Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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2017 13 Aug

Wenn die Trompete ruft

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My people are gone

A song is still in my head

Your light hurts me, don’t take me with you
 
(Masaa)

 
Gestern war ich auf einem der vier eintrittsfreien Jazzkonzerten im Hofgarten. Der Hofgarten ist der älteste Volkspark in Deutschland. Seit 39 Jahren finden hier jeden Sommer im Musikpavillon Open Air Konzerte statt. Zum Glück war der Himmel gut gelaunt, so auch das zahlreich erschienene Publikum. Ich war wegen des libanesischen Sängers der Jazzband MASAA ins Grüne gepilgert und wurde reichlich beschenkt. Rabih Lahoud begann mit einem französischen Lied: QUAND LE SOLEIL DANSE DANS MES BRAS. Er sang es mit Inbrunst und sonoriger Stimme, Regen verboten. Rabih stellte sich und die anderen kurz vor: er stammt aus dem Libanon, die anderen drei kennen sich aus Dresden. Das zweite Stück hieß SAWA und bedeutet „zusammen“. Masaa heißt übersetzt „Abend“.

Da saßen wir also am frühen Abend auf wackligen Bänken zusammen und lauschten den schönen Trompentenmodulationen von Marcus Rust, bis Rabih mit seinem gewaltigen Stimmspektrum anhob und der Pianoplayer Clemens Poetzsch sehr jazzig und experimentierend dazukam. Das Schlagzeug hörte man kaum. So begann jeder Musiker eingangs an seinem Instrument den Improvisationsknopf zu drücken und die anderen fügten sich ein. Beim dritten Song hatte Rabih das Startrecht. Er begann mit Schlürf- und Sauggeräuschen, dass ich instinktiv meine Bratwurst fester hielt. Klavier und Trompete unterstützten  seinen arabischen Vokalgesang.

Es folgten zwei wunderschöne, sanfte Lieder FUAEDI = mein Herz und MIAH, das ist der Name seiner kleinen Tochter, Das Klavier traute sich kaum laut zu klingen, erst sehr spät setzte die Trompete ein. Demian Kappenstein am Schlagzeug raschelte mit einer Plastikfolie und starrte auf sein Spielzeug auf den Drums. Beim folgenden Song HELEM = Traum durfte er beginnen, laut begleitet von dem ausgelassen spielenden Mann am Piano.

Vor der Zugabe erinnerte ein französisch gesungenes Chanson an Jacques Brel. TA VOIX = deine Stimme. Es war ein sehr poetischer Ausklang, magisch das ganze Konzert, intensiv und durchaus vergleichbar mit den grossen Musikkünstlern aus dem Libanon: Rabih Abou-Khalil und Fairuz.

Es sind die Lügen, die uns den Ärger in der Welt bringen.

(aus: The Circle)

 

Wir wollten von L.A. nach Süden in die Sonora Wüste fahren. Dafür kauften wir uns einen gebrauchten Chevy Camper Van mit der Aufschrift „Christ Church“ auf metallblauem Lack. Im hinteren Teil des Wagens fanden wir unter dem Bettgestell ein geladenes Luftgewehr. Als wir eines Nachts leise Stimmen hörten, vermuteten wir, dass Benzin aus unserem Tank gesogen wurde. Wir feuerten einen Warnschuss ab, die Treibstoffdiebe verschwanden in die Nacht …

 
 

Ob diese Geschichte sich so zugetragen hat, ist nicht bewiesen. Die Wahrheit lässt sich nicht googeln. Für Heidegger liegt ein Weg zur Wahrheit in der Schaffung eines Kunstwerkes, „wo Wahrheit als Un-verborgenheit an sich zum Vorschein kommen kann.“

 

