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Wenn der Tempo mit dem Jukebox-Man kommt …

 

Es fehlt noch eine Liste, nämlich die, die über die Schallplatten Auskunft gibt, die in den Jukeboxen meiner Kneipiers im Jahr 2017 am häufigsten gedrückt wurden. Interessiert haben mich allerdings nur die gewünschten Scheiben, die im Jahre 2017 oder im Dezember 2016 erschienen sind. Wie ich an dieser Stelle schon mehrfach erläutert habe, bin ich auf die Aussagen meiner Jukeboxpächter angewiesen. Es gibt deshalb auch keine Platzierungen, sondern nur nur mehr oder weniger gleichwertige Nennungen. Interessant dieses Jahr: Neil Young ist gleich drei Platten vertreten, Van Morrison mit zweien und auch ansonsten treffen wir viele alte Bekannte: Ray Davis, Randy Newman, Willie Nelson, Santana, Lucinda Williams, das Penguin Cafe Orchstra u.v.a.

Neben den hier aufgeführten aktuellen Scheiben, werden vom Publikum einer Kneipe, das zeigt sich immer deutlicher, besondere Schwerpunkte gesetzt: in Hörnum sind es die Platten von Robert Wyatt, die gerne gewählt werden, in Cuxhaven eher die Songs von Brian Eno, anderswo wird Daniel Lanois gewünscht. Aber überall schätzt man die Musik zwischen 1968 und 1973, aus dieser Zeit werden zu gerne „Oldies“ gedrückt.

Eine der Jukeboxkneipen, die regelmäßig besuche, liegt abseits, in einem kleinen Dorf, kaum jemand kennt den Flecken. Bis vor wenigen Jahren gab es hier noch zwei Gaststätten, ein Lebensmittelladen, einen Schlachter, einen Bäcker. Alles weg, alles zu, die Schaufenster verstaubt, keine Auslagen mehr. Jetzt existiert hier nur noch ein Tattoo-Laden, der auch schon bessere Zeiten gesehen hat, vielleicht aber auch nicht, und eben die kleine Jukebox-Kneipe, die, nach Aussage des Wirts, auch kurz vor dem AUS steht. Als ich ihn neulich besuchte, meinte mein Freund, er hätte einen Plan für die letzte Stunde seines Ladens. Wenn das letzte Bier getrunken, der letzte Malt geschlürft, der letzte Gast die Tür hinter sich geschlossen habe, die Stühle auf die Tische gestellt seien, der Tresen geputzt, dann würde er absperren, sich einen Dalwhinnie Distillers Edition von 1997 eingießen und zum Schluss seine Lieblingsplatte von ASTRID auflegen, HIGH BLUES, und ERIK S wählen, das sei ein Stück von Erik Satie in einer unglaublichen Version, und ergänzt. „Stelle dir das mal vor, Gregor, die letzte Stunde dieser Kneipe mit dieser Musik. Das ist Trostmusik pur! „Musik“, so sprach er ganz leise weiter, „ist mein Lebensbegleiter, wie ginge es mir ohne ihn?!“

 

  1. Ray Davis: Silent Movie / Rock `N´ Roll Cowboy (Americana)
  2. Diagrams: Under The Graphite Sky (Dorothy)
  3. Jeff Tweedy: I Am Trying To Break Your Heart (Together At Last)
  4. Rhiannon Giddens: Birmingham Sunday (Freedom Highway)
  5. Timber Timbre: Velvet Gloves & Spit (Sincerely, Future Pollution)
  6. Father John Misty: Things It Would Have Been Helpful To Know Before The Revolution (Pure Comedy)
  7. Jane Weaver: Slow Motion (Modern Kosmology)
  8. Darren Hayman: Woodend (Thankful Villages Vol 2)
  9. Lucinda Williams: Six Block Away (This Sweet Old World)
  10. Justin Townes Earle: Maybe A Moment (Kid In The Street)
  11. Valerie June: Two Hearts (The Order Of Time)
  12. The Gift feat.Brian Eno: Love without Violins
  13. Sera Cahoone: Always Turn Around (From Where I Started)
  14. Seamus Fogarty: Shot Ballad For A Long Man (The Curios Hand)
  15. Randy Newman: Wandering Boy (Dark Matter)

