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Ryuichi Sakamoto schrieb die Filmmusik, zu einem Werk, das bei uns leider noch nicht zu sehen möglich ist, Nagasaki – Memories of my Son (Japan Dezember 2015), so der Titel des Films. Es geht um den 9. August 1945, dem Tag an dem auf Nagasaki eine Atombombe fiel. Ein B-29 Bomber hatte um 11:02Uhr die Fat Man genannte Bombe abgeworfen. 36000 Menschen starben sofort, viele weitere tausend erlagen kurze Zeit später ihren Verletzungen… Zu diesem Film wird jetzt auch in Deutschland die Filmmusik veröffentlicht. Ryuichi Sakamoto ist uns ja nun aus diversen Filmmusiken bekannt und man erinnert sich gerne an seine Zusammenarbeit mit David Sylvian, David Bowie und vor allem an die mit Richard Horowitz für den Film Himmel über der Wüste.

 
 
 

 
 

Die Musik zu Nagasaki – Memories of my Son hat mich sofort in ihren Bann gezogen: man hört ruhige, sehr bewegende Klänge, sehr zart, überaus karg, sehr vorsichtig gespielt, überhaupt nicht bombastisch – das hätte gerade noch gefehlt – oder übermäßig gefühlsbetont. Mich erinnert diese Musik an ein Werk aus den siebziger Jahren, damals arbeiteten Peter Rühmkorf und Michael Naura eng zusammen (Jazz & Lyrik, siehe Plattenschrank Nr.4 und Nr.30): Einsteins Reise; oder an After The Requiem von Gavin Bryars; oder an die Musik von Giya Kancheli – in allen gennannten Fällen möchte ich den Vergleich aber nur bezüglich der Ernsthaftigkeit und Wahrhaftigkeit der Musik ziehen, nicht musikalisch. Eine großartige Platte!

Herman Melville: Moby-Dick
 

Schon öfter habe ich meine Schüler mit der Erzählung Bartleby von Herman Melville (1856) verblüfft, eine Geschichte von einem Totalverweigerer. Sein andauerndes I would prefer not to … ( “Ich möchte lieber nicht …“ ) provoziert scheinbar dermaßen, dass es meinerseits ein rechtes Vergnügen ist zu erleben, was 150 Jahre alte Literatur noch alles vermag. Ein wunderbares Büchlein, welches in den verschiedensten Ausgaben erhältlich ist, die schönste ist sicher die 2005 in Steidl-Verlag erschienene und mit einem Nachwort von Wilhelm Genazino versehene Ausgabe.

 
 
 

 
 
 

Die 1954 entstandene, unter der Regie von John Huston beeindruckend in Szene gesetzte Verfilmung des Romans Moby Dick (von Melville 1851 veröffentlicht) – in der Hauptrolle des fanatischen Kapitän Ahab übrigens Gregory Peck – hat mich immer wieder dazu angeregt, doch endlich einmal dieses Hauptwerk Melvilles zu lesen. Im gerade zu Ende gehenden Sommer war es dann soweit. Die Ausgabe in der Neuübersetzung von Mathias Jendis schien mir die geeignetste, um das Werk anzugehen. Ich wurde nicht enttäuscht, die Übersetzung ist großartig. Die 1041 Seiten umfassende Dünndruckausgabe enthält neben dem eigentlichen Romantext (866 Seiten) ein Glossar ausgewählter nautischer Begriffe, fast 100 Seiten Anmerkungen, darin enthalten: kultur- und literarhistorische Anmerkungen zum Romantext, Zitate aus Melvilles Briefen, Tagebüchern und Bezüge zu seinen anderen Werken; es findet sich auch eine ausführliche Zeittafel zur Biographie Melvilles. Das Buch umfasst 135 Kapitel und, wer nun auf Grund der Kenntnis der Verfilmung des Buches glaubt, ein Abenteuerschmöker lesen zu können, wird recht bald eines besseren belehrt. Bevor unser Walfangschiff ablegt, vergehen schon einmal fast 200 Seiten.

 
 
 

 
 
 

Aus der Sicht des Matrosen Ismael erfahren wir zunächst einmal alles über das Gasthaus „Zum Walfänger“, über den unheimlichen Zimmergenossen Ismaels, den Harpunier Queequeg, das Frühstück, den Abschiedsgottesdienst – die komplette Predigt wird dem Leser präsentiert -, das Anheuern auf der Pequod, natürlich ausführliche Beschreibungen des Walfängers und Personenbeschreibungen in einer Breite, wie ich sie ansatzweise schon in dem oben genannten Büchlein Bartleby gelesen habe. Oft musste ich während des Lesens an das Buch Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman (1759-1767) von Laurence Sterne denken, auch hier will und will ja die Handlung nicht weitergehen und der Leser denkt: “Hallo, was passiert hier eigentlich?”

