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Martina Weber: Gerade ist dein vierter Roman mit dem Titel „Bevor die Welt unterging“ erschienen. In deinen bisherigen Romanen waren deine Hauptfiguren junge Frauen in ihren Dreißigern. Nun hast du einen Roman über das Erwachsenwerden in den 1980er Jahren geschrieben. Deine Protagonistin Judith wächst in einem behüteten Elternhaus in einer nicht genannten mitteldeutschen Kleinstadt auf. Die Mutter ist Hausfrau, der Vater ist Manager und arbeitet in der chemischen Industrie. Das Buch beginnt an Silvester 1979, Judith ist zu diesem Zeitpunkt 13 Jahre alt, und es endet zehn Jahre später mit dem Fall der Mauer, dem Ende des Kalten Krieges. Was hat dich daran gereizt, dich mit den 80ern zu beschäftigen? Und warum gerade jetzt?

 

Kirstin Breitenfellner: Die Jugend, das Alter zwischen 15 und 25, ist die Zeit, in der man alles zum ersten Mal bewusst erlebt und die deswegen auch die prägendsten Erinnerungen hinterlässt. Die 1980er Jahre waren für mich allerdings ein, wie ich es auch im Roman nenne, „bleiernes Jahrzehnt“, das ich am liebsten vergessen hätte. Kalter Krieg, atomare Bedrohung, Waldsterben, Aids und schließlich der Reaktorunfall von Tschernobyl waren die dominierenden Themen. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte sagten Wissenschaftler und nicht Theologen den Weltuntergang voraus. Wenn ich heute apokalyptische Prognosen – Stichwort Klimawandel – höre, erinnert mich das an diese Zeit. Zugleich merke ich, dass ich sie emotional nicht mehr so stark an mich heranlasse wie damals. Denn die Welt ist nicht untergegangen. Auch, weil etwas gegen das Waldsterben etc. unternommen wurde. Ich kann mir aber vorstellen, dass diese Prognosen die heutige Jugend genauso ungeschützt treffen wie mich damals. Deswegen habe ich beim Schreiben nicht nur an meine eigene Generation gedacht, sondern auch an die jungen Menschen von heute. „Es kommt nicht immer alles so, wie man denkt“, lautete eine Arbeitshypothese beim Schreiben. „Aber das bedeutet nicht, dass man nichts tun muss“, die zweite.

 

Martina Weber: Deine Protagonistin Judith ist eine sehr reflektierte Person. Sie schreibt Tagebuch, sie beobachtet ihre Umgebung und ist darauf bedacht, sich fundierte Meinungen zu bilden und aufgrund dessen ihr Leben zu gestalten. Sie liest außerhalb der Schule Sachbücher, zum Beispiel über den Nationalsozialismus, sie liest die Schriften von Hoimar von Ditfurth, sie informiert sich über die Folgen eines Atomkrieges. Du zitierst zwei Zeilen aus dem Song „Forever young“ von Alphaville: „Are you gonna drop the bomb or not?“ Ein Satz in Großbuchstaben aus Judiths Tagebuch vom 1.9.1982 lautet: „Das ist es, was mich bedrückt: die Angst, ZU WENIG ZEIT ZU HABEN ZU LEBEN.“ Einige meiner Mitautoren hier auf dem Blog und meine einzige Mitautorin haben die 1970er Jahre als Jugendliche oder junge Erwachsene erlebt, sie schwärmen jetzt noch davon, dass es die beste Zeit ihres Lebens war. Die 1970er Jahre erweiterten, auch musikalisch, die Pforten der Wahrnehmung, plötzlich schien so vieles möglich zu sein, ein Freiheitsgefühl. Die 1980er waren dagegen für Jugendliche eine bedrückende Zeit. 

 

Kirstin Breitenfellner: Bis zu den 1970er Jahren glaubten alle an den Fortschritt. Die Konservativen meinten damit das Wirtschaftswachstum, die Jugendlichen, die rebellierten, den gesellschaftlichen Fortschritt hin zu mehr Offenheit, Toleranz, Freiheit, dazu die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Sie waren von sich selbst überzeugt. Die jungen Erwachsenen der 1970er wurden unsere Lehrer. Sie kritisierten alles, waren aber selbst immun gegen Kritik. Das waren wir nicht mehr. Wir hatten Zweifel. Sie hatten ihren Spaß gehabt in der sexuellen Befreiung. Wir hatten Aids. In den 1980ern gab fand ein gesellschaftspolitischer „Backlash“ hin zu mehr Biederkeit statt. In meinem Jahrgang gab es an unserer Schule kaum mehr kritische Jugendliche, dafür umso mehr „Popper“, die auf Angepasstheit und Konsum setzten. Zum ersten Mal seit Kriegsende stagnierte das Wirtschaftswachstum. Und Jugendliche bekamen auf einmal zu hören, dass sie keine Zukunft auf dem Arbeitsmarkt hätten. „No Future“ wurde zum Slogan. Auch darin sehe ich eine Parallele zur heutigen Jugend.

In der Politik standen sich zwei Blöcke, West und Ost, unversöhnlich gegenüber und bedrohten sich mit dem atomaren „Overkill“. Dazu kam die angesagte ökologische Apokalypse. In Zeitungen wurde vorgerechnet, dass der Wald in weniger als fünf Jahren „tot“ sein würde – also, bevor das unser eigenes Leben angefangen haben würde. Deswegen die Angst, zu wenig Zeit zu haben zu leben. Und die Wut auf diejenigen, die das verbockt hatten: die Eltern, Lehrer, Politiker. Es war die Zeit der dunklen Gurus wie Hoimar von Ditfurth, mit dessen Schriften ich mich im Roman auseinandersetze, weil er nicht nur Angst und Schrecken verbreitete, sondern die Menschen auch wachrüttelte, jetzt etwas dagegen zu unternehmen. Der Treibhauseffekt, wie der Klimawandel genannt wurde, war damals schon ein Thema. Er ist heute aktueller denn je.

Trotzdem ist es uns damals auch gelungen, unsere Jugend zu genießen, mit Partys, Reisen, Liebesbeziehungen, harmlosem Unsinntreiben und Aufbegehren – zumindest zwischendurch …

 

Martina Weber: Auch wenn deine Hauptfigur Judith eine eigenständige Persönlichkeit ist, gibt es gewisse Parallelen zu deinem Leben, zum Beispiel was das Geburtsjahr und die Wohngegend angeht. Da hast du dich für die Recherchen sicherlich auch auf eine Zeitreise in deine eigene Jugend begeben… Welche Erfahrungen hast du beim Recherchieren und beim Schreiben des Buches gemacht? Was hat dich am meisten überrascht bei der Auseinandersetzung mit dieser Zeit?

