Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Autoren-Archiv:

2017 11 Okt

4.1, D 18

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Poetenladen Verlag, Frankfurt Book Fair, Oct. 11th to 15th. With: Picknick, POET & POETIN, Akrobat, Jump´n run. panik blüten. Ich sehe alles. Die Umschreibung des Flusses. erinnerungen an einen rohstoff. Apfel und Amsel. Mikadogeäst. Windei in der Wasserhose der Eisheiligen. Die dörfer unter wasser sind in deinem kopf beredt. Fossile Infanten. Ansicht der leuchtenden Wurzeln von unten. – Come and visit us. I´ll be there.

 
 
 

 

2017 3 Okt

Love as a bitch

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Again, three stories in one film, all of them linked by a car accident, all located in Mexico and in each plot love and relationships with dogs are deep and the dogs redeem humans. There´s an incontrollable animal force behind, visceral, any second. A film that shouts all the time. Before I watched it, I only knew the filmmaker´s name. I did not read the DVD´s back. So, I´m gonna stop talking now. Pull the red rose up, throw it in the air and say “Abo, Ely.”

 
 
Alejandro González Iñárritu: Amores Perros
 

Martina Weber: Eine Kurzversion des Buches, ohne zu viel zu verraten? Frank Bascombe, 38, Sportreporter mit Wohnsitz in Haddam, New Jersey, geschieden, zwei Kinder, deutlich jüngere Freundin, erzählt mit längeren Rückblenden von einem privat und beruflich ereignisreichen Wochenende in einem Spätsommer Mitte der 1980er Jahre.

Es war zwar anders, aber so hätte es anfangen können: Ich war zu Fuß unterwegs, geriet in einen Platzregen und flüchtete in ein Antiquariat. Dort fiel mein Blick auf dieses Buch und während ich darüber nachdachte, ob ich mich für das Leben eines Sportreporters interessiere (eher nicht, bei originellem Zugang aber doch, und zwar für jede Sportart) hatte ich Seite 186 aufgeschlagen und las: „Wenn deine Gefühle so einfach und reizvoll sind, dass du voll in ihnen leben kannst, so dass der Abstand zwischen dem, was du empfindest, und dem, was du auch empfinden könntest, aufgehoben ist, dann kannst du deinen Instinkten vertrauen.“ Richard Ford illustriert diesen Gedanken dann an zwei originellen Beispielen. Eine einleuchtende Definition von Glück: nicht daran zu denken, was besser sein könnte. Okay, dachte ich, es geht also nicht um die Beschreibung von Sportereignissen, der Job steht nicht im Zentrum Ich dachte an einen Satz in meinem Notizbuch: Mal wieder einen Roman lesen, bei dem ich das Zeitgefühl verliere, einer, der kein Trash ist, den ich aber schnell lesen kann.

 

David Emling: Ich kam eigentlich noch viel zufälliger dazu. Auf der Suche nach Büchern, die den Alltag von Menschen zum Gegenstand haben, fand ich ein Buch von Richard Ford mit dem Namen „Unabhängigkeitstag“. Ich las es und war begeistert, merkte aber schnell, dass die Hauptfigur Frank Bascombe immer wieder von seiner Zeit als Sportreporter sprach. Und so erkannte ich, dass das gar nicht das erste und einzige Buch über Frank war, sondern in einer Reihe steht, die mit dem „Sportreporter“ anfängt. Aber vielleicht sagt es auch etwas über die Qualität der Bücher aus, dass man das zweite einer Reihe lesen kann, ohne dass es als ein solches auffällt.

 

Martina Weber: Das Cover der Ausgabe, die ich im Antiquariat entdeckt habe, ist missverständlich. Zu sehen ist ein Teil des Gesichtes eines Mannes oder einer Frau, die Nase, die Augen, die Haut geschminkt im Muster der US-amerikanischen Nationalflagge. Dies suggeriert in Kombination mit dem Buchtitel „Der Sportreporter“, es würden ausgiebig Sportereignisse geschildert und der Anteil der Hauptfigur, des Journalisten, daran. Und den Text auf der Innenseite des Buches müsste man unbedingt überkleben, weil er zwei wichtige Ereignisse verrät. Ich würde auf dem Cover die Interviewsituation mit Herb Wallagher andeuten, zwei Männer am See, der eine im Rollstuhl, beide aus einer gewissen Entfernung betrachtet, und eine Frau im Hintergrund, ein bisschen vom Wohnumfeld, alles eher vage erkennbar.

 

David Emling: Ich finde das Buchcover auch nur bedingt überzeugend – diejenigen anderer Ausgaben wie zum Beispiel das von dtv noch weniger. Das geschminkte Gesicht könnte vielleicht einen großen Sportfan andeuten, der sein Fandasein besonders ernst nimmt oder so etwas. Wichtig ist mir, dass die US-Flagge bei längerem Überlegen gar nicht so schlecht ist, denn was im Roman immer auch mitschwingt ist, dass Frank die generelle weltpolitische Lage reflektiert – wenn auch nur sehr subtil, etwas, das in den Folgebüchern deutlich expliziter wird. Frank setzt sich deshalb in seinen Reflexionen nicht nur immer mit sich selbst auseinander, sondern tut dies stets vor dem Hintergrund aktueller Ereignisse in den USA und, noch wichtiger, in Auseinandersetzung mit dem sogenannten „american dream“. Das ist deshalb wichtig, weil Frank eigentlich, wie er selbst sagt, ein zufriedener Mensch ist – obwohl er geschieden ist, Affären hat, seine Kinder ihm zu entgleiten drohen, mit anderen Worten, gemäß noch immer geltender Kriterien eines „guten amerikanischen Lebens“ eigentlich gar nicht sonderlich zufrieden sein dürfte. Ich glaube, es ist eine elegante Art und Weise von Richard Ford die Frage aufzuwerfen, was denn ein „gutes Leben“ im modernen Amerika ist. Und diese Frage ist gewissermaßen aktueller denn je.

