Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Autoren-Archiv:

  1. Mad Men 7
  2. Sons of Anarchy 7
  3. Fargo 2
  4. True Detective 1
  5. Breaking Bad 6
  6. The Affair 3
  7. Bloodline 2
  8. Goliath 1
  9. Ray Donovan 3
  10. Stranger Things 1
  11. Better Call Saul 2
  12. Transparent 3
  13. Love 2
  14. Fleabag 2
  15. Justified 2
  16. Bosch 2
  17. Sneaky Pete 1
  18. The Night Manager 1
  19. The Bridge 4
  20. House 2
  21. Master of None 1
  22. The OA 1
  23. Detectorists  2

 

All listed series persist as positively maintaining memories like a precious book once read. Series I do not clearly remember are dropped from this list which is ordered in a moody, flexible and at the same time well considered ranking added with the total numbers of seasons received. All episodes seen in the original version optionally with german or english subtitles. This way of watching can be a permanent method of improving language skills and turned out to be real pleasure and relaxation in these days. No more Tatort, very few Tagesschau. Many of those named series play in California: Transparent, Bosch, Love, Goliath and Ray Donovan play in L.A., Sons of Anarchy is placed in a fictional town called Charming. Breaking Bad and Better Call Saul play in Albuquerque, New Mexico and Bloodline in the Florida Keys. I enjoyed the virtual journeys to that „sun states“. The Affair is settled in the delightful surroundings of New York and Montauk. And in London the sexy, fresh and witty Fleabag flows with the cool blood of Monthy Python in its veins – amazing!

 


 
 
 

Im Vorfeld hatte man sich lange gefragt, wie das denn gehen solle, alles unter einen Hut zu bringen. Die Vorfreude war gross gewesen und als man auf einem der besseren Sitze Platz genommen hatte und das Konzert begann, wurde schnell klar: wo John Zorn draufsteht, da ist auch John Zorn drin. Insgesamt siebenundzwanzig Musiker in zwölf Formationen traten auf. Solo, im Duo, im Trio und als Quartett brachten sie einige der „Bagatellen“ zum Besten, von denen der jüdische Jazz-Innovator zuvor dreihundert am Stück komponiert hatte, in dreimonatiger Klausur und mit der von ihm gewohnten Schaffenskraft.

Man begann pünktlich wie die Bauarbeiter und dem Polier in Person kam spontane Sympathie entgegen, als er die Bühne betrat in gewohnter Arbeitskleidung: lässig in Tarnfarbenhose mit den übergrossen Seitentaschen, fast so gross wie das auf dem hauseigenen Tzadik-Label veröffentlichte Œu­v­re. Kurz dem Publikum zunickend, die Sympathie erwidernd, begann er sogleich, sein Abendwerk zu verrichten, denn die Zeit war knapp. Diszipliniert unter der Regie und Moderation des Komponisten lief nun alles ab, straffer und mit mehr Dynamik, als Bauplaner ein Projekt jemals zuende brachten.

Als es nach zwei Stunden zur Pause ging, hörte man von einem jener zahlreichen Besucher im fortgeschrittenen Rentenalter, die wohl der Philharmonie wegen gekommen waren und vermutlich das erste Mal mit solcherlei Musik Bekanntschaft machten: „Laut, aber gut.“ Genau das war auch das einzige Manko: es war stellenweise schlichtweg zu laut. Glücklicherweise aber kam man doch auch in den Genuss einer ortstypisch differenzierten Akustik. Beim Soloauftritt Craig Taborns etwa schritt der umtriebige Zorn hilfreich zur Tat: „I wanna hear the Piano, let´s drop off the soundsystem.“ Beifall.

Es waren auch solche kleinen Zwischenfälle, die den Abend würzten: einer jener dumpfen douchebags etwa, der seinem selbsternannten Pseudokumpel quasi über den Kopf der Ikue Mori hinweg, die zuvor eine eigentümliche Computerperformance abgeliefert hatte, zurufen musste: „Next time you put it on a USB stick, John.“ Emotionslos und sachlich, wie es die Situation erforderte, war dessen Antwort: „Fuck you!“ Gut so, denn der Typ sass gleich hinter uns. Hätte man ihm, dem spontanen Impuls nachgebend, direkt eine geplettet, die Konzentration wäre vorrübergehend gestört gewesen.

