Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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2016 26 Apr

Moments with Monder

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„Das Amorphe wird man dir noch austreiben auf der Hochschule!“
 
Der Satz des Kunstlehrers traf einst ins Schwarze. Der Schüler wusste: zuviel Drift, Sublimation, Verstiegenheit ins Wurzelwerk natureller Formen war kontraproduktiv – weil: Weltflucht, Sexflucht. Those were the days with Max Ernst, Ernst Fuchs, Richard Oelze – they were fine but long time gone now.

Back to the presence: das Schiff des Brian war noch nicht gekommen. Da war es gut, ein Album des Virtuosen Ben an Bord zu haben – jenes Käpt´n Ahab eines modern hybriden Gitarrenspiels mit magischen, dunklen Nuancen und der Intention von Zauberei: denn dreht man Monder um, erhält man wonder.

Es brauchte wiedermal Geduld, das Abwarten des günstigen Moments. Dann plötzlich, augenblicklich: Evidenzerleben – die Pforten der Wahrnehmung bieten Zugang.

Mitten durch den Müll medialer Flut hindurch, vorbei an Scylla und Charibdis, weit westwärts der Böhmermanncausa und anderer Engpassagen mit dem Nährwert einer Null („Varoufakis!“ krähte der Hahn dreimal frühmorgens), hinein in eine Jemandsbucht, geprägt von Stille und mehr Tiefe.
 
Zunächst wurde wahlos herumgepeilt, der Kompass schlug in alle Richtungen aus.
Bojen mit Beschriftungen wie „Anat Fort Trio“, „Michel Benita“ und „Ches Smith“ wurden dieses Mal umkurvt und was sich dann eröffnete, das war wie Only Sky.

Er erinnerte sich an jenes Album The Garden of Eden der Paul Motian Electric Band aus dem Jahr Zweitausendsechs. Der renommierte Schlagzeuger hatte junge Musiker an seiner Seite, zwei Gitarristen dabei, die neugierig machten: Ben Monder eben und auch Jakob Bro. Beide sind seit langem etabliert und heissbegehrt – as a captain, cox or sideman.
 
Um´s kurz zu machen: Monders Amorphae, ECM-Einstiegsdroge. Wuchtige, massige, körperliche Klänge. Ein Vergleich mit David Torns Soloalbum Only Sky liegt nahe, in der Tat. Als Gitarrist kann man es nachempfinden, es geht hier nicht um das beflissene Vortragen einstudierter Stückchen. Es geht um beseelte Klangskulpturen, objets trouvés und Feuerwerks-Momente.

Play this on my funeral: ein Song wie ein Sog – stunning. Ein Backbord-Blick auf die Besatzung lohnt sich: Ben Monder spielt hier sechssaitigen Fender Bass, Pete Rende hört man am Synthesizer und Andrew Cyrille liefert sparsam pointierte Perkussion.

Der Name dieser Rose sagt es: „Gamma Crucis“ ist gleichsam erhaben, religiös und feierlich – and at the same time secular science fiction; fremdartiger Abgesang auch. Paul Klees Angelus Novus betritt die Szenerie: ein Engel dreht sich rückwärtsgehend aus dem Bild.

2016 18 Apr

Mikado

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And when it appeared
It was a flaming book of matches
A hundred and twenty-five spheres
On a parquet floor

(D. Sylvian, „125 Spheres“)

 
 
Trauma
 

Weitergehen muss das Narrative und ebenso das Spiel. Ungeachtet jener Mikro- und Makrotraumata von Verlusterfahrungen, die jeden Menschen zu jeder Zeit heimsuchen können, in den Krisengebieten der Welt ebenso wie in jenem individuellem Krisengebiet eines vergänglichen Körpers, gibt es zu alldem das „Trotzalledem“. Cinematografisch verdeutlicht wird solcherlei Gedankenspiel durch kurzweilige Serien wie Dr. House und großartige Filme wie Wim Wenders Das Salz der Erde.

Einst gab es ein TV-Porträt über den Soziologen Helmut Dubiel – einer jener bereichernden Zufallsmomente des alltäglichen Fernsehens. Der Genannte war Professor am Frankfurter Institut für Sozialforschung, dem ja auch Theodor Adorno und Max Horkheimer einmal angehörten. Er erhielt mit sechundvierzig Jahren eine Diagnose, die sein Leben änderte. Das Buch Tief im Hirn kaufte ich mir, weil mich nicht nur seine Krankengeschichte interessierte, sondern seine Vita und vor allem: seine sprachliche und kognitive Brillianz.

