Manafonistas

on music beyond mainstream

Autoren-Archiv:

2014 10 Aug

Inneres Afrika

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Jonas hatte seinen Weg gefunden, kritisches Bewußtsein zu umschiffen, wenn er Musik hörte – und somit den Direktiven des rigiden Überichs zu entkommen. Er machte jeder Form von Gelangweiltsein, von Überdruss und Infoflut von vornherein den Garaus, indem er sich mittels bestimmter Techniken in einen Zustand versetzte, der ihn Musik körperlich antizipieren liess. Was scherten ihn denn Theorie und voreingenomme Wertvorstellungen, Bewertungsschemata, wenn er dort unten angekommen war, in medias res: inmitten des Korallenriffs, wo Rhythmen, Schwingungen und Energien ihn vibrieren liessen? Der Funke sprang über – und es war gut. Mit klassischer Musik gelang das weniger, denn Emotionen, Seelenlagen, Dramen präsentieren – darum ging es nicht. Es war vielmehr dies Schweben und Durchzittert werden, im Mittendrin. I Sing The Body Electric. Im Jazz, da konnte man es finden, und zwar in jeder Form. Schon damals, als er Rudolf Steiner las und wissen wollte, was Anthroposophie denn sei, da kam der Einwand prompt: zuwenig Afrika, zuwenig Erde hier. Buchstabentanz Nein Danke! Was ist die beste Reinkarnation denn wert, wenn man nicht afrikanisiert ist? Ein hohler Zauber nur voll leerer Geistesblitze.

Selbst der zahnloseste Volksmund nennt seine Zahnarztpraxis gerne in Verbindung mit einem Possessivpronomen, auch wenn er nicht der Eigentümer ist oder als Herr einem leibeigenen Dentisten vorsteht. Er will nur sagen: “Ich bin nicht Zahnarzt-los!”

Meine Zahnarztpraxis also … – ist ein Glücksfall. Unter den dort praktizierenden Ärzten, dem Personal und den Patienten sind viele Russen. Die sind ein heiteres und geselliges Völkchen. Zudem herrscht dort stets ein kreativ improvisatorisches Chaos. Anästhesiert wird jedoch herkömmlich, nicht etwa durch die Verabreichung von Wodka, dafür aber begleitet von Fröhlichkeit und Geflirte.

Die geschmacklich streitbare Innenaustattung allerdings, in der sich pompös-bequeme Ledersessel im Wartezimmer mit dunkelfarbenem Laminat und giftgrünen Kitschbildern beissen; zudem ein Großmonitor mit einem Entspannungsvideo, das Buckelwale zeigt, akustisch untermalt von Michael Holms Panflötengesängen … – das ist nicht der wahre Grund zur Freude. Vielmehr ist es die erlesene Auswahl hochaktueller Zeitschriften, mit denen sich die teilsweise ausufernde Wartezeit spielend überbrücken und überkronen lässt.

Ist der Ort durch Feng-Shui gereinigt worden? Waren dort vor Urzeiten Druiden und haben die Wasseradern umgeleitet? Konzentration und Einbildungskraft sind hier auf wundersame Weise geschärft. Man liest etwa einen Spiegelessay über Donna Tartt anlässlich ihres Werkes Der Distelfink, fühlt sich der Autorin seelenverwandt in ihren Phasen von weiser Weltabgeschiedenheit und denkt zurück an ihr Debüt Die geheime Geschichte, das sie nach damals neunjähriger Schreibarbeit zur Bestsellerin machte.

Man liest über den Komiker Heinz Strunk, dessen Roman “Fleisch ist mein Gemüse” zu eigenen Wortschöpfungen inspirierte: Gemüse ist mein Fleisch, das Fahrrad mein Rollator, die Gitarre meine Leselampe. Strunk würdigt Botho Strauss, stellt ihn neu zusammen und nennt ihn zudem den “Schriftsteller meines Lebens”. Unsereins sampelt lieber selbst, liest im Original-Strauss – liebt aber dessen Sound gleichermassen und schätzt sein jüngstes Werk Lichter des Idioten als profunde Zeit- und Medienkritik.

