Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Als Arthur Dent, jene literarische Figur aus The Hitchhiker´s Guide Through Galaxy, sich des Morgens vor dem Spiegel seine Zähne putzte, fragte er sich, was das bedeute: „Bulldozer, gelb“. Er gab dem Leser eine Botschaft auf den Weg – so jedenfalls habe ich das interpretiert, als ich einst bei Regenwetter an der Nordküste Donegals in meinem Minizelt Douglas Adams Kultbuch las: Achte auf das Randgeschehen!

Jenes kleine, nebensächliche, luziferische Detail, dem oftmals Bedeutendes innewohnt. Beim Frühstück setzte es sich fort. Der flüchtige Blick aus dem Küchenfenster, als Dent seinen Kaffee trank. Der erhellende und ernüchternde Schritt vor die Haustür mit der Erkenntnis harter Fakten: eine Phalanx arbeitswilliger Bagger, die sein Haus wegräumen wollten, aus Gründen, die durchaus in kosmischem Kontext zu betrachten waren.

Nun bezweifle ich, dass ferne Galaxien und deren Herrscher jüngst Einfluss nehmen wollten auf das Vermögen meines Laptops, ein Upgrade auf Windows Zehn zu vollziehen. Doch weiss man´s? Nach gefühlten hundert Stunden, in denen selbst empathisches Zureden nichts half („Komm, ein Versuch noch!“) dann der Gang zum Techniker und ein fairer Kostenvoranschlag. Tagsdrauf der Anruf, explizit machend, was eine innere Stimme seit den Tagen der Inbesitznahme des Gerätes am Rande wahrgenommen hatte: „Lüfter, heiss.“

Updates würden temperaturbedingt abstürzen, erklärte der PC-Fachmann. Nun habe ich das Gerät, dem der Gang zum Schrottplatz nahegelegt wurde, wieder in Obhut genommen und auf eigene Recherche hin eine Software installiert, die den Lüfter regelt. Mein Fazit: Techniker wissen Vieles mehr als der gemeine Durchschnitts-User, doch nicht Alles. Und von den kosmischen Zusammenhängen zufälliger Problemlösungen ahnen sie gerademal soviel wie ein Vogonen-Kommandant von erträglicher Dichtkunst.

2016 12 Jun

Die Spur des freien Kindes

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In seinen Tagebuchnotizen wies Peter Sloterdijk an einer Stelle darauf hin, wie wichtig es sei, den Modus des Konsums zu meiden. Erich Fromm schrieb dazu psychologisch Epochales. Die Kunst des Liebens und Haben oder Sein: Sozialisationsstoff einer ganzen Generation – eine Art Hermann Hesse der Psychologie. Haben oder Sein beschrieb die Dichotomie zweier grundsätzlich unterschiedlicher Intentionen und war durchaus lohnenswerter Lesestoff. Trotzdem begleitete die Fromm-Lektüre stets ein Gefühl des Unbehagens. War es ein subtiler moralischer Zeigefinger, der da störte? In dem Film Alphabet – Liebe oder Angst ist ein anderer Gegensatz das Thema: Drill oder Spiel. Erzählt wird von den schädlichen Folgen leistungsorientierter, fordernder Erziehung und den Segnungen des Spielens. Einige aussergewöhnliche Menschen zeigen, wie sie diese Erfahrung in ihrem Leben beherzigen. Da ist beispielsweise der Pädagoge Arno Stern, in Kassel geboren, in der Nazizeit nach Frankreich geflohen, der in Paris einen Malort für Kinder gründete; da ist sein Sohn Andre, der nie eine Schule besuchte, ein namhafter Musiker und Gitarrenbauer ist und weltweit Vorträge hält über die Vorzüge eines schulfreien Lebens. Da ist sein kleiner Sohn Antonin. Dann ist da der sympathische Pablo Pineda Ferrer, der wohl erste Universitätsabsolvent mit Downsyndrom, ein diplomierter Psychologe und Pädagoge. Sein Motto: entweder ein Leben in Liebe oder in Angst, man hat die Wahl. Die Betrachtung dieses Filmes hatte etwas Befreiendes. Ich träumte in der folgenden Nacht von einem Baby, mit dem ich innig kommunizierte.