Ich habe gestern ein kleines Filmkunstwerk im Kino angesehen: Die Erfindung der Wahrheit. Eine scheinbar eiskalte Lobbyistin gesteht ausgerechnet ihrem Callboy, dass sie als Kind immer lügen musste und ihr Leben allzu gern für ein normales Leben eingetauscht hätte. Es ist ausgerechnet dieser Callboy, der später als Zeuge für sie lügt und doch zu seiner moralischen, prinzipiellen Wahrheit steht. Der Film ist raffiniert aufgebaut. Jessica Chastrain spielt die Chefin der Bewegung für Waffenkontrolle einfach umwerfend. Als „Konzerntussi“ – so nennt sie der Callboy – ist sie dem Gegner stets ein Schritt voraus. Ihre Gegner sind diejenigen, die den 2. Zusatzartikel zur Verfassung der USA gepachtet haben. Dieser Zusatzartikel verbietet, das Recht auf Besitz und Tragen von Waffen einzuschränken. Miss Sloane, so der amerikanische Filmtitel, weiß genau, wo sie ansetzen muss, um gegen die Ratten des verkommenen Systems vorzugehen. Ihre Zielgruppe für den Sieg sind die Frauen, die sie clever umwirbt und für ihre Sache gewinnt. Leider verrennt sie sich ausgerechnet bei ihrer besten Mitarbeiterin, Esme, weil sie nie weiss, wo ihre Grenzen sind. Ihre Überraschungstaktik wird ihr zur Falle. Jane Molly, ihre rechte Hand und als einzige Verbliebene  in der alten Firma, da ging es um Steuerrechte für Palmoel in Indonesien, wird am Ende des Films die Karte des Maulwurfs ziehen. John Madden ist der Regisseur dieses intelligenten Politthrillers. Max Richter ist der meisterliche Komponist dieser unter die Haut gehenden Filmmusik.

2017 30 Jul

Wahn Wahn Wahn

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Nein, hier wird es nicht um „Die Meistersinger“ gehen, sondern um 2 Protagonisten, die aus satellitgrossen Schattenschüsseln heraustreten, um an ihrer Kunst zu wirken. Vorweg sei noch ein Frust auf Reisen geschickt: Loudon Wainwright III trat jetzt in Bremen auf, natürlich das einzige Konzert in Germany. „THERAPY“ war in den Endsiebzigern mein Alibi in Diskussionen für oder gegen eine Therapie. „It costs so much, it can’t be bad … just sixty bucks an hour, that’s all.“

Etwa gleichzeitig entdeckte ich auf der anderen Seite des Teichs einen excitable boy, der reif für eine Therapie war – Warren Zevon. Ich war sofort von ihm begeistert: sein Aussehen, seine tiefe Stimme, seine guten Texte hatten mich beeindruckt … Langzeilensongs wie das von Bruce Springsteen abgekupferte „JEANNIE NEEDS A SHOOTER“ sind bis heute Hörherzchen von mir.

Als ich neulich auf meiner Wanderung durch das UNESCO Naturerbe Müritzer Park wanderte, kam ich zufällig an dem ehemaligen Wohnhaus von Hans Fallada (1893-1947) in Carvitz vorbei. Ich staunte nicht wenig, als ich all die trüben Geschichten auf seiner Lebenskarte las: mit 18 Selbstmordversuch, immer wieder interniert in psychiatrischen Anstalten oder Gefängnissen, sein Vater war Richter- o Graus. Wie fast alle kannten wir Fallada von der Schullektüre: „Kleiner Mann, was nun?“

Dass er der deutsche Chronist der Nazizeit war, wussten wir ebenfalls. Aber, dass er dermassen gewalttätig war – bei der Trennung ging er mit einem Vorderlader auf seine Ehefrau los, das hat mich überrascht. Seit einiger Zeit erlebt sein Buch: „Jeder stirbt für sich allein“ ein merkwürdiges Revival besonders in den USA und Israel. Das hängt nicht nur mit seinem 70. Todestag zusammen. Es macht nachdenklich. Bevor er „Alone in Berlin“ schrieb, sortierte er seine desolate psychische Verfassung in dem Buch „Der Alpdruck“. Lesen möchte ich ihn nicht mehr.