 
 
Zufall
 

In jungen Jahren befragt, welches seine Vorbilder seien, antwortete der Teenager wie aus der Pistole geschossen: „Max Ernst und die Beatles.“ So spontan und provokativ die Antwort war, genauso triftig war sie für ihn. Ersterer beeinflusste wie kein Zweiter seinen Zugang zur bildenden Kunst: da war die hybride Vielfalt der Stile und Zufallstechniken – und da war Dada. Ein Aufbegehren gegen das Bürgerliche, das war ihm wichtig: nicht Juso-gefärbt proletarisch, sondern freigeistig, aristokratisch, poetisch.

Neulich entwarf ich ein Stück und nannte es „Acoustic Mikado“. Einfach eine Spur aufnehmen, spontan eine zweite und dritte hinzu – auf das Vorangehende direkt reagieren. Es könnte der Beginn einer spassigen Serie werden. Mikado spielten wir als Kinder schon gerne, da es nicht nur um Geschicklichkeit ging, sondern auch ein Spiel mit dem Zufall war. Hinzu kommt der immerwährende Reiz des Aufnehmens, die Konfrontation mit der Aufnahme und dann die Möglichkeit reflexiver Abstandnahme.

 
 
Geheimnis
 

Wiedermal auf nächtlicher Runde, kreuz und quer durch die Stadt schlendernd und lange am Fluss entlang, dabei die Tiefen von Philosophie, Kunst und Lebensweisheit im Gespräch auslotend, fragte ich N, den befreundeten Maler, ob er in seinen Bildern seine innersten Geheimnisse preisgäbe. Ja, aber nur in chiffrierter Form, entgegnete der. Das sprach mir aus dem Herzen, da auch ich keinen Sinn darin sah, Jedermann alles offenzulegen.

Auch in der Literatur fanden sich Spuren Gleichgesinnter. So schrieb der Soziologe Helmut Dubiel in seinem Buch Tief im Hirn, das auf eindrucksvolle Weise seinen Umgang mit Parkinson schildert, er habe immer im Leben Geheimnisse gehabt und bedrohlich für ihn sei, diese nun bedingt durch die Krankheit grösstenteils nicht aufrechterhalten zu können.

„Von dem, was die anderen nicht von mir wissen, lebe ich.“ Diesen Satz von Peter Handke stellte der Philosoph Byung Chul Han seinem bei Matthes & Seitz erschienenen Band Transparenzgesellschaft voran, der wie auch andere seiner Essays die Auswirkungen der digitalen Revolution auf profunde Weise darlegt, ja seziert. Immer wieder zeigt sich, dass diesem Denker Bezüge zu Heidegger und östlichen Sicht- und Lebensweisen wie etwa dem Zen-Buddhismus nicht fremd sind. Es geht auch um die Ästhetik der Abwesenheit.

 

2016 1 Apr

Eigene Musik (10)

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2016 29 Mrz

„Liebe“

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I love Love – this precious californian comedy. The more precise term is called „dramedy“. Spiegelonline wrote about it and same did DIE ZEIT. Those articles sounded interesting. So I stepped directly into the first episode, via first class Netflix streaming. After virtual journeys to New York (Mad Men), Lousianna (True Detective), Minnesota (Fargo), Florida (Bloodline), Northern Essex (The Detectorists), Kopenhagen (Rita) and Malmö (The Bridge) a trip to L.A. seemed to make sense. And so it was: love not at first but second sight – cause when I saw that stupid, jewish looking guy acting with his awkful gestures the first reaction was to drop it. But then the characters slowly unfolded and soon I liked them. The soundtrack is marvelous. To put some names into the frame: Pete Townsend, Wilco and Violent Femmes. The characters are somehow cracked-up, lost or loosers. It´s hard to struggle with life in a town where happiness is an imperative gun. Like once Lacan said: „Hands up, guys – Enjoy!“

 

„Love“ (Trailer)

 

… and this is the Radio Manafonista Breakfast Show. Those who arent´t „awakened“ yet like Walter White in Breaking Bad should have a cup of coffee now in the Cafe Nirvana, go to the jukebox (installed by Gregory Peck) and check out this song sung by Darrell Scott from Kentucky, who wrote some of the soundtrack of the marvellous Justified episodes around Harlan County … – I´m wandering off the point, so here is the Lynyrd-Skynyrd-like „Hank Williams´ Ghost“. Have a nice day.

