Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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„Thought is the enemy of flow“, sagt der Drummer Vinnie Colaiuta, und dass er – natürlich – an nichts denkt beim Spiel. Es geht nicht um Analyse oder Kontrolle. Es geht ums Loslassen. Intensive Momente des Auslebens im Maximum des momentanen Könnens. Über den Zustand des Flow ist viel geforscht worden. Es gibt Techniken, dahin zu gelangen, für jeden.

Es ist ein paar Jahre her, als K mit einem Buch ankam und sagte, sie hätte ihren Bücherschrank aufgeräumt und das Buch schon entsorgen wollen, weil sie es nie richtig gelesen habe, sie habe aber nochmal darin herumgeblättert, sich festgelesen und jetzt würde es ihr Leben komplett verändern. Das Buch hieß „Der Weg des Künstlers“, die Autorin Julia Cameron. Es ist eine Art Zwölf-Wochen-Programm zur Entwicklung eines künstlerischen (nicht unbedingt eines schriftstellerischen) Lebens. Es war an einem stürmischen und finsteren Abend, als Julia Cameron zu einem Termin mit einer Auraleserin fuhr, die in einem Häuschen gleich hinter einer gelben blinkenden Ampel wohnte. Julia Cameron erfuhr, sie sei auf die Erde geschickt worden, um über den Zusammenhang von Kreativität und Spiritualität zu lehren. Es war genau die Zeit, als sie an dem Manuskript zu „Der Weg des Künstlers“ arbeitete. In diesem Buch und in weiteren Büchern (am besten erscheinen mir „Von der Kunst des Schreibens“ und „Der Weg zum kreativen Selbst“ – im Englischen klingen die Titel besser!) stellt Julia Cameron eine Fülle von Techniken und Übungsaufgaben für ein selbstbestimmtes künstlerisches Leben vor. Zentral und dauerhaft anzuwenden sind dabei drei Techniken: die Morgenseiten, der Künstlertreff und das Gehen. Die „Morgenseiten“ unterscheiden sich grundlegend von einem Tagebuch. Es geht darum, jeden Morgen, möglichst gleich nach dem Aufstehen, drei Seiten (DIN A 4) handschriftlich genau das aufzuschreiben, was einen im Moment des Schreibens bewegt, allerdings ohne dabei abzusetzen, also in einem Stück. Gedankensprünge, wilde Assoziationen, Alltagsbanalitäten, der Abbruch einer komplizierten Argumentationskette, herumjammern, Selbstlob: alles ist erlaubt. Bei den Morgenseiten kann niemand etwas falsch machen. Ziel der Morgenseiten besteht darin, den inneren Zensor, der die meisten Menschen am flüssigen Schreiben hindert, zu überlisten. Es geht aber auch darum, im dauerhaften Kontakt zu den wahrhaftigen eigenen Gedanken zu stehen. Das mag einfach klingen. Ist es aber nicht. Ich selbst hatte vor vielen Jahren mit den Morgenseiten begonnen, kam aber nicht damit zurecht und hörte leider wieder damit auf. Glücklicherweise habe ich mich jedoch von Ks Begeisterung anstecken lassen und bin dabei geblieben. Bei den Morgenseiten handelt es sich keineswegs um Literatur, die Texte sind höchst privat und selbst der Verfasser der Morgenseiten sollte sie frühestens erst nach einigen Wochen lesen, wenn überhaupt. Julia Cameron schreibt, die Morgenseiten würden nach etwa vier Wochen „sitzen“, man wäre dann süchtig danach. (Kann ich bestätigen.) Die Morgenseiten werden zu erstaunlichen Veränderungen führen. Julia Cameron erzählte in einem ihrer Bücher von einem schüchternen Mann, der in einer völlig unterdrückten Beziehung lebte, sich nach einigen Monaten dann trennte und nach ein paar weiteren Monaten nach Indien reiste. Vor allem aber lehren die Morgenseiten das Loslassen, den Flow. Julia Cameron formuliert es so: die Morgenseiten versetzen uns in den Zustand eines sendebereiten Radios. Gemeint ist, die Morgenseiten schaffen eine Leerstelle, die von neuen Gedanken gefüllt werden kann. Hier setzen die anderen Techniken ein.