Warren Zevon ist noch nicht ganz so lange tot, er starb vor 15 Jahren. In seinen letzten Songs hat er mit seinem „DIRTY LIFE AND TIME“ abgerechnet. In „DISORDER IN THE HOUSE“ verarbeitet er die Diagnose Lungenkrebs. Er wusste, dass er sterben würde und er wusste, dass er oft über die Stränge geschlagen hatte. In „PLEASE STAY“ sucht er die Versöhnung mit einer verprügelten Partnerin. Als Frau schluckt man da schon dreimal, um zuzugeben, dass diese Männerwerke doch gelungen sind.

These werewolves, „Ah – hoooo“ …

Ick weit einen Eikboom vull Knorrn un vull Knäst

Up den fött kein Biel nich un Axt

Sien Bork is so ruuhig und sien Holt is so fast

As was hei mal bannt un behext …
 
(Fritz Reuter 1810-1874)

 

… Ok dat Gelee wier wat för mi.

Man ein Deil nich, dat segg ick di.

Dei Mammelad künn ik nich verknusen,

Wäg’n all deine Karns man miene Kusen.

 
 


 
 
 

 
 

Rezept für Heidelbeermarmelade

 

1 kg Heidelbeeren

400 gr Gelierzucker

1 Banane

1 kl. Stück Ingwer

Eine halbe Limone ausdrücken

 

Alles 5 Min. kochen

Gläser mit heißem Wasser füllen

Gläser leeren und mit Marmelade füllen

Gläser stürzen für 10 Min.

Gläser umdrehen

 

well touch
 

Im Zuge der Nostalgiewelle auf Arte, kramte ich in meinem Piratenschatz und stieß auf die OUTSIDERS. Diese tolle, holländische Band hielt mich nicht nur 1966 fest in ihren Tauen, die Stimme von Wally Tax ließ mich geradezu seekrank werden. Ich war im schönsten Seejungfraualter und Schüchternheit hatte erotische Meerestiefenwirkung:

 

“ Yeah I touched your hand
By accident
So touch
I didn’t understand to touch you“

 

Die Outsiders schrien ihre Songs in den Sturm, bei ruhigerem Seegang versanken ihre Stimmen unter der stillen Wasseroberfläche. Ich mochte dieses Hin- und Hergeschaukele sehr. „Lying all the time“ war so ein Wellenbrecher, dem selbst offshore Freaks am Dam in Amsterdam gut Matrosenchören standgehalten hätten.

Warum nannten sie sich „Outsiders“? Was sind Outsiders? Welche Outsiders kennen wir in der Musik? Captain Beefheart, Scott Walker, Bob Dylan. Aus der Literatur fällt mir spontan Thoreau („Walden“) ein, könnte man sicher endlos verlängern. Aus der Philosophie nenne ich mal Nietzsche, der erkenntnisreiche Wege ging, bezahlte aber mit dem Sold der sozialen Isolation.

 
Folks, wir sind mitten im Sommer:
 

„Summer is here
There is no need to worry
No need to hesitate
We’re so much alike“

2017 13 Jul

Flussgeschichten

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I flow, I flow,

In giving and taking I grow

I still flow

(Rainis 1865-1929)

 

Die Düna entspringt nahe der Wolgaquellen, sie wechselt in ihrem langen Verlauf ihren Namen mit Balaleikaklang: Daugava heisst sie in Lettland, Dvina in Russland, Západnaya Dvina in Belarus. Ihren Hafen findet sie in der Rigaer Bucht. Sie gilt als Schicksalsfluss der Letten: „Water of life and the water of death, met in the river Daugava …“ (Rainis). Ich stehe an ihrem Ufer und denke an meine Berliner Zeit in den 70ern. David Bowie, Iggy Pop waren mit ihr befreundet, Nina Hagen verkehrte mit ihr, mit Maija Tabaka. Ich treffe diese lettische Malerin erst hier in Riga. Sie verbrachte in „meiner Berliner Zeit“ mit DAAD Geldern eine turbulente Zeit in West Berlin. Wild wie Wolf Vostell, mit dem sie befreundet war, zog sie durch die polizeistundenfreie Nächte. Wie ich vom Nolli Markt zum sandigen „Dschungel“. Jetzt treffe ich die soviet countess wieder und kann ihre großartigen Werke in Ruhe betrachten.

