Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Im Mondlicht sahen die Zylinder der von Pferden gezogenen Tankwagen aus wie Bilder von Braque. In der Eingangsszene von „Paris – ein Fest fürs Leben“ beschreibt Hemingway, wie sich im schlecht geführten und schmutzigen Café des Amateurs in der Rue Moufftard Männer und Frauen versammelten und, während im Herbst der Wind den Regen gegen den großen grünen Autobus an der Endstation trieb, sich drinnen die Fensterscheiben beschlugen. Ich sah A zum ersten Mal und er las diesen Text in einer Runde vor, im englischen Original. A erklärte, was ihm am Text gefiel und nach einer Pause sagte er, leiser, ich wäre gern dabei gewesen. Umgekippte Rotweingläser. Let me be what I want to be. Ein Mantra. Mit Anfang 20 las ich die Mandarins von Paris von Simone de Beauvoir, sie diskutierten die Weltlage, ihre Beziehungen, Literatur, Existenzphilosophie, sie zerfetzen einander in ihren Debatten. Zeitungsartikel, die die Welt verändern wollten, Liebesbeziehungen und Eifersüchteleien und auf den winzigen runden Tischen im Café Flo standen Espressotassen, eine Flasche Perrier, ein weißer Martini on the rocks oder ein Aprikosencocktail. Ich schaltete das Licht an und der Film blieb schwarzweiß. Schachtel fünf, Spule vier. „Each night I am reluctant to close up because there may be some one who needs the café.“ Hemingways short story „A clean, well-lighted place“ entwirft eine stille, fesselnde Magie. Es war schon spät und längst dunkel, es war halb drei, schon fast wieder hell, und draußen, an der Straße, saß der letzte Gast, ein alter Mann, er saß unter den Bäumen, er war taub aber jetzt war es still und er spürte den Unterschied. Da war der junge, ungeduldige Kellner, der nach Hause wollte, und  da war der ältere Kellner, der über die Bedeutung des Lichtes und der Musik für ein Café nachgedacht hatte, er wusste, wann es Zeit war sich zu unterhalten und wann nicht. Überlebenskunst in einer sterbenden Stadt. Ich kannte das Gefühl, in der Nacht aus dem Café rausgeworfen zu werden, weil die wenigen Bestellungen nicht mehr rentabel waren. Ich war ohne Ziel durch Nikosia gelaufen, die türkische Flagge setzte Zeichen hinter dem hohen Stacheldraht, die Sonne beleuchtete Graffitis an Häuserwänden, eine Lady mit finsterem Blick und Maschinengewehr. Original oder Fälschung? Das Laptop Café war ein riesiger, schattiger Raum, der Blick auf den Steinfußboden im Schachbrettmuster zeigte mir, dass hier alle Wände herausgerissen waren. Da standen Sofas, Klappstühle, Sessel, winzige Tische, und an den Wänden meterhohe Bücherregale hinter Lichterketten. Eine Nähmaschine irgendwo in der Ecke, ein altes Telefon mit Wählscheibe, Plakate mit Künstlerportraits auf der Empore neben einer Reihe altertümlicher Schreibtische mit hübschen drehbaren Lampen. Ich dachte darüber nach, wie diese kleine indische Schublade mein Leben verändern könnte. Der Kellner saß in einem Ohrensessel, las ein Buch. Selbstbedienung, nur das Nötigste war da: Tee, Kaffee, Wasser und Orangenkekse. Es war der Bookclub Workplace und hier saßen sie, still mit ihren Notebooks. In der Ecke drehte sich eine Schallplatte, es lief Father John Misty, Pure Comedy. Here are the other people´s places. This is the Laptop café. Hier gibt es WLAN, night and day and for free. You can be part of it.

