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2017 29 Jul

Gregor öffnet seinen Plattenschrank (143)

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So listen to the silence. Once all other external sounds cut out, there´s no more escaping from yourself. The late John Cage put it like this: “ … sounds (which are called silence only because they do not form part of a musical intention) may be depended upon to exist. The world teems with them, and is, in fact, at no point free of them. He who has entered an anechoic chamber, a room made as silent as technologically possible, has heard these two sounds, one high, one low – the high the listener´s nervous system in operation, the low his blood in circulation. There are, demonstrably, sounds to be heard and forwever, given ears to hear.“

Silence marks the escape route through the self into a infinity of sounds. And this infinity finds its echo in what Gaston Bachelard, author of The Poetics of Space, discribed as the „intimate immensity“ that lies just beyond the immediate world. „Immensnsity is within ourselves“, he wrote. Ìt is attached to a sort of expansion of being that life curbs and caution arrests, but which starts again when we are alone. As soon as we become motionless, we are elsewhere: we are dreaming in a world that is immense. Indeed, immensity is the movement of motionless man … Always elsewhere. Driftworks resonates such inimate immensity.

 

(Zitiert nach den Liner Notes aus der CD-Box Driftworks)

 
 

 
 
 

Nun ist endlich auch klar, welch grandioses Werk heute aus meinem Plattenschrank endlich einmal wieder ans Tageslicht geholt wird. Es ist fast genau 20 Jahre her, ja es war 1997, da brachte Big Cats Records eine Vier-CD-Box heraus. Je eine CD des in Australien geborenen Paul Schütze, stateless, eine zweite nahm der Dortmunder Thomas Köner auf, Nuuk, die dritte kommt aus Japan, Nijiumu, der Komponist: Keiji Haino. Bleibt noch die vierte zu erwähnen: Pauline Oliveros & Randy Raine-Reusch, der Titel der Platte In The Shadow of the Phoenix. Von Pauline Oliveros, die eine US-amerikanische Komponistin und Akkordeonistin war und im November letzten Jahres starb, ging es ja erst kürzlich in dem Beitrag von Uli Koch zu Insect Music.

Diese einmalige CD-Box, die hoffentlich eines Tages wiederveröffentlicht wird – im Moment ist sie nur für einen riesigen Batzen Geld zu haben – trägt einen buchstäblich fort, man driftet ins Ungewisse, lässt sich irgendwohin treiben, ins Offene, eine musikalische Reise ohne Geländer.

 
 
 

 

Neu im Plattenschrank

 

Am 26.Juni las ich es in der Süddeutschen Zeitung, da hätten Francois Le Xuan von Saga Jazz und Fred Thomas von Sam Records in einer Sammlung des Unterwasserfilmers und Jazzliebhabers Laurent Guenoun in einen Stapel Bänder, auf denen die Worte „Thelonious Monk“ standen, einen sensationellen Fund gemacht, sie hätten Studioaufnahmen von Monks einziger Filmmusik ausgegraben, die der Meister einst 1959 für Roger Vadims Film „Les liaisons dangereuses“ eingespielt hätte. Natürlich habe ich mir sofort die Scheibe bei dem Händler meines Vertrauens bestellt und bin, wie könnte es anders sein, begeistert, allerdings auch überrascht: Am 27. Juli 1959 spielten Charlie Rouse, Barney Wilen, Sam Jones, Art Taylor und Thelonious Monk diese Musik im New Yorker Nola Penthouse Sound Studio ein und der Hörer dieser Aufnahmen darf nun, 58 Jahre später, nicht nur mit Hochgenuss dem Orginal-Soundtrack, sondern auch der Entstehung dieser Musik lauschen. Das wird besonders schön an dem Stück “Light Blue“ deutlich, das sich in drei Versionen auf dieser Doppel-CD findet. In der über Vierzehn-Minuten-Version dieses Stückes findet sich der Hörer im Probenraum des Quintets wieder.

