Manafonistas

on music beyond mainstream

Autoren-Archiv:

2013 17 Mai

Halb und halb

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“She moves in a half life – imperfect. From her place on the stairs, or sat in the backseat. Sometimes you’re only a passenger in the time of your life …”, singt Sänger David Sylvian. Snow White In Appalachia heißt der Song auf dem Album Manafon. Er erzählt davon, wie jemand sich im Halbleben umherbewegt, als Passagier in seiner eigenen Lebenszeit.

In Wilhelm Genazinos Roman Das Glück in glücksfernen Zeiten sieht der Protagonist, ein Philosoph namens Wahrlich, sein Begehren, nur “halbtags leben” zu müssen, vom Kinderwunsch seiner sympathischen Freundin bedroht – und vom Arbeitsmarkt, der für flanierflüchtige Heideggerpromovierte keine Gnade kennt.

Auch der Philosoph Peter Sloterdijk verwendet in seinen Zeilen und Tagen mehrmals einen Begriff, der dem von Manafon und Genazino ähnelt: “Jeder Mensch in seiner Halbwelt, eingerollt in eine Hülle aus Gewohnheiten und Illusionen. Fotografien der Lieben auf dem Schreibtisch und im Adressbuch die Namen der Freunde, die seine Halbweltkomplizen sind.”

Hinzu kommen Einbildungen und das Kaleidoskop changierender Erinnerungen. Meine Gedanken sehe ich gerne in denen Anderer gespiegelt und verdeutlicht, aber mein Kopfkino ist oft wie ein auf Platos Höhlenwände projizierter Schwarzweißfilm. Wir zitieren gerne, halten uns an Sinnhaftem fest – und wir kommunizieren, um dem Tod zu entkommen, wie Byung-Chul Han schreibt. Halbleben in Halbwelten. Milles Plateaus? Nein, nur zwei Hälften.

2013 4 Mai

Die alte Strecke

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Am Flussufer, das Fahrrad abgestellt, lässt man die Szene auf sich wirken – wie sich alles öffnet an diesem milden, windstillen, sonnenlosen aber freundlichen Frühlingstag: Kanalschiffe passieren und bieten ein Bild der Gemächlichkeit; da sind Spaziergänger mit Hunden; Hausfrauen aus der List absolvieren ihr Fitnessprogramm; Spätaufsteher trinken ihr frühes Pils. Kraniche ziehen vorbei, die knapp über der Wasseroberfläche wie Rennboote gleiten. Der Himmel bietet Weite. Linkerhand der sich schlängelnde, pappelgarnierte Heideggerholzweg am Wasser entlang und rechterhand die noch kommende Piste.

Man variiert zwischen Fahren, Gehen und dem Verweilen: man lässt die Welt an sich heran, passt sich an, entscheidet intuitiv und situativ. Wie lang bin ich diese Strecke schon nicht mehr gefahren? Früher einmal jeden Tag und jetzt als eine Art Revival wieder öfter. Eine Songzeile kommt in den Sinn und bringt, wie Songs das häufig tun, das Ganze auf den Punkt. “I took the old track, the hollow shoulder, across the waters.” Peter Gabriel singt das mit einer jener Stimmen, wie man sie bevorzugt: rauchig, samtig, soulig, bluesig. So sangen auch die Herren Sylvian und Martyn und die Dame Joni Mitchell.

Here Comes The Flood erschien erstmals 1977 auf Gabriels Debutalbum. Der Komponist hielt den Song dort aber wohl für überproduziert und es folgten sparsamer instrumentierte Versionen, im Duo mit Robert Fripp beispielsweise. Diese pompöse Bombastik war es auch, die einen störte im Gesamtwerk des Musikers – und so pickte man sich bestimmte Songlinien und Fragmente heraus, als Perlen mit hoher Identifikationskraft. Und da Künstler sowieso aus allem, was sie vorfinden, etwas Eigenes machen, biegt sich Joey Sample die Vorlagen nach eigenem Gusto zurecht – im Zeitalter der kopierbaren Kostbarkeiten.