 

2016 12 Feb

Things in the Key of Life

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1
 

„Coast to coast, LA to Chicago, western male –
across the north and south, to Key Largo, love for sale …“

 
… so besang eine Schönheit mit Samtstimme namens Sade einst ihren Smooth Operator. Ich mochte den Song, ihre Stimme, verband damit auf ewig diesen geheimnisvollen Begriff, der nach „großem Schlüssel“ klang, ohne zu wissen, was das ist. Als Neuankömmling in einer rasant wachsenden Gemeinde Netflix-Beflissener weiss ich es nun und dieser blinde Fleck in meinen Wissenshorizont ist ausradiert.

Das gibt mir wiedermal zu denken: unsere Kenntnisse sind stets von seltsamen Irrlichtern des Nichtwissens umgeben, denn wir Menschen sind nicht wie Wikipedia. Gottseidank ist diese Wissensbank ja lediglich ein tool, das man benutzen und beiseite legen kann. Sonst ginge es uns wie diesem Helden in Stanley Kubricks Clockwork Orange, wir würden damit gefoltert, permanent wissen zu müssen, so wie jener pausenlos sehen sollte.

Aber die Unvollkommenheit einer nie zum Abschluss kommenden Horizonterweiterung von Erfahrungen beschert uns den Genuss ewiger Entdeckerfreude. Botho Strauss´ Buch Lichter des Idioten ist hier hilfreich – es ist ein Lobgesang aufs Dummbleiben und zielt auch kritisch auf diese digital gestützen Schlaumeiereien. Milan Kunderas Lachen und Vergessen gehört in diesen Kontext. Und Philosoph Peter Sloterdijk bemerkte hierzu, so mancher Geisteswissenschaftler habe sich ja schon in jungen Jahren zuschanden gelesen.

 

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Hinterlässt nicht jeder gute Film, jede gelungene Serie, die zuende geht, ein Gefühl von Wehmut, als wäre man ein Heimatvertriebener? Hat man sich doch vertraut gemacht mit Personen, Schauspielern, Orten, Handlung. Wenn man sich dann damit identifizieren kann, vielleicht Parallelen endeckt zur eigenen Lebensgeschichte, umso besser. Im Falle der amerikanischen Serie Bloodline heisst das verlorene Paradies Florida Keys. Gleich hinter Miami beginnt nicht Delmenhorst, vielmehr Key Largo. Den Schlusspunkt dieser Inselkette setzt Key West – Kuba und die Bahamas sind nicht weit.

Is Florida Keys paradise, now? Beinahe – und dennoch weit gefehlt. Auch Sade kommt in der Serie nicht vor, das mag manchen beruhigen. Exquisite Klänge aber, strains of Jimi Hendrix, Metal, Salsa – alles wohldosiert und gut plaziert.

Nachdem man also Season One final passieren liess, hernach aus jenem Sehnsuchtsgefühl heraus noch einmal recherchierte über Schauspieler, deren Vita, Emmyverleihungen, Binge-Watching-Gewohnheiten (haha!) – macht man die Probe aufs Exempel. Man drückt die Returntaste und was im real life nicht möglich ist, beim Filmegucken geht´s.

Man schaut also erneut Episode eins, kennt nun das Ende ja und ist verblüfft. Denn alles erscheint jetzt in einem anderen Licht. Die vielen flashbacks beispielsweise, mit denen der Neueinsteiger anfangs malträtiert wurde: nun kann man sie zuordnen. Spätestens hier wird klar, dass sie auch Stilmittel sind zur Unterstützung dessen, was der australische Schauspieler Ben Mendelsohn in hervorragender Weise darstellt: being traumatized.

 

3

 

Die andere Leidenschaft bleibt: Songs dechiffrieren. Mittels Youtube, wo man nicht nur den Akteuren auf die Finger schauen kann und sich als Vorlage diese eine Fassung aussucht, die den feinen Unterschied ausmacht – denn die meisten Musiker haben ihre brillianten Momente, wo alles zusammenpasst, vielleicht das Publikum auch den richtigen spirit abgibt.

