Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Gesucht und gesucht hab´ ich, allein, ich konnte sie nicht finden. Zwischen 1997 und 1998 hat Michael Naura eine Weltmusik-Sendung anmoderiert, also da blieb wirklich kein Auge mehr trocken. Meine unzähligen Kassetten sind natürlich bestens geordnet und ausgezeichnet, aber Pech, die TDK-90 mit dieser Sendung von Naura ist nicht zu finden. Gerne hätte ich ein paar Sätze aus diesem Beitrag hier zum Besten gegeben. Beim Thema Weltmusik konnte der Meister ja richtig garstig werden, da war dann von „Gemischtwarenwahnsinn“ oder „Multi-Kulti-Gepansche“ die Rede. Sprachlich gewaltig war Naura ja wie sein Freund Peter Rühmkorf. Letzterer schrieb einst Haltbar bis Ende 1999 und widmete das Gedicht Michael Naura, dem Krapotkin des Pianos.

2002 veröffentlichte Naura das Buch Cadenza – Ein Jazzpanorama, hierin findet sich besagtes Gedicht quasi gleich zu Anfang, dort heißt es:

 

Kommkomm, die Haare liegen doch, der Schal sitzt.

Irgendwann muß sich einer vermutlich entscheiden,

ob er Dichter oder Pressereferent werden will:

Andere in deinem Alter

bieten heut schon den Landesvater;

andere lungern noch immer herum, wo´s grad was zu glauben gibt –

Ich aber sage euch, dieses totenwurmhafte Geticke

darf doch nicht alles sein

H i e r  i s t  e i n r i c h t i g e s  H e r z, d a s  s c h l ä g t!

N i c h t s  d r u m h e r u m.

 

Und dann bietet Naura Sounds aus dem Blätterwald, Essays zu Monk, Taylor, Wynton Marsalis, Knef, Bill Evens, Jarrett und vielen anderen. Es folgen vier kurze Texte im Flattersatz: zum Beispiel ein Abgesang auf den Jazz, eine Grabrede oder Naura geht der Frage nach: Welchen Jazz hört Gott?

Dann Sieben purpurne Märchen, herrlich, über einen Bluesmusiker, eine Jazzsängerin, eine Jazz-Pianistin, einen Saxophonisten (der träumte, er hätte zwei Köpfe), eine Jazz-Flötistin, eine Jazz-Komponistin und einen Jazz-Trompeter (der ein Freund von Dizzy Gillespie war, aber noch mehr ein Freund der Wolken).- Unsere Neugier wird befriedigt durch den Abdruck von Briefen an Naura, etwa vom Staatsminister beim Bundeskanzler Dr.Michael Naumann, Joachim-Ernst Berendt (sechs gedruckte Seiten lang!), Friedrich Gulda und – wow – Carla Bley: June 26, 1998 Dear Michael – Good to hear your voice! We were just talking about you (Fancy Chamber Music is coming out in Europe this week – with your Commission on it). Here are a few things you might not have. (Wow! A 10 hour program of me?) And a catalog in case you want anything else. Say hi to Christine. Stay well. Carla.

 
 
 

 
 
 

Und es gibt noch viel mehr zu entdecken in diesem Buch.

Aber ich gehe jetzt erst einmal ganz schnell zu meinem Plattenschrank und nehme Carla Bley: Fancy Chamber Music heraus und erfreue mich an dem wunderbaren Wolfgang Tango, dem fast fünfzehnminütigen Eingangstück der Platte…. Und danach lege ich eine ganz besondere Platte auf, sie ist heute erschienen, ich konnte sie aber auf npr.org schon einmal probehören: Rhiannon Giddens: Freedom Highway, großartig, ich bin total begeistert, schon wieder eine Jahres-Top-Twenty-Scheibe!

 
 
 

 

Vor vierzehn Tagen habe ich hier mein erstes Tonbandgerät vorgestellt, das Grundig TK 14. Für mich gab es ab diesem Zeitpunkt nur die Alternative, entweder ein Musikstück mit meinem Spulentonbandgerät aufzunehmen oder, wenn ich die Platte umwerfend gut fand, die Single oder Langspielplatte zu kaufen.