 
 
 

 
 
 

Heute erschien eine Platte, auf die ich mich schon seit einem Jahr freue. Vor gut einem Jahr schrieb ich hier (Plattenschrank 114) von einem faszinierendem Charles-Lloyd-Konzert, das in Tübingen am 8.Juli stattfand. Charles Lloyd kam gerade vom Montreux-Jazz-Festival, das damals Jahr sein 50jähriges Jubiläum feierte. Kurze Zeit später wurde ebendieses Konzert auf dem Schweizer Radiosender DRS ausgestrahlt und trotz aller in meiner Wohnung verstreuten Erinnerungszettel, hatte ich vergessen, dieses Konzert mitzuschneiden. Ich hätte in den Tisch beißen können vor Ärger. Nun, ein Jahr später wird wenigstens eine Live-Aufnahme von diesem Konzert veröffentlicht, ergänzt durch Live-Aufnahmen aus dem Lensic Theater, Santa Fe New Mexico.

Die Besetzung (wie in Tübingen und Montreux): der Pianist Jason Moran, der Bassist Reuben Rogers und der Schlagzeuger Eric Harland.

 
 
 

 

Es ist gar nicht lange her, da rief mich der Wirt meiner Hörnumer Lieblingskneipe an – ja, genau, die Wirtschaft, in der die herrliche Wurlitzer-Jukebox steht – erzählte zunächst Neuigkeiten von der Insel, kam dann aber recht flott auf Musik zu sprechen: wann denn endlich die neue Jeff Tweedy “Together At Last“ zu haben sei, er hätte den Song “I´Am Trying To Break Your Heart“ daraus gehört und wäre aber auch sowas von begeistert. Die Platte gäbe es seit dem 23.Juni konnte ich ihm verraten und damit glücklich machen. Diese Scheibe mit 11 Akustik-Versionen von zumeist bekannten Stücken des Musikers ist aber auch wirklich großartig. (Was für ein Zufall, dass Michael auch gerade über die Scheibe geschrieben hat …)

 
 
 

 
 
 

Ob ich von der Band Scott Bradlee´s Postmodern Jukebox schon gehört hätte? Klar doch, diese Musik sei aber, ehrlich jetzt, nicht unbedingt meine Richtung. Er darauf, ob mich mich nicht entsinnen könne, wie ich geschimpft hätte, dass Manfred Eicher mit dem Gitarristen Dominic Miller eine Platte aufgenommen hätte, und?, Was wäre dann gewesen? Ja, genau, kleinlaut hätte ich zugeben müssen, dass diese Scheibe doch richtig gut sei. Ich solle jetzt mal nicht so sein und mir von dieser Band Scott Bradlee´s Postmodern Jukebox das Stück „All About That Bass“ aus dem Album “Historical Misappropriation“ aus dem Jahr 2014 anhören, am besten solle ich doch besser die ganze Platte genießen. Natürlich folgte ich dem Rat des Freundes. Also, da werden Hits im Gewand historischer Jazzarrangements gecovert und das gelingt manchmal richtig gut, etwa mit dem Stück “All About That Bass“, okay, die Stücke sonst überzeugten mich weniger. Aber mein Wirt war noch nicht fertig, da, meinte er, hätte er doch gehört, dass die Beach Boys eine neue Platte herausbringen würden. Das wüsste ich aber, konterte ich, doch, doch, ich solle mich mal kundig machen. Habe ich getan: Beach Boys Collection 1967 – Sunshine Tomorrow erscheint am 30.06. auf einer Doppel-CD mit insgesamt 67 Titeln. Dabei ist eine remasterte Version der LP “Wild Honey“, Studioaufnahmen zu den Sessions zu “Wild Honey“ und „Smiley Smile“ sowie Konzertmitschnitte.

 
 
 

 
 
 

Nun wollte ich aber auch noch einen Tipp, speziell für diese wunderbare Kneipe am Meer loswerden. Ich sagte zu dem Wirt meiner Hörnumer Lieblingskneipe, er müsse sich unbedingt zwei Platten des Penguin Café Orchstra anschaffen (wenn er sie nicht schon hätte), die eine “The Imperfect Sea“, die andere zusammen mit Kathryn Tichell “Laudau“, dann solle er sich bei Sonnenuntergang auf einen der Stühle vor seiner Wirtschaft mit einem Glas kühlen Weißwein so hinsetzen, dass er das Meer und am Horizont Amrum sehen könne, nun solle er einen Mitarbeiter von jener CD “Half Certainty“ und von dieser “Landau“ auflegen lassen. Und nun genießen. Dann hätte er keine Fragen mehr.

