Manafonistas

on music beyond mainstream

Autoren-Archiv:

 

 
 
 
1989 Acadie – ***** (classic)
1993 For the Beauty of Wynona – **** (rough brilliance)
1996 Sling Blade (soundtrack) – ** 1/2 (a little letdown)
2003 Shine – ***** (buried treasure)
2004 Rockets – *** (remixes, light and shadow)
2005 Belladonna – **** 1/2 – (excellent ambient noir)
2007 Here Is What Is – **** (firing on all cylinders)
2008 The Omni Series: Steel / Purple Vista / Santiago (Box Set) – *** (good)
2014 Flesh and Machine – **** 1/2 (a brilliant return to form, the gist!)

Ich sage es mal so schlicht wie der Pressetext des Antje Kunstmann-Verlages, der seit Jahr und Tag – u.a. – aussergewöhnliche Kriminalromane veröffentlicht: “William McIlvanneys Romane um den legendären Ermittler Jack Laidlaw sind in Großbritannien schon lange Kult und gehören schlicht zum Besten, was Kriminalliteratur zu bieten hat.” Jetzt ist der Klassiker Laidlaw in einer ganz neuen Übersetzung erschienen: Es wird unser thriller of the month. Sollte der Mann aus Glasgow im nächsten Jahr auf eine kleine Lesereise nach Deutschland kommen, freue ich mich auf ein Interview mit ihm. (For Manafonista Ian, Laidlaw contains a lot of memories of old Glasgewian times :)). Dass “Philosophiebücher” auch mal ganz anders daherkommen können, beweist der Roman Wittgenstein Jr., der viele Merkmale des britischen Humors vereint, von skurril bis nachtschwarz, von Monthy Python bis Samuel Beckett – und darüber nicht vergisst, auch “food for thought” zu sein. Und ECM hat gerade ein Album veröffentlicht, das auf erfrischende Art Traditionen der “drone music” mit dem Hinterland-Folk der Hardanger Fiddel verschmelzt. Lumen Drones (ECM  2434). Eine Entdeckung. Und wer sich dann noch was ganz Wildes zutraut: Mark Richardsons Besprechung eines John Coltrane-Konzertes (aufgenommen mit einem Mikrofon) macht Mut, sich auf den radikalen Grenzüberschreiter einzulassen, der in seinen letzten Jahren fortlaufend neue Horizonte öffnete, aber die Energien kaum zu bremsen wusste. Als er Miles Davis von diesem Problem erzählte, er könne nie das Ende seiner Saxofonsoli ausfindig machen, antwortete der “dark magus”, das sei kein grosses Problem, er müsse einfach das Saxofon aus seinem Mund nehmen.

 

 

 
 
 
Michael Engelbrecht: Robert, du hast zwar nie die Macho-Kappe auf, aber Dein Album „Comic Opera“  enthält einige Parallen zu Bob Dylans “Modern Times”: die Figuren der Lieder sichten letzte Spuren von Liebe, streunen durch die Schlachtfelder der Gegenwart und träumen schlussendlich alten Utopien hinterher.
 
Robert Wyatt: Das Album kenne ich nicht, aber vor kurzem hörte ich mir einige Male Dylans Blood On The Tracks an, ein spukiges  Werk! Der Jazz prägte mich aber viel mehr als die Rockmusik der Sechziger und Siebziger Jahre. Denke ich an den Summer Of Love zurück, sehe ich erst mal nur den letzten Zug nach West Dulwich und einen leeren Kühlschrank vor mir.
 
- “Lost In Noise” heisst der erste Akt deiner gar nicht nach Oper klingenden “Comic Opera”. Der Rausch der Liebe ist  oft nurmehr ein Rauschen: in dem Song “A.W.O.L.” sendet ein altes Metronom letzte Zeitzeichen … 
 
-  … und es funktioniert kaum noch richtig, pumpt wie ein altes Herz. Der Titel bezieht sich auf das Verbrechen desertierender Soldaten: “absent without leave”. Alfie und ich kennen mittlerweile einige Witwen, die nach dem Verlust ihrer Partner ihr Leben neu konstruieren. Die freundlichen Geister um sie herum wirken gleichzeitig desorientierend und beruhigend.
 
