Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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In einem winzigen Laden stellt er Bilderrahmen her. Er weiß, er ist sterbenskrank, ohne Hoffnung. Von seinen Sorgen, wie Frau und Kind ohne ihn auskommen könnten, wenn er diese Welt wird verlassen müssen, wird er eines Tages von einem verlockendem Angebot entlastet: er soll einen Auftragsmord ausführen. Von seinem Lohn könnte seine Familie sorgenfrei leben.

 
 
 

 
 
 

Die Rede ist von Wim Wenders und seiner Verfilmung des Patricia Highsmith-Romans Ripley’s Game oder Der amerikanische Freund. Vor fast 40 Jahren war das, 1977, da wurde dieser spannende Streifen gedreht. Der junge Bruno Ganz spielte Jonathan Zimmermann, den Rahmenmacher, Dennis Hopper Tom Ripley, einen zwielichtigen Geschäftsmann.

Keine Ahnung, es muss Jahrzehnte her sein, dass ich diesen wunderbaren Film gesehen habe. Mit dem Road-Movie „Im Laufe der Zeit“ (1976) hatte ich Wim Wenders kennengelernt, dann ein Jahr später „Der amerikanische Freund“. Vor ein paar Tagen sah ich diesen Streifen erneut, aber ganz anders. Nie war mir die wunderschöne Jukebox in jener Bar aufgefallen, auch nicht der fantastische Trans Europ Express (TEE), in dem große Teile des Films spielen. (Im Eisenbahnmuseum der Stadt Horb (in Schwarzwaldnähe) kann man TEE der Baureihe 601/602 bewundern.)

 
 
 

 
 
 

Vor allem eines hat mich fast umgehauen, gibt es doch im Film eine Szene, in der die Plattenhülle der Kinks-Platte Face to Face nicht nur gezeigt wird, nein, Bruno Ganz, bzw. Jonathan Zimmermann, legt diese LP auch auf seinen Plattenwechsler und spielt „Too Much on My Mind“. Als ich mir diese Langspielplatte von meinem Taschengeld kaufen konnte, war ich dreizehn Jahre alt, einen Plattenschrank gab es noch nicht und brauchte es auch nicht, noch nicht einmal eine Kiste hätte gefüllt werden können, höchstens zehn LPs konnte ich damals mein eigen nennen. Es gab schließlich eine Preisbindung, die LP kostete 21 Mark, die Single 4,75DM. Übrigens: alle Bilder dieses Beitrages habe ich von meinem LOEWE abfotografiert, deshalb das leichte Flimmern, aber das hat doch was …

 
 
 

 
 
 

(Mehr zu der LP Face to Face von den Kinks siehe Plattenschrank Nr.74 vom 29.06.2014).

 

 
Wenn der Tempo mit dem Jukebox-Man kommt …
 
 

Die Geschichte glaubt mir ja doch keiner. Egal, ich erzähle sie trotzdem. Ende März war ich mal wieder mit dem Tempo unterwegs: Hochsaison, die Jukeboxen meiner Kunden müssen aus ihrem Winterschlaf geweckt werden, da kann es schon die eine oder andere böse Überraschung geben – als mich eine Nachricht von einem befreundeten Wirt M, der eine traumhafte Kneipe an der Nordsee führt, erreichte. Auf seiner NSM City stimme irgendetwas mit den Anzeigeleuchten nicht (siehe Foto), ich möge vorbeikommen, aber schnell, meinte er. Mist, das Problem dieser Box ist mir wohlbekannt, die Leuchtkette ganz schlecht zu bekommen, noch dazu sündteuer, das schrieb ich ihm. Okay, seine Antwort: „Du kommst bitte trotzdem, um überhaupt mal der Box einen Frühjahrscheck zu verpassen und, damit wir mal ein wenig mehr Zeit haben, bleibst du bitte über Nacht: Überraschung!“

 
 
 

 
 
 

Weiß der Teufel, was mir da bevorstehen sollte, ich hatte Zeit und Lust, also nichts wie hin, an die Nordsee. M hatte seine Wirtschaft noch nicht geöffnet, am 15.04. sollte das Eröffnungsfest starten.

