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on music beyond mainstream

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… doch, ich stehe dazu, ich mag den Motown-Sound, in meinem Plattenschrank befinden sich auch durchaus einige Schätze diese Musikrichtung betreffend. In Deutschland der sechziger und siebziger Jahre war der Motown-Sound nicht so verbreitet, wollte man Smokey Robinson hören oder die Four Tops, musste man schon schauen, wo man bleibt. Auch der musikalische Ruf war hierzulande nicht unbedingt der beste, von Hit-Fabrik war die Rede, wenn man das Motown-Studio der Firma Tamla Motown in Detroit meinte … und das auch sicher nicht zu Unrecht. Am 12.Januar 1959 begann die Erfolgsgeschichte der Plattenfirma in Detroit mit The Miracles, deren Songschreiber kein geringerer als Smokey Robinson war. Er schrieb No 1 Hits ohne Ende, nicht nur für seine eigene Gruppe, auch für zahlreiche andere Bands und, er sollte dann auch bald zum Vizepräsidenten der Firma aufsteigen. Sogar in meiner persönlichen Lebens-Top-Twenty ist er mit seiner Band The Miracles vertreten und zwar mit dem unglaublich guten Song “The Tears of a Clown”.

Zum 50jährigem Firmenjubiläum (2009) brachte Motown am 9.12.2008 eine wunderbare Box mit zehn CDs heraus. Die Box hat die Form des Hauses, in dem die größten Motown-Hits aller Zeiten aufgenommen wurden: Hitsville U.S.A.

 
 
 

 
 
 

Wenn man das aus kräftigem Pappwerk gestaltete Haus nach oben abzieht, erscheint eine weitere Box, in der fünf Doppel-CDs und ein umfangreiches Buch, ein 100-seitiges Booklet, enthalten sind; letzteres gibt die Musiker, Komponisten, die genauen Aufnahmedaten der einzelnen Titel, die Produzenten, die Platzierungen des Stückes in den verschiedenen Hitlisten der Welt und vieles mehr wieder. Alle Titel waren in irgendwelchen Hitparaden No.1-Hits, daher der Titel der CD-Box: Motown – The Complete No.1´s.

Ich möchte jetzt hier keine weitere Top-Twenty-Hits des Motown präsentieren, aber wenigstens die für meinen Geschmack wichtigsten Titel dieser Box nennen. Vorweg noch eine Bemerkung: nur die ersten beiden Do-CDs interessieren mich wirklich, alle Titel nach 1973, 1974 gehören für mich eher in die Kategorie “No-Go”, es sei denn es geht um Stevie Wonder oder Marvin Gaye … – also los geht’s, The Very Best Of Motown from Hitsville U.S.A. :

 
 
 

 
 
 

  • The Marvelettes: Please Mr.Postman //
  • The Contours: Do You Love me //
  • Martha & The Vandellas: Heat Wave //
  • The Temptations: The Way You Do The Things You Do //
  • The Supremes: Where Did Your Love Go //
  • The Supremes: Baby Love //
  • Jr.Walker & The All-Stars: Shotgun //
  • The Supremes: Stop! In The Name Of Love //
  • Four Tops: I Can´t Help Myself //
  • Marvin Gaye: Ain´t That Peculiar //
  • Stevie Wonder: Uptight (Everything´s Alright) //
  • The Temptation: Get Ready //
  • The Isley Brothers: This Old Heart Of Mine (Is Weak For You) //
  • The Temptation: Ain´t Too Proud To Beg //
  • Stevie Wonder: Blowin´In The Wind //
  • The Supremes: You Can´t Hurry Love //
  • The Four Tops: Reach Out It´ll Be There //
  • The Supremes: You Keep Me Hangin´On //
  • Martha & The Vandellas: Jimmy Mack //
  • Stevie Wonder: I Was Made To Love Her //
  • Gladys Knight & The Pips: I Heard It Through The Grapevine //
  • Smokey Robinson and The Miracles: I Second That Emotion //
  • Stevie Wonder: Shoo-Be-Doo-Be-Doo_Da_day //
  • Stevie Wonder: For Once In My Live //
  • Jimmy Ruffin: What Becomes Of The Brokenhearted //
  • Rare Earth: Get Ready //
  • The Temptations: Ball Of Confusion (That´s What The World Is Today) //
  • Stevie Wonder: Signed, Sealed, Delivered I´m Yours //
  • Edwin Star: War //
  • Smokey Robonson and The Miracles: The Tears Of A Clown //
  • Marin Gaye: What´s Going On //
  • The Temptations Papa Was A Rollin´ Stone //
  • Stevie Wonder: Superstition //
  • Marvin Gaye: Let´s Get It On //