Es passiert wirklich nicht viel, jedenfalls solange nicht, bis es dann am Ende des Romans, ab S. 824 zur Jagd auf Moby Dick kommt. Aber, was lernt der Leser nicht alles in diesem Meisterwerk über den Walfang in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, über Wale überhaupt, die unterschiedlichen Unterordnungen des Wales, seine Lebensart, seine Anatomie, seine Farbe – unglaublich etwa die 13 Seiten über das Weiß des Wals und die “Farbe Weiß” als solche – seine Verarbeitung, über Tranöfen, Lampenöl, über Festfisch und Losfisch, Theologie und Philosophie, Exkurse über Exkurse. Und doch, das Buch fesselt, die Sprache begeistert, was für ein tolles Buch! Herman Melville starb 1891, den Erfolg seines Buches Moby-Dick konnte er nicht mehr erleben …

Paul Murray: Der gute Banker
 
 

`Ein mitreißender´, okay, `eine hochkomische Betrachtung der Betrügereien, die im Namen der Kunst, der Liebe und des Kommerz geschehen´, das ist zum geringen Teil durchaus richtig, `und wahrscheinlich das lustigste Buch, das über die andauernde Finanzkrise geschrieben wurde´, dazu: habe ich ein anderes Buch gelesen? Es geht um den Klappentext des neuen Romans von Paul Murray, der nun wirklich nicht sehr hilfreich Interesse für ein in der Tat großartiges Buch zu wecken sucht. Auch wenn ich im Klappentext erfahre, dass der Autor 2016 mit dem Wodehouse Prize für Komische Literatur ausgezeichnet wurde, so empfinde ich sein neues Buch – wie übrigens auch den Vorgänger-Roman `Skippy stirbt´ – alles andere als komisch. Viele Ideen, die Paul Murray in seinen Büchern entwickelt, mögen wirklich komisch sein (vor allem sein Erstlingswerk `An Evening of Long Goodbyes´ ist in der Tat komisch), aber deshalb sind seine Bücher nicht einfach nur lustig, vor allem nicht sein jüngstes.- Als quasi Vorfilm zum Buch empfehle ich Michael Moore´s `Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte´. Dieser Dokumentarfilm (2009) versucht die Finanzkrise von 2007 zu erläutern, übrigens auch auf sehr humorvolle Weise, aber dennoch sehr engagiert und überaus ernsthaft.

 
 
 

 
 
 

Die Finanzkrise von 2007, die im Herbst 2008 ihren Höhepunkt erreichte, wird in ihrer ganzen Tragweite von Paul Murray für Irland, wo der Roman `Der gute Banker´ spielt, korrekt dargestellt (auch, wenn wir heute wissen: es war alles viel schlimmer). Paul Murray gelingt es unglaublich gut, komplizierte Vorgänge, wie sie die letzte katastrophale Finanzkrise nun einmal darstellt, allgemeinverständlich in eine Romanhandlung einzubinden. In der Tat war es doch so, dass sich die Regierung Irlands in dieser Zeit von der Bank Merill Lynch hat falsch beraten lassen. Bei Murray ist es die BOT, die Bank of Torabundo, die gefälschte Empfehlungen zur Rettung des irischen Bankensystems herausgibt. In ebendieser Bank versucht der Held des Romans, Claude Martingale, sein Glück als Banker. Er, ein gebürtiger Franzose, arbeitet als Analyst in der BOT-Investment-Bank in Dublin. Eines Tages wird unser Protagonist von einem gewissen Paul aufgesucht. Paul hatte vor sieben Jahren einmal ein wenig erfolgreiches Buch veröffentlicht und möchte erneut versuchen, ein Buch zu schreiben. Seine Idee: das Leben eines Jedermann zu erzählen. Paul sieht sich in der Tradition von James Joyce, der in seinem Ulysses einen Tag und eine Nacht im Leben eines Jedermann erzählt hat, Leopold Bloom nannte Joyce ihn und ließ ihn als Annoncenakquisiteur arbeiten. Wer könnte heute dieser Jedermann sein?: ein Banker!, so die Überzeugung unseres Literaten Paul. Nun ist Claude natürlich nicht gleich begeistert davon, von morgens bis abends von einem Autor beobachtet zu werden, um anschließend als Hauptperson in einem Roman zu landen, aber nach längeren Überlegungen und Rücksprachen mit seinen KollegInnen ist er bereit, an diesem Experiment teilzunehmen.

