Manafonistas

on music beyond mainstream

Autoren-Archiv:

2014 5 Dez

Favoriten aus 2014

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Meine diesjährige Album-Bestenliste steht unter dem Motto des Jahres Weniger ist mehr (ein alter Buchtitel des Psychoanalytikers Wolfgang Schmidbauer) – dicht gefolgt von Carpe Diem (nur augenscheinlich ein alter, vermottoter Hut) und Bewege dich, so wirst du schön – ein alter Buchtitel des Ethnologen Hans-Jürgen Heinrichs … Doch nun zur Musik: Mary Halvorsons Gitarrenspiel ist eine Neuentdeckung – knorrig, vertrackt, witzig, versiert. James Farm ist das Quartett des Saxofonisten Joshua Redman, dessen vitale und klar nuancierte Art zu spielen mir gefällt. David Sylvians neues Werk ist beeindruckend, hätte aber auch den Namen von Franz Wright im Titel verdient, da dessen Dichtung und Stimme das Album prägen. Marcin Wasilewskis Pianospiel gefällt mir so gut, dass meine diesjährige Wunschliste lauthals und vermessen fordert: “Ein Klavier, ein Klavier!”

 
 

Stefano Bollani – Joy in Spite of Everything (ECM)

James Farm – City Folk (Nonesuch Records)

David Virelles – Mbókò (ECM)

Sylvie Courvoisier – Mark Feldman Quartet – Birdies for Lulu (Intakt Records)

Marcin Wasilewski Trio & Joakim Milder – Spark Of Life (ECM)

Aki Takase La Planète – Flying Soul (Intakt Records)

Anja Lechner & François Couturier – Moderato Cantabile (ECM)

David Sylvian – There’s A Light That Enters Houses … (SamadhiSound)

Alexander Hawkins Ensemble – Step Wide, Step Deep (Babel Label)

Mary Halvorson, Michael Formanek, Tomas Fujiwara – Thumbscrew (Cuneiform Records)

Mary Halvorson – Reverse Blue (Relative Pitch Records)

Tord Gustavsen Quartet – Extended Circle (ECM)

Screaming Headless Torsos - Code Red (RDS/rough trade)
 

 

 
 
 

Once again it was the body more than the mind listening to a piece of music like a leaf that is whirling in the wind slighty falling towards earth and then again uprising, surprised by a deja-vu kind of evidence reliving – and by chance relieved to have one more album released in 2014 to put on a best-of-list. The deja-vu came from the remembrance (a long term retention) of two wonderful ecm-published Jack DeJohnette records: Oneness on the one hand and on the other Dancing With The Nature Spirits. So now again, while listening with body (and soul) to a song called “Transmission” I feel that Mbókò by David Virelles one by one unfolds its power.

2014 27 Okt

Marcin Wasilewski Trio & Joakim Milder – Spark Of Life

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In aller Regel, stets durch Ausnahmen bestätigt, geht es sehr schnell, passiert im Nu: man vernimmt die ersten Klänge einer neuen Musik oder sieht die erste Sequenz eines Filmes und ahnt sogleich, ob der Funke überspringen wird. Lebenszeit ist kostbar und mit falschem Füllstoff möchte man sich ungern nur belasten.

Am Anfang also war der erste Eindruck – und der täuscht selten. Man vernimmt es gleich: es geht ins Offene hinaus – soll´n doch die Anderen steckenbleiben im angestrengt beflissenen Kulturgenuss. Das Cover zeigt eine Vogelflugformation, wahrscheinlich nach Süden ziehend, in dieses Offene hinein. Leichtigkeit stellt sich ein. Die Flucht vor dem Winter vielleicht, die himmlische Weite. Die Musiker sind einem schon vertraut – und ihrer Linie treu geblieben. Man hört jedoch den Fortgang, die Fortsetzungsordnung, die Weiterentwicklung. Das versierte Pianospiel voll der erhabenen Läufe. Schöne Melodien – nicht am Rande von Kitsch und Klischee, vielmehr an der Klippe zur Coolness.

