Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Autoren-Archiv:

 

1
Jordi Savall, The Routes Of Slavery
siehe Jazz, A bis Z

2
Stephan Oliva, Princess
faszinierend undramatisch

3
Chopin Evocations
Daniil Trifonov & Mahler Chamber Orchestra
phänomenales Klavierspiel
geradezu ein „Konzeptalbum“ – Chopins Klavierkonzerte umgeben von kompositorischen „Verbeugungen“ Schumanns, Mompous, Griegs, Tschaikowskys & Barbers

4
Oregon, Lantern
vielleicht das letzte Album einer grandiosen Band

5
Omer Klein, Sleepwalkers
live gehört bei den Kulturwelten Helmbrechts

6
Laurent de Wilde, New Monk Trio
einfallsreich inspiriert von Monk

7
Tinariwen, Elwan
auf eigenen Füßen

8
Anouar Brahem, Blue Maquams
After ‚Noon In Tunesia‘

9
Olivier Messiaen, Quatuor pour la fin du temps
Martin Fröst et alt. mit beeindruckender Interpreation eines einzigartigen Werkes

10
Camille
OUÏ

 

Eine Reise zum Nonplusultra ist verlockend. Ich würde gerne den Rand des Universums besuchen. Aber vielleicht hat das Universum keinen Rand zum Nichts, vielleicht gibt es auch keine Grenze zwischen Schönheit und Hässlichkeit.

 
1
 
Die wunderschöne Mathematik hinter der hässlichsten Musik der Welt
 

Es kokettieren viele damit, schon in der Schule in Mathe schlecht gewesen zu sein. Ich habe noch nie jemand sagen hören, schon in der Schule schlecht Klavier gespielt zu haben.

 
2
 
Die meisten Musikwissenschaftler würden behaupten, Wiederholung sei ein wichtiger Aspekt von Schönheit.
 

Sie wissen, dass Schönberg sagte, alles sei Wiederholung – selbst die Variation. Andererseits können wir sagen, dass Wiederholung nicht existiert, dass sich an ein und derselben Pflanze keine zwei Blätter gleichen, sondern dass jedes Blatt einzigartig ist, oder dass in dem Gebäude gegenüber jeder Ziegelstein unterschiedlich ist. Und wenn wir die Steine genau untersuchen, so sehen wir, dass sie sich tatsächlich voneinander unterscheiden, und wenn der Unterschied nur darin besteht, wie das Licht auf sie fällt, weil sie an verschiedenen Stellen eingemauert sind.
 
 
 

 
 
 
Mit anderen Worten: Wiederholung hat damit zu tun, wie wir denken. Und wir können nicht gleichzeitig denken, dass sie sich wiederholen und dass sie sich nicht wiederholen. Wenn wir glauben, dass sie sich wiederholen, so liegt das im allgemeinen daran, dass wir nicht sämtliche Details beachten. Wenn wir aber allen Einzelheiten unsere Aufmerksamkeit widmen, als wenn wir sie durch ein Mikroskop sähen, erkennen wir, dass es so etwas wie Wiederholung nicht gibt.

 
3
 

Die Idee ist, dass ein musikalischer Gedanke wiederholt wird und so die Erwartung auf Wiederholung erzeugt wird. Diese Erwartung wird entweder erfüllt, oder die Wiederholung wird unterbrochen.

 

Als ich mir nur 3 Schallplatten pro Jahr leisten konnte bekam ich vom »Ring der Musikfreunde (Köln) – da war ich Club-Mitglied – eine Werbeplatte zugeschickt. Die Scheibe war klein, von Rand zu Rand 17 cm, und konnte nur Appetithäppchen verteilen. Eines hat mir wahnsinnig geschmeckt. Zu hören war nur der Anfang mit dieser verführerisch melancholischen Melodie. Ich kaufte die teure LP, Rachmaninoffs Klavierkonzert No. 3 mit Emil Gilels.
 