 
 
 

 
 
 

  1. Santana & Isley Brothers: Higher Ground (Power Of Peace)
  2. Van Morrison: Automobile Blues (Roll With The Punches)
  3. Mountain Goats: Shelved (Goth)
  4. Willie Nelson: A Woman´s Love (God`s Problem Child)
  5. Dan Michaelson: First Light (First Light)
  6. Penguin Cafe Orchstra: Half Certainly (The Imperfect Sea)
  7. Josh Ritter: Showboat (Gathering)
  8. Tyler Childers: Lady May (Purgatory)
  9. Neil Young: (The Visitor)
  10. Simon Joyner: I´m feeling it today (Step into the Earthquake)
  11. Van Morrison: The Party Is Over (Versatile)
  12. Neil Young: Glass Accident (Peace Trail VÖ 12/2016)
  13. Neil Young: Pocahontas (Hitchhiker)
  14. Jason Isbell and the 400 Unit: Last Of My Kind (The Nashville Sound)
  15. The National: Nobody Else Will Be There (Sleep Well Beast)

 

Olivier Messiaen: Quartuor pour la Fin du Temps

 

Olivier Messiaen (*10.12. 1908, Avignon; †27.4.1992, Paris) war von 1939 bis 1941 Kriegsteilnehmer, danach Kriegsgefangener in einem Lager in der Nähe von Görlitz. „Im Kriegsgefangenenlager befanden sich“, so schrieb Messiaen, „auch ein Geiger, ein Klarinettist und der Cellist Etienne Pasquier. Ich schrieb ein bescheidenes, kleines Trio für sie, das sie mir in den Waschräumen vorspielten, denn der Klarinettist hatte sein Instrument behalten, und irgendjemand hatte dem Cellisten ein Cello mit drei Saiten gegeben.“ Durch dieses Experiment fühlte sich Messiaen ermutigt, ein größeres Werk zu schaffen, es sollte eine Komposition, bestehend aus acht Sätzen werden, von denen neben dem „kleinen Trio“ – dieses sollte später als vierter Satz in das Musikstück eingefügt werden – wahrscheinlich schon weitere drei in irgendeiner Form existierten. Messiaen stand ein ziemlich verstimmten Klavier, „dessen Tasten wahllos hingen“, zur Verfügung und kam sogar an Papier und Bleistift.

Der Cellist Etienne Pasquier berichtet: „Die Uraufführung fand am Mittwoch, dem 15.Januar 1941 statt, abends um 18:00 Uhr. Es war eiskalt draußen, Erde und Dächer mit Schnee bedeckt. Messiaen und auch wir anderen Musiker hatten alte, überall geflickte tschechische Uniformen an, an den Füßen trugen wir Holzschuhe. Die waren wärmer und gut für das Gehen im Schnee, aber es tat auch weh an den Füßen. … Die Aufführung war ein großer Erfolg, wir haben sie mehrere Male wiederholt.“

Messiaen ergänzt: „Das Publikum war eine äußerst vielfältige Mischung aus allen Gesellschaftsschichten – Landarbeiter, Hilfsarbeiter, Intellektuelle, Berufssoldaten, Ärzte, Geistliche. Niemals sonst hat man mir mit solcher Aufmerksamkeit und solchem Verständnis zugehört.“

Ausgerechnet zu einer Zeit, in der der Faschismus jedes kulturelle Schaffen entweder im Keim erstickte oder zumindest unter seiner unbedingten Kontrolle sehen wollte, schuf Messiaen ein Werk, das auf Zukünftiges, auf Neues, auf eine Welt jenseits des Faschismus gerichtet hinwies.

 
 
 

 
 
 

Nun haben der schwedische Klarinettist Martin Fröst, der französische Pianist Lucas Debargue, die niederländische Violinistin Janine Jansen und der schwedische Cellist Torleif Thedéen Quartuor pour la Fin du Temp so überwältigend gut neu eingespielt, dass diese Aufnahme zu meiner Platte des Jahres 2017 werden musste, zwingend!