Im Herbst letzten Jahres fand hier das große heitere (?) Parallellesen statt, es ging um den jüngsten Roman von Thomas Pynchon, Bleeding Edge. Anfangs beginnend zu fünft, hielten vier bis zum Schluss durch. Mit meiner Begeisterung für dieses Buch fühlte ich mich nicht immer, aber doch öfters, etwas allein, besonders am Schluss, als Thomas schrieb: “Stehe ich vor meinem Bücherregal, sehe ich dort auch einige Freunde, die mich schon jahrelang begleiten. Bleeding Edge ist kein Freund.” Wolfram sah das Motiv, den Roman überhaupt bis zum Ende zu lesen, darin: “Man möchte nicht als Feigling dastehen, oder man möchte die anderen nicht mit dem dicken Buch allein lassen …” – Letzteres bestätigt Olaf, wenn er schreibt: “Ohne das Parallellesen hätte ich den Roman irgendwann zur Seite gelegt und nicht wieder angefangen, doch hat sich das Lesen gelohnt.” Und ergänzt: “Anstrengend, mit Lichtblicken” würde dem Leseerlebnis nahe kommen.

Nun lese ich in der Süddeutschen-Zeitung ein Interview mit Paul Thomas Anderson, der sich mit seinem neuen Film Inherent Vice an die erste Verfilmung eines Pynchon-Romanes herangewagt hat. Was ihm bei der Lektüre der Romane von Thomas Pynchon wichtig ist, davon erzählt er seinem Interviewpartner Roland Huschke. Hier einige Kostproben: “Die Liste der Dinge, für die ich Pynchon liebe, ist lang. Seine generelle Art, die Welt zu sehen. Die Figuren, die Farben, die schlechten Witze. Einzelne Sätze fallen mir ein, die jedes Mal mein Herz schmelzen lassen … Pynchon bietet ein Meer an Inspiration, sodass jeder etwas anderes findet. Mir ist es zum Beispiel gleichgültig, wenn ich seinen Plots nicht folgen kann … Die narrative Plausibilität ist mir egal, so lange sich die Figuren emotional plausibel verhalten. Wenn es sich wahr anfühlt, kann ich unserem Helden in jede Ecke folgen … Sein Stil ist einzigartig, niemand kann so gut Informationen pflanzen, die an anderer Stelle Früchte tragen.” Ja, das hat mich gefreut zu lesen, das kann ich alles unterschreiben. Nun bin ich natürlich auf den Film gespannt, Michael hat ihn ja in Paris zu schon gesehen.

 
 
 

 
 
 

P.S. Es gibt noch ganz andere wirklich gute Romane. Ein Autor, von dem ich auch wirklich jedes Buch lese: Stewart O´Nan, sein jüngster Roman Die Chance spielt nahe der Niagara Falls, Jan Reetze hat uns kürzlich ein Foto geschickt. Es geht um ein Ehepaar, das sich nach vielen Jahren zum Teil sehr schwieriger Zeiten, eine letzte Chance geben will, indem es sich an den Anfang der Ehe begibt, zu den Niagara Falls. Dieser Roman ist irgendwo auch das Buch zur Doku von Michael Moore: Kapitalismus – Eine Liebesgeschichte.

Wenn der Tempo mit dem Jukebox-Man kommt …
 
 
Inzwischen mache ich das ja nur noch so nebenher, nur noch in zwölf Kneipen stehen meine Boxen, sechs Wurlitzer, zwei von der Firma NSM, drei Rock-Ola-Boxen und eine Seeburg. Drei Boxen habe ich in Gaststätten auf verschiedenen Nordseeinseln aufgestellt. Eine der Inseln kann man im Winter, wenn überhaupt, dann nur höchst selten erreichen. Kurz vor Saisonende machte ich mich deshalb auf, genau dieses Lokal aufzusuchen. Um diese Zeit wäre ich wahrscheinlich mit der Wirtin allein, nichts mehr los auf der Insel, und könnte mich in Ruhe um die gute alte Box kümmern. Die Kneipe ist untergebracht in einem alten Leuchtturm – urgemütlich – und in einer Ecke steht meine gute alte Wurlitzer 1900 Centennial. Voller Vorfreude belud ich meinen alten, treuen Tempo mit der Werkzeugkiste, Ersatzteilen für Wurlitzerboxen und den aktuellen Austauschplatten. An den Inselparkplätzen angekommen, galt es das ganze Gepäck zum Schiff zu bringen, zwei Stunden später atmete ich tief durch, ich war auf einer meiner Lieblingsinseln.
 