 
 


 
 

 
 

Der russische Philosoph Boris Groys hat einmal gemeint, die russische Kunst sei unübertroffen,  selbst  Paris könne ihr nicht standhalten. Nun, er denkt die Kunst in russisch historischen Loops. Ich muss gestehen, dass mich die Kunst der Peter Paulus Kathedrale  in St. Petersburg sehr beeindruckt hat.  Die Informationen über die Herkunft des Marmors aus Afghanistan machten mich froh, es gab also mal Friedenszeiten. Entlang der Newa gibt es sicherlich große Kunst. Die weissen Nächte sind laut und lebendig wie die Berliner. Ich stehe an der Kleinen Newa. Auf der anderen Seite malt die untergehende Sonne ein faszinierendes städtisches Alpenglühen. Ich denke zurück an meine schöne Kindheit, an meine nach Neugierde drängende Jugend. Den staunenden Blicken meines Bruders.

 

All the rush and racing

and flowing forever moving

The spirit goes through

flame without disappearing

It cannot be gone. It is what is behind the rushing and urging.

(Aspazija 1865-1943)

 

Aspazija war die Ehefrau von Rainis. Das lettische Dichterpaar übersetzte zusammen Goethes Faust. Sie lebten sehr bescheiden in der Nähe von Riga. Viele große Geister brauchten nicht mehr als ein Bett, einen Tisch, Feder und Schreibmaschine. Ich stehe am River Lielupe. Ich denke an meine Beziehungen, heute und früher. Meine große Liebe. Warum singen die alten Musiker immernoch von Liebe, nur wenige vom Tod. Rainis forderte die Dichter auf, philosophischer zu werden, die grossen Themen seien die signifikante Kraft im Leben. Hier mein Lieblingsgedicht von ihm:

 

Es un tu

From the highest mountain a river falls

And the chasm welcomes it:“Here am I!“

Height and depth:

Me and you.

 

A black, raging thunder rolled over,

And a bright rainbow came next,

Power brings beauty:

You and I.

 

A vine twines ‚round a colum

Like wonder around the truth,

Time embraces eternity :

Me and you.

 

A cold, denying, unbending „no“

And a soul full of faith,

Two different worlds:

You and I.

 

But the desert forever longs for the sea

And the sea forever looks for the shore.

Longing without any hope:

You and I.

 

When the dark night becomes sunrise,

The circle of being will be complete,

The opposites will become one:

Me and you.

 

When a scarlet evening has had its say

Over the mounts of eternity dawns a pale day,

The end meets the beginning:

Me and you.

 