Okay, zuerst die Arbeit: am Abend dann hatte M köstlich gekocht, es gab besten Rotwein. Man stelle sich vor, zu zweit allein im Gastraum, alles für die nahende Saison geputzt, die NSM, außer den Anzeigenleuchten, im Bestzustand; M hatte zur Einweihung der überholten Box Fleetwood Mac, The Doobie Brothers, Chris Andrews und Don McLean gedrückt. Dann bat M mich in ein Zimmer oberhalb der Kneipe, ich wusste gar nicht, dass er dort noch eines hatte und meinte, als wir vor der geheimnisumwitterten Türe standen, da drinnen wäre die Überraschung, aber bitte, ich solle mir doch zunächst mein Zimmer, in dem ich nächtigen sollte, ansehen. Am Ende des Flurs lag das von ihm so genannte Brian Wilson-Gästezimmer. Wo man nur hinschaute, gab es Interessantes zu sehen: hier die große Smile-Box der Beach Boys, dort eine alte Eintrittskarte für ein legendäres Konzert, dann wieder ein Bildband zum Anschauen, bevor einem die Augen zufallen würden. Ein verrückter Kerl, dieser M, und dann noch der Osterhase auf dem Nachttisch, zum nächtlichen Knabbern gedacht.

Dann die Überraschung, M öffnete die Tür zu einem Studio, wie ich es noch nie gesehen habe. Ich hatte Platz zu nehmen, auf einem genau gekennzeichneten Punkt, wegen des optimalen Sounds, dann hieß es Klappe halten und Musik hören. Das mit dem „Klappe halten“ musste selbstredend nicht gesagt werden, tauchte ich doch in einen so himmlischen, nie gehörten, nie geahnten Sound ein, unfassbar, unglaublich, unerhört bzw ungehört: Das Programm das M zusammengestellt hatte:

 
 

  • Sonny Rollins: Way Out West (Aufnahme 1957, man fasst es nicht! Platte sofort gekauft, riesig!)
  • Keith Jarrett: Book of Ways (steht in meinem Plattenschrank, aber nie so auch nur im Ansatz gehört)
  • Muddy Waters: Folk Singer (dito)
  • Miles Davis: Kind of Blue (Sonderversion als Doppel-45rpm-LP in der Schmuckbox mit großformatigem Textbegleitheft) M musste dann den Riemen des Plattenspielers umlegen, um 45rpm zu bekommen…
  • King Crimson: Islands 5:1 surround mix Steven Wilson (sic, die vorletzten Klanghorizonte)
  • Talking Heads: Stop Making Sense (blu-ray movie, 5:1) (das hätte D. Mitchell umgehauen)
  • Don Cherry and Ed Blackwell: El Corazon
  • Caravan: In the land of grey and pink (Platte habe ich sofort bestellt, großartig)

 
 
 

 
 
 

Am späten Abend lud M ins „electric cinema“ ein. Das Studio verwandelte sich in ein Kino der Sonderklasse. Schnurrend senkte sich die Leinwand herab, ein Hochleistungs-Beamer von der Sorte „Preis auf Anfrage“ nahm seine Arbeit auf, der Ton kam natürlich über die Anlage, gesehen wurde It Follows von David Mitchell (anderer Mitchell natürlich!).

Nie hätte ich gedacht, dass man so Musik hören kann, in der Art Filme schauen kann. Was für eine Erfahrung. Ohne Werbung machen zu wollen, hier die Liste der Maschinen, die dieses Hörwunder vollbracht haben: Die Schaltzentrale von Trinnov Amethyst; die Aktivlautsprecher vorne von Manger Audio; hinten zwei Aktivboxen von Abacus (als Subwoofer/Basskontrolle); der Plattenspieler: VPI Prime und der Tonabnehmer: Goldnote Machiavelli; Phonovorstufe: Moon 310LP / 320S und der CD, DVD, Audio, Blu-ray, SACD Allesfresser: OPPO BDP 103.

Was sich doch für Schätze über einer normalen Jukebox-Kneipe verbergen. M sei für diese Hörerfahrung herzlichst gedankt.

Musik im Roman „Die Knochenuhren“ von David Mitchell (Teil 2)

 

In den nächsten Kapiteln werden nur noch wenige Interpreten und/oder Musiktitel erwähnt. Im vierten Kapitel, das von 2015 bis 2020 reicht, wird allgemein Musik von und mit Stan Getz genannt, Leonard Cohen spielt „Dance Me To The End Of Love“ und Vangelis „Chariots of Fire“. Wir hören aber auch Musik von Bonnie „Prince“ Billy und Maria Callas singt „Casta Diva“.