 

Kirstin Breitenfellner: Das Setting, die Atmosphäre und das Erfahrungssubstrat des Romans sind tatsächlich autobiografisch, aber nicht seine Figuren und seine Handlung. Die Recherchen dafür waren für mich eine zweischneidige Erfahrung, zwischen Nostalgie und Entsetzen. Ich habe mir Filme der Zeit angeschaut, Musik gehört, Zeitungen gelesen, einen Artikel anlässlich des 30-jährigen Jubiläums des Reaktorunfalls von Tschernobyl geschrieben. Und ich habe dafür sogar meine alten Tagebücher durchforstet. Das war schwer, weil man dem damaligen, verzweifelten Ich ja nicht helfen kann durch das heutige Wissen, die gewonnene Lebenserfahrung. Deswegen habe ich dem Roman ein Zitat von Charlie Chaplin vorangestellt: „Die Jugend wäre eine schönere Zeit, wenn sie erst später im Leben käme.“ Wenn man jung ist, will man mit dem Kopf durch die Wand. Alle Probleme auf einmal lösen, ohne Kompromisse. Aber man glaubt auch vieles, was einem erzählt wird. Ich jedenfalls habe alles geglaubt. Überrascht hat mich beim Wiedersehen der Filme und vor allem beim Wiederhören der Musik der Zeit, wie präsent diese Weltuntergangsangst in der Populärkultur war. Von Nenas „99 Luftballons“ bis zu „Forever young“ von Alphaville, wo es darum ging, dass man immer jung bleiben würde, weil man wegen der Atombombe früh sterben würde. Aber auch, wie schnell die Weltuntergangsverzweiflung wieder in einen ganz normalen jugendlichen Hedonismus kippen konnte. Man kann ja schnell vergessen und ist noch so leicht beeindruckbar und begeisterungsfähig in diesem Alter.

 

Martina Weber: Dein Roman hat vier Kapitel, eins aus dem Jahr 1980, es folgen Kapitel der Jahre 1982, 1984 und 1986. Es gibt ein Vorspiel (Silvester 1979) und einen längeren Epilog, das Jahr 1989. Obwohl Judith die Hauptfigur ist und es um ihre Perspektive geht, hast du dich für eine auktoriale Erzählstimme entschieden, also für eine allwissende Erzählerin. Deutlich wird dies zum Beispiel in Passagen wie dieser, aus dem Kapitel 1986, ich zitiere diese Passage ganz, weil sie mir sehr wichtig zu sein scheint, geradezu eine Schlüsselstelle des Romans: „Was Judith damals noch nicht ahnen konnte: dass die, die sich gegen die Gesellschaft zu wehren gewohnt waren, es verlernten, sich gegen sich selbst zu wehren. Dass das ihr größter Denkfehler war. Dass sie sich die Wahrheit über sich selbst nicht eingestanden und auch nicht die über den Menschen. Es gab sie nicht, die Guten, die von der bösen Gesellschaft verdorben wurden, denn sie alle waren die Gesellschaft.“ Warum hast du die auktoriale Erzählperspektive gewählt? Dazu gehört vermutlich auch, dass du im Nachspann skizzierst, was aus den im Roman erwähnten Figuren geworden ist, vor allem aus den Mitgliedern der Kleinstadtclique.

 

Kirstin Breitenfellner: Der Roman ist, wenn man so will, ein Prequel zu meinem ersten Roman, der wie so viele in der Schublade liegt, weil die Perspektive nicht gestimmt hat. Die Erzählstimme war nicht genügend von jener der immer noch jugendlichen Protagonistin zu unterscheiden. Die Jugend ist aber eine schreckliche Zeit, weil man so naiv ist und gleichzeitig so herrisch auftritt. (Die Helden von Dostojewskij, allesamt Terroristen in Gedanken oder Werken, sind alle 23, die heutigen Selbstmordattentäter mehrheitlich zwischen 18 und 23 Jahren alt.) Dieses Bewusstsein wollte ich den Lesern nicht ungefiltert zumuten.

Es ging mir um die Frage, warum man die Vergangenheit, in diesem Fall die 1980er Jahre, ganz anders versteht, wenn man weiß, wie sie „ausgegangen“ ist. Es hat mich gereizt, diese Diskrepanz, die auf jedes Leben zutrifft, das man nicht begreift, solange man mittendrin steckt, literarisch darzustellen.

In dem angesprochenen Zitat geht es um die Naivität, mit der wir „kritischen“ Jugendlichen glaubten, dass alles gut werden würde, wenn nur alle so wären wie wir. Dabei kamen schon zu den ersten Festen der Grünen die meisten mit dem Auto. Denn sie hatten ja jemanden, der schuld war, der böse war: die Gesellschaft, die Industrie, die Bosse … Der Denkfehler vieler eingefleischter Linker und auch der Päpste der Political Correctness von heute besteht darin, immer dem System die Schuld zu geben (dem Kapitalismus, heute in einer neoliberal genannten Erscheinungsform) und zu glauben oder zu suggerieren, dass, wenn man das nur System ändern könnte, alles gut werden würde.

Dem liegt die falsche Annahme zugrunde, dass der Mensch gut wäre, wenn er in einem anderen „System“ leben würde, wenn die, die ein besseres System verhinderten, nicht mehr da wären. Aber der Mensch ist nicht (nur) gut. Er kann mit seiner Gier und Neigung zu Rivalitäten jedes System korrumpieren, wie es zuletzt die Geschichte des real existierenden Kommunismus gezeigt hat. Wer sich weigert, diese Realität anzuerkennen, strebt nach einem Ideal, einer Utopie. Wenn diese nicht eintritt, sucht man nach Schuldigen, es wird Gewalt oder zumindest moralischer Druck ausgeübt, und sei es „nur“ in virtueller in Form von Shitstorms im Internet.

„Die Gesellschaft“ ist ein Abstraktum, sie zu beschuldigen tut niemandem weh, bringt aber auch nichts. Deswegen müssen dann immer irgendwann konkrete Sündenböcke her. Denn irgendjemand muss ja schuld sein – das System, die Konservativen, die Reichen. Nur nicht wir selbst.

 

Martina Weber: Angenommen, du könntest eine Zeitmaschine betreten und entscheiden, in welchem Jahr du geboren worden wärst oder geboren wirst. Würdest du lieber einer anderen Generation angehören, in einem anderen Jahr oder einem anderen Jahrzehnt oder womöglich in einem anderen Jahrhundert geboren worden sein?