 
 

 
 
 
Und tatsächlich, meine Leuchtturmkneipe war fast leer, in einer Ecke am Fenster saß ein Mann mit Trenchcoat, trank seinen Cappuccino und einen Cognac und schrieb irgendwas in sein Notebook. Die über mein Kommen höchst erfreute Wirtin flüsterte mir warnend zu, den Herrn ja nicht anzusprechen, er sei sehr schlecht drauf, wäre wohl ein BVB-Fan, der hier auf der Insel etwas Abstand zum Bundesligageschehen suche und in Ruhe an seiner Kolumne GESCHICHTEN EINES ABSTEIGERS schreiben wolle. Okay, okay, hatte auch gar nicht vor, mit irgendwelchen Gästen Fußballgespräche zu führen, schnell wäre herausgekommen, dass ich 96er-Fan bin und viel Leid hinter mich gebracht hätte, als Hannover in den Neunzigern drittklassig geworden war. Der Gast hätte mir dann erklärt, dass man ja schließlich auch nicht Dortmund mit Hannover vergleichen könne und dergleichen Abgründe mehr und da war es doch besser, mich um die Box zu kümmern.
 
Die Wirtin hatte mir gesagt, dass es dieses Mal nur wenig zu schrauben gäbe, der Münzeinwurf würde ab und an hakeln, das Shure System sollte ich wohl mal überprüfen und dann veränderte sich der Gesichtsausdruck der Wirtin. Sie meinte – seltsam schüchtern, aber ernst – es gebe eine Menge Gäste, vor allem die Insulaner, keineTouristen, die hätten sich ernsthaft über den letzten Plattenwechsel beschwert. Was das eigentlich solle, jedes Jahr zweimal 20 aktuelle Platten zu bringen, ob eigentlich mein einziges Kriterium die Aktualität der Songs sei und überhaupt: hier, das sei die Wunschliste der einheimischen Gäste. Wenn ich wolle, dass die alte Wurlitzer weiterhin schnurre, dann solle ich zusehen, dass die gewünschten Scheiben sich bald in der Jukebox befänden. Sprachlos nahm ich die Liste entgegen. Da hatten sich tatsächlich Gäste zusammengesetzt und zwanzig Platten, erschienen zwischen 1958 und 2012 herausgesucht. Die Mischung war abenteuerlich, sie reichte von Paul Ocean bis Van Morrison, von Daniel Lanois bis J.B.Lenoir. Hier ist sie, die Liste:
 
 
Ray Davis – Other People´s Lives: The Tourist (2006)
Alison Krauss & Union Station – Paper Airplane: Bonita and Bill Butler (2011)
Jackie Leven with David Thomas – Defending Anciet Springs: Single Father (2000)
J.B.Lenoir – Eisenhower Blues: I don´t know (1958)
Daniel Lanois – Acadie: The Maker (1989)
Dave Davis – Hidden Treasures: Susannah´s Still Alive (1967/2011)
Donovan – The EP Collection: Universal Soldier (1965/1990)
Bob Lanois – Snake Road: The Vampire (2006)
Katia Labéque – Shape of My Heart: Moon over Bourbon Street (2009)
David Kitt – The Black and the Red Notebook: And your Bird Can Sing (2004)
Jason Lytle – Department of Disappearance: Matterhorn (2012)
Frank Ocean – Channel Orange: Bad Religion (2012)
Matchbox20 – Yourself or Someone like You: 3 am (1996)
Joni Mitchell – Blue: California (1971)
Phil Manzanera – 50 Minutes Later: That´s all I know (2005)
Loudon Wainwright III – Strange Weirdos: X or Y (2007)
Van Morrison – T.B.Sheets: He ain´t Give You None (1973)
Timmy Thomas – Why can´t we live together: Why can´t we live together (1972)
Gillian Welch – Time: My first lover (2001)
Gregg Allman – Low Country Blues: Please Accept My Love (2011)
 