So wandert man also umher zwischen Feuilletonseiten und eigenem Gehirnkino – bis eine aufweckend-freundliche und schöne Russin ruft: “Der Nächste bitte!” Heiter geht der ewige Patient, ganz ohne Masochist zu sein, den notwendigen Gang entlang und weiss doch: Wodka gibt´s heut wieder nicht!

2014 10 Jul

An guten Tagen

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“Woran berauschen Sie sich?”, fragt die Sueddeutsche – ganz im Sinne des Bonmots, wonach ein Mensch, der nicht geniesst, auch nicht geniessbar sei. Besonders erfreulich, wenn sich unter den Antworten Gleichgesinntes findet:

“Als begeisterter Ausdauersportler genieße ich jene Stunden, in denen es mir gelingt, das Denken komplett zu vergessen. An guten Tagen kann ich ganz in Bewegungsmeditation versinken. Das klappt am besten auf dem Fahrrad.” (Wigald Boning, Komiker)

2014 23 Jun

Crossrides and Crime

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“Heute … wage ich erneut den Versuch, durch eine philosophische Analyse des als Widerstands gegen Trägheit und Indifferenz gefassten Lebens die Grundbedeutung des Normalen zu fundieren. Das Leben sucht die Oberhand über den Tod zu gewinnen, wobei >gewinnen< in jedem Sinne zu verstehen ist, zumal als Gewinn aus einem Spiel. Das Leben spielt gegen die wachsende Entropie.” (Georges Canguilhem)

 

Bevor nun der Reiter erneut sein schwarzes Roß sattelt und teufelsgleich einen altersgemäß kontrolliert ekstatischen Ritt in die Sommerlandschaft unternimmt – für den der geeignete, ihn begleitende Soundtrack vielleicht die Christopher-Cross-Songs Ride like the wind und Sailing wären oder das von Sting in Wildwestmanier gecoverte Hung my Head, das ja vom Leichtsinn singt, weil einer Rast macht und die Rifle ausprobiert, als Ziel seines Spiels aber fatalerweise eine Lebendattrappe wählt und somit fortan als Gehängter (el colgado) gilt – nimmt er die Gelegenheit wahr, falls er dann irgendwo auch am Galgen baumeln sollte oder an einem Schild für Vorfahrt, die er nicht gewähren wollte, seiner Nachwelt obenstehend ein seit längerem gewähltes Lieblingszitat quasi als Erbschaft zu übermitteln. Es entstammt dem Buch Logik der Sorge des Philosophen Bernhard Stiegler, der während seiner Inhaftierung aufgrund eines bewaffneten Banküberfalls in seiner Zelle zur Philosophie fand und inzwischen zu den bedeutenden zeitgenössischen Denkern Frankreichs zählt. Sein Buch mahnt den Verlust der Aufklärung durch Technik und digitale Medien an, einhergehend mit dem globalen Schwinden der Aufmerksamkeit und einer Infantilisierung der Gesellschaft, die beispielsweise Erziehungsberechtigte davon entbindet, Verantwortung und Vorbildfunktion zu übernehmen. Der vom Autor verwendete Begriff Retention fällt ins Auge: die Fähigkeit, in den gegenwärtigen Moment auch das (unmittelbar) Vorangegangene zu integrieren. Ein weiterer markanter Begriff: die Psychopharmaka – sie bezeichnen unter anderem fertige Kulturleistungen, die gar nicht mehr in ihrer geschichtlichen Entwicklung beziehungsweise Komplexität nachvollzogen, vielmehr ohne Respekt gegenüber Künstlern, Wissenschaftlern und Produzenten (per Mausklick) konsumiert werden. Was mich beeindruckt am Denken Stieglers, das sich zunächst schwer erschließt (die Franzosen, die spinnen, denkt man sich), sind seine Schärfe und Triftigkeit, die ja laut allgemeinem gesellschaftlichen Konsens in der Philosophie besser aufgehoben sind als in der Räuberei.

