Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Am 13.10.2017 erscheint eine neue CD von Robert Plant, der Titel: Carry Fire. Für mich ein Grund, mich an zweierlei zu erinnern: Zunächst an die wunderbare Zusammenarbeit Plants mit Alison Krauss (2007) auf dem Album Raising Sand. Besonders das Stück Your Long Journey hatte es mir seinerzeit angetan. Michael, entsinne ich mich, hat damals in den Klanghorizonten diesen Titel mit Field-Recordings eingeschlossen, man hörte Regen, Wasserrauschen und Gewitter und dazwischen Robert Plant & Alison Krauss. Großartig. Dann: Ja, und dann steht Robert Plant, mal ganz abgesehen von Led Zeppelin, für meine Entdeckung des Festival au Désert, an dem er 2003 teilgenommen hatte. Seit dieser Zeit verfolge ich die Geschehnisse um dieses Festival. Entwicklt hatte sich das Festival au Désert aus einem traditionellem Tuareg-Fest. 2001 wurde daraus erstmals ein Festival unter Beteiligung von Musikern nicht nur aus Mali, neben den Tuareg waren auch Musiker der Nachbarstaaten beteiligt und dann eben auch internationale Gäste, 2003 zum Beispiel Robert Plant. Unter dem Titel Le Festival au Désert ist dieses Konzert als CD oder DVD käuflich zu erwerben.

 
 
 

 
 
 

Aber was ist aus diesem wunderbaren Wüstenfestival geworden? Ab 2007 wurde es wohl aus Sicherheitsgründen immer schwieriger das Festival stattfinden zu lassen. 2010 organisierte man es am Stadtrand von Timbuktu, ein Jahr später machten islamische Terrorgruppen ein Festival zu einem nicht mehr zu tragendem Risiko. 2014 zog dann das Festival sogar einmal ins Exil, nach Berlin.

2017, so lese ich im The Guardian vom 30.01.2017, hätte es dann wieder in Timbuktu verantstaltet werden sollen, aber „Mali cancels return of famous music festival after al-Qaida attack …“ (The Guardian). In Timbuktu war Musik von den neuen Herrschern verboten worden, deshalb war es so wichtig, mit der Durchführung des Festivals ein kräftiges Zeichen zu setzen. „The festival left Timbuktu because music was forbidden. It was very important for everyone that it should go back“, Ansar (Direktor des Festivals) said. „All the artists I contacted wanted to go. It was the message that was important.“ … „A music producer who has organised concerts all over Mali in spite of security concerns said that the festival in the desert was about far more than just the music – it was about bringing people together, and reconciling past grievances if need be.“ (The Guardian)

 

(Siehe auch die DVD: Woodstock in Timbuktu – Die Kunst des Widerstands)

 

Und die neue Platte von Robert Plant? Naja, manche Stücke erinnern entfernt an Le Festival au Désert, manche an Led Zeppelin, und gefallen mir durchaus, aber überragend oder irgendwie überraschend ist diese Scheibe eher nicht.

1935 wurde er in Campo Santo (Provinz Salta / Argentinien), ein kleiner Ort am Fuße der Anden, geboren. Hierher, ins Tal seiner Kindheit – El Valle de la Infancia (ECM 2014) – sollte er, Dino Saluzzi, im Frühjahr 2013 zurückkehren. Bruder Felix „Cuchara“ ist mit seinem Saxophon und seiner Klarinette dabei und auch seine Söhne José Maria (Gitarre) und Matias (Bass). Erweitert wird die Gruppe durch Quintino Cinalli (Drums, Percussion) und Nicolàs “Colacho“ Brizuela (Classical Guitar). Aufnahmeort ist Buenos Aires.

 
 
 

 
 
 

Die lange Zusammenarbeit mit Manfred Eicher und ECM begann allerdings viel früher, in Ludwigsburg nämlich, im Tonstudio Bauer unter Tonmeister Martin Wieland. In der Nähe von Ludwigsburg, in Stuttgart, wohnte der Meister auch eine Zeit lang. Damals in Stuttgart arbeitend, lernte ich Saluzzi kennen und schätzen. 1982 erschien sein Debutalbum bei ECM: Kultrum. Zu meinen beiden frühen, ebenfalls in Ludwigsburg aufgenommenen Lieblings-Saluzzi-Produktionen, gehören allerdings das 1985 entstandene Werk „Once upon a time – Far away south“, mit Palle Mikkelborg, Charlie Haden und Pierre Favre und Volver (aufgenommen im Herbst 1986), mit dabei dieses Mal Enrico Rava, Harry Pepl (Guitar), Furio Di Castri (Bass) und Bruce Ditmas (Drums).

