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Die französische Plattenfirma Barclay hatte Peter Baumann (von Tangerine Dream) und seiner Firma Paragon Productions 1978 den Auftrag erteilt, für ihr Sublabel Egg drei deutsche Elektronik-Acts zu produzieren. Asmus Tietchens‘ Album Nachtstücke wurde eines davon.

Es war wohl nicht ganz das, was sich die Franzosen vorgestellt hatten. So zog sich die Veröffentlichung der Platte bis 1980 hin, und die Auflage war mit 800 Stück auch eher zurückhaltend kalkuliert. Die Musik war die Quintessenz der völlig freien Basteleien mit einem Moog Sonic Six und einem Minimoog, die Tietchens in den Jahren davor ohne jede Veröffentlichungsabsicht eingespielt hatte.

Nachtstücke ist Asmus Tietchens‘ erste Soloplatte (vorher hatte er bereits an Cluster & Eno von 1977 und Liliental von 1978 mitgewirkt, die gesondert zu besprechen sein werden). Die Klänge stammen vom Moog Sonic Six, irgendwo meine ich auch ein Mellotron herauszuhören. Ein noch recht unentschlossenes Werk, das ein wenig verloren in der Landschaft steht. Klanglich sind die neun Stücke recht unauffällig gehalten; eher sind sie Versuche, mit einfachen Melodien zu spielen, die auf zum Teil recht grimmige Hintergründe gepappt sind. Damit ist Nachtstücke auch ein Vorläufer der vier zwischen 1981 und 1983 bei Sky erschienenen Platten, die dann fast so etwas wie eine eigenständige Werkgruppe bilden werden. Eine vergleichbar melodienorientierte Vorgehensweise taucht dann erst Ende der 80er wieder auf, als Tietchens den Fairlight entdeckte.

Einige Stücke sind von der Plattenfirma eigenmächtig gekürzt worden, das Cover ist nicht mit Tietchens abgesprochen. Auch mit Peter Baumann hat es keine weitere Zusammenarbeit mehr gegeben.

 

Asmus Tietchens: Nachtstücke
Barclay/Egg 91.040 (1980)
Re-release in der von Tietchens ursprünglich beabsichtigten Fassung mit vier Bonustracks auf Die Stadt DS 55 (2003)

2017 18 Feb

Hamburg 75

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Da schien noch ein richtiger Mond in der Nacht, die Musik ha’m wir noch mit der Hand gemacht. Und überall verkleisterte die Teldec ihre „Top Scene Hamburg“-Aufkleber. Michaels Schockerlebnis im Hamburger „Remter“, einem Jazzclub im Keller der Handwerkskammer, mit Doof-Dixie und Bierseligkeit, während der große Jarrett im CCH konzertiert und einem Katrin durch den Kopf geistert — ja, ich kann es nachvollziehen. Das „Remter“ (abgeleitet von lat. refektorium = klösterlicher Speisesaal) war, wenn ich nicht irre, einer von Hamburgs ältesten Jazzclubs überhaupt, obwohl sich um diesen Titel immer auch der „Cotton Club“ am Alten Steinweg, die „Riverkasematten“ direkt am Elbufer und das „Barett“ irgendwo in Dammtornähe stritten. Letzterer Laden dürfte gewonnen haben, zumindest als Musiklokal — schon in den dreißiger Jahren hatte dort „Meister Kück an zwei Klavieren“ gespielt. Also wenn das keine Tradition ist!

„Jazz“ in Hamburg hat immer die Pflege des Althergebrachten bedeutet. Damit hatte man sich abzufinden. Das „Birdland“ in der Gärtnerstraße, wo auch anderes möglich wurde, lag noch in weiter Ferne, und die Hamburger Jazzbands waren durchweg pflegeleicht und konnten alles, von der Jazzband-Battle im Schauspielhaus bis zur Möbelhauseröffnung Montag morgen um zehn. Die Jazzkneipen hatten den typischen 70er-Charme; der Wirt der „Riverkasematten“ war es schon gewohnt, dass regelmäßig im Frühling ihm der Fluss einen Besuch abstattete und der Laden dann wochenlang durchfeuchtet roch, im „Cotton Club“ dauerten Sessions manchmal bis in den Morgen, die Musiker schliefen dann auch gern mal dort und wurden morgens vom Wirt mit Schlehengeist geweckt. Vom Pö gar nicht zu reden.

