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György Márta Kurtág: „In memoriam Haydée – Játékok, Games and Transriptions“

 

Vor knapp zwei Jahren, im Februar 2015, veröffentlichte ECM News Series einen Filmmitschnitt eines Pariser Konzerts von György Kurtág und seiner Frau Márta: „In memoriam Haydée – Játékok, Games and Transriptions“ (ein Film von Isabelle Soulards). Erst kürzlich habe ich diese DVD entdeckt und bin einfach hin und weg, was für ein Konzert, was für eine wunderbare Musik. Gewidmet ist dieser Film Haydée Charbagi (1979-2008), einer Musikwissenschaftlerin, die mit den Kurtágs befreundet war. Das Konzert fand am 22. September 2012 in der Cité de la Musique/Paris statt. Die Musik, die sie teils zusammen, teils jeweils allein vortragen, überrascht mich nicht. Mich erinnert ihr Programm an Grete Sultan (Plattenschrank 32), die große jüdische Pianistin, die von Deutschland in die USA emigrieren musste, um zu überleben und sich dort mit John Cage anfreundete. Für sie war es normal und überhaupt nicht ungewöhnlich, das Nebeneinander von Werken aus Barock, Klassik, Romantik und zeitgenössischer Klavierliteratur (z.B.John Cage). So spielen eben auch die Kurtágs eigene zeitgenössische Werke – hier sind es Stücke aus der Játékok-Sammlung – und Bach-Transkriptionen. 1997 veröffentlichten die beiden Kurtágs schon einmal eine CD bei ECM unter dem Titel Játékok, auch hier spielten Marta und György Kurtág eigene Werke und eben J.S.Bach. Kürzlich las ich, dass `Játékok´ das ungarische Wort für `Spiele´ oder `Spielsachen´ sei, so nennt Kurtág seine stetig wachsende Sammlung kurzer spielerischer Stücke. Musik, bei der es ständig etwas zu entdecken gibt, voller Überraschungen.

 

 
 
 

 
 
 
Drei der Bach-Transcriptionen, die in Paris vorgetragen wurden, kennt der Kurtàg-Interessierte auch schon von der 1997 erschienenen Platte Játékok ( First movement from Trio Sonata in E-flat major (BWV525), O Lamm Gottes, unschuldig (BWV 618) und `Aus tiefer Not schrei´ich zu dir´ (BWV 687). In Paris spielen die beiden nun auch noch `Nun komm´der Heiden Heiland´ (BWV599), `Alle Menschen müssen sterben´ (BWV 643), `Duet No.3 in G major´ (BWV 804) und – Höhepunkt des ganzen Konzerts – `Sonatina from `Actus tragicus´, Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit´ (BWV 106). Dieses 2 Minuten und 11 Sekunden kurze Werke hat es wirklich in sich, für mich, neben einigen Werken von Olivier Messiaen, eine der schönsten Musikstücke überhaupt (das Klavierduo Andreas Grau und Götz Schumacher spielten dieses Stück auch schon ganz wunderbar ein – siehe Plattenschrank Nr.20).

György Kurtág konnte vor knapp einem Jahr seinen neunzigsten Geburtstag feiern, auch seine Frau Màrta dürfte Ende 80 sein, es ist bewegend diese beiden gemeinsam musizieren zu sehen und zu hören.

Hier die wichtigsten György-Kurtág-Werke, die, über der eben vorgestellten DVD hinaus, bei ECM erschienen sind:

György Kurtág / Robert Schumann: Hommage à R. Sch. mit Kim Kashkashian, Robert Levin, Eduard Brunner 1995

Játékok Marta und György Kurtág und J.S.Bach 1997

Kim Kashkashian, Netherlands Radio Chamber Orchestra, Peter Eötvös: Béla Bartók / Peter Eötvös / György Kurtág 2000

Juliane Banse, András Keller: György Kurtág: Kafka-Fragmente 2008

Der Sohn des Meisters, György Kurtág jr, veröffentliche 2009 Kurtágonals mit György Kurtág jr., László Hortobágyi und Miklós Lengyelfi

Kim Kashkashian: Kurtág / Ligeti: Music for Viola 2012

was noch zu sagen wäre …

 

Das sich nun zu seinem Ende neigende Jahr hat uns so viel wirklich gute Musik gebracht … und doch, es war so traurig, denn unglaublich viele herausragende Musiker, die uns über lange Zeit mit so guter Musik beschenkt haben, sind gestorben. Wenn ich nun an die für mich wichtigsten Musiker, Musikproduzenten und Tonmeister erinnere, möchte ich auch gleich jeweils ein hervorragendes Werk der Verstorbenen nennen.

