Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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2018 21 Feb

Greatest Hits

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Charly´s five best moments of his sorry excuse for a life (#1 in this picture still missing). LOST, SEASON 3, EPISODE 21

 

Da ich mein Aufnahmegerät nicht länger als 45 Minuten allein lassen kann, höre ich Michaels Sendung seit einigen Monaten komplett live mit, diesmal zum ersten Mal die ganze Zeit über Kopfhörer, was ein leichtes outlaw-Gefühl verschafft, wenn ich den Lautstärkeregler nach oben drehe. Ich habe noch nie während und nach einer Sendung so viele CDs bestellt wie in dieser Nacht, ich bin von einer Begeisterung in die nächste getaumelt. Dictaphone läuft schon seit Wochen auf meinem Plattenteller, insofern war ich hier eher auf die Auswahl der Tracks gespannt. Von Roger Eno mochte ich den Text auf dem beiliegenden Booklet sehr, den Michael gelesen hat, mit den Beschreibungen eines verlassenen Ortes (weil die Bilder – Synchronizität! – gerade in eine Arbeit von mir passen), oder war es Michaels Beschreibung der Fotografien? Andy Sheppards Lässigkeit habe ich erst jetzt richtig wahrgenommen, wenn mir auch der Name bekannt vorkam. Von Fire! habe ich schon etwas in meinem Plattenschrank (She Sleeps), aber „The Hands“ treffen mich noch mehr ins Zentrum. Kim Myhr habe ich gern gehört, leider ist exakt diese Aufnahme unterhalb der Hörschwelle geblieben und ich dachte wieder einmal an Tanja, die mich vor Monaten fragte, warum ich eine Sendung aufnehme, wenn ich sie doch live höre. Die Retrospektive von Flying Saucer Attack hat mich an eine Klanghorizonte-Sendung über Labradford erinnert (aus der Zeit, als die Klanghorizonte noch jeden zweiten Montag von 1.05 bis 2 Uhr liefen), was die Veränderungen der Arbeit der Band anging, ins Reduzierte, ins Karge hinein. (Hoffentlich löst sich die Formation nicht auf.) Ich mag solche Rückblicke, Spurensuche, und habe mir von Flying Saucer Attack fast alles bestellt, was ich noch nicht hier hatte. Wie gern hätte ich diese Alben schon in den 90ern gehört! Manchmal denke ich an Gregors Satz, dass Musik überlebensnotwendig ist und wie er es gemeint hat oder eher, wie ich es verstehe. Es klingt pathetisch, aber wir wissen, dass es so funktioniert: Das aufmerksame Zuhören, die Konzentration auf eine musikalische Arbeit, die uns im Innern berührt, bewirkt, wie jede gelungene Kunst, eine Transformation.

2018 26 Jan

la piscine

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Es fasziniert mich, wenn durch Musik ein Raumgefühl entsteht, das Gefühl für einen Raum im weiteren Sinn, einer Landschaft oder auch für eine Szenerie mit unerwarteten Wirkungen (Lügen?), ein magischer Ort. Ein Schwimmbad an einem Sommertag, Kinder toben herum. Disconnected? In la piscine, track no. 8 aus dem Album mit dem wundervollen Titel m.=addiction, wird den Geräuschen, die auch von einem Schulhof stammen könnten, die ruhige melancholische Melodie eines Saxophons oder einer Klarinette entgegengesetzt, und am offenen Fenster sitzt jemand am Klavier und streut beiläufig ab und an einen Ton bei. The e-song, outside? Sprechen, als spräche ich nur vor mich hin (sonne free).

 

2018 15 Jan

The tape is now the music

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The biggest arguments about validity are almost always about this subject: whether or not certain things are allowed to be included as suitable areas for artistic attention, and whether or not certain others can be left out. Peter Schmidt used to have a phrase: “ … to omit what no one else has thought of leaving out.“ In music, no one thought of leaving out the music.

 

Brian Eno: A year with swollen appendices. Brian Eno´s diary.