Die Highlights des Konzerts? Ein jeder der zwölf Acts war hörenswert. Von einigen der Musiker, die ja beim Label ECM schon publizierten, hörte man auch Stilles, klassisch Anmutendes: vom schon erwähnten Craig Taborn etwa, von der Pianisten Sylvie Courvoisier im vertrauten Zusammenspiel mit ihrem Gatten, dem Geiger Mark Feldmann und seinem unverwechselbar eigenem Violinenton. Das Duo Julian Lage und Gyan Riley, der eine an den Nylonsaiten und der zweite an den steel strings zupfend, war beeindruckend. Auch das Violoncello-Duo mit Erik Friedländer und Michael Nicolas liess die Akustik des Ortes gut erklingen.

Persönlicher Höhepunkt war dann doch das Quartett der Pianistin Kris Davis, mit der reizenden Mary Halvorson an der Gitarre, mit Drew Gress am Bass und Tyshawn Sorey am Schlagzeug. Da würde man sich über ein erscheinendes gemeinsames Album freuen. Dann wieder Zorn, der fast jeden Angehörigen seiner Freundesfamilie nach den jeweiligen Auftritten herzte, küsste und umarmte: „After this beautiful ballad, let´s do a little headbanging!“ Und was jetzt kam, glich elektrisch verstärkten Vorschlaghämmern mit Massagebass im Unterbauch. Die drei Jungs des Trios Trigger lieferten eine Metal-Performance ab, die man nicht vergisst und der Chef im Ring gönnte ihnen ausnahmsweise eine Extrarunde, denn sie seien ja „first time in Europe“. War das ein Spass!

Den ersten Set hatte John Zorn am Saxofon im legendären Masada Quartett begonnen – mit Trompeter Dave Douglas, Joey Baron am Schlagwerk und Greg Cohen am Bass. Als ihn das Trio des Organisten John Medeski, mit Drummer Calvin Weston und David Fiuczynski, jenem Doppelhalsgitarristen der Gruppe Screaming Headless Torsos, dann mit Power-Funk abschloss, war man froh, dass gerade erst zwei der insgesamt fünf Stunden eines grandiosen Konzertabends wie im Flug vergangen waren.

2017 28 Mrz

Spurensuche

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„Wild Man“ war der Song des Tages gestern. Trotz des guten Wetters eine virtuelle Reise in vereiste Bergregionen. Leichte Panik wiedermal, ich könne die Akkordfolgen eines dieser Sahne-Stücke, die einem nicht nur von Westcoastbuddies wie Becker & Fagen zuhauf serviert werden, schon vergessen haben. Kopfhörer auf, zur Gitarre gegriffen, war ich dann schnell beruhigt: alles noch da, beziehungsweise kam es prompt wieder – bis auf die eine dunkle Stelle, schattenhaft wie das ganze Lied zu dem Himalaya-Yeti. Eines ist ja doch beruhigend beim Trainieren des analytischen Hörsinns: das einst Erschlossene speichert sich in Sedimenten ab und das Neue wird schneller zugänglich. Mehr als nur Kompensation lückenhafter Notenkenntnisse, macht es grossen Spass, einen Song selbst zu entziffern, ihn sich geradezu kannibalistisch einzuverleiben. Er wird dann Teil des Selbst und Ahmung kommt ins Spiel. Copyright? Dass ich nicht lache! So viele Lieder sind längst im Zellgut fest verankert. Epigenetisch aktiv geworden tragen sie zur Gesundheit bei wie wichtige Vitamine: von John Martyn einst bis zu Bon Iver jüngst. Musik selbst machen oder Musik hören, beides ging immer schon mit einer Metamorphose einher, verwandelte stets, schaffte ein Ausgleichs-Ich, ein Anderes. Vielleicht spricht mich auch deshalb dieser Wilde an, den der Nebenmensch nicht fassen kann. Das Album 50 Words of Snow, auf dem er zu entdecken ist, fand ich seinerzeit grossartig. Life in the Ghosts of Kate Bush. Die Akkordfolgen sind bemerkenswert, denn wie so oft bei guten Künstlern finden sich hier originelle, unverhoffte Wechsel. Es beginnt mit A Moll, geht zu G Dur und F Dur. Aber dann: die Melodie bleibt gleich, doch die Akkorde scheren plötzlich aus zu F Dur, E Moll und D Dur. Wie genial ist das denn! Es folgt der Chorus, hier grob skizziert: E Dur, Eb Dur (die unklare Stelle!), D Dur, C Dur, H Moll. Wobei die Taktlängen hasenfüßige Schlenker machen: nichts ist hier berechenbar. Ebenfalls genial, grande dame. Schade, dass unsereins derzeit nur wenig Lust verspürt, eine Cover-Aufnahme zu machen. Die kostet nämlich Nerven und wird am Ende doch relativ schlecht bezahlt – bei zugegeben spärlichem Ergebnis.