Und natürlich die Aufnahmequalität: in diesem Falle war es ein Live-Video von King Crimson, das mich antörnte. Einer jener vielen Titel dieser Band mit der guten Mischung aus Melodie (Adrian Belew) und abgefahrener („fucking“ würde Robert Fripp wohl dazu sagen) Gitarrenarbeit. Nun erst wird mir die Schnelligkeit des Saitenpriesters bewußt. Impossible for me to do that, Mister. „Frame By Frame“, step by step. Hey, what is the key?

2016 25 Jan

Eigene Musik (9)

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2016 18 Jan

Mein Name sei Malvo

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Die Schöne Neue Serienwelt eröffnet Perspektiven. Wer den Klang favorisierter Sprachen liebt, findet in der Rezeption unsynchronisierter Originalfassungen Vergnügen und mag sich einmal mehr fragen: Warum erst jetzt und nicht schon früher? Kriminalistische Fälle und existenzielles Fallen, das Geworfensein des Menschen – Zutaten, die in der Mixtur einer gelungenen Erzählung nicht fehlen dürfen. Wir feiern hier ´ne Party und Rosamunde Pilcher ist leider nicht dabei! Auch Fantasy bleibt aussen vor. Blood, sex and crime hingegen, gut verpackt, das macht den edlen Braten schmackhaft.

„Willkommen zur Harald Schmidt Show, mein Name ist Lorne Malvo“, so hätte einst ein deutscher Entertainer sein Publikum begrüsst, frei und fröhlich im Gefolge von Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein. In der stilprägenden Ära seines Latenight-Programms nach amerikanischem Muster hatte Schmidt damals den öffentlich-rechtlichen Sendern gehörig eingeheizt. Der Talkmaster wäre mit diesem Trick, sich kurzerhand für einen Anderen auszugeben, der stellvertretend für aktuelles Thema steht, direkt in medias res gegangen.

Wäre jener Schmidt auch heute noch am Drücker, dann hätte er ein Phänomen wohl längst erwähnt, das ähnlich wie einst die Privatsender den Öffentlich-Rechtlichen, heute der gesamten Fernsehlandschaft die Hölle heiss macht: gemeint sind die auf DVD gepressten oder via Streaming bequem ins Haus geholten Qualitätsserien, für unsereins vorzugsweise aus englischsprachigen Ländern und aus Skandinavien.

Und wer verbirgt sich hinter diesem Lorne Malvo nun, dessen Name so maliziös klingt und auch ein wenig lonesome? Es ist einer jener Charaktere aus dem spannenden Serienkosmos, deren Darsteller Abwechslung bieten zu den nationalen Schauspieler-Riegen, die wir schon zur Genüge kennen und die in wechselnden Rollen oftmals nur sich selber spielen. Nun aber Justified, Mad Men, True Detective und Die Brücke: geprüft und für exellent befunden.

Oder die Serie Fargo, deren Vorbild ein Kinofilm gleichnamigen Titels war unter der Regie der Brüder Joel und Ethan Coen, und die in der verschneiten Landschaft Dakotas und Minnesotas bösartige und schwarzhumorig angefärbte Geschichten erzählt: sie schafft den Spannungsbogen zwischen Drama, Thriller, Komödie und zeitgeschichtlicher Lehrstunde. Bonanza here meets Jerry Lewis – mit dem langen Atem epischer Breite, dabei bild- und erzähltechnisch weit über Hollywood hinausgehend.

Und Malvo mittendrin, seines Zeichens Auftragskiller. Er könnte die maligne Variante jenes Steppenwolfes sein, dem Hermann Hesse einst literarisch ein Denkmal setzte und der seitdem als Archetyp des lonesome drifters, des ungebundenen Parias gilt. Im Season One Finale tritt er, soviel sei schon verraten, seinem animalischen Äquivalent leibhaftig gegenüber. Wieviel Böses braucht der Mensch? Sympathy for the devil – will sagen: Empathie für alle, auch für die grösste Sau. Ist ja lediglich Fiktion. Wer es real liebt, für den gilt bis auf Weiteres: Und täglich grüsst die Tagesschau.

