Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Zum Meister der hohen Formulierungskunst wurde ja hier auf diesem Blog schon einiges geschrieben. In Zeilen und Tage, das zu meinen Lieblingsbüchern dieses Schriftstellers gehört, gibt er amüsante und bereichernde Einblicke in seinen Lebensalltag. Sowohl persönlich als auch erzählerisch philosophieren zu können, das Ganze mit originellen Wortschöpfungen zu würzen, dies hat er vielen seiner Berufskollegen voraus – um nicht zu sagen: er steckt sie locker in die Tasche. Ein stiller Traum wäre ja, einmal ein Buch herauszugeben, in dem Philosophen und andere Autoren übers Fahrradfahren schreiben. Es folgt eine Passage aus den gesammelten Tagebuchnotizen (von denen man sich wünscht, dass irgendwann noch weitere veröffentlicht werden), datiert mit „Wien, 14. Juni“ aus dem Heft 100 von Mai bis September 2008:

 

„Mit dem Fahrrad die grössere Runde an der Donau bis Tulln und zurück. Bin rechtzeitig wieder zu Hause, um a) die Zahnschmerzen, die seit Monaten nie ganz verschwunden waren, wieder mit einer Dosis Ibu niederzukämpfen, b) mir ein Glas Burgenland-Roten zu genehmigen, c) das Spiel zwischen Spanien und Schweden anzusehen, d) speziell für Günther Netzer die Zeitmaschine neu erfinden zu wollen, damit er in seine Spielerzeit zurückreist statt zu kommentieren.“

2017 10 Jun

Inspirationen

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Als wir in Münster unter Palmen sassen …

 

Lässt man die Phantasie mal kurz aus dem Spiel, dann war es eine deutsche Eiche, Pfauen turtelten um uns herum und vier gemeinsame Stunden vergingen wie im Flug. Everything and nothing came to speech and this is what it should be. Kaum hatte man sich begrüsst, kam schon ein Apfelkuchen unter die Nase geflogen und Minuten später gleich ein Zweiter hinterher. Paradise now? Talking about Brian Eno, witty L asked, mit dem Schalk im Nacken: „Muss es denn immer Eno sein?“ Nun, in meinem Falle sei David Sylvian die wichtige Figur gewesen, er habe genau die Musik gemacht, die mir selbst eigentlich vorschwebte. „Immer noch?“ „Nein, nun nicht mehr.“

Wir kamen, beim Thema „Mystik“ angelangt, auf Peter Handke zu sprechen. G unterbrach das Gespräch brachial: „Ein Konfliktpunkt zwischen M und mir – lasst uns über Anderes reden!“ Es gelang mir noch, eine bei Suhrkamp erschienene Handkebiografie lobend zu erwähnen. In diesen Tagen nun stöbere ich fasziniert in einer gut geschriebenen und detailreich recherchierten Biografie über David Sylvian: On the Periphery – The Solo Years.

Da kommt Erstaunliches zutage. Zu den wenigen Vorzügen des Älterwerdens (Calvino sass in Münster mit am Tisch und mahnte: „Ein Mann wird älter!“) gehört ja die Möglichkeit der Abstandnahme und Neuorientierung. Ich stelle mit Genugtuung fest, dass mit den Manafonistas doch ein Umschwung stattgefunden hat hinsichtlich des Musikgeschmacks. Viel Neues ist hinzugekommen, ein Horizontwechsel hat stattgefunden. Unsereins ist sich auch nie zu schade gewesen, durch Andere inspiriert zu werden … (I remember D once talking about the Kings of Convenience and I asked myself: „Who the fuck is this?“).

Oder J in Studententagen mit seinen siebentausend Schallplatten: nächtelang Musik hören, von Sun Ra über Coltrane bis hin zu den Tubes oder den Simple Minds, dazu Rotwein trinken und Tabakläden leerrauchen, wer kennt das nicht. Wir hatten eines schönen Sommertages im Gebrauchtkaufhaus GUM am Weissekreuzplatz in der List wiedermal die Schallplattenabteilung durchforstet und bei einem Kaffee dann begeistert „The Boy With The Gun“ aus dem frisch erschienenen Album Secrets of the Beehive gehört.

