th edition in September (4th-6th). 

Dass die Musikritik, und nicht zuletzt die, welche sich gerne einen geistig hochstehenden Anstrich gibt, immer mehr auf den Hund kommt, und gerne Klänge lobpreist, denen entweder eine Art nostalgisches Aufsehen oder eine schnell verglühende Hitze sicher sind (von Morissey bis La Roux), ist ein Eindruck, der sich in letzter Zeit verdichtet hat. Den Vogel abgeschossen hat heute in der SZ ein Kritiker namens Max oder Moritz Fellman, der am Schluss seines zwanghaft spassigen Streifzugs durch diverse Neuveröffentlichungen mit einer besonderen Pointe aufwartet: die anstehende Veröffentlichung der Platte von Scott Walker und Sunn O))) wirkt für ihn wie einem Rätselspass entnommen, bei dem man ganz und gar unmögliche Kombinationen aushecken darf. Tja, ein Scherzkeks bei der Arbeit: wer nur marginal die Werke der beiden Parteien aus den letzten fünfzehn Jahren kennt, weiss, dass diese Kombination verdammt naheliegend und alles andere als bizarr ist. Offensichtlich kommt die SZ öfter ins Schleudern, wenn es um Scott Walker geht. Unvergessen die blödsinnige Schmäh meines speziellen Münchner “Freundes” auf Scott Walker, beleidigend, arrogant, und dumm. Unser berüchtigter Dialog jetzt im Original. Er: “Ich habe in meinem Leben stets versucht, Leuten wie dir aus dem Weg zu gehen.” Ich: “Das heisst, du hast tatsächlich immer alle Spiegel in deinem Haus verhängt?” 

Yes have nearly always been an overdose of kitsch. As time goes by they once in a while get a kind of nostalgic reevaluation. Rick Wakeman, a keyboard player coated with sugar like no other in  pop history, has been part of the game. That they were once called “prog” casts a dark shadow on the whole idea of “prog rock”! Believe it, or not: they are still well and alive (that is the good news), and now, with their new opus and its telling title “Heaven and Earth” they definitely prove that they love big screens, nice singalongs, soft harmonies, and, best of all, that the summer of 68 has never faded away. It’s peace on earth, and the electric guitar is a lesson in playful nirvana. Samsara, samsara, samsaleikum! The most profound moment comes when they sing about “getting to know the empty space / Beneath the surface of common days”. It’s a bit more self-referential than originally intended. Regression therapy has found a new classic! 

 
 
 

 

La Roux: Trouble in Paradise

 

It’s interesting to read so much enthusiastic reviews. You start asking yourself: who’s the alien? I mean Alex Petridis is full of praise, the guy who has written the excellent review of Soul Mining (see our reissue of the month). Everyone seems to be delighted. Are there already La Roux street dance parties? I always thought I knew something about the magic of surfaces, simple pop pleasures with a twist, the art of transcending cheap thrills with very special cheap thrills. No problem to confess I love the Bee Gees soundtracking Saturday Night Fever, some Pet Shop Boys songs are heartbreaking, a lot of Abba songs are irresistible till the end of time, but this … I can’t stand this

tralalafakesynthmiddleoftheroadsongsrecyclingsome80sstufftodeath

Man sieht den Erscheinungsjahren an, wann ich Gedichte als vorrangige Seelennahrung betrachtete. Ist schon eine Weile her. In der Zeit, als ich bei “Bücher Krüger” Lyrikbände kaufte, waren die Beatles schon Geschichte, Borussia Dortmund hatte die erste und zweite grosse Zeit hinter sich, und die ersten hundert Langspielplatten von ECM drehten sich auf meinem Dual-Plattenspieler.

Man schleppt, der Jugend sei es geschuldet, noch eine Menge Naivität mit sich herum, und versucht sich gegen die Blödheit zu wappnen, die andere einem noch zusätzlich andienen wollen. Man ist eine kleine springlebendige, verletztliche Hormonmaschine und träumt von Sex mit erfahrenen, unerrreichbaren Frauen. Wie sollte ich mit Diana Rigg im Bett landen? Wie mit Stephanie Audran? Wie mit Monika Peitsch? Wie mit Hannelore Elsner? Und als ich mich mit “sweet sixteen” in die schönste Frau von Dortmund-Bittermark verliebte, eine evangelische Pfarrerstochter (sie wohnte einen Steinwurf vom Teufelsgeiger Zbignew Seifert entfernt!), war ein Jahr Unglück die Mindestgarantie, da nutzte es auch nichts, dass ich Räucherstäbchen mitbrachte und “Foxtrot” von Genesis auflegte.