 
 
 

 
 
 

Später dann, als der Kassettenrecorder folgte – es war ein Philips EL3302 , dieses tragbare Gerät verfügte über eine 5-polige DIN-Buchse, ein Mikrophon und konnte mit Batterien betrieben werden – , hätte es für mich noch die Alternative gegeben, bespielte Kassetten zu kaufen. Freilich wurde die bespielte MC bereits ab 1965 hergestellt, nur habe ich damals von dieser neuen Entwicklung nichts mitbekommen, ich interessierte mich dafür auch nie sonderlich. Von bespielten Kassetten habe ich persönlich auch  gar nichts gehalten, ich bevorzugte dafür  hochwertige, unbespielte Kassetten; so konnte ich meine eigene Musik zusammenstellen. In den siebziger und achtziger Jahren folgte ein Siegeszug der Kassette, ob nun bespielt oder nicht bespielt. Sogar ECM verkaufte bespielte Kassetten. Noch 1991 wurden fast 80 Millionen Kassetten verkauft, heute stellt die MC sicher nur noch um ein winziges Nischenprodukt dar.

Die Kassettenrecorder wurden mit der Zeit auch immer besser, hochwertige Geräte, etwa von Nakamichi – der Dragon kostete damals schlappe 4500,00 DM, es war allerdings auch ein Traumgerät – , Akai, Onkyo, Denon oder Uher,  kamen mit den Gleichlaufschwankungen immer besser zurecht und konnten es mit guten Spulentonbandgeräten durchaus aufnehmen. Heute noch kann ich meine Musikkassetten mit Genuss hören. Hier im Bild mein Nakamichi RX 202E und das Akai GX 75.

 
 
 

 
 
 

Eine Entwicklung habe ich allerdings vollkommen verpasst: bespielte Spulentonbänder. Ich besitze nur eines, das ich kürzlich auf einem Flohmarkt entdeckt habe (hier im Bild): Petula Clark: the other man´s grass is always greener (ein Recording Tape aus dem Jahre 1968). Inzwischen kundig gemacht, stelle ich fest, dass hier ein echter Sammlermarkt entstanden ist, auf ebay etwa werden Recording Tapes für sündteures Geld verkauft, zum Beispiel das 2 Spur Tonband Reel to Reel : The Beatles – A collection of Beatles oldies für 189,99 Euro.

 
 
 

 

Vielleicht war ich 13, 14 Jahre alt, als meine Eltern einen Maler beauftragten, einige Räume unserer Pension zu renovieren. Dieser Handwerker war ein richtig lustiger Gesell, mit dem ich mich sehr gerne unterhalten habe. Dass er einen ähnlichen Musikgeschmack hatte wie ich, merkte ich sehr schnell, bei ihm lief nämlich während der Arbeit ständig heiße Musik.

Da damals – Mitte der 60er Jahre – kaum meine Musik im Radio gespielt wurde, kam seine Musik natürlich auch nicht aus einem Kofferradio, er hatte doch tatsächlich ein Tonbandgerät dabei, ein Grundig TK 14. Meine Begeisterung war grenzenlos. Wie toll wäre es es, ein solches Wunderwerk der Technik zu besitzen. Mein Maler-Freund war gar nicht so begeistert von dem Gerät, sagte, es sei schon vier Jahre alt, ständig gelaufen, die Riemen ausgeleiert, die Tonköpfe abgenutzt, nein, meinte er, er würde sich demnächst ein neues Gerät kaufen, vielleicht ein Uher Universal S, das hätte sogar mehrere Geschwindigkeiten.

Nun sah ich meine Chance kommen, würde der Malermeister mir vielleicht sein altes Grundig TK 14 für wenig Geld verkaufen? Ich nahm mir ein Herz und fragte. Etwas überrascht antwortete er, dass er sich das mal überlegen würde. Ein paar Tage später meinte er dann, für 50 Mark wäre das Gerät mein. Damit wären meine gesamten Ersparnisse aufgebraucht, alle Sparschweine in Stücke gehauen, aber dafür könnte ich endlich meine Musik aufnehmen, die Sender BFBS, Radio Luxemburg, Radio Caroline (seit 1964 auf hoher See) brachten ja durchaus meine Musik. Aber das Bandmaterial, das musste man ja auch einrechnen …

Natürlich schlug ich in den Handel ein, ein altes BASF-Band erhielt ich für meine ersten Aufnahmen gratis noch obendrein. Ab jetzt wurde aufgenommen, was für ein Fest.
 