2016 11 Jun

Drei Mikados

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Eine Spur vorweggespielt, eine zweite dann direkt dazu, das ist das „Prinzip Mikado“. Überraschungsmomente durch sofortiges Reagieren ohne Planung. Vor Längerem entstand „Silver Wheels“ (dedicated to a new bike – wheelset). Die wage Idee: folkiges Fingerpicking als Grundlage, darüber ein poprockiges Overdub. Darauf folgte „Root Blues“, inpiriert vom trockenen fuzzy-sound einer zufälligen Amp-Einstellung. Kürzlich dann „Wild Card“. Immer wieder die Lust, ganz frei zu spielen, sowie man auch entspannt zeichnen würde oder kritzeln auf Papier. 

2016 4 Jun

Brasch bräsig

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In den Film Und Kim Novak badete nie im See Genezareth zappte ich spätnachts vor Jahren hinein, ähnlich ergings mir auch mit Schnee, der auf Zedern fällt: ein „Wow!“ flackerte auf, doch schnell fielen die Augen übermüdet zu. Die Titel blieben als etwas Lohnenswertes haften, den erstgenannten konnte ich nun kürzlich sehen – und nichtmal Claudia Michelsens zeitgleicher Polizeiruf hielt mich davon ab. Der hilfreiche Tatortcheck eines Onlinemagazins tat sein Übriges, in dem besagtes Ereignis mit vier von zehn Punkten bewertet wurde und ich erinnerte mich daran, dass schon Michelsens Ex-Partner Silvester Groth aus Drehbuchgründen unlängst seinen Job hinschmiss. Schade, denn einer der besten Dialoge ever spielte sich in jenem Magdeburger TV-Dienstmilieu ab. Michelsen alias Kommissarin Doreen Brasch, nachdem sie zwecks Verbrecherjagens mit dem Motorrad die Steinstufen der Stadtmauer rauf- und runtergebrettert war, trifft bräsig im Revier ein, passiert den Schreibtisch des kauzigen Kollegen Groth alias Jochen Drexler.

Der Bürokrat par excellence mümmelte soeben Grünzeugs aus der Brotschatulle zum Frühstück, die Aktentasche akurat neben sich abgelegt und die Miesepetermiene aufgesetzt. Michelsens Morgengruß: „Salat macht impotent!“ Groth retour: „Impotenz macht frei!“ Ich lachte laut. Sind es nicht solche shortcuts, die so manches laue Drehbuch flugs vergessen lassen und sich für alle Zeit in das Gedächtnis schreiben – wie eben jenes eingangs erwähnte kurze „Wow!“? Der oben genannte Film mit sonderbarem Badetitel basierte auf einem Roman von Hakan Nesser, dem damit wohl einst der Durchbruch gelang. Er zeigte, hierin einer Serie wie Breaking Bad ähnlich, was Qualität ist: langsame Einstellungen und aufflackernde Momente; Dinge, Antlitze, Situationen, die aus sich selbst heraus wirken; jene Stille, die spricht und ferner dieser feine switch, wenn fotorealistische Wirklichkeit und harte Fakten ins Märchenhafte, Surreale, Humoreske hinübergleiten.

2016 27 Mai

Ein Treffen mit Uta

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Sobald es um TV Serien geht, redet Uta wie ein Wasserfall. Treffe ich mich mit ihr, ist der Smalltalk, was sehenswerte Filme betrifft, stets kurzweilig und informativ. Sie arbeitet als Chefredakteurin eines Szenemagazins in unserer Stadt. Von diesen Produktionen aus Amerika beginnt sie zu schwärmen, sobald man ihr die Triggerfrage stellt: „Was schaust du denn gerade so?“ Gleich drei ihrer zuletzt favorisierten Serien spielten in Los Angeles und alle seien gut: Love, Bosch und Transparent. Erstgenannte sei die Geschichte eines akademischem Filmnerds und einer psychisch Angeknacksten – und weil Borderline im Spiel sei, seien auch Unliebesspiele nicht weit. Dann Bosch, der – wie Uta selbst auch – Jazzkenner sei. Vom guten alten Rollins ist die Rede, den der Held, der auch Hieronymos heisse, hier allerdings Cop sei und nicht Kunstmaler, liebevoll Sonny nenne, so als sei dies ein persönlicher Freund. Die Serie sei schon dieser Wohnung wegen sehenswert, in der er residiere. Wer sah, wie Bosch des Nachts im eigenen Hause Whiskey trinkend, melancholisch reflektierend, untermalt von feinem Jazz über L.A. geschwebt sei, wisse, woher die Engelsstadt den Namen habe.