Faber and Faber, 1996, p. 374

 

2017 31 Dez

Innen Leben

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Ich hatte den Film nicht ausgewählt und wusste nur dessen Titel (nämlich „Innen Leben“), dass es um Bewohner eines Hauses geht und dass der Film vor einiger Zeit von der Kulturzeit empfohlen wurde, ich wusste nicht einmal, an welchem Ort der Film spielte. Das war mir eigentlich zu wenig, aber nun war die DVD da und ich dachte, zehn Minuten bin ich auf jeden Fall dabei. Da war das sorgenvolle Gesicht eines alten Mannes mit Bart, der eine Zigarette rauchte und in einen ungepflasterten Innenhof blickte. Ein paar Autos, Geröll. Frauen stehen am Fenster hinter Gardinen. Zwei Mädchen wollen ins Bad. Auf der Ablage über dem Waschbecken sind an die zehn Zahnbürsten in zwei Zahnbechern verteilt, das Wasser befindet sich in einer großen blauen Plastiktonne. Eine zusammengewürfelte Gruppe, teilweise miteinander verwandt, befreundet, liiert, vielleicht verliebt, und ein Baby. Eine großzügige und durchaus bürgerlich eingerichtete Wohnung, die sich als die einzige noch bewohnte Wohnung im Haus herausstellte, weil die anderen Hausbewohner längst geflüchtet sind. Es dauert einige Minuten, bis gesprochen wird, weil etwas passiert ist, was nicht weitergesagt werden soll. Es ist die ältere Lady, die hier das Sagen hat. Sie hat schon so viel verloren, und auf keinen Fall wird sie diese Wohnung verlassen. Das junge Paar mit Baby plant hingegen, die Stadt noch in der folgenden Nacht zu verlassen. Die Wohnungstür ist mehrfach verriegelt, jedes Klopfen eine Bedrohung. Der Blick durch den Spion: Drei Männer im Treppenhaus. Das ist alles, was wir von außen sehen: das Treppenhaus und den Blick auf den Innenhof. Manchmal funktioniert das Radio. Wir befinden uns im syrischen Bürgerkrieg, aber es könnte auch ein anderer Krieg sein. Während dort die Bomben fallen und niemand weiß, wie lange die Wohnung noch ein Schutzort ist, knallen hier seit Stunden schon die Böller, weil niemand mehr Geduld hat, bis Mitternacht zu warten. Leuchtraketen zischen in den Himmel. „Innen Leben“, ein Film von Philippe Van Leeuw, zeigt das Leben in einer Wohnung in einem Kriegsgebiet im Zeitraum eines Tages. Ein spannendes Kammerspiel, von der ersten bis zur letzten Minute.

 

 
 
 

Übersetzungen sind in solchen Besprechungen eigentlich tabu. Sie zerstören den Klang des Geschriebenen und damit auch das Reich der Imagination, das sich (hoffentlich) beim Zusammenkommen von Musik und Text für den Hörer eröffnet. Dennoch ist dieser Titel auch in der deutschen Übersetzung entscheidend für ein Verständnis dessen, worum es auf diesem Album geht.

Das Selbst also, unser Selbst – beschrieben als ein Königreich. Ein strukturell, sogar geografisch klar abgrenzbares Areal, in dem ebenso klare Hierarchien, Strukturen und Ordnung herrschen. In dem ein jeder wie das berühmte kleine Rädchen ins andere greift und genau durch diese Funktion Bedeutung erlangt. Und nun kann man fragen: Geht es uns in der heutigen Zeit, der „Moderne“ (oder doch schon „Postmoderne“?!) nicht ähnlich? Wir befinden uns in einem klar abgrenzbaren Leben (geografisch, physisch, sozial), das mit allerhand Rollen angereichert ist und dadurch erst greifbar, beschreibbar wird (oder gar nur dadurch existiert?). Jeder hat „seine Woche“, die Arbeitswoche wiederum ergibt sich für viele durch einen 8-Stunden-Tag, der somit zwangsläufig die restliche „Freizeit“ definiert. Und wir scheinen uns darin eigentlich ganz wohl zu fühlen, denn durch die Zugehörigkeit zu einem Unternehmen, Team oder sonst was sowie einer entsprechenden Entlohnung lässt sich wie aus einer Frucht das süße Verständnis seiner selbst „als jemand“ extrahieren. Soziale Kreise (so hat das Georg Simmel genannt) wie eben die „Arbeit“ sind die klar abtrennbaren Lebensbereiche eines jeden, deren Kristallisationspunkt schließlich das eigene Selbst ist (am Ende dieses Textes sieht der Leser, dass es mir ähnlich geht).

