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on life, music etc beyond mainstream

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2016 25 Jan

Eigene Musik (9)

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2016 18 Jan

Mein Name sei Malvo

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Die Schöne Neue Serienwelt eröffnet Perspektiven. Wer den Klang favorisierter Sprachen liebt, findet in der Rezeption unsynchronisierter Originalfassungen Vergnügen und mag sich einmal mehr fragen: Warum erst jetzt und nicht schon früher? Kriminalistische Fälle und existenzielles Fallen, das Geworfensein des Menschen – Zutaten, die in der Mixtur einer gelungenen Erzählung nicht fehlen dürfen. Wir feiern hier ´ne Party und Rosamunde Pilcher ist leider nicht dabei! Auch Fantasy bleibt aussen vor. Blood, sex and crime hingegen, gut verpackt, das macht den edlen Braten schmackhaft.

„Willkommen zur Harald Schmidt Show, mein Name ist Lorne Malvo“, so hätte einst ein deutscher Entertainer sein Publikum begrüsst, frei und fröhlich im Gefolge von Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein. In der stilprägenden Ära seines Latenight-Programms nach amerikanischem Muster hatte Schmidt damals den öffentlich-rechtlichen Sendern gehörig eingeheizt. Der Talkmaster wäre mit diesem Trick, sich kurzerhand für einen Anderen auszugeben, der stellvertretend für aktuelles Thema steht, direkt in medias res gegangen.

Wäre jener Schmidt auch heute noch am Drücker, dann hätte er ein Phänomen wohl längst erwähnt, das ähnlich wie einst die Privatsender den Öffentlich-Rechtlichen, heute der gesamten Fernsehlandschaft die Hölle heiss macht: gemeint sind die auf DVD gepressten oder via Streaming bequem ins Haus geholten Qualitätsserien, für unsereins vorzugsweise aus englischsprachigen Ländern und aus Skandinavien.

Und wer verbirgt sich hinter diesem Lorne Malvo nun, dessen Name so maliziös klingt und auch ein wenig lonesome? Es ist einer jener Charaktere aus dem spannenden Serienkosmos, deren Darsteller Abwechslung bieten zu den nationalen Schauspieler-Riegen, die wir schon zur Genüge kennen und die in wechselnden Rollen oftmals nur sich selber spielen. Nun aber Justified, Mad Men, True Detective und Die Brücke: geprüft und für exellent befunden.

Oder die Serie Fargo, deren Vorbild ein Kinofilm gleichnamigen Titels war unter der Regie der Brüder Joel und Ethan Coen, und die in der verschneiten Landschaft Dakotas und Minnesotas bösartige und schwarzhumorig angefärbte Geschichten erzählt: sie schafft den Spannungsbogen zwischen Drama, Thriller, Komödie und zeitgeschichtlicher Lehrstunde. Bonanza here meets Jerry Lewis – mit dem langen Atem epischer Breite, dabei bild- und erzähltechnisch weit über Hollywood hinausgehend.

Und Malvo mittendrin, seines Zeichens Auftragskiller. Er könnte die maligne Variante jenes Steppenwolfes sein, dem Hermann Hesse einst literarisch ein Denkmal setzte und der seitdem als Archetyp des lonesome drifters, des ungebundenen Parias gilt. Im Season One Finale tritt er, soviel sei schon verraten, seinem animalischen Äquivalent leibhaftig gegenüber. Wieviel Böses braucht der Mensch? Sympathy for the devil – will sagen: Empathie für alle, auch für die grösste Sau. Ist ja lediglich Fiktion. Wer es real liebt, für den gilt bis auf Weiteres: Und täglich grüsst die Tagesschau.

2015 23 Dez

Strawberry Thieves Forever! (The Copyright Discussion)

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Foto © Lajla Nizinski

 

In Penny Lane there is a barber showing photographs of every head he’s had the pleasure to know. And all the people that come and go, stop and say hello. On the corner is a banker with a motorcar, the little children laugh at him behind his back. And the banker never wears a mac in the pouring rain, very strange. In Penny Lane there is a fireman with an hourglass and in his pocket is a portrait of the queen. He likes to keep his fire engine clean: it’s a clean machine. Behind the shelter in the middle of a roundabout, the pretty nurse is selling poppies from a tray, and though she feels as if she’s in a play, she is anyway. In Penny Lane the barber shaves another customer. We see the banker sitting waiting for a trim. And then the fireman rushes in from the pouring rain, very strange. Penny Lane is in my ears and in my eyes. There beneath the blue suburban skies I sit, and meanwhile back …

(Lennon/McCartney 1967)