 

 

2017 26 Feb

Spiegelungen, im Blau

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Die Kuppel im Eingangsbereich der Bibliothek sorgt für kleine, durchdachte Irritationen. Die Akustik ist enorm, ein Spiel mit den Absätzen. Wer an einem hellblauen Tag erst am späten Nachmittag das Gebäude betritt, wird über eine Strecke von einigen Metern von der Wucht der Sonnenstrahlen geblendet, strauchelt, bevor er oder sie die nächste Glastür erreicht, die Eintrittskarte für den Skanner schon bereit. An der Garderobe sitzt eine Lady, die Beine übereinander, sie blättert durch ein buntes Magazin, gelangweilt im Sommer, wenn ihr Platz nur eine symbolische Bedeutung hat, weil niemand eine Jacke trägt, die abzugeben wäre. Schräg gegenüber haben auf einer größeren und etwas erhöht liegenden Theke zwei Männer ihren Platz. Es sind immer Männer, dort. Ich habe keine Ahnung, welche Bedeutung sie haben, security undercover, es sieht so aus, als hätte ihr Job etwas mit Technik zu tun. Am späten Abend, kurz bevor die Bibliothek ihre Tore schließt, betätigen sie ihre Hebel, sie schalten die Lichter aus, zuerst die in den Lesesälen. Dann spiegeln sich Computerarbeitsplätze mit ihren Bildschirmen auf solche Art im Glas zwischen den Streben der gläsernen Kuppel, dass ich gern zurückkehren würde, ein einziges Mal. Doch jetzt passieren die letzten Besucher, die Angestellten der Spätschicht die Ausgangskontrolle. Die Schlösser der Spinde drehen sich, sie geben die eingeworfenen Münzen zurück.

… und bringt bitte einen Text mit, der euch sehr gut gefällt, den ihr aber nicht selbst geschrieben habt, Genre egal, maximal eine Seite, bitte für alle kopieren und ein paar Argumente überlegen, die aus eurer Sicht für die Qualität des Textes sprechen …

 

D. hatte einen schmalen Erzählungsband von Denis Johnson dabei: Jesus´ Sohn. Er fing einfach an zu lesen und es war gleichgültig, dass wir weder den Zusammenhang noch den Titel der Geschichte kannten. Er begann so: „Kurz darauf standen Autoschlangen auf beiden Seiten der Brücke, Scheinwerferlicht schuf um den dampfenden Schrotthaufen eine Stimmung wie bei einem nächtlichen Fußballspiel, und Kranken- und Polizeiwagen bahnten sich zögernd ihren Weg, so dass die Luft farbig zuckte.“ Ein paar Absätze später folgte eine Passage, die die Stimmung im Raum veränderte.

„Dann kam die Frau den Gang hinunter. Sie war eine Pracht – sie glühte. Sie wusste noch nicht, dass Ihr Mann tot war. Wir wussten es. Das gab ihr diese Macht über uns. Der Doktor bat sie in ein Zimmer mit einem Schreibtisch am Ende des Ganges, und unter der geschlossenen Tür strömte ein strahlend heller Glanz hervor, als würden dort drinnen in einem phantastischen Verfahren Diamanten zu Asche verbrannt. Was für Lungen! Sie schrie schrill auf, so wie, vermute ich mal, ein Adler aufschreit. Es war ein wunderbares Gefühl, am Leben zu sein und das zu hören! Überall habe ich seither dieses Gefühl gesucht.“

Während D. darüber sprach, was ihn an Denis Johnson faszinierte und welches seine Lieblingsbücher waren, klebten meine Augen auf dem Satz: „Das gab ihr diese Macht über uns.“ Worin liegt die Macht einer Frau, die in der Illusion lebt, ihr Mann würde leben? Sie lebt in der Gewissheit, dass ihre Liebe existiert. Dies ist ihre Wahrheit und eine Erfahrung, die in ihrem Körper gespeichert ist. Es ist ihre Kraftquelle, der sich die anderen nicht entziehen können. Darin liegt ihre Macht. Die Nachricht des Arztes verändert ihren Körper, die Konfrontation mit der Wirklichkeit zerstört die Frau. Und welches Gefühl sucht der Erzähler, vergeblich? Die Lebendigkeit. [Heute mal große Worte, Guerrilleros, der Mond irgendwo über dem Lagerfeuer.]