Leider kam ich nicht mehr dazu den befreundeten Wirt zu fragen, was so in der Box am häufigsten gedrückt würde, die Arbeit rief. Das nächste Mal dann!

 
 
 

 

479 Seiten hat das Buch, es ist kein Roman, kein Kriminalroman, keine Biographie, am ehesten vielleicht noch so etwas wie ein Tagebuch. Eigentlich geht es um ein Musikstück, um Chopins Ballade Nr. 1 in g-Moll, op 23, einem Klavierstück, das gemeinhin als eines der am schwierigsten zu spielenden Klavierwerke überhaupt gilt. Der Chefredakteur des britischen Guardian, Alan Rusbridger, Amateurpianist, hatte sich für die Jahre 2010, 2011 vorgenommen, besagte Ballade zu erlernen. Um den Lernweg geht es in diesem unglaublichen Buch. Es erschien unter dem Titel Play It Again – Ein Jahr zwischen Noten und Nachrichten (Zürich 2015). Nun waren die Jahre 2010/2011 für den Guardian aufregende Jahre, die WikiLeaks-Dokumente wurden veröffentlicht, außerdem wurden die Abhörskandale der britischen Presse (verquickt mit Polizei und Geheimdienste) aufgedeckt und veröffentlicht, was zur Einstellung der News of the Wolrd führte. Wie kann der Hauptverantwortliche dieser Zeitung Zeit und Muße, Kraft und Energie aufbringen dann auch noch so nebenbei dieses schwierige Musikstück zu üben und zu einer gewissen Vorführbarkeit zu bringen? Das ist eines der Themen dieses Buches, ein anderes die Arbeit eines Zeitungschefs in solch einer turbulenten Zeit, ein drittes, wie sich beides gegenseitig bedingt, ein viertes das Kennenlernen dieser Ballade in allen Einzelheiten u.v.a. mehr. Nebenbei werden aber auch Gespräche über die Ballade mit Pianisten, z.B. Alfred Brendel, Murray Perahia oder Daniel Barenboim wiedergegeben. Und der Leser lernt ungeheuer viel über Musik und die Wirkung, die Musik auf uns Menschen ausübt. Zur Erinnerung, hier geht es um ein Musikstück das spätestens mit Roman Polanskis Film Der Pianist einem größerem Hörerkreis bekannt gemacht wurde. Alan Rusbridger erzählt in diesem Buch die Geschichte eines Amateurpianisten, Gary, dessen Leben sich durch das Hören der Ballade in besagtem Film und die Beschäftigung damit total verändert hat, Gary: „Für mich erzählt Chopin mit dieser ersten Ballade, was er im Leben durchgemacht hat. Er komponierte sie mit Anfang zwanzig und er war, wie viele große Geister, depressiv, suchte nach Glück, und die Ballade, wie du weißt, beginnt zunächst sehr düster, dann versucht er, sich davon zu befreien, und dann geht er zurück in die Depression, in eben dasselbe Thema, nicht wahr? Er schreit nach Glück! Und dann, gegen Ende, heißt es schon fast: `Ich werde mich vom Leben nicht unterkriegen lassen.´ Es geht bravourös über in die Coda, und zum Schluss heißt es: `Ich werde siegen!´ Später erzählt Rusbridger, dass Gary durch dieses zehnminütige Musikstück zurück ins Leben gefunden hat.

 
 
 

 
 
 

Daniel Barenboim äußert in einem Gespräch mit dem Guardianchef, ein großer Wert der Musik liege darin, dass sie uns Werkzeuge an die Hand gebe, uns selber besser zu verstehen, die menschliche Existenz, die Gesellschaft, unsere Lebensweise, den Sinn des Lebens und so weiter. Musik lehre uns, dass es nichts gebe, was der menschlichen Existenz fremd sei …

Über ein Gespräch mit dem Pianisten Murray Perahia erfährt der Autor, dass er als erstes die Gefühlsbotschaft eines Musikstückes verstehen möchte, sie beeinflusse den angestrebten Klang und die grundsätzliche Art, wie man ein Stück spielen sollte. Er verwende oft eine Geschichte, eine Metapher, um zu verstehen, was in den Noten vorgehe. Auch für die Ballade hat Murray eine Geschichte parat (siehe S. 217 ff).