 

Kirstin Breitenfellner: Eine interessante Frage, die ich mir beim Schreiben so nicht gestellt habe. Was die Zukunft bringen wird, weiß ich nicht. Deswegen kann ich mir kaum wünschen, darin zu leben. Als Frau kann man sich ja kaum wünschen, in früheren Jahrhunderten geboren worden zu sein. Ich war auch immer froh, nicht während des Nationalsozialismus gelebt zu haben. Als meine Protagonistin Judith mit ihrer Freundin Ella den Wissenschaftspublizisten Diethelm von Dillingen (alias Hoimar von Ditfiurth) bei einer Lesung trifft, wird ihr klar, dass es noch viel schwerere Zeiten gab, um jung zu sein.

Als Jugendliche hatte ich allerdings schon manchmal das Gefühl, ein bisschen zu spät gekommen zu sein, sagen wir ein, zwei Jahrzehnte. Die große Party der Befreiung war vorbei, und selbst die Natur, die zuerst bedroht war und nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl selbst zur Bedrohung wurde, bildete keinen Zufluchtsort mehr. Das Beste an den 1980ern waren ja ihr Ende, das bewiesen hat, dass es in der Weltgeschichte auch eine Zeitlang bergauf gehen kann … Und ich war damals nicht zu alt, um meine Jugend nachzuholen!

Website von Kirstin Breitenfellner:

https://www.kirstinbreitenfellner.at/

Foto: Ingrid Götz

Ich möchte mit einem Experiment beginnen: Denken Sie an ein Kunstwerk – an ein Stück Literatur oder Musik zum Beispiel -, das historisch betrachtet möglichst alt ist, von dessen Urheber Sie jedoch eine bildliche Vorstellung haben, vielleicht eine Büste von Plato oder ein Gemälde, das Mozart zeigt. Beeinflusst das Bild des Künstlers Ihre Rezeption des Kunstwerks? In seinem Essay „Edges and Center“ aus dem Jahr 1996 hat Brian Eno das Diagramm einer Pop-Platte mit den Schichten einer Zwiebel verglichen: Nur aus Bequemlichkeit, schreibt er, deponiert er im Zentrum die Musik selbst, dann kommen die Texte, dann der Look der Band, die Modelandschaft, der Lifestyle und die Geschichten. Wo liegen die Grenzen des Kunstwerks? Die Hochkultur beansprucht, reiner Inhalt zu sein. Das zentrale Spiel der Popkultur dreht sich hingegen um die Frage: „Wer könnte ich sonst noch sein?“ Der schöpferische Akt der Fotografie ist die Entscheidung, welche Art von Lüge man zeigen will, in den Nuancen von Licht. Brian Eno hat seinen Essay in mehreren Büchern mit Künstlerportraits von Anton Corbijn publiziert, zum Beispiel in dem faszinierenden Band „Anton Corbijn: everybody hurts“. Hier finden sich Portraits, meist von Musikern, aus einer Zeitspanne, die Mitte der 70er Jahre beginnt und bis über die Jahrtausendwende reicht. David Bowie, Joe Cocker, Ian McCullough, Iggy Pop, Jon Bon Jove, Keith Richards (mit Shelfie! Wenn Sie den Begriff nicht kennen, geben Sie ihn bei der Manafonistas-Suchfunktion ein.) Eno erzählt auch von Corbijns Tricks. Wie der Fotograf es schafft, dass jemand bereit ist, sich versuchsweise zum Volltrottel zu machen. Die Portraits wirken nicht nur auf das Publikum, sondern auch auf die Portraitierten zurück. Alan Bangs schrieb in einem Essay „Splendid Isolation“, der sich ebenfalls in dem genannten Buch findet, Corbijn sei davon überzeugt, seine Aufnahmen von Depeche Mode hätten der Musik eine neue Richtung und ihr mehr Tiefe gegeben.

Der Anspruch, mit der Fotografie die Wirklichkeit abzubilden, wurde bereits während des Ersten Weltkriegs aufgegeben. Im Jahr 1917 reiste der Kriegsfotograf Frank Hurley an die Westfront, um das Geschehen dokumentarisch und möglichst unvoreingenommen festzuhalten. Der Erste Weltkrieg war jedoch der erste technisierte Krieg und das Schlachtfeld sah anders aus als in den Kriegen zuvor. „Ich habe immer wieder versucht, Ereignisse auf ein einziges Negativ zu bringen“,  schreibt Hurley in sein Tagebuch, „aber die Ergebnisse waren hoffnungslos. (…) Die Personen zerstreut, die Atmosphäre mit Rauch dicht erfüllt – Granaten, die einfach nicht explodieren, wenn man sie braucht. (…) Die Schlacht ist in vollem Gang, aber wenn ich meine Platten entwickle (…) Ich finde nichts als die Aufnahmen von ein paar aus den Gräben stürmenden Gestalten und einen Hintergrund aus Dunst. Nichts könnte einer Schlacht unähnlicher sein.“ Hurley fertigte die ersten Montagen in der Geschichte der Fotografie an, indem er in der Dunkelkammer mehrere Negative zu einem Abzug kombinierte. Diese Methode nannte er „composite printing“. Hurleys bekanntestes Bild setzt sich aus zwölf Negativen zusammen, die er im Oktober 1917 bei Zonnebeke aufgenommen hat. Es ist, wie die Fotografien Anton Corbijns, Teil des kollektiven Gedächtnisses.

2017 28 Aug

Welche Art Ankunft?

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Vor zehn Jahren gründete Julietta Fix das literarische Onlineportal fixpoetry.com, um vor allem der Lyrik einen Raum im Internet zu bieten. Gedichte, Rezensionen zu Neuerscheinungen, vor allem solchen in kleineren Verlagen, Grafiken, Poesieplakate (sogenannte Poetryletter), Interviews, Essays, aktuelle Meldungen und andere Rubriken (wie zum Beispiel das literarische Selbstgespräch, ein Interview ohne Fragen) runden das Angebot ab. Angela Gutzeit vom Büchermarkt des Deutschlandfunks führte mit Julietta Fix ein Interview über deren Arbeit, das Sie hier hören können. Julietta Fix, die das Portal von Hamburg aus betreibt, spricht darüber, was ein Online-Literaturportal im besten Fall leisten muss, welches Profil sie entwickelt hat und was sie heute anders machen würde. Heute ist mein Gedicht „Welche Art Ankunft?“ Gedicht des Tages. Sie können es auf der Startseite von Fixpoetry lesen und später hier.