Once upon a time – Far away south“ zähle ich zu meinen Top-100-Lieblingsplatten, auf ihr finden sich so wunderschöne Kompositionen wie Josè, Valeria and Matias und Far away south. Charlie Haden steuert Silence bei, das er unter eigenem Namen zusammen mit Geri Allen – sie starb am 27.Juni 2017 mit nur sechzig Jahren – und Paul Motian 1988 in Italien in unvergesslicher Weise aufnehmen sollte. Palle Mikkelborg bringt We are the children ein, man hört auf diesem Stück Kinderstimmen, aufgenommen in einer Primary School in Argentinien.

 
 
 

 
 
 

All das ist lange her, doch gerade auf meinem Plattenspieler einmal mehr angehört, verzaubert diese Musik wie beim ersten Hören.

Diese Musik im Ohr, kurz vor Sonnenaufgang in den Wald, besser noch zu einem abgelegenen See mitten im Wald zu gehen, der aufsteigende Nebel, die Dämmerung, das erste Licht … das ist es eigentlich!

 

Am 21., 28. und 31.Juli 2013 erschien hier die Erzählung Der Tag an dem Robert Wyatt im Briefkasten versank (Teil 1-3), eine wahre Geschichte. Im Prinzip ging es um einen Briefkasten in einer Ferienwohnung am Atlantik, zu dem der Schlüssel fehlte. Dieses Jahr hatten wir es in unserer Ferienwohnung mit einem Desaster gegenteiliger Art zu tun:

 
 
 

 

Der 1962 in Paris geborene Christophe Boltanski, Sohn des Soziologen Luc Boltanski, Neffe des Künstlers Christian Boltanski, hat 2015 in Frankreich den Roman La Cache und 2017 in Deutschland das Buch unter dem Titel Das Versteck herausgebracht. Das Versteck findet sich in einem Haus in der Rue de Grenelle in Paris. Der Autor lebte dort mit seinen Großeltern ab seinem dreizehnten Lebensjahr. Die Räume als Ausgangspunkt nehmend, erzählt Christophe Boltanski die Geschichte seiner Familie. Höhepunkt des autobiographischen Romans stellt natürlich der titelgebende Raum, der Zwischen-Raum, Das Versteck, dar. Während der deutschen Besatzungszeit in Frankreich des Dritten Reiches, als auch noch die letzten Juden den Nazis ausgeliefert wurden, verlässt der jüdische Großvater des Autors eines Tages, nachdem er sich zuvor offiziell von seiner Frau hat scheiden lassen, unter lautem Geschrei, Streit vortäuschend, die Wohnung und war zwanzig Monate nicht mehr gesehen. Heimlich in die Wohnung zurückgekehrt, verbrachte der Großvater diese Monate in einem winzigem Zwischen-Raum… „ohne Spaziergang, nicht einmal hinter Gittern. Nur ein paar Meter Zelle zum Laufen. Kein durch Gitterstäbe hindurch zu betrachtender Himmel. Abgesondert. Ohne Besuchszimmer. In der Stille eingemauert. Niemand, mit dem er sich austauschen könnte, außer seiner Frau, seinem Gegenstück, zu der er nachts zurückkehrt, sobald die Kinder eingeschlafen sind. …“. Ein großartiges Buch!