Apropos Geschichte: Alan erzählt die Geschichte, als sich eines Tages die Gruppe Radiohead beim Guardian meldet, sie wolle eine Zeitung herausgeben und die Onlinechefin der Zeitung mit der genialen Idee gekontert habe, ein paar musikalisch begabte Journalisten des Guardian sollten eine Cover-Version des Radiohead-Klassikers “Creep“ einspielen, was auch geschah. Colin Greenwood soll ein äußerst witziges, hinterhältiges Lob auf der Website der Zeitung hinterlassen haben.

In der Mitte des Buches erklärt der Autor auch den Titel des Buches Play it again: „Abgesehen davon, dass ich morgen vielleicht in Casablanca an einem alten Klavier sitze (Alan Rusbridger war unterwegs nach Tripolis, um einen gefangen gehaltenen Journalisten zu befreien), hat der Titel zwei Bedeutungen. Erstens: dass man als Erwachsener zum Klavierspielen zurückfinden kann. Zweitens: dass man nur durch endloses Wiederholen besser wird. Der Journalist in mir erwärmt sich außerdem dafür, dass dieses Zitat verfälscht ist. Bogart hat das so nie gesagt.

Ein wunderbares Buch. Unbedingt zu empfehlen.

P.S. In meinem Plattenschrank befindet sich die Einspielung von Chopins Ballade Nr. 1 in g-Moll, op 23 durch Maurizio Pollini (Doppel CD: Art of Chopin: Sviatoslav Richter u.v.a.)

 
 
 

 

Geschichten aus der Jukebox (4)

 

Die Taste 130 wird gedrückt, die NSA-Musikbox knackt und knistert, der Plattenwagen setzt sich in Bewegung, eine grüne Apfel-Single wird herausgefischt, das Shuresystem fährt heran, nach dem ersten Ton weiß jeder, welche Platte gewünscht wurde,“Imagine“ von John Lennon, B-Seite “It´s so hard.“ Im November 2016 beklagte ich mich an dieser Stelle über den grauenhafter Sound der Box, es quietsche, quäke, eiere, ein Genuss sei etwas anderes. Das Unglück nahm damals seinen Lauf . Klar, dachte sich der Jukebox-Man, die Box war länger nicht gelaufen, das Öl, das an den beweglichen Teilen der Musikbox hafte, die Schmiere sei verharzt, deshalb laufe die Platte nicht rund. Mit dem Haarföhn versuchte ich damals die Dinge in Fluss zu bringen und musste eine große Zahl Singles abschreiben, weil sie durch die Wärme wellig geworden waren. Nun hat diese Geschichte, die sich für den Jukebox-Man, dessen Neben-Geschäft es immerhin ist, Jukeboxen zu betreuen, ja mehr als peinlich darstellt, eine erfreuliche Fortsetzung bekommen. Ich habe in meiner Not den Meister-Jukebox-Man angerufen. Bei ihm hatte ich vor 10 Jahren meine NSA gekauft, er hatte sie in ihre Einzelheiten zerlegt, gerichtet, wieder zusammengebaut, er würde helfen. Und tatsächlich, er kam, in Begleitung seiner Frau. Nach einer ordentlichen Kuchenschlacht und intensiven Gesprächen über Musikboxen ging der Meister ans Werk. Der Plattenwagen wurde ausgebaut, zerlegt, Teile ausgetauscht, geschmiert, wieder eingebaut, Test: David Bowie: “Lets Dance“. Frust: Die Platte eiert, nicht mehr so schlimm, dennoch: so geht das nicht! Meine Theorie mit dem verharzten Öl, so der Meister, würde schon stimmen, aber jetzt sollte die Platte laufen, ob ich Nagellackentferner oder Terpentin hätte. Mit letzterem konnte ich dienen und, oh Wunder, nachdem der Jukebox-Meister die Antriebsrolle gereinigt hatte, war alles gut.