 
 
 

 
 
 

03.01. Paul Bley: „Tears“ Eine wunderbare Soloplatte des Meisters, aufgenommen in Paris und veröffentlicht auf dem OWL-Label, produziert von Jean-Jacques Pussiau.

05.01. Pierre Boulez, er studierte Harmonielehre bei Olivier Messiaen, das nur nebenbei (!). 1981 wurde in Donaueschingen „Répons“ uraufgeführt, ein Werk für sechs Solisten, Ensemble und Live-Electronic.

10.01. David Bowie! Erinnern möchte ich an meine erste Bowie-Platte „Space Oddity“ von 1969.

08.03. George Martin: 1966 und 67 von Martin produziert und im Juni 1967 veröffentlicht: The Beatles „Sgt.Pepper´s Lonely Hearts Club Band“.

09.03. Nana Vasconcelos: Zwischen den Jahren 1978 und 1982 erschien „Codona“, mit Collin Walcott und Don Cherry.

Am 11.03. verstarb Keith Emerson und am 07.12. folgte ihm Greg Lake, letzterer, Sänger und Gitarrist, arbeitete bei King Crimson und war Mitbegründer von Emerson, Lake and Palmer. Keith Emerson, Keyboarder bei Nice, gründete 1970 ebendiese Band, von der ich das 1971 vorgestellte Live-Album „Pictures at an Exhibition“ auswähle.

02.04. Gato Barbieri. Der Tenorsaxophonist arbeitete oft mit Nana Vasconcelos, auch mit Dino Saluzzi und vielen anderen. Auf dem großartigem Album, das unter der Leitung von Carla Bley entstand, „Escalator Over The Hill“, wirkte er mit.

Am 15. August verstarb Bobby Hutcherson, ein Vibraphonist, den ich besonders verehrt habe, zahlreiche LPs von ihm finden sich in meinem Plattenschrank. 1994 veröffentlichte er zusammen mit McCoy Tyner „Manhattan Moods“.

Eine Woche später, am 22.08. verließ uns Toots Thielemans, der Mundharmonikaspieler. Er wirkte auf so vielen Platten mit, spielte mit NHOP, mit Joe Pass, Shirley Horn und eben auch mit Bill Evans, 1979 erschien das wunderbare Album „Affinity“.

1964 wurde „A Love Supreme“ von John Coltrane veröffentlicht, er hat es aufgenommen, viele andere legendäre Platten in seinem Tonstudio produziert; Rudy Van Gelder, er starb am 25. August.

Am 7. November dann verließ uns Leonard Cohen, „You Want It Darker“ ist inzwischen meine liebste Platte von ihm.

Pauline Oliveros folgte ihm am 24. November, sie war eine Komponistin und ganz außergewöhnliche Akkordeonistin. 2006 veröffentlichte sie „The Roots Of The Moment“.

 
 
 

 
 
 

Noch ein letztes: schade, manchmal entdecke ich im Dezember noch Schallplatten, die ich zu gerne mit in die Bestenliste des Jahres eingebracht hätte, aber leider, zu spät. Dieses Jahr geht es mir so mit zwei ganz wunderbaren Veröffentlichungen des Pianisten Stéphan Oliva, die eine zusammen mit Francois Raulin „Correspondances“ (hier kann man das Stück „Jimmy (á Paul Bley)“ hören oder eine besonders hörenswerte Version von „Sometime I Feel Like A Motherless Child“), die andere gemeinsam mit dem Klarinettisten Jean-Marc Foltz: „Gershwin“, eine Platte, die, hätte ich sie früher entdeckt, unter die ersten 10 Lieblingsplatten des Jahres 2016 gekommen wäre. Anyway!

Wenn der Tempo mit dem Jukebox-Man kommt …

 

Es fehlt noch eine Liste, nämlich die, die über die Schallplatten Auskunft gibt, die in den Jukeboxen meiner Kneipiers im Jahr 2016 am häufigsten gedrückt wurden. Interessiert haben mich allerdings nur die 2016 erschienenen Musikstücke. Das macht die Sache natürlich kompliziert, wie ich letztes Jahr um diese Zeit bereits erläutert habe. Die meisten meiner alten Boxen verfügen zwar über ein mechanisches Zählsystem, welches die zehn am häufigsten gewünschten Titel anzeigt, freilich natürlich nicht zwischen „Lady Madonna“ von den Beatles aus dem Jahre 1968 und „Surface“ von King Cresote aus dem Jahre 2016 unterscheidet. Ich bin also auf die Aussagen meiner Jukeboxpächter angewiesen. Es gibt deshalb auch keine Platzierungen, sondern nur gleichwertige Nennungen. Interessant dieses Jahr: es wurden überdurchschnittlich viele ruhige Stücke gewählt, Musik, die sich lonely woman oder lonely man an der Theke für sich sitzend zu später Stunde ausgeschaut hat und dazu einen guten Roten oder bestens gekühlten Weißen trinkt, vielleicht auch einen Talisker von der Whisky-Destillerie der Insel Skye in Schottland bestellt…Tanzbare Stücke finden sich selten in der diesjährigen Jukebox-Bestenliste, die neue CD von PJ Harvey, “The Hope Six Demolotion Project”, muss da wohl so eine Ausnahme gewesen sein, diese Scheibe soll regelmäßig die Kneipenbesucher zum Tanzen angeregt haben. In solchen Fällen will das Publikum ja immer, dass der Wirt die Box lauter stellt, was ja der normale Besucher nicht kann, da es keine Musikboxen mit Lautstärkeregler gibt, eben dieser befindet sich stets wohlversteckt hinter dem Tresen und ist mit einem Kabel mit der Box verbunden. Hier ein Bild eines solchen Reglers:

 
 
 

 
 
 

Ich erinnere mich noch gut, wenn ich als Schüler in dem Eiscafé meines Vertrauens, Venezia genannt, von meinem schmalen Taschengeld eine Platte gedrückt hatte, die Lautstärke aber auf ein Minimum eingestellt war, wie ich dann den Wirt angefleht habe, er möge doch den Lautstärkeregler hochziehen. Oh, hatte ich mir damals gewünscht, Herr über diesen Regler zu sein….Hier nun die Jukebox-Top-Twentyone; es sei noch erwähnt, dass Nick Cave gleich mit zwei Stücken genannt wurde.

 

Bon Iver: 8(circle) (22, A Million)

Paul Simon: Cool Papa Bell (Stranger To Stranger)

Phish: Breath and Burning (Big Boat)

Red Hot Chili Peppers: The Hunter (The Getaway)

The Jayhawks: Quiet Corners an Emty Spaces (Paying Mr Proust)

King Creosote: Surface (Astronaut Meets Appleman)

Leonard Cohen: If I Didn`t Have Your Love (You Want It Darker)

Darren Hayman: Culpho (Thankful Villages Vol 1)

Nick Cave and The Bad Seeds: I Need You / Distant Sky (Skeleton Tree)

Tindersticks: Follow Me (The Waiting Room)

David Bowie: Lazarus (Blackstar)

 
 
 

 
 
 

Lambchop: In Care of 8675309 (Flotus)

Anohni: Crisis (Hopelessness)

Wilco: If I Ever Was A Child (Schmilco)

PJ Harvey: The Wheel (The Hope Six Demolotion Project)

Building Instruments: Fall (Kem Som Kana Leve)

William Tyler: Highway Anxiety (Modern Country)

Dawes: Less Than Five Miles Away (We´re all gonna die)

Lucinda Williams: Faith & Grace (The Ghosts of Highway 20)

Willie Nelson: Summertime (Summertime: Willie Nelson Sings Gershwin)

Neil Young: Mother Earth (Earth)

 

 
 
 
01. Brian Eno: The Ship
02. David Bowie: Blackstar
03. Leonard Cohen: You Want It Darker
04. Carla Bley: Andando El Tiempo
05. Tigran Hamasyan: Atmospheres
06. Andrew Cyrille: The Declaration of Musical Independence
07. Jack DeJohnette: In Movement
08. Jon Balke: Warp
09. Anohni: Hopelessness
10. Lucinda Williams: The Ghosts of Highway 20
11. Andràs Schiff: Encores after Beethoven
12. Nick Cave and The Bad Seeds: Skeleton Tree
13. Daniel Lanois: Goodbye To Language
14. Tindersticks: The Waiting Room
15. King Creosote: Astronaut Meets Appleman
16. Wilco: Schmilco
17. Darren Hayman: Thanful Villagers Vol.1
18. William Tyler: Modern Country
19. PJ Harvey: The Hope Six Demolition Project
20. Frederico Albanese: The Blue Hour

 

Philip Catherine

 