-  Auch der Jazz geistert durch deine Songs auf eine seltsame Weise. Sie docken dabei an keiner bestimmten Ära an. Nur wenige Musiker der Popgeschichte sind so eigenwillig mit dem Jazz umgegangen, mir fallen da noch die späten Talk Talk und Joni Mitchell ein – da gab es nicht diese aalglatten gefühlsechten Imitate. 
 
– Imitation ist langweilig. Joni Mitchell wählte einen sehr persönlichen Zugang zum Jazz für ihr Album Mingus. Selbst als sie den Evergreen des schwarzen Bassisten sang, “Goodbye Pork Pie Hat”, folgte sie ihrer eigenen Stimme und entfernte sich ein Stück von dem Original. Trotz meiner Liebe zum Jazz kommt mir die amerikanische Musik des 20. Jahrhunderts oft so fremd vor wie die Musik von Aliens. Bei der rhyhtm section im Jazz mochte ich immer den Puls und die vieldeutigen Basslinien. Die rhythmische Basis wurde oft nur angedeutet, wie das Rauschen von Blättern im Wind. Ich suche gerne nach neuen perkussiven Farben für einfache melodische Linien.
 
- Das Saxofon von Gilad Atzmon und die Posaune von Annie Whitehead klingen rau und intim. Da ist bei aller Songfinesse nichts Veredeltes im Spiel. Das gilt auch für dein Trompetenspiel. 
 
Ich bin letztlich nur ein altmodischer Popmusiker. Die Trompete habe ich anfangs zu alten Platten von Cole Porter gespielt, und dann, um ein Stück weit die Höhen zurück zu erobern, die meiner Stimme abhanden gekommen sind. Jetzt sind meine Helden alle tot, Don Cherry, Miles, Mongezi Feza, sie können nicht mehr beleidigt sein. Im übrigen hat das Spiel alter Trompetenmeister meine Art zu singen mehr beeinflusst als irgendeine andere Stimme.
 
- Die hinreissende Ohrwurm-Melodie  “Just As You Are”, die Du mit Monica Vasconcelos vorträgst, klingt wie ein verlorener Song von Burt Bacharach …
 
– Wenn es da eine Anspielung gibt, ist es wohl die früheste amerikanische Folkmusik. Man könnte Spuren von Gospel und Country ausfindig machen. Während der Aufnahmen in Phil Manzaneras Studio entedeckte ich Duette von Bob Dylan und Johnny Cash, die mich sehr berührten –  der jüdische Intellektuelle und der Südstaatenrocker mit dem guten Herzen …
 
- Nachdem du in den Songs “A Beautiful War” und “Out Of The Blue” abwechselnd in die Haut von Attentäters und Opfers geschlüpft bist, hört man deine Stimme im dritten Akt der “Comic Opera” nur noch spanische und italienische Texte singen.    
 
– Für mich sind diese letzten Stücke und Songs ein Bündel von möglichen “Exit”-Strategien in einer unerträglich brutalen Welt. Da bin ich offen für Sinnsuche, für Bedeutungsreste, für jeden Lichtblick. Ich mochte die ergreifende Melodie von  “Del Mundo”; der Song basiert aber auf der mystischen, geradezu feminstisch anmutenden Weltsicht eines katholischen Komponisten. Da spukte wohl in jungen Jahren in seinem Kopf die Idee rum, daß wir es mit einer Erdenmutter besser haben würden als mit einem männlichen Gott.
 
- Wenn du “Hasta Siempre” von Carlos Puebla interpretierst, klingt die alte Utopie revolutionärer Ideale an. Und wo ist der Ausgang bei Federico Lorcas “Cancion De Julietta”, einem seltsam dunklen Text voller Weltferne? 
 