 
 
 

 
 
 

Es sollte noch besser kommen. Der Geldeinwurf sei leider auch defekt, meinte ich kleinlaut, ich hätte keine Idee, das Geld würde einfach durchfallen, ohne dass die Plattenauswahl freigeschaltet würde. Gekonnt nahm der Meister die ganze Geldeinwurfsmechanik heraus, öffnete sie und heraus klimperten D-Markstücke, 50-Pfennigstücke ohne Zahl. Irgendjemand hatte ein 5-Pesetas-Stück eingeworfen und eben dieses war verantwortlich für den ganze Geldstau.

 
 
 

 
 
 

Es sollte noch besser kommen. Der kleinlaute Jukebox-Geselle erzählte natürlich dem Meister von dem Unglück mit den welligen Singles, worauf dieser meinte, das sei kein Problem, seine Singlesammlung enthalte viele doppelte Scheiben, er könne mir fast alle ersetzen.

Ein Woche später brachte der Mann von der Post ein Päckchen, dessen Inhalt hier aufgelistet wird:

 

  • Casey Jones and the Governors: Don´t Ha Ha

  • Christie: Yellow River

  • Simon and Garfunkel: El Condor Pasa

  • Pink Floyd: Another Brick uín the Wall

  • Michel Prolnareff: Gloria

  • Nat „King“ Cole: The Party´s over

  • The Les Humphries Singers: Promised Land

  • Desmond Dekker: You Can Get It If You Really Want

  • The 5th Dimension: Aquarius

 

Und als Zugabe hatte ich mir gewünscht: “China Girl“ von David Bowie. Wow, die Single war auch dabei.

 

P.S. Auf den Fotos sieht man den Plattenwagen, der aus dem Plattenständer die gewünschte Single herausgreift, dann die Geldeinwurfsmechanik und schließlich den Hunderter-Plattenkranz.

P.P.S. Von meinen Jukeboxstandorten höre ich, folgende Platte sei der derzeitige Hit: Diagrams – „Dorothy“.

 
 
 

 

2017 25 Mai

Gregor öffnet seinen Plattenschrank (138)

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„Meine Musik fühle ich als Widerschein von Empfindungen und Erinnerungen. Ich möchte sie immer wieder neu erwecken und meine Seele mit Tönen erzählen lassen.“ (Konstantia Gourzi)

 

Manchmal beschenkt mich mein Plattenschrank. Ehrlich. Nach eines langen Tages Last wollte ich mir vor ein paar Tagen ein Stündchen feine Musik gönnen. Den Plattenschrank vor Augen, fiel mein Blick auf die Abteilung “Tord Gustavsen“, wohlgeordnet standen die CDs des Pianisten vor mir aufgereiht, aber eine, nämlich Restored, Returned, hatte sich verirrt und war zwischen “Paul Giger“ und “Geoprges Gurdjieff“ zu finden, gleich daneben fiel mir noch eine Platte von “Konstantia Gourzi“ auf, Music for Piano an String Quartet. Ein Leben lang sehne ich mich nach Ordnung, wenigstens im Platten- und Bücherschrank sollte im Ansatz Ordnung herrschen. Ich hasse es, wenn ich eine bestimmte Platte hören möchte, sie aber dann erst noch Stunde um Stunde suchen muss oder ich möchte ein bestimmtes Zitat eines Autors nachlesen und besagtes Buch befindet sich im Nirgendwo.

Anyway, Unordnung im Plattenschrank kann den Hörer auch beschenken. Die Platte von “Konstantina Gourzi“ entdeckte ich ja zufällig, weil sich eine “Tord Gustavsen“-Scheibe verirrt hatte. Diese Gourzi-Platte aus dem Jahre 2014 hatte es in eben diesem Jahr auf meine Jahres-Top-Ten geschafft, aber seitdem habe ich, weiß der Teufel warum, diese Scheibe vergessen, nie wieder auch nur ein Stück daraus gespielt. Also stellte ich das Programm für meine Musikstunde auf diese Komponistin um.

Die Musikwissenschaftlerin Ingrid Allwardt schreibt zu der Platte: „Wie lange dauern Fragmente einer Ewigkeit ? Und wie lang der Nachhall eines Augenblicks? Wie klingt eine kleine Geschichte? Diese kleine Geschichte, sagt die Komponistin, „entstand in einem südfranzösischen Urlaubsschloss.