Als jene Stelle kam mit dem verblüffenden, Pirouetten drehenden, irrwitzigen Gitarrensolo David Torns, fragte ich J voller Verwunderung: „Welche Musik ein David Sylvian wohl so in zwanzig, dreissig Jahren machen wird?“ In seiner trockenen, etwas schulmeisterlichen Art meinte der: „Das kann ich dir sagen: anspruchsvolle Avantgarde!“ So kam es dann ja auch, mit Blemish und mit Manafon.

2017 15 Mai

Tageslichtgeister

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Faust und Mephisto treten auf.
 

Zwei Platten drehen sich seit Tagen auf dem Teller, sie ziehen mich an als wär´s ein Sog. Abwasch machen, ins Labor? Erstmal einen Pottersong dazwischenschieben. Schnell werden es dann zwei, drei, vier – hintendran noch einen Taborntitel, dann raffe ich mich endlich auf. Schnell kann es zu Verwechselungen kommen: das Stück „Sonic Anomaly“ zum Beispiel – is it Craig or Chris now? Tageslichtgeister schwirren umher. The Dreamer is the Dream.

Redet hier schon einer wirr – prokrastiniert und dilletiert im Klimakterium? Und immer diese abgedroschenen Anglizismen. Nun aber Klartext! Denn wir wissen doch: der vorgebliche Plattenspieler, auf dem sich dieser Potter drehen soll, ist in Wirklichkeit ein ganz banaler Ipod. Hoch gestapelt, tief gefallen, ausgeträumt, Herr Felix Krull!

So what? Der Träumer bleibt ein Traum. Chris Potters Werk ist – um es klartextlich zu sagen – für mich das Beste, was ich bislang von dem Ausnahmesaxofonisten hörte. Es folgen die Daylight Ghosts des Pianisten Craig Taborn, sequenziert mit Silent Light als sanftem Ausklang. Der Albumtitel des Gitarristen Dominic Miller könnte auch Hinweis sein auf eines Ipodhörers liebste Stunde, meines Zeichens twilight zone genannt: die Dämmerung. Denn diese Stunde hat Magie, sie ist ein Übergang.

Übergang?

Ultrahang!

Was denn nun?

Taborn und Potter spielen ja zuweilen auch zusammen.

Komm er mir nicht mit „Wahlverwandtschaft“! 

Des Pianisten Solo auf dem Label ECM war ja schon einzigartig wie dessen ganze Klangauffassung: mal sphärisch verspielt, dann rockig vertrackt. Und angenehm kühl.

Oh Gott – Strawinski, Messiaen, Berg und Bartok?

Zumindest grüsst die Klassik – doch sei beruhigt: fernab von allem Kirchentaggedöns. Das Potter-Album begeistert mich besonders, ich zähl´s zu jener Art Musik, die ich nach eigenem Gutdünken „Erlebnisjazz“ nun nenne. Dies Wort spannt jenen Bogen auch zu frühester Hörerfahrung – in guten, alten Radiotagen.

Die Moderatorin Anne Rottenberger war es, sie legte mir via Radio Bremen schon früh den Schlagzeuger Paul Motian ans Herz und sprach den Namen dabei, wie wenige nur, auch richtig aus: Mozi-en, nicht Mouschn – selbst für Mozartfeinde leicht zu merken. Ich sah sie oft bei Nachbarn zu Besuch, sie fuhr mit ihrer roten Ente vor.

Sie anzusprechen traute ich mich aber nicht, denn sie erschien mir wie ein Engel. Sonderbar an ihren Sendungen war die Zusammenstellung. Traditioneller Jazz aus der Historie und dann die modernen Formen: Robert Wyatt, Soft Machine, Mahavishnu – wage Erinnerungen. Airto Moreira und Flora Purims „Open Your Eyes, You Can Fly“. So wurde also früh das Fundament gelegt für den „Erlebnisjazz“ – und stets aufs Neue erscheinen in dem Gebäude ja ausserordentliche Platten, äh, Potter, Ipods.

Bleib er ganz ruhig, der Wortemacher! Was liegt an Worten, was liegt an dir?