2017 17 Apr

Rückkopplungseffekte

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Während ich noch dabei bin, meine eigenen Aufnahmen der Klanghorizonte zu hören und nachzuhören und weiter zu hören, stehen sie schon, remastered, hier. [Nachtrag: Inzwischen ist Michaels radio show hier nicht mehr nachzuhören, aber aus Rhythmusgründen kann ich den Einleitungssatz nicht mehr ändern.] Wenn ich die Sendung live durchhöre ist es ein Rausch, aber diesmal gehe ich step by step vor. Den ersten Song von Jeb Loy Nicols habe ich mindestens fünf oder zehn Mal zurückgespult, bevor ich bereit war, weiterzugehen. All I have is nothing. Nothing´s enough for me. Im Nachhinein, aus der Perspektive von 3 Uhr 14, ist das nicht nur ein Statement über ein Lebensgefühl, sondern – wahrscheinlich von Michael durchgestylt und geplant oder auch unterbewusst arrangiert – auch ein poetologisches Bekenntnis. Well, I´ll tell you one thing about your film: What would be really interesting for people to see is how beautyful things grow out of shit. Und bevor ich noch am Samstag nach dem Aufwachen wie ein Teenager mit dem Grundig C 480 Kassettenrecorder direkt neben dem Bett dieser wunderbaren Mixtur aus Traumlogik und Roadmovie lauschte, sprach Michael von jemandem, der sich – wirklich oder vermutet, das ist mir völlig egal – von Gaston Bachelards Poetik des Raums hatte inspirieren lassen und ich dachte daran, dass ich in das Buch vor Jahren mal hineingelesen, es dann aber, bevor es eine Wirkung entfalten konnte, weggelegt hatte und dass ich doch nochmal reinlesen könnte. Es hieß, es ginge um die Tiefenwirkung der Räume der Kindheit, und der Begriff des Raumes ist hier sehr eng, es kann die Bedeutung einer Schublade sein, einer geheimen Kiste. Ich erinnere mich an Fotos aus dem Wohnzimmer meiner Eltern, in dem ich, es war ein Weihnachtsfest, mit meinem Bruder irgendwo neben dem Schwarzweißfernseher oder neben einem Puppenkinderwagen stand, ich trug das Haar so kurz, als wäre ich in einem Gefängnis. Sind nicht die ersten Erinnerungen überhaupt genau mit diesen Räumen verbunden? Ich saß in einer großen gelben Plastikwanne auf dem Balkon, zusammen mit meinem Bruder. Mein Bruder lächelt ins Bild. Ich trug ein Bikinioberteil, das ich hasste, ein Lindenblatt war auf meine linke Schulter gefallen. Meine Mutter war glücklich oder sie wollte glücklich sein und sie wollte, dass wir glücklich waren. Aber ich wollte auf eine andere Art glücklich sei als sie. Huh, huh, huh, that´s all I want.

Unerfüllte Wünsche können etwas Aktivierendes haben. Ich fand es sympathisch, dass es in dem Studentenwohnheim, in dem ich ein Zimmer hatte, eine Heimselbstverwaltung gab, und während zwei Freunde von mir begeistert darüber debattierten, was man alles verändern könnte, wurde ich ins Heimpräsidium gewählt. Schlagartig war das Interesse meiner Freunde an dem Job verschwunden. Es war eine ziemlich gut bezahlte Arbeit und ich bot eine Mietrechtsberatung an. Die Vernetzung erstreckte sich auch auf weitere Wohnheime, so dass ich irgendwann zu einer Versammlung des Gesamtwohnheimrats eingeladen wurde. Wir trafen uns in Ms Wohnheimzimmer, das auf dem Campus lag. Das Zimmer war noch kleiner als meines, aber die Möbel waren aus dunklem Holz und M hatte ein ganzes Regal voll mit Schallplatten und während ich damals erst Terry Riley entdeckte, lief bei M eine Musik, die ich immer gesucht hatte und die mich völlig umgehauen hat. Eine sehr dezente Art von Aktivierung, eine kaum spürbare Dramaturgie. M achtete sehr darauf, dass sich immer eine Scheibe auf dem Plattenteller drehte. Die Diskussionen aber waren enttäuschend dogmatisch. Die studentische Wohnungsnot war damals groß und die Mietverträge im Wohnheim waren auf drei Jahre begrenzt. Die anderen forderten unbegrenzte Mietverträge, ich fand das unfair denen gegenüber, die gar kein Zimmer hatten. Es gab Ungeziefer in unserem Wohnheim, die Verwaltung wollte drastische und gesundheitlich umstrittene Bekämpfungsmaßnahmen ergreifen, die Jungs forderten den Abriss des Wohnheims, weil das Problem nur so gelöst werden könne. Es wurden Protokolle geschrieben und Resolutionen unterzeichnet. Nur weil ich jetzt einen bestimmten Posten hatte,  wollte ich nicht eine bestimmte politische Meinung vertreten. Ich wäre lieber allein in Ms Zimmer gewesen und hätte seine Plattensammlung durchgehört und mir alle Titel aufgeschrieben. Dafür gab es jedoch keine Zeit und mein Interesse an M war auch nicht so, dass ich mich mit ihm hätte verabreden wollen. Deshalb blieb ich viele Jahre auf der Suche nach dem Inhalt seines Plattenschranks. Pan American, das alter Ego von Mark Nelson, gab es damals noch nicht. Aber wenn ich mich an meine Stimmung im Raum erinnere, dann war es genau diese Musik. The river made no sound.