 

Zitate aus: Peter Hill & Nigel Simeone: Messiaen Mainz 2007

Neulich erwähnte ich in einem Kommentar zu einem Beitrag, dass in der Hörnumer Jukebox zehn Platten von Robert Wyatt zu finden seien. Seither möchte der eine oder die andere freilich wissen, um welche Platten es sich handeln könnte. Gerne möchte ich diese Fragen beantworten, hat sich hier doch ein Phänomen eingestellt, das anderenorts nicht selbstverständlich zu scheint: hier, in dieser Kneipe, ein paar Schritte vom Meer, von der rauen Nordsee entfernt, gehören diese Scheiben zu den am meisten gewünschten. The Guardian schrieb schon vor mehr als zehn Jahren:
 

Just as the best way to judge an adult is by his or her record collection, the best way to judge a pub is by the albums on its jukebox. Or it was, until the 21st-century caught up with the noisy machine in the corner. There are now nearly 2,000 internet-connected jukeboxes in the UK, each of which can access as many as 2m tracks – and with them has come Wyatting, which is either a fearless act of situationist cultural warfare or a nauseatingly snobbish prank, depending on who you ask. The phenomenon was first identified in the New York Times by Wendy McClure. She was in a grimy rock bar when someone pulled up Brian Eno’s Thursday Afternoon, which consists of a single distant piano phrase repeated for more than an hour, and found herself too mesmerised to leave. „Imagine replacing the brass cylinder in a music box with a Möbius strip made from nerve endings“, she wrote. The rest of the bar’s patrons, however, were soon in revolt.

 

Okay, hier nun die zehn ausgesuchten Robert-Wyatt-Scheiben:

 

  • Lullaby For Hamza (cuckooland 2003)
  • Maryan (shleep 1997)
  • Alliance (Old Rottenhat 1986)
  • The Age of Self (Old Rottenhat 1986)
  • Sea Song (Rock Bottom 1974)
  • Little Red Riding Hoot Hit The Road (Rock Bottom 1974)
  • The Ghost Within (… for the ghost within´ 2010)
  • Lush Life (… for the ghost within´ 2010)
  • Dondestan (dondestan 1998)
  • Little Child (Daddy Dear) 1972 (Solar Flares Burn For You 2003)

 
 
 

 
 
 

Und jetzt gibt es noch eine Warteliste, dringend werden folgende Songs gewünscht:

 

  • Strange Fruit (Nothing Can Stop Us 1982)
  • Blues in Bob minor (shleep 1997)
  • Solar Flares (Ruth Is Strager Than Richard 1989)
  • Speechless (Old Rottenhat 1986)
  • P.L.A. (Old Rottenhat 1986)
  • Round Midnigt (… for the ghost within´ 2010)
  • Sight of The Wind (dondestan 1998)
  • Costa – Memories of Under-Development (dondestan 1998)
  • At Last I´m Free (Nothing Can Stop Us 1982)
  • United States of Amnesia (Old Rottenhat 1986)

 

Ein Glas Weißwein trinken, Robert Wyatt hören, auf das Meer schauen, was will man mehr?

Zwei Fundstücke: 1. Brian Eno im Gespräch mit The Guardian (23.01.2017)

 

So what is Brian Eno working on at the moment, I ask. “I’m interested in the idea of generative music as a sort of model for how society or politics could work. I’m working out the ideas I’m interested in, about how you make a working society rather than a dysfunctional one like the one we live in at the moment – by trying to make music in a new way. I’m trying to see what kinds of models and and structures make the music I want to hear, and then I’m finding it’s not a bad idea to try to think about making societies in that way.”

Could he be more specific? “Yes. If you think of the classical picture of how things were organised in an orchestra – where you have the composer, conductor, leader of the orchestra, section principals, section sub principals, rank and file – the flow of information is always downwards. The guy at the bottom doesn’t get to talk to that guy at the top. Almost none of us now would think that hierarchic model of social organisation, the pyramid, is a good way to arrange things.”

In other words, he says, society should be built on the more egalitarian model of a folk or rock band, who just get together and do their thing, rather than a classical orchestra. “Can’t you see,” he says with the passion of a visionary, “if you transpose that argument into social terms, it’s the argument between the top down and bottom up? It is possible to have a society that doesn’t have pre-existing rules and structures. And you can use the social structures of bands, theatre groups, dance groups, all the things we now call culture. You can say: ‘Well, it works here. Why shouldn’t it work elsewhere?’”