2014 16 Mai

Rad, Rost und Reiter

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“Ein Buch übers Fahrradfahren schreiben, das wär´s!”, dachte Jannis. Ein Kapitel hiesse dann Die Knie – als guter Einstieg für das Thema Ergonomie. Denn es gilt, die richtige Haltung zu beherzigen. Jannis´ Mutter hatte sich am Telefon darüber belustigt (sie rief wieder mal aus Athen an und klagte über die ernste Lage dort) – doch er unterstrich: ein optimal eingestelltes Bike, gehe mit dem Fahrer eine Verbindung ein wie Pferd und Reiter, das sei archaisch und gar nicht witzig.

Die Haltung ändert sich, sobald Fahrstil und Fitness sich bessern: diese ist bei sportlicher Fahrweise weiter nach vorne gebeugt und das Körpergewicht, vielmehr die Körperkraft, geht dann mehr in die Pedale und in den Lenker. Sollte jemandem das Radfahren verleidet sein, weil sein Gesäß ständig auf dem Sattel schmerzt, so könnte die Ursache seines Missvergnügens auch körperliche Schlaffheit sein. Mehr Dynamik! wäre der hier hilfreiche Imperativ.

“In meinem Alter fährt man sowieso kein Fahrrad mehr!”, entgegnete die altehrwürdige hellenische Dame. Jannis wusste, sie war auch früher nie Rad gefahren, und dachte weiter an sein Buch und das Kapitel Knie: die Sattelhöhe ist dann richtig eingestellt, wenn man bei durchgestrecktem Bein mit der Ferse gerade eben das untere Pedal berührt. Andernfalls nämlich ginge die Belastung zu sehr in die eingeknickten Gelenke. Hinzu kommt, dass ein leichter, möglichst hochtouriger Tritt – dem Gleichmass einer surrenden Nähmaschine in ebenem Gelände ähnlich – förderlich ist.

Findet man einen Partner, der ebenso vertraut ist mit der Philosophie des richtigen Radfahrens, dann überträgt sich das Gleichmass gemeinsamer körperlicher Anstrengung leicht auf die gesellige Gesprächsführung – und eine sich weitende, offene Landschaft trägt das Übrige dazu bei. Als schaue man Mark Twain samt Begleitung beim Wandern durch Europa zu, so gleitet das Gespräch locker von den Themen Fussball, Freundschaft oder Zahnersatz zu jenen anspruchvolleren, wie denn etwa eine geeignete Altersvorsorge auszusehen habe.

2014 29 Apr

Besenreine Besessenheit

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Struwelpeter und der stets in die Luft guckende Hans, ferner die böse endenden Abenteuer von Max und Moritz: das jagte manchem Kind gehörigen Schrecken ein. Und dann dieses Lied von einem Eimer mit Loch, den der dumme Karlhenry nicht flicken konnte. Geschichten am Rande des Traumas. Später, in weit humorvollerer Zeit, kam mal wieder ein R4 nicht durch den TÜV und man bekam den Tipp: “Gut putzen und dann ab zum Schrott!”

Es gibt Dinge, die ich gerne tue, obwohl sie Anderen schwerfallen. Das Gehen über Brücken zählt dazu – es sind schon weit mehr als sieben – und das Aufräumen auch. Zur Hippiezeit wäre man nicht en vogue gewesen ob seiner Aufräumleidenschaft. Unvergesslich ist die Szene, als Tom Sawyer von seiner Tante dazu verdonnert wird, den Zaun zu streichen, und es ihm gelingt, Passanten diese vermeintlich unangenehme Sache so schmackhaft zu machen, dass sie das beglückt für ihn übernehmen.

So wundert es nicht, wenn eine Philosophieprofessorin namens Nicole Karafyllis, die dazu noch Biologin ist, ein Buch schreibt über das Putzen als Passion. Wie Nietzsche das Chaos, so scheint sie den Dreck zu lieben, kennt seine Zusammensetzung bis ins Mikroorganische hinein, kennt ferner die chemischen Wirkkräfte aller Putzmittel und weiss doch: am Anfang war die reine Kraft, das Schrubben, das Sichmühegeben – denn nur der Laie kompensiert mangelnde Ausdauer durch ein Zuviel an Chemikalien.