 
 
 

 
 
 

Franscoise Frenkel , geboren am 14.Juli 1889 in Polen (Piotrkòw), gestorben am 18.Januar 1975 in Frankreich (Nizza), flieht als polnische Jüdin 1939 aus Nazideutschland nach Frankreich, dort gelingt ihr 1943 die Flucht in die Schweiz. Hier schreibt sie sogleich ihre Erinnerungen nieder. Unter dem Titel Rien où poser sa tête erscheint das Buch 1945 in Paris und gerät in Vergessenheit. Vor ein paar Jahren tauchte auf einem Flohmarkt in Nizza ein Exemplar des Werkes auf und fand so 2015 den Weg zu einer Wiederveröffentlichung. Inzwischen wurde das Buch ins Deutsche übersetzt und ist unter dem Titel „Nichts, um sein Haupt zu betten“, um ein Vorwort von Patrick Modiano erweitert, im Hanser-Verlag erschienen. Die Autorin beschreibt zunächst, wie sie mit viel Elan und Begeisterung 1929 die erste französische Buchhandlung in Berlin eröffnet und erfolgreich führt. Ab 1939 geht dann nichts mehr, die Buchhändlerin muss fliehen, zunächst nach Frankreich, aber auch hier wird das Leben immer unsicherer, also versucht sie die Flucht in die Schweiz. Zweimal misslingt das Unterfangen, aber dann schafft sie es. Nach 1945 führt sie ihr Weg nach Nizza, wo sie dann auch 1975 stirbt. Über die Zeit zwischen der Veröffentlichung ihrer Erinnerungen und ihrem Todesdatum 1975 wissen wir so gut wie nichts, aber, was für ein Glück, dass ihr einziges Buch gefunden und wieder veröffentlicht wurde. Tief beeindruckt haben mich die zahllosen Erzählungen von selbstloser Hilfsbereitschaft, von denen Franscoise Frenkel zu berichten weiß. „Es ist Pflicht der Überlebenden, Zeugnis abzulegen, damit die Toten nicht vergessen, noch Hilfsbereitschaft und Aufopferung Unbekannter missachtet werden. Mögen diese Seiten“, schreibt die Autorin, „ein ehrenvolles Gedenken an jene wecken, die für immer verstummt sind, unterwegs vor Erschöpfung gestorben oder ermordet. Ich widme dieses Buch den MENSCHEN GUTEN WILLENS, die hochherzig, mit unermüdlicher Tapferkeit, ihren Willen der Gewalt entgegengestellt und Widerstand geleistet haben bis ans Ende.“

 
 
 

 
 
 

P.S. Und? Ja, endlich gelesen, mit größtem Interesse und Vergnügen: Das Cafè der Existenzialisten von Sarah Bakewell. Vor ziemlich genau einem Jahr wurde dieses wunderbare Buch hier vorgestellt, in diesem Sommer nun konnte ich es endlich lesen und kann es ebenfalls nur weiterempfehlen.

 

Beide wären im gerade vergangenen Juli 90 Jahre alt geworden, wären sie denn noch beide am Leben, allein: er starb schon 2004 bei einem Autounfall, am 29.7.2017 hätte er Geburtstag gehabt, sie aber lebt und feierte ihren Geburtstag am 15.Juli. Ob es wohl zur Feier des Tages den legendären Rehbraten mit Spätzle gab, den Marlies Brunner-Schwer so gerne den Jazzmusikern nach getaner Arbeit in den weltbekannten SABA/MPS-Studios kredenzte?

Ihr verstorbener Mann, Hans-Georg Brunner-Schwer, war einst die Tonmeisterlegende und der Technikfreak aus der SABA-Dynastie. SABA, das Wort allein verströmt Wundervolles, Märchenhaftes, vor allem dann, wenn man bedenkt, was diese Firma seit den 1920er Jahren für Radiogeräte produziert hat. Mein schönstes und sicher wertvollstes SABA-Radio ist das SABA-Freiburg, es wurde ab 1955/56 gebaut, verfügt über 12 Röhren, 4 Lautsprecher, eine Fernbedienung und – tatsächlich – einen Sendersuchlauf. Dieses Meisterwerk kostete damals 679,00 DM.
 
 
 

 
 
 
Wenn man allerdings erfährt, was die Abkürzung SABA nun wirklich bedeutet, nämlich Schwarzwälder Apparate-Bau-Anstalt August Schwer Söhne GmbH, ist es mit dem Zauber doch eher vorbei.