 
 
 

 
 
 

Ich hatte plötzlich eine intensive Wahrnehmung der Natur, die mir in diesem Augenblick so fein und irgendwie in sich sehr verbunden erschien. Für diese Empfindung gab es für mich nur einen einzigen melodischen Ausdruck. Diese kleine Anfangsmelodie wollte zunächst singulär stehen und dann in ihrer Transparenz weiter existieren, ungestört und atmend. Schritt für Schritt gesellten sich andere Elemente hinzu, welche die kleine Melodie anreicherten, ihren ruhigen Fluss jedoch nicht störten. Diese Art vertonter Atmung ist für mich als Komponistin bei der Entstehung von Musik wichtig…“

Und so beginnt die Schallplatte Mit Eine kleine Geschichte, gefolgt von P-ILION, neun Fragmente einer Ewigkeit (Pilio, weit abgelegener Ort in Griechenland, mitten im Wald), mit den Sätzen einatmen, ausatmen, tettix, jasmin, geheimnis, ode, windig, tanz, und nachtblume. Nach dem griechischem Gott der Winde, Aiolos, nennt die Komponistin ein Stück, das sie den Komponisten und Musikern H.L.; G.K.; P.R.; C.A.; D.B. und D.R. widmet, gemeint sind Helmut Lachenmann, György Kurtàg, Peter Raue, Cluadio Abbado, Daniel Barenboim und Dieter Rexroth.

Eine wunderbare Musik, eine ungewöhnliche Musik!

Es musizieren Lorenda Ramou (piano) und das Ensemble Coriolis, bestehend aus Heather Cottrell (violin), Susanna Pietsch (violin), Klaus-Peter Werani (viola) und Hanno Simons (violoncello).

 

 
 
 

Ohne, dass ich es mir groß aufgefallen wäre, hat sich bei mir im Plattenschrank ein Label Raum geschaffen, dass mir außerordentlich gefällt: die Musik, die in der Regel ungewöhnliche Instrumentierung, das Ganze gewagt, neu, erfrischend bis hin zur Aufmachung der CDs, so, als wäre ECM nochmal erschaffen worden, dieses Mal allerdings liegt der Geburtsort nicht in München, sondern in Oslo. Andreas Meland, Chef von Hubro Music, soll ja sogar zeitweise bei Rune Grammofon und auch für ECM gearbeitet haben. Das norwegische Plattenlabel, das inzwischen gut sieben Jahre existiert, stellt sich vor: HUBRO is a record label dedicated to releasing music from the vital Norwegian jazz and improvised music scene. We cherish the album as a physical object. Hubro is a sublabel to Grappa HYPERLINK „http://grappa.no/“Musikkforlag – the no. 1 leading independent record company in Norway. All releases comes with exclusive design by the very talented design group Yokoland.
 
 
 

 
 
 
Auch die Internetseite der Firma (http://hubromusic.com/) kann sich sehen lassen: Ausführliche Plattenbesprechungen; Reviews, Vorstellungen der Musiker; Beschreibungen der CD; Hörbeispiele über Soundcloud; Links zu Spotify, iTunes und Wimp; Erscheinungsdaten für Norwegen und International, was will man mehr. Übrigens Hubro veröffentlicht als CD und als Schallplatte! Bisher befinden sich folgende Werke von Hubro in meinem Plattenschrank: beide bisher veröffentlichten, wirklich ausgezeichneten Werke der Gruppe Building Instrument, deren erste Veröffentlichung den Gruppennamen auch als Titel der Platte trägt (VÖ 2014), es folgte 2016 Kem Som Kan å Leve . Auch Christian Wallumrød ist schon mit zwei CDs zu finden, einmal mit seinem Ensemble, Titel: Kurzsam and Fulger (VÖ 2016) und einmal Solo Christian Wallumrød: Pianokammer (2014). Weitere herausragende Veröffentlichungen: Erlend Apneseth Trio: Det Andre Rom (2016); Erik Honoré: Heliographs (2014); Frode Haltli: Vagabonde Blu (2014). Und freuen dürfen wir uns auf: Phonophani: Animal Imagination (VÖ 9.6.2017) und Michael Pisaro / Håkon Stene & Kristine Tjøgersen: asleep, street, pipes, tones (VÖ 16.6.2017).
 