Im fünften Kapitel, dem umfangreichsten des Buches, dessen Handlung vom 1. bis zum 7. April des Jahres 2025 reicht, wird Toru Takemitsu und seine Komposition „From Me Flows What You Call Time“ erwähnt. Erzählerin dieses Kapitels ist Dr.Iris Mariunus-Fenby, eine Ärztin. Sie steigt aus ihrem Auto, schaut auf das Lichtermeer Torontos und befiehlt ihrem Wagen: “Scheinwerfer aus, Radio aus“ und damit verstummt „From Me Flows What You Call Time“, dieses Musikstück des im Oktober 1930 in Tokio geborenen und im Februar 1996 ebendort verstorbenen japanischen Komponisten Toru Takemitsu. Ich kannte dieses Stück nicht und da Sony-Music 1998 diesen Titel zusammen mit „Twill by Twilight“ (in Memory of Morton Feldman) und „Requiem“ herausgebracht hatte und noch einige CDs verfügbar waren, habe ich eine dieser Platten erstehen können. Keine eingängige Musik, nicht einfach zu hören, aber höchst interessant. Toru Takemitsu wurde übrigens von John Cage, Claude Debussy und Olivier Messiaen beeinflusst (da sind ja wieder die üblichen Verdächtigen beisammen). Erstaunlich sind die Titel seiner zahlreichen Werke zu lesen:“Music of Tree“,“Rain Coming“,“How slow the Wind“,“Your love and the crossing“, “Coda… Shall beginn from the end“,“November steps“ etc. Musik spielt auch in diesem Kapitel übrigens keine größere Rolle, außer Toru Takemitsu wird nur noch der finnische Komponist Jean Sibelius mit „Der Schwan von Tuonela“ genannt.

 
 
 

 
 
 

Am 26.Oktober 2043 setzt die Handlung des letzten Kapitels ein. Erzählerin ist wiederum Holly Sykes, allerdings nun im Alter von 73 Jahren. Wir befinden uns in Irland, die Zivilisation ist am Ende. Es gibt nur noch einen letzten privaten Radiosender, gespielt wird von Damon MacNish and the Sinking Ship: „Exocets For Breakfast“ und wiederum (siehe das erste Kapitel) die Talking Heads mit „Memories Can´t Wait“. Später gibt es dann keinen Strom mehr und auch das Radio bleibt stumm, Zitat: „Mo fragt Lorelei, ob sie uns nach diesem schlimmen Tag nicht etwas auf der Geige vorspielen möchte. Meine Enkelin entscheidet sich für „She Moved Through The Fair“. Da Mitchell keine weiteren Angaben zu diesem Song preisgibt, wähle ich für meine DoCD, die die Musik zum Buch enthalten wird , aus den unzähligen Versionen die wunderbare Van-Morrisons-Interpretation aus von 1988 von der LP Irish Heartbeat aus (ist das wohl im Sinne des Autors?). Am Ende des Buches greift Dr.Iris Mariunus-Fenby zur Geige und spielt „Don´t Cry for Me Argentina“, das letzte in diesem Buch genannte Musikstück. Versionen gibt es von dieser Lloyd-Webber-Komposition ja unzählige, leider eine kitschiger als die andere. Am besten wäre die richtig heiße Interpretation von Lester Bowie Brass Fantasy, zu finden auf der LP The Odyssey of Funk & Popular Music von 1998. Aber: mir ist natürlich klar, das diese Version überhaupt nicht in die Situation am Ende des Buches passt, da wäre eine Aufnahme mit einer einsamen Geige natürlich ideal, nur leider habe ich keine derartige gefunden. Vielleicht hat ein Leser dieser Zeilen eine Idee.

 

P.S. Yukie Nagai veröffentlichte am 1.1.1996 die CD „Japanese Piano Music“ , auf dieser CD findet sich eine Komposition von Toshi Ichiyanagi: Cloud Atlas.

 
 
 

 

Musik im Roman „Die Knochenuhren“ von David Mitchell (Teil 1)

 

Natürlich ist es nicht so, dass Mitchell in seinem neuen Roman seine persönliche Jukebox einrichtet, obwohl er sicherlich den einen oder anderen seiner Lieblingstitel untergebracht hat. Ansonsten, und das kennt man schon aus dem „Wolkenatlas“, versucht er natürlich sprachlich, kulturell, politisch und wirtschaftlich möglichst genau die jeweilige Zeit abzubilden.