Gedichte waren etwas pflegeleichter. Sie steckten zwischen zwei Buchrücken, sprangen nie aus den Seiten heraus, und man konnte sie so tief einatmen, dass sie einem in die Träume folgten. Sie beflügelten tollkühne Empfindungen, schufen Räume reiner Faszination, man konnte sich innerlich sammeln, die Assoziationen fliegen lassen, und sich zwischendurch einen runterholen. “… und wenn, vor der vergeblichkeit von allem, mich grauen packt, so bin ich doch, zum glück, Intakt wie eh und je.” Unvergessliche Zeilen aus dem Büchlein “Der gelbe Hund”, in dem es viel strenger zuging als in Jandls frühen sprachspielerischen Bänden a la “Laut und Luise”. Ein Buch, um auch mal das Sterben etwas näher kennenzulernen.

Rolf Dieter Brinkmann war einer von uns, nur wilder, und etwas älter, und früh tot. Durch ihn habe ich Frank O’Hara kennengelernt. “Westwärts 1&2″ erschien bei Rowohlt und hatte auf dem Cover diese gefährlich roten Ränder. Er war ein Getriebener und hörte gute Rockmusik. Die Gedichte von Jürgen Becker las ich besonders langsam, eine “ambient music” der Wörter, spezialisiert auf deutsches Niemandsland: wie in Nichtigkeiten und Verlusten und zerstörter Natur noch der Nachhall eines alten Zaubers wirkte, lehrten mich Beckers nur auf den ersten Blick spröde Texte, und einmal stieg der ehemalige Hörspielchef des Deutschlandfunks zu mir in den Fahrstuhl, mein einziges Interview ohne Worte!

Peter Rühmkorfs Buch mit dem überquellenden Aschenbecher kaufte ich mir in der Inselbuchhandlung von Langeoog, und es wurde, zwei Wochen lang, mein Buch für die nicht wirklich einsame Insel. Wie schön, dass er zweimal mit Michael Naura, Manfred Eicher und Co. ins Tonstudio ging. Ich hörte seine Stimme gerne. Er fand immer wieder einen zweiten Weg ums Gehirn herum. Und wenn es abseits des selbsterfahrungserprobten Befindlichkeitsgesäusels der Siebziger und Achtziger eine lyrische Stimme gab, die aus einem Liebesdrama ungeheuerliche Gedichte schöpfte, mit der Wucht von John Cales rabenschwärzestem Rockalbum, dann war es Christoph Meckel mit “Souterrain” und “Säure”. “Nummer Sechs” auf meiner Liste wäre ein Buch von Robert Gernhardt. Und lassen Sie mich bitte mit Erich Fried in Ruhe!

 

Günter Becker: Das Ende der Landschafsmalerei (1974)
Christoph Meckel: Souterrain (1984)
Rolf Dieter Brinkmann: Westwärts 1&2 (1975)
Peter Rühmkorf: Haltbar bis Ende 1999 (1979)
Ernst Jandl: Der gelbe Hund (1980)

Zu den langweiligsten Erzählwerken der jüngeren Historie (zwischen der Erfindung psychedelischer Rockkmusik und dem Ersterscheinungstag von Stephen Kings brilliantem Thriller “Mr. Mercedes”) zählen die beiden Bücher “Die Angst des Tormanns beim Elfmeter” und “Die linkshändige Frau” von Peter Handke. Sterile Versuchsanordnungen zwischen noveau roman und Ozu-Abklatsch. In einer Rezension sang Jörg Drews einst in der SZ sein Loblied auf den Roman “Obduktionsprotokoll” von Hartmut Geerken. Er verglich es mit  Handkes “linkshändiger Frau”, und hob die Vorzüge des freejazzhaltigen, überbordenden Bewusstseinsstroms gegenüber der Handke’schen Askese hervor. Dennoch landete das herrliche “Obduktionsprotokoll” auf dem Ramschtisch, und wurde vielleicht zwölfmal verkauft. Ein grosses Unrecht. Übrigens stehe ich mit meiner Privatmeinung zu diesen Zeitvernichtern von Handke nicht allein. Peter Radenkovic, früher Torwart bei 1860 München und Erfinder des “Torwartausflugs” (ein grosser Humorist wie Ente Lippens) fand das Buch über den “Tormann” auch doof und brach die Lektüre, ein Akt der Hellsichtigkeit, nach drei Seiten ab! In Deutschland aber feierte der Handkediskurs fröhliche Urständ, und beide Bücher wurden dann auch noch mit grosser Werbetrommelrührerei verfilmt, einmal fürs Fernsehen, einmal fürs Kino. Dass sie wenigstens auf hohem Niveau scheiterten, wäre eine glatte Lüge. Das “Obduktionsprotokoll” möge wiederentdeckt und wiedergedruckt werden.


Manafonistas | Impressum | Kontakt
Wordpress 3.9.1 Design basiert auf Gabis Wordpress-Templates
82 Verweise - 1,334 Sekunden.