 
“I Took The Old Track”

Wo sind wir, wenn wir gute Musik hören – Musik, die uns zwar nicht bekifft jedoch betrifft, vertritt? Mittendrin in der Materie. Ein erstes aufmerksames Hören: Silverdays or Love, der Titel schon Genuß. Da geht es los mit losen Schlagzeugbecken, dazu dann schwebende Pianoklänge eingestreut, der Bass zirpt erstmal in den oberen Regionen rum. Der Eindruck: Denn sie wissen, was sie tun. Will man das Gehörte nachahmen, weiss man, was man will. Die Kraft entsteht aus dem Gestaltungswillen, in der Balance zwischen Abstraktion und Formlust: der schmale Grad des Weder-Noch. Der Bass des Thomas Morgan singt und spricht exakt, mit Pizzicato-Witz in punktueller Präsenz. Kein Jazzbass wie man Jazzbass spielt, weils andere schon so taten, nein: vielmehr vorbildfrei. Triomusik wie diese ortet sich diesseits der Klassik und des Jazz. Wo seicht Ravel, Debussy, Bartok anklingen, schwingt handfest stets solider Jazzrock mit. Die Eigenart des Instruments Klavier erlaubt es, zeitweise schwere Soundcluster vor sich herzuschieben, die sich dann auflösen wie Wolkenformationen. Das macht Klaviertrios so hörenswert: Variierenkönnen zwischen leichtem, fragmentarischem Spiel und voluminöser Wucht. Cracking Hearts beginnt so frei, wie man es auch von Kikuchi kennt – doch dann die Rückkehr in das Spieluhrartige; das kühle und sphärische Spiel. Was unterscheidet ein hochklassiges Jazztrio von den eher Mittelmässigen? Wir sind, wenn wir es hören, mittendrin in der Musik.

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2013 5 Apr

Zeilen, Träume, Tiefseefische

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Zur Philosophie des Peter Sloterdijk
 
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Habe nun (“hey!”) – anstatt Philosophie, Juristerei, Medizin und Theologie zu studieren – mit heissem Bemühen die sloterdijkschen Tagebuchaufzeichnungen rezipiert und poste hier nun klüger als zuvor. In einem Fernsehporträt äusserte der Meister der geschliffenen, zuweilen hochpolierten Formulierungskunst ja einmal die Behauptung, die meisten Menschen würden, darin Ikarus gleich, irgendwann abstürzen, sie schrieben auch keine Bücher zu Ende. Aber zumindest lassen sich geschriebene Bücher ja zuende lesen:  mit diabolischem Vergnügen und faustisch gewinnbringend den Absturz mildernd.

Die Absturz- und Aufbauliteratur des Philosophieschriftstellers Peter Sloterdijk ist mir seit etwa zwanzig Jahren vertraut und ein nützlicher Begleiter, eine Art Schlüsseldienst auch zu vielen Bereichen des Wissens – Zeit, um einmal resümierend zu reflektieren, was denn so vorzüglich und erbaulich daran sei.

Als Einstieg soll ein Traum dienen: auf dem Mitsommernachtfest in Skandinavien treffe ich den Erfolgssautoren auf einem Campingplatz. Er sitzt in einem jener amerikanischen, pop-artig aufgemotzten Strassenschlitten, wie sie in High North üblich sind. Die Wagentüren sind offen und aus den Türlautsprechern schallt es laut. Ich gebe zu erkennen, der Auftritt sei recht imposant. Er schüttelt seine schütter-blonde Mähne, winkt mich heran und öffnet die Klappe zum Kofferaum. Stolz präsentiert er eine wuchtige Bassbooster-Box, die das Heck des Wagens ausgefüllt. Es ertönt Musik von Richard Wagner.