Am 30. Juni 1984 beginnt der Roman und wird musikalisch eröffnet durch die Talking Heads mit ihrem Album „Fear of Music“, die LP erschien am 13.06.1984, passt also genau. Holly liebt die Stücke „Heaven“ und „Memories Cant´t Wait“ dieser Platte besonders. In der Kneipe, die die Eltern der Protagonistin führen, gibt es, wie überall anfangs der 80er Jahre, durchaus noch Jukeboxen in den Gaststätten, im CAPTAIN MARLOW drückt jemand folgende Platten: „Daydream Believer“, „Rock All Over The World“ oder „American Pie“. Später dann darf sich Holly bei Bekannten eine Kassette(ja, man konnte beim Kauf damals tatsächlich zwischen Langspielplatte und bespielter Kassette wählen, auch z.B. beim Label ECM) wünschen, sie entscheidet sich für die wunderbare 1967 veröffentlichten Platte „John Wesley Harding“ von Bob Dylan und hört die Stücke „All Along The Watchtower“und „As I Went Out One Morning“. Was für ein Soundtrack zum Buch! Leider wird später REO Speedwagon (gar nichts für mich) aufgelegt, gefolgt von Musik der Gruppe Siouxxsie and the Banshees (kein bestimmtes Stück genannt) und dem Stück „Up the Junction“ von Squeeze (das habe ich ganz gerne einmal wieder gehört).

 
 
 

 
 
 

Im zweiten Teil des Buches springt Mitchell im Jahr 1991 mit seinen Lesern mitten in die Chorprobe des King´s College Choir hinein. Gesungen wird Benjamin Brittens „A Hymn to the Virgin“. Der Erzähler dieses Zweiten Teils der „Knochenuhren“, Hugo Lamb, macht sich so seine Gedanken über den Komponisten, der besagtes Stück 1930 komponiert hat: „Für mich ist Britten ein Hopp-oder-Top-Komponist: Oft langatmig, aber wenn sie zur Hochform aufläuft, fesselt die alte Tunte deine zitternde Seele an den Mast und peitscht sie mit glühender Erhabenheit.“ Später fragt der Erzähler sich, welches Musikstück er wohl hören werde, wenn er auf dem Totenbett liege. Etwas Frohlockenderes als „A Hymn to the Virgin“ falle ihm nicht ein, aber, so meint er später, wahrscheinlich würde es doch auf „Gimme! Gimme! Gimme! (A Man After Midnight)“ von DJ Knockout hinauslaufen. Diesen schrecklichen ABBA-Song kennen wir Leser natürlich, was DJ Knockout daraus gemacht hat, konnte ich leider nicht herausfinden.

 
 
 

 
 
 

In diesem Kapitel spielt Musik eine sehr wichtige Rolle, neben Benjamin Britten: „A Hymn to the virgin“ (Choralmusik, ein Stück für gemischten Chor aus dem Jahre 1930), hören wir Cliff Richards „Mistletoe and Wine“, frühe Joni-Mitchell-Platten, Nirvana mit dem Album „Nevermind“, Musik von der Gruppe Roxy Music (z.B. „Love ist a drug), und natürlich Pink Floyds „The Dark Side of The Moon“ . Weiter geht’s mit KLF und „3A.M.Eternal“(interessantes Stück, kannte ich nicht), Phuture: „Your Only Fried“, Norfolklorists: „Ping Pong Apokalypse“(ein deutscher Titel!), Mory Kentè: „Yè kè yè kè“, Damon MacNish: „Exocets For Breakfast“ und mit, was mich besonders freut,  Miles Davis: „In a Silent Way“ , leider wird dann aber auch Murray Head mit „One Night in Bangkok“ aufgelegt. Dann folgt, ganz ungewöhnlich, aber zu meiner großen Freude: John Cage: „In a Landscape“ und 10CC: „I´m Not in Love“. Die Auswahl ist groß, keine Frage. Wir schließen dieses Kapitel mit Dire Straits: „Tunnel of Love“ und „Lady in Red“ von Chris de Burgh (vermute ich mal; manchmal nennt Mitchell nur Titel von Musikstücken, aber keine Interpreten).

 
 
 

 

David Mitchell. Die Knochenuhren
 
 
Gleich zu Anfang: ich gebe es zu, ich schätze David Mitchell sehr und freue mich auf jedes neue Buch von ihm. Der 1969 in Southport, Lancaster, geborene Mitchell spricht generationsübergreifend die Menschen an, gefällt also nicht nur mir, sondern begeistert auch meine Schüler, deshalb lesen wir dieses jüngste Buch des Meisters im Moment auch im Literaturkurs der Klasse 13. Doch nun zum Buch selbst: Die Knochenuhren.