2017 11 Feb

Breakfast at home

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2017 11 Feb

Handschriften deuten

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Es ist einige Tage her, als ich eine Postsendung erhielt, auf der meine Adresse in Handschrift notiert war. Ein schwungvolles, sympathisches Schriftbild, mittelgroß, blauer Kugelschreiber, gut lesbar. Ich entdeckte über der handschriftlichen Adresse ein Feld, auf der meine Adresse in Druckbuchstaben klebte. Offensichtlich wollte die Postverteilungsstelle ihren Postboten nicht zumuten, eine handschriftlich geschriebene Adresse zu entziffern. So etwas sah ich zum ersten Mal. Das Verschwinden der eigenen Handschrift im Alltag hat logischerweise die Konsequenz, dass die Fähigkeit und auch die Bereitschaft, Handschriften anderer zu entziffern, schwindet. Das ist nicht nur ein kultureller, sondern auch menschlich grundlegender Verlust, es geht um die Wurzeln, um die Verbindung zu etwas Innerem, denn das Schreiben von Hand ist tief mit unserer Persönlichkeit verknüpft. Ich war ungefähr 16, als ich – ich weiß nicht mehr wie – an ein Buch mit dem Titel „Handschriften deuten“ geriet. Es ging darum, ein Gespür für Handschriften zu schulen, Rückschlüsse auf die Persönlichkeit des Autors zu trainieren, angefangen von der Art und Weise, wie der Raum auf einer Seite Papier genutzt wurde, über den Gesamteindruck des Schriftbildes zur Interpretation der Art und Weise, wie einzelne Buchstaben geschrieben wurden. Ich verbreitete mein neues Wissen schnell in der Schule, was dazu führte, dass wir, wenn jemand etwas an die Tafel schrieb, uns gegenseitig Kommentare zuraunten, etwa der Art, schau dir mal das „g“ an. (Im Buchstaben „g“ zeigt sich alles über die Sexualität.) Ich begann natürlich auch damit, meine eigene Handschrift kritisch zu betrachten und überlegte, ob – umgekehrt – die bewusste Veränderung meiner Handschrift auch zu einer Veränderung meiner Persönlichkeit führen könnte. Ich erkannte alle meine Freundinnen an ihrer Handschrift und ich liebte die Handschriften meiner Freunde. Ich ahmte die Lässigkeit in deren Schriftbild nach, experimentierte mit kleinen Veränderungen. Während meiner Studienzeit verbreiteten sich PCs, ich stieg relativ spät darauf ein, war dann aber – typisch für mich – völlig begeistert davon, wie leicht es plötzlich war, Hausarbeiten nicht mehr handschriftlich mühsam und mit zahlreichen Ergänzungen vorschreiben und mit der Schreibmaschine abtippen zu müssen, sondern die Texte beim Schreiben sich entwickeln zu lassen und gleich oder auch noch später, vor Abgabeschluss, korrigieren zu können. Mittlerweise kenne ich kaum noch die Handschriften neuer Bekanntschaften oder Freunde. Manchmal bin ich auch skeptisch, ob andere meine Handschrift entziffern können, und beim Schreiben von Zahlen bin ich sehr genau, wenn andere sie lesen sollen. Es war noch tief im vergangenen Jahrtausend, als ich einen Liebesbrief schrieb, der allerdings einige Tage später wieder in meinem Briefkasten landete. Die Postleitzahl des Adressaten war unterstrichen, daneben ein Fragezeichen. Die Mitarbeiter der Post hatten meine handschriftlich geschriebene Postleitzahl nicht lesen können. Ich war wirklich baff, ließ den Brief ein paar Tage in einer Schublade verschwinden, und warf ihn in den Müll.