Beim Schauen von Transparent habe Uta Lust verspürt, mal wieder Musik von John Zorn zu hören, weil dieses jüdische Milieu eine ähnlich spritzige Vitalität ausstrahle wie der Sound des quirligen Jazzsaxofonisten. Auch Transparent spiele in Los Angeles. Der Vater der Familie sei Politikwissenschaftsprofessor. Die älteste Tochter mache als verheiratete Frau mit Kindern nun Entdeckungen im Bereich der lesbischen Liebe und in Spielformen des Sadomaso. Der Sohn sei Musikmanager und, wie Uta meint, ein selbstbezogener, hohler Typ. Die jüngste Tochter sei auf ewigem Selbstfindungstrip, der sie nun endlich auch in lesbische Gefilde führe, nachdem sie erstaunliche Dinge mit schwarzen, hippen Fitnesstrainern ausprobierte. Der Clou aber: Daddy oute sich als jene Frau, die er immer schon sein wollte. Das habe Folgen. Im Vorspann, jenem Super-Acht-Bildflickern, das an Klassenfahrten, Feste und Fotoalben denken liesse und untermalt sei von Klängen, die an Erik Satie erinnerten, würde auch jene Zeit im Berlin des Nazideutschland angedeutet, in der Alles seinen Anfang nahm.

Es gibt ein neueres Wort, das Uta nicht gerne benutzt, weil es so hässlich klingt und dieses Wort besagt, dass Inhalte eines Filmes, Spannungsmomente der Handlung voreilig ausgeplaudert werden – und so verschweigt sie anstandshalber Vieles. Entscheidend sei, dass Serien Spass machten, lehrreich und unterhaltsam seien, Gesprächsstoff böten und in vielfach unbekannte Human-Biotope führten. Family, Beziehungskrisen, Sex seien stets dabei, mit oder ohne crime, in allen Formen und in Transparent besonders krass. Das werde aber unaufdringlich, warmherzig und liebevoll erzählt und so fühle man sich irgendwie mit allem empathisch verbunden. Der „transparente“ Vater entwickele eine unglaubliche Würde, ohne dabei in seinem Outing auch nur annähern heldenhaft dargestellt zu werden. Seine Irritationen blieben, etwa auf einem Sommer-Frauen-Camp. Hier nämlich zeige sich die Differenz: ob transitive Männer zuweilen neidisch seien auf „echte“ Frauen? Gebären könnten sie ja immerhin nicht. Hmm, möglich wär´s, entgegne ich und merke mir die Serien vor auf meiner virtuellen watchlist – und die Musik von John Zorn und Satie dazu.

2016 19 Mai

In a cavern in a canyon

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Doctor Miriam Jocovic raised her eyebrow.

„Are you kidding – you stepped into that cavern to cover a song?“

„That´s exactly what happened“, her patient Karl Wagner replied.

„I came from Pacific Palisades way up to Mulholland. Found the quiet and inspiring place in that area long time ago, it allows high concentration needed for the book project I´m working on. But it is narrow and stony. Climbing down with a guitar and a notebook as baggage is tricky: you have to wind like a snake same as you wind into the objects of your study – a process of imitation, mimikry.“

„And now you pay the bill for your regression in the service of discovering. This will require a surgery of your wounded knee! But I can´t deny sympathies for your project. I also play some guitar if time allows, you know, the Joni Mitchell style. So, no regrets, coyote!“ The doctor smirked. „Was it a song by Grateful Death you were working on that fateful day?“

„No, it was a tune from the John Renbourn Group called „Maid In Bedlam“ that challenged me by chance. The album A Maid In Bedlam, with guitarist Bert Jantsch, singer Jaqui McShee, american fiddler Sue Draheim, tabla player Keshav Sathe, John Roberts on flute and all on vocals was once an impressive mix of different styles.“

„Did you at least figure out the harmonics?“

Karl reached her a piece of paper with pencilled letters and the tiny fragment of a verse.

 

aG ae aG – a/ e/ aG ae – a/ e/ D/ e/ – eD e/ a/ G/ – a/ eD aG –

aG ae aG – a/ e/ aG ae – etc …
 
Abroad as I was walking one evening in the spring
I heard a maid in Bedlam so sweetly for to sing.
Her chain she rattled with her hands and thus replied she:
„I love my love because I know my love loves me“.