 

2017 27 Aug

This time is yours

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Ich hätte die Platte im Jahr 1994 entdecken können, als sie veröffentlicht wurde, oder im Jahr 2005, als ich über Michaels Sendung auf Bark Psychosis aufmerksam wurde, aber nun war der Anlass der, dass ich, angeregt durch Michaels Hinweis auf die Wiederveröffentlichung ihres ersten Albums, Hex, eine alte Kassettenaufnahme hörte und zu recherchieren begann. Bei Independency, meiner vermutlich liebsten Platten von Bark Psychosis, handelt es sich genau gesagt nicht um ein Album, sondern um eine Compilation, eine Zusammenstellung von 8 EPs der Jahre 1989 bis 1992. Die ist so dynamisch und das Sequencing so überzeugend wie auf einem durchkomponierten Album. Die Band, die sich im Jahr 1986 im östlichen London formierte, legt großen Wert darauf, sich von Veröffentlichung zu Veröffentlichung musikalisch weiterzuentwickeln, und findet ihren Stil zwischen Post-Rock, Post-Punk, Psychodelik, Minimalismus, introvertiertem Indie-Rock und Cooljazz. Als frühe Einflüsse werden Talk Talk, Sonic Youth und Joy Division erwähnt. Graham Sutton, Jahrgang 1972, ist von solchem Schubladendenken nicht begeistert. „Sometimes people compare us to Pink Floyd, and they are just a muso thing. I´m more interested in feeling, really.“ Die Fotografie der drei Telefonzellen stammt für uns heute wie aus einer fremd gewordenen elektronischen Epoche. Es ist nicht das Coverbild von „Independency“, sondern das Foto hinter dem Cover im Booklet. Ich weiß nicht, warum der Name der Band auf dem Cover in kyrillischer Schrift gedruckt wurde, es handelt sich nicht um eine russische Kopie. Das Cover zeigt die Ecke eines Raumes, der aufgrund der russischen Schriftzeichen in einem Hotel in Moskau verortet sein könnte, ein Wartebereich. (Eine versteckte politische Botschaft?) Die Gardinen reichen weiß bis zum Fußboden, sind zugezogen, draußen ist es hell auf eine unbestimmte Art, die orangefarbenen schlichten Vorhänge sind vor den Fernseher gezogen, der angeschaltet ist. Als ob jemand das Gegenlicht der Sonne dämmen wollte. Das Bild im Fernsehgerät zeigt einen Mann im Halbprofil, der mir aufgrund seiner Statur eher älter zu sein scheint, die Arme in Brusthöhe, steht er an einem Pult und hält eine Rede? Ist es ein Blick von außen durch ein Fenster in einen Raum, der aussieht, als wäre es kein geschlossener Raum, sondern Teil der Öffentlichkeit? Je genauer ich hinschaue, umso unschärfer und interpretierbarer wird die Szenerie. Scum ist der letzte Track der Compilation, mehr als 21 Minuten lang. Diejenigen, die „The Affair“ gesehen haben, werden sich vielleicht an den Song erinnern, der – in der 3. Staffel, meine ich – in einem New Yorker Club nachts ausgelassen von den Gästen gesungen wurde, als verkündet wurde, dass aufgrund des Starkregens alle Straßen gesperrt sind, dass eine Nacht im Club bevorsteht. We are the American Scum. „Scum“ scheint mir hier eine andere Bedeutung zu haben als bei Bark Psychosis. Zwischen Abschaum und Schaum changieren die Übersetzungsvorschläge. Die EP Scum von Bark Psychosis ist ein improvisiertes Ambientwerk, das live in einer Kirche aufgenommen wurde, ein wunderbares Stück mit großer Raumwirkung, da sind die Drums, die noise-guitar, es ist spacig, leicht und von einer inneren Dynamik getragen. Ein paar Sätze werden eingestreut, Gesprächsfetzen, wie dahingesagt, so wie Marc Nelsen es in den großartigen Alben von Labradford zu tun pflegt. „It´s probably the most spontaneous record we´ve put out“, sagte Graham Sutton. It´s all about you. It´s all around you.

 
 
 

 

Einige Elementarteilchen können nicht

allein existieren, sagt meine Tischnachbarin.

Niemand widerspricht. Gespräche über Physik

sind eher selten. An der Schattengrenze

sitzen wir im Freien. Speisen und Getränke.

Pasta und Politik. Alle reden. Ich schweige,

denke über Sprache nach. Im Duden steht

Freund hinter freuen, wörtlich: froh machen.

Vriundin sagten Frauen zur Zeit der Zauber-

sprüche zu einer Vertrauten, zu einer,

deren Nähe sie suchten. Ich lehne mich zurück.

Schaue in die Runde. Bitte um etwas Brot.

 

Aus: Barbara Zeizinger – Wenn ich geblieben wäre. Gedichte. Pop Verlag Ludwigsburg 2017
 
 
 

 
 
 

Martina Weber: Dein Gedicht „Einige Elementarteilchen können nicht“ ist das letzte Gedicht deines vierten Gedichtbandes, der in diesem Frühjahr erschien. Da sitzen Leute in einer Runde zum Essen am Tisch, der Anlass bleibt offen und spielt keine Rolle. Das lyrische Ich fühlt sich isoliert, schweift mit seinen Gedanken ab, denkt über den Begriff der Freundin nach und versucht, sich durch eine förmliche Bitte wieder in die Gruppe einzubringen. Es fasziniert mich, wie in diesem Text die Einsamkeit spürbar gemacht wird. Während die Tischnachbarin eine Information aus der Physik in die Runde wirft, denkt das lyrische Ich im Prinzip über das gleiche Phänomen nach, aber auf der begriffsgeschichtlichen Ebene. Ich finde es auch witzig, wie hier mit dem Vorurteil bzw. der Erfahrung, dass sich kaum jemand freiwillig außerhalb der Schule mit Physik beschäftigt und welcher Respekt den angeblich so wertneutralen Naturwissenschaften entgegengebracht wird, gespielt wird. Die Bitte um „etwas Brot“ hebt das Gedicht auf eine metaphysische und symbolhafte Ebene. Brot ist existenziell, die Bitte um Brot kann man niemandem abschlagen. Assoziationen ans Abendmahl flackern auf. Es kann sein, dass die Bitte, die das lyrische Ich äußert, ein paar Höflichkeitssätze auslöst, ein kurzes Geplauder. Grundsätzlich aber scheint es ein verpatzter Abend zu sein. Die Einsamkeit, die in Gegenwart anderer so viel stärker wirkt als allein, ist, denke ich, eine menschliche Urerfahrung. Ich will gar nicht erst damit anfangen, darüber nachzudenken, wie mich diese Erfahrung in meinem Leben begleitet hat, wenn ich mich, vor allem als Kind, unfreiwillig in Tischrunden fand und mich möglichst schnell herausgemogelt habe. Physikalische Erkenntnisse übrigens tauchen dann doch in weiteren deiner Gedichte auf.