Inspirierend ist, was man sogleich nachahmen möchte. Ja, wäre Marcin Wasilewski Gitarrist wie unsereins, man würde ihn sofort kopieren wollen – ach wär´ der Wunsch mehr als nur Vater des Gedankens! Er aber sitzt am Piano, umso besser. Flügelflug in vertrauter Trioformation mit einem Gast, der sich nahtlos einfügt. Feine Explosionen finden statt, Aufwinde aus dem Untergrund. Alles ist leicht und trotzdem kräftig. Boddhisattva satt, Litania statt Litanei. Wäre Musik wie Windsurfen, sie klänge wie Spark of Life.

2014 1 Okt

Norbert Bolz – Wer nicht spielt, ist krank

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Ein Buch von Norbert Bolz zu lesen, war stets mit Spass verbunden, seit unsereins in einem Akt der Abkehr von allen halbwissenschaftlichen, esoteriknahen Selbsterfahrungstheorien Mitte der Neunziger Jahre zu einem Umgang mit mehr spielerischen Sprachsstilen fand: Farewell to Psychology – Willkommen in der Philosophie!

Der Autor zählte nämlich auch zu jenen, die einem das Lesen philosophischer Texte schmackhaft machten durch seine sprachwitzige, kontrastreiche, anglophile und reizvoll provokante Art: sie weckte den Appetit auf die reichen Inhalte und Verzweigungen im interdisziplinär-hybriden Feld geisteswissenschaftlicher Geschichte(n) und Fragestellungen.

Eine Möglichkeit, sich Überblick zu schaffen über das Terrain des Lesestoffes: man schlage ein Buch am Ende auf und studiere das Quellenverzeichnis! Illustre Namen und Stichworte wecken die Neugier – auch in Wer nicht spielt, ist krank gibt es diese Appetizer: Wittgenstein, Winnicott, Max Weber werden da genannt. Mit Tolkien, Spielverderber, Luhmann, Löw, Lacan, mit David Fincher und Flipperautomaten geht es fröhlich weiter.

Bevor wir auf den Bolzplatz gehen, sollten wir nun zum Bolz-Buch greifen, um zu erfahren, was es auf sich habe mit der Lust zu Spielen – und warum Fussball, Glücksspiel und Social Games lebenswichtig für uns sind. Auch die Literaturhinweise sind vom Feinsten, im zehnten und letzten Kapitel stellt der Autor einige Standardwerke zum Thema Spiele vor und im Neunten warnt er vor all dem, was wir getrost vergessen können.

Ähnlich wie das Spiel Regeln hat, so hat auch die Lektüre welche – und eine davon lautet: Am Besten fange vorne an zu lesen! Der erste Satz des Vorworts klingt schon gar nicht mehr so krank: “Wer nicht spielt, lebt nicht.” Erzählt wird im Folgenden vom Homo Ludens, von der kulturbildenden Kraft der Spiele, ihrem entlastenden Charakter, ihrem Reichtum.

Einblicke in die Welt eines dominanten Fussballclubs (“Bayern München kann selbst nicht wünschen, jedes Jahr Deutscher Meister zu werden!”) und den Rest der Liga gewährt uns der Medienwissenschaftler Norbert Bolz als waschechter Fussballfan. Seine Thesen zum Sozialstaat sind allerdings diskussionswürdig – enthalten aber einen wahren Kern.

An einer Stelle wird´s besonders spannend: es geht um die Frage, ob es eine goldene Mitte geben kann zwischen der Herrenmoral der Zyniker und der Sklavenmoral der Gutmenschen. Wie sie spielerisch gelöst wird, auch davon berichtet dieses Buch.
 
 
 

 