Wie anders wirkt dagegen das Cover von „Kingdom of the Self“, auf dem nur wenig klar erkennbar ist. Der Künstler Dennis Krieg, der das Bild mit der hochkomplexen Ambrotypie-Technik erschaffen hat, zeigt einen Mann mit nacktem Oberkörper, ein in der Mitte noch deutlich erkennbarer Leib, der aber zu den Rändern an Kontur verliert. Und in dessen Mitte ein Messer, das vor der Brust schwebt, jederzeit in der Lage, den dahinter stehenden Menschen zu verletzen. Ansonsten ist der Hintergrund schwarz, daneben stehen Bandname und Albumtitel. Unser Königreich des Selbst – vertieft man sich in dieses Bild, wird schnell klar, dass das nichts als eine Fassade ist, die mit einem gezielten Stich des Messers, das in Form von allerlei Unvorhersehbarkeiten des Lebens stets auch uns treffen kann, in sich zusammenfällt.

Eine solche Erkenntnis (wenn es denn eine ist; genau genommen „wissen“ wir alle schon längst um diese Fragilität) ist beklemmend und befreiend zugleich. Sie hat die Kraft, uns völlig aus der Bahn zu werfen und im Alltagsrauschen jegliche Orientierung zu nehmen, bis wir völlig hinter unseren vermeintlich wichtigen Handlungen verschwinden. Es ist das Gefühl, allein zu sein auf dieser Welt. Ganz allein – und nichts, absolut nichts, wird von uns zurückbleiben.

Aber damit muss es nicht zu Ende sein. Wir müssen nicht aufhören – nach Sinnhaftem zu suchen, zu leben. Wir können manches anders machen. Genau dafür ist diese Musik gemacht, sie lebt und atmet diesen Gedanken in besonderer Weise. Die Bilanz dieser Band ist da eindeutig: Zwölf Jahre, fünf Studioalben, rund 150 Konzerte. Dazwischen die Arbeit, Familie, zwei Bandmitglieder mit abgeschlossener Promotion, unzählige Umzüge, Hausrenovierungen, inzwischen fünf Kinder, ein sechstes auf dem Weg – und doch zu keinem Zeitpunkt der Gedanke, das alles einfach sein zu lassen, weil man den „Durchbruch“ ja nicht geschafft habe. Zu wichtig scheint es zu sein, dieses Andere.

 
 
Oh take this umbrella and shelter my soul,

I need you to guide me and call me your son.

Because I am alone

when the wolves begin to howl

When Atlas cries

for love, for pain, for joy and happiness.
 
 

Diese Zeilen aus dem für mich mit dem Opener „This Fire“ umfassendsten und somit in gewisser Weise „besten” Song „The wolves“ lässt mich daran glauben, in dieser Einsamkeit Kraft finden, uns von einem vermeintlichen Selbst, das wir nie werden erreichen können, zu lösen. Hört man den Song „The wolves“, kommen sie nämlich, jene Momente, in denen man vollkommen im Gehörten oder Gespielten aufgeht. Es ist keine schmerzvolle Auflösung, es ist ein Sich-Fallenlassen ins unabwendbar Geschehende. Momente, in denen alles, wie es nun einmal ist – nein, nicht perfekt scheint, aber doch annehmbar. Solange es das noch gibt, ist das Leben nicht verloren. Und jenes Alltagsrauschen, das es zu überwinden gilt, bleibt besiegbar. Danke Jungs!

 

David Emling, Schriftsteller und Soziologe, ist Gitarrist der Band Shy guy at the show.

Vor einiger Zeit habe ich hier davon erzählt, wie der von Marc-Antoine Mathieu erschaffene Künstler Otto in einer Lebenskrise auf dem Dachboden des Hauses seiner verstorbenen Eltern eine Truhe auffindet, in der detaillierte Materialien über seine Kindheit bist zu seinem 7. Geburtstag gesammelt sind. Während ich bei der Lektüre dieser Graphic Novel eine Pause einlegte und darüber nachdachte, ob ich die Truhe öffnen würde, kam ich auf die Idee, dass sich der Verlag, in dem „Otto“ erschienen ist, vielleicht für meinen Text interessieren könnte und ich schickte Herrn K von der Presseabteilung im Verlagshaus Reprodukt den Link. Herr K. antworte mir freundlich und fragte mich, ob ich gern weitere Arbeiten von Mathieu kennenlernen würde.