Im Jahre 1975 gab es noch zwei große Sendeanstalten im Südwesten, den Südwestfunk (SWF) und den Süddeutschen Rundfunk (SDR); beide machten ein richtig gutes Programm. Im SWF war Joachim Ernst Berendt fast jeden Tag zu hören, manchmal abgelöst von Achim Hebgen. Letzterer stellte in eben diesem Jahr 1975 eine Scheibe von Philip Catherine vor, `September Man´. Auf dieser großartigen Platte, die ich mir sofort nach der Sendung gekauft habe, spielen neben Philip Catherine noch Palle Mikkelborg, Jasper van´t Hof, Charlie Mariano, John Lee und Gerry Brown mit. Für mich eine der besten Platten, die der Gitarrist aufgenommen hat. Kürzlich habe ich mich meiner kleinen Catherine-Abteilung in meinem Plattenschrank erinnert und einen wunderbaren Abend mit seinen Langspielplatten verbracht (nebenbei: einmal mehr dachte ich, es ist wirklich so, nur richtige Langspielplatten bringen den richtigen Sound, auch noch nach 40 Jahren). Schon merkwürdig, der Meister hatte es in diesen Jahren mit dem Herbst: da erschien nach `September Man´ 1982 `End of August´ (mit Charlie Mariano, Trilok Gurtu und Nicolas Fiszman) und 1988 `September Sky´ (mit Aldo Romano und Hein Van de Geyn). Alle drei Platten sind auch heute noch höchst hörenswert.

 
 
 

 
 
 

Ein Jahr nach der Veröffentlichung von `September Man´ war das Ergebnis einer Zusammenarbeit Catherines mit Larry Coryell zu hören , `Twin House´. „It was Claude Nobs, organiser of the Montreux Jazz Festival, who first had the idea of teaming Larry Coryell with Philip Catherine as a duo, when both guitarists were appearing at the Festival a couple of years back. At the Berlin Jazz Days event in November last year the Swiss pianist and promoter George Gruntz was able to bring the two guitarists together again“ (Mike Hennessey). Als weitere Ergebnisse ihres gemeinsamen Musizierens folgten 1977 und 1978 die LPs `Back together again´ und `Splendid´. Auf letzter Platte wirkte während eines Stückes der Pianist Joachim Kühn mit: `Deus Xango´, ein richtiger Jazz-Ohrwurm.

Philip Catherine hat mit den unterschiedlichsten Musikern gespielt, er war bei Klaus Doldingers Jubilee von 1975 dabei, hat mit Kenny Drew, Peter Herbolzheimer, Rolf Kühn, Didier Lockwood & Christian Escoude, Stéphane Grappelli, Dexter Gordon, Carla Bley & Mike Mantler, ja, und auch mit Karin Krog (`You Must Believe in Spring´) zusammen gespielt; allein fünf Platten veröffentlichte dieser wunderbare Gitarrist zwischen den Jahren 1983 und 1985 mit Chet Baker; auf sieben Platten ist er mit einem meiner Lieblingsbassisten zur hören: Niels Henning Orsted Pedersen (zwischen 1975 und 1991).

 
 
 

 
 
 

Über viele Jahre nahm er Schallplatten mit Jasper van´t Hof und Charlie Mariano auf, als Pork Pie zwischen 1974 und 1996 oder als Trio zwischen 1996 und 2009. In letzter Zeit habe ich den Meister etwas aus den Augen und Ohren verloren. Jüngst erschienen Zusammenarbeiten mit Martin Wind (2014) und dem Orchestre Royal de Chambre de Wallonie(2015). Nicht vergessen möchte ich natürlich `Guitars Two´, eine sehr schöne Platte aus dem Jahre 2008. Die wichtige Zusammenarbeit zwischen Philip Catherine und Robert Wyatt erwähne ich natürlich am Schluss: das war 1997 auf der Platte `Shleep´, hier sei einmal ein Teil der Besetzung genannt: u.a. Philip Catherine, Phil Manzanera, Brian Eno, Evan Parker. Das Catherine-Stück `Nayram´ titelt Wyatt hier `Maryan´.

Geschichten aus der Jukebox (3)

 
 

Die Taste 230 wird gedrückt, die NSA-Musikbox knackt und knistert, der Plattenwagen setzt sich in Bewegung, eine blaue Columbia-Single wird herausgefischt, das Shure-system fährt heran, nach dem ersten Ton weiß jeder, welche Platte gewünscht wurde, Cliff Richard: Congratulations. Aber was für ein grauenhafter Sound, es quietscht, quäkt, eiert, die Single müht sich voran, braucht aber statt 2:31 Minuten mindestens sechs, gefühlte 10 Minuten bis die Platte wieder in ihrem Fach verschwindet. Klar, denkt sich der Jukebox-Man, die Box ist länger nicht gelaufen, das Öl, das an den beweglichen Teilen der Musikbox haftet, die Schmiere ist verharzt, deshalb läuft die Platte nicht rund. Normalerweise ist jetzt Geduld angesagt, Lautstärke auf Null drehen und Platten laufen lassen, was das Zeug hält, nach zwei drei Stunden ist dann alles gut und die Singles bewegen sich im Normalgeschwindigkeit: Aber, Besuch naht, der sich auf die Box und das vergnügliche Plattendrücken freut. Da hat unser erfahrene Jukebox-Man nun eine tolle Idee, er denkt, man könnte die Wartezeit abkürzen, indem man gezielt mit dem Haarföhn etwas heiße Luft auf die beweglichen Teile der Box, also den Plattenwagen, richtet. Wow, es klappt, die Platten drehen sich fast schon in Normalgeschwindigkeit. Föhn abgeschaltet, Platten gedrückt, aber irgendwas scheint nicht zu stimmen, der Schallplattengreifer bekommt die Singles nicht aus dem Fach. Mir wird schwarz vor Augen, ich weiß sofort, was passiert ist … wie doof kann man eigentlich sein, was für ein jämmerlicher Idiot, ich fasse es nicht, hoffentlich liest keiner meiner Jukebox-Kunden diese Zeilen: die warme Föhnluft hat Platten über Platten auf immer zerstört, verformt, besser gesagt … nein, ich kann es nicht sagen, … meine wunderbaren uralten Singles … einfach … geschmolzen, jetzt ist es raus!