 

  • Chris Potter The Dreamer is the Dream ECM 2519
  • Craig Taborn Daylight Ghosts ECM 2527
  • Dominic Miller Silent Light ECM 2518

2017 27 Apr

Der Münsteraner Liederdieb

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In Münster geht ein Liederdieb umher. Er entstammt der gleichen diabolischen Dynastie wie einst der Rattenfänger zu Hameln und ebenso listig versucht er seine Gefolgschaft zu betören, durch Musik. Es handelt sich bei dem westfälischen Artgenossen allerdings um artfremdes Material, das er – ohne hierfür auch nur im Geringsten die Kopierrechte zu besitzen – in simples Fingerzupfen transkribiert: in münsteraner Pickingmuster. Das bringt die Plattenindustrie zur Weissglut, sie schickt ihm zwei der besten Fernsehkommissare auf die Fersen. Doch leicht ist ihm nicht beizukommen, er wechselt die Gestalt mit jedem seiner Lieder. Die eignet er sich an und also fragen sich Inspektor Thiel und Jurist Börne: wer ist der Mann und wenn ja – wie viele? Jüngst sah man ihn des Nachts bei Vollmond freihändig auf einem schwarzen Schimmel reitend, am Ufer des Aasees entlang, dazu auf der Flamencogitarre die Version eines bekannten Songs der Band Blonde Redhead spielend. Deutet der Titel „Dr. Strangeluv“ schon auf den Songverfälscher hin, ist das eine seiner Maskeraden, mit denen er stets entkommt? Auf einem Kurzfilm, den ein Filmemacher aus Berlin den Kommissaren zuspielt, sieht man den Übeltäter frech in eine Kameralinse grinsen und hierbei in bekannt verzerrter Weise den Philosophen Georges Bataille zitieren: „Ich spiele meine Lieder wie ein Mädchen, das sein Kleid auszieht … .“ Rätsel über Rätsel: Who the fuck is this invisible man? Nach langem Suchen fand sich nun das Original, auf Youtube – in Schwarzweiss nur, doch zumindest eine wage Spur.

 


 
 
 

Im Vorfeld hatte man sich lange gefragt, wie das denn gehen solle, alles unter einen Hut zu bringen. Die Vorfreude war gross gewesen und als man auf einem der besseren Sitze Platz genommen hatte und das Konzert begann, wurde schnell klar: wo John Zorn draufsteht, da ist auch John Zorn drin. Insgesamt siebenundzwanzig Musiker in zwölf Formationen traten auf. Solo, im Duo, im Trio und als Quartett brachten sie einige der „Bagatellen“ zum Besten, von denen der jüdische Jazz-Innovator zuvor dreihundert am Stück komponiert hatte, in dreimonatiger Klausur und mit der von ihm gewohnten Schaffenskraft.

Man begann pünktlich wie die Bauarbeiter und dem Polier in Person kam spontane Sympathie entgegen, als er die Bühne betrat in gewohnter Arbeitskleidung: lässig in Tarnfarbenhose mit den übergrossen Seitentaschen, fast so gross wie das auf dem hauseigenen Tzadik-Label veröffentlichte Œu­v­re. Kurz dem Publikum zunickend, die Sympathie erwidernd, begann er sogleich, sein Abendwerk zu verrichten, denn die Zeit war knapp. Diszipliniert unter der Regie und Moderation des Komponisten lief nun alles ab, straffer und mit mehr Dynamik, als Bauplaner ein Projekt jemals zuende brachten.

Als es nach zwei Stunden zur Pause ging, hörte man von einem jener zahlreichen Besucher im fortgeschrittenen Rentenalter, die wohl der Philharmonie wegen gekommen waren und vermutlich das erste Mal mit solcherlei Musik Bekanntschaft machten: „Laut, aber gut.“ Genau das war auch das einzige Manko: es war stellenweise schlichtweg zu laut. Glücklicherweise aber kam man doch auch in den Genuss einer ortstypisch differenzierten Akustik. Beim Soloauftritt Craig Taborns etwa schritt der umtriebige Zorn hilfreich zur Tat: „I wanna hear the Piano, let´s drop off the soundsystem.“ Beifall.