Wenn man allerdings den traditionellen Jazz mal für fünf Minuten ernst nimmt und sich die damalige Hamburger Szene etwas genauer ansieht, dann kommt man nicht umhin, festzustellen, dass die so einseitig und langweilig gar nicht war. Der Kornettist Albrecht „Abbi“ Hübner etwa, Polizeiarzt im bürgerlichen Beruf („Bullendoktor“, wie er sich vorzustellen pflegte), hatte mit seinen Low Down Wizards eine Band zusammengestellt, die auf den klassischen New-Orleans-Stil etwa eines King Oliver spezialisiert war, und wenn sie Nummern wie „Everybody Loves My Baby“ oder den „Basin Street Blues“ spielten, dann klangen die meisten „originalen“ Bands aus New Orleans blass dagegen. Wer’s nicht glaubt, höre sich das Doppelalbum City Jazz von 1974 an. (Abbi Hübner’s Low Down Wizards sind heute Ehrenbürger von New Orleans, mit Recht. Leider hat die Band später dann auch deutsche Volkslieder „verjazzt“, wie man das damals nannte.)

Einige der Hamburger Bands hatten exzellente Instrumentalisten an Bord, Peter „Banjo“ Meyer von den Jazz Lips sei genannt, Michael „Ede“ Wolff mit dem Sousaphon, der Drummer Thomas Danneberg, der ohne Hi-Hat, aber mit einer riesigen Bassdrum und diversen hölzernen Klanggeräten meisterlich den Drumstil der frühen 20er Jahre beherrschte, der Klarinettist Günther Liebetruth, dessen Improvisationen oft an einen Schlangenbeschwörer denken ließen. Gottfried Böttger, der virtuose Ragtimepianist, den ich noch bei Kneipenauftritten erlebt habe, Lorenz „Lonzo“ Westphal, der nicht weniger virtuose Geiger, der später nach einem schweren Unfall zum Alkoholiker wurde und inzwischen nicht mehr lebt. Ingeburg Thomsen, eine Sängerin, bei der man sich stets fragte, wo dieser kleine Körper solch eine Stimme hernehmen konnte (sie tauchte später in verschiedenen Filmen Horst Königsteins auf, und ich glaube auch in der Gruppe Leinemann). Es gab ein Doppelalbum namens Hamburg Allstars, 1974 auf dem Brunswick-Label erschienen, auf dem die fast alle zusammen spielen. Ein echtes Schätzchen.

Hübner, die Jailhouse Jazzmen, die Jazz Lips, Brunos Salon Band, die Blackbirds of Paradise, St. John’s Jazzband, das Ballroom Orchestra, die Revival Jazzband: sie deckten die Palette zwischen Straßenjazz und den Swingorchestern in den Tanzsälen der Edelhotels ab. Bei allem Unernst, der den meisten dieser Bands zu eigen war, wussten sie doch sehr genau, was sie spielten und in welcher Tradition sie standen. Auf dem Doppelalbum Hamburger Jazz-Scene, bei Metronome veröffentlicht, sind die besten dieser Bands mit Aufnahmen zwischen 1969 und 1972 versammelt. Gelegentlich gab es dann auch mal Ausflüge in angrenzende Nebenschauplätze, etwa Meyers Dampfkapelle, die sogar einen echten Hit hatten: „Ich mag so gern am Fließband steh’n“, getextet und gesungen von dem „Lästerlyriker“ Hans Scheibner. Es gibt nicht viele Gedichte, die ich auswendig kann. Zwei davon immerhin sind von ihm.

Und es gab, man glaubt es nicht, auch experimentierfreudige Jazzer. Die Travelin‘ Jazzmen etwa traten zeitweise mit einem versierten langhaarigen Rockdrummer und einem aus Brasilien stammenden Bassgitarristen auf, die jeden Donnerstag den Cotton Club in Vibration versetzten. Deren Boss, der Trompeter Günter Heide, im Brotberuf Lesezirkelbote, hatte bei irgendeiner Gelegenheit die Lightshow gesehen, in der ich damals mitmachte („Waves“ hieß die, war spezialisiert auf Clubs und Jugendzentren), und irgendetwas ritt ihn, uns zu fragen, ob wir das nicht auch am nächsten Mittwoch in der „Seglerbörse“ (einem Jazzclub am Blankeneser Elbufer, eigentlich eine bessere Bretterbude) mit seinen Travelin‘ Jazzmen probieren wollten. Wir hätten das ja glatt gemacht. Leider wollte dann der Wirt der Seglerbörse nicht. Buntes Flackerlicht, psychedelische Dias, Schaum- und zerfließende Ölprojektionen zur „Bourbon Street Parade“, dem „Washboard Wiggle“ oder Günters Signature Tune „Sheik of Araby“ — um so eine Gelegenheit hätte uns bestimmt sogar die ehrwürdige Joshua Lightshow aus San Francisco beneidet.