 

Miriam Jocovic had a look at it. „I guess, the capitals are major chords, the lowercases minor ones and one sign stands for two beats of a common time.“ She took her Takamine and immediatly began to play. In doing so she was as beautiful a woman in L.A. can be, with her white overall on and a stethoscope around her sun-kissed neck.

2016 15 Mai

May Bees

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„Hazy Sunday“ is an audio sketch with the idea of floating sounds like from an electric piano as the ground coat and a synthesizer-like improvised line drawn above. A reference to Carlos Santana? Maybe. The spiritual and praiseful matter.
 
„Luka“ by Suzanne Vega secretly has always been one of my favorite popsongs. A story about an oppressed boyhood and the (non-)communication of neighborhoods in sound-pervious flats. Also about solitude and solipsism? Maybe.
 
„Groove Sixtysix“ started with a rhythm track later hiding subtly in the background. Two simple, improvised lines followed and a simulated bass appeal puts the period. References to JJ Cale, Tinariwen and The Stones? Maybe.
 
Listening to the voice of Alanis Morissette for the first time on radio about twenty years ago was like witnessing an explosion of irate female rockpower. Many songs from Jagged Little Pill I recently rediscovered. „Hands In My Pocket“ was quite a difficult one to play, with chords courting. References to Warp and The Ship? …

2016 26 Apr

Moments with Monder

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„Das Amorphe wird man dir noch austreiben auf der Hochschule!“
 
Der Satz des Kunstlehrers traf einst ins Schwarze. Der Schüler wusste: zuviel Drift, Sublimation, Verstiegenheit ins Wurzelwerk natureller Formen war kontraproduktiv – weil: Weltflucht, Sexflucht. Those were the days with Max Ernst, Ernst Fuchs, Richard Oelze – they were fine but long time gone now.

Zurück zur Gegenwart: das Schiff des Brian war noch nicht gekommen. Da war es gut, ein Album des Virtuosen Ben an Bord zu haben – jenes Käpt´n Ahab eines modern hybriden Gitarrenspiels mit magischen, dunklen Nuancen und der Intention von Zauberei: denn dreht man Monder um, erhält man wonder.

Es brauchte wiedermal Geduld, das Abwarten des günstigen Moments. Dann plötzlich, augenblicklich: Evidenzerleben – die Pforten der Wahrnehmung bieten Zugang.

Mitten durch den Müll medialer Flut hindurch, vorbei an Scylla und Charibdis, weit westwärts der Böhmermanncausa und anderer Engpassagen mit dem Nährwert einer Null („Varoufakis!“ krähte der Hahn dreimal frühmorgens), hinein in eine Jemandsbucht, geprägt von Stille und mehr Tiefe.

Zunächst wurde wahlos herumgepeilt, der Kompass schlug in alle Richtungen aus.
Bojen mit Beschriftungen wie „Anat Fort Trio“, „Michel Benita“ und „Ches Smith“ wurden dieses Mal umkurvt und was sich dann eröffnete, das war wie Only Sky.

Er erinnerte sich an jenes Album The Garden of Eden der Paul Motian Electric Band aus dem Jahr Zweitausendsechs. Der renommierte Schlagzeuger hatte junge Musiker an seiner Seite, zwei Gitarristen dabei, die neugierig machten: Ben Monder eben und auch Jakob Bro. Beide sind seit langem etabliert und heissbegehrt – as a captain, cox or sideman.
 
 
 

 
 
 

Um´s kurz zu machen: Monders Amorphae, ECM-Einstiegsdroge. Wuchtige, massige, körperliche Klänge. Ein Vergleich mit David Torns Soloalbum Only Sky liegt nahe, in der Tat. Als Gitarrist kann man es nachempfinden, es geht hier nicht um das beflissene Vortragen einstudierter Stückchen. Es geht um beseelte Klangskulpturen, objets trouvés und Feuerwerks-Momente.

Play this on my funeral: ein Song wie ein Sog – stunning. Ein Backbord-Blick auf die Besatzung lohnt sich: Ben Monder spielt hier sechssaitigen Fender Bass, Pete Rende hört man am Synthesizer und Andrew Cyrille liefert sparsam pointierte Perkussion.

Der Name dieser Rose sagt es: „Gamma Crucis“ ist gleichsam erhaben, religiös und feierlich – and at the same time secular science fiction; fremdartiger Abgesang auch. Paul Klees Angelus Novus betritt die Szenerie: ein Engel dreht sich rückwärtsgehend aus dem Bild.