 
P.S. Ich kann nichts dafür, aber der schreibende BVB-Fan sprach mich von sich aus an und fragte mich, ob ich Yesterday Man von Chris Andrews dabei hätte, das sei eine Platte, die könne ihn jetzt vielleicht etwas aufmuntern. Ich musste den Herrn enttäuschen, ich hatte diese schöne Single nicht im Gepäck. Ob ich ihn denn irgendwie sonst helfen könne? „Nein, nein“, meinte der Gast, „ nach den Jahren der Freude galt es schon einige bittere Pillen zu schlucken, aber das ist die bitterste. Der BVB 09, der Ballspielverein Borussia Dortmund (lassen Sie es mich gleich aus der richtigen Perspektive schreiben!) ist abgestiegen.“ Schweigend tranken wir einen Cognac (aus der geheimen Seekiste der Wirtin entnommen), dann verabschiedete sich der Gast und ging.
 
 
 

 

Gerade noch rechtzeitig führte mich mein Weg nach München, denn dort lief bis vor 10 Tagen eine Ausstellung im Deutschen Theatermuseum zu Frank Wedekind. Sein 150jähriger Geburtstag im letzten Sommer war der Anlass für die Austellungsmacher, diese wirklich interessante Werkschau auf den Weg zu bringen. Nun hätte mich Wedekind nicht unbedingt nach München gelockt, wusste ich doch außer seinem Namen nicht viel von ihm. Dann allerdings wurde “Frühlings Erwachen“, wohl sein bekanntestes Drama, Pflichtlektüre für die Schüler des Berufskollegs in Baden-Württemberg und schon war mein Interesse mehr als geweckt.
 
 
 

 
 
 
Die Ausstellungsbesucher lernten Wedekind, den Zirkusliebhaber, den Werbetexter (für die Firma Maggi), den Provokateur (führte zeitweilig zur Gefängnisstrafe), den Dramatiker, den Schauspieler und Kabarretisten kennen. In einem der Ausstellungsräume konnte man sich bequem niederlassen, Kopfhörer lagen bereit und luden ein zum Hören der Musik der Gruppe The Tiger Lillies. Wow, mir ganz unbekannte Klänge, habe nie etwas von dieser Gruppe gehört, schon gar nicht den Titel “Mirrors” aus der CD Lulu – A Murder Ballad.
 
 
 

 
 
 
Also, der Titel hat mein Interesse geweckt und nach kurzer Recherche war klar, da hab´ ich bisher etwas verpasst. Die britische Gruppe, bestehend aus Martyn Jacques (Vocals, Accordion), Adrian Stout (Double Bass, Musical Saw, Musica Saw, Vocals) und Mike Pickering (Drums and Percussion), gibt es schon viele Jahre und auch die Liste der Veröffentlichungen ist lang.

Ein Blick auf ihre Website lohnt. In der Regel veröffentlicht die Gruppe Konzeptalben, beispielsweise: Woyzeck, Hamlet, The Rime of Ancient Marinier, The Gorey End (mit dem Kronos Quartet), A Dream Turns Sour (2014) und eben auch Lulu – A Murder Ballet.
 

Zu letzter Veröffentlichung schreibt The Guardian am 3.Febr. 2014:

“Accompanying himself on accordion, piano and ukulele, Jacques combines extracts from Wedekind’s ballad with his own grisly inventions, including a morbid dialogue with Jack the Ripper, Lulu’s murderer, delivered in a mix of unearthly falsetto and a growling form of sprechstimme (or speech-singing) derived from the works of Berg and Kurt Weill.”

Die Musik ist verspielt und schräg- mein einziger Kritikpunkt: nach dem Hören mehrerer Platten stellt sich kaum mehr Überraschung ein, es wiederholt sich doch vieles.

Anyway, das Theater Dortmund kündigt vor dem dortigen Auftritt der Gruppe im Sommer 2014 an: “Ihre musikalische Bandbreite reicht von herzzerreißenden Balladen bis zu ekstatischen Klezmer-Polka Klängen – ein düsterer Mix aus Gypsy Music, radikaler Oper und postmodernem Zirkus.” Auf YouTube kann man Kostproben der Gruppe hören und sehen.