Einer jener rätselhaften Aussprüche des signifikanten Herrn Lacan, seines Zeichens Analytiker mit Bürgerschreck-Attitüde, der bezeichnenderweise mit Surrealisten wie Breton oder Dalí befreundet war, lautete: „Die Angst ist das Einzige, das nicht täuscht.“ In dieser Ausschliesslichkeit („Das Einzige“) mag das nicht stimmen, doch interessant ist´s allemal. Hinweis auch auf den Tatbestand, dass Angst zweckdienlich vor Gefahren warnt, dies wusste schon der Urzeitmensch. Philosophisch nun stellt sich die Frage allgemein: „Was täuscht?“ Die Illusion kommt hier ins Spiel und der Lateiner weiß: mit etwas sein Spiel treiben, das wird vom Verb illudere ja hergeleitet. Das Täuschende ist jedoch nicht immer maliziös und irreführend, oft unterhaltsam auch und spannend: Illusion und Illumination, das hängt zusammen. Was aber täuscht, ist die Ansicht, dass gewisse Dinge unabänderlich seien. Wer beispielsweise Utensilien auf einem Schrein posiert und diese dann andächtig anbetet, muss sich nicht wundern, wenn hier gewaltig was ins Stocken gerät.

Auch im Kulturbetrieb kommt ja dergleichen vor. Man möge sich vor Augen halten, dass fertige Kunstgemälde oder auf Tonträger konservierte Studioaufnahmen kontingente Momentaufnahmen sind, statische Abschlüsse vorangegangener Fliess- und Fleissprozesse. Befremdlich zuweilen, solcherlei Platten dann als Kultobjekt zu sehen. Gone to Earth von David Sylvian und Robert Fripp sei hier genannt. Einem Interview mit ersterem entnahm ich, die Arbeit sei nicht abgeschlossen gewesen, es bestanden wohl auch Dissenzen unter den Mitwirkenden. Aber auf Druck der Plattenfirma hin wurde dann vorzeitig veröffentlicht. Funny enough, wenn hinterher der Fan das Unfertige als etwas Geniales lobpreist. Das Handwerk macht diesem oft zu Fatalismus führenden Unabänderlichkeitsglauben wirksam den Garaus. Denn der Handwerker weiss: man muss sich zu behelfen wissen. Als ich einem Freund erzählte, es sei etwas völlig Anderes, auf einem selbst zusammengebauten Fahrrad zu fahren als auf einem fertig gekauften, entgegnete dieser: „Ja, man steckt da drin.“

2017 5 Mrz

Dr. House und Sneaky Pete

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„Everybody lies.“ Der Satz des Dr. House wirkt wie in Stein gemeisselt. Der geniale Arzt und agnostische Diagnostiker mag seine Patienten nicht: hier zwickt es und da tut es weh? Ach nein, wie uninteressant. Don´t tell me your stories. Leave me alone with my own worries! Kaputtes Bein, verunglückliche Liebe: der zynische House, dem schon so manches Übel widerfuhr, hat längst die Faxen dicke. Wären da nicht diese interessanten Fälle, denen nur Typen vom Karat des Sherlock Holmes auf die Schliche kommen. Unterhaltsam ist es, ihm dabei zuzuschauen – und so wie einst die Lektüre von Cioran und Schopenhauer war: heilsam und erhellend. Die Akzeptanz von Negativität wendet sich auf wundersame Weise ins Gegenteil: zu einem positiveren Lebensgefühl.