2014 10 Aug

Inneres Afrika

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Jonas hatte seinen Weg gefunden, kritisches Bewußtsein zu umschiffen, wenn er Musik hörte – und somit den Direktiven des rigiden Überichs zu entkommen. Er machte jeder Form von Gelangweiltsein, von Überdruss und Infoflut von vornherein den Garaus, indem er sich mittels bestimmter Techniken in einen Zustand versetzte, der ihn Musik körperlich antizipieren liess. Was scherten ihn denn Theorie und voreingenomme Wertvorstellungen, Bewertungsschemata, wenn er dort unten angekommen war, in medias res: inmitten des Korallenriffs, wo Rhythmen, Schwingungen und Energien ihn vibrieren liessen? Der Funke sprang über – und es war gut. Mit klassischer Musik gelang das weniger, denn Emotionen, Seelenlagen, Dramen präsentieren – darum ging es nicht. Es war vielmehr dies Schweben und Durchzittert werden, im Mittendrin. I Sing The Body Electric. Im Jazz, da konnte man es finden, und zwar in jeder Form. Schon damals, als er Rudolf Steiner las und wissen wollte, was Anthroposophie denn sei, da kam der Einwand prompt: zuwenig Afrika, zuwenig Erde hier. Buchstabentanz Nein Danke! Was ist die beste Reinkarnation denn wert, wenn man nicht afrikanisiert ist? Ein hohler Zauber nur voll leerer Geistesblitze.

Selbst der zahnloseste Volksmund nennt seine Zahnarztpraxis gerne in Verbindung mit einem Possessivpronomen, auch wenn er nicht der Eigentümer ist oder als Herr einem leibeigenen Dentisten vorsteht. Er will nur sagen: “Ich bin nicht Zahnarzt-los!”

Meine Zahnarztpraxis also … – ist ein Glücksfall. Unter den dort praktizierenden Ärzten, dem Personal und den Patienten sind viele Russen. Die sind ein heiteres und geselliges Völkchen. Zudem herrscht dort stets ein kreativ improvisatorisches Chaos. Anästhesiert wird jedoch herkömmlich, nicht etwa durch die Verabreichung von Wodka, dafür aber begleitet von Fröhlichkeit und Geflirte.

Die geschmacklich streitbare Innenaustattung allerdings, in der sich pompös-bequeme Ledersessel im Wartezimmer mit dunkelfarbenem Laminat und giftgrünen Kitschbildern beissen; zudem ein Großmonitor mit einem Entspannungsvideo, das Buckelwale zeigt, akustisch untermalt von Michael Holms Panflötengesängen … – das ist nicht der wahre Grund zur Freude. Vielmehr ist es die erlesene Auswahl hochaktueller Zeitschriften, mit denen sich die teilsweise ausufernde Wartezeit spielend überbrücken und überkronen lässt.

Ist der Ort durch Feng-Shui gereinigt worden? Waren dort vor Urzeiten Druiden und haben die Wasseradern umgeleitet? Konzentration und Einbildungskraft sind hier auf wundersame Weise geschärft. Man liest etwa einen Spiegelessay über Donna Tartt anlässlich ihres Werkes Der Distelfink, fühlt sich der Autorin seelenverwandt in ihren Phasen von weiser Weltabgeschiedenheit und denkt zurück an ihr Debüt Die geheime Geschichte, das sie nach damals neunjähriger Schreibarbeit zur Bestsellerin machte.

Man liest über den Komiker Heinz Strunk, dessen Roman “Fleisch ist mein Gemüse” zu eigenen Wortschöpfungen inspirierte: Gemüse ist mein Fleisch, das Fahrrad mein Rollator, die Gitarre meine Leselampe. Strunk würdigt Botho Strauss, stellt ihn neu zusammen und nennt ihn zudem den “Schriftsteller meines Lebens”. Unsereins sampelt lieber selbst, liest im Original-Strauss – liebt aber dessen Sound gleichermassen und schätzt sein jüngstes Werk Lichter des Idioten als profunde Zeit- und Medienkritik.

So wandert man also umher zwischen Feuilletonseiten und eigenem Gehirnkino – bis eine aufweckend-freundliche und schöne Russin ruft: “Der Nächste bitte!” Heiter geht der ewige Patient, ganz ohne Masochist zu sein, den notwendigen Gang entlang und weiss doch: Wodka gibt´s heut wieder nicht!