Neujahr, der Himmel grau zumeist, die Schneepracht längst weggetaut, überall liegen noch verstreut die verkohlten Reste der Raketennacht herum und ich stehe vor meinem Plattenschrank: was passt jetzt, womit das neue Jahr begrüßen? Welche Musik wäre für diese ruhige, gedämpfte, leicht depressive, aber doch erwartungsvolle Stimmung geeignet. Mir fällt ein Musiker ein, von dem ich jahrelang keine Platte mehr gehört habe, aber doch einen ganzes Plattenpaket von ihm mein eigen nennen darf: Chet Baker. Zunächst entscheide ich mich für eine alte Riverside-Platte aus dem Jahre 1959: “Chet Baker Plays Best of Lerner & Loewe”. Chet Baker spielt hier mit Herbie Man, Zoot Sims, Pepper Adams und Clifford Jarvis, Bob Corwin, Earl May und mit dem unglaublichen Bill Evans. Meine Wahl ist genau richtig, diese jahrelang nicht mehr gehörte Platte haut mich richtig um, tolle Musik, herrliche Balladen, z.B. `On the Street where you live` aus `My Fair Lady´, mit einem wunderbaren Solo von Pepper Adams oder das dunkle `I Talk to The Trees´, ein zartes Zusammenspiel mit Bill Evans und Chet Baker.

 

 

 

 
Beim Hören dieser Platte erinnere ich mich daran, einen Band über Chet Baker in Europe zu besitzen, ein hervorragendes Buch aus dem Nieswand Verlag, herausgegeben von Ingo Wulff. Beim Blättern in diesem Buch weiß ich, was als nächstes aufgelegt werden muss: “Chet Baker: The Last Great Concert”, eine Liveaufnahme aus dem Funkhaus Hannover. Hier spielte der Meister zusammen mit der NDR Bigband und dem Rundfunkorchester Hannover sein letztes Konzert, zwei Wochen später sollte er sterben. Lothar Lewin schreibt in seinem Buch Chet Baker Blue Notes – Engel mit gebrochenen Flügeln – Eine Hommage: „Das Konzert fand statt am Donnerstag, dem 28.April 1988, im Funkhaus Hannover.

 

 

 

 

Zur Probe konnte Chet nicht erscheinen, weil ihn die Pförtner nicht ins Haus hineingelassen hatten, schreibt der Produzent auf einer der beiden Platten, die das wunderbare Konzert dokumentieren. Chet spielt an diesem Abend geradezu überirdisch schön, mit einem reinen,sanften Ton voll tiefer Magie … Es war als hätte sich Chet Baker mit diesem großen, außergewöhnlichen Konzert selbst verabschieden wollen.“ Ich höre `My Funny Valentine´, `Summertime´, auch `I Fall In Love Too Easily´ und bin, was vielleicht daran liegt, dass ich zuvor Chet Baker aus dem Jahre 1959 gehört habe, wieder einmal nicht so begeistert von dieser Musik wie viele Kritiker und eben auch Lothar Lewin. Für mich sind da zu viele Streicher, zu süßlich das alles…

 

 

 

 

Es wird also Zeit noch etwas ganz anderes zu hören. Um in Hannover, dieser wunderbaren Stadt, zu bleiben, lege ich Oscar Peterson auf. Peterson war mit seinem Trio – Sam Jones und Bobby Durham – wie Baker live im Funkhaus am Maschsee am 23.Oktober 1967 zu hören und hatte als Gast auch noch Coleman Hawkins mitgebracht. Diese Platte, sie ist inzwischen wieder als CD zu haben (Titel: “The Oscar Peterson Trio Meets Coleman Hawkins – Live In Hannover 1967″), bringt jetzt wirklich frische Luft, meine Güte, wie fetzig, wie mitreißend der Meister auf dieser Platte sein Piano spielt…

Weihnachten mit Robert Wyatt

 

Weihnachten ist Wyatt-Zeit, Musik und Texte seiner Kompositionen passen so gut zum Fest, dass man sich einen der Weihnachtsabende für einen Besuch von Robert Wyatt vorbehalten sollte. Idealerweise verfügt man dafür über einige der wichtigsten Schallplatten und CDs des Meisters, ganz gut wäre es auch, wenn die Biographie über R.Wyatt von Marcus O´Dair, Different Every Time, auf dem Gabentisch gelegen hätte, dann eine gute Flasche Rotwein und, um den Abend würdig abzuschließen, vielleicht noch ein Fläschchen Lagavulin.