2015 23 Dez

Strawberry Thieves Forever! (The Copyright Discussion)

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Foto © Lajla Nizinski

 

In Penny Lane there is a barber showing photographs of every head he’s had the pleasure to know. And all the people that come and go, stop and say hello. On the corner is a banker with a motorcar, the little children laugh at him behind his back. And the banker never wears a mac in the pouring rain, very strange. In Penny Lane there is a fireman with an hourglass and in his pocket is a portrait of the queen. He likes to keep his fire engine clean: it’s a clean machine. Behind the shelter in the middle of a roundabout, the pretty nurse is selling poppies from a tray, and though she feels as if she’s in a play, she is anyway. In Penny Lane the barber shaves another customer. We see the banker sitting waiting for a trim. And then the fireman rushes in from the pouring rain, very strange. Penny Lane is in my ears and in my eyes. There beneath the blue suburban skies I sit, and meanwhile back …

(Lennon/McCartney 1967)

 

Seit nun fast fünfzig Jahren haben sich die obenstehenden Zeilen in meinem Gedächtnis eingenistet wie ein nicht nur geduldeter, vielmehr geschätzter Untermieter. Der nimmt allerdings mitunter – anderen Artgenossen hierin ähnlich – die persistierende Gestalt eines Ohrwurms an. Dann gleicht er einem Schatten, einem Stalker, den man nicht mehr loswird. Hier heisst es handeln! Höflichkeit ist immer noch die beste Form des Umgangs, denn nur wer nicht an seine Feinde glaubt, noch an einen Gott, so lesen wir bei beim Philosophen Sloterdijk, ist frei. Bei einem anderen Philosophen, Byung Chul Han, in seinem Buch Shanzai (im Merve Verlag erschienen) können wir lesen, wie Destruktion auf Chinesisch geht und dass es eine Ehre für das Original sei, wenn man es kopiert. So sehe ich, schlussfolgernd daraus, davon ab, für die Inbeschlagnahme meines Geistes durch kulturelle Inhalte, deren Urheber auch noch Copyright anmelden, im Gegenzug eine Mietgebühr zu verlangen. Bei einem Song wie „Penny Lane“, diesem Untermieter seit einem halben Jahrhundert, käme da ein hübsches Sümmchen zusammen. But don´t mind – wir bleiben höflich auf Chinesisch und ahmen nach im Gegenzug. Kopieren, covern – und hofieren. Strawberry Thieves Forever!

 

Original (Paul McCartney live)

Fälschung (Wang Chung Joey)

 
ZiggyStardust
 
 
 

My Mama said: „To get things done, you’d better not mess with Major Tom.“

(DB, „Ashes to Ashes“)

 

Die persona eines Musikers, sein Werk, ein spezielles Album, ein einzelner Song oder eine einzige Strophe daraus, ja selbst das Fragment eines seltsamen Akkordwechsels – das alles kann lohnenswerter Gegenstand des Interesses sein. Wo die Liebe hinfällt und vor allem: wann. In diesen genannten Teilaspekten gibt David Bowie sehr viel her – auch wenn meine Haltung zu seiner Musik genau von jener fremdartigen, kühlen Distanz geprägt ist, die ja gerade sein Oevre auszeichnen. Eins ist gewiss: wer über die engen Tellerränder von Klassik oder Volksmusik hinausblickt, kommt an Erscheinungen dieses Karats nicht vorbei. Zu allen Zeiten haben Künstler der modernen westlichen Welt, die wir in diesen islamistisch-verhangenen Tagen erst recht zu schätzen wissen, neue Horizonte erschlossen.

Ihre Kreativität, die performative Kraft, ihr Mut wirkten sich befreiend auf gesellschaftliche Entwicklungen aus – sie waren role models, Vorbilder, zuweilen mit Kultstatus. Deshalb fällt einem zu Bowie auch gleich etwas ein. Zu Beginn dieses neuen Jahrtausend nun, so etwa um das Jahr 2002, gab es ein Livekonzert, das mich aufhören liess – mit einer phantastischen Band, einem gereiften und doch juvenilem Bowie, einer charismatischen Bassistin (sie spielte barfuss auf der Bühne) und einem abgeklärten, professionellen, homogenen Gesamtsound. Lag es daran, dass da Jemand zu jener Zeit ganz schwer verliebt war („I´m deranged“) und vom Lebensgefühl her Paris von der Seine in eine niedersächsische Landeshauptstadt an der Leine verfrachtete und auch sonst den Wind der zweiten Jugend erfuhr? Man sagt ja, die Vierziger seien die besten Jahre.