 
 
 

 
 
 

2. Brian Eno – Ten of the Best

 

Am 25.01.2017 erschien im The Guardian ein Artikel über Brian Eno, Titel: Brian Eno – Ten Of The Best. Die 10 ausgewählten Stücke sind nun nicht als Hitparade wahrzunehmen, sie sind einfach nur chronologisch geordnet, aber immerhin, die Musikabteilung des Guardian ist der Meinung, das wären die 10 herausragenden Platten oder Musikstücke von Brian Eno (bzw. unter seiner Mitwirkung entstanden).

 

  1. Roxy Music: Ladytron (Roxy Music 1972) (Eno had been asked by Bryan Ferry to make some sounds that called to mind the moon landings)
  2. Brian Eno: Needles In The Camel´s Eye (Here Come the Warm Jets 1973)
  3. The Big Ship (Another Green World 1975)
  4. Harmonia & Eno ´76 Welcome (1976)
  5. David Bowie/Eno: Warszawa (Bowie/Eno: Low 1976)
  6. Julie with … (Before and After Science 1977)
  7. An Ending (Ascent) (Apollo1983) (Eines meiner Lieblingsstücke von Brian Eno)
  8. Thursday Afternoon (1985) (In sound, this 60-minute composition is very much the child of Ambient 1: Music for Airports’ 1/1, a track based on a looped figure played on the piano by Robert Wyatt)
  9. Eno & Hyde: Cells and Bells (2014)
  10. Fickle Sun (iii) I´m set free (The Ship 2016) (Was für ein Meisterwerk!)

Salta, Argentinien. Erste Filmeinstellung: ein verlassener Bahnhof, leere, endlos lange Bahnsteige, grasbewachsenes Gleisbett. Im Hintergrund ist eine Ruine von einem einst blauweiß gestrichenem Personenzug zu sehen, dessen erste Waggons, vielleicht auch dessen Lokomotive in einem Lokschuppen, der auch schon bessere Zeiten erlebt hat, verschwinden.

Zweite Einstellung: Von einem der Bahnsteige in Richtung Empfangsgebäude (?) aufgenommen. Mit dem Erklingen eines Bandoneons sieht man über die Gleise hinweg einen Mann vor der Bahnhofsruine stehen, es könnte Dino Saluzzi sein, im Vordergrund der Kameraeinstellung sieht man das Ortsschild SALTA. Dann kommt plötzlich Bewegung in das Standbild, Anja Lechner geht auf Dino Saluzzi zu, beide versuchen dann beim Schienenbalancieren erfolgreich zu sein, dabei erscheint der Filmtitel `El Encuentro – Ein Film für Bandoneon und Cello´.

Während die Kamera das verfallene Bahnhofsgelände zeigt, hört man die Stimme Anja Lechners, sie spricht über Musik. Der Zuschauer sieht weitere Areale des verwunschenen Bahnhofs von SALTA, weitere Eisenbahnwaggons, die nie mehr werden fahren können. Dino Saluzzi erzählt von seiner Musik.

Harter Schnitt. München. Anja Lechner begründet, weshalb ihr das Reisen so wichtig ist: „Die eigene Wahrnehmung von Musik und auch die eigene Art zu spielen verändert sich, wenn man reist. Es ist eine wunderbare Gelegenheit mit Musikern zusammenzuarbeiten, die in anderen Ländern leben, mit ihnen in ihren Ländern zu proben und zu spielen. Da kann ich die Musik ganz anders spüren und begreifen. Es eröffnet sich dann eine neue Welt, man ist dann umgeben von dieser Art Musik …“

 
 
 

 
 
 

Schnitt. Yerevan, Armenien. Anja Lechner bekennt, dass Armenien neben Argentinien das für sie wichtigste Land sei. In Armenien sei die Begegnung mit Tigran Mansurian die entscheidende Begegnung gewesen. Mit ihm zusammen arbeitet sie an der Aufführung seines Zweiten Cellokonzertes. Zwischendurch erzählt Dino Saluzzi immer wieder von seiner Heimat, seiner Musik und seiner Begegnung mit George Gruntz. Dieser sei als Leiter des Jazzfestivals Berlin 1982 durch Südamerika gereist, um Musiker zu finden, die ihr Land in Berlin musikalisch vertreten könnten. Die Zusammenarbeit zwischen den beiden sollte noch viele Jahre andauern.