Auch wenn es unlogisch war: Die Navigation war nicht zu gebrauchen. Geographisch zählt Zypern zwar zu Asien, das Land ist jedoch Mitglied der EU und obwohl die Türkei nicht Teil der EU ist und ihr größter Teil in Asien liegt, wird sie vom Navigationsgerät erfasst. Wir saßen im Mietauto direkt beim Flughafen Larnaka, die Sonne blendete, es war ziemlich heiß im Wagen und der Wasservorrat neigte sich dem Ende zu. Der Pfeil im Display, der unsere Position angab, lag im Niemandsland, war nicht zu orten. Das Gerät der Autovermietung war auf englisch eingestellt und mit der Stimme einer Frau, die etwas genervt oder auch schnodderig klang und einen Befehlston drauf hatte. Please drive through high lighted route. / Drive 1 point 9 kilometres, then enter roundabout. Das Haus lag am Rand von Limassol, gegenüber einem Stück Brachland, auf dem Autos parkten, wilde Gärten waren angelegt, in denen Kräuter und Zitronen wuchsen, eine ausrangierte Waschmaschine stand in der Nähe eines Verkaufsautomaten für Wasserflaschen. Auf der anderen Seite der Brachfläche lag eine Schule. Die Ansagen wurden über Lautsprecher gemacht und die Stimme ähnelte der aus dem Navigationsgerät. Vor einem Fenster nisteten Tauben, im Zwischenraum zum Nachbarhaus war ein Ficus Benjamini bis übers Dach gewachsen. Manchmal fuhr ein Wagen durch die Straßen, und es tönte die Stimme eines Lautsprechers daraus. Ich verstand kein Wort, auch nicht vom Tonfall her, und ohne das Bild des Fahrzeugs vor Augen hätte es alles sein können, vom Versuch, Kartoffeln zu verkaufen über die Verkündigung des Ergebnisses einer politischen Wahl bis zur Ankündigung des Weltuntergangs. Die Katze merkte, dass ich sie mochte, sie saß stundenlang draußen auf dem Fensterbrett. Ich wollte sie aber nicht ins Haus lassen und streichelte sie durch die Scheibe. Sie kuschelte sich daran. Gibt es etwas, das die Vision und Imagination einer Zärtlichkeit übertrifft?