 
 

 
 
 
Rachmaninoff, der viel geschmähte – vor allem Anhänger und Verteidiger der »Schönberg-Schule«, allen voran Theodor W. Adorno, haben seine Musik einer oft vernichtenden Kritik unterzogen – hat mich auf den Weg zur Musik des 20. Jahrhunderts geführt. Als ich die Aufnahme zum ersten Mal abspielte, war ich ernüchtert. Da war so viel Unbegreifliches zu hören. Aber immer wieder tauchten Inseln von jener Schönheit, wie ich sie mochte, auf. Es war jedesmal ein Warten und Erwarten bis ich dort landete. Bei jedem Hören wurden die Inseln größer, zuerst unmerklich. Sie sind längst zum Festland zusammen gewachsen. Rach 3 gehört zu meinen viel gehörten Musikstücken.

 
4
 

Wiederholung und Schemata bilden den Schlüssel zu Schönheit. Denken wir an eines der schönsten Musikstücke überhaupt, Beethovens Fünfte Sinfonie und das berühmte »da na na na« Motiv. Dieses Motiv kommt mehrere hundert Mal in der Sinfonie vor.

 

In Beethovens Musik ist ein bestimmtes gestalterisches, kompositorisches, ästhetisches Prinzip erkennbar: Streben nach Zusammenhang, Entsprechungen und formaler Geschlossenheit, Streben nach dem also, was die »Einheit« der Musik nach heutigem Verständnis ausmacht. Das ist John Cage fremd, das war auch dem 15. / 16. Jahrhundert fremd.
 
 
 

 
 
 
Johannes Tinctoris (um 1435-1511) lehrte »in omni contrapuncto varietas accuratissime exquirenda est« und meinte damit, dass in der melodischen und rhythmischen Erfindung – vor allem geistlicher Musik – das Streben nach Vielfalt und Abwechslung oberstes Gebot sei. Das Prinzip »varietas« war in der Musik der Renaissance ein Kriterium höheren Stils.

Wie zu allen Zeiten ist auch im 16. Jahrhundert die meist improvisierte ’niedere‘ Musik der Spielleute und Bauern stark vom Prinzip der Wiederholung geprägt, während die ästhetisch höchstrangige, die sakrale Musik, das Moment der Wiederholung weitestgehend vermied. Monteverdi, der Modernist, scheute nicht zurück vor »Wiederholung«. Wie kann man Monteverdi und den Jazz näher zusammen rücken?
 
Hier steht’s.

 

5
 

Kann man ein Musikstück komponieren, das überhaupt keine Wiederholung enthält? Tatsächlich ist das eine interessante mathematische Frage. Es stellt sich heraus, dass es sehr schwer ist, ein Musikstück ohne Wiederholung zu erschaffen, und es geht überhaupt nur wegen eines Mannes, der U-Boote verfolgte. Jemand, der versuchte, den perfekten Sonar-Ping zu entwerfen.

 

Was für eine Wendung! Ein brillanter rhetorischer Kunstgriff! Von »Schönheit« zum »Sonar Ping« ! Hey, wach auf, guck mal, wo wir jetzt auf einmal sind!
 
 
 

 
 
 
Jetzt aber nimmt die Zahl der Fragen zu. Nicht nur mathematisches Kopfzerbrechen über »Schönheit« steht an. Auch dem »perfekten Sonar-Ping« komme ich nicht auf die Schliche. Was kann es? Ist es fähig zu unterscheiden, ob ein Schellfisch oder eine Scholle, ob ein russisches oder chinesisches U-Boot angepingt werden?

 

6
 

Für die Creation solcher Schemata, bei denen nichts je wiederholt wird ist die Mathematik des Evariste Galois nötig. Nicht nur seine Mathematik, auch seine Todesart machte Evariste Galois berühmt. Es heißt, er trat für die Ehre einer jungen Frau ein, er wurde zu einem Duell herausgefordert, er nahm an, er wurde erschossen, er starb mit 20 Jahren anno domini 1832.