 

Barbara Zeizinger: Das Gedicht ist das letzte eines Zyklus‘, in dem ich mich mit den unterschiedlichen Bedeutungen des Wortes „Aufgehoben“ beschäftige, und behandelt den Aspekt „sich aufgehoben fühlen“. Das lyrische Ich klinkt sich hier aus dem gemeinsamen Gespräch aus, hängt eigenen Gedanken nach, obwohl es zwischen Freunden sitzt.

Vielleicht ist das Gedicht etwas unfreiwillig typisch für viele andere in diesem Gedichtband, die sich mit dem beschäftigen, das du Einsamkeit nennst und wofür es zahlreiche Gründe gibt. Das erste Kapitel „Die Zeit dazwischen“ habe ich mehr oder weniger geschrieben, während ich mein Elternhaus ausräumen musste. Und ehe man sich versieht, kommen längst begraben geglaubte Erinnerungen hoch und man ist wieder das Kind, das auf Familienfotos in der letzten Reihe steht.

 

Martina Weber: Die Methode, die du bei deinem Gedicht „Einige Elementarteilchen können nicht“, anwendest, ist symptomatisch für deine anderen Gedichte: Die Themen sind oft unspektakulär, aus dem Alltag gegriffen, Begegnungen mit Fremden oder innerhalb der Familie zwischen Gefühlen von Zweifel, Nähe und Distanz, Rückblick auf das Leben, die Kindheit, Einblendung politischer Beobachtungen, Empfindungen nach dem Besuch einer Kunstausstellung, Reisen, der Fund einer Puppe ohne Arme am Strand. Die große Stärke deiner Gedichte sehe ich darin, wie es dir immer wieder gelingt, diese scheinbar so auf der Straße herumliegenden Themen durch einprägsame Bilder und Metaphern und Gedanken auf eine andere Ebene zu hieven, dorthin, wo sie etwas Grundsätzliches bekommen und im Lesenden immer wieder eigene Erinnerungen auslösen. Eine Prise Magie. Namedropping: Bloch, Dante, Hemingway. Gerhard Richter. Dies alles wirkt unangestrengt und leicht. Gibt es für dich eine typische Methode, wie du beim Schreiben von Gedichten vorgehst? Welche Art von Notizen machst du dir, bevor du Gedichte schreibst?

 

Barbara Zeizinger: Eine eindeutig typische Methode habe ich eigentlich nicht, weil die Ausgangspunkte, die zu einem Gedicht führen ganz unterschiedlich sind. Bei dem Zyklus „“Grundton Büchner habe ich mich beispielsweise gefragt, welche Assoziationen Büchner-Zitate bei mir auslösen, das Gedicht „Lucy in the Sky“ ist von einem Zeitungsartikel in der Frankfurter Rundschau inspiriert, in dem der Wissenschaftler beschrieben hat, dass diese Lucy genannte Urfrau wahrscheinlich deshalb gestorben ist, weil sie nicht mehr richtig klettern konnte und vom Baum abgestürzt ist. Daraus sind dann die Zeilen „Sie hat sich / entschieden, sie will aufrecht durchs Leben gehen“, geworden. Aber Du hast Recht, meine Gedichte erwachsen aus dem Alltag, aus dem was ich erlebe, lese, sehe – worüber sollte ich auch sonst schreiben. Aber es darf nicht bei mir als Person stehen bleiben, so wichtig bin ich nicht, sondern sollte eben die von dir angesprochene zweite Ebene erreichen. In meinem Lyrikband gibt es ein Gedicht, das handelt auf den ersten Blick nur von Zugvögeln, die an der Ostsee pausieren, um sich im Watt ihren Reiseproviant anzufressen. Dabei machen sie sich überhaupt keine Konkurrenz, und so lauten die wichtigsten Sätze im Gedicht, die sich nicht nur auf Vögel beziehen: „So viele Möglichkeiten. / So ein Teilen vor der Flut.“

Um auf deine Frage nach der Methode zurückzukommen, kann ich vielleicht zwei Punkte nennen. Zum einen trage ich einzelne Wörter oder Sätze oft wochenlang mit mir herum, bis daraus ein Gedicht wird und zum anderen schreibe ich so etwas wie eine Idee erst einmal ganz prosaisch auf und forme dies nach und nach zu einem Gedicht.

 

Martina Weber: Ich kann deinen Gedichtband auch als Rundgang um deinen Plattenschrank oder als Einblick in deine Jukebox lesen. Dies sind die Titel: Leonard Cohen, Pink Floyd, The Doors, The Beatles (Lucy in the Sky). In einem Gedicht heißt es “nie mehr Janis Joplin gehört”. Es klingt so, als ob Musik die Bedeutung, die sie einmal für dich hatte, etwas eingebüßt hat.

 

Barbara Zeizinger: Nicht unbedingt die Musik. The Doors und Janis Joplin habe ich als junge Frau, als Studentin viel gehört und es sind eher die Inhalte der Songs, die ich inzwischen manchmal vermisse. In dem Gedicht, auf das Du anspielst, bedauert das lyrische Ich ja gerade den Verlust der „verwirrenden Möglichkeiten“. Pink Floyd steht in dem Kapitel, das sich in erster Linie mit dem und der Fremde beschäftigt, für etwas Vertrautes. Und das Gedicht über Leonard Cohen soll eine Hommage sein.

 

Martina Weber: Du schreibst nicht nur Gedichte, sondern hast auch einen Reisebericht über Kuba geschrieben, du arbeitest an einer Romantrilogie, die mit dem zweiten Weltkrieg und der Geschichte des 20. Jahrhunderts zusammenhängt, deren erster Teil, Am weißen Kanal, um ein Ereignis am Ende des Zweiten Weltkriegs in Italien kreist und in diesem Jahr auch in italienischer Sprache erschienen ist. Seit Jahren schreibst du Rezensionen für das Literaturportal Fixpoetry.com, das vor zehn Jahren von Julietta Fix gegründet wurde. Was ist dein Eindruck von der aktuellen Literaturszene?