 


 
 
 

Letzte Woche, am 3. Februar, ist der Hamburger Klangkünstler Asmus Tietchens 70 Jahre alt geworden. Der richtige Zeitpunkt, eine Serie zu starten. Ich kenne nicht alle Platten, die Asmus Tietchens insgesamt bisher veröffentlicht hat (es sind mittlerweile über 80), aber ich werde in loser Folge alle seine mir bekannten Tonträger in chronologischer Reihenfolge hier vorstellen.

 
 

Tietchens, zweimaliger Träger des Karl-Sczuka-Preises (2003 und 2006), verrät in der Regel nur wenig über sich selbst, und das Wenige wiederholt sich. 1964 begann er eine Lehre zum Reedereikaufmann, hat in diesem Beruf aber nie gearbeitet, sondern war von 1968 bis 1975 als Werbetexter tätig. Schon seit 1965, angeregt durch die NDR-Reihe „das neue werk“ (dezidiert kleingeschrieben) und seinen Schulfreund Okko Bekker, machte er erste Basteleien mit einem Tonbandgerät. Erst mit 31 Jahren entschied er sich, sich ganz auf die Musik zu konzentrieren. Das ermöglichte ihm immerhin rund 15 Jahre lang, neben dem Brotberuf völlig zweckfrei zu experimentieren; seine erste Platte erschien 1980.

Tietchens legt Wert darauf, dass seine Kompositionen keine Geschichten erzählen, sondern rein der Logik des Klanges folgen — und der Struktur, die er diesen Klängen gibt. Man könnte meinen, dass er dabei inneren Bildern folgt, aber in einem seiner wenigen Interviews bestreitet er das: Da sei, sagt er, gar nichts, keine Farben, keine Formen, keine Synästhesien. Was nicht ausschließt, dass beim Hörer welche auftauchen.

 
 
 

 
 
 

Die Nachtstücke, Tietchens‘ erste offizielle Veröffentlichung, kommt nächstesmal dran. Die Wiederveröffentlichung dieser Scheibe beim Bremer Label „Die Stadt“ enthielt aber eine zweite CD, betitelt Adventures in Sound. Sie enthält Experimentierereien (so will ich das jetzt mal nennen), die zwischen 1965 und 1969 mit einer Revox G-36 und Grundig  TK-42 entstanden sind. Mitwirkende sind Okko Bekker und Hans-Dieter Wohlmann.

Wir hören Tapeloops, zusammengemischte und teils rückwärts laufende Platten (u.a. höre ich Pink Floyd heraus, ziemlich offensichtlich (bzw. -hörlich)), sehr schräg gespielte und klangmanipulierte Instrumente, sehr frei — halt genau das, was man eben so macht, wenn man Instrumente nicht beherrscht und die Möglichkeiten einer Tonbandmaschine erforschen will. Muss man nicht kennen, ist aber im Zusammenhang mit dem, was später kommen sollte, doch interessant.

Eine freundliche Zugabe sind zwei Ausschnitte aus einer Jugendfunksendung des NDR von 1968 und 1969: Es gab da eine Reihe, in der Hörer selbstgebastelte Werke einsenden und, wie es da heißt, „zur Diskussion stellen“ konnten. Tietchens und Bekker haben zwei der auf dieser CD versammelten Stücke eingesandt, wurden ins Studio eingeladen und durften zu den Werken etwas sagen. Der Interviewer ist der damalige Leiter des Jugendfunks, Dethard Fissen, dem man den beigefarbenen Breitcordanzug schon an der Stimme anhörte. (Aber ich will ihm nicht Unrecht tun, er hat damals einiges auf die Beine gestellt. Auch meine Wenigkeit hat seine Dienste irgendwann in den Mittsiebzigern mal in Anspruch genommen, indem er die Lightshow-Gruppe, in der ich damals mitmachte, mit einem elektronischen Improvisationsduo zusammenbrachte.)