 
 

 

Was für ein Moment, wenn die neue, noch ungehörte, lang erwartete Schallplatte auf den Plattenspieler gelegt wird und Musik erklingt, die sich noch als viel großartiger erweist als erwartet! Genau das durfte ich gestern wieder erleben. Die Platte war eigentlich so bestellt worden, dass sie am Erscheinungstermin bei mir hätte eintreffen sollen, spätestens aber einen Tag darauf. Nun musste ich fast eine Woche auf die Scheibe warten, weiß der Teufel, was da schiefgelaufen ist. Dadurch wurde allerdings die Vorfreude gesteigert, natürlich auch wegen der Artikel, die hier auf manafonistas.de über die Neuerscheinung bereits veröffentlicht wurden. Die Rede ist natürlich von Ray Davies von den Kinks, der sich mit Americana nach zehn Jahren wieder zurückmeldet. Im Juni wird der wunderbare Sänger und Komponist 73 Jahre alt und, man fasst es kaum, seiner Stimme merkt man das Alter kaum, eigentlich gar nicht an an.

 
 
 

 
 
 

Über den Bezug der Platte zur Biographie des Meisters, die Mitwirkung von Karen Grotberg und The Jayhawks muss hier jetzt nichts wiederholt werden, aber etwas möchte ich schon noch anmerken:

Ehrlich, mich fasziniert das ganze Album, viel mehr noch als die vor einem Jahrzehnt erschienene letzte Platte des Meisters Working Man’s Café und die war auch schon wirklich gut. Americana ist persönlicher, ja, nahezu intim geraten. Wirklich anrührend die Spoken Word-Passagen, die hören sich an, als seien sie mit einem Uher-Report und ziemlich einfachen Mikrophonen aufgenommen worden und dann auch noch sehr nah, ungeheuer direkt gesprochen: besonders schön kann man das bei den Stücken „Silent Movie“ und dem Übergang zu „Rock`n`Roll Cowboy“ hören.

Und dann singt Ray Davies die Einleitung zu einem Song, den wir alle kennen, ganz unbegleitet, ganz allein, auch wieder sehr persönlich und direkt, nur fünf Sekunden lang, zunächst hört man ein Knarzen, etwa so, wie sich eine alte Holztreppe anhört, dann singt Ray Davies eine Zeile aus dem Song, kurz an “All Day And All Of The Night“ (ein Song, der es 1964 bis auf Platz 2 der englischen Hitparade schaffte), es folgt eine kurzes Intro auf einer akustischen Gitarre, das Thema des Songs wird wiederholt, bevor “The Man Upstairs“ beginnt und in “I’ve Heard That Beat Before“ übergeht. Ganz große Klasse! Also diese Platte gehört für mich in die Top 10 des Jahres 2017 und sollte in jedem Plattenschrank zu finden sein. Ich bin begeistert!

 

P.S. Das Foto zeigt einen Ausschnitt aus dem Cover meiner ersten Kinks-LP Face To Face!

 

 
 
 
Mit diesem Plattencover wird noch bis zum 23/04/17 für die Ausstellung Total Records – Vinyl & Fotografie im Berliner Amerikahaus geworben. Vor ein paar Jahren hätte ich noch gedacht, da werden Kunstformen aus einer vergangenen Zeit präsentiert, aber nein, das Blatt hat sich gewendet, die Platten-Industrie handelt einmal wirklich nach den wirtschaftlichen Gesetzen der Bedarfsdeckung und nicht nach denen der Bedarfsweckung (CD!): die Vinylplatte ist seit einiger Zeit wieder da! Die Ausstellung Total Records – Vinyl & Fotografie bleibt aber wesentlich in der Musik- und Fotogeschichte des 20. Jahrhunderts.
 
 
 

 
 
 
Interessant zu sehen, welche Nachahmer “die Vier Männer Auf Einem Zebrastreifen“ hatten (siehe das Cover von „Armitage Road: the heshoo beshoo group“ oder das der „Red Hot Chili Pepers: The Abbey Road EP“) oder zu welcher künstlerischen Zusammenarbeit es gekommen ist, auch, welche Künstler sich der Gestaltung von Plattencovern angenommen haben, etwa Andy Warhol, Robert Rauschenberg und Dieter Roth.
 