„Gehen ist das stärkste kreative Werkzeug, das ich kenne,“ schreibt Julia Cameron. Da sind die Bilder, da ist Bild für Bild, in einem Tempo, das wir verarbeiten können, da ist die Atmung, die sich beruhigt, und die bloße Fortbewegung verändert die Stimmung in uns und setzt etwas in Bewegung. Ich bin immer gern abends Fahrrad gefahren, schon als Schülerin und obwohl ich schon 14 Kilometer Strecke für den Schulweg hinter mir hatte, ich setzte manchmal den Walkman auf, hatte meine Lieblingskassetten zurechtgespult, hörte ein paar Songs, ich suchte den Weg durch Feldwege, ich kannte einige, die noch nicht asphaltiert waren, ich fuhr den Fluss entlang, am liebsten zur Zeit der Dämmerung, am liebsten allein. Es ist etwas Sportliches dabei, aber das Gehen hat eine andere Qualität. Auf dem Schulweg war mir fast jeden Tag ein Mann aufgefallen, der den Fluss entlang, unter den Kastanien, zu Fuß ging. Der Mann wirkte so unauffällig, dass ich kaum etwas über ihn sagen könnte, er war groß und schlank und er trug völlig normale Kleidung, ich wüsste nicht einmal mehr, ob er eine schmale braune Aktentasche trug, die wohl zu ihm gepasst hätte, er hatte eine Entscheidung getroffen. Es muss nicht der Jakobsweg sein. Ich war vielleicht sechzehn, als ich an einer Fußwallfahrt teilnahm. Es hatte keinerlei religiöse Gründe, eher soziale, es war eine Gruppe junger Leute und wir wanderten durch den Odenwald, mit einem großen schweren Holzkreuz, das meistens auf den Schultern der älteren Jungen lag, ich hatte es nur ein Mal eine kurze Strecke getragen. An einem Abend stand eine Fußwaschung auf dem Programm. Wir bildeten Zweiergruppen und wuschen einander die von der Wanderung schmutzigen und verschwitzten Füße. Jemandem etwas erlauben, was man sonst kaum jemals so bewusst für sich selbst tut. Ein spiritueller Akt. Beim Gehen entwickeln wir ein Gefühl für eine Landschaft, für einen Ort, für die anderen und für uns selbst.

Neulich las ich auf Amazon die begeisterte Besprechung einer Kundin über eines der Bücher von Julia Cameron, wahrscheinlich über das Standardwerk „Der Weg des Künstlers“. Die Rezensentin schrieb, sie hätte durch die Morgenseiten ihren Weg zur Malerei gefunden, mittlerweile zahlreiche Ausstellungen, national und international, sie war voll des Lobes für Camerons Grundtechniken, und die zahlreichen Übungen und sie endete mit dem Satz, sie würde den Rest ihres Lebens die Morgenseiten schreiben. – War diese Rezension hilfreich? 467 Likes. Die Technik der täglichen handschriftlichen Selbstreflexion, schnell geschrieben im Bewusstseinsstrom, hat es sogar in einen Comic geschafft. Der Bildhauer, the sculptor, von Scott McCloud bekommt die Chance seines Lebens. An Abend seines Geburtstags, den er – leider wieder solo – mit mehreren Gläsern Bier in einem billigen Schnellimbiss verbringt, taucht sein Onkel plötzlich auf, und bringt ihm ein paar verschollen geglaubte Zeichnungen aus seiner Kindheit mit, um ihm, der dabei ist, die Bildhauerei auszugeben, wieder Mut zu machen. Der Onkel bot David einen Deal an: Er schenkt ihm die Fähigkeit, Steine und andere Materialien mit den bloßen Händen formen zu können, 200 Tage lang. Bewusste Leerseiten in einem Buch mag ich eigentlich nicht. Ich erinnere mich an ein Buch, in dem ich es affektiert fand. Hier, beim Bildhauer, passte es. Es war das blanke Nichts, die Leerstelle, der Tod, das pure Entsetzen vor einem bürgerlichen Leben, das der Onkel für David als Alternative zur Bildhauerein entwarf. Wie er da auf drei Seiten in dem schweren, fast 500 Seiten umfassenden Comic ein ganzes Leben skizziert, das ist auch sprachlich sehr amüsant. „Maybe get a job teaching at a community college. // Maybe meet a girl at best buy [!!!, Ausrufezeichen von mir eingefügt. Formulieren die US-Amerikaner das wirklich so?], start dating. // She´ll put up with your crazy habits. // You´ll put up with her musical tastes.“ (…) „You´ll settle down, get a starter house, // two boys, // yellow lab //, minivan.“ „That isn´t me“, stammelt David. Die Kunst wäre dann ein Hobby, in den Keller verbannt. Heirat der Kinder, Scheidung vielleicht, „good times along the way, sweet memories, until it starts to wind down (..) until you don´t recognize the world around you.“ Diese Konfrontation macht David klar, dass er bereit ist, für die Bildhauerei sein Leben zu geben. Er schlägt ein. Deal. Und ein Wettlauf mit der Zeit beginnt.