 

Martina Weber: „Der Sportreporter Frank Bascombe stellt keine großen Ansprüche an sein Leben – er fühlt sich wohl in der ruhigen Zufriedenheit des Mittelmaßes.“ Hat dieser Satz auf der Rückseite des Buches den Zweck, möglichst viele Leute, die sich insgeheim mittelmäßig fühlen, zum Kauf des Romans zu bewegen? Ich finde Frank überhaupt nicht mittelmäßig! Er ist nachdenklich, ohne grüblerisch zu sein, er ist ein guter Beobachter, reflektiert und selbstkritisch, und einfach ein guter Erzähler. Wahrscheinlich hat es auch damit zu tun, dass er, bevor er als Sportreporter angefangen hat, Kurzgeschichten schrieb und einen abgebrochenen Roman. Und wie es aussieht, ist „Der Sportreporter“ Franks erster Roman, den er schreiben kann, indem er die Techniken aus seiner journalistischen Arbeit umsetzt, also einfach drauflos schreibt, weil er es jetzt kann, und nicht mehr, wie in seiner Zeit als Schriftsteller, jedes Wort, jeden Satz zergrübelt, so lange, dass er mit dem literarischen Schreiben aufgibt. Auf diese Weise ist dieser Roman, den Frank Bascombe als Sportreporter schreibt, Richard Fords Durchbruch als Schriftsteller geworden. Der Sportreporter ist damit auch ein Buch, in dem, jedenfalls am Rand, Schreibtechniken reflektiert werden.

 

David Emling: Das sehe ich genauso. Stilistisch gefällt mir dieses Mäandern zwischen Alltagssprache und kleinen Weisheiten, die dann schön dazwischen gepackt sind, sehr gut.

Es gibt ja wie schon gesagt noch mehr Romane über Frank, die sogenannten „Bascombe-Novels“, die es auch in einem Sammelband im englischen Original gibt. Das Spannende an dieser Ausgabe ist, dass Richard Ford selbst eine kurze, aber sehr dichte Einleitung an dessen Beginn gesetzt hat. Darin geht er genau diesem Thema nach: Er wurde oft gefragt, ob Frank ein typischer Durchschnittsamerikaner sein soll, sodass sich möglichst viele mit dieser Figur identifizieren können. Auch wenn er viele enttäuschen mag, so Ford, sei es nie seine Absicht gewesen, über einen Durchschnittsmenschen zu schreiben.

Ich glaube vielmehr, es geht in dem Roman darum, all jenen, die zwischen „normalen Menschen“ und „besonderen Menschen“ einteilen, diese Einteilung um die Ohren zu hauen. Mir fällt hier auch der amerikanische Schriftsteller Richard Russo (soweit ich weiß mit Ford befreundet, würde mich jedenfalls nicht wundern) ein, der in einem Interview mal gesagt hat: „There is no such thing as small lives.“ Ganz genau (übrigens heißt ein früheres Buch von Russo, das nun in vollständiger deutscher Übersetzung vorliegt „Ein grundzufriedener Mann“…)!

„Einfache“ und durchschnittliche Leben gibt es nicht, denn ein jeder hat mit seinen individuellen Problemen zu kämpfen, deren Aufkommen eben unvorhersehbar ist. Und diese Unkalkulierbarkeit des Lebens darzustellen, wie es Ford in seiner Einleitung beschreibt, ist die Grundidee dieses Romans. Umso spannender ist das eben dann, wenn der Protagonist von sich selbst sagt, dass er eigentlich ganz gerne im Mittelmaß mitschwimmt und im Grunde mit seinem Leben zufrieden ist. Der darbende Künstler in Los Angeles, der trotz zahlreicher Widerstände nur für seine Kunst lebt – ein solches doch arg strapaziertes Bild ist als Grundlage für einen Roman meines Erachtens langweilig und klischeebeladen. Ein Roman über einen vermeintlich „normalen Menschen“ wie Frank jedoch ist unendlich spannender, weil diffiziler, subtiler und dadurch weitreichender. Denn dann geht es vor allem darum zu zeigen, wie jemand, der vielleicht gerne durchschnittlich wäre, verzweifelt versucht, sich in seinem Leben einzurichten.

Und denken wir mal kurz an die aktuellen politischen Geschehnisse rund um den Globus (inzwischen auch im ach so langweiligen Deutschland), dann wäre ein wenig vom Bascomb’schen Mittelmaß vielleicht gar nicht so schlecht.

 

Martina Weber: „Auch das lernt man als Sportreporter:“ heißt es im ersten Kapitel. „Es gibt keine transzendenten Themen im Leben. Dinge sind ausnahmslos hier, und sie sind vorbei, und das muss genügen.“ Der klassische amerikanische Pragmatismus also, könnte man meinen. Es gibt aber das Bedürfnis nach Transzendenz. Franks Sohn versucht, Kontakt zu seinem verstorbenen Bruder aufzunehmen. Und Frank genießt es, gelegentlich eine Fünf-Dollar-Handleserin aufzusuchen.

 

David Emling: Auch hier konterkariert der Roman seinen Protagonisten in gewisser Weise selbst. Vielleicht würde Frank gerne transzendenzlos leben, er würde gerne einen harmlosen Alltag führen, er würde gerne ein sicheres Umfeld haben – aber das Leben selbst drückt seinen Stempel unerbittlich auch ihm auf. Als Beispiele wären in den folgenden Romanen (Achtung Spoiler!) ein Unfall seines Sohnes Paul zu nennen, ein Mord, der direkt neben Franks Motelzimmer geschieht sowie seine temporäre (und heilbare) Krebserkrankung.