Es entwickelt sich eine witzige, durchaus komische Geschichte, deren weiteren Verlauf ich mich hüten werde, hier zu verraten. In diese Rahmenhandlung eingebettet, erzählt Paul Murray von den Geschehnissen in der Bank of Torabundo in der Zeit der Finanzkrise 2007/2008 in Irland. Dabei stehen die einzelnen Mitarbeiter dieses Geldinstituts für durchaus verschiedene Geisteshaltungen im Bankgeschehen. Da haben wir Sir Colin, Chef der BOT, allerdings gerade gefeuert, hat zwar der Bank dazu verholfen, die Finanzkrise unbeschadet zu überstehen, sei aber viel zu vorsichtig, hätte Angst vor toxisch gewordenen Investments und riskanten Derivaten. Neuer Chef: Porter Blankly. Er war zuvor Leiter einer amerikanischen Bank, die den Crash nur durch ein Fünfzig-Milliarden-Rettungspaket überstehen konnte. Ihn jetzt als Boss der BOT zu bestellen, ist so, „ als ob Sie den Kapitän der Titanic aus dem Wasser ziehen und ans Ruder von Ihrem Katamaran stellen würden“(S.51).

Porter meldet sich bei seinen Leuten gerne mit rätselhaften Mails, die dann die Mannschaft in der Bank eifrig entschlüsselt und deren Inhalt dann unhinterfragt befolgt wird, auch und wahrscheinlich gerade, wenn doch bekannt ist, dass jener Herr es liebt mit Hilfe komplexer Finanzinstrumente die Wirklichkeit in einen Glücksspielautomaten zu verwandeln (S.82).- Ish arbeitet in der Abteilung unsres Protagonisten, sie erinnert sich oft an ihre Vorfahren, die keinen Besitz kannten und den Kreislauf des Schenkens hochhielten. Heute droht ihnen, den Bewohnern einer Pazifikinsel, auf Grund des Klimawechsels die reale Gefahr des Untergangs. Sie wagt es Porter Blankly um Hilfe zu bitten. Dieser tobt („Wer glaubt denn diese kleine Schlampe, wer sie ist?“S.409) und findet in Ish´s Kollegen Howie ein passendes Sprachrohr: „Herrgott, Ish, was hast du dir dabei gedacht? Porter zu bitten, eine Horde Höhlenmenschen mitten im Pazifik zu retten. Hattest du deine Tage oder was?“S.409.

Howie steht für den zynischen Banker ohne Skrupel. Er sieht im Klimawandel erst den Anfang der Katastrophe, was bevorstehe sei der komplette Kollaps der Ökosysteme, Ausbreitung von Epidemien, der Zusammenbruch des ganzen Finanzsystems. Nach Meinung von Howie würde es dann hochinteressant: mit dem menschlichen Elend könne man erst richtig Geld verdienen. „Was soll daran falsch sein“(S.414)? Nach Meinung von Howie wird es Zeit, in Katastrophen zu investieren: „Eine große, mächtige Flut wird kommen, und wir haben das Rettungsboot. Eine Arche für die wenigen Auserwählten, auf der sie sich mit einem Martini entspannen und dabei zuschauen können, wie alle anderen absaufen. Das ist genau das, was sie wollen. Schon ihr ganzes Leben lang haben sie genau das gewollt“ S.415. Und welche Position vertritt Claude Martingale? Wie steht er zu den Ansichten von Porter oder Howie? Ist er der `gute Banker´ oder seine Kollegen Kevin oder Jürgen …?

Paul Murray tritt auch aus der Bank hinaus und beschreibt überaus eindrücklich die Verliererseite des Crashs in Irland, besonders in Dublin und anderswo auf der Welt.

Murray hat, wie der aufmerksame Leser auch schon in `Skippy stirbt´ feststellen konnte, hervorragend recherchiert und eine durchaus realistische Darstellung der historischen Situation der Zeit der Finanzkrise in eine mehr als unterhaltsame Story gepackt. Das ist dennoch alles andere als lustig. Andererseits, welchem Autor gelingt es so, eben durchaus humorvoll, über den Zustand unserer Welt zu schreiben? Mir fällt da allenfalls David Mitchell ein.

Mit anderen Worten: Paul Murray hat nach `Skippy stirbt´wiederum ein sehr gutes Buch geschrieben, ich wünsche ihm sehr viele aufmerksame Leser.