Vergessen wir das schnell wieder und lassen uns das Wort SABA auf der Zunge zergehen. Hier in Villingen, im Schwarzwald, wurde auch die Königin von SABA, gebaut. Dieser Rolls Royce unter den Musiktruhen hat sicher Max Grundig vor Neid erblassen lassen. Späte Rache: 1986 erwarb der Industrielle für 150 Millionen DM die Bühlerhöhe und ließ das Anwesen zum Luxushotel umbauen. Fortan konnte er auf die SABA-Werke hinunterschauen, die allerdings zu dieser Zeit schon längst dem französischen Thomson-Konzern gehörten.

Zurück zur Königin von SABA – die Maße: 1840 x 1070 x 530 mm, in diesem ab 1956 gebauten Möbelstück sind ein Fernsehgerät Schauinsland T 605, ein Radio Freiburg Automatic 7, ein Plattenwechsler Dual 1003 und ein Tonbandgerät AEG KL65 eingebaut. Preis 1956 einschließlich Tonbandgerät 4895 DM. Zum Vergleich, ein Standard-VW-Käfer kostete in dieser Zeit 3750 DM.

Die eigentliche Leidenschaft Hans-Georg Brunner-Schwers war allerdings sein Tonstudio. Hier fanden sagenumwobene Hauskonzerte statt, Oscar Peterson war gern gesehener Gast, aber auch Herb Ellis, Ray Brown, Hans Koller, Stephane Grappeli, Volker Kriegel, George Duke, Martial Solal, Rolf Kühn u.v.a. Sie alle waren verblüfft von der Aufnahmequalität, die Hans-Georg Brunner-Schwer schon zu dieser Zeit erreichen konnte. Das Tonstudio MPS kann mit Sicherheit als eines der Vorläuferstudios von Tonstudio Bauer (Ludwigsburg) und dem RainbowStudio (Oslo) bezeichnet werden.

Zum Geburtstag der beiden Brunner-Schwers entnehme ich meinem Plattenschrank eine schon etwas vergilbte Schallplatte von 1974, aufgenommen im Oktorber 1971 at MPS-Studio in Villingen by Hans-Georg Brunner-Schwer: es musizieren Oscar Peterson, N.H.O. Pederson und Louis Hayes. Diese drei spielen in Hochform: Younger Than Springtime; Where Do We Go From Here; Soft Winds; Just Squeeze me; On The Trail; Wheatland. Nach den Aufnahmen gab es mit Sicherheit Rehbraten mit Spätzle, gereicht von Marlies Brunner-Schwer. Und ich staune, wie toll sich diese Platte nach 46 Jahren noch anhört.

 
 
 

 

So listen to the silence. Once all other external sounds cut out, there´s no more escaping from yourself. The late John Cage put it like this: “ … sounds (which are called silence only because they do not form part of a musical intention) may be depended upon to exist. The world teems with them, and is, in fact, at no point free of them. He who has entered an anechoic chamber, a room made as silent as technologically possible, has heard these two sounds, one high, one low – the high the listener´s nervous system in operation, the low his blood in circulation. There are, demonstrably, sounds to be heard and forwever, given ears to hear.“

Silence marks the escape route through the self into a infinity of sounds. And this infinity finds its echo in what Gaston Bachelard, author of The Poetics of Space, discribed as the „intimate immensity“ that lies just beyond the immediate world. „Immensnsity is within ourselves“, he wrote. Ìt is attached to a sort of expansion of being that life curbs and caution arrests, but which starts again when we are alone. As soon as we become motionless, we are elsewhere: we are dreaming in a world that is immense. Indeed, immensity is the movement of motionless man … Always elsewhere. Driftworks resonates such inimate immensity.

 

(Zitiert nach den Liner Notes aus der CD-Box Driftworks)

 
 

 
 
 

Nun ist endlich auch klar, welch grandioses Werk heute aus meinem Plattenschrank endlich einmal wieder ans Tageslicht geholt wird. Es ist fast genau 20 Jahre her, ja es war 1997, da brachte Big Cats Records eine Vier-CD-Box heraus. Je eine CD des in Australien geborenen Paul Schütze, stateless, eine zweite nahm der Dortmunder Thomas Köner auf, Nuuk, die dritte kommt aus Japan, Nijiumu, der Komponist: Keiji Haino. Bleibt noch die vierte zu erwähnen: Pauline Oliveros & Randy Raine-Reusch, der Titel der Platte In The Shadow of the Phoenix. Von Pauline Oliveros, die eine US-amerikanische Komponistin und Akkordeonistin war und im November letzten Jahres starb, ging es ja erst kürzlich in dem Beitrag von Uli Koch zu Insect Music.