In München, führt Anja Lechner aus, habe sie Dino Saluzzi kennengelernt, aber seine Musik erst wirklich verstehen können, nachdem sie mit ihm zusammen Argentinien und insbesondere SALTA und die Plätze seiner Kindheit besucht habe.-

Vielmehr möchte ich von diesem großartigem ECM-Film aus dem Jahre 2012 nicht verraten, nur noch eines. Dino Saluzzi spricht über sein Instrument, das Bandoneon: „Ich lernte das Instrument kennen, als ich sieben Jahre alt war. Wie alt das Instrument war, weiß ich nicht. Es kam von Anfang an zu mir, es ist die Verlängerung meines Körpers. Ein Leben ohne Bandoneon ist für mich nicht vorstellbar. Dieses Instrument spricht mit Bescheidenheit, es erhebt seine Stimme nicht, es spricht mit Ruhe, mit Einfachheit und Direktheit. Hier sind alle Wörter schon enthalten, alle Gedanken sind drin, die schwierigsten Situationen. Man muss sich nur in seinen Dienst stellen, es verstehen, so kann man seine Sprache wahrnehmen.“.

 

„El Encuentro – Ein Film für Bandoneon und Violoncello“

Regie: Norbert Wiedmer & Enrique Ros; Dokumentarfilm; CH/2012, D/sp, digital hd, 52 Min

 

P.S. Neu im Plattenschrank: Valentin Silvestrov / Hieroglyphen der Nacht – Anja Lechner & Angnés Vesterman. Eine wunderbare Platte, erschienen bei ECM New Series …

 
 
 
 

 

Am 13.10.2017 erscheint eine neue CD von Robert Plant, der Titel: Carry Fire. Für mich ein Grund, mich an zweierlei zu erinnern: Zunächst an die wunderbare Zusammenarbeit Plants mit Alison Krauss (2007) auf dem Album Raising Sand. Besonders das Stück Your Long Journey hatte es mir seinerzeit angetan. Michael, entsinne ich mich, hat damals in den Klanghorizonten diesen Titel mit Field-Recordings eingeschlossen, man hörte Regen, Wasserrauschen und Gewitter und dazwischen Robert Plant & Alison Krauss. Großartig. Dann: Ja, und dann steht Robert Plant, mal ganz abgesehen von Led Zeppelin, für meine Entdeckung des Festival au Désert, an dem er 2003 teilgenommen hatte. Seit dieser Zeit verfolge ich die Geschehnisse um dieses Festival. Entwicklt hatte sich das Festival au Désert aus einem traditionellem Tuareg-Fest. 2001 wurde daraus erstmals ein Festival unter Beteiligung von Musikern nicht nur aus Mali, neben den Tuareg waren auch Musiker der Nachbarstaaten beteiligt und dann eben auch internationale Gäste, 2003 zum Beispiel Robert Plant. Unter dem Titel Le Festival au Désert ist dieses Konzert als CD oder DVD käuflich zu erwerben.

 
 
 

 
 
 

Aber was ist aus diesem wunderbaren Wüstenfestival geworden? Ab 2007 wurde es wohl aus Sicherheitsgründen immer schwieriger das Festival stattfinden zu lassen. 2010 organisierte man es am Stadtrand von Timbuktu, ein Jahr später machten islamische Terrorgruppen ein Festival zu einem nicht mehr zu tragendem Risiko. 2014 zog dann das Festival sogar einmal ins Exil, nach Berlin.