 

Barbara Zeizinger: Sie ist extrem vielseitig. Das betrifft sowohl die Lyrik, als auch die Prosa. Ich könnte jetzt nicht sagen, es gibt in der Lyrik eine bestimmte Richtung oder bei der Prosa bestimmte Themen. Vor allem, weil fixpoetry ja nicht nur die deutsche, sondern auch die internationale Szene im Blick hat. Vielleicht würde ich sagen, es gibt relativ viele Romane, die private Geschichte mit der allgemeinen verbinden. Dieser Eindruck kann aber auch an meinem Blickwinkel liegen, weil mich persönlich solche Themen interessieren.

 

Martina Weber: Die Zeile, die deinem Gedichtband ihren Titel gab, ist die erste Zeile des ersten Gedichts: „Wenn ich geblieben wäre“. Es ist der Beginn eines abgebrochenen Satzes:

 
Wenn ich geblieben wäre

im Wispern der Blätter,

im Rot der Kirschen,

als ich Ohrringe pflückte

von unteren Zweigen.
 

Es bleibt offen, was wäre, wenn das lyrische Ich dort geblieben, wo die Mutter im Tupfenkleid die Kirschkerne einfach ausspuckt.

 

Barbara Zeizinger: Ist es nicht so, dass jeder im Laufe des Lebens getroffene Entscheidungen in Frage stellt und sich vorstellt, wie hätte mein Leben auch anders verlaufen können?

 
 
Website von Barbara Zeizinger:

Barbarazeizinger.de
 
 

Nächste Lesung mit Barbara Zeizinger:

Mittwoch, 6. September 2017, 19.30 Uhr,

Literaturhaus Darmstadt (Kennedyhaus), Lesebühne.

Kasinostraße 2, Darmstadt

Gemeinsam mit Martina Weber

Moderation: Kurt Drawert

 
 
 

 

2017 19 Aug

Experimente beim Zuhören

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Es war nach Mitternacht, ich hatte die Uhrzeit dezent im Blick. Tanja räkelte sich auf einem Sessel, sie sagte, sie würde gern noch bleiben, sei aber seit 18 stunden wach und müsse leider aufbrechen. Ich sagte, ich würde die ganze Nacht wach sein und eine Musiksendung hören. Vielleicht würde es sich für sie seltsam anhören, aber ich würde die Sendung auf Audiokassetten aufnehmen, eine Technik, mit der sie wahrscheinlich nie etwas zu tun gehabt hätte. Doch, sagte sie, Rec und Play. Die nachfolgende Generation, diejenigen, die 5 Jahre jünger wären als sie, könnten keinen Kassettenrecorder mehr bedienen. „Warum nimmst du die Sendung auf, wenn du sie doch hörst?“ fragte Tanja. Die Frage verblüffte mich. Ich beschriftete drei 90er Kassetten. Stories, Feldaufnahmen. Was macht man als Zuhörerin einer Livesendung nachts zwischen 1 Uhr und 6 Uhr? Ich war überhaupt nicht müde, vielleicht eine Fernwirkung des Eistees mit Mate, ich holte aus dem Kühlschrank ein Elderflower Tonic Water, knipste zwei Lichterketten an, eine mit bunten Stoffbällen, die mir B aus Kambodscha mitgebracht hatte, und eine puristische. Alltagsmusik aus dem Niemandsland. Schon in der ersten Stunde, in der eine Überraschung der anderen folgt, schaffte Michael es, mindestens fünf Mal den Namen seines all times favourite Brian Eno zu erwähnen. Die Vierecke der Fenster sind unbeleuchtet. Kein Hund bellt, kein Baby schreit. Ich überlege, bis zu welcher Lautstärke ich gehen kann, ich setze den Kopfhörer auf, Liegestühle, many many years, die Namen auf Steinen mit Zahnbürsten reinigen. Die Sternzeit, die Nachrichten und Staumeldungen schneide ich schon bei der Aufnahme raus. Das Doppelkassettentape habe ich seit 1994, es ist eine der besten Anschaffungen in meinem Leben. Kurz nach drei, mitten in der zweiten Audiokassette, beginnt etwas zu quietschen. Ich hole die Kassette raus. Bandsalat. Ich bleibe cool, die Kassette ist neu, ich lege eine andere ein, ebenfalls Quietschen, ebenfalls Bandsalat. Vielleicht liegt´s an der Art der Kassette, ich hole eine andere, alte, bewährte. Dasselbe. Ich beginne, nervös zu werden. Denke an Tanja und denke darüber nach, ob ich die Sendung eigentlich anders hören würde, wenn ich weiß, dass ich sie nur einmal höre und dass es keine Playlist gibt. Vielleicht ist es eine Übung im Loslassen, es ist lächerlich, etwas festhalten zu wollen. Ich mache mir ein paar Notizen, notiere Namen, schließe einen Moment die Augen, denke an den Deutschlandfunk-Radiorecorder, den ich vor längerer Zeit installiert, aber kaum verwendet habe, ich schalte ihn an, das update zieht sich Ewigkeiten hin. Von wegen Ok Computer. Ich mag sowieso keine digitalen Aufnahmen, sie machen mich nervös. The medium is the message. Ich will nicht online sein, wenn ich Musik höre. Jedenfalls will ich es nicht grundsätzlich. Und ich will auch nicht, dass das Notebook an ist, wenn ich Musik höre, jedenfalls nicht immer. Mir fällt ein, dass ich im Keller noch einen relativ neuen, ganz passablen Radiorecorder habe, ziehe Schuhe an und renne los. „Moshi“ läuft weiter ohne mich. Der Deutschlandfunk-Radiorecorder ist immer noch mit seinem update beschäftigt. Inzwischen ist es vier Uhr sieben. Ich bin von vier Lautsprechern umgeben. Zwei meiner „großen“ Musikanlage, und zwei des Radiorecorders aus dem Keller. Ich bin umgeben von „Pyramid of Skulls“ und sitze wie ein Teenager zwischen den Boxen, unfähig, irgend etwas anderes zu tun als dabei zu sein.

Tipp fürs Shelfie: „Pyramid of Skulls“ (wahlweise als DoppelCD, Doppel-LP oder und Kassettenaufnahme) passen zu Wim Wenders und Juliano Ribeiro Salgados Portrait des Fotografen Sabastiao Salgado „Das Salz der Erde“ und zu Benjamin Lee Whorfs Klassiker der Metalinguistik „Sprache, Denken, Wirklichkeit“.