 
 
 


 
 
 
Was für eine Geschichte! Viel herzzerreißender ist sie, als die kurze sachliche Formulierung des Hauptsatzes der Galoistheorie. Wenn L eine endliche Galoiserweiterung des Körpers K ist, und Gal(L/K) die zugehörige Galoisgruppe, dann ist L galoissch über jedem Zwischenkörper Z und es existiert eine inklusionsumkehrende Bijektion.

 

7
 

Sie sehen aus wie zufällige Punktmuster, aber das sind sie nicht. Wenn Sie genau hinschauen, fällt Ihnen vielleicht auf, dass das Verhältnis zwischen jedem Punktpaar verschieden ist.

 

Die Zeit zum genauen Hinschauen wird nicht gewährt. Genau hinschauen kann ich nur, wenn ich selbst ein Costas-Array bastle. Leider ist auf meinem Blatt nur Platz für eine 30 x 30 Matrix – also an die Arbeit …
 
 
 

 
 
 
Eine solche Matrix zu erstellen, ist leicht, denn „sie wird auf einfache Weise erzeugt. Grundschulmathematik reicht, um dieses Problem zu lösen. Man multipliziert immer wieder mit 3 [1, 3, 9, 27, 81 …]. Wenn man über 31 hinauskommt, was eine Primzahl ist, dann zieht man immer 31 ab bis man wieder darunter liegt.“ Versucht man nach diesem Algorithmus eine 12 x 12 Costas-Array zu bilden, dann gelingt das nicht.
1, 3, 9, (27-13-13 = 1) 1, 3, 9, 1, 3, 9, 1, 3, 9
Ich habe ein toy piano mit 12 Tasten und würde so gerne die Tasten 2,4,5,6,7,8,10,11,12 drücken …

 

8
 

Schönbergs Ziel war es, Musik zu komponieren, die völlig strukturlos ist. Er nannte das die Emanzipation der Dissonanz.

 

Schon wieder Schönberg. Jetzt ist es aber genug. Nur so viel noch: dass Schönberg strukturlose Musik zu komponieren die Absicht gehabt haben soll, halte ich für Käse.


Im Jahr 1427 landeten die ersten Schiffe, aus den südlichen Meeren kommend, an den Küsten Portugals. Ihnen entstiegen bewaffnete dunkelhäutige Menschen. Damit begann die Versklavung europäischer Völker, verschleppt von afrikanischen Eroberern, um auf Feldern unter sengender Sonne zu arbeiten, um Gold und Silber aus …

 

Nein, diese Geschichte stimmt nicht. Manchmal jedoch werde ich verwickelt in Diskussionen über die Flüchtlingsströme nach Europa, und in solchen Gesprächen rege ich gerne an, sich diese „Fake History“ vorzustellen. Ich habe einfach Glück gehabt, dass ich nicht als armer Afrikaner in die Welt kam. Es ist ein glücklicher Zufall, in einem wohlhabenden Land zu leben, nicht hungern zu müssen, nicht von Kriegen heimgesucht zu werden. Ich gehöre nicht der „Paradise-Papers-Class“ an, genieße dennoch einen hohen Lebensstandard im Vergleich zu den meisten Menschen der Erde und weiß, dass für dieses „Wohlleben“ viele human beings geschuftet und gelitten haben, schon vor langen Zeiten und weit entfernt, und immer noch.