 

 

 

 

Um den Abend vernünftig vorzubereiten, habe ich eine Auswahl aus den Veröffentlichungen Roberts Wyatts getroffen und mich dann auch für einzelne Titel der jeweiligen Werke entschieden. Ich gehe chronologisch vor, beginne mit “Moon In June” , von Robert Wyatt und Soft Machine, allerdings wähle ich die Version, die auf der im November 2014 erschienen Doppel-CD Different Every Time enthalten ist. Diese Veröffentlichung stellt quasi die CD zum Buch, der oben genannten Biographie, dar, eine wunderbare Werkschau, mit auch für mich einigen Überraschungen und ungehörten Stücken.
1970 erschien The End of an Ear, von dieser Platte höre ich “To Carla, Marsha and Caroline”, um dann einen ersten Weihnachtsabend-Höhepunkt mit Rock Bottom aus dem Jahre 1974 zu erleben, einer von vier Wyatt-Platten, denen ich die Auszeichnung *****+ geben würde (eigentlich gibt es nur fünf Sterne, aber für die herausragendste Musik eben noch ein + obendrauf). Da der Wyatt-Weihnachtsabend auch zeitlich begrenzt ist, muss ich mich entscheiden und wähle “Sea Song” und “Little Red Robin Hood Hit the Road”.-

 

 

 

 

Schon ein Jahr später – die zeitlichen Abstände zwischen den einzelnen Wyatt-Veröffentlichungen sollten später viel größer werden – erschien Ruth Is Stranger Than Richard, von dieser Platte lege ich “Solar Flares” auf.
Mit der 1982 veröffentlichten Platte Nothing Can Stop Us geht es mir wie mit Rock Bottom, eigentlich möchte ich wiederum die ganze CD hören, beschränke mich aber auf “Born again Cretin”, “At Last I Am Free”, “Red Flag” und “Strange Fruit”.
1986 bracht Wyatt die zweite *****+Platte heraus, Old Rottenhat, unbedingt spielen: “Alliance”, “United States of Amnesia”, “East Timor” und “P.L.A”. Spätestens jetzt weiß jeder, warum dieser Wyatt-abend zwingend sein muss!
Fünf Jahre später, 1991, erscheint die nächste *****+Platte – inzwischen war es auch so, dass jede neue Wyatt-Schallplatte meine Platte des Jahres wurde: Dondestan, ein Hammer von einer Platte. Ich lege die erste Seite auf, höre “Costa” und “Sight of The Wind”, trenne mich von der A-Seite, lege die B-Seite auf und suche “Left und Man”, das zweite Stück dieser Seite.
1997 dann Shleep, einmal sei nun doch die Besetzung genannt: u.a. Philip Catherine, Phil Manzanera, Brian Eno, Evan Parker. Von dieser CD lege ich natürlich das Catherine-Stück “Nayram” auf, das Wyatt “Maryan” titelt, höre aber auch “Blues in Bob minor”.

 

 

 

 

Cuckooland erblickt 2003 das Licht der Welt, von dieser Platte hören wir: “Old Europe”, “Forest”, Beware” und “Lullaby For Hamza”. 2007 veröffentlicht Wyatt Comicopera. Das Werk beginnt mit “Stay Tuned”, ein sehr schönes Stück, das ich mir allerdings denn doch in der Version von Anja Gabarek und Robert Wyatt anhören werde, das Stück findet sich dem Album Smiling & Waving, von Comicpera hören wir “Beautiful Peace” und “Be Serious”.
Der Abend neigt sich dem Ende zu, ein weiterer Höhepunkt naht mit der Platte …for the ghosts within aus dem Jahre 2010, das ist nun die letzte *****+Platte von Robert Wyatt. Ich lege auf: “Lullaby For Irena”, “Where Are They Now”, “Lush Life”, “In A Sentimental Mood” und mit “What A Wonderful World” verabschiedet sich Robert Wyatt.
Robert Wyatt gehört zweifellos zu meinen wichtigsten Musikern, neben Paul Bley und Olivier Messiaen.

 

 

 

 

Schöne Weihnachten!

Gerade höre ich, Joe Cocker ist gestorben, er wurde gerade mal 70 Jahre alt. Seine Platten gehören zum Urbestand meines Plattenschranks. Noch zu Schulzeiten kaufte ich mir Joe Cocker und With A Little Help From My Friend. Auf der einen Platte spielt Jimmy Page mit, auch Stevie Winwood und das sind die Songs: “Feeling Alright”, “Bye Bye Blackbird”, “Just Like A Woman”, “Sandpiper Cadillac”, “I Shall be released” und natürlich “With A Little Help From My Friends”. Auf der anderen Platte werden Songs von Leonard Cohen (“Bird On A Wire”) und ebenfalls von den Beatles (“She Came Through The Bathroom Window” und “Something”) gesungen. Diese Platten werden heute Abend auf meinem Plattenspieler laufen. Ich habe Joe Cocker sehr gerne gehört, er war für mich ein Musiker, der sich die Seele aus dem Leib gesungen hat, mit allen Fasern seines Körpers bei der Musik war …
 
 
 
 

 
 

Wenn der Tempo mit dem Jukebox-Man wieder kommt
 

Meine letzte Bestückung der Wurlitzer-Jukeboxen liegt nun schon wieder viele Monate zurück (Gregor öffnet seinen Plattenschrank Nr.59), höchste Zeit mal ein paar Platten auszutauschen.
 