Zwei Tage später holte ich einen großen gepolsterten Umschlag aus dem Briefkasten, in dem sich ein weiteres Werk von Marc-Antoine Mathieu befand: die Graphic Novel „Gott höchstselbst“, erschienen im Jahr 2010. Auf dem Cover war in Schwarz- und Brauntönen eine ins Unendliche reichende zusammengedrängte Menschenmenge zu sehen, die in ihrer Mitte einen gewissen Raum frei gelassen hatte, und hier stand ein Mann in einem schlecht sitzenden Anzug, von schräg hinten gezeichnet, mit langem Haar, langem Vollbart und beschwichtigender Haltung von Armen und Händen, die Figur ganz in weiß und mit einem hellen Schatten. Gott höchstselbst. Gott wirkte auf dem Cover wie ein sanfter Arbeitgeber oder wie ein netter Coach.

Ich dachte daran, zu welcher Zeit in meinem Leben mich die Frage nach Gott beschäftigt hatte, weil ich für mich eine Position finden wollte. Wir behandelten im Religionsunterricht Themen wie „Glaube und Wissen“, Gottesbeweise aus dem Mittelalter und ein bisschen Existenzialismus. Der Religionsunterricht, der von einem jungen engagierten Pfarrer gehalten wurde, war so wenig religiös-dogmatisch und inhaltlich so interessant, dass alle bis zum Abitur dabei blieben und niemand austrat. Meine engste Freundin erzählte mir, sie würde oft bis spät nachts mit ihrem sechs Jahre älteren Bruder über alle möglichen Themen diskutieren und da ich Diskussionen mit offenem Ende verlockend fand, meine Freundinnen und Freunde aber nicht gerade um die Ecke wohnten, beschloss ich, meinen Bruder zu fragen, ob er eigentlich an Gott glauben würde. Mein Bruder antwortete schnell, er sagte, das ginge mich nichts an.

Ja oder nein. Meine Jugendzeit war von diesen starken Gegensätzen dominiert. Für oder gegen Nachrüstung, für oder gegen Atomkraft, „no future“ oder happy-party, Streber oder Lebenskünstler, Haben oder Sein. Und eben auch: Gottesglaube – ja oder nein. Ich fragte mich ständig, auf welcher Grundlage ich diese fundamentalen Entscheidungen treffen sollte.

„Gott höchstselbst.“ Ich drehte das Buch um. An der Stelle, an der der alte Mann in weiß gewesen war, befand sich auf der Rückseite des Buches nun eine Leiter, sie reichte über den oberen Rand des Buches hinaus.

Ich schlug das Buch willkürlich auf ein paar Seiten auf, um mir die Zeichnungen anzusehen. Sie waren ähnlich wie bei „Otto“, es dominierten warme Grautöne, die ins Bräunliche übergingen, schwarz und weiß. Die Zeichnungen waren genau so detailliert, dass man bei Menschen den wichtigsten Charakterzug erkennen konnte und nicht abgelenkt war. Ein ruhiges, klares Design.

Da fiel ein dünnes, zusammengefaltetes Stück Papier zwischen den Buchseiten heraus. Ich faltete es vorsichtig auseinander. Das Papier war auf beiden Seiten eng von Hand beschrieben, die feine, sorgsame Schrift eines Mannes in seinen besten Jahren. Ganz oben auf dem Papier standen folgende Worte: „Dieu en personne, conception.“ Kein Zweifel, mir war eben ein wichtiges Planungsdokument von „Gott höchstselbst“ in die Hände gefallen, verfasst von Marc-Antoine Mathieu höchstselbst.

Mit Hilfe von Wörterbüchern, – merci à LEO.ORG -, einigen Grammatikbüchern, Such- und Übersetzungsmaschinen habe ich versucht, das, was ich auf dem Papier entziffern konnte, ins Deutsche zu übertragen. Mathieu hat seine Skizzen mit Bleistift geschrieben, einiges ist verblasst, verwischt, durchgestrichen oder schlecht lesbar. Hier ist das, was ich übersetzen konnte:

 

Konzept zu „Gott höchstselbst“

Grundfrage, Grundthema: Was wäre, wenn Gott auf die Erde zurückkehrt?