Auch Sneaky Pete ist so ein Mozart, nicht als Mediziner, vielmehr als Taschendieb und Trickbetrüger. Wie er sich gedankenschnell aus scheinbar ausweglosen Situationen windet, grenzt an Magie: den Zeitfluss auf Zeitlupe stellen und so in aller Ruhe das Mauseloch finden, durch das man entwischt. Eine jede Fernsehserie hat ihre Merkmale, die sie mit anderen verbindet, und solche, die sie unterscheidet. Erlesene Bildfotografie, schwarzer Humor, das Leben in disfunktionalen Familien, eine tarantinoeske Hemmungslosigkeit in der Darstellung von Gewalt, subtile Erotik, lebensnahe Figuren. Sneaky Pete erinnert hier an Breaking Bad, ein bischen an Fargo. Eines macht die Serie dennoch einzigartig: sie wirkt kaleidoskopisch, als eine Aneinanderreihung von Mikro-Kurzgeschichten, die wie kleine Knospen permanent aufspringen, in überraschenden Momenten und Wendungen.

„Immer fix, sonst kriegste nix!“ Was mir ein pfiffiger Spielkamerad in Kindheitstagen als Spruch ins Poesiealbum schrieb, liess mich schmerzlich erahnen: die Disziplin der Schnelligkeit war nicht mein Ding. Auch darin, skrupellos den eigenen Vorteil zu suchen, bestehen bis heute Defizite, die sich nur durch meditative Eigenschaften kompensieren lassen. Sneaky Pete ist so ein windiger Geselle, dem das, was unsereins versagt blieb, spielend leicht gelingt. Wo die Gefahr wächst, erkennt er stets das Rettende. Hierzu gehört die Kunst der schamlosen Lüge, die er übrigens auch mit jenem Typus teilt, der maskenhaft nur zu beherrschen trachtet: dem narzisstischen Psychopathen. Diesen Teil übernimmt, gespielt von Bryan Cranston, sein Gegenspieler Vince, kaltschnäuzig wie ein Krokodil. Wem schon Walter White verständlicherweise unsympathisch war, der findet hier die hardcore version. Charmant und fesch kommt er daher, dem anderen Komplimente machend, so wie man Blumen giesst, die man alsbald zu pflücken gedenkt.

2017 21 Feb

Palaver mit Otto

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„Nun liegt aber der wahre Zauber des Wanderns nicht im Laufen oder in der Landschaft, sondern im Reden. Das Laufen ist nur dazu da, für die Bewegungen der Zunge den Takt anzugeben …“

(Mark Twain: Unter Freunden – Der Lauf der Unterhaltung)

 