Wie Der Wolkenatlas, aber auch Mitchells Erstlingswerk Chaos, spielt auch Die Knochenuhren auf verschiedenen Zeit- und Erzählerebenen. Vom 30.6. bis zum 2.7.1984 erzählt uns die fünfzehnjährige Holly Sykes entscheidendes aus ihrem jungen Leben. Dann springen wir in das Jahr 1991, Geschichtenerzähler ist nun der Student Hugo Lamb, der im dritten Teil des Buchs, im Jahr 2004, von Brubeck, Journalist in Kriegsgebieten und Holly´s Ehemann abgelöst wird. Dann kommen wir in die jüngst vergangene Gegenwart, ins Jahr 2015, Crispin Hershey ist jetzt unser Erzähler, ein Dichter, ein Autor, dessen schöpferische Kraft versiegt und der nun ums Überleben kämpfen muss.

Übrigens, anders als im Wolkenatlas, begleitet uns Holly durch alle Buchteile hindurch, sodass wir am Ende des Buches vor ihrem Lebenspanorama stehen und die Lebenszeit eines Menschen vom 15ten Lebensjahr an bis ins hohe Alter betrachten können.

Der fünfte Teil spielt 2015, die Erzählerin ist Dr. Iris Mariunus-Fenby, eine Ärztin. Wahrscheinlich hat sich Mitchell auf Grund dieses Kapitels, es ist der weitaus längste Teil des Buches, den Winner of the World Fantasy Award geholt, mehr wird hier nicht verraten. Der letzte Teil der „Knochenuhren“ spielt 2043, Erzählerin ist wiederum Holly Sykes, jetzt aber im hohen Alter. Wir befinden uns in Irland, die Zivilisation ist am Ende, die westliche Welt heruntergewirtschaftet, die Umwelt restlos und irreparabel zerstört, überall herrscht Armut und Hunger, wer kann, flieht, etwa als Wirtschafts- oder Klimaflüchtling nach China.

 

Holly sagt am Ende ihres Lebens:

Ich und meine Generation haben uns sinnlos vollgefressen im Restaurant der Reichtümer dieser Erde und die Zeche geprellt, obwohl wir – trotz allen Leugnens – genau wussten, dass wir unseren Enkeln eine Rechnung hinterlassen, die sie nie werden bezahlen können.“

 
 
 

 
 
 

Es ist natürlich keine Frage, dass Mitchell die jeweilige Zeitepoche wieder perfekt sprachlich, politisch, wirtschaftlich und kulturell darstellt. Und dabei spielt natürlich auch die Musik eine große Rolle (das ist aber eine andere Geschichte, siehe der nächste Plattenschrank).

Am letzten Wochenende habe ich mit größtem Interesse einmal mehr die Kolumne von Caroline Emcke in der Süddeutschen-Zeitung gelesen. Es ging um Bildung, um Schule, ums Denken lernen. Emcke zitiert zu Anfang ihres Artikels den französischen Philosophen und Literaten Paul Valéry: „Denken ist unablässiges Durchstreichen“ , schrieb er. Der Satz hat bei mir gesessen, genau so ist es, dachte ich. Denken verlange demnach, schreibt Carolin Emcke weiter, „das zuvor Gedachte nicht unangetastet zu lassen, als sei es heilig, sondern es permanent neugierig und skeptisch zu betrachten. Denken als „unablässiges“ Durchstreichen verweist also auf die Notwendigkeit, bisher sicher geglaubte Erkenntnisse oder auch lieb gewonnene Gewohnheiten immer wieder zur Disposition zu stellen und, bei Bedarf, zu korrigieren.“

Genau das führt uns David Mitchell in seinen Büchern vor und er schafft das, indem er uns zurücktreten lässt, und eine Gesamtschau auf Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges ermöglicht und uns dadurch zur Korrektur, zur Umkehr zum „Durchstreichen“ bewegen könnte. Mitchells berühmtestes Buch Wolkenatlas spannt den Bogen beginnend 1849 über 1935, 1973, 2044, 2144 bis ins 24 Jahrhundert, Die Knochenuhren stellen ein Lebenspanorama vor, vom 15ten Lebensjahr der Protagonistin, bis in ihr hohes Alter.