Okay, die Überlegung ist vielleicht nicht neu, aber ich behandle das Thema anders als die anderen. Es wird das Gegenteil von Becketts Warten auf Godot – auch wenn vielleicht niemand mehr wartet.

Habe die HBO-Serie „John from Cincinnati“ gesehen und „Surfen lernen“ in die Liste meiner Lebensziele aufgenommen. Für mein neues Buch suche ich aber den größeren Rahmen, einen größeren Wirkungskreis, was die Rückkehr Gottes angeht. Außerdem war die Figur des John, der so eine Art Gottes Sohn gespielt hat, nicht überzeugend. Er wirkte geistig zurückgeblieben. Das geht gar nicht! Gott muss von überdurchschnittlicher Intelligenz sein. Nicht nur überdurchschnittlich: Jenseitig, überirdisch intelligent, nicht definierbar. Psychiatrisches Gutachten zur Feststellung von Gottes Geisteszustand? Gott auf der Couch? Mögliche Frage: Wenn Sie ein Buch wären, welches Buch wären sie? Antwort: Ein Buch aus Sand.

 

Wie den ersten Auftritt von Gott auf der Erde gestalten? Wie soll er auffallen, sich outen? Motive aus der Bibel einbringen? Josef und Maria waren unterwegs zu einer Volkszählung…

Bilderstreit… Das Gesicht Gottes zeigen oder verhüllen? Die meisten stellen ihn sich immer noch als einen alten Mann mit langem Bart vor. Ist Gott als Frau denkbar? Stichwort Feministische Theologie googeln? Ah, non. It´s a men´s world! [Im Original englisch, M.W.]

Wieso sollte man jemandem, der behauptet, Gott zu sein, überhaupt glauben? Weil er etwas Nachprüfbares weiß? Allwissenheit Gottes? Kann Gott die Zahlen bei einem Glücksspiel vorhersagen? Glücksspielszene einbauen!

Habe ein Buch mit Vorträgen Albert Einsteins gelesen. Wichtiges Zitat: „Das Schönste und Tiefste, was ein Mensch erfahren kann, ist das Gefühl des Geheimnisvollen.“ Was mich immer erstaunt hat: Viele berühmte Naturwissenschaftler waren gläubige Menschen.

In der Serie „The Leftovers“ gibt es einen Wahrsager, der seinen Kunden angeblich aus dem farbigen Abdruck einer Handfläche die Zukunft vorhersagt. Wie beweist der Wahrsager seine Glaubwürdigkeit? Indem er etwas Persönliches über die Person des Ratsuchenden weiß, was er nicht wissen kann. Dann vertrauen sie ihm. Und was ist sein Trick? (Nochmal die Episode anschauen.)

Personal einbringen, auch als Erzähler, um das Ganze aufzulockern: den bereits erwähnten Psychiater, außerdem zwei Astrophysiker, einen Soziologen, einen Historiker (stark kurzsichtig), zwei Journalisten Radio oder Fernsehen? Mal überlegen. Wenigstens eine Frau sollte schon auch dabei sein. Ha, eine Pressesprecherin mit Doppelnamen!

Typischer Satz von Gotteszweiflern: Wie konnte Gott dies oder jenes zulassen? Gott die Schuld geben für privates Unglück. Einen Gerichtsprozess nach US-amerikanischer Art einbringen, Anwälte, Richter, Verteidiger, Geschworene. Am besten alle Vorwürfe in einem Prozess abhandeln, inklusive der Frage nach der Existenz Gottes. Gott sitzt im Gerichtssaal wie ein Terrorist hinter Panzerglas.

Auswirkungen des Auftretens Gottes auf verschiedene Branchen: Theaterwelt, Büchermarkt (Comics), bildende Kunst, Fernsehshows, Glücksspiel (siehe oben), Kirche. Überall wird das Thema Gott behandelt.