Otto ist ein bischen verrückt, aber man kann gut mit ihm plaudern, wenn man stundenlang am Fluss entlangläuft. Hat er erst einmal sein Thema gefunden, lässt er davon so schnell nicht ab, als gäbe es nichts Anderes. Mal war es eine aus ausgesuchten Einzelkomponenten zusammenkomponierte Hifi-Anlage, die das Zentrum seines Wollens in Beschlag nahm. Dann war er wiedermal verliebt. Einen gewissen Frauennamen hörte man nun öfter als den der derzeit medial gepuschten Frauke P. im Lauf der Unterhaltung. Diese Rangehensweise, als wäre es ein Prinzip der Medien selbst: die Langzeitarbeitslosen, Dauerthema einer Periode – Fachgesimpel über die Köpfe von „Häftlingen“ hinweg, bis der Wind doch wechselte. Dann waren es die „faulen Griechen“ – „Varoufakis, Varoufakis, Varoufakis“ krähte der Hahn dreimal: des morgens, mittags, abends. Fast eine Erlösung, wenn es auch mal die da ganz oben träfe – denn die im Dunkeln, sie versteckten sich in Steuerparadiesen, Transparenz gelte überwiegend für leichter Überprüfbare. Stichwort Martin Winterkorn, VW. Ein ganzer Konzern in der sozial-ökölogischen Hängepartie. Zwei Themen nun bestimmten jüngst Ottos Interesse: die Schere zwischen Arm und Reich, global und national gesehen. Und, ernsthaft: Vitamin K2. Er hatte nämlich rausgefunden, dass eine Vitamin D Substitution im Winter, die in unseren Breitengraden (Otto wohnt in Emden) durchaus Sinn mache, ohne gleichzeitige Gabe von K2 und Magnesium aber nicht funktioniere. Um so erstaunlicher, dass weder Ärzte noch Apotheker davon so richtig Bescheid wüssten: das Gesuchte sei doch nicht im Grünkohl oder in der Butter! Otto genervt: „Sie kennen den Unterschied nicht zwischen K1 und K2, wozu haben die denn studiert?“ Wir wechselten das Thema: Trump und die Plünderung der Rohstoff-Ressourcen durch westliche Wohlstandsstaaten war das Programm. Das Reden ist ein langer, unruhiger Fluss.

 

2017 29 Jan

Serienblinzeln

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„Seht! Ich zeige euch den letzten Menschen. Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern? – so fragt der letzte Mensch und blinzelt.“

(F. Nietzsche)

 

Abstandnahme ist eine Technik der Wahrnehmung. Nach meinem Eintritts-Debut in die Schöne Neue Fernsehwelt im vorletzten Herbst mit vier Staffeln Mad Men drehte ich der Madison Avenue den Rücken zu, um dann nach einem Jahr zurückzukehren. Wie vertraut mir die Charaktere doch geworden waren, wie angenehm und erbaulich auch dieses Werk zu schauen war. Was sich aber verändert hatte, war der inzwischen möglich gewordene Vergleich mit anderen Serien – man kommt halt viel rum. Gestern nun der Anfang der finalen Staffel von Sons of Anarchy, wiederum nach längerer Pause. Back to Charming. Ich war sofort drin, erkannte die unzweifelhafte Qualität in allen Dingen. Aber diese extremen Gewaltdarstellungen hatten mich doch unterschwellig immer sehr gestört, wie eine Gräte in vorgeblich filletiertem Fisch: es blieb einem oft im Halse stecken. Auch fehlte ja die Distanznahme mittels ironischer Überzeichnung ins Groteske und Absurde, wie beispielsweise in den Filmen Quentin Tarantinos. Nein, das ist schon Shakespeare-Kost hier: Macbeth at its best. Und wie diese Gemma im Namen ihres persönlichen Gottes, des bedingungslosen Familienzusammenhalts (eine Alternative zum Grundeinkommen), über Leichen geht, das lasse ich mir bis zum Ende nicht entgehen. Man möchte sie genüsslich durch den Fleischwolf drehen. Selbstverständlich wird dieser Staffellauf abgeschlossen, hinter der Ziellinie winkt auch schon Sneaky Pete, die Serie der Stunde. Ich sah kürzlich die erste Episode, was zur Folge hat, dass ich mich auf die nächsten neun freue. Vorfreude zählt ja bekanntlich zu den angenehmsten Prä-Emotionen in postfaktischen Zeiten. Man trifft hier Walter White wieder, jenen Drogenbastler aus Breaking Bad, der im richtigen Leben ja immer noch Bryan Cranston heisst und von Beruf Schauspieler ist. Doch Max Frisch lässt grüssen: solch eine Paraderolle wird man schwerlich los, sie haftet einem auf ewig an. Warum aber ist Sneaky Pete so gut? Weil man sofort drin ist und ab geht der fliegende Teppich. Die Handlung macht Spass, perlt leicht und augenzwinkernd dahin, ist zudem spannend, jedoch nicht allzu aufreibend. Die Schauspieler sind klasse und die Bilder erlesen. Das alles und noch viel mehr erinnert verdammt an Breaking Bad. Und sowenig wie man der Gewaltdarstellungen wegen auf die anarchischen Söhne verzichten wollte, fiele es einem im Traum ein, eine grandiose Serie einer personalen Antipathie wegen zu canceln. Wobei, Rosamunde Pilcher hatte ich ja dereinst auch verworfen, aber da handelte es sich ja um einen ganzen Clan voller Abneigungen – von den Brutalitäten verharmlosender Klischeewelten ganz zu schweigen.