 

An diesem nichtswürdigen Geschäft mit Millionen afrikanischer Männer, Frauen und Kinder, die systematisch deportiert und vier Jahrhunderte lang brutal ausgebeutet wurden, waren die meisten der großen europäischen Nationen beteiligt. Diesem Geschäft verdankt sich der große Reichtum ganz Europas im 18. und 19. Jahrhundert. Aber die zivilisierten Nationen haben es bis heute nicht für nötig gehalten, allgemein um Verzeihung zu bitten oder eine (symbolische oder tatsächliche) Entschädigung für die von den Sklaven geleistete Zwangsarbeit anzubieten, die ja als Mobiliar (einfache „Werkzeuge“ ohne Seele) angesehen wurden. Ganz im Gegenteil, im Kielwasser des vier Jahrhunderte währenden Menschenhandels, in dessen Verlauf sich die wichtigsten europäischen Länder allmählich an den afrikanischen Küsten ansiedelten, haben sie Afrika „kolonialisiert“ – also als etwas betrachtet, was ihnen gehört. Als hätte Europa vom Ende des Mittelalters bis ins 19. Jahrhundert hinein beständig nur ein einziges Ziel verfolgt: alle Gebiete südlich des Mittelmeers nach und nach zu beherrschen.

 

Das schrieb Jordi Savall. Er ist weder Historiker, Politologe, noch ist oder war er ein Repräsentant der Befreiungstheologie. Jordi Savall ist Musiker, Mitbegründer und Leiter des Ensembles Hespèrion XXI. Im Juli 2015 fand in der Zisterzienserabtei Fontfroide im Südwesten Frankreichs ein Konzert statt, das im Januar 2017 auf DVD und zwei SACDs erschien, im opulenten Buchformat. Auf mehr als 500 Seiten sind in 6 Sprachen die Texte der Gesänge und zwischen die Musik eingebettete Rezitationen historischer Quellen mitgeteilt. Hinzu kommen Essays renommierter Historiker, die das Thema vertiefen – notabene nur im Buch.

 
 


 
 

Wo ist das „A“ des Jazz? Am 26. Februar 1917 nahm die Original Dixieland Jass Band zwei Titel auf, die, auf 78er-Schellack erschienen, als erste Jazzplatte in die Geschichte eingingen. Die Plattenfirma bewarb damals die ODJB als „Creators of Jazz“. Aber auch Jelly Roll Morton nahm für sich in Anspruch, Erfinder des Jazz zu sein. Es gibt den Einen sicher nicht. 1917 wurde Jazz zum ersten Mal greifbar dokumentiert, es sei denn, man erkennt den komponierten und notierten Ragtime, dessen Blüte sich ab ca. 1890 öffnete, als ersten Jazzstil an. Wie vor diesen Zeiten die Musik der Afroamerikaner geklungen hat, weiß man nicht. Aber mit Jordi Savalls Retrospektive habe ich ein Hörrohr, das eine mehr oder weniger begrenzte, gebrochene Anmutung vermittelt.

Neben Savalls Ensemble spielen und singen bei dieser Produktion Musikerinnen und Musiker aus Mali, Madagaskar, Marokko, Kolumbien, Brasilien, Mexiko, Argentinien und Venezuela miteinander. Alte Musik aus der Kolonialzeit, mehrstimmiger Renaissance-Gesang, trifft auf westafrikanische Griot-Gesänge und auf Überlieferungen, die sich aus der Sklavenzeit bis heute in Lateinamerika erhalten haben. Das geschieht auf eine fast nüchterne Weise, denn es werden kommentarlos lediglich Dokumente vorgeführt, musikalische und literarische. Hinreißend musiziert. Berührend, wenn man sich dieser Geschichtsstunde nicht verschließt.

 

Dass ich – von der Klassischen Musik kommend – den klingenden Düften des Jazz erlegen bin, liegt bestimmt an J.E. Berendts Jazzbuch. Meine erste Jazzplatte war Erroll Garners Concert by the Sea. Sie rotierte einst fast täglich auf meinem Philips Plattenspieler (Auflagekraft ca. 11 pond), und von den in der Frühzeit der LP üblichen mindestens 150 g Vinyl haben sich bestimmt einige Gramm in Staub aufgelöst.