2014 10 Jul

An guten Tagen

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“Woran berauschen Sie sich?”, fragt die Sueddeutsche – ganz im Sinne des Bonmots, wonach ein Mensch, der nicht geniesst, auch nicht geniessbar sei. Besonders erfreulich, wenn sich unter den Antworten Gleichgesinntes findet:

“Als begeisterter Ausdauersportler genieße ich jene Stunden, in denen es mir gelingt, das Denken komplett zu vergessen. An guten Tagen kann ich ganz in Bewegungsmeditation versinken. Das klappt am besten auf dem Fahrrad.” (Wigald Boning, Komiker)

2014 23 Jun

Crossrides and Crime

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“Heute … wage ich erneut den Versuch, durch eine philosophische Analyse des als Widerstands gegen Trägheit und Indifferenz gefassten Lebens die Grundbedeutung des Normalen zu fundieren. Das Leben sucht die Oberhand über den Tod zu gewinnen, wobei >gewinnen< in jedem Sinne zu verstehen ist, zumal als Gewinn aus einem Spiel. Das Leben spielt gegen die wachsende Entropie.” (Georges Canguilhem)

 

Bevor nun der Reiter erneut sein schwarzes Roß sattelt und teufelsgleich einen altersgemäß kontrolliert ekstatischen Ritt in die Sommerlandschaft unternimmt – für den der geeignete, ihn begleitende Soundtrack vielleicht die Christopher-Cross-Songs Ride like the wind und Sailing wären oder das von Sting in Wildwestmanier gecoverte Hung my Head, das ja vom Leichtsinn singt, weil einer Rast macht und die Rifle ausprobiert, als Ziel seines Spiels aber fatalerweise eine Lebendattrappe wählt und somit fortan als Gehängter (el colgado) gilt – nimmt er die Gelegenheit wahr, falls er dann irgendwo auch am Galgen baumeln sollte oder an einem Schild für Vorfahrt, die er nicht gewähren wollte, seiner Nachwelt obenstehend ein seit längerem gewähltes Lieblingszitat quasi als Erbschaft zu übermitteln. Es entstammt dem Buch Logik der Sorge des Philosophen Bernhard Stiegler, der während seiner Inhaftierung aufgrund eines bewaffneten Banküberfalls in seiner Zelle zur Philosophie fand und inzwischen zu den bedeutenden zeitgenössischen Denkern Frankreichs zählt. Sein Buch mahnt den Verlust der Aufklärung durch Technik und digitale Medien an, einhergehend mit dem globalen Schwinden der Aufmerksamkeit und einer Infantilisierung der Gesellschaft, die beispielsweise Erziehungsberechtigte davon entbindet, Verantwortung und Vorbildfunktion zu übernehmen. Der vom Autor verwendete Begriff Retention fällt ins Auge: die Fähigkeit, in den gegenwärtigen Moment auch das (unmittelbar) Vorangegangene zu integrieren. Ein weiterer markanter Begriff: die Psychopharmaka – sie bezeichnen unter anderem fertige Kulturleistungen, die gar nicht mehr in ihrer geschichtlichen Entwicklung beziehungsweise Komplexität nachvollzogen, vielmehr ohne Respekt gegenüber Künstlern, Wissenschaftlern und Produzenten (per Mausklick) konsumiert werden. Was mich beeindruckt am Denken Stieglers, das sich zunächst schwer erschließt (die Franzosen, die spinnen, denkt man sich), sind seine Schärfe und Triftigkeit, die ja laut allgemeinem gesellschaftlichen Konsens in der Philosophie besser aufgehoben sind als in der Räuberei.

2014 16 Mai

Rad, Rost und Reiter

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“Ein Buch übers Fahrradfahren schreiben, das wär´s!”, dachte Jannis. Ein Kapitel hiesse dann Die Knie – als guter Einstieg für das Thema Ergonomie. Denn es gilt, die richtige Haltung zu beherzigen. Jannis´ Mutter hatte sich am Telefon darüber belustigt (sie rief wieder mal aus Athen an und klagte über die ernste Lage dort) – doch er unterstrich: ein optimal eingestelltes Bike, gehe mit dem Fahrer eine Verbindung ein wie Pferd und Reiter, das sei archaisch und gar nicht witzig.

Die Haltung ändert sich, sobald Fahrstil und Fitness sich bessern: diese ist bei sportlicher Fahrweise weiter nach vorne gebeugt und das Körpergewicht, vielmehr die Körperkraft, geht dann mehr in die Pedale und in den Lenker. Sollte jemandem das Radfahren verleidet sein, weil sein Gesäß ständig auf dem Sattel schmerzt, so könnte die Ursache seines Missvergnügens auch körperliche Schlaffheit sein. Mehr Dynamik! wäre der hier hilfreiche Imperativ.