 
 
 

 

2017 31 Mrz

Quiet City

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„Jetzt weiß ich, warum du so schreibst, wie du schreibst“, sagte N, als ich sie in meine Wohnung einlud und sie aus dem Fenster blickte. Was hatte sie nur gesehen? Gerade Linien, sagte sie. Ich hatte jahrelang in die Wolken geschaut, und die Farben um sie herum. Das Sichtfeld auf Autos abgeklebt, da blieb das Dach des ältesten Hauses der Straße. Wie die Landschaft unsere Körper prägt. Aneinandergeklebte Häuser. Es gab eine Zeit, in der ich keinen eigenen Kühlschrank hatte, und nur Gemeinschaftskühlschränke benutzte. Es kam vor, dass das eigene nicht abschließbare Fach plötzlich leer war. „Dann klaut doch“, schrieb P in Druckbuchstaben auf einen Zettel und hängte ihn vor sein Fach. In kalter Jahreszeit oder wenn es schattig war oder wenn ich von niemandem angesprochen werden wollte, stellte ich die Butter, den Käse einfach draußen aufs Fensterbrett. Im Hotel in Esch ging das nicht. Das Fenster ging nicht nur auf eine stark befahrene Durchgangsstraße raus, sondern Richtung Osten. Der französische oder belgische Käse war also bereits halb geschmolzen, bevor ich ihn zum Frühstück hereinholen konnte. Es war aber so, dass die Sonne den Raum komplett erfüllte. Nach den verregneten Wochen in Winterpullovern ein Highlight. J sagte, der Lärm machte ihm nichts aus und wir tauschten die Zimmer. Jetzt war ich in einem Darkroom gelandet, ohne den großen Schreibtisch, aber mit der Energie von jemandem, das wahrscheinlich in den vergangenen zwei Tagen und Nächten außer einem Nachwort zu einem Gedichtband eines anderen Autors selbst schon wieder ein paar wunderbare Gedichte geschrieben hatte, die ich gern gelesen hätte. Es gab eine schmale Balkontür, dahinter eine Westseite-Terrasse mit allen Vorzügen der Nahrungsmittelkühlung für ein gelungenes Frühstück. Am nächsten Morgen war die Tüte mit dem Käse, die ich an den Außengriff der Balkontür gehängt hatte, verschwunden. Als ich nach Mitternacht ins Bett ging, begannen Vögeln zu singen, stundenlang. Ich wurde von Geräuschen auf der Terrasse geweckt. Eine Krähe pickte in meinem Joghurt herum. Als sie mich sah, neigte sie ihren Kopf zur Seite und verdrehte die Augen.

„Thought is the enemy of flow“, sagt der Drummer Vinnie Colaiuta, und dass er an nichts denkt beim Spiel. Es geht nicht um Analyse oder Kontrolle. Es geht ums Loslassen. Intensive Momente des Auslebens im Maximum des momentanen Könnens. Über den Zustand des Flow ist viel geforscht worden. Es gibt Techniken, dahin zu gelangen, für jeden.