2016 18 Apr

Mikado

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And when it appeared
It was a flaming book of matches
A hundred and twenty-five spheres
On a parquet floor

(D. Sylvian, „125 Spheres“)

 
 
Trauma
 

Weitergehen muss das Narrative und ebenso das Spiel. Ungeachtet jener Mikro- und Makrotraumata von Verlusterfahrungen, die jeden Menschen zu jeder Zeit heimsuchen können, in den Krisengebieten der Welt ebenso wie in jenem individuellem Krisengebiet eines vergänglichen Körpers, gibt es zu alldem das „Trotzalledem“. Cinematografisch verdeutlicht wird solcherlei Gedankenspiel durch kurzweilige Serien wie Dr. House und großartige Filme wie Wim Wenders Das Salz der Erde.

Einst gab es ein TV-Porträt über den Soziologen Helmut Dubiel – einer jener bereichernden Zufallsmomente des alltäglichen Fernsehens. Der Genannte war Professor am Frankfurter Institut für Sozialforschung, dem ja auch Theodor Adorno und Max Horkheimer einmal angehörten. Er erhielt mit sechundvierzig Jahren eine Diagnose, die sein Leben änderte. Das Buch Tief im Hirn kaufte ich mir, weil mich nicht nur seine Krankengeschichte interessierte, sondern seine Vita und vor allem: seine sprachliche und kognitive Brillianz.

 
 
Zufall
 

In jungen Jahren befragt, welches seine Vorbilder seien, antwortete der Teenager wie aus der Pistole geschossen: „Max Ernst und die Beatles.“ So spontan und provokativ die Antwort war, genauso triftig war sie für ihn. Ersterer beeinflusste wie kein Zweiter seinen Zugang zur bildenden Kunst: da war die hybride Vielfalt der Stile und Zufallstechniken – und da war Dada. Ein Aufbegehren gegen das Bürgerliche, das war ihm wichtig: nicht Juso-gefärbt proletarisch, sondern freigeistig, aristokratisch, poetisch.

Neulich entwarf ich ein Stück und nannte es „Acoustic Mikado“. Einfach eine Spur aufnehmen, spontan eine zweite oder dritte hinzu – auf das Vorangehende direkt reagieren. Es könnte der Beginn einer spassigen Serie werden. Mikado spielten wir als Kinder schon gerne, da es nicht nur um Geschicklichkeit ging, sondern auch ein Spiel mit dem Zufall war. Hinzu kommt der immerwährende Reiz des recordings, die Konfrontation mit der Aufnahme und dann die Möglichkeit reflexiver Abstandnahme.

 
 
Geheimnis
 

Wiedermal auf nächtlicher Runde, kreuz und quer durch die Stadt schlendernd und lange am Fluss entlang, dabei die Tiefen von Philosophie, Kunst und Lebensweisheit im Gespräch auslotend, fragte ich N, den befreundeten Maler, ob er in seinen Bildern seine innersten Geheimnisse preisgäbe. Ja, aber nur in chiffrierter Form, entgegnete der. Das sprach mir aus dem Herzen, da auch ich keinen Sinn darin sah, Jedermann alles offenzulegen.

Auch in der Literatur fanden sich Spuren Gleichgesinnter. So schrieb der Soziologe Helmut Dubiel in seinem Buch Tief im Hirn, das auf eindrucksvolle Weise seinen Umgang mit Parkinson schildert, er habe immer im Leben Geheimnisse gehabt und bedrohlich für ihn sei, diese nun bedingt durch die Krankheit grösstenteils nicht aufrechterhalten zu können.

„Von dem, was die anderen nicht von mir wissen, lebe ich.“ Diesen Satz von Peter Handke stellte der Philosoph Byung Chul Han seinem bei Matthes & Seitz erschienenen Band Transparenzgesellschaft voran, der wie auch andere seiner Essays die Auswirkungen der digitalen Revolution auf profunde Weise darlegt, ja seziert. Immer wieder zeigt sich, dass diesem Denker Bezüge zu Heidegger und östlichen Sicht- und Lebensweisen wie etwa dem Zen-Buddhismus nicht fremd sind. Es geht auch um die Ästhetik der Abwesenheit.

 

2016 1 Apr

Eigene Musik (10)

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