 
 
 

 
 
 

Die Verlustliste:

 

  • Cliff Richard: Congratulations
  • Casey Jones and the Governors: Don´t Ha Ha
  • Christie: Yellow River
  • Simon and Garfunkel: El Condor Pasa
  • Pink Floyd: Another Brick uín the Wall
  • Michel Prolnareff: Gloria
  • Nat „King“ Cole: Don´t Get Around much anymore
  • Nat „King“ Cole: The Party´s over
  • The Les Humphries Singers: Promised Land
  • The Creation: Painter Man
  • Desmond Dekker: You Can Get It If You Really Want
  • The 5th Dimension: Aquarius

 

Leider ist es durchaus möglich, dass die Liste noch länger wird, schließlich habe ich noch nicht jede der 100 Singles angespielt … und ein winziger Knick reicht ja schon …

Ich fasse es nicht!

 
 
 

 

2016 6 Nov

Geschichte gesucht …

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Das Märchen von Dornröschen kennt ein jeder. Man stelle sich vor, das Märchen würde genau zu dem Zeitpunkt sein Ende finden, an dem die Königstochter, nachdem sie sich an der Spindel gestochen hatte, auf das Bett des alten Mütterchens gefallen und sofort in einen tiefen Schlaf versunken war, wie auch der König, die Königin und der ganze Hofstaat; zu dem Zeitpunkt, an dem die Pferde im Stall, die Hunde im Hof, die Tauben auf dem Dach, die Fliegen an der Wand, ja, das Feuer auf dem Herd fest eingeschlafen war und der Braten aufgehört hatte zu brutzeln und der Koch, der dem Küchenjungen, weil er etwas versehen hatte, gerade an den Haaren ziehen wollte, eingeschlafen war …. dann HALT, STOPP, nichts mehr. Die Zeit wäre für das Schloss für immer angehalten worden. Ein solches Haus, dem genau das widerfahren ist, kenne ich seit weit über zehn Jahren, also echt jetzt, kein Scherz, keine Fiktion. Die Fakten: Als ich das Haus das erste Mal am Rand eines winzigen Dorfes irgendwo in Deutschland wahrgenommen hatte, sah ich zunächst einen fachmännisch richtig gut instandgesetzten Altbau, neue Fenster und Türen einschließlich neuer Dachgauben, ein vollkommen erneuertes Dach, auch Dachrinnen montiert, allein, es fehlten die jeweiligen Abgänge der Dachrinnen. Daneben entstand ein Anbau, ein Neubau, an dem alles fertig gebaut war, bis fast hinauf zur Dachschräge, das Ganze zudem komplett eingerüstet. Auf dem Boden des Obergeschosses dieses Anbaus sah man einen Betonmischer, Stapel mit Zementsäcken, Türme von Backsteinen, die darauf warteten verbaut zu werden, Leitern, Wasserwannen und diverse Werkzeuge. In einem halben Jahr, so dachte ich, könnte dieses schmucke Haus samt Anbau bezugsfertig sein. Der Altbau wäre, so nahm ich an, wenn die Fußböden verlegt, die sanitären Anlagen eingebaut, die Badezimmer gefliest, die Malerarbeiten abgeschlossen sein würden, vielleicht schon eher bewohnbar. Das ganze Ensemble sah aus, als hätten die Bauarbeiter gerade eine Arbeitspause, eine Brotzeit eingelegt und würden umgehend ihre Arbeit fortsetzen.