Ansonsten war ich damals abhängig vom Rundfunk, der nicht über die Reichweiten verfügte wie heutzutage. Für mich waren nur RIAS – allerdings veredelt von Walter Bachauer – und der Bayerische Rundfunk erreichbar, abgesehen von Sendern der DDR, die ich kaum beachtete. Beim Bayerischen Rundfunk war Werner Götze der Herr über den Jazzgeschmack – Limes beim SWING. Das ging mir nicht weit genug. Es führte gar zu einer Abneigung gegen Swing Jazz und ganz besonders gegen Big Band Jazz.

Aus dieser Taubheit erlöste mich Don Ellis. Ich weiß nicht mehr wie ich auf Don Ellis‘ Electric Bath gestoßen bin. Das war weiß Gott elektrisierende Big Band Music, ich wurde beim ersten Hören reingewaschen von meiner Abneigung gegen Big Band Jazz. Dieses Album gehört zu meinen wertvollsten.

Ich weiß nicht, ob das Andenken an Don Ellis, der anno 1978 im Alter von 44 Jahren verstorben ist, in diesen Tagen noch hoch gehalten wird. Im Jahr 2017 wurde sein bei MPS produziertes Album Soaring, das ich bis dato nicht kannte, auf Vinyl und CD wieder veröffentlicht. Vor ein paar Wochen habe ich zugegriffen. Überraschung: Track 1 hat den Titel WHIPLASH.

 

Wäre ich ein hohe Miete zahlender Rentner in München, würde ich mich schleunigst nach einem Häuschen oder einer Wohnung in Helmbrechts umsehen. Die Preise für Immobilien liegen dort weit unter Münchner Niveau, es schwebt weniger Feinstaub in der Luft, die Landschaft ist unspektakulär schön – das Fichtelgebirge in Sichtweite, zum Frankenwald sind es ein paar Schritte.

Ich würde keineswegs in einer Kleinststadt wohnen, wo nix los ist. Im Gegenteil. Die nicht weit entfernten Städte Hof, Bayreuth, Coburg, Bamberg, auch der Raum Nürnberg/Erlangen dürften kaum das Kulturangebot zu Helmbrechts übertreffen – sieht man davon ab, dass in all diesen Städten Theater- und Opernhäuser, sinfonische Orchester oder gar Festspiele zu Hause sind. Die Kulturwelten Helmbrechts präsentieren nun wieder zwischen September und Januar rund 40 Veranstaltungen von hohem und höchstem Niveau.
 
 
Omer Klein Trio – 07. Oktober 2017
 
 
   extremely brillant
   extremely sophisticated
   extremely entertaining
 
 
BEOGA – 11. Oktober 2017
 

BEOGA kannte ich nicht als ich die Tickets kaufte. Angekündigt als ‘Irish Folk’, als eine Band, die schon zusammen mit Ed Sheeran aufgetreten ist, ging ich auf den Vorschlag meines Mädels ein, die jenen Ed Sheeran kannte (ich jedoch genausowenig wie BEOGA).

Irish Folk mag ich schon, vor allem Planxty. Ich höre solche Musik aber selten und hatte noch nie ein derartiges Konzert besucht. Im Jahre 1971 war ich mit dem Fahrrad in Éire unterwegs. Das hat mich bewogen, Irish Folk näher kennenzulernen nach den urigen Eindrücken in entlegenen Dorf-Pubs. Von den Fotos dieser Reise sind nur wenige erhalten. Dieses mag ich besonders gern.
 
 
 

 
 
 

Ich war gespannt – und dann hingerissen wie im letzten Jahr bei Friend ’n Fellow. Die Rahmentrommel Bodhrán kannte ich nur vom Hören, von Aufnahmen des fantastischen Perkussionisten Glen Velez. Jetzt kenne ich sie vom Hören & Sehen. Beim Spiel von Mr. Eamon Murray kann einem Hören & Sehen vergehen.
 