– Diese dunklen Träume sind nicht immer nur alptraumhaft, sie öffnen auch eine neue Landschaft aus verstörenden Bildern. Und das macht Lorca oft. Oft sind seine Motive gleichsam unter Wassser angesiedelt, in einem Leben unter der der Oberfläche des  Ozeans. Tief unten. Das spricht mich sehr an, denn diese Zonen stelle ich mir oft vor, seit der Zeit, in der mein Album Rock Bottom entstand. Mit meinem Geist scheine ich einmal dort gewesen zu sein, auf eine Weise, die ich nicht weiter erklären kann.  
 
 
 

 

Jetzt hat er es öffentlich verkündigt, nach “50 Jahren im Sattel” sei Schluss. Jüngst hat er sich den Fuss gebrochen, und weitere gesundheitliche Probleme (auch seiner Lebensgefährtin Alfie) haben diesen Entschluss bekräftigt. Für mich war Robert Wyatt seit meinen Teenagerjahren (“Moon In June”) ein Begleiter, ich habe seinen seltsam-feinen Gesang voller Politik, Surrealismen und existenziellem Stoff genauso geliebt wie viele seiner Arrangements: man konnte leicht heraushören, dass da stets der Jazz in ihm zirkulierte, wenn er seinen Liedern besondere Gewänder verpasste: an allen Moden vorbei, hat er das Kunststück fertig gebracht, das Politische und das Private ohne jede Aufgesetztheit zu verbinden: er hat immer Partei für die Opfer ergriffen. Er hat sich durch Traumwelten bewegt, deren Schrecken ganz real war. Als Einstieg kann es nie ein Fehler sein, mit ROCK BOTTOM zu beginnen. Simple as that. In diesem Monat wird eine Biographie erscheinen und eine Compilation. Einmal hat er auf einer Platte, die auf Carla Bleys Label erschien, die Texte der Bildergeschichten von Edward Gorey gelesen. Mehr gelesen als gesungen, glaube ich. Ein Nebenwerk, aber voller beiläufigem Zauber. Und Terje Rypdal spielte Gitarre. Jedes meiner Interviews mit ihm war eine grosse Freude. Ein  kluger und so bescheidener Mensch. We’re all living in “Cuckooland”. Und niemand sonst hat den alten, lang nicht mehr existierenden Jazzclubs des linken Seine-Ufers, ein so anrührendes Denkmal gesetzt. Es ist sehr traurig, nie mehr einen neuen Song von ihm hören zu können. Der Trost: dieses grosse, unerschöpfliche Reservoir von Liedern, die auf leisen Sohlen kommen und keinen Sättigungsgrad kennen. Da habe ich keine Wahl und werde in meiner nächsten “Radionacht Klanghorizonte” in der Abteilung “Zeitreise” ein Stück von ihm spielen, vielleicht “Team Spirit”. Und niemand anders als Robert Wyatt spielte das Klavier auf “Music For Airports”!

 

 
 
 

Another drone world. In parts. Daniel Lanois goes wild. With the volume turned low. Is “Drone Music” a new, rediscovered, or “never-really-off-the-scene”-topic of some creative upheaval anno 2014? Think of Scott Walker, Swans, “Lumen Drones” – and (in historic perspective) the reissue of “The Church of Anthrax”, this “hard-core-primitive-minimalism” of John Cale and Terry Riley (1971). The man from Ontario is diving deep into his non-Canadian roots and textures – on a work without songs and singing. And now the next surprise: this record is not really a close relative to the “golden age” of Mr. Lanois’ “ambient classics” he had created with Brian Eno in the Grand Avenue Studios in his old home in Hamilton (a long, long time ago). Only the track “Space Love” may draw some parallels to the “Apollo” dreamsphere with his pedal steel guitar singing softly, the instrument he loves to call “the church in my suitcase”. And if there is one other track that might be a heartfelt greeting to his old “compadre of strangeness”, it’s the haunted softness of “Iceland”. On nearly all the other compositions we seem to drift into a strange territory in the back of the artist’s mind. It may all appear like the ideal soundtrack for a town called Lonesome, where the streets have no names. The man who has produced U2, Peter Gabriel and other candidates for this nostalgia-driven “hall of fame”, keeps his most rewarding things for himself – and for the happy few who keep company. “Flesh & Machine” is quite an unsafe journey. Do yourself a favour and don’t believe in campfires anymore! 