Außerdem enthält die CD das Stück „Cripple Story“, aber das wird, da es ursprünglich eine Single war, in der Chronologie besprochen werden.

 
 

Adventures in Sound 1965-1969
Asmus Tietchens, Okko Bekker, Hans-Dieter Wohlmann
Die Stadt, DS55

2017 7 Feb

1-A Düsseldorf: Uraan

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Nach 13 Jahren eine neue Platte von 1-A Düsseldorf, ihre sechste insgesamt. Möglich wurde das durch einen Irrtum. Eine CD, die 2014 versehentlich Thomas Dinger zugeschrieben und deshalb wieder vom Markt genommen wurde, brachte das japanische Label Suezan Studio dazu, statt dessen jetzt Uraan zu veröffentlichen. Und der ehemalige Can-Sänger Damo Suzuki gab nach etlichen Jahren sein Okay zur Veröffentlichung einiger Sessionaufnahmen aus den Jahren 1985 bis 1994 und ist jetzt hier auf zwei Titeln zu hören („Schwermental“ und das etwas lang geratene „Brainshake“). Klar, man erkennt seine Stimme, irgendwelche vokalistischen Sensationen liefert er aber nicht.

1-A Düsseldorf, ursprünglich mal von Thomas Dinger ins Leben gerufen, um unabhängig von seinem sehr dominanten Bruder Klaus eigene Ideen verwirklichen zu können, sind nach seinem Tod im Kern der ehemalige Beuys-Student Nils Kristiansen (Gitarre, Vocals), Thomas‘ Cousin Dirk Flader (Gitarre und Bass; er war auch in Klaus‘ Projekt La!Neu? involviert) und Steffen Domnisch (Drums, Keyboards). Dazu die Gäste Viktoria Wehrmeister (Gesang), der Inder Attila Mihci (Gesang, Gitarre), der Chilene Francisco Cabañas Gac (Gesang), Jule Rössler (Gesang) und der Iraner Schoeleh Djannessari (Gesang).

Neun Titel verzeichnet das Cover, zehn sind es tatsächlich, wobei der hidden track mit dem Titel „The Tyson Finish“ einer der besten des Albums ist — er könnte glatt als Parodie auf die Eurodisco-Welle der 90er durchgehen, ist aber doch um einiges raffinierter zubereitet. Meine anderen Anspieltipps sind das recht kompakte „1941 WLDR“ und der 13-Minuten-Trip „Herr Khan“.

Das Ganze ist ziemlich vielseitig, hat einen Sound, den man sofort mit Düsseldorf assoziiert und ist sehr hörenswert. 1-A Düsseldorf versuchen an keiner Stelle, irgendwelchen Trends zu folgen oder Erwartungshaltungen zu erfüllen, sondern sie machen das, was sie wollen. Das funktioniert nicht in allen Stücken gleichermaßen gut, aber wirkliche Durchhänger gibt es nicht. Die Band kann sich das leisten, da das Album ohnehin auf nur 150 Exemplare limitiert ist und insofern keiner damit Geld verdienen kann. Diese Unabhängigkeit zahlt sich musikalisch aus.
 
 
1-A Düsseldorf:
Uraan
Suezan Studio SSZ 3026, Japan
Zu beziehen derzeit nur beim Label direkt.

2017 1 Feb

Wirklich allerliebst,

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morgens aufzuwachen, und der erste Gedanke, der einem in den Kopf kommt, ist: „Was mag er wohl jetzt schon wieder angestellt haben?“

 
 

2017 29 Jan

Wiesengrund

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Hanna Werbezirk hört als Jugendliche heimlich, unter der Bettdecke, sehr leise, damit Papa im Nebenzimmer nichts hört, die Nachtstudio-Beiträge eines Herrn Wiesengrund im Radio — und ist zunehmend fasziniert von der Stimme und dem, was die Stimme sagt.