Es waren auch solche kleinen Zwischenfälle, die den Abend würzten: einer jener dumpfen douchebags etwa, der seinem selbsternannten Pseudokumpel quasi über den Kopf der Ikue Mori hinweg, die zuvor eine eigentümliche Computerperformance abgeliefert hatte, zurufen musste: „Next time you put it on a USB stick, John.“ Emotionslos und sachlich, wie es die Situation erforderte, war dessen Antwort: „Fuck you!“ Gut so, denn der Typ sass gleich hinter uns. Hätte man ihm, dem spontanen Impuls nachgebend, direkt eine geplettet, die Konzentration wäre vorrübergehend gestört gewesen.

Die Highlights des Konzerts? Ein jeder der zwölf Acts war hörenswert. Von einigen der Musiker, die ja beim Label ECM schon publizierten, hörte man auch Stilles, klassisch Anmutendes: vom schon erwähnten Craig Taborn etwa, von der Pianisten Sylvie Courvoisier im vertrauten Zusammenspiel mit ihrem Gatten, dem Geiger Mark Feldmann und seinem unverwechselbar eigenem Violinenton. Das Duo Julian Lage und Gyan Riley, der eine an den Nylonsaiten und der zweite an den steel strings zupfend, war beeindruckend. Auch das Violoncello-Duo mit Erik Friedländer und Michael Nicolas liess die Akustik des Ortes gut erklingen.

Persönlicher Höhepunkt war dann doch das Quartett der Pianistin Kris Davis, mit der reizenden Mary Halvorson an der Gitarre, mit Drew Gress am Bass und Tyshawn Sorey am Schlagzeug. Da würde man sich über ein erscheinendes gemeinsames Album freuen. Dann wieder Zorn, der fast jeden Angehörigen seiner Freundesfamilie nach den jeweiligen Auftritten herzte, küsste und umarmte: „After this beautiful ballad, let´s do a little headbanging!“ Und was jetzt kam, glich elektrisch verstärkten Vorschlaghämmern mit Massagebass im Unterbauch. Die drei Jungs des Trios Trigger lieferten eine Metal-Performance ab, die man nicht vergisst und der Chef im Ring gönnte ihnen ausnahmsweise eine Extrarunde, denn sie seien ja „first time in Europe“. War das ein Spass!

Den ersten Set hatte John Zorn am Saxofon im legendären Masada Quartett begonnen – mit Trompeter Dave Douglas, Joey Baron am Schlagwerk und Greg Cohen am Bass. Als ihn das Trio des Organisten John Medeski, mit Drummer Calvin Weston und David Fiuczynski, jenem Doppelhalsgitarristen der Gruppe Screaming Headless Torsos, dann mit Power-Funk abschloss, war man froh, dass gerade erst zwei der insgesamt fünf Stunden eines grandiosen Konzertabends wie im Flug vergangen waren.

2017 28 Mrz

Spurensuche

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„Wild Man“ war der Song des Tages gestern. Trotz des guten Wetters eine virtuelle Reise in vereiste Bergregionen. Leichte Panik wiedermal, ich könne die Akkordfolgen eines dieser Sahne-Stücke, die einem nicht nur von Westcoastbuddies wie Becker & Fagen zuhauf serviert werden, schon vergessen haben. Kopfhörer auf, zur Gitarre gegriffen, war ich dann schnell beruhigt: alles noch da, beziehungsweise kam es prompt wieder – bis auf die eine dunkle Stelle, schattenhaft wie das ganze Lied zu dem Himalaya-Yeti. Eines ist ja doch beruhigend beim Trainieren des analytischen Hörsinns: das einst Erschlossene speichert sich in Sedimenten ab und das Neue wird schneller zugänglich. Mehr als nur Kompensation lückenhafter Notenkenntnisse, macht es grossen Spass, einen Song selbst zu entziffern, ihn sich geradezu kannibalistisch einzuverleiben. Er wird dann Teil des Selbst und Ahmung kommt ins Spiel. Copyright? Dass ich nicht lache! So viele Lieder sind längst im Zellgut fest verankert. Epigenetisch aktiv geworden tragen sie zur Gesundheit bei wie wichtige Vitamine: von John Martyn einst bis zu Bon Iver jüngst. Musik selbst machen oder Musik hören, beides ging immer schon mit einer Metamorphose einher, verwandelte stets, schaffte ein Ausgleichs-Ich, ein Anderes. Vielleicht spricht mich auch deshalb dieser Wilde an, den der Nebenmensch nicht fassen kann. Das Album 50 Words of Snow, auf dem er zu entdecken ist, fand ich seinerzeit grossartig. Life in the Ghosts of Kate Bush. Die Akkordfolgen sind bemerkenswert, denn wie so oft bei guten Künstlern finden sich hier originelle, unverhoffte Wechsel. Es beginnt mit A Moll, geht zu G Dur und F Dur. Aber dann: die Melodie bleibt gleich, doch die Akkorde scheren plötzlich aus zu F Dur, E Moll und D Dur. Wie genial ist das denn! Es folgt der Chorus, hier grob skizziert: E Dur, Eb Dur (die unklare Stelle!), D Dur, C Dur, H Moll. Wobei die Taktlängen hasenfüßige Schlenker machen: nichts ist hier berechenbar. Ebenfalls genial, grande dame. Schade, dass unsereins derzeit nur wenig Lust verspürt, eine Cover-Aufnahme zu machen. Die kostet nämlich Nerven und wird am Ende doch relativ schlecht bezahlt – bei zugegeben spärlichem Ergebnis.