Diese einmalige CD-Box, die hoffentlich eines Tages wiederveröffentlicht wird – im Moment ist sie nur für einen riesigen Batzen Geld zu haben – trägt einen buchstäblich fort, man driftet ins Ungewisse, lässt sich irgendwohin treiben, ins Offene, eine musikalische Reise ohne Geländer.

 
 
 

 

Neu im Plattenschrank

 

Am 26.Juni las ich es in der Süddeutschen Zeitung, da hätten Francois Le Xuan von Saga Jazz und Fred Thomas von Sam Records in einer Sammlung des Unterwasserfilmers und Jazzliebhabers Laurent Guenoun in einen Stapel Bänder, auf denen die Worte „Thelonious Monk“ standen, einen sensationellen Fund gemacht, sie hätten Studioaufnahmen von Monks einziger Filmmusik ausgegraben, die der Meister einst 1959 für Roger Vadims Film „Les liaisons dangereuses“ eingespielt hätte. Natürlich habe ich mir sofort die Scheibe bei dem Händler meines Vertrauens bestellt und bin, wie könnte es anders sein, begeistert, allerdings auch überrascht: Am 27. Juli 1959 spielten Charlie Rouse, Barney Wilen, Sam Jones, Art Taylor und Thelonious Monk diese Musik im New Yorker Nola Penthouse Sound Studio ein und der Hörer dieser Aufnahmen darf nun, 58 Jahre später, nicht nur mit Hochgenuss dem Orginal-Soundtrack, sondern auch der Entstehung dieser Musik lauschen. Das wird besonders schön an dem Stück “Light Blue“ deutlich, das sich in drei Versionen auf dieser Doppel-CD findet. In der über Vierzehn-Minuten-Version dieses Stückes findet sich der Hörer im Probenraum des Quintets wieder.

 
 
 

 
 
 

Heute erschien eine Platte, auf die ich mich schon seit einem Jahr freue. Vor gut einem Jahr schrieb ich hier (Plattenschrank 114) von einem faszinierendem Charles-Lloyd-Konzert, das in Tübingen am 8.Juli stattfand. Charles Lloyd kam gerade vom Montreux-Jazz-Festival, das damals Jahr sein 50jähriges Jubiläum feierte. Kurze Zeit später wurde ebendieses Konzert auf dem Schweizer Radiosender DRS ausgestrahlt und trotz aller in meiner Wohnung verstreuten Erinnerungszettel, hatte ich vergessen, dieses Konzert mitzuschneiden. Ich hätte in den Tisch beißen können vor Ärger. Nun, ein Jahr später wird wenigstens eine Live-Aufnahme von diesem Konzert veröffentlicht, ergänzt durch Live-Aufnahmen aus dem Lensic Theater, Santa Fe New Mexico.

Die Besetzung (wie in Tübingen und Montreux): der Pianist Jason Moran, der Bassist Reuben Rogers und der Schlagzeuger Eric Harland.

 
 
 

 

Es ist gar nicht lange her, da rief mich der Wirt meiner Hörnumer Lieblingskneipe an – ja, genau, die Wirtschaft, in der die herrliche Wurlitzer-Jukebox steht – erzählte zunächst Neuigkeiten von der Insel, kam dann aber recht flott auf Musik zu sprechen: wann denn endlich die neue Jeff Tweedy “Together At Last“ zu haben sei, er hätte den Song “I´Am Trying To Break Your Heart“ daraus gehört und wäre aber auch sowas von begeistert. Die Platte gäbe es seit dem 23.Juni konnte ich ihm verraten und damit glücklich machen. Diese Scheibe mit 11 Akustik-Versionen von zumeist bekannten Stücken des Musikers ist aber auch wirklich großartig. (Was für ein Zufall, dass Michael auch gerade über die Scheibe geschrieben hat …)

 
 
 

 
 
 