2017, so lese ich im The Guardian vom 30.01.2017, hätte es dann wieder in Timbuktu verantstaltet werden sollen, aber „Mali cancels return of famous music festival after al-Qaida attack …“ (The Guardian). In Timbuktu war Musik von den neuen Herrschern verboten worden, deshalb war es so wichtig, mit der Durchführung des Festivals ein kräftiges Zeichen zu setzen. „The festival left Timbuktu because music was forbidden. It was very important for everyone that it should go back“, Ansar (Direktor des Festivals) said. „All the artists I contacted wanted to go. It was the message that was important.“ … „A music producer who has organised concerts all over Mali in spite of security concerns said that the festival in the desert was about far more than just the music – it was about bringing people together, and reconciling past grievances if need be.“ (The Guardian)

 

(Siehe auch die DVD: Woodstock in Timbuktu – Die Kunst des Widerstands)

 

Und die neue Platte von Robert Plant? Naja, manche Stücke erinnern entfernt an Le Festival au Désert, manche an Led Zeppelin, und gefallen mir durchaus, aber überragend oder irgendwie überraschend ist diese Scheibe eher nicht.

1935 wurde er in Campo Santo (Provinz Salta / Argentinien), ein kleiner Ort am Fuße der Anden, geboren. Hierher, ins Tal seiner Kindheit – El Valle de la Infancia (ECM 2014) – sollte er, Dino Saluzzi, im Frühjahr 2013 zurückkehren. Bruder Felix „Cuchara“ ist mit seinem Saxophon und seiner Klarinette dabei und auch seine Söhne José Maria (Gitarre) und Matias (Bass). Erweitert wird die Gruppe durch Quintino Cinalli (Drums, Percussion) und Nicolàs “Colacho“ Brizuela (Classical Guitar). Aufnahmeort ist Buenos Aires.

 
 
 

 
 
 

Die lange Zusammenarbeit mit Manfred Eicher und ECM begann allerdings viel früher, in Ludwigsburg nämlich, im Tonstudio Bauer unter Tonmeister Martin Wieland. In der Nähe von Ludwigsburg, in Stuttgart, wohnte der Meister auch eine Zeit lang. Damals in Stuttgart arbeitend, lernte ich Saluzzi kennen und schätzen. 1982 erschien sein Debutalbum bei ECM: Kultrum. Zu meinen beiden frühen, ebenfalls in Ludwigsburg aufgenommenen Lieblings-Saluzzi-Produktionen, gehören allerdings das 1985 entstandene Werk „Once upon a time – Far away south“, mit Palle Mikkelborg, Charlie Haden und Pierre Favre und Volver (aufgenommen im Herbst 1986), mit dabei dieses Mal Enrico Rava, Harry Pepl (Guitar), Furio Di Castri (Bass) und Bruce Ditmas (Drums).

Once upon a time – Far away south“ zähle ich zu meinen Top-100-Lieblingsplatten, auf ihr finden sich so wunderschöne Kompositionen wie Josè, Valeria and Matias und Far away south. Charlie Haden steuert Silence bei, das er unter eigenem Namen zusammen mit Geri Allen – sie starb am 27.Juni 2017 mit nur sechzig Jahren – und Paul Motian 1988 in Italien in unvergesslicher Weise aufnehmen sollte. Palle Mikkelborg bringt We are the children ein, man hört auf diesem Stück Kinderstimmen, aufgenommen in einer Primary School in Argentinien.

 
 
 

 
 
 

All das ist lange her, doch gerade auf meinem Plattenspieler einmal mehr angehört, verzaubert diese Musik wie beim ersten Hören.

Diese Musik im Ohr, kurz vor Sonnenaufgang in den Wald, besser noch zu einem abgelegenen See mitten im Wald zu gehen, der aufsteigende Nebel, die Dämmerung, das erste Licht … das ist es eigentlich!

 

Am 21., 28. und 31.Juli 2013 erschien hier die Erzählung Der Tag an dem Robert Wyatt im Briefkasten versank (Teil 1-3), eine wahre Geschichte. Im Prinzip ging es um einen Briefkasten in einer Ferienwohnung am Atlantik, zu dem der Schlüssel fehlte. Dieses Jahr hatten wir es in unserer Ferienwohnung mit einem Desaster gegenteiliger Art zu tun:

 
 
 

 