Einer jener rätselhaften Aussprüche des signifikanten Herrn Lacan, seines Zeichens Analytiker mit Bürgerschreck-Attitüde, der bezeichnenderweise mit Surrealisten wie Breton oder Dalí befreundet war, lautete: „Die Angst ist das Einzige, das nicht täuscht.“ In dieser Ausschliesslichkeit („Das Einzige“) mag das nicht stimmen, doch interessant ist´s allemal. Hinweis auch auf den Tatbestand, dass Angst zweckdienlich vor Gefahren warnt, dies wusste schon der Urzeitmensch. Philosophisch nun stellt sich die Frage allgemein: „Was täuscht?“ Die Illusion kommt hier ins Spiel und der Lateiner weiß: mit etwas sein Spiel treiben, das wird vom Verb illudere ja hergeleitet. Das Täuschende ist jedoch nicht immer maliziös und irreführend, oft unterhaltsam auch und spannend: Illusion und Illumination, das hängt zusammen. Was aber täuscht, ist die Ansicht, dass gewisse Dinge unabänderlich seien. Wer beispielsweise Utensilien auf einem Schrein posiert und diese dann andächtig anbetet, muss sich nicht wundern, wenn hier gewaltig was ins Stocken gerät.

Auch im Kulturbetrieb kommt ja dergleichen vor. Man möge sich vor Augen halten, dass fertige Kunstgemälde oder auf Tonträger konservierte Studioaufnahmen kontingente Momentaufnahmen sind, statische Abschlüsse vorangegangener Fliess- und Fleissprozesse. Befremdlich zuweilen, solcherlei Platten dann als Kultobjekt zu sehen. Gone to Earth von David Sylvian und Robert Fripp sei hier genannt. Einem Interview mit ersterem entnahm ich, die Arbeit sei nicht abgeschlossen gewesen, es bestanden wohl auch Dissenzen unter den Mitwirkenden. Aber auf Druck der Plattenfirma hin wurde dann vorzeitig veröffentlicht. Funny enough, wenn hinterher der Fan das Unfertige als etwas Geniales lobpreist. Das Handwerk macht diesem oft zu Fatalismus führenden Unabänderlichkeitsglauben wirksam den Garaus. Denn der Handwerker weiss: man muss sich zu behelfen wissen. Als ich einem Freund erzählte, es sei etwas völlig Anderes, auf einem selbst zusammengebauten Fahrrad zu fahren als auf einem fertig gekauften, entgegnete dieser: „Ja, man steckt da drin.“

2017 5 Mrz

Dr. House und Sneaky Pete

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„Everybody lies.“ Der Satz des Dr. House wirkt wie in Stein gemeisselt. Der geniale Arzt und agnostische Diagnostiker mag seine Patienten nicht: hier zwickt es und da tut es weh? Ach nein, wie uninteressant. Don´t tell me your stories. Leave me alone with my own worries! Kaputtes Bein, verunglückliche Liebe: der zynische House, dem schon so manches Übel widerfuhr, hat längst die Faxen dicke. Wären da nicht diese interessanten Fälle, denen nur Typen vom Karat des Sherlock Holmes auf die Schliche kommen. Unterhaltsam ist es, ihm dabei zuzuschauen – und so wie einst die Lektüre von Cioran und Schopenhauer war: heilsam und erhellend. Die Akzeptanz von Negativität wendet sich auf wundersame Weise ins Gegenteil: zu einem positiveren Lebensgefühl.