Vielleicht – auch wenn derlei Beziehungen zwischen Protagonist und Autor natürlich immer ein Stück weit Spekulation bleiben müssen – drückt diese Haltung auch jene von Richard Ford aus, dem in jungen Jahren das gleiche passiert ist wie Frank. Die ersten beiden Romane Fords wurden zwar gelobt, jedoch waren die Verkaufszahlen schwach, sodass sich zwangsläufig die Frage stellte, wie er seinen Lebensunterhalt verdienen würde. Er wusste nicht mehr, was er schreiben sollte, also ließ er es einfach sein. Und so heuerte er 1981 bei einem Sportmagazin an, das jedoch nach einem Jahr eingestellt wurde, und erst, nachdem seine Bewerbung bei einem anderen Magazin abgelehnt wurde, wandte er sich wieder dem Schreiben zu und schrieb…genau, den „Sportreporter“. Das zeigt vielleicht auch die Zufälligkeit des Lebens und seiner Entwicklungen, selbst in der Kunst und dem Schreiben. Wir sind Schriftsteller, ohne Zweifel, aber heißt das auch, dass wir immer schreiben werden?

 

Martina Weber: In Marcel Beyers Buch „Nonfiction“ habe ich neulich folgende Passage mit Bleistift angestrichen: „Wer als Schreibender sein Arbeitsmaterial ernst nimmt, wird die Sprache nicht wie ein Werkzeug benutzen können, um bestimmte Ziele zu erreichen. Er wird, gerade wenn seine Aufmerksamkeit politischen Vorgängen gilt, die größte Aufmerksamkeit auf die Sprache lenken und horchen, lange Phasen einfach nur still horchen, ohne ein Wort zu schreiben.“

Die beiden Szenen im „Sportreporter“, die ich am meisten genossen habe, waren die Begegnung mit dem desillusionierten Ex-Footballer Herb Wallagher, und das Abcheck-Gespräch mit dem Vater seiner Freundin in einer Art Hobbykeller, in dem ein Auto parkt, ohne Aussicht, wieder herauszukommen. Und, doch noch eine, das Gespräch mit der jungen intelligenten Journalismus-Praktikantin am Ende, aus meiner Sicht die interessanteste Frau im Buch, und von Frank ziemlich falsch eingeschätzt.

 

David Emling: Vielleicht würden Genderforscher nun sagen, es sei typisch, dass mir noch eine andere „reine Männerbeziehung“ besonders im Gedächtnis bleibt, aber sei dem, wie es will, für mich ist die Figur des Walter Luckett (neben Frank) die spannendste. Vielleicht weniger die Figur selbst als das, was sie ausdrückt, nämlich in gewisser Weise ist Walter derjenige, der am konsequentesten „ausbricht“ aus dem Mittelmaß. Wie Frank ist er Mitglied im „Club der geschiedenen Männer“, deren Hauptziel es ist, nette Events zusammen zu verbringen, dabei aber keinerlei tiefsinnige Gespräche zu führen. Walter hält sich daran nicht und spricht mit Frank so lange über seine gescheiterte Ehe, bis er ihm schließlich ein homosexuelles Abenteuer gesteht, was Frank doch sehr peinlich findet. Die Verzweiflung Walters und sein ständiges Fragen, ob dies schlimm sei und was man dagegen tun könne, ist für Frank offenbar ein wenig zu kompliziert. Nun könnte man es damit sein lassen, aber Walter taucht im Laufe der Geschichte immer wieder auf, und immer wieder kommt es zu derlei missglückten Interaktionen mit Frank, die nahezu zwangsläufig zu schlimmen Konsequenzen führen (müssen).

Hier zeigt sich am deutlichsten, dass Frank trotz seiner Reflexionsfähigkeit manchmal ein handlungsunfähiger Einzelgänger ist. Die Mischung aus Indifferenz und Zurückhaltung, mit der er Walter begegnet, steht durchaus stellvertretend für eine kalte Gesellschaft, deren Gewinner (zu denen Frank trotz allem zählt) keinerlei Interesse an den Verlierern haben.

 

Martina Weber: Dass Frank seine Exfrau mit „X“ bezeichnet und nicht ihren Namen nennt, fand ich lächerlich. Der Roman ist doch kein Tagebuch, in dem eine Person  erwähnt wird, deren Identität zu schützen wäre. Ich würde dieses „X“ auch nicht als Versuch einer Art Auslöschung verstehen, zumal die Scheidung auf einem Missverständnis beruht und Frank gern wieder Teil der Familie wäre.

 

David Emling: Das finde ich auch, zumal der Name in den anderen Büchern ganz selbstverständlich genannt wird. Es passt auch deshalb nicht, weil seine Exfrau (ihr Name ist Ann) sich in den anderen Büchern weiter von Frank entfernt, und die Nähe, die es hier im „Sportreporter“ zwischen den beiden noch immer gibt, passt nicht zur maximal anonymen Bezeichnung „X“.

 

Martina Weber: Der Roman spielt, von Rückblenden abgesehen, an einem Wochenende, von Freitagmorgen bis Sonntagabend. Das Buch hat 520 Seiten und wer nicht gerade eine Marathonlesesession einlegt, benötigt fürs Lesen länger als ein Wochenende. Die Zeit des Lesens dauert also länger als die Zeit, in der die Erzählung spielt. Das macht die Lektüre zuweilen etwas behäbig und es hat einen ähnlichen Effekt, wie wenn man heute einen Film aus früheren Jahrzehnten sieht. Die ersten Staffeln von Twin Peaks fallen mir gerade ein, die für unsere heutigen Sehgewohnheiten langsam erzählt sind. Die Erzählweise im Sportreporter ist, auch wenn sie gut gemacht ist, für meinen Geschmack auch etwas zu glatt und zu konventionell. Ich mag es lieber fragmentarisch, sprunghaft, herausfordernd, grenzüberschreitend. Kürzlich habe ich die „Western Lands“ von William S. Burroughs angefangen. Hier ist nichts vorhersehbar oder berechenbar.

 

David Emling: Hm … ich muss darüber lange nachdenken, denn ich schreibe stilistisch ähnlich. Vielleicht könnte man es ja so sagen: Wenn schon das Leben selbst (sowohl unser eigenes als auch das erzählte von Frank) so unvorhersehbar ist, dann sollte wenigstens die Erzählstruktur verlässlich sein. Man kann sich wenigstens darauf verlassen, dass nicht auch noch der Autor verrückte Dinge tut.