Der 1962 in Paris geborene Christophe Boltanski, Sohn des Soziologen Luc Boltanski, Neffe des Künstlers Christian Boltanski, hat 2015 in Frankreich den Roman La Cache und 2017 in Deutschland das Buch unter dem Titel Das Versteck herausgebracht. Das Versteck findet sich in einem Haus in der Rue de Grenelle in Paris. Der Autor lebte dort mit seinen Großeltern ab seinem dreizehnten Lebensjahr. Die Räume als Ausgangspunkt nehmend, erzählt Christophe Boltanski die Geschichte seiner Familie. Höhepunkt des autobiographischen Romans stellt natürlich der titelgebende Raum, der Zwischen-Raum, Das Versteck, dar. Während der deutschen Besatzungszeit in Frankreich des Dritten Reiches, als auch noch die letzten Juden den Nazis ausgeliefert wurden, verlässt der jüdische Großvater des Autors eines Tages, nachdem er sich zuvor offiziell von seiner Frau hat scheiden lassen, unter lautem Geschrei, Streit vortäuschend, die Wohnung und war zwanzig Monate nicht mehr gesehen. Heimlich in die Wohnung zurückgekehrt, verbrachte der Großvater diese Monate in einem winzigem Zwischen-Raum… „ohne Spaziergang, nicht einmal hinter Gittern. Nur ein paar Meter Zelle zum Laufen. Kein durch Gitterstäbe hindurch zu betrachtender Himmel. Abgesondert. Ohne Besuchszimmer. In der Stille eingemauert. Niemand, mit dem er sich austauschen könnte, außer seiner Frau, seinem Gegenstück, zu der er nachts zurückkehrt, sobald die Kinder eingeschlafen sind. …“. Ein großartiges Buch!

 
 
 

 
 
 

Franscoise Frenkel , geboren am 14.Juli 1889 in Polen (Piotrkòw), gestorben am 18.Januar 1975 in Frankreich (Nizza), flieht als polnische Jüdin 1939 aus Nazideutschland nach Frankreich, dort gelingt ihr 1943 die Flucht in die Schweiz. Hier schreibt sie sogleich ihre Erinnerungen nieder. Unter dem Titel Rien où poser sa tête erscheint das Buch 1945 in Paris und gerät in Vergessenheit. Vor ein paar Jahren tauchte auf einem Flohmarkt in Nizza ein Exemplar des Werkes auf und fand so 2015 den Weg zu einer Wiederveröffentlichung. Inzwischen wurde das Buch ins Deutsche übersetzt und ist unter dem Titel „Nichts, um sein Haupt zu betten“, um ein Vorwort von Patrick Modiano erweitert, im Hanser-Verlag erschienen. Die Autorin beschreibt zunächst, wie sie mit viel Elan und Begeisterung 1929 die erste französische Buchhandlung in Berlin eröffnet und erfolgreich führt. Ab 1939 geht dann nichts mehr, die Buchhändlerin muss fliehen, zunächst nach Frankreich, aber auch hier wird das Leben immer unsicherer, also versucht sie die Flucht in die Schweiz. Zweimal misslingt das Unterfangen, aber dann schafft sie es. Nach 1945 führt sie ihr Weg nach Nizza, wo sie dann auch 1975 stirbt. Über die Zeit zwischen der Veröffentlichung ihrer Erinnerungen und ihrem Todesdatum 1975 wissen wir so gut wie nichts, aber, was für ein Glück, dass ihr einziges Buch gefunden und wieder veröffentlicht wurde. Tief beeindruckt haben mich die zahllosen Erzählungen von selbstloser Hilfsbereitschaft, von denen Franscoise Frenkel zu berichten weiß. „Es ist Pflicht der Überlebenden, Zeugnis abzulegen, damit die Toten nicht vergessen, noch Hilfsbereitschaft und Aufopferung Unbekannter missachtet werden. Mögen diese Seiten“, schreibt die Autorin, „ein ehrenvolles Gedenken an jene wecken, die für immer verstummt sind, unterwegs vor Erschöpfung gestorben oder ermordet. Ich widme dieses Buch den MENSCHEN GUTEN WILLENS, die hochherzig, mit unermüdlicher Tapferkeit, ihren Willen der Gewalt entgegengestellt und Widerstand geleistet haben bis ans Ende.“

 
 
 

 
 
 

P.S. Und? Ja, endlich gelesen, mit größtem Interesse und Vergnügen: Das Cafè der Existenzialisten von Sarah Bakewell. Vor ziemlich genau einem Jahr wurde dieses wunderbare Buch hier vorgestellt, in diesem Sommer nun konnte ich es endlich lesen und kann es ebenfalls nur weiterempfehlen.