 

Seit nun fast fünfzig Jahren haben sich die obenstehenden Zeilen in meinem Gedächtnis eingenistet wie ein nicht nur geduldeter, vielmehr geschätzter Untermieter. Der nimmt allerdings mitunter – anderen Artgenossen hierin ähnlich – die persistierende Gestalt eines Ohrwurms an. Dann gleicht er einem Schatten, einem Stalker, den man nicht mehr loswird. Hier heisst es handeln! Höflichkeit ist immer noch die beste Form des Umgangs, denn nur wer nicht an seine Feinde glaubt, noch an einen Gott, so lesen wir bei beim Philosophen Sloterdijk, ist frei. Bei einem anderen Philosophen, Byung Chul Han, in seinem Buch Shanzai (im Merve Verlag erschienen) können wir lesen, wie Destruktion auf Chinesisch geht und dass es eine Ehre für das Original sei, wenn man es kopiert. So sehe ich, schlussfolgernd daraus, davon ab, für die Inbeschlagnahme meines Geistes durch kulturelle Inhalte, deren Urheber auch noch Copyright anmelden, im Gegenzug eine Mietgebühr zu verlangen. Bei einem Song wie „Penny Lane“, diesem Untermieter seit einem halben Jahrhundert, käme da ein hübsches Sümmchen zusammen. But don´t mind – wir bleiben höflich auf Chinesisch und ahmen nach im Gegenzug. Kopieren, covern – und hofieren. Strawberry Thieves Forever!

 

Original (Paul McCartney live)

Fälschung (Wang Chung Joey)

 
ZiggyStardust
 
 
 

My Mama said: „To get things done, you’d better not mess with Major Tom.“

(DB, „Ashes to Ashes“)

 

Die persona eines Musikers, sein Werk, ein spezielles Album, ein einzelner Song oder eine einzige Strophe daraus, ja selbst das Fragment eines seltsamen Akkordwechsels – das alles kann lohnenswerter Gegenstand des Interesses sein. Wo die Liebe hinfällt und vor allem: wann. In diesen genannten Teilaspekten gibt David Bowie sehr viel her – auch wenn meine Haltung zu seiner Musik genau von jener fremdartigen, kühlen Distanz geprägt ist, die ja gerade sein Oevre auszeichnen. Eins ist gewiss: wer über die engen Tellerränder von Klassik oder Volksmusik hinausblickt, kommt an Erscheinungen dieses Karats nicht vorbei. Zu allen Zeiten haben Künstler der modernen westlichen Welt, die wir in diesen islamistisch-verhangenen Tagen erst recht zu schätzen wissen, neue Horizonte erschlossen.

Ihre Kreativität, die performative Kraft, ihr Mut wirkten sich befreiend auf gesellschaftliche Entwicklungen aus – sie waren role models, Vorbilder, zuweilen mit Kultstatus. Deshalb fällt einem zu Bowie auch gleich etwas ein. Zu Beginn dieses neuen Jahrtausend nun, so etwa um das Jahr 2002, gab es ein Livekonzert, das mich aufhören liess – mit einer phantastischen Band, einem gereiften und doch juvenilem Bowie, einer charismatischen Bassistin (sie spielte barfuss auf der Bühne) und einem abgeklärten, professionellen, homogenen Gesamtsound. Lag es daran, dass da Jemand zu jener Zeit ganz schwer verliebt war („I´m deranged“) und vom Lebensgefühl her Paris von der Seine in eine niedersächsische Landeshauptstadt an der Leine verfrachtete und auch sonst den Wind der zweiten Jugend erfuhr? Man sagt ja, die Vierziger seien die besten Jahre.

Ein Stück von Bowie nicht nur funktionsharmonisch zu verstehen, sondern auch irgendwie präsentationsfähig auf die Gitarre zu übertragen, hat seine Tücken, zumindest for a simple guy like me, der niemals Partituren lesen konnte und für den die Notenschrift eine permanente, mühsame Herausforderung ist: Arbeit am Widerstand, dem Studium eines sperrigen Computerprogramms oder dem Lesen einer komplizierten Gebrauchsanweisung eines technischen Gerätes durchaus vergleichbar. Und doch: Musik notieren, in Form zu bringen, festzuhalten, das ist lohnenswert und wenn man konstatierte, nur notierte Musik sei ernst zu nehmen: in a way that would make sense to me.