Und Mitchell hat natürlich auch wieder in seinem jüngsten Roman, Verbindungen nicht nur zwischen den einzelnen Zeitaltern hergestellt, sondern, auch das kennen wir schon aus Vorgängerromanen, hat auch Verschränkungen zu früheren Romanen hergestellt. Immer wieder begegnen wir vertrauten Figuren aus früheren Romanen. Kürzlich las ich, dass zwanzig Figuren aus den „Knochenuhren“ bereits im „Wolkenatlas“ vorkommen. All das ist aber keine Spielerei, Mitchell wird nämlich nicht müde, dem Leser klar zu machen, dass alles miteinander zusammenhängt, dass die Sklaverei im 18 Jahrhundert, der Kolonialismus der letzten Jahrhunderte, der Rassismus, der gnadenlose, nur am Gewinnstreben orientierte Kapitalismus, die Ausbeutung der Natur nicht einfach irgendwann einmal die Welt beherrscht hat und dann war´s das, nein, all das hat bis in unsere Gegenwart Auswirkungen und wird auch unsere Zukunft bestimmen.

Und so wird es für mich besonders deutlich in Der Wolkenatlas, in Die tausend Herbste des Jacob de Zoet und jetzt wieder in Mitchells jüngstem Roman Die Knochenuhren: Denken ist „unablässiges Durchstreichen“, wir haben es in der Hand, was aus dieser unserer Welt wird, nichts ist egal, was wir uns erträumen, was wir wollen und umsetzen, das ist wichtig. Wir sollten dann aber auch vielleicht manchmal Gewohntes in Frage stellen, sicher geglaubte Erkenntnisse zur Disposition stellen.

„Wenn wir wirklich glauben, dass die Menschheit sich über Klauen u. Zähne erheben kann, wenn wir wirklich glauben, dass unterschiedliche Rassen u. Glaubensbekenntnisse diese Welt so friedlich miteinander theilen können wie die Waisenkinder ihren Kerzenölbaum, wenn wir wirklich glauben, daß Führer gerecht sein müssen, Gewalt geächtet gehört, Macht verantwortet werden muß u. die Reichthümer der Erde u. ihrer Oceane gerecht vertheilt werden sollen, dann wird eine solche Welt auch zustande kommen.“ (Zitat Adam Ewing 1849, Tagebuchaufzeichnung – aus: Der Wolkenatlas).

So, ich denke, ich habe nichts vorweggenommen, Sie werden dieses Buch verschlingen, als wäre es ein außerordentlich spannender Krimi. Für mich war es allerdings schon etwas gewöhnungsbedürftig, auf der einen Seite grandiose realistische Literatur zu lesen, die uns während etwa 600 der über 800 Seiten geboten wird, dann aber auch Fantasy, mag sie auch wirklich sehr gut sein. Wer Mitchell einmal kennenlernen will, er kommt in ein paar Tagen nach Deutschland, dieses Mal leider nicht nach Stuttgart, er liest am 15.03. in Köln im WDR Funkhaus, am 16.3. in Frankfurt im Literaturhaus und am 16.07. in Zürich.

 

Der Roman Die Knochenuhren erscheint heute in deutscher Sprache.

Als ich am 20.09.2011 zum ersten Mal an dieser Stelle meinen Plattenschrank öffnete, habe ich zwar erzählt, warum ich diese kleine Ecke auf der Manafonisten-Seite so benennen möchte, habe aber noch nicht verraten, dass ich gar keinen Plattenschrank im engeren Sinne besitze. Meine inzwischen ziemlich große Schallplattensammlung ist nämlich in einem ausrangiertem Schul-Post-Fach-Schrank (was für ein Wort) untergebracht. Als vor vielen Jahren der Lehrerzimmerbereich unserer Schule erneuert wurde, sollten auch die aus massivem Holz gefertigten Postfachschränke gegen Plastikeinbauten ausgetauscht werden. Ich ahnte damals, dass diese Art Schrank der ideale Aufbewahrungsort für Langspielplatten sein könnte. Probeweise nahm ich ein paar LPs mit in die Schule und – unglaublich – die Platten passten genau hinein, pro Postfach etwa 35 LPs. Um 90° gedreht, neu gestrichen, fertig war der ideale Plattenschrank. Für eine 20,00DM-Spende an die Schule war der “Plattenschrank“ mein.

Einziger Nachteil: bei jedem Umzug stöhnen meine Helfer und ich wegen zweier kaum zu bewegenden bzw. zu tragenden Gegenstände: der “Plattenschrank“ und die Jukebox.