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Kürzlich habe ich wieder damit angefangen, Matetee zu trinken. Ah, sie liest Rayuela, werden einige Manafonisten denken. Anmerkung für alle, die das Buch nicht kennen: In diesem Klassiker von Julio Cortázar ist Mate quasi eine der Nebenpersonen und es gibt das Gerücht, dass einige Manafonistas den Roman unter einem tagelangen Materausch zu sich genommen haben. Anmerkung für alle, die unter 30 sind oder die Mate nur als Clubmate kennen: Der Mateteestrauch ist in Südamerika beheimatet und ist dort ein belebendes, pur getrunkenes Kultgetränk, das auf eine sehr dezente und lang andauernde Art Geist und Körper anregt. Matetee wird traditionsgemäß in Kalebassen zubereitet und aus diesen Gefäßen wird er auch getrunken, der dabei verwendete „Strohhalm“ ist aus Metall und an dessen unterem Teil ist ein feines Sieb eingefügt ist, so dass die Teeblätter nicht mitgetrunken werden. Ich kannte Matetee bereits als Kind, denn mein Vater nahm jeden Tag eine Flasche Matetee mit zur Arbeit. Ich weiß nicht mehr, ob die Flasche grün war oder ob sie mir wegen des Matetees grün in Erinnerung blieb. Die Flasche hatte einen Verschluss, der mit Metalldrähten am Flaschenhals befestigt war, so wie es einige auf urtümlich zurecht gemachte Biersorten heutzutage haben. Es sind Flaschen, die es, nachdem sie lange aus dem Sortiment der Läden verschwunden waren, seit einigen Jahren in großen Kramläden zu kaufen gibt. Ich war als Kind fasziniert von dieser Teezeremonie, und ich dachte mir, dass ich später, wenn ich erwachsen sein würde, auch eine solche Flasche kaufen und kalten Tee oder ein anderes Getränk dabei haben wollte, wenn ich unterwegs war. Der Matetee, den mein Vater trank, war ein am Vortag konventionell zubereiteter Tee, der über Nacht in einem abgedeckten Krug stand und auf diese Weise kalt wurde. Das war kein Eistee.

 
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Ich werde hier keine Rezepte mit genauen Mengenangaben posten. Mir geht es um das Prinzip Eistee, und es geht hier auch um die Farbe des Tees, und gegebenenfalls um Kombinationen mit zu der jeweiligen Teesorte farblich und geschmacklich passenden Säften. Der Grundgedanke beim Eistee besteht darin, zunächst Tee zuzubereiten, der um einiges stärker ist als der, den Sie normalerweise trinken würden. Der Tee wird, sobald er gezogen ist – ich empfehle bei Grüntee und bei Schwarztee eine Ziehzeit von drei Minuten – also in heißem Zustand, schockgekühlt, indem er auf eine gewisse Menge an Eiswürfeln gegossen wird. Die Eiswürfel befinden sich idealerweise in einer durchsichtigen Kanne oder Karaffe. Es werden so viele Eiswürfel benötigt, bis der Tee so kalt ist, wie er wäre, wenn er aus dem Kühlschrank käme. Es kommt darauf an, dass der Tee nicht zu stark ist, denn er soll nicht bitter sein (deshalb nicht zu lang ziehen lassen). Der Tee darf auch nicht zu schwach sein, sonst wird es wässrig. Die Schockkühlung ist wichtig für Farbe und Geschmack. Grundsätzlich kann man aus jeder Teesorte Eistee zubereiten. An Schwarzteesorten eignet sich Keemun, ein chinesischer, weicher und sehr bekömmlicher Tee aus China, besonders gut für eine ganz puristische Zubereitung. Darjeeling second flush funktioniert auch, der schmeckt kräftiger und hat mehr Tein, regt also mehr an. An Grünteesorten verwende ich vor allem koreanischen Sencha. Mate geht auch.

Wer den Eistee nicht ganz puristisch trinken möchte, kann Säfte hinzufügen. Für schwarze Teesorten eignen sich Saftmischungen, die unter der Bezeichung „Frühstückssaft“ in Läden angeboten werden, es eignen sich aber auch Säfte mit Beerenmischungen. Mir ist die Farbe des Eistees wichtig, deshalb füge ich, wenn ich Saft hinzufüge, so viel hinzu, dass mir die Farbe des Gemischs gefällt. Für grüne Teesorten (Grüntee, Mate, aber auch Kräutertee) eignet sich Birnensaft, und es sieht ziemlich professionell aus, wenn Sie in die Glaskaraffe noch einen Stängel Minzblätter hineinlegen.

 
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Jetzt doch noch ein paar Mengenangaben. Ich empfehle, ca. 300 bis 400 ml Tee zuzubereiten, wie gesagt, etwas stärker als normal. Es ist Geschmackssache und hängt auch vom Tee ab. Vielleicht ein Drittel oder ein Viertel mehr Teeblätter verwenden als normal. Als Orientierung für die benötigte Menge an Eiswürfeln, um die so entstandene Teemenge in einen Zustand der Schockkühlung zu versetzen, würde ich eineinhalb bis zwei Plastikförmchen zu je 15 Eiswürfeln veranschlagen.

 
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Ich verwende zwei Glaskaraffen für den Eistee. Die eine habe ich vor vielen Jahren am Ende eines Ostseeurlaubs mit einer Freundin in einem Drogeriemarkt gekauft. Sie hat eine quadratische Grundfläche und einen weißen Deckel aus Plastik und sieht aus wie die Karaffen, aus denen in Frankreich während des Mittagessens in einem Restaurant Leitungswasser ausgeschenkt wird. Damals fand ich Koffer spießig, ich habe die Karaffe also in meinem Rucksack durchs Land geschleppt. Später habe ich festgestellt, dass es diese Karaffen im Woolworth und ähnlichen Läden gibt. Okay, aber meine Karaffe enthält eine Reisegeschichte.