 
 

 
 
 
Später wurde das TK 14 von einem Grundig TK 19 de Luxe (hier im Bild) abgelöst, dann eisern auf ein Uher Variocord 263 Stereo gespart. Kurz vor dem Abitur hatte ich es dann geschafft, ich konnte das Gerät kaufen. Erst viele Jahre später konnte ich mir das Traumgerät von Uher, das Uher Royal de Luxe (mit Echo- und Hallfunktion, Diapilot und vier Geschwindigkeiten) leisten. Zu dieser Zeit gab es das Gerät schon lange nicht mehr im Handel, mein Gerät – siehe Foto – stammt aus einem Totalausverkauf eines Radio- und Fernsehgeschäftes.
 
 
 

 
 
 
All diese Geräte besitze ich natürlich noch und sie laufen auch, wenn auch die Qualität zu wünschen übrig lässt. Natürlich wurden von den Bändern keines dem Müll übergeben, im Gegenteil, gerade höre ich sie sehr gerne wieder. Da ich für die wenigsten Tonbänder Titellisten angefertigt habe, weiß ich oft gar nicht, welche Schätze ich damals aufgenommen habe.

Oft habe ich die unglaublich flotten Ansagen der englischen Radio-Luxemburg-Sprecher nicht verstanden oder die Titel wurden nicht angesagt, also gab ich das Aufschreiben von Musiktiteln schnell auf. Schade eigentlich, von vielen Titeln weiß ich bis heute noch nicht einmal die Interpreten. Aber da hilft ja seit einiger Zeit die Musikerkennung mit der App. Leider erkennt meine App längst nicht alle Titel, wahrscheinlich auch deshalb nicht, weil die Qualität einfach zu schlecht ist, allenfalls die Hälfte aller Eingaben sind erfolgreich.
 
Folgende Titel konnte ich endlich einmal zuordnen:
 
 

Thunderclap Newman – „Something in the Air“

Booker T and The MG´s – „Time is Tight“

Mitch Ryder and The Detroit Wheels – „Devil with the Blue Dress on“

Stealers Wheel – „Everything Will Turn Out Fine“

Bo Hansson – „Fog on the Barrow-Downs“ / „The Black Riders & Flight to the Ford

 

György Márta Kurtág: „In memoriam Haydée – Játékok, Games and Transriptions“

 

Vor knapp zwei Jahren, im Februar 2015, veröffentlichte ECM News Series einen Filmmitschnitt eines Pariser Konzerts von György Kurtág und seiner Frau Márta: „In memoriam Haydée – Játékok, Games and Transriptions“ (ein Film von Isabelle Soulards). Erst kürzlich habe ich diese DVD entdeckt und bin einfach hin und weg, was für ein Konzert, was für eine wunderbare Musik. Gewidmet ist dieser Film Haydée Charbagi (1979-2008), einer Musikwissenschaftlerin, die mit den Kurtágs befreundet war. Das Konzert fand am 22. September 2012 in der Cité de la Musique/Paris statt. Die Musik, die sie teils zusammen, teils jeweils allein vortragen, überrascht mich nicht. Mich erinnert ihr Programm an Grete Sultan (Plattenschrank 32), die große jüdische Pianistin, die von Deutschland in die USA emigrieren musste, um zu überleben und sich dort mit John Cage anfreundete. Für sie war es normal und überhaupt nicht ungewöhnlich, das Nebeneinander von Werken aus Barock, Klassik, Romantik und zeitgenössischer Klavierliteratur (z.B.John Cage). So spielen eben auch die Kurtágs eigene zeitgenössische Werke – hier sind es Stücke aus der Játékok-Sammlung – und Bach-Transkriptionen. 1997 veröffentlichten die beiden Kurtágs schon einmal eine CD bei ECM unter dem Titel Játékok, auch hier spielten Marta und György Kurtág eigene Werke und eben J.S.Bach. Kürzlich las ich, dass `Játékok´ das ungarische Wort für `Spiele´ oder `Spielsachen´ sei, so nennt Kurtág seine stetig wachsende Sammlung kurzer spielerischer Stücke. Musik, bei der es ständig etwas zu entdecken gibt, voller Überraschungen.

 

 
 
 

 
 
 
Drei der Bach-Transcriptionen, die in Paris vorgetragen wurden, kennt der Kurtàg-Interessierte auch schon von der 1997 erschienenen Platte Játékok ( First movement from Trio Sonata in E-flat major (BWV525), O Lamm Gottes, unschuldig (BWV 618) und `Aus tiefer Not schrei´ich zu dir´ (BWV 687). In Paris spielen die beiden nun auch noch `Nun komm´der Heiden Heiland´ (BWV599), `Alle Menschen müssen sterben´ (BWV 643), `Duet No.3 in G major´ (BWV 804) und – Höhepunkt des ganzen Konzerts – `Sonatina from `Actus tragicus´, Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit´ (BWV 106). Dieses 2 Minuten und 11 Sekunden kurze Werke hat es wirklich in sich, für mich, neben einigen Werken von Olivier Messiaen, eine der schönsten Musikstücke überhaupt (das Klavierduo Andreas Grau und Götz Schumacher spielten dieses Stück auch schon ganz wunderbar ein – siehe Plattenschrank Nr.20).