Gewiß hängt swing mit dem afrikanischen Rhythmusgefühl zusammen. Aber trotzdem – Marshall W. Stearns hat darauf hingewiesen – gibt es in Afrika keinen swing. Swing entstand, wo das afrikanische Rhythmusgefühl auf das gleichmäßige Takt-Metrum der europäischen Musik ‘angewandt’ wurde.

(J.E. Berendt, Das Jazzbuch, Frankfurt/Main 1968, Seite 144)

 

Jetzt aber weiß ich, wo der rhythmische swing des Jazz seinen Ursprung hat: bei den Irish Jigs mit ihren treibenden 6/8- bzw. 9/8-Rhythmen – sicher eine musikwissenschaftlich unhaltbare Theorie, aber seit 2 Tagen meine Wahrheit. Ich bin überzeugt, dass der Fiddler Solomon Northup (Twelve Years a Slave) schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Jigs & Reels im Repertoire hatte.
 
BEOGA
 
   extremely brillant
   extremely funny
   extremely entertaining
 
Ach ja, da war auch die schöne Niamh Dunne, die mit betörender Stimme die herrlichen Old and New Irish Melodies sang und blitzsauber auf der Violine fiddelte.
 
   extremely beguiling …

 

Es gibt nicht wenige Beiträge von Uli, die sind – wie sag ich’s nur möglichst treffend? – interessant. Interesse bedeutet ja dabei sein, und The world’s ugliest music ist eines von Ulis Fundstücken, das mich noch nicht losgelassen hat, ich werde noch lange dabei sein. Wie in einer Matrjoschka sind viele reizvolle Anregungen, Fragen und Assoziationen darin verborgen, die sich nach und nach enthüllen. Wenn ich es richtig verstanden habe, geht es um Costas-Arrays, wohl eine knifflige Sache. Die akustisch sinnliche Präsentation eines erkennbare Wiederholung vermeidenden Arrays am Klavier, verbunden mit dem Nachdenken über das Schöne und Hässliche macht die Talkshow wirklich, ähm, interessant.

Heute ist Thelonious Monks Geburtstag. Das 100-jährige Schlitzohr hat eine wunderbar paradoxe Antwort auf diese Frage erfunden.

 

Thelonious Monk, Ugly Beauty

 

Claudio Monteverdi wurde am 15. Mai getauft, ein Datum, das zu merken mir leicht fällt. Im Jahr 1567 war das. Sein Geburtsdatum ist unbekannt. In diesem Jahr gedenkt man des 450. Tauftages dieses Komponisten. Es ist noch keine 100 Jahre her, dass man sich an diesen Großen der abendländischen Musik erinnert und seine Musik auch wieder aufführt. Carl Orff bearbeitete um 1923 Monteverdis Favola in Musica L’Orfeo. Nur wenige mehr machten sich ebenfalls verdient um Monteverdi. Erst mit Nikolaus Harnoncourts Schallplattenaufnahme des L’Orfeo aus dem Jahr 1969 begann die wahre Renaissance des Claudio Monteverdi.

 

Monteverdi und Jazz? Jazz vor 400 Jahren? It don’t mean a thing (if it ain’t got that swing). Also durchgefallen (schon deswegen). Musikalische Gegenfrage:

 

 

Ist das Jazz? Ist das Klaviermusik des 20. Jahrhunderts in freier Atonalität? Ist das auskomponierte oder spontan improvisierte Musik? Letzteres müsste man wissen, denn man hört es der Musik nicht an. Jazz & Improvisation gelten als untrennbar. Im Großen und Ganzen stimmt das, wobei verschiedene Methoden des Improvisierens erkannt werden können: die freie Fantasie ohne Vorlage (Jarretts Solokonzerte), das Orientieren an einer Akkordfolge (Blues-Schema, Rhythm Changes, Harmonien eines Songs), in der Frühzeit des Jazz das Ausschmücken und Verzieren der Melodie.