 
 

 
 
 
Faszinierend natürlich die Abteilung: Verbotene Plattencover. Unglaublich, was damals so verboten wurde. Die Zensur schlug zu bei zu viel nackter Haut, zu heftige Provokation und Darstellungen von Brutalität. Dran glauben musste etwa “Roxy Music: Country Live“, “The Mamas and The Papas: If you can believe your eyes and ears“, “John Lennon & Yoko Ono: Two Virgins“, um nur drei zu nennen.
 
 
 

 
 
 
Begeistert haben mich die Cover des ersten KRAFTWERK-Albums vom November 1970 (Innenansicht, siehe Foto) und die des John-Cale-Albums: „Academy in Peril“ (Andy Warhol 1972).
 
 
 

 

Plattenausleihen, das ist schon eine schwierige Kiste, aber unter Freunden, na klar, kein Problem. Und wenn dann mal eine Scheibe verloren geht, dann muss man das eben aushalten. Anlässlich des Todes von Niels Henning Orsted Pederson am 19.April 2005 hatte ich sie ausgeliehen, diese wunderbare Duoplatte: Paul Bley & NHOP, allein schon die Titelliste dieser Ausnahmeplatte haut den Liebhaber dieser beiden Musiker aus den Puschen: „Meeting“,“Mating of Urgency“, „Carla“, „Olhos de Gato“, „Paradise Island“, „Upstairs“, „Later“, „Summer“, „Gesture Without Plot“. Im Juni und Juli 1973 wurde die Platte damals aufgenommen (hätte ich das geahnt, damals hatte ich gerade das Abitur hinter mir und von beiden Musikern noch nie gehört). Das herrliche „Olhos de Gato“ wurde von Carla Bley komponiert, „Gesture Without Plot“ von Annette Peacock, alle anderen Stücke schrieb Paul Bley.

 
 
 

 
 
 

Die Freude über den Fund war so groß, dass ich sofort Lust verspürte, einmal zu schauen, ob Paul Bley nochmals mit NHOP eine Platte eingespielt hatte. Meine Erinnerung täuschte mich nicht, diese Platte war die einzige Aufnahme dieser beiden. Allerdings gab es ein Nebenprodukt meiner Suche durch die Paul-Bley-Abteilung meines Plattenschrankes: die erstaunliche Feststellung, dass der Meister mit fast allen mir bekannten Bassisten dieser Welt zusammengespielt hat, Hier meine Liste der Bassspieler, die mit Paul Bley musiziert haben: Percy Heath, Peter Ind, Charles Mingus, Stu Woods, Dick Youngstein, David Holland, Jaco Pastorius, Jesper Lundgaard, Eddie Gomez, Kent Carter, Ron McClure, Bob Cranshaw, Marc Johnson, Jay Anderson, Barre Phillips, Furio Di Castri und natürlich Gary Peacock, Steve Swallow und Charlie Haden. Ja und, man glaubt es kaum, auch Annette Peacock spielte in einer Gruppe um Paul Bley den (electric) Bass und zwar auf Annette and Paul Bley – Dual Unity von 1971.

Was ich noch erzählen wollte, als der Freund die LP wieder gefunden hatte, mussten wir sie sogleich gemeinsam anhören, wenigstens eine Seite. Die Begeisterung war riesig, vor allem auf Seiten des Freundes, sodass ich mich entschloss, ihm besagte Platte gleich nochmal auszuleihen. In diesem Moment entdeckte ich in einer Ecke des Raumes eine mir unbekannte Platte, die ich allerdings zu gerne gehört hätte. Klar, ich bekam sie ausgeliehen, auch das eine wundervolle Platte und, wie es der Zufall will, auch diese Scheibe wurde 1973 aufgenommen, und auch auf dieser Platte spielen Wegbegleiter Paul Bleys eine wichtige Rolle. Die Rede ist von Don Cherry und seiner Relativity Suite mit dem Jazz Composer’s Orchestra (Carlos Ward, Charlie Haden, Ed Blackwell, Sharon Freeman, Paul Motian, Carla Bley, Dewey Redman und anderen).

 
 
 

 
 
 


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