Das Putzen ist dem Pflegen (engl. maintainance) und dem Reparieren verwandt: will man beispielsweise seinen Toaster von der angesammelten Krümelmasse befreien, aus der sich ein ganzes Brot backen liesse, dann schraubt man ihn bei der Gelegenheit gleich mal auf und inspiziert das Innenleben. Kauft man ein gebrauchtes Fahrrad, will man es sogleich saubermachen. Doch dabei bleibt es nicht: es folgen die Einstellung der Gangschaltung, der Umbau des Vorbaus, das Wechseln der Reifen und Verlegen neuer Bremszüge …

Hier kommt noch einmal Robert M. Pirsig zum Zuge: In Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten beschreibt er den Gegensatz zwischen romantischer und klassischer Anschauung und dessen Auflösung im Begriff Qualität. Was kann es Sinnvolleres geben als die mittels Mechanik kalkulierende Bodenständigkeit des Homo Faber verbunden mit den ästhetischen Ekstasen des Schwärmers?

2014 11 Apr

Es war Neuland

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Vor ein paar Jahren begrüßte man das Internet, diese schöne neue Wohltat, als eine ungekannte Form der geistigen und imaginären Ausweitung, begeistert von der Möglichkeit, nun von seiner Wohnung, seinem Zimmer aus, vom Schreibtisch her, mit und in einer Sphäre zu kommunizieren und sich spielend leicht Informationen heranzuholen. Es war Neuland. Man genoss den wilden Wechsel zwischen Realwelt und virtual reality und wenn man kurz mal zum Einkaufen über die Strasse ging – wofür kaum Zeit blieb – dann war man in Gedanken noch auf seinem Desktop. Welt am Draht. In einer digitalen Wolke schwebend, fühlte man sich jung, geadelt, zugehörig. Wunderbare Metamorphose, aus Looser wurde User. Und wenn einem dabei, wie von einem Auto angefahren, im Tagtraum eine zahnlose Alte rücklings hinterherrief: “Das Internet wird euch noch alle ins Verderben bringen!” – entgegnete man etwas angefasst: “Ja red´ du nur!” Auch die ehrwürdige Grossmutter verweigerte schliesslich noch zeitlebens jegliches Telefonat – und die ersten Eisenbahnen galten als viel zu schnelles Teufelszeug … Aber die Zeiten ändern sich. Man kehrt heut gerne tendenziell zurück: zu den habhaften und handlichen Dingen, zu den Menschen, zur konkreten Welt. “Das einfache Leben!” forderte Susanne und Jan bejahte das. Seine Haut retten und sein Hirn – vor diesem nimmermüden Flackern der Bilder: Bitte Augen schließen, bitte zum Abschluss kommen, bitte sterblich werden.

 
 
 

 
 
 
Byung-Chul Han: Bitte Augen Schliessen.
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2014 26 Feb

Hallo Neunzehn

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“The Cuervo Gold, the fine Colombian, make tonight a wonderful thing.”

Wer in seinem Leben je einem Fusiongitarristen begegnete, der in der Lage wäre, mit John McLaughlin im Staffellauf die Zehnsekundenmarke zu unterbieten und sich dennoch dabei so leer fühlte wie eine ausgetrocknete Regentonne in der Mohave-Wüste, der müsste nur rüber zur Westküste schauen, nach California, Heimat von Steely Dan. Das Verdienst des Duos Fagen & Becker bestand nämlich auch darin, Jazz und Fusionanteile mit gewitzten Texten und Liedermacherei anteilig zu vermischen. Dabei entstand etwas, das größer ist als die Summe seiner Teile und nachhaltig wirkt wie die flashbacks eines Joints. Way back when, in Sixty-seven … Es war im Jahr 1980, zuvor gedopt und musikalisch angefixt von Dealern wie Joe Zawinul, Joni Mitchell, Lowell George, Robert Palmer, John Martyn und Jean Luc Ponty, erwartete man nun, nach weidlichem Genuss des Royal Scam, auch neuen Stoff von der kalifornischen Westküste. Der kam dann aber reichlich unterkühlt daher. Das Cover allerdings: wie eine von Picasso gemalte Statue des ewig tanzenden Paares, elegant und mit der gleichen feinsinnigen Ironie durchtränkt wie die klugwitzigen Texte der Zeitgeist-Architekten von der westcoast. Aber Texte wurden damals sowieso nicht ganz verstanden, trotz Englisch-Abi und einem Sprachkurs in Südengland. Der mit “Gaamakii” benannte Dandy war nicht etwa ein vom Hahnenschrei geweckter Lebemann, sondern als Gamma Chi wohl schlichtweg äusserst abgehoben – allein durchs Hören wäre man nicht drauf gekommen, was man heute liest. Die Geschichte des vielleicht besten und immer noch hörenswerten Songs des Albums ist schnell erzählt: der Protagonist reiste von Boston nach Scarsdale, zweieinhalb Stunden in öffentlichen Verkehrsmitteln, um eine Neunzehnjährige zu treffen. Dann ist er irritiert, weil sie nicht Rehta Franklin kennt, und er spürt sein Alter. Doch der mexikanische Tequila und das kolumbianische Gras machen die Nacht dann doch zu einer guten Sache – ebenso wie der salsagewürzte Ausklang dieses Songs: süsslich und wunderbar leicht im Abgang.