 

I was embellishing around the melody. At that time (Anm.: vor 1920) I wouldn’t have known what they meant by improvisation. But embellishment was a phrase I understood.

Buster Bailey (1902-1967)

 

Zu Monteverdis Zeiten pflegten die Sänger diese Form der improvisierten Variation, ja man erwartete, dass sie diese als Diminution bezeichnete Technik vollendet beherrschten. Besucht man in unseren Zeiten Konzerte mit Sinfonischer Musik, mit Kammermusik oder Klavierabende, wo vorwiegend Werke der Klassik, Romantik und der gemäßigten Moderne aufgeführt werden, gewinnt man den Eindruck, dass Klassische Musik und Improvisation nicht zusammen gehören. Abgesehen vom singulären Fall der Pianistin Gabriela Montero scheint Improvisation im Konzertleben, das am klassisch-romantischen Repertoire ausgerichtet ist, ausgestorben zu sein. Wagt es ein Künstler, aus diesem Werkkanon auszubrechen, muss mit einem Eklat gerechnet werden.

Man darf jedoch nicht vergessen, dass Bach, Mozart, Beethoven großartige Improvisatoren waren, nicht die einzigen in ihrer Zeit. Im Solokonzert (für ein Soloinstrument und Orchester) gab es in der sog. Kadenz für den Solisten die Möglichkeit, neben seiner Virtuosität auch die Fähigkeit über das thematische Material des Satzes zu fantasieren, vorzuführen. Doch schon Beethoven schränkt ab seinem 4. Klavierkonzert diesen Freiraum ein.

Wie kann man Monteverdi und den Jazz näher zusammen rücken? Dem Madrigal Zefiro torna aus der Sammlung Scherzi Musicali liegt ein ostinater Bass zugrunde, die Ciaccona. Es gibt zahlreiche solcher Bassformeln in jener Zeit. Sie heißen Passamezzo, Romanesca oder Folia. Letztere ist hochberühmt und wurde von Vangelis in der Filmmusik zu Conquest Of Paradise aufgegriffen. Diese ostinaten Bässe entstammen vielfach der volkstümlichen Tanzmusik jener Zeit und sind die Grundlage für Improvisationen in einer schriftlosen Musizierpraxis.

Im folgenden ist eine Introduction zu Monteverdis Zefiro torna zu hören, die nicht im Notentext steht, sondern vom ausführenden Ensemble als (vermutlich vorbereitete) Improvisation gestaltet ist.

 

 

Von Gianluigi Trovesi erschien 2007 bei ECM das wunderbare Album Vaghissimo Ritratto, auf dem unter anderem auch Werke aus der Renaissance in „sehr vagen Bildnissen“ dargeboten werden. Und hier improvisiert der italienische Jazzmusiker über ebendiese Ciaccona. Das Beispiel ist einem anderen Album entnommen.

 

 

Improvisieren über einer ostinaten Formel könnte ein Grundprinzip vielerlei irdischen Musizierens sein.

 

 
 
 

       

 
 
 

Im April 2017 erschien bei ACT Music Monteverdi in the Spirit of Jazz, ein Album, das mehrere Tracks von Richie Beirachs bereits 2003 veröffentlichem Album Round About Monteverdi enthält.

2017 5 Aug

Es zählen die Gänsehautmomente

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Am 30. Juli morgens um 7:20 Uhr startet die Maschine von Keflavík nach München. Kurz vor Mitternacht ins Zelt kriechen, um gegen 2 Uhr morgens wieder aufzustehen, packen, mit dem Flybus um 4 Uhr von Reykjavík zum Flughafen fahren, wäre ein schnöder Abgang aus Ísland. Also lieber durchmachen. Philip kennt sich gut aus in der isländischen Musikszene, besucht seit Jahren das Airwaves Festival und vor seiner Trekking-Tour diesen Jahres im Juli war er beim Metal Festival Eistnaflug in Neskaupstaður. Mit Freunden schreibt er an einem Blog über isländische Musik. Da entgeht ihm zwar manches, aber nicht, wer am Vorabend des Heimflugs im Hard Rock Café in der Lækjargata auftritt.