“Let us not be strangers if we come to know / Things about each other that come and they go / As friendship is everything as love is to last / And I have my guard down, and love passes fast”.  Neil Young’s new record about lost and found love will raise eyebrows. Polemics will be on the agenda , as will be thumbs-down. And, no doubt about it, that eco-song is naive from start to end. On the other  hand (the one I take)  it is not so difficult to realize that an area of strong and often contrasting emotions push you into a zone where a 92-piece orchestra working within the parameters of old time-strings and some jazzy-brassy vibes can be more cathartic than hiding oneself in a wood of metaphors and some  guitar-feedback drones. Everybody has his Sinatra-moments. Young is able to let  some leftfield harshness enter the field. Well-hidden, yes, even cleaned up a bit too well  in ultra-conservative Hollywood string skies. Sometimes it makes you strangely vulnerable playing on safe ground. It just may seem a bit ridiculous and child-like. But, so what?  The fool dancing on the cliffs often  has a much more easy game with the audience. Neil Young – in all his career moves – never cared about his audience.  All in all, marginal, decent, fun, nothing essential, too many cars, preaching to the converted, precious moments, three stars. 

 
 
 

 

2014 28 Okt

Harmony Row

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Ich habe nur eine Lieblingsplatte von Jack Bruce. 1971 kaufte ich sie mir in Dortmund. Auf dem Cover sieht man den jungen Mann, der mit Cream zum Star avancierte, mit drei Kindern aus der Nachbarschaft. In einem abgewrackten Haus mit zerbrochenen Spiegeln. Da waren zwei, drei Lieblingslieder auf HARMONY ROW, auf die ich mich stets besonders freute. In meiner Erinnerung hatten einzelne Songs ein folkiges Flair, und alles war aus einem Guss. Ich glaube, Chris Spedding spielte Gitarre. Später mochte ich noch seine Zusammenarbeit mit Kip Hanrahan. Ich las erst gestern von seinem Tod. Die Platte habe ich schon lange verloren. Aber es gibt immer einen DJ, tief im Unterbewusstsein, der die Stoffe der Kindheit sichtet, und in wohldosierten Portionen, in die Träume schleust. Und gerade kommt mir eine Melodie des Albums in den Sinn, Jack Bruce und seine ungewohnt zärtliche Stimme. “Can you just follow”, oder was genau singt er da? Ich höre die Linienführung des Themas, aber bei den Wörtern irre ich mich wohl. Sie trudeln auseinander, ergeben keine Story mehr, nicht mal einen fertigen Satz. Aber die untrügliche Melodie berüht mich jetzt wie damals. R.I.P.

2014 28 Okt

Meine Lieblingsteetasse

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Ich habe “Gone Girl” in London gesehen, und es war hanebüchen: Szenen einer Ehe, vollkommen überkandidelter Plot, die letzten 20 Minuten sind so eine typische “Rosenkrieg-Varante”, wie sie wahrscheinlich nur in den Verklemmungen Amerikas gedeihen können, wo Präsidenten, Golfstars und andere Sternchen im Blitzlichtgewitter der Medien öffentliche Busse tun für sexuelle Verfehlungen. Haarsträubend überzogener Thrillerunsinn. Da freue ich mich doch auf den kleinen Bären, der demnächst in “Paddington” rumläuft. Wenn ein Leser diesen Film oder das Buch mit diesem hochgradig anstrengenden, narzisstisch gestörten, und extrem unsympathischen Ehepaar incl. kühl geplantem Blutrausch besonders gelungen findet, bitte ich um Mitteilung.  Brilliant dagegen anno 2014:  Fargo (Season 1), True Detective (Season 1), Longmire (Season 3). The Longmyre Mystery Series by Craig Johnson (nine books). Cold In July (thriller, based on a novel by Joe R. Lansdale), “Frank”, “Locke” (im “Deutschen” typisch doof  betitelt: “No Return”). “Broadchurch” immer noch nicht im deutschen TV. Und vergessen Sie nicht, beim Buchhändler Ihres Vertrauens ein paar Seiten zur stöbern in Christopher Brookmyres “Angriff der unsinkbaren Gummienten”.  Das wird immer als Scherz meinerseits abgetan, wenn ich mit tiefernster Miene dieses Buch Ins Spiel bringe. Die Menschen um mich herum lesen alle eine anderes Tierbuch, “Der Distelfink”. Im Dezember kommt der Film mit dem netten kleinen Bären, der in London ein Hotel bezieht. Es muss ja nicht immer “film noir” sein:)