 

Beide wären im gerade vergangenen Juli 90 Jahre alt geworden, wären sie denn noch beide am Leben, allein: er starb schon 2004 bei einem Autounfall, am 29.7.2017 hätte er Geburtstag gehabt, sie aber lebt und feierte ihren Geburtstag am 15.Juli. Ob es wohl zur Feier des Tages den legendären Rehbraten mit Spätzle gab, den Marlies Brunner-Schwer so gerne den Jazzmusikern nach getaner Arbeit in den weltbekannten SABA/MPS-Studios kredenzte?

Ihr verstorbener Mann, Hans-Georg Brunner-Schwer, war einst die Tonmeisterlegende und der Technikfreak aus der SABA-Dynastie. SABA, das Wort allein verströmt Wundervolles, Märchenhaftes, vor allem dann, wenn man bedenkt, was diese Firma seit den 1920er Jahren für Radiogeräte produziert hat. Mein schönstes und sicher wertvollstes SABA-Radio ist das SABA-Freiburg, es wurde ab 1955/56 gebaut, verfügt über 12 Röhren, 4 Lautsprecher, eine Fernbedienung und – tatsächlich – einen Sendersuchlauf. Dieses Meisterwerk kostete damals 679,00 DM.
 
 
 

 
 
 
Wenn man allerdings erfährt, was die Abkürzung SABA nun wirklich bedeutet, nämlich Schwarzwälder Apparate-Bau-Anstalt August Schwer Söhne GmbH, ist es mit dem Zauber doch eher vorbei.

Vergessen wir das schnell wieder und lassen uns das Wort SABA auf der Zunge zergehen. Hier in Villingen, im Schwarzwald, wurde auch die Königin von SABA, gebaut. Dieser Rolls Royce unter den Musiktruhen hat sicher Max Grundig vor Neid erblassen lassen. Späte Rache: 1986 erwarb der Industrielle für 150 Millionen DM die Bühlerhöhe und ließ das Anwesen zum Luxushotel umbauen. Fortan konnte er auf die SABA-Werke hinunterschauen, die allerdings zu dieser Zeit schon längst dem französischen Thomson-Konzern gehörten.

Zurück zur Königin von SABA – die Maße: 1840 x 1070 x 530 mm, in diesem ab 1956 gebauten Möbelstück sind ein Fernsehgerät Schauinsland T 605, ein Radio Freiburg Automatic 7, ein Plattenwechsler Dual 1003 und ein Tonbandgerät AEG KL65 eingebaut. Preis 1956 einschließlich Tonbandgerät 4895 DM. Zum Vergleich, ein Standard-VW-Käfer kostete in dieser Zeit 3750 DM.

Die eigentliche Leidenschaft Hans-Georg Brunner-Schwers war allerdings sein Tonstudio. Hier fanden sagenumwobene Hauskonzerte statt, Oscar Peterson war gern gesehener Gast, aber auch Herb Ellis, Ray Brown, Hans Koller, Stephane Grappeli, Volker Kriegel, George Duke, Martial Solal, Rolf Kühn u.v.a. Sie alle waren verblüfft von der Aufnahmequalität, die Hans-Georg Brunner-Schwer schon zu dieser Zeit erreichen konnte. Das Tonstudio MPS kann mit Sicherheit als eines der Vorläuferstudios von Tonstudio Bauer (Ludwigsburg) und dem RainbowStudio (Oslo) bezeichnet werden.

Zum Geburtstag der beiden Brunner-Schwers entnehme ich meinem Plattenschrank eine schon etwas vergilbte Schallplatte von 1974, aufgenommen im Oktorber 1971 at MPS-Studio in Villingen by Hans-Georg Brunner-Schwer: es musizieren Oscar Peterson, N.H.O. Pederson und Louis Hayes. Diese drei spielen in Hochform: Younger Than Springtime; Where Do We Go From Here; Soft Winds; Just Squeeze me; On The Trail; Wheatland. Nach den Aufnahmen gab es mit Sicherheit Rehbraten mit Spätzle, gereicht von Marlies Brunner-Schwer. Und ich staune, wie toll sich diese Platte nach 46 Jahren noch anhört.

 
 
 

 


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