2017 31 Jan

Keys For Nothing

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Als ich nach meinem Abitur endlich aus der elterlichen Wohnung auszog, war es eine Zeit der Wohnungsnot. Mein Budget war begrenzt und mir wurde wieder eine Art Sozialauslese durch finanzielle Mittel bewusst. K, die ich aus der Schule kannte, hatte über irgend jemanden ein günstiges Zimmer in einem Hinterhaus in der Mitte Heidelbergs bezogen, direkt gegenüber der Heiliggeistkirche. Es wurde ein Zimmer im unteren Stock frei, und ich zog ein. Der Vermieter pflegte in Zeiten, die vor jeder Genderdebatte lagen, die Philosophie, die Zimmer in seinem Haus nur an Frauen zu vermieten. Da war eine dunkle Bar, aus der Kerzenständer aus Messing leuchteten, da gab es das Hotel Ritter, und dazwischen lag der lange Gang, der in einen kleinen Hinterhof führte und dann zur Treppe in unser Haus. Nichts war abgeschlossen. Jeder neugierige Tourist hätte sich an meine Zimmertür verirren können. Wir stellten unsere Fahrräder in den Innenhof, und in den Mülltonnen entdeckte ich einmal eine Ausgabe der Kosmopolitan, nahm sie mit in mein Zimmer und ließ mich von einer schlüpfrigen Story mitreißen. Ich dachte, jetzt müsste ich die richtigen Entscheidungen treffen, es müssten die richtigen Zufälle passieren, und mein eigentliches Leben könnte beginnen. Einmal entdeckte ich im Germanistischen Seminar das Buch „Becoming a Writer“ von Dorothea Brande, aber jemand musste es falsch abgelegt haben, ich fand es nicht wieder und verlor jeden Faden. Die Treppe in unser Haus war aus Holz, sie knarrte bei jedem Schritt. Ich hatte mir ein aufregendes Leben mit K erhofft, aber sie traf sich mit einem Schauspieler, der mehr als dreimal so alt war wie sie und der, wenn wir doch einmal zu dritt ausgingen, sich darüber lustig machte, dass ich gerade solo war. Ks Zimmer roch nach einer Mischung aus Schwarztee und Schokolade und ich wünschte, mein Zimmer würde auch so riechen. Die Fenster waren einfach verglast, hier habe ich die schönsten Eisblumen gesehen, in diesem einen Winter. Die Glocken der Kirche schlugen so regelmäßig, dass ich mir immer wieder überlegte, was ich in der eben vergangenen Viertelstunde getan hatte. Das Zimmer war winzig, das Haus war so schlecht isoliert, dass ich jeden Schritt der Studentin über mir hörte und es schien mir, sie lief den ganzen Tag in ihren bunten Socken auf einem schäbigen Teppich in ihrem Zimmer hin und her. K und ich nannten sie unter uns den Tiger. Mein Zimmer war so wenig repräsentativ, dass einer meiner Nachhilfeschüler, der zwanzig Kilometer zu einer Nachhilfestunde angereist kam, vor Entsetzen nie wieder das Haus betrat. Als ich einzog, hing an der Wand neben dem Schreibtisch eine kleine goldenfarbene Uhr an einer Kette. Sie funktionierte noch und die Art, wie sie da mit ihrer Kette schwungvoll drapiert war, gefiel mir. Auf dem Fußboden hatte die vorherige Bewohnerin eine kleine Schachtel aus mittelbraunem Holz liegen gelassen, mit einer schlichten Gravur auf dem Deckel. Die Schachtel behielt ich, auch als ich ein paar Monate später auszog. Ich sammelte kleine Schlüssel darin, Schlüssel für Fahrräder, für Fahrradkörbe, später den Schlüssel für meinen PC, den Schlüssel für ein Schloss, das ich für einen Spind in die Uni mitnahm. Irgendwann lagen darin nur noch Schlüssel für Schlösser, die ich längst aufgegeben hatte und die es nicht mehr gab.

Gespräch mit Angela Regius, einer der Organisatorinnen des Filmkreis Short an der TU Darmstadt über die Wirkung Eisenstein´scher Montagen und wie ein 120-Minuten Programm aus 26 Stunden Kurzfilmmaterial entsteht.

 

Martina: Kannst du dich daran erinnern, als du zum ersten Mal einen Kurzfilm gesehen hast, der dich richtig gepackt hat?

Angela: Es ist gar nicht einfach, Kurzfilme zu sehen zu bekommen, weil sie selten im Kino laufen, eher im Fernsehen, auf arte. Zum ersten Mal habe ich Kurzfilme vor einigen Jahren gesehen, bei uns im Unikino in Darmstadt. Der Studentische Filmkreis an der TU Darmstadt zeigt vor jedem Hauptfilm Kurzfilme. Ich erinnere mich an einen Kurzfilm ohne Worte, es ging um junge Leute, die in eine Wohnung eingebrochen sind, aber nicht, um etwas zu stehlen, sondern um Musik mit Alltagsgegenständen zu machen. Mir gefiel die Idee, und die Umsetzung.