Ein Freizeitpark zum Thema Gott. Riesenrad, Achterbahn, ein kleiner Wasserfall als Quelle der Unschuld. Highlight: die Hölle, die eine echte Empfindung existenzieller Ängste garantiert. Was würde Menschen am meisten bedrohen? (Hierzu Liste anfertigen, Umfrage unter meinen Freunden).

Habe in meinen alten Philosophieunterlagen herumgeblättert und meine Klausur zum Einführungskurs Logik wiederentdeckt. Zwei interessante Aspekte: 1. Der Satz von der Identität. Und 2. „Alle Kreter lügen“, sagt der Kreter.

Auf einer öffentlichen Veranstaltung äußert ein Junge den Wunsch, später Gott zu werden. Er trägt, als wäre es Fasching, eine Perücke mit der weißen Haarpracht Gottes und einen künstlichen Bart. Dies könnte der Höhepunkt und Wendepunkt des Buches sein.

An dieser Stelle brechen Marc-Antoine Mathieus Aufzeichnungen ab.

Ich las das Buch an einem Nachmittag, ohne Unterbrechung. Ja, es basierte auf den handschriftlichen Überlegungen.  Und: ja, ich hätte es gern während meiner Schulzeit gelesen. Auch wenn sich vielleicht auch heute noch vor allem Jugendliche mit der Frage konfrontiert sehen, ob sie an Gott glauben, handelt es sich bei „Gott höchstselbst“ keineswegs um ein Jugendbuch. Die Versuche, das Wesen von Gott zu erfassen, sind nicht neu, aber klug und undogmatisch. Und: Wer drängt uns eigentlich, zwischen einem „Ja“ und einem „Nein“ zu entscheiden? Es aushalten, einer Frage zuzuschauen, wie sie unbeantwortet im Raum schwebt – ist das nicht Magie? Das Szenario, das eine Rückkehr Gottes in einer beliebigen Großstadt auslösen könnte, ist witzig, vielschichtig, vielseitig und sehr intelligent. Die Story wird irgendwann vielleicht etwas überdreht und ein paar Kapitel weniger hätten dem Buch nicht geschadet, andererseits ist der Wendepunkt am Ende, der hier nicht verraten werden soll, wundervoll und man möchte das Buch sofort noch einmal lesen.

Ich kam auf die Idee, Herrn K in der Presseabteilung von Reprodukt zu kontaktieren und ihn zu fragen, ob er von dem Geheimdokument des Marc-Antoine Mathieu gewusst hatte, oder ob es sich bei dem angeblichen Dokument womöglich um ein Faksimile und in Wahrheit um einen Presse-Waschzettel handeln würde, der dazu diente, Rezensenten die Arbeit zu vereinfachen. Doch das Papier mit Marc-Antoine Mathieus Konzeption war verschwunden. Auf dem schwarzen Couchtisch vor mir war eine dünne Spur aus Sand, die im Nirgendwo begann und in einer geschwungenen Linie bis zum Rand des Tisches führte.

2017 23 Dez

Film Shelvies

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I have no intention to become either inspired or productive; to the contrary I intend to sit in the dark at night in my big black leather chair staring out at the Hollywood Hills like a man gazing on an approaching tsunami. Here comes the present. On my monitor I run the same movies over and over with the sound off: The Bad and the Beautiful, Out of the Past, Pandora´s Box, I Walked with a Zombie. Studying the films in my shelf, Ventura remarks that I don´t own any funny ones. “What the hell are you talking about?” I answered in outrage. “You don´t think Scarlett Express is a funny movie? You don´t thing Detour is a funny movie?” Last time I was up the hall in Ventura´s apartment I took a look at his film shelf, and there´s a guy who doesn´t own a single funny movie – except Charlie Chaplin, and he and I both know he doesn´t watch City Lights because he thinks it´s funny, he watches it because he think it´s profound. The truth is I don´t own anything but funny movies. Every one of them is hysterical.