Ob ich von der Band Scott Bradlee´s Postmodern Jukebox schon gehört hätte? Klar doch, diese Musik sei aber, ehrlich jetzt, nicht unbedingt meine Richtung. Er darauf, ob mich mich nicht entsinnen könne, wie ich geschimpft hätte, dass Manfred Eicher mit dem Gitarristen Dominic Miller eine Platte aufgenommen hätte, und?, Was wäre dann gewesen? Ja, genau, kleinlaut hätte ich zugeben müssen, dass diese Scheibe doch richtig gut sei. Ich solle jetzt mal nicht so sein und mir von dieser Band Scott Bradlee´s Postmodern Jukebox das Stück „All About That Bass“ aus dem Album “Historical Misappropriation“ aus dem Jahr 2014 anhören, am besten solle ich doch besser die ganze Platte genießen. Natürlich folgte ich dem Rat des Freundes. Also, da werden Hits im Gewand historischer Jazzarrangements gecovert und das gelingt manchmal richtig gut, etwa mit dem Stück “All About That Bass“, okay, die Stücke sonst überzeugten mich weniger. Aber mein Wirt war noch nicht fertig, da, meinte er, hätte er doch gehört, dass die Beach Boys eine neue Platte herausbringen würden. Das wüsste ich aber, konterte ich, doch, doch, ich solle mich mal kundig machen. Habe ich getan: Beach Boys Collection 1967 – Sunshine Tomorrow erscheint am 30.06. auf einer Doppel-CD mit insgesamt 67 Titeln. Dabei ist eine remasterte Version der LP “Wild Honey“, Studioaufnahmen zu den Sessions zu “Wild Honey“ und „Smiley Smile“ sowie Konzertmitschnitte.

 
 
 

 
 
 

Nun wollte ich aber auch noch einen Tipp, speziell für diese wunderbare Kneipe am Meer loswerden. Ich sagte zu dem Wirt meiner Hörnumer Lieblingskneipe, er müsse sich unbedingt zwei Platten des Penguin Café Orchstra anschaffen (wenn er sie nicht schon hätte), die eine “The Imperfect Sea“, die andere zusammen mit Kathryn Tichell “Laudau“, dann solle er sich bei Sonnenuntergang auf einen der Stühle vor seiner Wirtschaft mit einem Glas kühlen Weißwein so hinsetzen, dass er das Meer und am Horizont Amrum sehen könne, nun solle er einen Mitarbeiter von jener CD “Half Certainty“ und von dieser “Landau“ auflegen lassen. Und nun genießen. Dann hätte er keine Fragen mehr.

Leider kam ich nicht mehr dazu den befreundeten Wirt zu fragen, was so in der Box am häufigsten gedrückt würde, die Arbeit rief. Das nächste Mal dann!

 
 
 

 