György Kurtág konnte vor knapp einem Jahr seinen neunzigsten Geburtstag feiern, auch seine Frau Màrta dürfte Ende 80 sein, es ist bewegend diese beiden gemeinsam musizieren zu sehen und zu hören.

Hier die wichtigsten György-Kurtág-Werke, die, über der eben vorgestellten DVD hinaus, bei ECM erschienen sind:

György Kurtág / Robert Schumann: Hommage à R. Sch. mit Kim Kashkashian, Robert Levin, Eduard Brunner 1995

Játékok Marta und György Kurtág und J.S.Bach 1997

Kim Kashkashian, Netherlands Radio Chamber Orchestra, Peter Eötvös: Béla Bartók / Peter Eötvös / György Kurtág 2000

Juliane Banse, András Keller: György Kurtág: Kafka-Fragmente 2008

Der Sohn des Meisters, György Kurtág jr, veröffentliche 2009 Kurtágonals mit György Kurtág jr., László Hortobágyi und Miklós Lengyelfi

Kim Kashkashian: Kurtág / Ligeti: Music for Viola 2012

was noch zu sagen wäre …

 

Das sich nun zu seinem Ende neigende Jahr hat uns so viel wirklich gute Musik gebracht … und doch, es war so traurig, denn unglaublich viele herausragende Musiker, die uns über lange Zeit mit so guter Musik beschenkt haben, sind gestorben. Wenn ich nun an die für mich wichtigsten Musiker, Musikproduzenten und Tonmeister erinnere, möchte ich auch gleich jeweils ein hervorragendes Werk der Verstorbenen nennen.

 
 
 

 
 
 

03.01. Paul Bley: „Tears“ Eine wunderbare Soloplatte des Meisters, aufgenommen in Paris und veröffentlicht auf dem OWL-Label, produziert von Jean-Jacques Pussiau.

05.01. Pierre Boulez, er studierte Harmonielehre bei Olivier Messiaen, das nur nebenbei (!). 1981 wurde in Donaueschingen „Répons“ uraufgeführt, ein Werk für sechs Solisten, Ensemble und Live-Electronic.

10.01. David Bowie! Erinnern möchte ich an meine erste Bowie-Platte „Space Oddity“ von 1969.

08.03. George Martin: 1966 und 67 von Martin produziert und im Juni 1967 veröffentlicht: The Beatles „Sgt.Pepper´s Lonely Hearts Club Band“.

09.03. Nana Vasconcelos: Zwischen den Jahren 1978 und 1982 erschien „Codona“, mit Collin Walcott und Don Cherry.

Am 11.03. verstarb Keith Emerson und am 07.12. folgte ihm Greg Lake, letzterer, Sänger und Gitarrist, arbeitete bei King Crimson und war Mitbegründer von Emerson, Lake and Palmer. Keith Emerson, Keyboarder bei Nice, gründete 1970 ebendiese Band, von der ich das 1971 vorgestellte Live-Album „Pictures at an Exhibition“ auswähle.

02.04. Gato Barbieri. Der Tenorsaxophonist arbeitete oft mit Nana Vasconcelos, auch mit Dino Saluzzi und vielen anderen. Auf dem großartigem Album, das unter der Leitung von Carla Bley entstand, „Escalator Over The Hill“, wirkte er mit.

Am 15. August verstarb Bobby Hutcherson, ein Vibraphonist, den ich besonders verehrt habe, zahlreiche LPs von ihm finden sich in meinem Plattenschrank. 1994 veröffentlichte er zusammen mit McCoy Tyner „Manhattan Moods“.

Eine Woche später, am 22.08. verließ uns Toots Thielemans, der Mundharmonikaspieler. Er wirkte auf so vielen Platten mit, spielte mit NHOP, mit Joe Pass, Shirley Horn und eben auch mit Bill Evans, 1979 erschien das wunderbare Album „Affinity“.