Nichts ist so uninteressant wie “small talk” mit sog. “guten Bekannten”. Man bespricht die neuesten Diäten, die schönsten Reiseziele, man hält den Alltag stabil, und folgt den gut geübten Regularien der Vernunft. Man will ja keinem was Böses, stolpert natürlich ständig über die allseits grassierende Dummheit, und kann aufatmen, weil es mit einem selbst nicht ganz so weit bergab gegangen ist. Am Ende steht sowieso ein “Schachmatt”, und wer an Gott glaubt, der kann sich auf die nächste Schachpartie im Jenseits freuen. Nur blöd, dass im Hintergrund womöglich diese himmlischen Engelschöre rasch den Wunsch wach werden lassen, “Napalm Death” würden doch noch eine Platte aufnehmen, oder die “Butthole Surfers”, oder wenigstens die “Dead Kennedys”.

Was mich wirklich krank machen würde: Richard Wagner im Paradies hören zu müssen. Neulich traf ich einen erhitzten Kulturkenner, der sich entrüstete, wie ich Mahler lieben und Wagner ablehnen könnte. Der hielt mir dann einen zweiminütigen Vortrag über die Qualitäten dieses Komponisten, bis ich ihn ausbremste und ihm sagte, ich brauche keine Vorträge, sondern einen Teller Gulaschsuppe, und er solle das doch bitte alles seinem Kanarienvogel erzählen. Menschen richten sich gerne in ihrem Wissen und ihrem Status und ihrem Ruf und ihrem wacker trainierten Selbstwertgefühl ein, statt ihr eigenes Unwissen, ihr Stochern im Dunkeln viel höher zu schätzen.

Als ich an der “praia de la costelejo” beim Baden in akute Lebensgefahr geriet, hatte ich das Pech, dass meine Hilfeschreie durch den Wind nur zum Meer hinausgetragen wurden: die Schreie waren der ehrlichste Ausdruck meiner Hilflosigkeit, und nur mein elendiges Strampeln und Stolpern liessen einen Strandwärter aufmerksam werden. Wochen später, nachdem die unzähligen Schürfwunden verheilt waren, hatte ich noch eine Rechnung mit der Küste offen. Ich hatte einen einsamen Entschluss gefasst, und bin nach Faro geflogen. Die dritte Wellenzone tötet dich, da hast du kaum eine Chance. Ich besorgte mir ein Nachtsichtgerät, so dass ich die Gischt auf mich zurasen sehen konnte, und im Totentanz eine gute Figur abgeben. Der Neoprenanzug sorgte dafür, dass ich nicht fror, Manuel hatte mich mit einem Boot zur Wellenzone III gefahren, der Todeszone, und ich sagte ihm, er solle nach Hause fahren zu seiner Frau, und wünschte ihm von Herzen, dass er guten Sex mit seiner Liebsten habe. Ich würde mir hier eine Meeresjungfrau suchen. Ich gab ihm 1500 Euro für die Ausrüstung. Fünf Minuten war der Tanz eine seltsame Exstase, dann brannte im Nachtsichtgerät eine Sicherung durch, und es wurde rabenschwarz. Im nächsten Moment erwischte mich eine Welle und riss mich ins Meer.

