Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Eine Autofahrt durch Los Angeles bei Nacht. Sunset Boulevard, Bevery Hills, der Black Clock Park. Wer von der Zed Zeitzone in die Mulholland Zeitzone gelangt, muss die Uhr acht Minuten vorstellen, um nicht die Orientierung zu verlieren. Aber man verliert die Orientierung schnell. Im Autoradio läuft Jajoukamusik aus Nordafrika, immer auf Station 3. Es war Vivs Idee, Sarah zu kidnappen und während der Erzähler im Rückspiegel zusieht, wie sich Viv und Sarah gegenseitig entkleiden und küssen, weiß er selbst nicht, ob das schon die Probe für den Pornofilm ist oder noch ein Teil der Bewerberauswahl. Von der Ocean Zeitzone geht es in die Zeitzone des Vergessens. Elf Minuten Zeitunterschied. Wer ist hier verantwortlich für den Plot? Justine findet sich überall in der Stadt auf Plakaten, niemand weiß, wofür sie wirklich Werbung macht, dieser rote Engel von L.A. Der Erzähler in „Amnesiascope“ arbeitet als Filmkritiker bei einer Zeitung, die Sache mit dem Pornofilm war eine gemeinsame Idee mit Viv. Weißes Geflüster. Eine Begegnung in einer Bar (oder nicht?), eine Begegnung im Hotel (oder doch nicht?). Und wie kommt es, dass immer wieder Leute in der Stadt über den Film „Der Tod des Marat“ diskutieren, wenn es den Film gar nicht gibt? Viv ist Künstlerin, ihr Projekt ist eine Konstruktion von Fernrohren, das Memoryscope, dafür reist sie nach Europa. Die Plakate mit Justine lösen sich auf, sie hängen in Streifen herunter. Die Zeitzonen werden kleiner und kleiner, bis es Millionen von Uhren gibt in der Stadt, und jede von ihnen zeigt eine andere Uhrzeit. Der Erzähler ruft eine Nummer an und er selbst meldet sich, ein Ich aus früherer Zeit. „Amnesiascope“, dieser wundervolle Roman von Steve Erickson aus dem Jahr 1996 wurde nie ins Deutsche übersetzt. Dieser Roman mit seinen doppelten Böden ist ein Grundlagenwerk zu Traumlogik und Apokalypse. Es gehört zu den Büchern, die wir deshalb brauchen, weil sie die Wirklichkeit unmöglich machen.

 

 
 
 

Wanna go to the theatre tonight? You prefer the movies? You like books, too? Well, in this film you are in a Broadway theatre, but in fact it´s a movie about a theatre play based on one of the most famous short stories by Raymond Carver. In the café bar next to the theatre sits Mrs. Dickinson from the New York Times and she said she´d write the worst critic ever. I went by bike to the DVD-shop, I just knew the film´s title, “Birdman”, a pure recommendation without any comment but “it´s about artists´ life and I really liked it”, and during the first minutes of the film I recognized the director from the plot´s energy and the camerawork and the way every actor affected the next line of the other. Film music´s just drums, solo drums. Oh, and Mrs. Dickinson critic was the best she ever wrote. But nowadays it´s not a critic in the New York Times which makes one famous, isn´t it?

 

2018 12 Mrz

The Level of Mystery

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I wait for wisdom and the moment when my life is revealed to have ballast, and in the waiting I´m left believing, fifty-one days out of a hundred, that God exists – or at least that life exists on the level of mystery – but also just suspicious enough, just faithless enough that, in my suspicion and faithlessness, I´m bound to proceed through the remaining forty-nine on the awful, nearly unspeakable assumpting that there is no mystery at all, only molecules.

Steve Erickson: Amnesiascope

Short short comics, die nur an einer Stelle spielen. Bei Bill Bragg ist es eine verschneite Straßenecke mit einer Laterne bei Nacht. Ich hatte – es ist eine Zeitlang her – hier darüber geschrieben, die kleine Bilderstory findet sich auf der Website des Künstlers. Richard McGuire hat für seine Comicerzählung „Here 1989“ ein noch unauffälligeres Setting ausgewählt:

 
 
 

 
 
 

Die Ecke eines us-amerikanischen Wohnzimmers wird zum Ausgangspunkt einer vielschichtigen Reise durch Zeit und Raum. In den Hauptpannel werden immer wieder kleinere Pannels eingefügt, die sich manchmal nur auf ein Detail beziehen, etwa auf einen Hund oder ein vom Couchtisch fallendes Glas oder ein durchs Fenster geworfener Fußball. Alle Pannels sind mit Jahreszahlen versehen und scheinbar wild, aber doch durchdacht, gemixt; der Blickwinkel, die Achse des Betrachtenden ist immer die gleiche. Der zeitlich früheste Pannel eine glühende Erdmasse, der zeitlich späteste im Jahr 2033, das Haus steht nicht mehr und es findet eine Art militärischer Feier statt. Die Gesprächsfetzen sind knapp gehalten und banal. Historie und die Geschichten der Menschen mit ihren Wendepunkten spielen sich hauptsächlich zwischen den Pannels ab.