Aus simplen Melodien und meist einfachen Akkordfolgen macht der Rockmusiker Steven Wilson etwas Unverwechselbares, Einprägsames – manchmal nahe am Kitsch, ohne jedoch hierin jemals abzudriften: zu deutlich sind die progressiven Elemente und die dunklen Untertöne. Das Nerdige stört keineswegs, ist sogar sympathisch, konsequent – und das Erdige der Rockmusik dient dabei stets als Fundament für seine fairy tales. Eigentlich mag ich progressive rock gar nicht so, mal abgesehen von Genesis. Doch was heisst „eigentlich“? „Eigentlich könnten wir uns freuen, denn eigentlich geht es uns gut“, sang vor Jahren Xavier Naidoo, dessen Musik ich eigentlich auch nicht mag, in einem guten Song.

The OA ist eine dieser Fernsehserien, bei denen unsereins zunächst geneigt ist, abzuschalten, aufzugeben. Drop that crap. Doch irgendetwas hält einen doch daran fest. Oft sind es nur Details, vielleicht das Charisma eines Schauspielers (hier Brit Marling) oder die Art der Fotografie und Bildschnitte. Fiebrig in den Reviews stöbernd (Mehrwert und sideeffect des Serienschauens ist ja das Kommunizieren und Reflektieren darüber) sucht man dann nach Gleichgesinnten, die Indizien liefern. The OA gehört vielleicht nicht in den Olymp der Sahneserien (the „Champions League“ of new TV), zu denen Werke wie Fargo, Mad Men oder True Detective zählen – und ist doch in Aspekten sehenswert.

Immer wieder kam mir beim Schauen von The OA und beim Zuhören der Erzählstimme (Brit Marling führt Regie und spielt die Hauptrolle) ein eindrucksvolles Musikvideo von Steven Wilson in den Sinn. Ähnlich rückwärtsgewand, wie ein gestürzter Engel, erzählt eine junge Frauenstimme von einem Anderswo, wie aus einem Traum kommend: eine von Patina überzogenen Erinnerung an eine andere Zeit. Sollte so nicht Schreiben sein? Mit der Selbstgewissheit dessen, der genau davon erzählt, was nur er oder sie berichten kann? Dann reihen sich die Evidenzen ganz selbstverständlich auf, purzeln wie Kohlen aus dem Keller, fliegen wie Tauben aus dem Verschlag ins Weite und von dort zurück.

 
Steven Wilson – „Perfect Life“

2016 22 Dez

Der P-Faktor

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„P stands for Paddy, I suppose …“

 
 

… but as well for practise if not for purgatory. Denn Musik ist ein verrücktes Pflaster, man kriegt sie nie zu fassen: dämonisches Gebiet, ewige Durchgangszone. Der Maler hat irgendwann ein fertiges Bild vor sich. Er kann es dann aufhängen, einpacken, verkaufen – es ist ein abgeschlossenes Ding. Musik bleibt fluktuierend. Was meinen Zugang zu Songs betrifft: die Neugier ist wichtig. Von einem Lied für eine Weile affiziert zu sein: es sich einverleiben wollen. Die perfekte Welle nutzen, denn sie währt nur für begrenzte Zeit.