 
 

 
 
 
In meinem Plattenkoffer habe ich 18 aktuelle Platten aus dem Jahre 2014 und zwei ältere aus dem 70er Jahren dabei, die es verdienen in den virtuellen Jukeboxen einmal aufzutauchen. Meines Wissens konnte man beide damals in den 70ern nirgendwo drücken. Da ist einmal Gene Clark mit dem Stück “For a Spanish Guitar”. Eine Auskoppelung aus der Langspielplatte White Light aus dem Jahre 1971. Ein wunderschönes Stück aus dieser ersten Soloplatte des Byrds-Gründungsmitglieds (er verstarb übrigens schon 1991 mit gerade mal 47 Jahren).

Auch die zweite 70er-Jahre-Platte stammt aus dem Jahre 1971, sie wurde 2014 wiederveröffentlicht und hat sogar den Weg in meine aktuelle Jahreshitparade 2014 geschafft. Ich kannte den Gitarristen und Sänger bislang nicht und bin von seiner Musik doch ziemlich begeistert. Es geht um Mike Cooper und seine Platte Trout Steel. Das Stück “That´s How” wird seinen Weg in die Jukebox finden. Zu den 18 aktuellen Platten gehört eine ganz besondere, die Musik aus den Jahren 1926 bis 1936 enthält: When I read that Heavenly Shore – Unearthly Black Gospel 1926-1936. Diese Platte wird in Deutschland allerdings erst am 09.01.2015 erscheinen, war aber bereits unter npr.com zu hören. Aus dieser 3-LP-Box werde ich das Stück “Let Jesus Lead You” vom Jubilee Gospel Team auskoppeln.

Die restlichen 17 aktuellen Platten findet man auf Langspielplatten oder CDs, die oft nicht mehr als ein oder zwei wirklich gelungene Musikstücke enthalten und die deshalb in vielen Fällen auch nicht in meinen 30 besten Platten aus dem Jahre 2014 aufgetaucht sind. In die Jukebox passen sie als Auskopplungen aber gut. Beispielsweise sind für meinen Geschmack die in diesem Jahr erschienen Platten von Altmeistern wie Neil Diamond, Eric Clapton oder YES nun wirklich nicht sonderlich hörenswert, eher langweilig, enttäuschend. Dennoch findet sich auf jeder der drei genannten Platten ein Stück, das ich in diesem Jahr sehr gerne gehört habe und das durchaus in die Jukebox passt.

 
 
 

 
 
 

  • Gene Clark: For a Spanish Guitar (LP/CD White Light)
  • Mike Cooper: That´s How (LP/CD Trout Steel)
  • Jubilee Gospel Team: Let Jesus Lead You (3LP/3CD Box)When I read that Heavenly Shore –
  • Unearthly Black Gospel 1926-1936
  • Leonard Cohen: Slow (LP/CD Popular Problems)
  • Bill Carrothers: The L & N Don´t Stop Here Anymore (PL/CD Love and Longing)
  • King Creosote: Largs (long) (LP/CD From Scotland With Love)
  • Phish: Devotion to a dream (LP/CD Fuego)
  • Neil Diamond: First Time (LP/CD Melody Road)
  • Jolie Holland: Palm Wine Drum Kard (LP/CD Wine Dark Sea)
  • Neil Young: Who`s Gonna Stand Up – Solo Version – (LP/CD Storytone)
  • David Crosby: Set That Baggage Down (LP/CD Croz)
  • Eric Clapton: They Call Me The Breeze (LP/CD The Breeze – An Appreciation of JJ Cale)
  • Lucinda Williams: Big Mess (LP/CD Down Where The Spirit Meets The Bone)
  • Yes: Believe Again (LP/CD Heaven & Earth)
  • Daniel Lanois: Forest City (LP/CD Flesh And Machine)

 
 
 

 
 
 