Eine schwache Verteidigung, das gebe ich zu, aber das ist wahrscheinlich tatsächlich eine Frage des Geschmacks. Für mich liegt die Kunst wirklich darin, trotz einer sehr glatten Erzählweise den Leser bei der Stange zu halten – und das schafft Richard Ford.

2017 26 Sep

Count Five

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Ein Bild aus Wim Wenders Film „Alice in den Städten“ aus dem Jahr 1973. Im Vordergrund Rüdiger Vogler, wie immer in Wendersfilmen als Philipp Winter unterwegs, hier als Reporter. Er hantiert mit dem Prototyp einer Polaroidkamera, einer SX70, die damals noch niemand gesehen hatte und überall große Aufmerksamkeit einbrachte. Der Autohändler hatte 300 Dollar für die Kamera geboten und es ernst gemeint. Aber, so Winter, es ist nie das drauf, was man gesehen hat. Rechts im Bild, etwas im Hintergrund, ein Cameoauftritt von Wim Wenders, mit Hitchcockgeste. Wenders steht vor einer Jukebox, er hat „Count Five“ von Psychotic Reaction gedrückt, sein damaliges Lieblingslied.

 

Ich bin nicht chronologlisch vorgegangen bei der Beschäftigung mit dem Werk von Alejandro González Iñárritu. Es ist sein vierter Film und der dritte von ihm, den ich gesehen habe, nach „21 Gramm“ und „Babel“. „Biutiful“ ist insofern anders strukturiert, als der Film hauptsächlich an einem Ort spielt, nämlich in Barcelona, und im Zentrum nur eine Hauptfigur steht. Es ist Javier Bardem, der in „21 Gramm“ einen Familienvater spielt, der nach einem langen Gefängnisaufenthalt im religiösen Glauben Halt sucht. In „Biutiful“ spielt er Uxbal, der, wie man vielleicht dezent sagen könnte, Geschäfte macht. Weil seine Frau eine bipolare Störung hat, hat er das alleinige Sorgerecht für seine beiden Kinder, ein Mädchen, vielleicht 12, und einen Jungen, vielleicht 7 Jahre alt. Die Spannung liegt weniger im Plot, eher in der Erzählweise und in der Auswahl der Bilder, im Schnitt. Es wird viel oder ausschließlich mit der Handkamera gearbeitet, was teilweise eine enorme Unruhe erzeugt. Trotz der existenziellen Belastung, der Uxbal ausgesetzt ist, und obwohl ihm die Handlungsfäden aus den Händen gleiten, versucht er, verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen. Die sozialen Verflechtungen seines Lebens sind vielfältig, was der Figur viele Möglichkeit zur Interaktion und viel Tiefe gibt. Die Frau, die Kinder, die widersprüchlich erscheinenden Jobs. Mit seinem Bruder, der einen Stripclub führt, verbindet ihn nur ein Rechtsproblem um das Grab des Vaters. Auf dem Kühlschrank stehen Fotografien aus glücklichen Zeiten, und es gibt Bilder, Blicke auf Barcelona, die nur einen Bruchteil einer Sekunde eingeblendet werden und die umso stärker wirken, weil man sie festhalten möchte. Uxbal scheint zudem eine besondere metaphysische Gabe zu haben, die ihn mit einer Frau verbindet, die er aufsucht, wenn er verzweifelt ist und Rat sucht. Das Zentrum seines Lebens aber sind seine Kinder, für die er eine Bedeutung haben will und die er zu anständigen Menschen erziehen möchte. „Papa, wie schreibt man `beautiful´?“ – „So, wie man es spricht.“ Mit den Kindern raus, in die Pyrenäen, damit sie den Schnee sehen. Wussten Sie, dass Eulen, bevor sie sterben, ein kleines Haarbüschel aus ihrem Schnabel verlieren?

 

Darmstadt, März 2015, Zentralstation. Auf dem Podium sitzen Monika Rinck und Heinrich Detering – beide gut gelaunt, je mit einem Mikro in der Hand. Heinrich Detering schwärmt davon, wie begeistert seine Studenten von Monika Rincks Gedichten seien. Aber, sagte er, sie sagten, man könne die Gedichte nicht verstehen, ohne Roland Barthes gelesen zu haben. Nein, sagte Monika Rinck, man könne ihre Gedichte auch verstehen, ohne Roland Barthes gelesen zu haben. Und hier zum praktischen Test.

 

Neulich fand ich einen Poesiefilm zu Monika Rincks Gedicht „Teich“.

Recently I detected a poetry film to Monika Rinck´s poem „pond“.

 