In dem Traum zeigen sich auch Aspekte meiner ambivalenten Haltung zu dem Philosophen. Seine Sätze sind sprachmelodiös, sinnhaft, teils von barockem, teils von modernem Klang. Der elegante Sprachfluss trägt den Sinn mit sich fort, spielt damit – und ufert zuweilen aus. Dann wird es voluminös und wortparfümiert: der Schaum der Phrase. Wie ein Goldwäscher sucht man sich aber aus dem Überschuss die Nuggets heraus – und davon gibt es reichlich. Die Tagebuchnotizen zeigen einmal mehr, wie jemand in zwei Welten lebt und diese wirksam zusammenbringt: die elitäre und die alltägliche des Jedermann.

Rezeption, Kritik und Würdigung dieses Autors blieben bislang recht harmlos: als wolle man ein Netz mit Fischen fangen. Das Umfassende aber ist das Metier dieses Sprach- und Denkspielers selbst – es lässt sich nicht nochmals umfangen. Wer das akademisch Angestaubte aus den abgeschotteten Zirkeln zu befreien und ihm neues Leben einzuhauchen vermag, zudem treffliche Zeitdiagnosen abgibt, den wünscht man sich weiterhin als Zeitgenossen: ob zu Politik, Psychoanalyse, Finanzwesen, Sport, Kunst – er zeigt immer wieder aufs Neue verblüffende Sichtweisen auf.

 

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Einst begegneten wir einem Sufi-Meister aus dem Osten und fragten ihn, was er denn von der Psychoanalyse halte. Das Unterbewusstsein sei ein Tiefseefisch, den die Analyse zu erkennen versuche, indem sie ihn an Land zöge, antwortete der. Ein an Land gezogener, lebloser Fisch sei aber keiner mehr – es käme vielmehr darauf an, tauchen zu lernen, um mit dem Unterbewußten in Kontakt zu kommen.

In die sloterdijkschen Sprachsphären kann man trefflich abtauchen. Sie explizieren auch die tieferen Schichten des Daseins, wirken konstitutiv für das Ich, auch jenseits bürgerlicher Vorstellungen. Synthesen aus Romanerzählung, geisteswissenschaftlicher Analyse und jener wortschöpfungsreichen Poetik, die ans Musikalische grenzt: in diesem formalen Rahmen wird interdisziplinäres Wissen zur Schau gestellt und neu variiert – ähnlich wie es einst Joseph Beuys in der Kunst tat. Das führt zu Stellungs- und Perspektivwechseln. Sloterdijks Geistesblitze unter dem freien Himmel: eine hybride Honigpumpe für den Leser und seine Sucher-Synapsen? Nomad knows …

 
aktuell: “Zeilen und Tage – Notizen 2008–2011″ von Peter Sloterdijk, Verlag Suhrkamp

2013 25 Mrz

Eigene Musik (4)

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2013 18 Mrz

Viel Rauch um Nichts

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In einem Interview beklagt die Piraten-Politikerin Marina Weisband den Druck auf Journalisten, ständig Neuigkeiten rauszuhauen und dabei wenig Zeit zu haben für Recherche. Recht hat sie: das Tempo, in dem heute die Medien Schlagzeilen und Themen generieren müssen, macht den Thesen des Geschwindigkeitsphilosophen Paul Virilio vom “rasenden Stillstand” alle Ehre. Dennoch besteht ja jederzeit für Jedermann die Möglichkeit, ein gutes Buch in die Hand zu nehmen, sich geruhsam in literarische Gefilde zu vertiefen – um so den tagesaktuellen und oberflächlichen Aufregungen zu entkommen.

Wie einst Virilio den Finger auf die Wunde des Zeitgeistes legte, so tut das neuerdings der Philosoph Byung-Chul Han. Auch die Piratenpartei bekommt dabei ihr Fett weg, denn die hat die Forderung nach Transparenz auf ihre Fahnen geschrieben. Transparenz, Müdigkeit (Burnout) und eine Agonie des Eros aufgrund ausufernder Wahlmöglichkeiten – das aber sind Hans wunde Punkte. Im Vergleich zu seinem “Ex-Chef” Peter Sloterdijk (dem Rektor der Karlsruher Hochschule für Gestaltung) ist er weniger affirmativ, inklusiv und erbaulich – eher depressiv. Folgende Notiz findet sich dazu in Sloterdijks Zeilen und Tagen:

“Ein Autor der NZZ will in Fragen der Psychopolitik das letzte Wort behalten: Nicht Zorn und Wut seien die Affekte, auf die es ankommt, die Zukunft gehöre der Depression. So outet der Verfasser sich als zustimmender Leser des Kollegen Han, dessen jüngst gehaltene Antrittsvorlesung an unserem Haus über die “Müdigkeitsgesellschaft” bei den Kollegen und Studierenden wenig Anklang fand, um so mehr bei den abgehetzten Mitarbeitern von deutschen Kulturredaktionen.”

Womit wir wieder bei Frau Weisband wären und der Forderung nach mehr Zeit und Qualität für journalistische Arbeit. Den Wert von Hans Werken mag jeder selbst überprüfen – es muss ja nicht alles affirmativ sein: der Lauf der Welt gibt auch zu Negativität und Skepsis Anlass. Unsereins vertieft sich bis auf weiteres unbeirrt in Sloterdijks Notizbücher, liest dort amüsiert von waghalsigen Radtouren des Autors, von Luxushotels in Abu-Dhabi und von Trinkgelagen mit dem Maler Neo Rauch – abseits des rasenden Stillstands tagesaktueller Kata-Strophen und diesseits des weissen Qualms vatikanischer Schornsteine.

2013 13 Mrz

Ad infinitum

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Jeden Tag: einen Apfelbaum pflanzen, eine Schallplattenrarität erstehen, einer alten Dame über die Strasse helfen, auf einem Spaziergang in einer überwinterten Landschaft den Reiz gefrorener Natur und frostiger Musik entdecken (dabei die Wandermüdigkeit vergessend), die Zähne mit Zahnseide reinigen, die Kontoauszüge prüfen, irgendein Teil reparieren, ein Glas Rotwein trinken und dazu einen Zigarillo rauchen, Sloterdijks Tagebücher goutieren, den Wert technischer Errungenschaften und altbewährter Rituale erkennen,  den Bug in einer fehlerhaften Programmierung finden; flirten, flirren, Fußball gucken; Fahrrad fahren, sein Leben ändern, ein Songfragment in die Welt setzen, den verlorengegangenen Autor in sich wiederfinden; Yoko Tawada lesen, die irgendwo schrieb, dass es in Japan das Wort Ich nicht gibt; alles was man tut so gut wie möglich machen (dann braucht man keine Kunst); sich freuen auf kommende Sommertage, in denen sich Wahrheit ereignet; hoffen dass es besser wird obwohl´s wahrscheinlich schlechter wird (Älterwerden ist kein Spass), die Abstandnahme von überholten Idealen und Überzeugungen ins Auge fassen (Sezessionen korrigieren), Gitarre spielen ohne Ende, schwimmen gehen, Gartenarbeit meiden; seinen Doktor machen über die Verbrauchswerte von Ökokühlschränken und dafür von Umweltminister Altmaier persönlich ausgezeichnet werden; Kuchen essen, in die Sauna gehen, die Bücher im Regal nach Farben sortieren …

2013 3 Mrz

Immortal relicts

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It´s always this: old songs swirling in my mind like grandmother’s feather duster, unforgettable and immortal relicts, re-arising like phoenix from the ashes. One of those songs is “Listening Wind” which got a great cover by Peter Gabriel and, in the upcoming days, will be covered by me and my moevenpicking. In the morning I tried to learn playing the song “Valentine’s Day” from the new Bowie Album, including a tricky picking-stylish acoustic guitar. Also a song by Joanna Newsom has once to be covered: “´81″ from the album Have One On Me. It´s a bit like an irish folk tune. But while going on a bike ride today through lower saxony landscapes – with fantastic views under a huge sky and the air smells of liquid manure (also a relict from my childhood in the countryside), an old Manfred Mann tune came into my mind (it often does when i´m feelin great)

Yours,
The Mighty Quinn

2013 27 Feb

Battaglia bitte!