 
 
 

 
 
 

„Here 1989“ erschien erstmals auf sechs Seiten in schwarzweiß in dem legendären, von Art Spiegelman gegründeten RAW Magazin. Richard McGuire hat daraus inzwischen eine umfassende und farbig gestaltete Graphic Novel ausgearbeitet, die 2014 unter dem Titel „Hier“ bei DuMont erschienen ist. Ich hatte das Buch heute eine Weile in der Hand; mich hat allerdings der Charme des ersten Entwurfs mehr überzeugt. Entdeckt habe „Here 1989“ in Heft 2/2016 der Neuen Rundschau, die den Titel „Why I hate Poetry. Der neue amerikanische Essay“ trägt.

 

2018 21 Feb

Greatest Hits

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Charly´s five best moments of his sorry excuse for a life (#1 in this picture still missing). LOST, SEASON 3, EPISODE 21

 

Da ich mein Aufnahmegerät nicht länger als 45 Minuten allein lassen kann, höre ich Michaels Sendung seit einigen Monaten komplett live mit, diesmal zum ersten Mal die ganze Zeit über Kopfhörer, was ein leichtes outlaw-Gefühl verschafft, wenn ich den Lautstärkeregler nach oben drehe. Ich habe noch nie während und nach einer Sendung so viele CDs bestellt wie in dieser Nacht, ich bin von einer Begeisterung in die nächste getaumelt. Dictaphone läuft schon seit Wochen auf meinem Plattenteller, insofern war ich hier eher auf die Auswahl der Tracks gespannt. Von Roger Eno mochte ich den Text auf dem beiliegenden Booklet sehr, den Michael gelesen hat, mit den Beschreibungen eines verlassenen Ortes (weil die Bilder – Synchronizität! – gerade in eine Arbeit von mir passen), oder war es Michaels Beschreibung der Fotografien? Andy Sheppards Lässigkeit habe ich erst jetzt richtig wahrgenommen, wenn mir auch der Name bekannt vorkam. Von Fire! habe ich schon etwas in meinem Plattenschrank (She Sleeps), aber „The Hands“ treffen mich noch mehr ins Zentrum. Kim Myhr habe ich gern gehört, leider ist exakt diese Aufnahme unterhalb der Hörschwelle geblieben und ich dachte wieder einmal an Tanja, die mich vor Monaten fragte, warum ich eine Sendung aufnehme, wenn ich sie doch live höre. Die Retrospektive von Flying Saucer Attack hat mich an eine Klanghorizonte-Sendung über Labradford erinnert (aus der Zeit, als die Klanghorizonte noch jeden zweiten Montag von 1.05 bis 2 Uhr liefen), was die Veränderungen der Arbeit der Band anging, ins Reduzierte, ins Karge hinein. (Hoffentlich löst sich die Formation nicht auf.) Ich mag solche Rückblicke, Spurensuche, und habe mir von Flying Saucer Attack fast alles bestellt, was ich noch nicht hier hatte. Wie gern hätte ich diese Alben schon in den 90ern gehört! Manchmal denke ich an Gregors Satz, dass Musik überlebensnotwendig ist und wie er es gemeint hat oder eher, wie ich es verstehe. Es klingt pathetisch, aber wir wissen, dass es so funktioniert: Das aufmerksame Zuhören, die Konzentration auf eine musikalische Arbeit, die uns im Innern berührt, bewirkt, wie jede gelungene Kunst, eine Transformation.

2018 26 Jan

la piscine

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Es fasziniert mich, wenn durch Musik ein Raumgefühl entsteht, das Gefühl für einen Raum im weiteren Sinn, einer Landschaft oder auch für eine Szenerie mit unerwarteten Wirkungen (Lügen?), ein magischer Ort. Ein Schwimmbad an einem Sommertag, Kinder toben herum. Disconnected? In la piscine, track no. 8 aus dem Album mit dem wundervollen Titel m.=addiction, wird den Geräuschen, die auch von einem Schulhof stammen könnten, die ruhige melancholische Melodie eines Saxophons oder einer Klarinette entgegengesetzt, und am offenen Fenster sitzt jemand am Klavier und streut beiläufig ab und an einen Ton bei. The e-song, outside? Sprechen, als spräche ich nur vor mich hin (sonne free).