 
 
 

 
 
 

Und nun das Erstaunliche: ein Jahr später führte mich mein Weg wieder an diesem Gebäude vorbei: das gleiche Bild, zwei, drei, vier, zehn, ja, zwölf Jahre später immer noch das unveränderte Bild. Nichts, aber auch gar nichts hatte sich verändert, kein Zementsack war weggetragen worden, keine Leiter entfernt, die Wasserwannen standen immer noch an ihrem Platz, das Gerüst unberührt, die Backsteinvorräte unangetastet. Die einzige Veränderung im Laufe der Jahre: an allen Gegenständen hatte sich Moos angesetzt, außerdem hatte der eine oder andere Baumsamen irgendwelche Erdreste zu nutzen gewusst und war nun zu zarten Bäumchen herangewachsen …

Seit Jahren versuche ich herauszubekommen, was hier passiert war, ich habe Menschen aus der Gegend befragt, mich in Kneipen umgehört, niemand scheint etwas zu wissen. Welche Katastrophe hatte die Hausbesitzer heimgesucht: Krankheit, Arbeitslosigkeit, Scheidung, ein Verbrechen (???), Tod? Niemand konnte mir die Geschichte erzählen.

Kennen Sie sie?

 

Wer die Geschichte erzählen kann, möge dies unter „Kommentare“ tun. Unter allen Einsendern (Einsendeschluss ist der 05.12.2016) wird zur Belohnung am 06.12.2016 eine CD verlost: Johann Ludwig Trepulka / Nobert von Hannenheim: Klavierstücke und Sonaten, eingespielt von Herbert Henck (ECM New Series).

Wenn der Tempo mit dem Jukebox-Man kommt …

 
 

Im Juni letzten Jahres war ich zuletzt in Henrys Kneipe, zurück nun also in Hörnum, in Henrys kleiner Wirtschaft am Rande des Hafens, direkt an der Nordsee gelegen. Nach Westen hin nur noch Sand, Dünen, weiter südwestlich ist Amrum zu sehen, im Norden, oberhalb der Gaststätte, der Leuchtturm. Es war ein wunderschöner Frühsommertag damals, als ich Henry die Wurlitzer gebracht hatte (Plattenschrank 95) … Immer wieder, was für ein Fest, einen komplett leeren Plattenkranz mit 100 Singles neu zu bestücken; die kleinen mit den Plattentiteln bedruckten Schildchen korrekt unter die jeweilige Nummer in die fast zu engen Plastikfächer zu schieben, und dann der Test: Nummer und Titel sollten jetzt stets übereinstimmen. Ich würde mir das nie verzeihen, wenn Henry A8 drückt und LOLA von den KINKS zu hören annimmt, aber TEARS OF A CLOWN von SOMKEY ROBINSON AND THE MIRACLES ertönen, das ist zwar auch eine fantastische Nummer, aber eben nicht LOLA, nee, also, das geht gar nicht.

 
 
 

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Michael Chabons Buch “Telegraph Avenue” (Köln 2014) hatte Henry damals gerade gelesen und gemeint, dass seine Ängste, was das Überleben seines Betriebs anginge, ihn an den kleinen Plattenladen in Michael Chobons Buch erinnerten. Ich wollte natürlich nun nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen und sofort bei meiner Ankunft nach dem Wohlergehen des Ladens fragen und so machte ich mich nach einem Begrüßungsdrink an Henrys Bar zunächst einmal an die Arbeit und schaute nach der Box. Ein paar Kleinigkeiten gab es zu richten, aber ansonsten, so sagte mir Henry, laufe die Box wie geschmiert. „Das soll wohl so sein …“, meinte ich. Mitte Oktober, Gäste waren keine mehr ins Sicht und so sperrte Henry die Türe seiner kleinen Hafenkneipe etwas früher ab als sonst. Wenn noch jemand gekommen wäre, Henry hätte ihn nicht verdursten lassen. „Wie liefen die 100 Singles? Welche Musik mochten deine Gäste in den vergangen 15 Monaten? Gibt es Schwerpunkte?“, fragte ich. „Es sind die Jahre 1966 bis 1973, Sachen aus dieser Zeit laufen bestens und dann noch ein paar deiner Missionsplatten aus der Jetztzeit, ich schau gleich mal nach …“ Das Gespräch drehte sich um Musik, aber gerade als ich nach dem Geschäft fragen wollte, stand Henry auf und holte uns etwas zu essen: Leckerste Fischbrötchen und einen feinen, kühlen Weißwein.