2017 17 Sep

Kosmisches Beben

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Am 15. Juli habe ich hier einige Überlegungen zu Alejandro González Iñárritus großartigem Film „21 Grams“ zusammengestellt, bei dem ein Geschehnis drei Personen an einem Ort verbindet (wobei ein Großteil der Spannung darin liegt, dieses verbindende Element nicht zu kennen. Man kann ja mit Klappentexten einiges zerstören, es ging mir gerade so mit einem 520-Seiten-Roman, dazu aber ein andermal). Eine Besonderheit von „21 Grams“ besteht darin, dass der Film nicht chronologisch erzählt wird, wobei man ihn allerdings dennoch in eine chronologische Reihenfolge bringen kann, wenn man ihn gesehen hat. Heute habe ich einen zweiten Film von Alejandro González Iñárritu auf DVD gesehen und bereits nach kurzer Zeit saß ich für den Rest des Films, der immerhin 138 Minuten lang ist, derart angespannt (ja, angespannt, im Sinn einer Steigerung von gebannt) vor dem Bildschirm, wie ich es lang nicht mehr erlebt habe. „Babel“ wird chronologisch bzw. synchron erzählt und spielt an drei Orten der Welt, an denen ich keine Autopanne haben möchte und die außerhalb meiner Reisepläne liegen und dennoch einen großen Zauber entfalten: die marokkanische Wüste, die südlichen USA, Mexiko und das Grenzgebiet, eine Hochzeitsfeier, – das waren bisher zwei – und Tokio. Da ist ein amerikanisches Paar unterwegs ohne ihre hinreißenden beiden kleinen Kinder, eine Reisegesellschaft im Bus, eine bitterarme Familie mit zwei Jungs und einer Tochter, eine taubstumme japanische Teenagerin mit ihren taubstummen Freundinnen, die wie die Moonies in „The Leftovers“ immer Notizzettel & Stifte mit sich herumtragen und auf diese Weise mit Leuten kommunizieren, die nicht die Gebärdensprache können. Wer bisher nicht daran geglaubt hat, welche Auswirkungen der Flügelschlag eines Schmetterlings am anderen Ende der Welt auf sein Leben haben könnte (was natürlich eine Metapher ist), erlebt es hier. Sounddesign, Kameraführung und Bildauswahl sind atemberaubend, Schwarzweißlicht in einer Disko, das nächtliche Tokio, dann wieder Wüste, unbefestigte Straßen. Faszinierende Brüche auch zwischen Bild und Ton, musikalisch geprägt von klassichen Gitarren. Es sind die großen Themen, Zufall, Schuld, Versöhnung, Verantwortung, Ursache und Wirkung, eine Ungeduld, ein unkontrollierter Impuls, ein falsch verstandenes Wort, ein deplatzierter Auftritt mit weitreichenden völlig ungeahnten Folgen. An allen Schauplätzen ist Polizei im Einsatz und die Arbeitsmethoden sind landestypisch verschieden. Die Erotik lebt jeder für sich. Es gibt eine Szene, in der eine Frau so schwach ist, dass sie nicht aufstehen kann, um zu urinieren. Ihr Mann hält sie im Arm, zieht ihren Slip runter und stellt eine Schüssel hin. Diese Momente haben viel mit Würde, Vertrauen und einer Innigkeit zu tun, wie ich es so noch nie gesehen habe. Wie auch „21 Gramm“ ist „Babel“ eine Sammlung von Grenzsituationen, fast jede Sekunde ist existenziell. Die beiden anderen Filme von Alejandro González Iñárritu habe ich schon bestellt: „Buitiful“ und „Amores Perros“. Vielleicht erzähle ich auch darüber.

2017 6 Sep

John

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Es ist lange her, als es in der taz gelegentlich eine ganze Seite gab, die der Lyrik gewidmet war. Vor allem Lyriker aus dem Ausland wurden da vorgestellt, mit Foto, Kurzvita, ein oder zwei Gedichten und deutscher Übersetzung. Einmal wurde diese Seite komplett John Ashbery gewidmet. Ich hatte damals noch nicht angefangen, mich wirklich auf die Lyrik einzulassen. Ich fand die Gedichte wahrscheinlich irgendwie interessant, habe sie aber erst Jahre später zu schätzen gelernt. Leider habe ich nicht die ganze Seite ausgeschnitten, aber immerhin drei Gedichte: „Brute Image“, „Forties Flick“ und „My Erotic Double“, alle brilliant übersetzt von Joachim Sartorius. Als mein erster Gedichtband zu etwa zwei Dritteln zusammengestellt war, suchte ich nach neuen Themen und Herangehensweisen und nahm mir die Lyrik von John Ashbery vor. Ich hatte das Gefühl, an einem Punkt angekommen zu sein, an dem ich meine Texte ziemlich verändern musste, damit es mir nicht langweilig würde. Ich wollte mehr über mich schreiben, aber auf eine versteckte, indirekte Art, vieldeutig, unberechenbar, und ich glaubte, dies würde auf mein Leben zurückwirken, was dann auch tatsächlich der Fall war. Natürlich kann man Gedichte von Ashbery einfach nur lesen. Die weit verbreitete Angst vor moderner, in diesem Fall postmoderner Lyrik ist unbegründet. Die Zauberformel besteht darin, sich von dem Anspruch zu lösen, Gedichte seien ein großes Rätsel, das zu erkunden wäre. Gedichte wollen oftmals nämlich nichts besonderes. Sie sind ein Angebot, an etwas teilzuhaben, und das ist manchmal nur ein Wort, ein Rhythmus, eine Zeile. Was Ashbery angeht, suchte ich nach Sekundärliteratur und fand einen ausgezeichneten Zugang in der Dissertation von Ulf Reichart aus dem Jahr 1991 (Innenansichten der Postmoderne. Zur Dichtung John Ashberys, A.R. Ammons´, Denise Levertovs und Adrienne Richs). Ein ganz charmant mit Schreibmaschine gedrucktes Buch. „Was ist Schreiben?“ fragt Ashbery in seinem Gedicht „Ode an Bill“ (in: Selbstportrait im konvexen Spiegel). „Nun, in meinem Fall ist es, nicht unbedingt Gedanken, / Aber Ideen aufs Papier zu bringen – vielleicht: / Ideen über Gedanken. Gedanken ist ein zu großes Wort. / Ideen ist besser, wenngleich nicht genau das was ich meine. / Irgendwann werde ich es erklären. Heute jedoch nicht.“ Am 4. September starb John Ashbery im Alter von 90 Jahren. In der us-amerikanischen Lyrik hat er eine ganze Epoche geprägt.

Dies ist der Anfang seines Langgedichtes „A Wave“ / „Eine Welle“, im Original und in der Übersetzung von Joachim Sartorius:

 
 

To pass through pain and not know it,

A car door slamming in the night.

To emerge on an invisible terrain.

 

Durch Schmerzen gehen und es nicht wissen,

eine Wagentür, die in der Nacht zuschlägt.

Auftauchen in unsichtbarem Gelände.