And so we take this as a playground – ein ewiges Übungsfeld. Never I had been a Bowie fan nor one of Dylan – oder der anderer in Stein gemeisselter grosser Namen der Pophistorie. Aber wenn ich erstmal von einer Fassung affiziert bin, dann höre ich ein Stück gut und gerne bis zu hundertmal hintereinander weg. Es ist ein Sog, der darin besteht, die Essenz eines solchen Songs mir selbst anzueignen. Wer da an Patrick Süsskinds Roman Das Parfüm denkt, in dem der Protagonist betörende Düfte aus einbalsamierten Jungfrauen kreiert, um sie sich einzuverleiben, liegt nicht ganz falsch.

An die erste Begegnung mit dem androgynen Gesangs- und Performancehalbgott erinnere ich mich noch genau. Es war auf der Konfirmandenfreizeit in Südtirol, ein wunderbarer Ort, die Pension lag direkt an der Strasse, mit Swimmingpool. Dort gegenüber ein Fussballplatz, der an einen Wildbach mit grossem Kieselbett angrenzte, an Baden war nicht zu denken, denn trotz Bullenhitze: das Wasser war gefühlte zwei Grad über Null kalt. Mit dabei waren zwei Amerikaner, Austauschschüler, one was a blond and tought countryboy, always jogging straight ahead the crests. The other one was David, a jewish guy from Brooklyn, some years older than me, but we soon became friends. Schwarze lange Locken, feine Manieren, immer leicht ironisch. Er nannte mich Robbie, angeblich sähe ich einem gewissen Redfort aus jungen Jahren ähnlich.

David sang merkwürdige Songs mit komischen Melodien und gepresster Stimme, „Spiders from Mars“ kam drin vor und „Major Tom“. Wer das sei? Nun hör mal, David Bowie kennst du nicht! Unser tranceartiges gemeinsames Projekt bestand neben meiner Neugier an Stories aus Amerika darin, dass wir auf den Fussballplatz gingen, ein Tor von etwa sieben, manchmal fünf Metern absteckten und er dann vom Siebenmeterpunkt schoss. Er wartete immer, bis ich mich bewegte und schoss dann in die andere Ecke. Im Laufe der gemeinsamen drei Wochen hielt ich nicht einen einzigen Ball. Und da man selbst ja nicht nur Songs in jeder Körperzelle abgespeichert lebenslänglich in sich trägt, sondern in diesen Songs auch eigene Geschichten abgespeichert sind wie ein Fossil in einem Bernstein, muss ich also nun beim Üben eines Bowiesongs und beim Recherchieren über diesen Künstler ständig an diesen heissen Sommer in jenem norditalienischen Alpental denken.

Der Film The Man Who Fell To Earth kann als eine gnostische Parabel gelten und zeigt Bowie mit beeinduckender schauspielerischer Leistung in der Rolle eines von seiner Familie Getrennten und auf die Erde Gefallenen, der dort das dringend benötigte Wasser des Lebens (whiskey) sucht, um es in seine Heimat zu bringen. Er verfällt aber nicht nur der Liebe auf diesem Planeten Erde, sondern auch den kapitalistischen, gierdynamischen Trieben, die ihm eine Rückkehr nach Hause unmöglich machen. Bowies Musik lebt von Sprüngen, die sich auf dreierlei Weise bemerkbar machen: da ist das kaleidoskopische Vexierspiel mit den Gender-Rollen, da ist die grosse Vielfalt an Stilmitteln und Genrekategorien und da ist eine merkwürdig zerklüftete Akkordlandschaft in den Songs zu finden – als interessantes Forschungsobjekt für einen notentechnisch Unvollkommenen.

 

 
 
 
Top Ten ECM
 

  • Andy Sheppard Quartet – Surrounded by Sea (Album of the Year)
  • Gary Peacock Trio – Now This
  • Keith Jarrett – Creation
  • David Torn – Only Sky
  • Mette Henriette – Mette Henriette
  • Tim Berne´s Snakeoil – You´ve Been Watching Me
  • Chris Potter & Underground Orchestra – Imaginary Cities
  • Jakob Bro – Gefion
  • Tigran Hamasyan – Luys i Luso
  • Mathias Eick – Midwest

 
 
also inspiring were/are:
 

  • Joanna Newsom – Divers (Drag City)
  • Achim Kaufmann – Later (Pirouet Records)
  • Silje Nergaard – Chain of Days (Okeh Records)
  • Steve Coleman and the Council of Balance – Synovial Joints (Pi Recordi)
  • Enrico Rava Quartet – Wild Dance (ECM)
  • Steven Wilson – Hand. Cannot. Erase. (Kscope Music)
  • Vijay Iyer Trio – Break Stuff (ECM)

 

The emptiness that we confess
in the dimmest hour of day
in Automatown they make a sound
like the low sad moan of prey
 