Ein Stück von Bowie nicht nur funktionsharmonisch zu verstehen, sondern auch irgendwie präsentationsfähig auf die Gitarre zu übertragen, hat seine Tücken, zumindest for a simple guy like me, der niemals Partituren lesen konnte und für den die Notenschrift eine permanente, mühsame Herausforderung ist: Arbeit am Widerstand, dem Studium eines sperrigen Computerprogramms oder dem Lesen einer komplizierten Gebrauchsanweisung eines technischen Gerätes durchaus vergleichbar. Und doch: Musik notieren, in Form zu bringen, festzuhalten, das ist lohnenswert und wenn man konstatierte, nur notierte Musik sei ernst zu nehmen: in a way that would make sense to me.

And so we take this as a playground – ein ewiges Übungsfeld. Never I had been a Bowie fan nor one of Dylan – oder der anderer in Stein gemeisselter grosser Namen der Pophistorie. Aber wenn ich erstmal von einer Fassung affiziert bin, dann höre ich ein Stück gut und gerne bis zu hundertmal hintereinander weg. Es ist ein Sog, der darin besteht, die Essenz eines solchen Songs mir selbst anzueignen. Wer da an Patrick Süsskinds Roman Das Parfüm denkt, in dem der Protagonist betörende Düfte aus einbalsamierten Jungfrauen kreiert, um sie sich einzuverleiben, liegt nicht ganz falsch.

An die erste Begegnung mit dem androgynen Gesangs- und Performancehalbgott erinnere ich mich noch genau. Es war auf der Konfirmandenfreizeit in Südtirol, ein wunderbarer Ort, die Pension lag direkt an der Strasse, mit Swimmingpool. Dort gegenüber ein Fussballplatz, der an einen Wildbach mit grossem Kieselbett angrenzte, an Baden war nicht zu denken, denn trotz Bullenhitze: das Wasser war gefühlte zwei Grad über Null kalt. Mit dabei waren zwei Amerikaner, Austauschschüler, one was a blond and tought countryboy, always jogging straight ahead the crests. The other one was David, a jewish guy from Brooklyn, some years older than me, but we soon became friends. Schwarze lange Locken, feine Manieren, immer leicht ironisch. Er nannte mich Robbie, angeblich sähe ich einem gewissen Redfort aus jungen Jahren ähnlich.

David sang merkwürdige Songs mit komischen Melodien und gepresster Stimme, „Spiders from Mars“ kam drin vor und „Major Tom“. Wer das sei? Nun hör mal, David Bowie kennst du nicht! Unser tranceartiges gemeinsames Projekt bestand neben meiner Neugier an Stories aus Amerika darin, dass wir auf den Fussballplatz gingen, ein Tor von etwa sieben, manchmal fünf Metern absteckten und er dann vom Siebenmeterpunkt schoss. Er wartete immer, bis ich mich bewegte und schoss dann in die andere Ecke. Im Laufe der gemeinsamen drei Wochen hielt ich nicht einen einzigen Ball. Und da man selbst ja nicht nur Songs in jeder Körperzelle abgespeichert lebenslänglich in sich trägt, sondern in diesen Songs auch eigene Geschichten abgespeichert sind wie ein Fossil in einem Bernstein, muss ich also nun beim Üben eines Bowiesongs und beim Recherchieren über diesen Künstler ständig an diesen heissen Sommer in jenem norditalienischen Alpental denken.

Der Film The Man Who Fell To Earth kann als eine gnostische Parabel gelten und zeigt Bowie mit beeinduckender schauspielerischer Leistung in der Rolle eines von seiner Familie Getrennten und auf die Erde Gefallenen, der dort das dringend benötigte Wasser des Lebens (whiskey) sucht, um es in seine Heimat zu bringen. Er verfällt aber nicht nur der Liebe auf diesem Planeten Erde, sondern auch den kapitalistischen, gierdynamischen Trieben, die ihm eine Rückkehr nach Hause unmöglich machen. Bowies Musik lebt von Sprüngen, die sich auf dreierlei Weise bemerkbar machen: da ist das kaleidoskopische Vexierspiel mit den Gender-Rollen, da ist die grosse Vielfalt an Stilmitteln und Genrekategorien und da ist eine merkwürdig zerklüftete Akkordlandschaft in den Songs zu finden – als interessantes Forschungsobjekt für einen notentechnisch Unvollkommenen.


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