“In meinem Alter fährt man sowieso kein Fahrrad mehr!”, entgegnete die altehrwürdige hellenische Dame. Jannis wusste, sie war auch früher nie Rad gefahren, und dachte weiter an sein Buch und das Kapitel Knie: die Sattelhöhe ist dann richtig eingestellt, wenn man bei durchgestrecktem Bein mit der Ferse gerade eben das untere Pedal berührt. Andernfalls nämlich ginge die Belastung zu sehr in die eingeknickten Gelenke. Hinzu kommt, dass ein leichter, möglichst hochtouriger Tritt – dem Gleichmass einer surrenden Nähmaschine in ebenem Gelände ähnlich – förderlich ist.

Findet man einen Partner, der ebenso vertraut ist mit der Philosophie des richtigen Radfahrens, dann überträgt sich das Gleichmass gemeinsamer körperlicher Anstrengung leicht auf die gesellige Gesprächsführung – und eine sich weitende, offene Landschaft trägt das Übrige dazu bei. Als schaue man Mark Twain samt Begleitung beim Wandern durch Europa zu, so gleitet das Gespräch locker von den Themen Fussball, Freundschaft oder Zahnersatz zu jenen anspruchvolleren, wie denn etwa eine geeignete Altersvorsorge auszusehen habe.

2014 29 Apr

Besenreine Besessenheit

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Struwelpeter und der stets in die Luft guckende Hans, ferner die böse endenden Abenteuer von Max und Moritz: das jagte manchem Kind gehörigen Schrecken ein. Und dann dieses Lied von einem Eimer mit Loch, den der dumme Karlhenry nicht flicken konnte. Geschichten am Rande des Traumas. Später, in weit humorvollerer Zeit, kam mal wieder ein R4 nicht durch den TÜV und man bekam den Tipp: “Gut putzen und dann ab zum Schrott!”

Es gibt Dinge, die ich gerne tue, obwohl sie Anderen schwerfallen. Das Gehen über Brücken zählt dazu – es sind schon weit mehr als sieben – und das Aufräumen auch. Zur Hippiezeit wäre man nicht en vogue gewesen ob seiner Aufräumleidenschaft. Unvergesslich ist die Szene, als Tom Sawyer von seiner Tante dazu verdonnert wird, den Zaun zu streichen, und es ihm gelingt, Passanten diese vermeintlich unangenehme Sache so schmackhaft zu machen, dass sie das beglückt für ihn übernehmen.

So wundert es nicht, wenn eine Philosophieprofessorin namens Nicole Karafyllis, die dazu noch Biologin ist, ein Buch schreibt über das Putzen als Passion. Wie Nietzsche das Chaos, so scheint sie den Dreck zu lieben, kennt seine Zusammensetzung bis ins Mikroorganische hinein, kennt ferner die chemischen Wirkkräfte aller Putzmittel und weiss doch: am Anfang war die reine Kraft, das Schrubben, das Sichmühegeben – denn nur der Laie kompensiert mangelnde Ausdauer durch ein Zuviel an Chemikalien.

Das Putzen ist dem Pflegen (engl. maintainance) und dem Reparieren verwandt: will man beispielsweise seinen Toaster von der angesammelten Krümelmasse befreien, aus der sich ein ganzes Brot backen liesse, dann schraubt man ihn bei der Gelegenheit gleich mal auf und inspiziert das Innenleben. Kauft man ein gebrauchtes Fahrrad, will man es sogleich saubermachen. Doch dabei bleibt es nicht: es folgen die Einstellung der Gangschaltung, der Umbau des Vorbaus, das Wechseln der Reifen und Verlegen neuer Bremszüge …

Hier kommt noch einmal Robert M. Pirsig zum Zuge: In Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten beschreibt er den Gegensatz zwischen romantischer und klassischer Anschauung und dessen Auflösung im Begriff Qualität. Was kann es Sinnvolleres geben als die mittels Mechanik kalkulierende Bodenständigkeit des Homo Faber verbunden mit den ästhetischen Ekstasen des Schwärmers?


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