1964 wurde „A Love Supreme“ von John Coltrane veröffentlicht, er hat es aufgenommen, viele andere legendäre Platten in seinem Tonstudio produziert; Rudy Van Gelder, er starb am 25. August.

Am 7. November dann verließ uns Leonard Cohen, „You Want It Darker“ ist inzwischen meine liebste Platte von ihm.

Pauline Oliveros folgte ihm am 24. November, sie war eine Komponistin und ganz außergewöhnliche Akkordeonistin. 2006 veröffentlichte sie „The Roots Of The Moment“.

 
 
 

 
 
 

Noch ein letztes: schade, manchmal entdecke ich im Dezember noch Schallplatten, die ich zu gerne mit in die Bestenliste des Jahres eingebracht hätte, aber leider, zu spät. Dieses Jahr geht es mir so mit zwei ganz wunderbaren Veröffentlichungen des Pianisten Stéphan Oliva, die eine zusammen mit Francois Raulin „Correspondances“ (hier kann man das Stück „Jimmy (á Paul Bley)“ hören oder eine besonders hörenswerte Version von „Sometime I Feel Like A Motherless Child“), die andere gemeinsam mit dem Klarinettisten Jean-Marc Foltz: „Gershwin“, eine Platte, die, hätte ich sie früher entdeckt, unter die ersten 10 Lieblingsplatten des Jahres 2016 gekommen wäre. Anyway!

Wenn der Tempo mit dem Jukebox-Man kommt …

 

Es fehlt noch eine Liste, nämlich die, die über die Schallplatten Auskunft gibt, die in den Jukeboxen meiner Kneipiers im Jahr 2016 am häufigsten gedrückt wurden. Interessiert haben mich allerdings nur die 2016 erschienenen Musikstücke. Das macht die Sache natürlich kompliziert, wie ich letztes Jahr um diese Zeit bereits erläutert habe. Die meisten meiner alten Boxen verfügen zwar über ein mechanisches Zählsystem, welches die zehn am häufigsten gewünschten Titel anzeigt, freilich natürlich nicht zwischen „Lady Madonna“ von den Beatles aus dem Jahre 1968 und „Surface“ von King Cresote aus dem Jahre 2016 unterscheidet. Ich bin also auf die Aussagen meiner Jukeboxpächter angewiesen. Es gibt deshalb auch keine Platzierungen, sondern nur gleichwertige Nennungen. Interessant dieses Jahr: es wurden überdurchschnittlich viele ruhige Stücke gewählt, Musik, die sich lonely woman oder lonely man an der Theke für sich sitzend zu später Stunde ausgeschaut hat und dazu einen guten Roten oder bestens gekühlten Weißen trinkt, vielleicht auch einen Talisker von der Whisky-Destillerie der Insel Skye in Schottland bestellt…Tanzbare Stücke finden sich selten in der diesjährigen Jukebox-Bestenliste, die neue CD von PJ Harvey, “The Hope Six Demolotion Project”, muss da wohl so eine Ausnahme gewesen sein, diese Scheibe soll regelmäßig die Kneipenbesucher zum Tanzen angeregt haben. In solchen Fällen will das Publikum ja immer, dass der Wirt die Box lauter stellt, was ja der normale Besucher nicht kann, da es keine Musikboxen mit Lautstärkeregler gibt, eben dieser befindet sich stets wohlversteckt hinter dem Tresen und ist mit einem Kabel mit der Box verbunden. Hier ein Bild eines solchen Reglers:

 
 
 

 
 
 

Ich erinnere mich noch gut, wenn ich als Schüler in dem Eiscafé meines Vertrauens, Venezia genannt, von meinem schmalen Taschengeld eine Platte gedrückt hatte, die Lautstärke aber auf ein Minimum eingestellt war, wie ich dann den Wirt angefleht habe, er möge doch den Lautstärkeregler hochziehen. Oh, hatte ich mir damals gewünscht, Herr über diesen Regler zu sein….Hier nun die Jukebox-Top-Twentyone; es sei noch erwähnt, dass Nick Cave gleich mit zwei Stücken genannt wurde.