 
 
 

 
 
 
Josef Bulva sagt:
 

Jedes Urteil, jede Meinung ist nur so gut wie das Wissen über diesen Gegenstand. Das ist ein Axiom, dem man nicht entrinnen kann. Musik ist dazu da, bei den Menschen bestimmte Emotionen zu wecken und deren Reflexion. Es ist ihr gutes Recht, wenn Menschen, die in der Musik illiterat sind, Wagner als bedrohenden Krach empfinden. Für mich dagegen ist Discomusik störend. Jeder muss das Recht haben, seine Musik zu genießen. Der Spruch, es gäbe nur zwei Arten von Musik, gute und schlechte, ist Unfug. Mein großes Hobby ist die Astrophysik, und überall lesen Sie heute Horoskope – etwas Dümmeres können Sie kaum finden, vielleicht Religion, das ist dasselbe. Aber wenn jemand liest, heute wird alles gut laufen, und es hilft ihm durch den Tag, dann ist doch alles gut – auch wenn das aus unserer Sicht etwas naiv ist.

 

Ísland ist teuer, ein Stück Torte im Restaurant am Gullfoss kostet um die 10 € – so wurde mir kolportiert. Der Eintrittspreis im Hard Rock Café ist in Ordnung, Pepsi Cola mit Eis kann man nachfüllen lassen. Der Himmel im geräumigen Souterrain: Flying Cymbals.

 
 
 

 
 
 

Im düster bunten Ambiente sind edle Gitarren hinter Glas ausgestellt, über mehrere Screens wird Mainstream Rock verteilt, für mich so flach wie die Bildschirme. Es ist mein gutes Recht, Bon Jovi als öde zu empfinden. Ich kenne fast keine isländische A-bis-Z-Musik und bin gespannt. Es dauert bis 22 Uhr, dann beginnt One Week Wonder, 2 Keyboarder, einer der beiden ist lead vocalist mit schöner vibratolos-cooler Stimme, eine Vokalistin, ein Gitarrist mit jazz feeling und drums – ich genieße die lässig groovenden, in Moll verliebten Songs, ihre frischen Melodien und ausgesuchten Harmonien. Gutes muss nicht berühmt und Berühmtes nicht gut sein.

Es gibt viele Bands in Ísland, wo nur wenig mehr als 340.000 Menschen leben. Kein Wunder, dass dann alle Musiker von One Week Wonder, in Teitur Magnússons Band weiterspielen, ausgelassen, witzig. Zum Schluss ein feines Solo des Gitarristen.

 
Josef Bulva hat noch mehr zu sagen:
 

Problematisch wird es, wenn man etwas professionell macht: Die ‚Mondscheinsonate‘ hat ihren Namen 27 Jahre nach Beethovens Tod erhalten, aber, da nehme ich die Naiven in Schutz, er passt, und man kann sich, wenn man die Musik als Berieselung nimmt, sehr gut in eine Mondscheinstimmung träumen. Wenn es aber ein Profimusiker so spielt, ist es eine Sünde – eine Todsünde. Der erste Satz ist eine große dreistimmige Invention, das war eine Provokation gegen die Sonatenform. Beethoven ersetzt das eröffnende Allegro durch einen erweiterten langsamen Satz – genial. Und das ist so aufgebaut, dass es wie ein Motor durchlaufen muss, nur dann spüren Sie die Spannung.

2017 2 Aug

beyond the heat

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65.162 N       16.207 W         64.695 N       17.930 W         65.165 N       16.205 W
 
 


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