 
 
 

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Was dann aber passierte, damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet. Henry verschwand hinter der Bar und holte einen Stapel CDs hervor, alle gleich an der Verpackung als ECM-CDs zu erkennen. „Das“, so meinte er, „ist meine Entspannung. Wenn der Laden leer ist, der letzte Gast den Weg zur Tür gefunden hat, dann schalte ich die Box ab und lege, während ich aufräume, spüle, die Tische hochstelle, einige dieser CDs auf. Ganz am Schluss, bevor ich gehe, setzte ich mich nochmal in Ruhe hin, trinke einen Bunnahabhain (Islay Single Malt Scotch Whisky) und höre ganz intensiv noch ein einziges Stück von einer ECM-Platte, die mir besonders gut gefällt. So, und weil du ein so guter Freund bist, hole ich jetzt die Flasche Bunnahabhain, und nenne dir meine Late-Night-Stücke der letzten zehn Tage. Ich nehme mal an, du kennst die Platten und wirst dann in der Lage sein, aus den zehn genannten Musiktiteln einen auszusuchen, mit dem wir diesen wunderbaren Abend beschließen.“ Er wählte zehn ECM-Platten aus dem Jahr 2016 aus und nannte von jeder Platte seinen Lieblingstitel:

 
 

Glauco Venier: Music for piano and percussion: Gunam

Andrew Cyrille Quartet: The Declaration of Musical Independence: Kaddisch

Tonu Krvits / Veljo Tormis: Mirror: The Last Ship

Avishai Cohen: Into The Silence: Life and Death

Jacob Bro: Streams: Full Moon Europa

Jack DeJohnette, Ravi Coltrane, Matthew Garrison: In Movement: In Movement

Jon Balke: Warp: This Is The Movie

Tigran Hamasyan, Arve Henriksen, Eivind Aaret, Jan Bang: Atmospheres: Traces 5

Rolf Lilevand: La Mascarade: Chaconne en la mineur

Tord Gustavsen: What was said: I Refuse

 
 

Ein Auslese feinster Art, diese Stücke und ich stellte mir bei jedem einzelnen Titel Henry vor, wie er die Kneipentür abgesperrt hat und nun alleine bei einem Lagavulin oder einem anderen edlem Malt sitzt und der Musik lauscht, ganz für sich allein.

Mit Henrys zwei Plattenwünschen aus dem letzten Jahr: Midnight Theme (Fraternity 1975) und Redbonin´, eine Platte, die es im Juli 1972 bis auf Platz 32 der R&B-Charts geschafft hatte, bin ich noch nicht erfolgreich gewesen, das nächste Mal vielleicht.

 
 
 

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Neu in meinem Plattenschrank: Giovanni Guidi – Ida Lupino, mit Giovanni Guidi am Klavier, Guianluca Petrella Posaune, Louis Sclavis Klarinette, Gerald Cleaver Schlagzeug: Das Titelstück hat mich ohne jeden Zeifel dazu bewegt, die CD unbesehen zu kaufen. Diese wunderschöne Carla-Bley-Komposition als Titel einer Schallplatte, das gab es bislang nur äußerst selten. Vielleicht hat ECM diese Scheibe just in diesem Jahr und unter diesem Titel erscheinen lassen, weil Carla Bley im Frühjahr 80 Jahre alt geworden ist und Paul Bley, der eben dieses Stück auf einer der ersten Schallplatten der Firma ECM, auf Open To Love (1972) nämlich, veröffentlicht hat, dieses Jahr gestorben ist?! Anyway, das Stück selbst wurde so oft und von so vielen Musikern nachgespielt und ganz unterschiedlich interpretiert, dass man schnell den Überblick verliert. Paul Bley hat das Stück seiner ehemaligen Frau wohl am häufigsten eingespielt. Eine kleine Auswahl der unterschiedlichsten Einspielungen folgt sogleich. Doch zunächst: wer war eigentlich Ida Lupino? Geboren am 4. Februar 1918 in England, gestorben am 3.August 1995, sie war Schauspielerin, Regisseurin, Produzentin, Autorin und eine der ersten weiblichen Regisseurinnen in der Filmindustrie. Ein interessanter Artikel findet sich in Der Tagesspiegel vom 3. Juli 2016: Hommage an Ida Lupino.

In der TAZ las ich folgendes Zitat von Ida Lupino: „Ich behalte alle weiblichen Eigenschaften. Die Männer mögen das lieber. Sie sind kooperativer, wenn sie denken, du seist vom schwächeren Geschlecht, selbst wenn du in einer Position bist, Befehle zu erteilen, was normalerweise das Vorrecht der Männer ist. Oder zumindest glauben sie das.“ William Donati veröffentlichte 2009 eine Biographie über sie: Ida Lupino: A Biograph.

 
 
 

 
 
 

Ida Lupino gehört zu den ersten Kompositionen, die Carla Bley geschrieben hat. Damals noch als Carla Borg, kam sie Mitte der fünfziger Jahre nach New York, verdiente sich mit dem Verkauf von Zigaretten und anderem in Jazz-Clubs Geld und konnte nebenbei fast alle Jazzgrößen sehen, die sie unbedingt einmal hören wollte, Hier lernte sie auch Paul Bley kennen, ihren späteren Ehemann, der Ida Lupino, wie viele andere Kompositionen von ihr sehr häufig gespielt und aufgenommen hat.