Steve Erickson: Amnesiascope

 

2017 18 Dez

Sailors´ Tales

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Auf dem kleinen Manafonistastreffen vor einiger Zeit konnte ich endlich Gregors Jukebox (Zweitausgabe) und den Plattenschrank bestaunen – beides im Original noch faszinierender als in meiner Fantasie. Gregor nannte die Zahl seiner Audiokassetten, ich kam mir eine Sekunde lang vor wie in einem dieser Kartenspiele für Jungs aus Kindertagen, in denen es darum ging, den anderen mit mehr PS und einer kürzeren Zeitspanne für die Beschleunigung von 0 auf 100 kmh zu toppen. Wahrscheinlich sind diese Spiele heutzutage verboten und nur noch auf dem Schwarzmarkt erhältlich. Die Wahrheit ist, dass ich die Zahl meiner Audiokassetten gar nicht kenne, weil ich sie nicht gezählt habe. Die Zeiten, in der ich wegen meiner Begeisterung für Audiokassetten belächelt wurde, sind nun auch vorbei. Der Romantik- und Charmefaktor ist langfristig einfach überzeugend, auch ohne Retrotrend. Es gibt aber etwas, worum Gregor mich beneidet. Ich legte die Karte „Bist du in der Lage, deine Audiokassetten mit einem im Auto eingebauten Taperecorder zu hören?“ auf den Küchentisch und Gregs musste kapitulieren. Bei mir gehört die Frage, welche Kassetten ich mitnehme, zum Ritual vor jeder Autofahrt. Meist ziehe ich intuitiv eine der Schachteln oder Boxen aus meinem Plattenschrank und hole, ohne großartig zu recherchieren, zwei oder drei Kassetten heraus. Neulich war es wieder einmal die Kassette, deren A-Seite vor der Auflistung der Tracks mit der zusammenfassenden Beschreibung „Osterhorizonte 2011 – 70er Revival“ beschriftet ist. Die Kassette beginnt mit einem Stück, das ich im Lauf der Jahre immer wieder zurückgespult und schon hunderte Male gehört habe: Mathias Eick: Oslo, aus dem Album Skala. Nun stammt das Album nicht aus den 70ern, es war an Ostern 2011 neu oder kurz vor seinem Erscheinen, aber meine Beschriftung kann auch irreführend sein; vielleicht war das Stück bei der mehrstündigen Sendung in einer der Osternächte, auf die ich mich immer gefreut habe, auch nicht dabei, und ich habe es an den Beginn einer Kassette platziert, um es leichter zurückspulen und immer wieder hören zu können. Von der Moderation habe ich mir nur die Stichworte „doppelte drums“ notiert und erst jetzt habe ich mir das Video dazu angesehen mit den fantastischen doppelten Drums im Hintergrund des Quintetts und im Vordergund Mathias Eick mit der Trompete, alles schwarzweiß. Das Stück ist von einer wunderbaren Ruhe und der Kraft einer inneren Bewegung zugleich. Etwas später folgen einige Tracks aus King Crimsons Album „Islands“ (1971). Bei der Beschriftung der Kassette habe ich aus Michaels Moderation diesen Satz notiert: „Sein Gitarrensolo war seiner Zeit weit voraus“. Sailors´ Tales.

2017 17 Dez

Time capsule

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It was the time you were an older kid, not really a teenager yet, you´d never really kissed anyone, but you had a best friend who was a bit more than a best friend and you didn´t really know about this love thing and one day the two of you took a cassette player and just had a small conversation with each other and you took the cassette and some things that were important to you, just toys (a plasticky plane), in a box made of wood and you rode with your bikes around and in the middle of nowhere you spotted a large tree and you buried the box in a distance of six feet from the trunk. About twenty years later you drove there, you excavated the box, you put the cassette in the player, press „play“ and this is, what you hear:

 

[boy] Is it on? I don´t think it´s on.

[girl] It´s on.

[boy] Okay, uh, this is Kate Austen and Tom Brennan. And this is our dedication for our time capsule here on August 15th, 1989. Hey, give me that back.

[Kate] Why are you putting this stuid plane in there?

[Tom] Because it´s cool, Katie. I got it when I flew to Dallas by myself.

[Kate] Ooh, that is cool! It´s just like this time capsule.

[Tom] It´ll be totally cool when we dig it up in, like, 20 years.

[Kate] How do you know we´ll be together?

[Tom] Cos we´ll be married. You´ll be a mom – and we´ll have nine kids.

[Kate] I don´t think so. As soon as I get my licence, we should just get in a car and drive. Like, you know, run away.

[Tom] You always run away, Katie.

[Katie] Yeah. And you know why.

 

Lost, Season one, Episode 22

 


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