479 Seiten hat das Buch, es ist kein Roman, kein Kriminalroman, keine Biographie, am ehesten vielleicht noch so etwas wie ein Tagebuch. Eigentlich geht es um ein Musikstück, um Chopins Ballade Nr. 1 in g-Moll, op 23, einem Klavierstück, das gemeinhin als eines der am schwierigsten zu spielenden Klavierwerke überhaupt gilt. Der Chefredakteur des britischen Guardian, Alan Rusbridger, Amateurpianist, hatte sich für die Jahre 2010, 2011 vorgenommen, besagte Ballade zu erlernen. Um den Lernweg geht es in diesem unglaublichen Buch. Es erschien unter dem Titel Play It Again – Ein Jahr zwischen Noten und Nachrichten (Zürich 2015). Nun waren die Jahre 2010/2011 für den Guardian aufregende Jahre, die WikiLeaks-Dokumente wurden veröffentlicht, außerdem wurden die Abhörskandale der britischen Presse (verquickt mit Polizei und Geheimdienste) aufgedeckt und veröffentlicht, was zur Einstellung der News of the Wolrd führte. Wie kann der Hauptverantwortliche dieser Zeitung Zeit und Muße, Kraft und Energie aufbringen dann auch noch so nebenbei dieses schwierige Musikstück zu üben und zu einer gewissen Vorführbarkeit zu bringen? Das ist eines der Themen dieses Buches, ein anderes die Arbeit eines Zeitungschefs in solch einer turbulenten Zeit, ein drittes, wie sich beides gegenseitig bedingt, ein viertes das Kennenlernen dieser Ballade in allen Einzelheiten u.v.a. mehr. Nebenbei werden aber auch Gespräche über die Ballade mit Pianisten, z.B. Alfred Brendel, Murray Perahia oder Daniel Barenboim wiedergegeben. Und der Leser lernt ungeheuer viel über Musik und die Wirkung, die Musik auf uns Menschen ausübt. Zur Erinnerung, hier geht es um ein Musikstück das spätestens mit Roman Polanskis Film Der Pianist einem größerem Hörerkreis bekannt gemacht wurde. Alan Rusbridger erzählt in diesem Buch die Geschichte eines Amateurpianisten, Gary, dessen Leben sich durch das Hören der Ballade in besagtem Film und die Beschäftigung damit total verändert hat, Gary: „Für mich erzählt Chopin mit dieser ersten Ballade, was er im Leben durchgemacht hat. Er komponierte sie mit Anfang zwanzig und er war, wie viele große Geister, depressiv, suchte nach Glück, und die Ballade, wie du weißt, beginnt zunächst sehr düster, dann versucht er, sich davon zu befreien, und dann geht er zurück in die Depression, in eben dasselbe Thema, nicht wahr? Er schreit nach Glück! Und dann, gegen Ende, heißt es schon fast: `Ich werde mich vom Leben nicht unterkriegen lassen.´ Es geht bravourös über in die Coda, und zum Schluss heißt es: `Ich werde siegen!´ Später erzählt Rusbridger, dass Gary durch dieses zehnminütige Musikstück zurück ins Leben gefunden hat.

 
 
 

 
 
 

Daniel Barenboim äußert in einem Gespräch mit dem Guardianchef, ein großer Wert der Musik liege darin, dass sie uns Werkzeuge an die Hand gebe, uns selber besser zu verstehen, die menschliche Existenz, die Gesellschaft, unsere Lebensweise, den Sinn des Lebens und so weiter. Musik lehre uns, dass es nichts gebe, was der menschlichen Existenz fremd sei …

Über ein Gespräch mit dem Pianisten Murray Perahia erfährt der Autor, dass er als erstes die Gefühlsbotschaft eines Musikstückes verstehen möchte, sie beeinflusse den angestrebten Klang und die grundsätzliche Art, wie man ein Stück spielen sollte. Er verwende oft eine Geschichte, eine Metapher, um zu verstehen, was in den Noten vorgehe. Auch für die Ballade hat Murray eine Geschichte parat (siehe S. 217 ff).

Apropos Geschichte: Alan erzählt die Geschichte, als sich eines Tages die Gruppe Radiohead beim Guardian meldet, sie wolle eine Zeitung herausgeben und die Onlinechefin der Zeitung mit der genialen Idee gekontert habe, ein paar musikalisch begabte Journalisten des Guardian sollten eine Cover-Version des Radiohead-Klassikers “Creep“ einspielen, was auch geschah. Colin Greenwood soll ein äußerst witziges, hinterhältiges Lob auf der Website der Zeitung hinterlassen haben.

In der Mitte des Buches erklärt der Autor auch den Titel des Buches Play it again: „Abgesehen davon, dass ich morgen vielleicht in Casablanca an einem alten Klavier sitze (Alan Rusbridger war unterwegs nach Tripolis, um einen gefangen gehaltenen Journalisten zu befreien), hat der Titel zwei Bedeutungen. Erstens: dass man als Erwachsener zum Klavierspielen zurückfinden kann. Zweitens: dass man nur durch endloses Wiederholen besser wird. Der Journalist in mir erwärmt sich außerdem dafür, dass dieses Zitat verfälscht ist. Bogart hat das so nie gesagt.

Ein wunderbares Buch. Unbedingt zu empfehlen.

P.S. In meinem Plattenschrank befindet sich die Einspielung von Chopins Ballade Nr. 1 in g-Moll, op 23 durch Maurizio Pollini (Doppel CD: Art of Chopin: Sviatoslav Richter u.v.a.)