Damit beginnt die Geschichte. Eine Geschichte, die zumindest zum Teil auch die der Autorin Gisela von Wysocki ist, die in der Tat bei Theodor Wiesengrund Adorno studiert hat. Wiesengrund schildert Hannas Weg von den nächtlichen Radiosendungen, dem Vater, der Astronom ist und seine Tochter gern als seine Assistentin einsetzen würde, bis zu ihrem Studium in Frankfurt und den Begegnungen mit dem Besitzer der Stimme. Am Ende muss sie eine Entscheidung treffen, die ich hier nicht vorwegnehmen will.

Die Geschichte einer Annäherung an ein Faszinosum. Sie führt über etliche Stationen, durch Hörsäle, Fahrstühle, das Frankfurter Institut für Sozialforschung, die Treppe und die Ampel davor, Wiesengrunds Sprechstunden, das Wohnen „auf Zimmer“ mit sehr seltsamen Wirtsleuten. Einige dieser Episoden sind von einer hinreißend mollgetönten Komik, insbesondere die Schilderungen der studentischen Szene der 60er Jahre und einiger nervender Adepten Adornos, die gerne mal päpstlicher sein möchten als der Papst. Aber auch Hanna selbst gerät zunehmend in einen Konflikt mit sich selbst, der darauf beruht, dass ihre Vorstellung, die sie durch die Stimme der Radiovorträge gewonnen hat, nicht mit dem Mann in Übereinstimmung zu bringen ist, der dann wirklich im Hörsaal, der Sprechstunde und bei anderen Gelegenheiten vor ihr steht: „Der Gedanke ist mir niemals gekommen, dass der Zauberer auch schlechte Tage haben kann.“

Die Geschichte krankt für mein Gefühl lediglich ein wenig daran, dass die Autorin sich immer wieder in ellenlangen Schilderungen und Überlegungen verliert, was sie hätte sagen, entgegnen, in die Diskussion einbringen oder tun sollen, es letztlich aber nicht tut. Das führt dazu, dass die Geschichte merkwürdig theoretisch und die Person Wiesengrund, über die man doch gern Näheres erfahren würde, eine recht nebulöse Erscheinung bleibt. Auch Hannas Konflikt mit sich selbst bleibt bestehen, er wird nicht aufgelöst. Aber vielleicht ist das ja genau das Fazit, das zu ziehen ist: Wiesengrund widerspruchsfrei ist nicht zu haben.
 
 
Gisela von Wysocki:
Wiesengrund
265 Seiten
Suhrkamp, Berlin 2016

2017 24 Jan

case / lang / veirs

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Sie lese nie, sagt sie gern in Interviews. Gleichzeitig ist die Kleinschreibung ihres Namens ein freundlicher Gruß an e.e. cummings. Mit solchen Gedankenkurven muss rechnen, wer sich mit k.d. lang (= Kathryn Dawn Lang) beschäftigt. Unvergessen, wie sie in ihren Anfangszeiten in den frühen 80ern in kanadischen Country- und Westernkneipen und bei ersten Fernsehauftritten sich als trampelhafte Landpomeranze in unmöglichen Klamotten („Cow Punk“) inszenierte, manchmal auch als absurd aufgerüschte Wiedergeburt von Patsy Cline, um dann das Publikum damit zu verblüffen, dass sie nicht nur über eine umwerfende Stimme verfügt, sondern auch das gesamte Vokabular der Country-Intonation draufhat bis in die feinste Tonbiegung.

Sie kann aber auch anders, wie spätere Alben beweisen. Meine Empfehlungen nach wie vor: Shadowland (1988), Ingénue (1992) und Invincible Summer (2000).

Nachdem k.d. langs letztes Album, Sing it loud von 2011, ihr irgendwie missglückt war, ohne dass man so recht mit dem Finger auf den Fehler zeigen könnte, hat sie offenbar darüber nachgedacht, was als nächstes zu tun sei und scheint bei dieser Gelegenheit die beiden Trio-Alben ihrer Kolleginnen Emmylou Harris, Linda Ronstadt und Dolly Parton wiederentdeckt zu haben – und das muss die Grundidee zu case/lang/veirs gewesen sein. Was jetzt nicht soo überraschend ist, denn k.d. hat es immer Spaß gemacht, sich selbst aus dem Mittelpunkt zu nehmen und in die zweite Reihe zu treten. So hat sie ein wunderschönes Duo-Album mit Tony Bennett gemacht, eine Coverversion des alten Songs „Moonglow“ mit ihm findet sich als Bonustrack auf ihrem Best-of Recollection. Ebenso sei auf ihre Mitwirkung als Backup-Sängerin an Roy Orbisons Black and White Night-Auftritt hingewiesen – dessen „Crying“ sie auch schon vorher mit Orbison im Duett gesungen hatte. Herzzerreißend, torch at its best. Und nicht zu vergessen Leonard Cohen, der k.d.s Live-Version seines Songs „Hallelujah“ (zu hören auf der Deluxe-Version ihres Albums Watershed von 2008) mal als „die definitive“ bezeichnet hat.