Martina: Die Idee erinnert mich an den Film „Die fetten Jahre sind vorbei“, wo junge Weltverbesserer in Häuser wohlhabender Leute einbrechen und aus dem Designer-Mobiliar turmartige Gebilde bauen, um die Bewohner in einen Zustand der Unsicherheit zu versetzen… Und dann hast du dich mehr mit dem Kurzfilm beschäftigt…

Angela: Seit dem Jahr 2003 gibt es beim Studentischen Filmkreis an der TU Darmstadt einen Kurzfilmabend. Außerdem gibt es in jeder größeren Stadt Kurzfilmfestivals oder Festivals mit Kurzfilmprogramm, zum Beispiel ein Open Air Kurzfilmfestival in Darmstadt-Weiterstadt, in Frankfurt, in Wiesbaden. Diese Festivals finden nur einmal jährlich statt. Wer den Kurzfilm sucht und recherchiert, wird schnell fündig.

Martina: Schaust du auch Kurzfilme auf DVDs oder auf anderen Medien, im Internet zum Beispiel, auf youtube oder Vimeo?

Angela: Ich konzentriere mich auf die Festivals. Sie haben den Vorteil, dass ich dort Kontakt zu den Filmemachern bekomme und die Filme dort kuratiert werden. Ansonsten versinkt man bei der ganzen Auswahl, vor allem online. Zurzeit werden sehr viele Kurzfilme produziert, Smartphones und Digitalkameras erleichtern das.

Martina: Das Genre des Kurzfilms ist ja recht weit definiert. Kurzfilme können von wenigen Minuten, vielleicht nur einer Minute, bis 30 Minuten lang sein. Es gibt fließende Übergänge zum Langfilm. Das Filmförderungsgesetz hat seiner aktuellen, seit Anfang des Jahres geltenden Fassung den Begriff des Kurzfilms durch seine Dauer von bis 30 Minuten definiert und Förderprogramme eingeführt, um die Rolle des Kurzfilms als Vorfilm wieder zu stärken. Ich habe mehrere Jahre lang regelmäßig die Sendung „Kurzschluss“ auf arte verfolgt. Es gibt so erfrischend viele Ansätze und Arten von Kurzfilmen, witzige, rätselhafte, auf Pointe gemachte, es gibt Animationsfilme, sozialkritische Filme und Poesiefilme, die ein Gedicht verbildlichen, während der Text des Gedichtes gesprochen oder eingeblendet wird. Ich mochte am liebsten die Kurzfilme, die sich gegen eine Vereinnahmung gesperrt und mir eine Welt gezeigt haben, die mir unbekannt war. Bei welcher Art von Kurzfilm geht dir das Herz auf?

Angela: Im Gegensatz zu Langfilmen, bei denen fast immer einen Grundaufbau befolgt wird, hat man beim Kurzfilm viel mehr Freiheiten. Mich interessiert es am meisten, wenn mit dem Format `Film´ etwas Neues gemacht wird. Etwas herumprobieren, etwas aufnehmen und zusammenschneiden und damit experimentieren, was daraus werden kann.

Martina: Die Grenzen des Genres erweitern. Es ist übrigens ein zentraler Satz, den ich vor vielen Jahren in einem Marketingratgeber für Autoren gelesen habe.

Angela: Die Arbeit mit der Technik gehört bei der Filmarbeit dazu. Die Geschichte entsteht erst bei der Edition des Films, es kommt dabei auf Nuancen an. Kennst du die Eisenstein´schen Montagen? Dabei werden zwei Aufnahmen, die unabhängig voneinander gemacht wurde, miteinander verschnitten, so dass sie eine neue Bedeutung bekommen. Ein Beispiel wären Aufnahmen von Kinderarbeit mit Aufnahmen menschlicher Knochen.