Auch Sneaky Pete ist so ein Mozart, nicht als Mediziner, vielmehr als Taschendieb und Trickbetrüger. Wie er sich gedankenschnell aus scheinbar ausweglosen Situationen windet, grenzt an Magie: den Zeitfluss auf Zeitlupe stellen und so in aller Ruhe das Mauseloch finden, durch das man entwischt. Eine jede Fernsehserie hat ihre Merkmale, die sie mit anderen verbindet, und solche, die sie unterscheidet. Erlesene Bildfotografie, schwarzer Humor, das Leben in disfunktionalen Familien, eine tarantinoeske Hemmungslosigkeit in der Darstellung von Gewalt, subtile Erotik, lebensnahe Figuren. Sneaky Pete erinnert hier an Breaking Bad, ein bischen an Fargo. Eines macht die Serie dennoch einzigartig: sie wirkt kaleidoskopisch, als eine Aneinanderreihung von Mikro-Kurzgeschichten, die wie kleine Knospen permanent aufspringen, in überraschenden Momenten und Wendungen.

„Immer fix, sonst kriegste nix!“ Was mir ein pfiffiger Spielkamerad in Kindheitstagen als Spruch ins Poesiealbum schrieb, liess mich schmerzlich erahnen: die Disziplin der Schnelligkeit war nicht mein Ding. Auch darin, skrupellos den eigenen Vorteil zu suchen, bestehen bis heute Defizite, die sich nur durch meditative Eigenschaften kompensieren lassen. Sneaky Pete ist so ein windiger Geselle, dem das, was unsereins versagt blieb, spielend leicht gelingt. Wo die Gefahr wächst, erkennt er stets das Rettende. Hierzu gehört die Kunst der schamlosen Lüge, die er übrigens auch mit jenem Typus teilt, der maskenhaft nur zu beherrschen trachtet: dem narzisstischen Psychopathen. Diesen Teil übernimmt, gespielt von Bryan Cranston, sein Gegenspieler Vince, kaltschnäuzig wie ein Krokodil. Wem schon Walter White verständlicherweise unsympathisch war, der findet hier die hardcore version. Charmant und fesch kommt er daher, dem anderen Komplimente machend, so wie man Blumen giesst, die man alsbald zu pflücken gedenkt.

2017 21 Feb

Palaver mit Otto

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„Nun liegt aber der wahre Zauber des Wanderns nicht im Laufen oder in der Landschaft, sondern im Reden. Das Laufen ist nur dazu da, für die Bewegungen der Zunge den Takt anzugeben …“

(Mark Twain: Unter Freunden – Der Lauf der Unterhaltung)

 

Otto ist ein bischen verrückt, aber man kann gut mit ihm plaudern, wenn man stundenlang am Fluss entlangläuft. Hat er erst einmal sein Thema gefunden, lässt er davon so schnell nicht ab, als gäbe es nichts Anderes. Mal war es eine aus ausgesuchten Einzelkomponenten zusammenkomponierte Hifi-Anlage, die das Zentrum seines Wollens in Beschlag nahm. Dann war er wiedermal verliebt. Einen gewissen Frauennamen hörte man nun öfter als den der derzeit medial gepuschten Frauke P. im Lauf der Unterhaltung. Diese Rangehensweise, als wäre es ein Prinzip der Medien selbst: die Langzeitarbeitslosen, Dauerthema einer Periode – Fachgesimpel über die Köpfe von „Häftlingen“ hinweg, bis der Wind doch wechselte. Dann waren es die „faulen Griechen“ – „Varoufakis, Varoufakis, Varoufakis“ krähte der Hahn dreimal: des morgens, mittags, abends. Fast eine Erlösung, wenn es auch mal die da ganz oben träfe – denn die im Dunkeln, sie versteckten sich in Steuerparadiesen, Transparenz gelte überwiegend für leichter Überprüfbare. Stichwort Martin Winterkorn, VW. Ein ganzer Konzern in der sozial-ökölogischen Hängepartie. Zwei Themen nun bestimmten jüngst Ottos Interesse: die Schere zwischen Arm und Reich, global und national gesehen. Und, ernsthaft: Vitamin K2. Er hatte nämlich rausgefunden, dass eine Vitamin D Substitution im Winter, die in unseren Breitengraden (Otto wohnt in Emden) durchaus Sinn mache, ohne gleichzeitige Gabe von K2 und Magnesium aber nicht funktioniere. Um so erstaunlicher, dass weder Ärzte noch Apotheker davon so richtig Bescheid wüssten: das Gesuchte sei doch nicht im Grünkohl oder in der Butter! Otto genervt: „Sie kennen den Unterschied nicht zwischen K1 und K2, wozu haben die denn studiert?“ Wir wechselten das Thema: Trump und die Plünderung der Rohstoff-Ressourcen durch westliche Wohlstandsstaaten war das Programm. Das Reden ist ein langer, unruhiger Fluss.