Es ist ein paar Jahre her, als K mit einem Buch ankam und sagte, sie hätte ihren Bücherschrank aufgeräumt und das Buch schon entsorgen wollen, weil sie es nie richtig gelesen habe, sie habe nochmal darin herumgeblättert, wie man es mit Büchern tut, bevor man sie entsorgt, sie habe sich dann aber festgelesen und inzwischen hat das Buch ihr Leben verändert. Der Titel hieß „Der Weg des Künstlers“, die Autorin Julia Cameron. Es ist eine Art Zwölf-Wochen-Programm (kann aber auch länger dauern) zur Entwicklung eines künstlerischen (nicht unbedingt eines schriftstellerischen) Lebens. Es war an einem stürmischen und finsteren Abend, als Julia Cameron zu einem Termin mit einer Auraleserin fuhr, die in einem Häuschen gleich hinter einer gelben blinkenden Ampel wohnte. Julia Cameron erfuhr, sie sei auf die Erde geschickt worden, um über den Zusammenhang von Kreativität und Spiritualität zu lehren. Es war genau die Zeit, als sie an dem Manuskript zu „Der Weg des Künstlers“ arbeitete. In diesem Buch und in weiteren Büchern (am besten erscheinen mir „Von der Kunst des Schreibens“ und „Der Weg zum kreativen Selbst“ – im Englischen klingen die Titel besser, nämlich „The Right to Write“ und „The Vein of Gold“) stellt Julia Cameron eine Fülle von Techniken und Übungsaufgaben für ein selbstbestimmtes künstlerisches Leben vor. Zentral und dauerhaft anzuwenden sind dabei vier Grundtechniken: die Morgenseiten, der Künstlertreff, das tägliche Spazierengehen sowie das Schweigen und bewusste Atmen.

Die „Morgenseiten“ unterscheiden sich grundlegend von einem Tagebuch. Es geht darum, jeden Morgen, möglichst gleich nach dem Aufstehen, drei Seiten (DIN A 4) einfach loszulegen und aufzuschreiben, was einen im Moment des Schreibens bewegt, handschriftlich und ohne dabei abzusetzen, alles in einem Stück. Gedankensprünge, wilde Assoziationen, Alltagsbanalitäten, der Abbruch einer komplizierten Argumentationskette, herumjammern, Selbstlob: alles ist erlaubt. Bei den Morgenseiten kann niemand etwas falsch machen. Ziel der Morgenseiten besteht darin, den inneren Zensor, der die meisten Menschen am flüssigen Schreiben hindert, zu überlisten. Es geht aber auch darum, im dauerhaften Kontakt zu den wahrhaftigen eigenen Gedanken zu stehen. Das ist, wenn man damit beginnt, gar nicht so leicht. Ich selbst hatte vor vielen Jahren mit den Morgenseiten begonnen, kam aber nicht damit zurecht und hörte leider wieder damit auf. Glücklicherweise ließ ich mich vor einigen Jahren von Ks Begeisterung anstecken und bin dabei geblieben. Bei den Morgenseiten handelt es sich keineswegs um Literatur, die Texte sind höchst privat und selbst der Verfasser, die Verfasserin der Morgenseiten sollte sie frühestens erst nach einigen Wochen lesen, wenn überhaupt. Julia Cameron schreibt, die Morgenseiten würden nach etwa vier Wochen „sitzen“, man wäre dann süchtig danach. (Kann ich bestätigen.) Die Morgenseiten werden zu erstaunlichen Veränderungen führen. Julia Cameron erzählte in einem ihrer Bücher von einem schüchternen Mann, der in einer völlig unterdrückten Beziehung lebte, sich nach einigen Monaten dann trennte und nach ein paar weiteren Monaten nach Indien reiste. Vor allem aber lehren die Morgenseiten das Loslassen, den Flow. Julia Cameron formuliert es so: die Morgenseiten versetzen uns in den Zustand eines sendebereiten Radios. Gemeint ist, die Morgenseiten schaffen eine Leerstelle, die von neuen Gedanken gefüllt werden kann. Hier setzen die anderen Techniken ein.