Hier nun eine kleine Auswahl der Einspielungen von Ida Lupino … das wäre ein Mixtape!

Zunächst seien einige Einspielungen von Paul Bley erwähnt, die natürlich alle sehr, sehr hörenswert sind: Es beginnt schon 1965 mit der LP Closer, mit Barry Altschul und Steve Swallow; es folgt 1966 Ramblin´, dabei sind wieder Barry Altschul und Mark Levinson (im April 2016 wieder veröffentlicht). Ein Highlight nun, eine Platte, die einen besonderen Platz in meinem Plattenschrank einnimmt: Paul Bley: Open To Love (1972), auch hier findet sich Ida Lupino; 1975 veröffentlicht Paul Bley mit Paul Motion, Gary Peacock und John Gilmore: Turning Point; 1976 dann: Paul Bley & Jesper Lundgaard: Montmartre und 1984: Paul Bley & Jesper Lungaard: Live; nach langer Pause spielt Paul Bley dann eine ganze Platte ausschließlich mit Carla-Bley-Kompositionen ein: Paul Bley: Paul plays Carla (1991); auch auf Gary Burton & Paul Bley: Right Time – Right Place (1990) kann man eine sehr schöne Version von Ida Lupino finden; über elf Minuten hören wir dieses Stück in einer Interpretation von Charlie Haden, Paul Bley und Paul Motian: The Montreal Tapes (1994); Carla Bley selbst spielt das Stück auf Dinner Music (1977). Und hier noch einige weitere hörenswerte Interpretationen Steve Kuhn: Three Waves (1966); John Scofield: John Scofield (1978); Michel Portal, Steve Swallow, Joey Baron u.a.: Dockings (1998); Joe Thompson: Littlefoot (2001); Dave Palmer: Romance (2006); Roberto Ottaviano: Live in Israel (2007); Helge Lien: To The Little Radio (2006); Michael Gibbs & NDR Big Band: In My View (Juni 2015); Aki Takase: The first years in Europe (Juni 2015); Mary Halvorson: Meltframe (April 2016); Andy Trio Browne: Orangutans (Nov. 2007); Susanne Abbuehl: April (2009); Rüdiger Krause: A Guitar named Carla (Mai 2015); Laia Genc: Strandgut (2008); Jay Epstein & Bill Carrothers: Easy Company (2009); Irene Schweizer: To Whom It May Concern (Januar 2011)

Fast alle genannten CDs oder LPs sind noch im Handel erhältlich (z.T. eben als Wiederveröffentlichung). Ein kleiner Tipp noch zum Schluss: auf Youtube kann man die Carla Bley Combo 1972 in Hamburg sehen und hören, mit Michael Mantler und Karin Krog, sie spielen Ida Lupino und zuvor gibt es noch eine Ansage: von Michael Naura.

 
 
 
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Ryuichi Sakamoto schrieb die Filmmusik, zu einem Werk, das bei uns leider noch nicht zu sehen möglich ist, Nagasaki – Memories of my Son (Japan Dezember 2015), so der Titel des Films. Es geht um den 9. August 1945, dem Tag an dem auf Nagasaki eine Atombombe fiel. Ein B-29 Bomber hatte um 11:02Uhr die Fat Man genannte Bombe abgeworfen. 36000 Menschen starben sofort, viele weitere tausend erlagen kurze Zeit später ihren Verletzungen… Zu diesem Film wird jetzt auch in Deutschland die Filmmusik veröffentlicht. Ryuichi Sakamoto ist uns ja nun aus diversen Filmmusiken bekannt und man erinnert sich gerne an seine Zusammenarbeit mit David Sylvian, David Bowie und vor allem an die mit Richard Horowitz für den Film Himmel über der Wüste.

 
 
 

 
 

Die Musik zu Nagasaki – Memories of my Son hat mich sofort in ihren Bann gezogen: man hört ruhige, sehr bewegende Klänge, sehr zart, überaus karg, sehr vorsichtig gespielt, überhaupt nicht bombastisch – das hätte gerade noch gefehlt – oder übermäßig gefühlsbetont. Mich erinnert diese Musik an ein Werk aus den siebziger Jahren, damals arbeiteten Peter Rühmkorf und Michael Naura eng zusammen (Jazz & Lyrik, siehe Plattenschrank Nr.4 und Nr.30): Einsteins Reise; oder an After The Requiem von Gavin Bryars; oder an die Musik von Giya Kancheli – in allen gennannten Fällen möchte ich den Vergleich aber nur bezüglich der Ernsthaftigkeit und Wahrhaftigkeit der Musik ziehen, nicht musikalisch. Eine großartige Platte!


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