The bitter taste the hidden face
of the lost forgotten child
the darkest need the slowest speed
the debt unreconciled
 
These photographs mean nothing
to the poison that they take
before a moment´s glory
the light begins to fade …
 
(T Bone Burnett, „The Angry River“)

 
 

True Detective wirkt nach: Darsteller, Drehbuch, Bildkompositionen, Filmmusik – alles vom Feinsten. Seit Twin Peaks damals in den Neunzigern ist dies die erste amerikanische Serie, die ich mit Genuss, Hingabe und Inspiration geschaut habe. Auch Mad Men´s First Season war kürzlich ein grosses Vergnügen, nach anfänglich irrtümlichem Misstrauen, dies sei nur eine Art Stromberg-Bürowelt ins New York der Sechziger Jahre verlegt. Weit gefehlt, auch hier optischer Hochgenuss, erstklassige Schauspieler, Erzählung auf diversen zeitlichen Ebenen, originelle Filmmusik (im Abspann erklingt Bob Dylans „Don´t Think Twice“, ein anderes Mal ein netter Jazzstandard oder ein Bossa Nova). Weitere Serien werden folgen, das sei hier feierlich verkündet, denn eine neue Ära hat begonnen: mit dem Videoplayer als Festinstallation („Fest“ im doppelten Sinne). Qualitätsfilme statt Biedermannskost, Ende der televisionären Deutschtümelei: Originalversionen nun – ggf mit deutschen Untertiteln als Netz und doppeltem Boden (mit „dem Zweiten“ sieht man lange nicht so gut). Dabei nebenher Englischkenntnisse verbessern, das ist der Mehrwert oder, wie Lacan und Zizek sagen würden: das Mehr-Geniessen.

 

 
TD Season 1 – „The Angry River“ by The Hat ft. Father John Misty & S.I. Istwa (HBO)
 
„The Angry River“ (short snapshot cover, rhythm guitar track with 2 overdubs)
 
 

I like the piano as an instrument, the grand piano. Can´t play, but love to play it and love to listen to that sound. For this reason Arto Lindsay, best guitarist ever who can´t play the guitar, is the role model here. He reached his mastership in playing what he never learned to play the ordinary way – even in the widest range of „ordinary“. The feeling and the emphasis make the difference. So nowadays, while playing guitar means imagining to play piano. Makes sense, ´cause i never liked the sound of the guitar that much, compared to the sound of the grand piano. In an interview Jazzguitarist Kurt Rosenwinkel mentioned, that he is playing better while thinking of other musicians. So do I, thinking of another instrument. One of my favorite piano players is Stefano Bollani. First heared him on an album called Joy in Spite of Everything, in companionship with his trio-mates Jesper Bodilsen and Morten Lund and also with Mark Turner and Bill Frisell. This album sounds fresh, free and flowing – with a storytelling-habit in it. When you discover a musician, an actor or an autor you did not know before, sometimes you put him in the focus of research, which nowadays is easy in this webwide-world. So I found out he used to play with Enrico Rava. One day i also will find out, why this trumpet player is worth listening to.

 
PS. „Something“ with Bollani …

2015 27 Okt

Mittendrin

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Gute Serien und Filme zeichnen sich dadurch aus, dass sie einen mitnehmen auf eine virtuelle Reise. Sie enthalten bestenfalls Essenzen und Aspekte, die auch das eigene Leben betreffen: Identifikationspunkte, Anregungen. Gleich drei cinematografische Ereignisse, die das Niveau hausbackener Fernsehproduktionen bei weitem übersteigen, galt es jüngst zu verköstigen: den grossartigen Mr. Turner, das atemberaubende Salz der Erde von Wim Wenders, und nun endlich True Detective. Sofort stellt sich der Suchtfaktor ein und man fragt sich schon beim Schauen: „Was soll da noch kommen, wenn dieser visuelle Staffellauf beendet ist?“ Parallen zu Twin Peaks sind deutlich, aber diese Serie setzt in mancher Hinsicht noch eins drauf, als verschachtelte Erzählung zweier Cops, die den crime plot, wie so oft bei guten Thrillern, nur als Aufhänger nimmt für Tiefergründiges. Sansibar oder der letzte Abgrund. Das ist auch ein Männerfilm, der zwei Archetypen charakterisiert und von deren Spannungsgefüge lebt: zum einen der konforme Ehemann und Familienvater, zum anderen der Steppenwolf, das triebhafte (Un-)Tier, der mysanthropische Philosoph, der ewige Eigenbrödler. Allein die Szene, in der er mit seiner ihm angeheirateten Ärztin vor dem Fernseher sitzt, sie die Fernbedienung in der Hand, er mit oskarwürdigem Blick ins Leere: The Story is over, Baby. Heute abend erstmal Entzug, Methadonprogramm DFB-Pokal: Bayern gegen Wolfsburg. Den Stoff strecken, damit man länger etwas davon hat. Denn ob die zweite Staffel gut ist wie die erste, das steht noch dahin. Wusste ich es doch: das Suchtpotential von Serien ist nicht ohne – und unsereins jetzt mittendrin, im Südstaatensumpf.