 

2017 29 Jan

Serienblinzeln

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„Seht! Ich zeige euch den letzten Menschen. Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern? – so fragt der letzte Mensch und blinzelt.“

(F. Nietzsche)

 

Abstandnahme ist eine Technik der Wahrnehmung. Nach meinem Eintritts-Debut in die Schöne Neue Fernsehwelt im vorletzten Herbst mit vier Staffeln Mad Men drehte ich der Madison Avenue den Rücken zu, um dann nach einem Jahr zurückzukehren. Wie vertraut mir die Charaktere doch geworden waren, wie angenehm und erbaulich auch dieses Werk zu schauen war. Was sich aber verändert hatte, war der inzwischen möglich gewordene Vergleich mit anderen Serien – man kommt halt viel rum. Gestern nun der Anfang der finalen Staffel von Sons of Anarchy, wiederum nach längerer Pause. Back to Charming. Ich war sofort drin, erkannte die unzweifelhafte Qualität in allen Dingen. Aber diese extremen Gewaltdarstellungen hatten mich doch unterschwellig immer sehr gestört, wie eine Gräte in vorgeblich filletiertem Fisch: es blieb einem oft im Halse stecken. Auch fehlte ja die Distanznahme mittels ironischer Überzeichnung ins Groteske und Absurde, wie beispielsweise in den Filmen Quentin Tarantinos. Nein, das ist schon Shakespeare-Kost hier: Macbeth at its best. Und wie diese Gemma im Namen ihres persönlichen Gottes, des bedingungslosen Familienzusammenhalts (eine Alternative zum Grundeinkommen), über Leichen geht, das lasse ich mir bis zum Ende nicht entgehen. Man möchte sie genüsslich durch den Fleischwolf drehen. Selbstverständlich wird dieser Staffellauf abgeschlossen, hinter der Ziellinie winkt auch schon Sneaky Pete, die Serie der Stunde. Ich sah kürzlich die erste Episode, was zur Folge hat, dass ich mich auf die nächsten neun freue. Vorfreude zählt ja bekanntlich zu den angenehmsten Prä-Emotionen in postfaktischen Zeiten. Man trifft hier Walter White wieder, jenen Drogenbastler aus Breaking Bad, der im richtigen Leben ja immer noch Bryan Cranston heisst und von Beruf Schauspieler ist. Doch Max Frisch lässt grüssen: solch eine Paraderolle wird man schwerlich los, sie haftet einem auf ewig an. Warum aber ist Sneaky Pete so gut? Weil man sofort drin ist und ab geht der fliegende Teppich. Die Handlung macht Spass, perlt leicht und augenzwinkernd dahin, ist zudem spannend, jedoch nicht allzu aufreibend. Die Schauspieler sind klasse und die Bilder erlesen. Das alles und noch viel mehr erinnert verdammt an Breaking Bad. Und sowenig wie man der Gewaltdarstellungen wegen auf die anarchischen Söhne verzichten wollte, fiele es einem im Traum ein, eine grandiose Serie einer personalen Antipathie wegen zu canceln. Wobei, Rosamunde Pilcher hatte ich ja dereinst auch verworfen, aber da handelte es sich ja um einen ganzen Clan voller Abneigungen – von den Brutalitäten verharmlosender Klischeewelten ganz zu schweigen.


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