2017 26 Feb

Spiegelungen, im Blau

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Die Kuppel im Eingangsbereich der Bibliothek sorgt für kleine, durchdachte Irritationen. Die Akustik ist enorm, ein Spiel mit den Absätzen. Wer an einem hellblauen Tag erst am späten Nachmittag das Gebäude betritt, wird über eine Strecke von einigen Metern von der Wucht der Sonnenstrahlen geblendet, strauchelt, bevor er oder sie die nächste Glastür erreicht, die Eintrittskarte für den Skanner schon bereit. An der Garderobe sitzt eine Lady, die Beine übereinander, sie blättert durch ein buntes Magazin, gelangweilt im Sommer, wenn ihr Platz nur eine symbolische Bedeutung hat, weil niemand eine Jacke trägt, die abzugeben wäre. Schräg gegenüber haben auf einer größeren und etwas erhöht liegenden Theke zwei Männer ihren Platz. Es sind immer Männer, dort. Ich habe keine Ahnung, welche Bedeutung sie haben, security undercover, es sieht so aus, als hätte ihr Job etwas mit Technik zu tun. Am späten Abend, kurz bevor die Bibliothek ihre Tore schließt, betätigen sie ihre Hebel, sie schalten die Lichter aus, zuerst die in den Lesesälen. Dann spiegeln sich Computerarbeitsplätze mit ihren Bildschirmen auf solche Art im Glas zwischen den Streben der gläsernen Kuppel, dass ich gern zurückkehren würde, ein einziges Mal. Doch jetzt passieren die letzten Besucher, die Angestellten der Spätschicht die Ausgangskontrolle. Die Schlösser der Spinde drehen sich, sie geben die eingeworfenen Münzen zurück.

… und bringt bitte einen Text mit, der euch sehr gut gefällt, den ihr aber nicht selbst geschrieben habt, Genre egal, maximal eine Seite, bitte für alle kopieren und ein paar Argumente überlegen, die aus eurer Sicht für die Qualität des Textes sprechen …

 

D. hatte einen schmalen Erzählungsband von Denis Johnson dabei: Jesus´ Sohn. Er fing einfach an zu lesen und es war gleichgültig, dass wir weder den Zusammenhang noch den Titel der Geschichte kannten. Er begann so: „Kurz darauf standen Autoschlangen auf beiden Seiten der Brücke, Scheinwerferlicht schuf um den dampfenden Schrotthaufen eine Stimmung wie bei einem nächtlichen Fußballspiel, und Kranken- und Polizeiwagen bahnten sich zögernd ihren Weg, so dass die Luft farbig zuckte.“ Ein paar Absätze später folgte eine Passage, die die Stimmung im Raum veränderte.

„Dann kam die Frau den Gang hinunter. Sie war eine Pracht – sie glühte. Sie wusste noch nicht, dass Ihr Mann tot war. Wir wussten es. Das gab ihr diese Macht über uns. Der Doktor bat sie in ein Zimmer mit einem Schreibtisch am Ende des Ganges, und unter der geschlossenen Tür strömte ein strahlend heller Glanz hervor, als würden dort drinnen in einem phantastischen Verfahren Diamanten zu Asche verbrannt. Was für Lungen! Sie schrie schrill auf, so wie, vermute ich mal, ein Adler aufschreit. Es war ein wunderbares Gefühl, am Leben zu sein und das zu hören! Überall habe ich seither dieses Gefühl gesucht.“

Während D. darüber sprach, was ihn an Denis Johnson faszinierte und welches seine Lieblingsbücher waren, klebten meine Augen auf dem Satz: „Das gab ihr diese Macht über uns.“ Worin liegt die Macht einer Frau, die in der Illusion lebt, ihr Mann würde leben? Sie lebt in der Gewissheit, dass ihre Liebe existiert. Dies ist ihre Wahrheit und eine Erfahrung, die in ihrem Körper gespeichert ist. Es ist ihre Kraftquelle, der sich die anderen nicht entziehen können. Darin liegt ihre Macht. Die Nachricht des Arztes verändert ihren Körper, die Konfrontation mit der Wirklichkeit zerstört die Frau. Und welches Gefühl sucht der Erzähler, vergeblich? Die Lebendigkeit. [Heute mal große Worte, Guerrilleros, der Mond irgendwo über dem Lagerfeuer.]


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