Martina: Von dieser Technik hat Alexander Kluge in seiner Poetikvorlesung erzählt. Er sagte, durch die Kombination zweier voneinander unabhängiger Aufnahmen entstünde im Zwischenraum etwas Neues. In der Literatur nennt man das cut-up. Brian Gysin hat die Methode entwickelt, indem er eine Zeitung zerschnitten, die Teile verschoben und wieder zusammengesetzt hat. – Wie arbeitet ihr im Filmkreis Shorts?

Angela: Wir sind fünf Personen, die die Bewerbungen sichten. Einmal im Jahr präsentieren wir eine Auswahl der Filme, die uns erreicht haben. Inzwischen vergeben wir auch zwei Preise. Früher kamen die Bewerbungen von den Filmhochschulen und von lokalen Filmemachern. Inzwischen kommen die Filme von überall her, von Filmhochschulen, von unabhängigen Filmemachern und immer mehr von Agenturen, die dann die Filme vermarkten. Viele Filme kommen aus dem englischsprachigen Ausland, vor allem aus den USA und aus Großbritannien. Diese Filme müssen dann entweder deutsche oder englische Untertitel haben.

Martina: Wie werden die Filmemacher und die Agenturen auf euch aufmerksam?

Angela: Wir haben eine umfassende Facebookseite, einen Internetauftritt und man findet uns auch über Internetseiten zum Kurzfilm, zum Beispiel

 
www.shortfilm.de

www.ag-kurzfilm.de

www.niewiedershakespeare.de
 
Ansonsten spreche ich Filmemacher auch direkt an, entweder persönlich auf Festivals oder via Email.

Martina: Wie viele Einreichungen erreichen euch?

Angela: Die Zahl der eingereichten Filme ist wegen der extrem unterschiedlichen Länge der Filme nicht so aussagekräftig, eher die Gesamtlänge. Im vergangenen Jahr waren es etwa 18 Stunden Filmmaterial (100 Einreichungen). In diesem Jahr waren es 26 Stunden (140 Einreichungen).

Martina: Wie geht ihr als Vorjury bei der Auswahl vor?

Angela: Jede Person sieht alle Filme an. Etwa drei Monate lang akzeptieren wir Einreichungen, bis Ende Oktober. Wir treffen uns dann zeitnah zur Programmauswahl. Jede Person kann Filme bis zu einer bestimmten Gesamtlänge nominieren. Wir diskutieren dann über alle Filme, die auf diese Weise im Rennen sind. Wenn die Mehrheit von uns nach der Diskussion über einen Filmes gegen dessen Nominierung ist, fliegt der Film erstmal raus. So reduzieren wir die Zahl der Filme allmählich. Später arbeiten wir mit einem Punktesystem. Das wichtigste ist die Ausgewogenheit des Gesamtprogramms. Experimentalfilme, Animationsfilme, Dokumentarfilme, das alles wollen wir dabei haben.

Martina: Bei den meisten Wettbewerben fällt schon eine große Zahl von Bewerbungen beim ersten Durchsehen aus dem Stapel derjenigen, die überzeugen können. Was macht eigentlich einen schlechten Film aus?

Angela: Ein schlechter Film ist meistens einfallslos; man merkt, dass ein Film ohne Bewusstsein über das Medium gemacht wurde. Ein Beispiel wäre, dass die Kamera einfach nur irgendwo hin gestellt wird und zwei Leute einen Text aufsagen.

Martina: Ich denke gerade an „Coffee & Cigarettes“ von Jim Jarmusch, der Film besteht aus mehreren Kurzfilmen, bei denen fast immer zwei Leute reden. Ich meine mich aber zu erinnern, dass die Kamera nicht still steht. Kommt immer darauf an, wie etwas gemacht ist. Du beschäftigst dich seit etwa sechs Jahren mit dem Kurzfilm. Wie hat sich das Genre in der Zeit verändert?

Angela: Mein Eindruck ist, dass es immer mehr technisch und schauspielerisch perfekte Filme mit gradlinigem Plot gibt, die sich aber nicht so viel trauen. In den vergangenen zwei Jahren gibt es viele politische Filme, die die Flüchtlingslage aufarbeiten.

Martina: Den Eindruck, dass die Filme leichter verständlich und perfekter, aber langweiliger, sogar pädagogischer werden, hatte ich in den vergangenen Jahren auch. Was meinst du, woran liegt es? Hast du darüber mit Filmemachern auf Festivals gesprochen?