 

2017 6 Sep

Sleepover

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Die ersten herbstlichen Blätter wirbeln um den Pool. Allmählich werden die Schwimmbäder wieder geschlossen. Gibt es an den us-amerikanischen High Schools tatsächlich ein Freshman Welcome Sleepover? Einige Leser werden sich an David Robert Mitchells Horrorfilm „It Follows“ erinnern, angesiedelt in einem Vorort von Detroit, wo Figuren wie aus dem Nichts auftauchten und unbeirrt durch die Gegend stapften, ihr Opfer im Blick. „The myth of the american sleepover“ ist der Vorgängerfilm, Mitchells Debüt. Man kann ihn als eine Art Vorarbeit für „It Follows“ sehen. In beiden Filmen gibt es so gut wie keine Erwachsenen und die Jugendlichen, im Sleepover meist um die 16, in „It Follows“ etwas älter, wirken orientierungslos, verwirrt, sich selbst überlassen, und dabei gelangweilt und überfordert zugleich. Das Setting ist ebenfalls ähnlich: hier ein Vorort in Michigan, dort ein Vorort von Detroit. Vorgärten, Schwimmbäder, Veranden, ein paar öffentliche Gebäude, wenig befahrene Hauptstraßen und überall Parkplätze frei. Im Sleepover fällt der Termin des offiziellen Sleepover mit einigen privaten Übernachtungspartys zusammen. Den Schlafsack geschultert und in die Pedale getreten, während der Abendhimmel am schönsten ist, und dann den energiegeladenen Song „Elephant Gun“ von Beirut im ipod angeklickt. Es geht in dieser Nacht darum, noch etwas aus dem Sommer herauszuholen. Sich gut mit jemandem unterhalten zu können und verrückt auf jemanden zu sein, das fällt eher selten zusammen. Am Anfang sind die Partys noch streng nach Geschlechtern getrennt. Während die Mädchen über Modefragen debattieren, hängen die Jungs schweigend vor dem Fernseher herum. Und hier habe ich eine der schönsten Szenen des Films gesehen, fast ohne Worte. Einer der Jungs, ein sympathischer Typ, der zwar in eine Blonde verliebt ist, die es aber genießt, ihn abblitzen zu lassen, dieser Junge beobachtet beim Fernsehen, wie ein etwas älteres Mädchen, wahrscheinlich die größere Schwester des Gastgebers, in Shorts und einem simplen roten Sweatshirt zum Kühlschrank geht, in ihren Socken, konzentriert, ein Telefon in der Hand. Sie schaut den Jungen an, holt ein sehr amerikanisches Plastikgefäß mit einem Saft aus dem Kühlschrank heraus, kippt etwas in ein Glas, schüttet ein bisschen daneben. Sie hält die ganze Zeit Blickkontakt mit dem Jungen, wischt mit einem Lappen den Fleck vom Boden auf, sagt ins Telefon, während sie den Jungen fixiert, I miss you too, und dann zeigt sie ihm den Mittelfinger. Ich denke, das ist die coolste junge Lady im ganzen Film. Es ist ihr einziger Auftritt. Niemand hat die kleine Szene mitbekommen. Der Film im Fernsehen läuft weiter. Ein Junge, der so aussieht, als ob er mal später Karriere machen würde, sagt: This movie is not even scary. Die Nacht ist noch lange nicht vorbei.

 

 

Martina Weber: Gerade ist dein vierter Roman mit dem Titel „Bevor die Welt unterging“ erschienen. In deinen bisherigen Romanen waren deine Hauptfiguren junge Frauen in ihren Dreißigern. Nun hast du einen Roman über das Erwachsenwerden in den 1980er Jahren geschrieben. Deine Protagonistin Judith wächst in einem behüteten Elternhaus in einer nicht genannten mitteldeutschen Kleinstadt auf. Die Mutter ist Hausfrau, der Vater ist Manager und arbeitet in der chemischen Industrie. Das Buch beginnt an Silvester 1979, Judith ist zu diesem Zeitpunkt 13 Jahre alt, und es endet zehn Jahre später mit dem Fall der Mauer, dem Ende des Kalten Krieges. Was hat dich daran gereizt, dich mit den 80ern zu beschäftigen? Und warum gerade jetzt?

 

Kirstin Breitenfellner: Die Jugend, das Alter zwischen 15 und 25, ist die Zeit, in der man alles zum ersten Mal bewusst erlebt und die deswegen auch die prägendsten Erinnerungen hinterlässt. Die 1980er Jahre waren für mich allerdings ein, wie ich es auch im Roman nenne, „bleiernes Jahrzehnt“, das ich am liebsten vergessen hätte. Kalter Krieg, atomare Bedrohung, Waldsterben, Aids und schließlich der Reaktorunfall von Tschernobyl waren die dominierenden Themen. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte sagten Wissenschaftler und nicht Theologen den Weltuntergang voraus. Wenn ich heute apokalyptische Prognosen – Stichwort Klimawandel – höre, erinnert mich das an diese Zeit. Zugleich merke ich, dass ich sie emotional nicht mehr so stark an mich heranlasse wie damals. Denn die Welt ist nicht untergegangen. Auch, weil etwas gegen das Waldsterben etc. unternommen wurde. Ich kann mir aber vorstellen, dass diese Prognosen die heutige Jugend genauso ungeschützt treffen wie mich damals. Deswegen habe ich beim Schreiben nicht nur an meine eigene Generation gedacht, sondern auch an die jungen Menschen von heute. „Es kommt nicht immer alles so, wie man denkt“, lautete eine Arbeitshypothese beim Schreiben. „Aber das bedeutet nicht, dass man nichts tun muss“, die zweite.