 

2018 15 Jan

The tape is now the music

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The biggest arguments about validity are almost always about this subject: whether or not certain things are allowed to be included as suitable areas for artistic attention, and whether or not certain others can be left out. Peter Schmidt used to have a phrase: “ … to omit what no one else has thought of leaving out.“ In music, no one thought of leaving out the music.

 

Brian Eno: A year with swollen appendices. Brian Eno´s diary.

Faber and Faber, 1996, p. 374

 

2017 31 Dez

Innen Leben

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Ich hatte den Film nicht ausgewählt und wusste nur dessen Titel (nämlich „Innen Leben“), dass es um Bewohner eines Hauses geht und dass der Film vor einiger Zeit von der Kulturzeit empfohlen wurde, ich wusste nicht einmal, an welchem Ort der Film spielte. Das war mir eigentlich zu wenig, aber nun war die DVD da und ich dachte, zehn Minuten bin ich auf jeden Fall dabei. Da war das sorgenvolle Gesicht eines alten Mannes mit Bart, der eine Zigarette rauchte und in einen ungepflasterten Innenhof blickte. Ein paar Autos, Geröll. Frauen stehen am Fenster hinter Gardinen. Zwei Mädchen wollen ins Bad. Auf der Ablage über dem Waschbecken sind an die zehn Zahnbürsten in zwei Zahnbechern verteilt, das Wasser befindet sich in einer großen blauen Plastiktonne. Eine zusammengewürfelte Gruppe, teilweise miteinander verwandt, befreundet, liiert, vielleicht verliebt, und ein Baby. Eine großzügige und durchaus bürgerlich eingerichtete Wohnung, die sich als die einzige noch bewohnte Wohnung im Haus herausstellte, weil die anderen Hausbewohner längst geflüchtet sind. Es dauert einige Minuten, bis gesprochen wird, weil etwas passiert ist, was nicht weitergesagt werden soll. Es ist die ältere Lady, die hier das Sagen hat. Sie hat schon so viel verloren, und auf keinen Fall wird sie diese Wohnung verlassen. Das junge Paar mit Baby plant hingegen, die Stadt noch in der folgenden Nacht zu verlassen. Die Wohnungstür ist mehrfach verriegelt, jedes Klopfen eine Bedrohung. Der Blick durch den Spion: Drei Männer im Treppenhaus. Das ist alles, was wir von außen sehen: das Treppenhaus und den Blick auf den Innenhof. Manchmal funktioniert das Radio. Wir befinden uns im syrischen Bürgerkrieg, aber es könnte auch ein anderer Krieg sein. Während dort die Bomben fallen und niemand weiß, wie lange die Wohnung noch ein Schutzort ist, knallen hier seit Stunden schon die Böller, weil niemand mehr Geduld hat, bis Mitternacht zu warten. Leuchtraketen zischen in den Himmel. „Innen Leben“, ein Film von Philippe Van Leeuw, zeigt das Leben in einer Wohnung in einem Kriegsgebiet im Zeitraum eines Tages. Ein spannendes Kammerspiel, von der ersten bis zur letzten Minute.

 

 
 
 

Übersetzungen sind in solchen Besprechungen eigentlich tabu. Sie zerstören den Klang des Geschriebenen und damit auch das Reich der Imagination, das sich (hoffentlich) beim Zusammenkommen von Musik und Text für den Hörer eröffnet. Dennoch ist dieser Titel auch in der deutschen Übersetzung entscheidend für ein Verständnis dessen, worum es auf diesem Album geht.