 
 
 

 

Geschichten aus der Jukebox (4)

 

Die Taste 130 wird gedrückt, die NSA-Musikbox knackt und knistert, der Plattenwagen setzt sich in Bewegung, eine grüne Apfel-Single wird herausgefischt, das Shuresystem fährt heran, nach dem ersten Ton weiß jeder, welche Platte gewünscht wurde,“Imagine“ von John Lennon, B-Seite “It´s so hard.“ Im November 2016 beklagte ich mich an dieser Stelle über den grauenhafter Sound der Box, es quietsche, quäke, eiere, ein Genuss sei etwas anderes. Das Unglück nahm damals seinen Lauf . Klar, dachte sich der Jukebox-Man, die Box war länger nicht gelaufen, das Öl, das an den beweglichen Teilen der Musikbox hafte, die Schmiere sei verharzt, deshalb laufe die Platte nicht rund. Mit dem Haarföhn versuchte ich damals die Dinge in Fluss zu bringen und musste eine große Zahl Singles abschreiben, weil sie durch die Wärme wellig geworden waren. Nun hat diese Geschichte, die sich für den Jukebox-Man, dessen Neben-Geschäft es immerhin ist, Jukeboxen zu betreuen, ja mehr als peinlich darstellt, eine erfreuliche Fortsetzung bekommen. Ich habe in meiner Not den Meister-Jukebox-Man angerufen. Bei ihm hatte ich vor 10 Jahren meine NSA gekauft, er hatte sie in ihre Einzelheiten zerlegt, gerichtet, wieder zusammengebaut, er würde helfen. Und tatsächlich, er kam, in Begleitung seiner Frau. Nach einer ordentlichen Kuchenschlacht und intensiven Gesprächen über Musikboxen ging der Meister ans Werk. Der Plattenwagen wurde ausgebaut, zerlegt, Teile ausgetauscht, geschmiert, wieder eingebaut, Test: David Bowie: “Lets Dance“. Frust: Die Platte eiert, nicht mehr so schlimm, dennoch: so geht das nicht! Meine Theorie mit dem verharzten Öl, so der Meister, würde schon stimmen, aber jetzt sollte die Platte laufen, ob ich Nagellackentferner oder Terpentin hätte. Mit letzterem konnte ich dienen und, oh Wunder, nachdem der Jukebox-Meister die Antriebsrolle gereinigt hatte, war alles gut.

 
 
 

 
 
 

Es sollte noch besser kommen. Der Geldeinwurf sei leider auch defekt, meinte ich kleinlaut, ich hätte keine Idee, das Geld würde einfach durchfallen, ohne dass die Plattenauswahl freigeschaltet würde. Gekonnt nahm der Meister die ganze Geldeinwurfsmechanik heraus, öffnete sie und heraus klimperten D-Markstücke, 50-Pfennigstücke ohne Zahl. Irgendjemand hatte ein 5-Pesetas-Stück eingeworfen und eben dieses war verantwortlich für den ganze Geldstau.

 
 
 

 
 
 

Es sollte noch besser kommen. Der kleinlaute Jukebox-Geselle erzählte natürlich dem Meister von dem Unglück mit den welligen Singles, worauf dieser meinte, das sei kein Problem, seine Singlesammlung enthalte viele doppelte Scheiben, er könne mir fast alle ersetzen.

Ein Woche später brachte der Mann von der Post ein Päckchen, dessen Inhalt hier aufgelistet wird:

 

  • Casey Jones and the Governors: Don´t Ha Ha

  • Christie: Yellow River

  • Simon and Garfunkel: El Condor Pasa

  • Pink Floyd: Another Brick uín the Wall

  • Michel Prolnareff: Gloria

  • Nat „King“ Cole: The Party´s over

  • The Les Humphries Singers: Promised Land

  • Desmond Dekker: You Can Get It If You Really Want

  • The 5th Dimension: Aquarius

 

Und als Zugabe hatte ich mir gewünscht: “China Girl“ von David Bowie. Wow, die Single war auch dabei.

 

P.S. Auf den Fotos sieht man den Plattenwagen, der aus dem Plattenständer die gewünschte Single herausgreift, dann die Geldeinwurfsmechanik und schließlich den Hunderter-Plattenkranz.

P.P.S. Von meinen Jukeboxstandorten höre ich, folgende Platte sei der derzeitige Hit: Diagrams – „Dorothy“.

 
 
 

 


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