 

Martina Weber: Deine Protagonistin Judith ist eine sehr reflektierte Person. Sie schreibt Tagebuch, sie beobachtet ihre Umgebung und ist darauf bedacht, sich fundierte Meinungen zu bilden und aufgrund dessen ihr Leben zu gestalten. Sie liest außerhalb der Schule Sachbücher, zum Beispiel über den Nationalsozialismus, sie liest die Schriften von Hoimar von Ditfurth, sie informiert sich über die Folgen eines Atomkrieges. Du zitierst zwei Zeilen aus dem Song „Forever young“ von Alphaville: „Are you gonna drop the bomb or not?“ Ein Satz in Großbuchstaben aus Judiths Tagebuch vom 1.9.1982 lautet: „Das ist es, was mich bedrückt: die Angst, ZU WENIG ZEIT ZU HABEN ZU LEBEN.“ Einige meiner Mitautoren hier auf dem Blog und meine einzige Mitautorin haben die 1970er Jahre als Jugendliche oder junge Erwachsene erlebt, sie schwärmen jetzt noch davon, dass es die beste Zeit ihres Lebens war. Die 1970er Jahre erweiterten, auch musikalisch, die Pforten der Wahrnehmung, plötzlich schien so vieles möglich zu sein, ein Freiheitsgefühl. Die 1980er waren dagegen für Jugendliche eine bedrückende Zeit. 

 

Kirstin Breitenfellner: Bis zu den 1970er Jahren glaubten alle an den Fortschritt. Die Konservativen meinten damit das Wirtschaftswachstum, die Jugendlichen, die rebellierten, den gesellschaftlichen Fortschritt hin zu mehr Offenheit, Toleranz, Freiheit, dazu die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Sie waren von sich selbst überzeugt. Die jungen Erwachsenen der 1970er wurden unsere Lehrer. Sie kritisierten alles, waren aber selbst immun gegen Kritik. Das waren wir nicht mehr. Wir hatten Zweifel. Sie hatten ihren Spaß gehabt in der sexuellen Befreiung. Wir hatten Aids. In den 1980ern gab fand ein gesellschaftspolitischer „Backlash“ hin zu mehr Biederkeit statt. In meinem Jahrgang gab es an unserer Schule kaum mehr kritische Jugendliche, dafür umso mehr „Popper“, die auf Angepasstheit und Konsum setzten. Zum ersten Mal seit Kriegsende stagnierte das Wirtschaftswachstum. Und Jugendliche bekamen auf einmal zu hören, dass sie keine Zukunft auf dem Arbeitsmarkt hätten. „No Future“ wurde zum Slogan. Auch darin sehe ich eine Parallele zur heutigen Jugend.

In der Politik standen sich zwei Blöcke, West und Ost, unversöhnlich gegenüber und bedrohten sich mit dem atomaren „Overkill“. Dazu kam die angesagte ökologische Apokalypse. In Zeitungen wurde vorgerechnet, dass der Wald in weniger als fünf Jahren „tot“ sein würde – also, bevor das unser eigenes Leben angefangen haben würde. Deswegen die Angst, zu wenig Zeit zu haben zu leben. Und die Wut auf diejenigen, die das verbockt hatten: die Eltern, Lehrer, Politiker. Es war die Zeit der dunklen Gurus wie Hoimar von Ditfurth, mit dessen Schriften ich mich im Roman auseinandersetze, weil er nicht nur Angst und Schrecken verbreitete, sondern die Menschen auch wachrüttelte, jetzt etwas dagegen zu unternehmen. Der Treibhauseffekt, wie der Klimawandel genannt wurde, war damals schon ein Thema. Er ist heute aktueller denn je.

Trotzdem ist es uns damals auch gelungen, unsere Jugend zu genießen, mit Partys, Reisen, Liebesbeziehungen, harmlosem Unsinntreiben und Aufbegehren – zumindest zwischendurch …

 

Martina Weber: Auch wenn deine Hauptfigur Judith eine eigenständige Persönlichkeit ist, gibt es gewisse Parallelen zu deinem Leben, zum Beispiel was das Geburtsjahr und die Wohngegend angeht. Da hast du dich für die Recherchen sicherlich auch auf eine Zeitreise in deine eigene Jugend begeben… Welche Erfahrungen hast du beim Recherchieren und beim Schreiben des Buches gemacht? Was hat dich am meisten überrascht bei der Auseinandersetzung mit dieser Zeit?

 

Kirstin Breitenfellner: Das Setting, die Atmosphäre und das Erfahrungssubstrat des Romans sind tatsächlich autobiografisch, aber nicht seine Figuren und seine Handlung. Die Recherchen dafür waren für mich eine zweischneidige Erfahrung, zwischen Nostalgie und Entsetzen. Ich habe mir Filme der Zeit angeschaut, Musik gehört, Zeitungen gelesen, einen Artikel anlässlich des 30-jährigen Jubiläums des Reaktorunfalls von Tschernobyl geschrieben. Und ich habe dafür sogar meine alten Tagebücher durchforstet. Das war schwer, weil man dem damaligen, verzweifelten Ich ja nicht helfen kann durch das heutige Wissen, die gewonnene Lebenserfahrung. Deswegen habe ich dem Roman ein Zitat von Charlie Chaplin vorangestellt: „Die Jugend wäre eine schönere Zeit, wenn sie erst später im Leben käme.“ Wenn man jung ist, will man mit dem Kopf durch die Wand. Alle Probleme auf einmal lösen, ohne Kompromisse. Aber man glaubt auch vieles, was einem erzählt wird. Ich jedenfalls habe alles geglaubt. Überrascht hat mich beim Wiedersehen der Filme und vor allem beim Wiederhören der Musik der Zeit, wie präsent diese Weltuntergangsangst in der Populärkultur war. Von Nenas „99 Luftballons“ bis zu „Forever young“ von Alphaville, wo es darum ging, dass man immer jung bleiben würde, weil man wegen der Atombombe früh sterben würde. Aber auch, wie schnell die Weltuntergangsverzweiflung wieder in einen ganz normalen jugendlichen Hedonismus kippen konnte. Man kann ja schnell vergessen und ist noch so leicht beeindruckbar und begeisterungsfähig in diesem Alter.