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Beim ersten Hören von Songways überlegte ich, Formationen dieser Konstellation fortan zu boykottieren, dachte sogar an einen Sticker mit der Aufschrift Klaviertrios Nein Danke! Dieses scheinbar elegische Geklimper an der Grenze zur Claydermanie, und schon der Titel “Songwege” – Pathways war wohl schon vergriffen?! Als logische Fortsetzung der Ostfriesen- und Blondinenwitze lag die Kategorie Klaviertriowitze nahe (“Gestern waren wir Pilze sammeln im Wald, fanden keinen einzigen. Aber überall schossen diese verrückten Trios aus dem Boden.”) Doch wiedermal war ich nicht Herr meiner eigenen Meinung: denn wer weniger mit dem urteilenden Verstand als vielmehr mit dem Körper zuhört, etwa im Modus von Yoga, Antizipation und Ahmung in Schwingung versetzt wird, dem entfaltet sich die Musik des Stefano Battaglia Trios plötzlich ganz wunderbar.

Dann nämlich klingt sie stellenweise wie ein afrikanisierter Erik Satie, mit perkussivem Groove und Kontrabass, geht weiter in die Sphären der Stille – begleitet von Windharfe-artigem Geraune – und will nichts weiter als unangestrengt und sehr entspannt sein. Eine generelle Stärke dieser in Verruf geratenen Trioformationen ist die Fähigkeit, Klänge zu modellieren und Tempi zu variieren. Es entstehen organische Gebilde abseits digital-rhythmisierter Zwangsneurose und technophiler Studiotüftelei. Der Geist eines frühen Paul Motian Trios erscheint: Le Voyage. Als Kontrapunkt kann man danach ja bei Bedarf Scott Walker hören, den zornigen John auch, wandermüde Elektronik-Klänge oder pottersche Sirenen-Walgesänge. Boykottiert wird aber gewiß das Songways-Cover. Denn es ist, wenn auch korporativ identisch in ECM-gemäßer Strenge, gänzlich unfotogen.

2013 20 Feb

Der gelbe Ginster

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Ich bin, aber ich habe mich nicht – darum werden wir erst. Dieser Satz von Ernst Bloch bleibt im Gedächtnis wie der des Descartes: cogito ergo sum. Sind das Melodie-Motive in einer Gesamtkomposition der conditio humana, die auf Selbstkonstitution verweisen? Wie aber finde ich mich, wenn wir uns noch nicht haben? Die Spur führt hier zu Hegel:

“Ein nicht-unglückliches Bewußtsein kann es bei Hegel nur geben, wenn das Individuum sich als Lokal der absoluten Reflexion begreift. Sobald die Reflexion in sich selbst den Sonntag der Geschichte herbeiführt, schließt sie den Kreis und ist daheim – ob in Ithaka oder Berlin-Mitte.”

Peter Sloterdijk schreibt das in seinen Zeilen und Tagen und bietet damit einen Zündfunken für die Erkenntnis: Ich bin auf meinem Weg. Souveränität bedeutet nämlich zunächst einmal Emanzipation von sklavischem Bewußtsein – und das Vermögen zur Reflexion als ein Akt der Betrachtung und Verneinung geht jeder Kommunikation voraus.

So verstehe ich die aktuelle Kritik an den neuen, digitalen Medien: Sie überschwemmen den Rezipienten und lösen das Cogito-Ego wieder auf, bevor es so recht geworden ist. Reduktion ist ja nicht nur eine musikalische Strategie (Peter Niklas Wilson), vielmehr eine für den gesamten Alltag: Simplify your life – Abstand nehmen, reflektieren, aussortieren.

Als Gegenpol zum Immermehr ressourcenschonend und lustvoll allem Wachstumswahn Paroli bieten – wer kennt das nicht: aufräumen, etwas von der Liste streichen, Dinge “erledigen” und ad acta legen, das hinterlässt ein Gefühl von Befriedigung und Befriedung. Denn im Mangel blüht der gelbe Ginster der Erleuchtung, wie Detlef Linke es einst nannte.


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