 
 
 

 
 
 

Anyway, das ging mir durch den Kopf, als ich einmal mehr vor meinem zum Plattenschrank umfunktioniertem Schul-Post-Fach-Schrank stand und die Abteilung Robin Holcomb ausmachte (siehe auch die “Plattenschränke“ vom 8.3.13 sowie 20.3.13 und 22.5.14). Diese außergewöhnliche Sängerin und ihren Lebensgefährten Wayne Horvitz schätze ich sehr. Die Musik dieser beiden ist höchst eigen, voller Überraschungen, ungewöhnlicher Harmonien. Horvitz habe ich schon in den 80ern in einer Gruppe um John Zorn gehört und schätzen gelernt. Und wo Zorn und Horvitz sind, ist natürlich auch Bill Frisell nicht weit. Heute möchte ich nun auf drei kleine Kostbarkeiten aufmerksam machen:

2004 war die Sängerin, Pianistin und Komponistin Robin Holcomb an dem Projekt „Poor Boy – Songs of Nick Drake“ mit einem Song beteiligt, „Hanging On A Star“ interpretiert sie ganz in ihrer eigenen Art, man meint, es sei ein Song von ihr.- Auf der CD „Frisco Mabel Joy: Revisited“ , aus dem Jahre 2000, auf der einige unserer verehrten Künstler versammelt sind – Bill Frisell, Walkabouts, Midnight Choir u.v.a.-, singt auch Robin Holcomb einen sehr kurzen, aber sehr schönen Song „Interlude – Side B“; „Interlude – Side A“ spielt Bill Frisell solo. Und schließlich auf „Rogue’s Gallery: Pirate Ballads, Sea Song And Chanteys“ singt sie das wunderschöne „Dead Horse“. Die letzte CD von ihr „The Point of It All“ erschien übrigens 2010, natürlich wieder mit Wayne Horvitz.

 
 
 

 

2016 13 Feb

Gregor öffnet seinen Plattenschrank (109)

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Über Hannover 96, eine traurige Jukebox und die Trostplatte von Jon Balke

 
 

Nichts gegen Thomas Schaaf, ich habe mich gefreut, als er als Trainer der 96er antrat. Zwar trauere ich immer noch den Mirko-Slomka-Zeiten nach, aber, anyway, die Schaaf-Lösung hatte mich doch hoffnungsfroh gemacht. Nach der Heimniederlage gegen Darmstadt musste ich dann aber schwer den Kopf hängen lassen, dennoch, auch gegen Mainz hatte ich Hoffnung, und, man mag es nicht fassen, ein Unentschieden hätte ich den 96ern auch in Dortmund zugetraut. Nun ist es beim 1:0 für Dortmund geblieben, sei`s drum. Der Abstieg scheint unausweichlich und das im Jubeljahr des Vereins. Hannover 96 wird im April 120 Jahre alt und spielt, wie ich gestern las, aktuell die zweitschlechteste Saison der Vereinsgeschichte.

Heute rief mich, gleich nach Spielende, der Wirt einer Kneipe in Hannover an, auch hier steht eine meiner Jukeboxen. Ich liebe dieses kleine Gasthaus in der Nähe des Tiergartens, schon als Kind bin ich mit den Eltern hier eingekehrt und durfte mir eine Libella bestellen. Heute ist das eine echte 96er Fan-Kneipe. Also, der Wirt sagte, Jammerstand, die Fans seien verzweifelt, kaum einer hätte jetzt noch Hoffnung auf Klassenerhalt. Heute nach dem verlorenem Spiel gegen Dortmund sei es beängstigend still in seinem Gastraum gewesen, auch die Jukebox würde schweigen. Wenn der Musikbox überhaupt Beachtung geschenkt würde, dann seien es ausschließlich Balladen, die gedrückt würden, traurige Lieder ohne Ende. Ich erwiderte, ich hätte seit Freitag, also gestern, eine neue Trost-Platte, die neue CD Warp von Jon Balke, diese CD sei einfach der Hammer, prallgefüllt mit Überraschungen, Ungewöhnlichem, nie Gehörtem, und, das ist unfassbar, manchmal hätte ich, so sprach ich zu ihm, sogar das Gefühl, Paul Bley würde aus dem Himmel heraus für uns spielen, echt, unglaublich: „Schalt einfach mal die Box aus und leg diese CD auf und schau, wie die trauernde 96er-Gemeinde reagiert …“

 
 
 
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Schöne Überraschung.

Längere Zeit schon hatte ich die npr-Musikseite nicht besucht, dann vor ein paar Tagen las ich folgende Zeilen:

 

„There’s an untouchable quality to the works of Elliott Smith, the singer-songwriter whose 2003 death haunts his already-haunting songs about pain, longing, love and survival. As with the similarly ill-fated Nick Drake, attempts to emulate or cover Smith’s music tend to capture the feathery beauty while missing the bruised quality that makes it burrow under the skin as deeply and indelibly as a tattoo. Elliott Smith’s work, particularly his best-known solo material, sits best as-is, unchanged and untouchable.