 

Bon Iver: 8(circle) (22, A Million)

Paul Simon: Cool Papa Bell (Stranger To Stranger)

Phish: Breath and Burning (Big Boat)

Red Hot Chili Peppers: The Hunter (The Getaway)

The Jayhawks: Quiet Corners an Emty Spaces (Paying Mr Proust)

King Creosote: Surface (Astronaut Meets Appleman)

Leonard Cohen: If I Didn`t Have Your Love (You Want It Darker)

Darren Hayman: Culpho (Thankful Villages Vol 1)

Nick Cave and The Bad Seeds: I Need You / Distant Sky (Skeleton Tree)

Tindersticks: Follow Me (The Waiting Room)

David Bowie: Lazarus (Blackstar)

 
 
 

 
 
 

Lambchop: In Care of 8675309 (Flotus)

Anohni: Crisis (Hopelessness)

Wilco: If I Ever Was A Child (Schmilco)

PJ Harvey: The Wheel (The Hope Six Demolotion Project)

Building Instruments: Fall (Kem Som Kana Leve)

William Tyler: Highway Anxiety (Modern Country)

Dawes: Less Than Five Miles Away (We´re all gonna die)

Lucinda Williams: Faith & Grace (The Ghosts of Highway 20)

Willie Nelson: Summertime (Summertime: Willie Nelson Sings Gershwin)

Neil Young: Mother Earth (Earth)

 

 
 
 
01. Brian Eno: The Ship
02. David Bowie: Blackstar
03. Leonard Cohen: You Want It Darker
04. Carla Bley: Andando El Tiempo
05. Tigran Hamasyan: Atmospheres
06. Andrew Cyrille: The Declaration of Musical Independence
07. Jack DeJohnette: In Movement
08. Jon Balke: Warp
09. Anohni: Hopelessness
10. Lucinda Williams: The Ghosts of Highway 20
11. Andràs Schiff: Encores after Beethoven
12. Nick Cave and The Bad Seeds: Skeleton Tree
13. Daniel Lanois: Goodbye To Language
14. Tindersticks: The Waiting Room
15. King Creosote: Astronaut Meets Appleman
16. Wilco: Schmilco
17. Darren Hayman: Thanful Villagers Vol.1
18. William Tyler: Modern Country
19. PJ Harvey: The Hope Six Demolition Project
20. Frederico Albanese: The Blue Hour

 

Philip Catherine

 

Im Jahre 1975 gab es noch zwei große Sendeanstalten im Südwesten, den Südwestfunk (SWF) und den Süddeutschen Rundfunk (SDR); beide machten ein richtig gutes Programm. Im SWF war Joachim Ernst Berendt fast jeden Tag zu hören, manchmal abgelöst von Achim Hebgen. Letzterer stellte in eben diesem Jahr 1975 eine Scheibe von Philip Catherine vor, `September Man´. Auf dieser großartigen Platte, die ich mir sofort nach der Sendung gekauft habe, spielen neben Philip Catherine noch Palle Mikkelborg, Jasper van´t Hof, Charlie Mariano, John Lee und Gerry Brown mit. Für mich eine der besten Platten, die der Gitarrist aufgenommen hat. Kürzlich habe ich mich meiner kleinen Catherine-Abteilung in meinem Plattenschrank erinnert und einen wunderbaren Abend mit seinen Langspielplatten verbracht (nebenbei: einmal mehr dachte ich, es ist wirklich so, nur richtige Langspielplatten bringen den richtigen Sound, auch noch nach 40 Jahren). Schon merkwürdig, der Meister hatte es in diesen Jahren mit dem Herbst: da erschien nach `September Man´ 1982 `End of August´ (mit Charlie Mariano, Trilok Gurtu und Nicolas Fiszman) und 1988 `September Sky´ (mit Aldo Romano und Hein Van de Geyn). Alle drei Platten sind auch heute noch höchst hörenswert.

 
 
 

 
 
 

Ein Jahr nach der Veröffentlichung von `September Man´ war das Ergebnis einer Zusammenarbeit Catherines mit Larry Coryell zu hören , `Twin House´. „It was Claude Nobs, organiser of the Montreux Jazz Festival, who first had the idea of teaming Larry Coryell with Philip Catherine as a duo, when both guitarists were appearing at the Festival a couple of years back. At the Berlin Jazz Days event in November last year the Swiss pianist and promoter George Gruntz was able to bring the two guitarists together again“ (Mike Hennessey). Als weitere Ergebnisse ihres gemeinsamen Musizierens folgten 1977 und 1978 die LPs `Back together again´ und `Splendid´. Auf letzter Platte wirkte während eines Stückes der Pianist Joachim Kühn mit: `Deus Xango´, ein richtiger Jazz-Ohrwurm.