2017 3 Jul

Kraftwerk in der Heimat

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Gern würde es Herr Hütter vermutlich nicht hören, wenn ich den Auftritt von Kraftwerk am vergangenen Samstag in Düsseldorf als grosses Event einer Heimatband bezeichnen würde. Da die Mitglieder dieser Truppe bekanntlich sehr schnell gestresst sind, verhütte ich den Begriff und schiebe das neu kreierte Verb dem „Wörterbuch der Unruhe“ unter. 15000 Fans aus aller Welt kamen in den Genuss, Kraftwerk in Bestform zu erleben. Sie begannen natürlich aus gegebenem Anlass, dem Grand Depart, mit dem Stück „Tour de France“. Es folgte ein Best-of Programm: Autobahn, Radioaktivität, Nummern, Computerwelt, Spacelab … Haben denn die international weithergereisten Kraftwerk-Verehrer diese Musik alle gleich verstanden? Stimmt der Slogan: „Musik ist eine Sprache der Welt?“ Auf dem Konzert war ein herausragendes amerikanische Pärchen im Totaloutfit: rotes Hemd, schwarze Krawatte mit LED-Leuchten, ganz Mensch-Maschine, zu sehen. Sicherlich freuten sie sich genauso über ihre Elektronik-Pioniere wie die Spanier oder die Oberbilker. Übersetzt man den deutschen Songtext „Fahrn, Fahrn, Fahrn auf der Autobahn“ ins Amerikanische „Drive, Drive, Drive on the Freeway“, dann klingt das eher hohl, ist aber übersetzbar. Aber könnte auch ihre elektronische Musik in Country übersetzt werden? Nein, wohl eher nicht. Musik als EINE Sprache geht hier nicht. Verbindet uns die Musik? Klar, zeigt sich, wenn wir alle high sind auf dem Konzert unserer Lieblingsband. Wäre das auch in Wacken so? Dort würde Musik von Heavy Metal keine verbindende Kraft für mich sein. Bestimmte, soziokulturelle Voraussetzungen wären dort nicht gegeben. Ganz so automatisch scheint die Musik also nicht in unserem Gehirn als EINE Sprache verarbeitbar zu sein. Aber es gibt da einen sicheren Trost für uns Radfahrer in aller Welt: wir fahren alle in EINE Richtung: vorwärts. Und werden von dem wunderbaren Zukunftsslogan von Kraftwerk begleitet: „Es wird immer weitergehen Musik als Träger von Ideen.“

 

 
Für Euch gesehen bei den Skulptur Projekten in Münster:
 
 


 
 

 

2017 12 Jun

My eyes have seen you

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„I understood you’ve been running from the man
That goes by the name of the sandman …“

(America / CSN & Y)

 

Er hat’s mal wieder getan – Brian Eno sagte über sie:“ She is the biggest thing since Patti Smith“. Anna Calvi, von dieser britischen Singsongwriterin ist die Rede, hat für Robert Wilson, dem aufregenden Theatermacher aus Texas, die Songs für sein neues Stück „Der Sandmann“ komponiert. Ich habe es gestern Abend gesehen.

Das Musical begann mit einem ohrenbetäubenden Paukenschlag, der die älteren Gäste im Schauspielhaus zurück ins lebendigere Leben katapultiert haben dürfte. Nathanael, der in seinem anderen Leben Christian Friedel heisst und Leadsänger und Komponist ist, donnerte mit einer voluminösen Jim Morrison Stimme los: „There will be a Horror.“ Einige Zuschauer rutschten tiefer in den Plüsch.

Der Sandmann ist bekanntlich eine Horrorerzählung von E.T.A. Hoffmann. Der kleine Nathanael erfährt, wie so mancher von uns, schlimmste schwarze Pädagogik. „Wenn du jetzt nicht ins Bett gehst, kommt der Sandmann und reisst dir die Augen aus.“ Die Augen sind das Hauptmotiv in dem Musical. Der Augenhändler wirft Nathanael immer mehr in eine Hilflosigkeit, die am Ende zu seiner vollkommenen Wahnsinnigkeit führt. Rührend die Mutterglucke, die ihren Sohn mit dem zu Herzen gehenden Lullaby von Anna Calvi wieder herstellen will:

 

SUNDAY LIGHT

Boy in amber on the stairs
Sunday light through his hair
Casts a shadow on the wall
Deep and dark

 

Der kleine Struwwelpeter kommt nicht zur Ruhe, er hört Stimmen, die durch den Einsatz der Musik hervorragend zum Ausdruck kommen:

 
SURRENDER

We swim under the stars
All the secrets that lie under the dark

Der Sandmann singt dagegen verführerisch:

Sleep on,
You bring the sugar, and
I’ll bring the leather
 

Robert Wilson verlangt von seinen multitalentierten Schauspielern viel. Alle bewegen sich wie im Puppenspiel, alle werden pretentiös von einer fantastischen Lightshow angestrahlt. Das Bühnenstandbild ist meist entlehnt aus der modernen Kunst: Das graue Wolkenbild von G. Richter, die lineare Form von Mondrian. Einen verübten Mord stellt Wilson lediglich mit einer kleinen blutroten Hand dar oder lässt den blassen Mond schauerlich rot werden. Die Lichtchoreografie ist wirklich eine Wucht. Ebenso der geniale Einfall, die Trennung von Nathanael von seiner Clara mit dem für sich sprechenden Song einzuleiten: I See A Death In Your Eyes. Gänsehaut. Als Nathanael herausfindet, dass seine Angehimmelte lediglich eine aufziehbare Puppe ist, verfällt er vollkommen dem Wahnsinn. Er singt zusammen mit seinem Schwager:

 

I WHIP THE NIGHT

… I feel alone and in the dark you should have known it
That the lion bites the lion
With your pseudo liberation of a pseudo libido

 

Ein riesiger Zahnbohrer erscheint als Bühnenbild, man erleidet körperlich die Bohrangst und nur bei klarem Verstand Verbliebene können erahnen, welch Tortur Schizophrene durchmachen, wenn sie von Stimmen bedrängt werden. Sehr eindringlich miterlebt in dem Song: THE HURRICANE, THE HURRICANE, THE HURRICANE, THE HURRICANE.

Anscheinend wollte Bob Wilson das Publikum nicht mit diesem donnernd düsteren Powersong entlassen. Noch einmal versammelt sich die ausgezeichnete Schauspieltruppe zum gemeinsamen weicheren Gesang: YOU WANT A PIECE OF HISTORY / WELL, COME AND KISS ME …

Wer die Möglichkeit hat, das Musical zu sehen, hat das Vergnügen, neben E.T.A. Hoffmann, Lotte Reiniger, Sigmund Freud, John Cage, Ezra Pound, Andy Warhol und Buster Keaton zu sitzen.

2017 6 Jun

Chez Paul Weller

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Gestern Abend spielte The Modfather im ausverkauften Ancienne Belgique in Brüssel. Während des Bühnenaufbaus lief St. Pepper’s Lonely Hearts Club Band und mittenhinein in die wundervolle Beatles Musik sprang Paul Weller auf die Bühne und rockte mit „I’m Where I Should Be“ los und so blieb es bis zum Ende des Konzerts. Paul Weller hüpfte im weißen Barca-engen T-shirt zu dem Song: „Have You Ever Had It Blue?“, riss den Gitarrenhals gen Himmel und sang mit schöner, kräftiger Stimme gegen den schlechten Soundmix an. Der Bass war viel zu laut. Lediglich am Keyboard konnte ich Textfetzen von „Going My Way“ ausmachen. Das mir am besten gefallene Lied „You Do Something To Me“ war trotz der beiden sehr lauten Drummer ganz gut zu erkennen. Das Publikum, 50+, war begeistert. Selbst auf den engen Emporen des AB tanzte das „Cagepublikum“ gut mit. Leider war das grelle Bühnenlicht ampelmäßig auf das Publikum unten in der Halle gerichtet, was wegen des stechenden Lichts den Blick auf die Bühne nahm. Ansonsten war die stage show rather poor. Dafür wirkte der Aufdruck „The Moons“ auf Weller’s T-shirt um so sinniger. Wir kennen den Song „Last Night On Earth“, was als prima Hinweis von dem stets engagierten Musiker auf Trump’s Klimaabsage hindeuten könnte. „The Impossible Idea“ folgte und einige Stücke von der neuen CD A Kind Revolution. Er will mit seiner unglaublichen Power sicher das, was E. Macron in seinem Buch Revolution beschreibt: a new change. Mit „Wake Up The Nation“ hat er bereits mit dem bravourösen, aus dem Hinterland hervorgetretenen Robert Wyatt für Jeremy Corbyn von der Labour Party gesungen. Hoffen wir, dass übermorgen ihre Klänge bei den Neuwahlen des britischen Unterhauses in die richtige Richtung rocken.


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