Das Selbst also, unser Selbst – beschrieben als ein Königreich. Ein strukturell, sogar geografisch klar abgrenzbares Areal, in dem ebenso klare Hierarchien, Strukturen und Ordnung herrschen. In dem ein jeder wie das berühmte kleine Rädchen ins andere greift und genau durch diese Funktion Bedeutung erlangt. Und nun kann man fragen: Geht es uns in der heutigen Zeit, der „Moderne“ (oder doch schon „Postmoderne“?!) nicht ähnlich? Wir befinden uns in einem klar abgrenzbaren Leben (geografisch, physisch, sozial), das mit allerhand Rollen angereichert ist und dadurch erst greifbar, beschreibbar wird (oder gar nur dadurch existiert?). Jeder hat „seine Woche“, die Arbeitswoche wiederum ergibt sich für viele durch einen 8-Stunden-Tag, der somit zwangsläufig die restliche „Freizeit“ definiert. Und wir scheinen uns darin eigentlich ganz wohl zu fühlen, denn durch die Zugehörigkeit zu einem Unternehmen, Team oder sonst was sowie einer entsprechenden Entlohnung lässt sich wie aus einer Frucht das süße Verständnis seiner selbst „als jemand“ extrahieren. Soziale Kreise (so hat das Georg Simmel genannt) wie eben die „Arbeit“ sind die klar abtrennbaren Lebensbereiche eines jeden, deren Kristallisationspunkt schließlich das eigene Selbst ist (am Ende dieses Textes sieht der Leser, dass es mir ähnlich geht).

Wie anders wirkt dagegen das Cover von „Kingdom of the Self“, auf dem nur wenig klar erkennbar ist. Der Künstler Dennis Krieg, der das Bild mit der hochkomplexen Ambrotypie-Technik erschaffen hat, zeigt einen Mann mit nacktem Oberkörper, ein in der Mitte noch deutlich erkennbarer Leib, der aber zu den Rändern an Kontur verliert. Und in dessen Mitte ein Messer, das vor der Brust schwebt, jederzeit in der Lage, den dahinter stehenden Menschen zu verletzen. Ansonsten ist der Hintergrund schwarz, daneben stehen Bandname und Albumtitel. Unser Königreich des Selbst – vertieft man sich in dieses Bild, wird schnell klar, dass das nichts als eine Fassade ist, die mit einem gezielten Stich des Messers, das in Form von allerlei Unvorhersehbarkeiten des Lebens stets auch uns treffen kann, in sich zusammenfällt.

Eine solche Erkenntnis (wenn es denn eine ist; genau genommen „wissen“ wir alle schon längst um diese Fragilität) ist beklemmend und befreiend zugleich. Sie hat die Kraft, uns völlig aus der Bahn zu werfen und im Alltagsrauschen jegliche Orientierung zu nehmen, bis wir völlig hinter unseren vermeintlich wichtigen Handlungen verschwinden. Es ist das Gefühl, allein zu sein auf dieser Welt. Ganz allein – und nichts, absolut nichts, wird von uns zurückbleiben.

Aber damit muss es nicht zu Ende sein. Wir müssen nicht aufhören – nach Sinnhaftem zu suchen, zu leben. Wir können manches anders machen. Genau dafür ist diese Musik gemacht, sie lebt und atmet diesen Gedanken in besonderer Weise. Die Bilanz dieser Band ist da eindeutig: Zwölf Jahre, fünf Studioalben, rund 150 Konzerte. Dazwischen die Arbeit, Familie, zwei Bandmitglieder mit abgeschlossener Promotion, unzählige Umzüge, Hausrenovierungen, inzwischen fünf Kinder, ein sechstes auf dem Weg – und doch zu keinem Zeitpunkt der Gedanke, das alles einfach sein zu lassen, weil man den „Durchbruch“ ja nicht geschafft habe. Zu wichtig scheint es zu sein, dieses Andere.

 
 
Oh take this umbrella and shelter my soul,

I need you to guide me and call me your son.

Because I am alone

when the wolves begin to howl

When Atlas cries

for love, for pain, for joy and happiness.
 
 

Diese Zeilen aus dem für mich mit dem Opener „This Fire“ umfassendsten und somit in gewisser Weise „besten” Song „The wolves“ lässt mich daran glauben, in dieser Einsamkeit Kraft finden, uns von einem vermeintlichen Selbst, das wir nie werden erreichen können, zu lösen. Hört man den Song „The wolves“, kommen sie nämlich, jene Momente, in denen man vollkommen im Gehörten oder Gespielten aufgeht. Es ist keine schmerzvolle Auflösung, es ist ein Sich-Fallenlassen ins unabwendbar Geschehende. Momente, in denen alles, wie es nun einmal ist – nein, nicht perfekt scheint, aber doch annehmbar. Solange es das noch gibt, ist das Leben nicht verloren. Und jenes Alltagsrauschen, das es zu überwinden gilt, bleibt besiegbar. Danke Jungs!

 

David Emling, Schriftsteller und Soziologe, ist Gitarrist der Band Shy guy at the show.


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