Philip Catherine hat mit den unterschiedlichsten Musikern gespielt, er war bei Klaus Doldingers Jubilee von 1975 dabei, hat mit Kenny Drew, Peter Herbolzheimer, Rolf Kühn, Didier Lockwood & Christian Escoude, Stéphane Grappelli, Dexter Gordon, Carla Bley & Mike Mantler, ja, und auch mit Karin Krog (`You Must Believe in Spring´) zusammen gespielt; allein fünf Platten veröffentlichte dieser wunderbare Gitarrist zwischen den Jahren 1983 und 1985 mit Chet Baker; auf sieben Platten ist er mit einem meiner Lieblingsbassisten zur hören: Niels Henning Orsted Pedersen (zwischen 1975 und 1991).

 
 
 

 
 
 

Über viele Jahre nahm er Schallplatten mit Jasper van´t Hof und Charlie Mariano auf, als Pork Pie zwischen 1974 und 1996 oder als Trio zwischen 1996 und 2009. In letzter Zeit habe ich den Meister etwas aus den Augen und Ohren verloren. Jüngst erschienen Zusammenarbeiten mit Martin Wind (2014) und dem Orchestre Royal de Chambre de Wallonie(2015). Nicht vergessen möchte ich natürlich `Guitars Two´, eine sehr schöne Platte aus dem Jahre 2008. Die wichtige Zusammenarbeit zwischen Philip Catherine und Robert Wyatt erwähne ich natürlich am Schluss: das war 1997 auf der Platte `Shleep´, hier sei einmal ein Teil der Besetzung genannt: u.a. Philip Catherine, Phil Manzanera, Brian Eno, Evan Parker. Das Catherine-Stück `Nayram´ titelt Wyatt hier `Maryan´.

Geschichten aus der Jukebox (3)

 
 

Die Taste 230 wird gedrückt, die NSA-Musikbox knackt und knistert, der Plattenwagen setzt sich in Bewegung, eine blaue Columbia-Single wird herausgefischt, das Shure-system fährt heran, nach dem ersten Ton weiß jeder, welche Platte gewünscht wurde, Cliff Richard: Congratulations. Aber was für ein grauenhafter Sound, es quietscht, quäkt, eiert, die Single müht sich voran, braucht aber statt 2:31 Minuten mindestens sechs, gefühlte 10 Minuten bis die Platte wieder in ihrem Fach verschwindet. Klar, denkt sich der Jukebox-Man, die Box ist länger nicht gelaufen, das Öl, das an den beweglichen Teilen der Musikbox haftet, die Schmiere ist verharzt, deshalb läuft die Platte nicht rund. Normalerweise ist jetzt Geduld angesagt, Lautstärke auf Null drehen und Platten laufen lassen, was das Zeug hält, nach zwei drei Stunden ist dann alles gut und die Singles bewegen sich im Normalgeschwindigkeit: Aber, Besuch naht, der sich auf die Box und das vergnügliche Plattendrücken freut. Da hat unser erfahrene Jukebox-Man nun eine tolle Idee, er denkt, man könnte die Wartezeit abkürzen, indem man gezielt mit dem Haarföhn etwas heiße Luft auf die beweglichen Teile der Box, also den Plattenwagen, richtet. Wow, es klappt, die Platten drehen sich fast schon in Normalgeschwindigkeit. Föhn abgeschaltet, Platten gedrückt, aber irgendwas scheint nicht zu stimmen, der Schallplattengreifer bekommt die Singles nicht aus dem Fach. Mir wird schwarz vor Augen, ich weiß sofort, was passiert ist … wie doof kann man eigentlich sein, was für ein jämmerlicher Idiot, ich fasse es nicht, hoffentlich liest keiner meiner Jukebox-Kunden diese Zeilen: die warme Föhnluft hat Platten über Platten auf immer zerstört, verformt, besser gesagt … nein, ich kann es nicht sagen, … meine wunderbaren uralten Singles … einfach … geschmolzen, jetzt ist es raus!

 
 
 

 
 
 

Die Verlustliste:

 

  • Cliff Richard: Congratulations
  • Casey Jones and the Governors: Don´t Ha Ha
  • Christie: Yellow River
  • Simon and Garfunkel: El Condor Pasa
  • Pink Floyd: Another Brick uín the Wall
  • Michel Prolnareff: Gloria
  • Nat „King“ Cole: Don´t Get Around much anymore
  • Nat „King“ Cole: The Party´s over
  • The Les Humphries Singers: Promised Land
  • The Creation: Painter Man
  • Desmond Dekker: You Can Get It If You Really Want
  • The 5th Dimension: Aquarius

 

Leider ist es durchaus möglich, dass die Liste noch länger wird, schließlich habe ich noch nicht jede der 100 Singles angespielt … und ein winziger Knick reicht ja schon …

Ich fasse es nicht!