 

Martina Weber: Dein Roman hat vier Kapitel, eins aus dem Jahr 1980, es folgen Kapitel der Jahre 1982, 1984 und 1986. Es gibt ein Vorspiel (Silvester 1979) und einen längeren Epilog, das Jahr 1989. Obwohl Judith die Hauptfigur ist und es um ihre Perspektive geht, hast du dich für eine auktoriale Erzählstimme entschieden, also für eine allwissende Erzählerin. Deutlich wird dies zum Beispiel in Passagen wie dieser, aus dem Kapitel 1986, ich zitiere diese Passage ganz, weil sie mir sehr wichtig zu sein scheint, geradezu eine Schlüsselstelle des Romans: „Was Judith damals noch nicht ahnen konnte: dass die, die sich gegen die Gesellschaft zu wehren gewohnt waren, es verlernten, sich gegen sich selbst zu wehren. Dass das ihr größter Denkfehler war. Dass sie sich die Wahrheit über sich selbst nicht eingestanden und auch nicht die über den Menschen. Es gab sie nicht, die Guten, die von der bösen Gesellschaft verdorben wurden, denn sie alle waren die Gesellschaft.“ Warum hast du die auktoriale Erzählperspektive gewählt? Dazu gehört vermutlich auch, dass du im Nachspann skizzierst, was aus den im Roman erwähnten Figuren geworden ist, vor allem aus den Mitgliedern der Kleinstadtclique.

 

Kirstin Breitenfellner: Der Roman ist, wenn man so will, ein Prequel zu meinem ersten Roman, der wie so viele in der Schublade liegt, weil die Perspektive nicht gestimmt hat. Die Erzählstimme war nicht genügend von jener der immer noch jugendlichen Protagonistin zu unterscheiden. Die Jugend ist aber eine schreckliche Zeit, weil man so naiv ist und gleichzeitig so herrisch auftritt. (Die Helden von Dostojewskij, allesamt Terroristen in Gedanken oder Werken, sind alle 23, die heutigen Selbstmordattentäter mehrheitlich zwischen 18 und 23 Jahren alt.) Dieses Bewusstsein wollte ich den Lesern nicht ungefiltert zumuten.

Es ging mir um die Frage, warum man die Vergangenheit, in diesem Fall die 1980er Jahre, ganz anders versteht, wenn man weiß, wie sie „ausgegangen“ ist. Es hat mich gereizt, diese Diskrepanz, die auf jedes Leben zutrifft, das man nicht begreift, solange man mittendrin steckt, literarisch darzustellen.

In dem angesprochenen Zitat geht es um die Naivität, mit der wir „kritischen“ Jugendlichen glaubten, dass alles gut werden würde, wenn nur alle so wären wie wir. Dabei kamen schon zu den ersten Festen der Grünen die meisten mit dem Auto. Denn sie hatten ja jemanden, der schuld war, der böse war: die Gesellschaft, die Industrie, die Bosse … Der Denkfehler vieler eingefleischter Linker und auch der Päpste der Political Correctness von heute besteht darin, immer dem System die Schuld zu geben (dem Kapitalismus, heute in einer neoliberal genannten Erscheinungsform) und zu glauben oder zu suggerieren, dass, wenn man das nur System ändern könnte, alles gut werden würde.

Dem liegt die falsche Annahme zugrunde, dass der Mensch gut wäre, wenn er in einem anderen „System“ leben würde, wenn die, die ein besseres System verhinderten, nicht mehr da wären. Aber der Mensch ist nicht (nur) gut. Er kann mit seiner Gier und Neigung zu Rivalitäten jedes System korrumpieren, wie es zuletzt die Geschichte des real existierenden Kommunismus gezeigt hat. Wer sich weigert, diese Realität anzuerkennen, strebt nach einem Ideal, einer Utopie. Wenn diese nicht eintritt, sucht man nach Schuldigen, es wird Gewalt oder zumindest moralischer Druck ausgeübt, und sei es „nur“ in virtueller in Form von Shitstorms im Internet.

„Die Gesellschaft“ ist ein Abstraktum, sie zu beschuldigen tut niemandem weh, bringt aber auch nichts. Deswegen müssen dann immer irgendwann konkrete Sündenböcke her. Denn irgendjemand muss ja schuld sein – das System, die Konservativen, die Reichen. Nur nicht wir selbst.

 

Martina Weber: Angenommen, du könntest eine Zeitmaschine betreten und entscheiden, in welchem Jahr du geboren worden wärst oder geboren wirst. Würdest du lieber einer anderen Generation angehören, in einem anderen Jahr oder einem anderen Jahrzehnt oder womöglich in einem anderen Jahrhundert geboren worden sein?

 

Kirstin Breitenfellner: Eine interessante Frage, die ich mir beim Schreiben so nicht gestellt habe. Was die Zukunft bringen wird, weiß ich nicht. Deswegen kann ich mir kaum wünschen, darin zu leben. Als Frau kann man sich ja kaum wünschen, in früheren Jahrhunderten geboren worden zu sein. Ich war auch immer froh, nicht während des Nationalsozialismus gelebt zu haben. Als meine Protagonistin Judith mit ihrer Freundin Ella den Wissenschaftspublizisten Diethelm von Dillingen (alias Hoimar von Ditfiurth) bei einer Lesung trifft, wird ihr klar, dass es noch viel schwerere Zeiten gab, um jung zu sein.

Als Jugendliche hatte ich allerdings schon manchmal das Gefühl, ein bisschen zu spät gekommen zu sein, sagen wir ein, zwei Jahrzehnte. Die große Party der Befreiung war vorbei, und selbst die Natur, die zuerst bedroht war und nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl selbst zur Bedrohung wurde, bildete keinen Zufluchtsort mehr. Das Beste an den 1980ern waren ja ihr Ende, das bewiesen hat, dass es in der Weltgeschichte auch eine Zeitlang bergauf gehen kann … Und ich war damals nicht zu alt, um meine Jugend nachzuholen!

Website von Kirstin Breitenfellner:

https://www.kirstinbreitenfellner.at/

Foto: Ingrid Götz


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