Zwei rote Fäden zogen sich durch Jonathans Leben, an denen sich die Perlen aufreihten wie in Indras Kette: Entdeckerfreude und Spätzündung.

Er dachte an den Sportuntericht in der Schulzeit, das Greuel der Bundesjugendspiele, an das Reckturnen, an den sadistischen Sportlehrer, der mit seinen Handballerarmen Marke Umfang Oberschenkel gerne Schuljungen mit dem Medizinball gezielt „abwarf“, als seien diese Dosen in der Bude auf dem Jahrmarkt. Dann aber kam die Kehre, an der selbst Heidegger, den er zwar las, jedoch bei weitem nicht verstand, seine Freude gehabt hätte: die späte Entdeckung der Freude am Schulsport.

Ein Highlight in der Fußballjugendmannschaft war es ja vormals schon gewesen, als er den Spielmacher der gegnerischen Mannschaft buchstäblich vom Platz gefegt hatte – nicht auf die feine Beckenbauerart, eher angelehnt an Katsches Grätsche und an Bertis Biß. Der Trainer hatte ihn heissgemacht: den lässt du gar nicht an den Ball kommen! So kam es: der Spielmacher des Gegners verliess noch vor der Halbzeit frustriert den Platz und man gewann das Spiel als Tabellenletzter gegen den Tabellenersten mit Elf zu Eins.

Dann brachte Langlauf frischen Wind, gerne nach der Schule, vor dem Fünfuhrtee mit den Hunden, die, ihn begleitend, über die Äcker jagten. Abermals die Jugendspiele, jetzt unter anderem Vorzeichen – und als Lateiner wusste er, dass Herumirren menschlich ist und Joggen glückbringend, vor allem aber: Alea iacta est.

Die Tausendmeterstrecke, zwei Leichtathleten liefen provokativ langsam: Langlauf zählt doch gar nicht. Jonathan aber liess sich nicht irritieren, war nicht zu schüchtern, die anderen frech zu überrunden. An der Ziellinie winkte die Sportlehrerin mit der Stoppuhr und der strahlenden Verheissung, dem Ersten sei die Urkunde sicher. Veni, vidi, vici.

Bemerkenswert, so dachte Jonathan rückblickend, war dabei der innerliche Shift: etwas hatte sich gewandelt, eine Blockade sich gelöst, eine Haltung sich geändert. Motivation wurde nicht als äusserer Zuspruch erlebt, sondern als eigene, innere Entdeckung gefeiert.

Jahre danach dann Ähnliches in einem anderen Bereich: sehr spät und unabhängig von schulischer Vorbildung, entdeckte er die Literatur und die Philosophie für sich – so wie er schon Gitarrespielen sich angeeignet hatte: als Autodidakt und geniessender Dilletant.

Bis heute blieb jene Freude an der Sprache selbst, ohne dass diese eine Botschaft mit sich bringen musste – ja gerade belehrungsfreie Äusserungen hatten es ja in sich. Hier war die Kehre auch eine Abkehr von abgedrehter Esoterik jeglicher Coleur gewesen und vom Halbwissen aller Parapsychologien hin zur Liebe am Text an sich.

Weil aller guten Dinge aber drei sind, nicht nur im Bremer Recht oder im Dreisprung, so resümierte Jonathan, kam in jüngster Zeit, neben der Lust am Schreiben noch eine neue Leidenschaft hinzu, verbunden mit Musik und dem Spielen seines Instruments: die Lust, schrittweise („step by step and on we go …“) das Feld neu aufzurollen in der Wunderwelt der guten Songs.

Es verwunderte ihn, warum er dies erst so spät für sich entdeckte: das entziffernde, analytische Hinhören und dann das Nachspielen, Antizipieren … – Ahmung als Antrieb. Würde er vielleicht einmal eine gediegene Auswahl von Coversongs als Programm zum Vortrag bringen, als wär´s erlesenes Porzellan aus der Geschichtsvitrine für die Gäste?

2015 14 Sep

Eigene Musik (8)

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