Angela: Oft werden Kurzfilme von jungen Filmemachern gedreht, um ein Portfolio für den Einstieg ins Film- oder Fernsehgeschäft aufzubauen. Da möchte man auf Festivals gespielt werden und Preise gewinnen. Sobald etwas aneckt, wird das schwierig. Ich merke das auch bei uns: Fünf Personen, fünf Meinungen. Bis wir ein Programm, mit dem alle einverstanden sind, zusammengestellt haben, fällt einiges heraus. Das ist natürlich eine spannende Aufgabe, der wir uns sehr gerne und mit viel Verantwortungsbewusstsein widmen. So ist auch wieder das Programm für dieses Jahr entstanden, das viele verschiedenen Seiten des Kurzfilms zeigt.

Martina: Danke, Angela, dass du dir die Zeit für unser Gespräch genommen hast.

Angela: Danke ebenso, auch für den Tee.

Martina: Bis Samstag dann.
 
 

3. Filmkreis Shorts Kurzfilmwettbewerb, Samstag, 21. Januar 2017, 19.00 Uhr, Audimax Universität Darmstadt

Weitere Informationen: www.filmkreis.de/shorts

Es werden dreizehn Kurzfilme mit einer Gesamtdauer von 120 Minuten gezeigt. Vergeben werden ein Jurypreis und ein Publikumspreis.

 

Liste der Filme, die am 21.01. vorgeführt werden:

 

Last Call Lenny
Ein Sommertag
doors of perception
ANNA
Maman und das Meer
Monsterfilm
Blight
All the World is a Stage
Die Blaue Sophia
The Alan Dimension
Hausarrest
Über Druck
Our Wonderful Nature – The Common Chamaeleon

 
 
 

 

I´ve met God across his long walnut desk with his diplomas hanging on the wall behind him and God asked me, „Why?“ Why did I cause so much pain? Didn´t I realize that each of us is a sacred, unique snowflake of special unique specialness? Can´t I see how we´re all manifestations of love? I look at God behind his desk, taking notes on a pad, but God´s got this all wrong. We are not special. We are not crap or trash, either. We just are. We just are, and what happens, just happens. And God says, “No, that´s not right.” Yeah. Well. Whatever. You can´t teach God anything.

Chuck Palahniuk: Fight Club

2017 3 Jan

Fortune Cookies

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Did you ever buy a fortune cookie, as a New Year´s present for friends? Few years ago I did so. I thought of charming translation mistakes caused by google-translation programs and sentences like “Wenn Sie einen auto besteigen wird wunder” with their wiggle room. So I should have bought the cookie carton in a Chinese shop, but I thought of the quality of the cookies itself and made the mistake to buy them in a health-food shop. Logically the sentences were a bit innocent, tame and devoid of fun. “The way is up – follow your heart.” Or: “Say clearly what you mean and everybody will listen to it.” Buzz: no matches.

Adrian Tomine´s awesome graphic novel “shortcomings” starts with a movie´s closing scene, presented in an asian-american film festival. A woman, who had most of her life felt distant from her grandfather, enters his aging fortune cookie factory and realizes the connection between her grandfather and his job. The old man picks one of the fortune cookies from the shelves and gives it to his granddaughter. She breaks the cookie and reads the wisdom aloud: “Your love live will be happy and harmonious.” She´s touched, hugs her grandfather. The audience applauds zealously. Still Ben Tanaka, the main character, is bored. Actually I could imagine that kind of sentence in a cookie-box bought in health-food shop as well. So, how spotting really good fortune cookie sentences? There´s a poem by Frank O´Hara titled “Lines For The Fortune Cookies” that consists of about 30 lines you could find in a high class poetic fortune cookie box. A lot of people in this room wish they were you. Or: You are a prisoner in a croissant factory and you love it.

It´s a funny idea to build a poem that way, but it´s like William Carlos William´s Red Wheelbarrow. The merit is the poetic approach, and each copy or variation of the idea is – just a copy. Oh, but Lajla had a great idea for the fortune cookies she produced by herself for our first manafonistas meeting at Sylt island 1 ½ years ago. She picked sentences from the blog itself and we had to guess who wrote it. Next time you get in a car to drop by a friend, something strange´s gonna happen.

 
 
 

 


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