Da habe ich mir etwas eingebrockt, die irischen Wurzeln aufzuarbeiten. Nein, nicht der Grossvater und auch kein Urahne. Und doch, als ich einst nach Irland reiste, die Musik der Moving Hearts, Clannads, Paul Bradys, der Bothy Band und eben auch von Planxty im mentalen Gepäck, da kamen mir die Iren wie die meinen vor. Ich schätzte deren Gesprächigkeit, Gastfreundschaft, die Lust zum Wortemachen. Nun entdecke ich gerade Vieles wieder und der oben präsentierte Song gehörte zu den Lieblingsliedern.

Hilfreich ist Best Practice. Ein Softwaretool, mit dem man den Kammerton A justieren kann, der sich ja im Laufe der Jahre verändert hat. Somit lassen sich ältere Aufnahmen abhören, ohne das Instrument umstimmen zu müssen. Ferner lässt sich die Abspielgeschwindigkeit verändern, die Tonhöhe bleibt dabei konstant. Das ist nicht nur für jene ultraschnellen irischen Jigs hilfreich, denen unsereins ja gewöhnlich hinterherhechelte wie die lahme Ente dem flinken Hasen. Nun legt man sie unter das Elektronenrastermikroskop und schaut sie sich von Nahem an. Auch loops kann man erzeugen zum Einüben ausgewählter Passagen.

„A painter is a painter and he paints it – thats it“, once Joni Mitchell said. Und wer täglich mehr als eine Stunde übe, der sei ein Gitarrist, fügte Robert Fripp hinzu. Nun denn, ich ändere mein Leben: die Kunst zu covern, darin liegt das Glück – Stück für Stück.

 

 
 
 

01 Bon Iver – 22, A Million
02 David Bowie – Blackstar
03 Michael Formanek & Ensemble Kolossus – The Distance
04 Michel Benita & Ethics – River Silver
05 Ben Monder – Amorphae
06 Cuong Vu & Pat Metheny – Cuong Vu Trio Meets Pat Metheny
07 Vijay Iyer & Wadada Leo Smith – A Cosmic Rhythm With Each Stroke
08 Wolfgang Muthspiel – Rising Grace
09 Masabumi Kikuchi – Black Orpheus
10 Jack De Johnette – In Movement
11 Sarah Jarosz – Undercurrent

 
 

Auch in diesem Jahr lag der Fokus eher auf einzelnen Songs, die mein Interesse weckten, als auf ganzen Alben. Und doch waren einige bemerkenswerte dabei: mein grösster Respekt gilt David Bowies Abschiedswerk. Gesangskünstler und Songwriter, die sich selbst offenbaren, erhalten gegenüber Intrumentalisten tendenziell den Vorzug. Das gilt auch für Bon Iver, dessen 22, A Million mir vor allem im Verbund mit den dazugehörigen Videos so gut gefällt. Wolfgang Muthspiel hatte ich eher als gefälligen Schönspieler in Erinnerung, aber nein, Rising Grace ist spannend, zudem klanglich rund und reizvoll. Noch zwei Gitarristen sind bemerkenswert: auf Michael Formaneks Album The Distance setzt Mary Halvorson kleine feine Akzente. Und Eivind Aarsets „Hintergrundgenialität“ verblüffte schon im letzten Jahr auf Andy Sheppards Surrounded by Sea, nun ganz ähnlich auch auf Michel Benitas River Silver. Eine Empfehlung hatte ich im Gedächtnis behalten und so schneiten denn endlich mit dem Frost noch via Download spät das Cuong Vu Trio mitsamt Pat Metheny hinein. Eine positive Überraschung! Und Sarah Jarosz erfüllt nicht nur die Frauenquote hier: von ihr und ihren KollegenInnen (Aoife O´Donovan, Sara Watkins, Chris Thile etc) habe ich sehr schöne Songs entdeckt. Die diesjährige Devise lautete denn auch: Never deny your folk & country roots! Viel Vielversprechendes blieb bislang ungehört, ich hoffe das beizeiten nachzuholen, darunter etwa das Mary Halvorson Octet, das Jakob Bro Trio und die ungarische Konzertgitarristin Zsófia Boros.


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