 
 
 

 

2016 6 Nov

Geschichte gesucht …

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Das Märchen von Dornröschen kennt ein jeder. Man stelle sich vor, das Märchen würde genau zu dem Zeitpunkt sein Ende finden, an dem die Königstochter, nachdem sie sich an der Spindel gestochen hatte, auf das Bett des alten Mütterchens gefallen und sofort in einen tiefen Schlaf versunken war, wie auch der König, die Königin und der ganze Hofstaat; zu dem Zeitpunkt, an dem die Pferde im Stall, die Hunde im Hof, die Tauben auf dem Dach, die Fliegen an der Wand, ja, das Feuer auf dem Herd fest eingeschlafen war und der Braten aufgehört hatte zu brutzeln und der Koch, der dem Küchenjungen, weil er etwas versehen hatte, gerade an den Haaren ziehen wollte, eingeschlafen war …. dann HALT, STOPP, nichts mehr. Die Zeit wäre für das Schloss für immer angehalten worden. Ein solches Haus, dem genau das widerfahren ist, kenne ich seit weit über zehn Jahren, also echt jetzt, kein Scherz, keine Fiktion. Die Fakten: Als ich das Haus das erste Mal am Rand eines winzigen Dorfes irgendwo in Deutschland wahrgenommen hatte, sah ich zunächst einen fachmännisch richtig gut instandgesetzten Altbau, neue Fenster und Türen einschließlich neuer Dachgauben, ein vollkommen erneuertes Dach, auch Dachrinnen montiert, allein, es fehlten die jeweiligen Abgänge der Dachrinnen. Daneben entstand ein Anbau, ein Neubau, an dem alles fertig gebaut war, bis fast hinauf zur Dachschräge, das Ganze zudem komplett eingerüstet. Auf dem Boden des Obergeschosses dieses Anbaus sah man einen Betonmischer, Stapel mit Zementsäcken, Türme von Backsteinen, die darauf warteten verbaut zu werden, Leitern, Wasserwannen und diverse Werkzeuge. In einem halben Jahr, so dachte ich, könnte dieses schmucke Haus samt Anbau bezugsfertig sein. Der Altbau wäre, so nahm ich an, wenn die Fußböden verlegt, die sanitären Anlagen eingebaut, die Badezimmer gefliest, die Malerarbeiten abgeschlossen sein würden, vielleicht schon eher bewohnbar. Das ganze Ensemble sah aus, als hätten die Bauarbeiter gerade eine Arbeitspause, eine Brotzeit eingelegt und würden umgehend ihre Arbeit fortsetzen.

 
 
 

 
 
 

Und nun das Erstaunliche: ein Jahr später führte mich mein Weg wieder an diesem Gebäude vorbei: das gleiche Bild, zwei, drei, vier, zehn, ja, zwölf Jahre später immer noch das unveränderte Bild. Nichts, aber auch gar nichts hatte sich verändert, kein Zementsack war weggetragen worden, keine Leiter entfernt, die Wasserwannen standen immer noch an ihrem Platz, das Gerüst unberührt, die Backsteinvorräte unangetastet. Die einzige Veränderung im Laufe der Jahre: an allen Gegenständen hatte sich Moos angesetzt, außerdem hatte der eine oder andere Baumsamen irgendwelche Erdreste zu nutzen gewusst und war nun zu zarten Bäumchen herangewachsen …

Seit Jahren versuche ich herauszubekommen, was hier passiert war, ich habe Menschen aus der Gegend befragt, mich in Kneipen umgehört, niemand scheint etwas zu wissen. Welche Katastrophe hatte die Hausbesitzer heimgesucht: Krankheit, Arbeitslosigkeit, Scheidung, ein Verbrechen (???), Tod? Niemand konnte mir die Geschichte erzählen.

Kennen Sie sie?

 

Wer die Geschichte erzählen kann, möge dies unter „Kommentare“ tun. Unter allen Einsendern (Einsendeschluss ist der 05.12.2016) wird zur Belohnung am 06.12.2016 eine CD verlost: Johann Ludwig Trepulka / Nobert von Hannenheim: Klavierstücke und Sonaten, eingespielt von Herbert Henck (ECM New Series).


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