  • Luluc: Without A Face (LP/CD Passerby)
  • Mirel Wagner: Taller Than Tall rees (LP/CD When Cellar Children See The Light)
  • Bob Dylan: Quinn The Eskimo (LP/CD The Basement Tapes Complete: The Bootleg Series Vol.11)
  • Eggs Laid By Tigers: Let It Be Known Gabriel Kahane(LP/CD Under The Mile Off Moon)
  • Gabriel Kahane: Union Station (LP/CD The Ambassador)

 
 
 

 

Eigentlich bemühe ich mich, alle vierzehn Tage einen neuen Beitrag unter der Rubrik “Gregor öffnet seinen Plattenschrank” zu schreiben, leider muss ich diese Tradition nun unterbrechen. Thomas Pynchon geht vor! Das gemeinsame Leseprojekt lässt mir keine Zeit mehr, auch noch “den Plattenschrank zu öffnen”. Ein wenig bleibt er freilich geöffnet, schließlich möchte ich ja nebenher die eine oder andere Platte hören. Gerade kam Post aus Georgsmarienhütte und brachte die neue CD von Bill Frisell: Guitar in the Space Age und David Virelles: Mboko. Na, da bin ich mal gespannt. Ein anderes Mal mehr.

 
 
 

 

Morgen ist es soweit, einmal mehr ein großer Tag, ein Tag, an dem ein neuer Roman von Thomas Pynchon veröffentlicht wird. Es soll ja Leute geben, die schon Wetten abgeschlossen haben, wer den jeweils neuen Roman wohl zuerst in den Händen halten würde. Da soll dann der eine einen Buchhändler dazu bewegt haben, besagten Roman schon einen Tag früher herauszurücken, Wette trotzdem verloren! Denn der andere soll sich bereits Tage vorher die Druckfahnen des Romans besorgt haben: Gewonnen!  Blödsinn machen manche Leute … Morgen geht alles ganz seriös zu, ich werde, wenn alles gut geht, mit dem Öffnen des Buchladens meines Vertrauens um neun Uhr den neuen Roman des Meisters in Empfang nehmen. Leider muss ich aber dann für den Rest des Tages arbeiten, am nächsten Tag die 96er im Stuttgarter Stadion nach Kräften unterstützen, aber dann kann die Lektüre beginnen …
 
 
 

 
 
 
Immer wieder spielt ja auch Musik eine Rolle in den Romanen Pynchons. Das Motto des mir neben Enden der Parabel liebsten Romans von Pynchon Gegen den Tag lautet: “It´s always night or we wouldn´t need light”, und es stammt von keinem geringerem als Thelonious Monk. Dieser wunderbare 1596-Seiten-Roman, aus dem ich jetzt am liebsten seitenlang zitieren wollen würde, steht also unter einem Zitat eines der ganz großen Jazzpianisten. Grund genug, den Plattenschrank nach Monk-Platten zu durchforsten und den Abend vor der Veröffentlichung des neuen Pynchon-Romans mit Monk>-Platten zu verbringen, zum Beispiel:
 
Thelonious Monk: Straight No Chaser (Music from the Motion Picture, prod. Orrin Keepnews!)
 

Folgende Monk-Stücke werden dann aber auf jeden Fall aufgelegt: Monk´s Dream Round about Midnight /Hackensack / Evidence / We See / Let´s Call This / Friday The 13th / Skippy / Straight No Chaser / Mysterioso u.a.
 
 
 

 
 
 
Aber halt: Pynchon hat noch ein weiteres Buch unter das Motto eines Musikers gestellt, nämlich Vineland. “Jeder Hund hat seinen großen Tag und ein guter vielleicht auch zwei” – dieses Zitat stammt von Johnny Copeland. Dieser Bluesmusiker, geboren 1937 in Haynesville, Louisiana, gestorben 1997 in New York, veröffentlichte eine Menge guter Platten. Ich schlage vor, wir beenden den Vorabend der Veröffentlichung von Bleeding Edge mit der 2006 veröffentlichten CD An Introduction To Johnny Copeland, deren letztes Stück “Traveling Blues” besonders genossen werden muss.
 
 
 

 
 
 
P.S. Vor einer Woche verstarb Kenny Wheeler, 84jährig – ich gedenke seiner mit den Platten  Angel Song aus dem Jahre 1997 (Kenny Wheeler, Lee Konitz, Dave Holland und Bill Frisell) und Double, Double You aus dem Jahre 1984 (mit John Taylor, Dave Holland, Mike Brecker und Jack DeJohnette.


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