Ich verlor das Bewusstsein, und wachte in einem Kinosaal auf. Kein Wagner, keine nervenden Engel, Werbung für Volkswagen. Dieser Nick Drake-Song, ich musste lachen. Neben mir sass ein seltsamer Dorfdichter, und erzählte mir, er sei in der Stimmung, sich zu prügeln. Der nächste Idiot. War ich vielleicht doch in einem dieser Danteschen Höllenkreise angekommen? Dann lief dieser gnadenlos gute Film der Coen-Brüder, “Inside Llewyn Davies”, die wahre, an den Rändern frei erzählte Story eines talentierten Folksängers, der einfach nie ins grosse Rampenlicht finden konnte, ein Schattenmann neben Bob Dylan. Kaum war der Film zuende, zeterte der Kulturarbeiter neben mir lauthals los: er wolle sein Geld wieder, das sei ja völlig depressives Zeug. Keine Spur von Respekt für die Zuschauer, die den Film im Abspann nachwirken lassen wollten; dieser streitsüchtige Spinner geriet jetzt erst in Hochform. Ich erinnerte mich daran, wie ich in diesem Jahr auf einer Autobahnraststätte einem osteuropäischen Lastwagenfahrer, der mich mit seinem Laster kilometerlang terrorisiert hatte, das Nasenbein gebrochen hatte (meine erste Prügelei seit gut zwei Jahrzehnten), und ich dachte, ob ich jetzt eine kleine Persönlichkeitsveränderung durchlaufe. Und den Schläger in mir rauslasse. Ich atmete tief durch, und sagte dem Clown, dass er seine dumme Fresse halten solle. Er stotterte etwas rum, und war dann still. Mit was für einer Scheisse man sich mitunter abgeben muss!

Gut tun mir nur noch Menschen, mit denen man Pferde stehlen kann. Menschen, zu denen man zu jeder Tages- und Nachtzeit eilen würde, um ihnen in jedweder Not beizustehen. Verlässliche Menschen, keine Untoten, die in den Rotary-Clubs dieser Welt ihren Bauchnabel einpinseln. Dieses sich selbst so gern belauschende Strandgut der “wilden Sechziger”. Niemand braucht Zeitvertreiber und Energieräuber. In der Nacht, als ich mit viel Glück meinem Aggressor eine massiv blutende Nasenfraktur beigefügt hatte (ohne den Schlag mit meiner Autotür vor sein Gesicht wäre ich wohl zu Gemüse verarbeitet worden!), bin ich auf der A 45 auf den nächsten Rastplatz gefahren (im Radio lief während dieser Nacht fünf Stunden lang das traurig-erhabene Abschiedsalbum “Distance” von Dan Michaelson & The Coastguards, was für ein Soundtrack!). Ich war der einzige Gast, die junge Frau hinter dem Ausschank eine Fremde (“small talk” mit Fremden kann guttun).

Als ich zum Auto zurückging, sagte ein Mann (Typ: Staubsaugerverkäufer, verklemmt) einer Frau, sie möge sich verpissen, und er nannte sie “Fotze”. Ich ging zu den Beiden und fragte, was los sei. Sie habe dem Freier einen geblasen, und er wolle ihr nicht die 50 Euro geben. “Nein, weil diese Schlampe zu schnell gemacht hat, und ich sofort gekommen bin.” Ein Widerling reinsten Wassers. Und ich spielte das Spiel. Ich fingierte einen Anruf auf dem Revier, sagte Herbert, wir hätten hier am Rastplatz Sowieso einen Acht-Dreier, ich würde das deeskalieren, wenn sie in zehn Minuten nichts von mir hören würden, sollten sie die Kavallerie schicken, und dann gab ich dem fiktiven Kollegen noch die Autonummer durch. Der Mann war klein mit Hut und befolgte meine Anweisungen, eine nach der andern: er entschuldigte sich, zahlte, auf meine Aufforderung hin, für sein schlechtes Benehmen 100 statt 50 Euro, und trollte sich. Als er weg war, sagte ich der Freizeitprostituierten, sie möge ihren Lebensplan noch mal überdenken, und fuhr los. Road to nowhere. So ist es doch: man kann die eingeschliffene Routine bis zur letzten Morphiumspritze auskosten, oder sich an den den guten alten Neil Young-Song erinnern, mit den Zeilen: “it’s better to burn out than to fade away”. Ich habe mir gestern eine Reiseführer für Wales besorgt. Wales im späten November. Das ist jetzt der Plan. Bis ans Ende der Nacht fahren. Mit meinem Toyoten. Allein.


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