Aus dem Mittelpunkt nimmt sich k.d. lang auch hier. Mit ihren Kolleginnen Neko Case und Laura Veirs — von denen ich, um ehrlich zu sein, nie gehört hatte, obwohl beide keine Anfängerinnen mehr sind — hat k.d. lang nun ein Trioalbum mit 14 Songs vorgelegt, das es nicht ganz in meine Jahres-Top Ten 2016 geschafft hat, das aber allemal hörenswert ist. Es ist kein Album, mit dem man beim ersten Hören sofort warm wird. Es braucht ein bisschen Geduld. Auch die Texte sind manchmal recht kantig. Und auch nach dem dritten, vierten Hören kristallisieren sich kaum Augenblicke heraus, die wirklich im Kopf hängen bleiben würden. Die drei Sängerinnen spielen alle denkbaren Kombinationen des Solo-, Duo- und Triogesangs durch und liefern auch gleich noch noch einen wunderbaren Hintergrundchor dazu. Ein Streichtrio, ein Streichquartett, gelegentlich heftig durch die Fuzzbox gejagt, sowie Gitarren, Standbass, Pedal Steel und Percussion runden das Ganze ab. Meine Anspieltipps: „Delirium“ und „Blue Fires“.

Was hängenbleibt, sind nicht so sehr markante Melodien, obwohl durchaus vorhanden. Was von case/lang/veirs in Erinnerung bleibt, ist vor allem der Zusammenklang dieser drei Stimmen. Sie erzeugen einen latent schwebenden Teppich, von dem man sich gern davontragen lässt.

 
 
 

 

2017 22 Jan

Jaki Liebezeit

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Dammit.
 

 


 
 
 
Dies ist eine Unvollendete. Dieter Moebius war eingeladen, eine Musik für Fritz Langs Stummfilm Metropolis zu entwerfen, die live zum Film aufgeführt werden sollte. Leider ist ihm Freund Hein dazwischengekommen. Einige „finishing touches“ sind nun von Irene Moebius, Tim Story, Jon Leidecker und Jonas Förster ergänzt worden.

Was man jetzt hört, sind vier jeweils etwa zehnminütige vorbereitete Backing-Tracks mit den Titeln „Schicht“, „Moloch“, „Tiefenbahnen“ und „Mittler“ (wer den Film kennt, wird wissen, auf welche Szenen sich die Titel beziehen), zu denen live improvisiert werden sollte. Viele rhythmisierte Störgeräusche klingen collagenartig zusammen, darauf tanzen gefärbtes Rauschen, viel Metallklirren und Glöckchengeklingel, auch ein Sample aus dem Album Cluster II ist zu hören. Die Stücke lassen ahnen, was dem guten Moebius wohl vorgeschwebt haben mag.

Ich bin nicht sicher, ob das Ganze wirklich eine gute Filmmusik für Metropolis abgegeben hätte. Eher scheint mir der Film als Inspirationsquelle für die Stücke gedient zu haben. Der Film zeigt nicht nur utopische Architektur und Technologie, sondern hat eine mindestens ebenso starke romantische Seite. Die orchestrale Originalmusik von Gottfried Huppertz umfasst beide Aspekte, der Moebius-Musik fehlt klar der letztere. Aber das ist kein Fehler. Man höre Musik für Metropolis einfach als Album, dann ist es Moebius „at his best“. Er macht hier genau das, was er immer am besten konnte: irritierende Klanglandschaften zu designen, in denen man sich trotzdem nach kurzer Orientierungsphase zu Hause fühlen kann.

Die ersten 100 Besteller bei Bureau B erhalten mit der CD einen numerierten Druck des Coverbildes.

 

Dieter Moebius:
Musik für Metropolis
Bureau B, BB248

2017 7 Jan

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