So there’s something deeply refreshing about Heaven Adores You, a companion soundtrack to the new Smith documentary of the same name.“

(npr.org, January 2016)

 
 
 

 
 
 

Morgen, am 5.2. erscheint sie, die neue CD von Elliott Smith: Heaven Adores You, die Musik zu dem gleichnamigen Film über Elliott Smith. Ich bin gespannt auf den Film, der Einblicke bieten soll in das Leben und Werk dieses Ausnahmemusikers. Zunächst müssen wir uns mit der Musik zufrieden geben und die verspricht schon einiges. Die CD beginnt mit einem frühen Stück des Meisters, 84 Sekunden: „Untitled Guitar Finger Picking“, gefolgt von „Untitled Melancholy Song“. Zu hören ist im weiteren Demomaterial, Ungeschliffenes, durchaus auch Raues, bekannte Lieder, Instrumentalstücke und einmal mehr eine Version „Say Yes“ aus dem Film Good Will Hunting, ebenso findet sich auf der Platte „Miss Misery“ aus eben diesem Film. Die CD schließt mit einem bisher unveröffentlichtem Stück „I Love My Room“.

Neben dieser neuen Platte sei hier noch an ein paar unvergessliche Lieder von Elliott Smith erinnert:

 

„Son Of Sam“

„Between The Bars“

„Looking Over My Shoulder“

„Angeles2

„Waltz 2“

„Angel In Snow“

„Somebody That I Used To Know“

„Pretty Mary K“

Nun sind es fast schon wieder 14 Tage her, dass uns die Nachricht vom Tode David Bowies erreichte. Neben der großartigen Blackstar-Platte hat mich das Video zu dem Stück Lazarus doch sehr fasziniert. Erstaunlich, ich konnte sogar mit meinen Schülern darüber sprechen. Doppelt erstaunt war ich: einmal, welche Wirkung dieses Video auf die jungen Leute hatte, wie sie mit dem Thema TOD umgehen, sich in jungen Jahren für diese Thematik interessieren und dann: David Bowie ist ihnen ein Begriff und: sie können mit ihm und seiner Musik etwas anfangen. Ich fasse es nicht. Sechs Jahre vor meinem Abitur erschien die erste Bowie-Platte, wir schreiben das Jahr 1967.
 
 
 

 
 
 
Meine erste Platte, die ich mir von ihm gekauft habe, Space Oddity, erschien 1969, ich war immer noch Schüler der Mittelstufe. Und nun 2016, am Ende meines Berufslebens, kann ich mit sechzehn, siebzehnjährigen SchülerInnen über Blackstar diskutieren. Das ist meiner Ansicht nach um so unglaublicher, weil Bowie ja nun nicht unbedingt immer die eingängigste Musik veröffentlicht hat. Ist er doch in jenen Songs besonders gut, in denen die Hörer wieder einmal von unerwarteten Harmonien überrascht werden. Und dennoch scheint Bowie über Generationen hinweg Musikinteressierte gleichermaßen anzusprechen.-
Ja, der Plattenschrank, er wurde geplündert in den letzten zwei Wochen, überall liegen David Bowie-Platten: Space Oddity, The Man who sold the world, The Rise an Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars, Young Americans, Low und Heroes und viele mehr.
 
 
 

 
 
 
Es gibt aber auch Grundanderes zu vermelden. Gestern brachte der Briefträger die 3CD-Box Tariverdiev. Am 29.12.2015 erschien hier auf manafonistas.de ein Hinweis auf diese Platten. Es hat ein bisschen gedauert, aber dann kam die Post mit der Box, und… sie ist so gut…., meine Schüler würden sagen: übelst gut! Danke für die Empfehlung! Und schon jetzt ist klar, diese Platten kommen auf die Jahreshitliste 2016!

2016 11 Jan

David Bowie ist gestorben

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Eigentlich fasse ich es noch immer nicht, kann es nicht glauben … Vorgestern hab ich mich noch mit dem neuen Titelsong seines jüngsten, gerade erst Freitag erschienenen neuen Albums Blackstar beschäftigt, und war überrascht, sogar ein wenig überwältigt, habe mich über den Artikel von Michael gefreut, wollte gerade noch einen Kommentar dazu schreiben und höre nun vor ein paar Minuten diese unglaubliche Nachricht. Das Jahr ist noch so jung und nun: nach Paul Bley David Bowie …


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