Es gibt Musik, die ist eigentlich nicht meine Musik, und trotzdem kann ich sie mal hören. Dann geistert sie zwei, drei Tage in mir, vielleicht auch länger (bisher sind es zwei, drei Tage). Weil es eigentlich um etwas anderes geht. Wenn zum Beispiel, und ich mache hier einen großen zeitlichen Sprung, bei einem Diaabend in einem ausgebauten Dachstuhl im Hintergrund Billy Joel lief und plötzlich ein neuer Lebensabschnitt spürbar wurde, weil der absolute super Boy endlich zu kapieren schien, was er verpassen würde, wenn er nicht mit mir zusammen wäre, dann gewinnt jeder Song eine andere Ebene. Natalia, die ich in Studienzeiten kennenlernte und die sich gern in irreale Beziehungskonzepte hineinsteigerte, nannte den jeweiligen Mann, den sie auf eine komplizierte Art begehrte, ihren Angebeteten. Wir lachten immer über diesen Begriff. Oh, und „On the Beach“, das ist so typisch für die Stimmung des Jahres 1986, Mainstreampop. Alles irgendwie easy, immer locker bleiben, und es ist gar nichts für Manafonistas. Das Album ist nur deshalb auf meinem iPod gelandet, weil ich es vor ein paar Jahren in diesem völlig abgelegenen Haus in Irland überspielt habe. So ist es, wenn man halb bewohnte Behausungen mietet, mit ihren abgebrochenen Geschichten darin. Weite, hohe Räume und eine Holztreppe. Die Bücherregale, die Schallplattensammlung, der offene Kamin. Die Frau im Regenmantel, die uns die Schlüssel auf einem nebligen Parkplatz direkt vor der Kirche übergab, sagte, es sei in Irland wichtig, dass die Häuser bewohnt seien, sie würden sonst einfach zerfallen. Wir stapften durchs feuchte Gras. Die Fensterfront war riesig und der Himmel schien immer grau. Da war ein Fotoalbum mit richtigen Fotos aus der Glanzzeit eines jungen Paares Mitte der 80er Jahre. Sie schienen ihr Leben als Fotostory dokumentiert zu haben. Und die Fotos waren richtig gut. Eine hinreißende Lady, wie sie Räume renovierte oder einfach nur ausgelassen auf einem Sofa saß. Der Mann war weite Strecken mit einem Auto oder Kleinbus und mit Musikinstrumenten unterwegs. Es gab eine CD mit seinen Musikproben, an die ich mich nur vage erinnere. Die beiden waren in der Mitte ihrer Zwanziger, und sie hatten eine ziemlich gute Zeit. Oben gab es einen kleinen Raum mit einem Schreibtisch am Fenster, Kinderfotos im Regal. Steine, gestaltete Flächen. Alles hatte etwas Geerdetes und zugleich etwas Schwebendes, Leichtes. Bei der Rückgabe der Schlüssel fragte ich, was für ein Typ derjenige sei, dem das Haus gehörte. Er war Fotograf, erfuhr ich. Lebte mal in Berlin, mal hier in Irland. Ich hatte ein Buch mit Fotografien aus dem Regal geholt und durchgeblättert, vage, nicht erkennbare Motive, Schattierungen in schwarz. Ich brauchte nur durch den großen Garten zu gehen, den Hang hinunter, die schmale Straße überqueren, da war noch ein Grünstreifen, eine irgendwie archaisch anmutende Skulptur, und dahinter lag schon das Meer. This is the garden that I know. Ten thousand summers made me here.

 

 
 
 

„Clark Coolidge´s book-length poem considers the linguistic rediscoveries that come at the end of an imposed order. Simple nouns and verbs collide wildly, and specificity emerges from the unexpected conjunctions. The words pop with knowledge that has nothing to do with novelty or theory; rather this is a book about how to look, how to balance the body on the legs, how to shake a leg to language.“

Stan Apps

 

2017 15 Jul

The weight of a hummingbird

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When exactly does it start? I can hear children´s voices and a melancholy instrumental theme music, but the picture seems to be part of the announcement, not part of the film itself. Then: pure black screen for three seconds. This is longer than usual, longer than expected before a film. Is it the first scene? Or is it the last?

A motel room, at morning, it´s bright outside. The woman is nearly naked, still sleeping. The man is sitting next to her, on her bedside, in a way he seems to be absent. Before I can even think about their relationship the scene is cut up. It´s not really like lovers look like the morning after.

 

[Sound of leaf blower]

 

And this happened in the 1950s in the Beat Hotel in Paris and had an enormous impact on literature, music and this film I´m not really talking about: Brian Gysin wanted to do some drawings and he began to mask the hotel´s table with an old newspaper. So he cut through the newspaper and when he looked at the newspaper he realigned the pages off type and he could see the words made a kind of sense, which almost seemed telepathic.

 

[Hissing light bulb]

 

„Als Paradigma für einen Film mit rhizomatischer Erzählstruktur kann 21 Grams (2003) gelten. Die drei ineinander verflochtenen Handlungsstränge entwickeln sich in nicht-linearer Weise. Teils wird in der Zeit zurückgesprungen, teils vorwärts; auch wreden bereits erzählte Ereignisse erneut aufgegriffen, was teilweise mit einem Wechsel des narrativen Focus verbunden ist. Die Erzählsegmente scheinen von einer umfassenden Erzählung losgelöst. Deren lockere Verknüpfung hingegen erweckt den Anschein, dass sie nicht gänzlich losgelöst, sondern Teil eines Gesamtgefüges sind. Dieses lässt sich in seiner regellosen Vernetzung einzig unter dem Begriff des Rhizoms fassen.“

(Anthrin Steinke: Aspekte postmodernen Erzählens im amerikanischen Film der Gegenwart, S. 69, Fußnote 288)

 

As far as „21 grams“ is concerned, after 30 minutes first connections between the fragments appear.

 

 “I wanted to explore the emotional order of the events, not the chronical order of the facts.”

(González Iñárritus, filmmaker “21 grams”)

 

“Ganz anders das Rhizom. Es ist Karte und nicht Kopie. (…) Die Karte reproduziert nicht ein in sich geschlossenes Unbewusstes, sondern konstruiert es.”

(Gilles Deleuze, Félix Guattari, Rhizom, Merve Verlag, 1976, S. 21)

 

Am 11. März 1907 berichtete die New York Times von dem Arzt Duncan MacDougall  aus Haverhill, Massachusetts, der in einem wissenschaftlichen Experiment das Gewicht der Seele auf 21 Gramm bestimmte. MacDougall hatte ein Bett an einem Gestell aufgehängt und daran eine Präzisionswaage befestigt. Die erste Versuchsperson zeigte im Moment des Todes einen Gewichtsverlust von 21 Gramm.

I won´t load up a picture I took from the film and put it at the end of this post. Indeed I take less and less pictures and I took only one picture and I pressed the remote control´s still-button to take it. It´s an empty outdoor swimming pool with building-waste, parts of which covered by a black plastic sheet. There´s a car´s wheel, too. Maybe you can find those pools nearby lonely motels.

21 grams, it´s the weight of a hummingbird. The weight of a stack of five nickels.


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