2014 18 Feb

Eigene Musik (7)

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2014 3 Feb

Magie und Verlust

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“Der Mensch kann zaubern, er darf es nur nicht wollen.”
(Dietmar Kamper)
 
 

Sie kam an einem Januartag. Ein kalter Wind blies, und die Gehwege waren vereist. Die Wolken hingen tief, die Luft war voller Feinstaub und auf den Bäumen hockten schwarze Krähen. Man schrieb das Jahr 2014. Kultur, Musik und alles übrige Geschehen waren sehr weit fortgeschritten. Joachim, der im wirklichen Leben Johannes hiess, schaute aus dem Küchenfenster. Unten auf der Strasse sah er einen gelben Lieferwagen knirschend zum Halt kommen. Etwas Bedrohliches, gleichzeitig Verheissungsvolles – man kannte das aus Hitchcockfilmen – ging aus von dem Gefährt. Die Schiebetür öffnete sich langsam, der Fahrer klemmte sich ein braunes Paket unter den Arm. Beim Aussteigen tastete sich sein Fuß widerwillig dem Schneematsch entgegen. In diesem Moment wurde Joachim klar, dass die Lieferung für ihn bestimmt war und einen Preisgewinn enthielt. Die Erkenntnis überrumpelte ihn und er musterte den Fahrer noch eingehender.

Eine schmächtige Gestalt in bis zum Hals zugeknöpfter Jacke klingelte an der Wohnungstür, überreichte das Paket und hielt den Scanner zwecks Unterschrift unter seine Nase. Dann drehte der Fahrer sich um und verschwand im Nichts. Joachim riss die Verpackung auf, entfernte die Schutzfolie, legte die Cd der Pat Metheny Unity Group in den Player, setzte die Kopfhörer auf und lauschte erwartungsvoll. Verwunderung und Skepsis: Wozu soll das gut sein? Wer will sowas hören? Eine eingeschworene Fangemeinde vielleicht, zu der er längst nicht mehr gehörte. Herz, Seele und Verstand suchten stets nach Nahrung, auch in der Musik. Aber längst vergangen waren jene Zeiten, in denen es geheimnisvoll und schwebeleicht begann. Musik als Begleiter: gleitend, raumgreifend, grenzüberschreitend. Davon nur Restspuren. So soll nun also alles enden? Manche Orte der Vergangenheit verlieren ihren Zauber. Pat Metheny konnte zaubern – damals, als er es nicht wollte.

Joachim, also Johannes, suchte Ablenkung und griff zu seinem Kindl. “Faustinas Vollendung” – es war die Leseprobe eines ihm empfohlenen Thrillers, mit einem verheissungsvollem Anfang: “Er kam an einem Novembertag. Ein kalter Wind blies, und die Felder waren vom Regen durchtränkt. Man schrieb das Jahr 1701. Von meinen Privatgemächern aus sah ich seine Kutsche knarrend zum Halt kommen.” Joachim stutzte. Wie sich doch Fiktion und Wirklichkeit wieder einmal vermischten. Magie lag in der Luft. So may it secretly begin …

 


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