 

P.S. Wer, wie in Mitchells `Knochenuhren´ Hinweise auf Musik erwartet, wird bei der Lektüre von `Der gute Banker´enttäuscht werden, es wird nur ein einziges Mal Musik erwähnt. Ariadne erinnert in einem Gespräch mit Claude über Francois Texier an das griechische Wort für `Wahrheit´: „Jeder versucht zu vergessen, was er während des Booms gemacht hat. Stattdessen tut jeder so, als wäre er ein Opfer. Das griechische Wort für Wahrheit ist Aletheia. Lethe, das ist der Fluss des Vergessens, also ist die Wahrheit, Aletheia, das, was du nicht vergisst. Aber hier passiert genau das Gegenteil. Die Wahrheit ist das, woran du dich nicht erinnerst.“ „Liffey oder Lethe“, sage ich (Claude), weil mich das an den alten Streit über den Song von `Radiohead´ erinnert.“

Wir erinnern uns: In dem Song `How to Disappear` sah sich der Sänger der Gruppe den Fluss Liffey (Dublin) hinunterschwimmen …. „I walk through walls // I float down the Liffey // I`m not here // This isn`t happening // I´m not here, I´m not here.

 

Paul Murray: Der gute Banker (Kunstmann Verlag)

Wenn der Tempo mit dem Jukebox-Man kommt …

 

Es ist entschieden, hier die Fortsetzung von Plattenschrank 119:

Nun kamen meine Pläne durch die Vorschläge von Michael (siehe Kommentare zu Plattenschrank 119) doch ein Stück weit durcheinander. So hab´ ich etwa an Muswell Hillbillies von The Kinks überhaupt nicht gedacht, obwohl die Platte in meinem Plattenschrank steht. Tatsächlich, sie erschien 1971, ich wähle das ruhige, wunderschöne Lied „Oklahoma U.S.A.“. Die Doors mit L.A. Woman hatte ich natürlich im Blick, aber die Auswahl, das ist das Problem. Ich denke mal das Volk will „Riders On The Storm“ hören, der Wirt, das weiß ich zufällig, möchte gerne „Love Her Madley“ in der Box sehen, mein Lieblingssong wäre „Hyasinth House“. Das Geburtstagskind soll seinen Willen haben, also: „Love Her Madley“. Auch die von Michael erwähnte Platte Aqualung von Jethro Tull hatte ich auf dem Zettel, aber ich nehme nicht das millionenfach gespielte „Locomotive Breath“ in die Box, sondern den Titelsong „Aqualung“. Übrigens gibt es eine ganz famose DVD, ein Mitschnitt eines Auftritts von Jethro Tull in Montreux aus dem Jahr 2003, sehr zu empfehlen. Die Beach Boys veröffentlichten 1971 ihr siebzehntes Studioalbum, Surf´s Up, das Stück „Feel Flows“ muss zwingend in die Jukebox! Diese Platte liebe ich sehr, sie ist ungewöhnlich, die meisten Stücke wird kaum jemand kennen, auch „Feel Flows“ nicht, ich stelle das Stück quasi als Missionsplatte ein. Wenn sie vom Wirt und weiteren zehn Gästen mal gedrückt wird, soll es mir recht sein.

 
 
 

 
 
 

Im September 1971 veröffentlichte John Lennon den Klassiker Imagine, keine Frage, die Platte muss vertreten sein, ich denke „Jealous Guy“ wird dem Geburtstagskind und den Kneipenbesuchern gefallen, obwohl ich mir auch schon wieder nölende Jukeboxsfans vorstellen kann, die unbedingt die Version von Roxy Music hören wollen, die ja auch wirklich hörenswert ist. Irgendwann werde ich allerdings wirklich einmal die Version dieses Songs von Jimmy Scott in die Boxen stellen, die hat es erst in sich!!

The Who kam 1971 mit einem meiner Lieblingssong dieser Gruppe heraus, „Won´t get fooled again“, ein Stück, das mich heute noch enorm anspricht. Richie Havens sang 1971 „Here comes the sun“, dieser Klassiker muss seinen Weg in die Box finden. Von der Live-Platte der Allman Brothers Band At Fillmore East 1971 würde ich ja am liebsten „You don´t Love Me“ bringen, aber leider Überlänge: 19:21 Minuten, dann eben „Statesboro Blues“. In The Land of Grey and Pink hieß die grandiose Platte, die Caravan 1971 herausbrachte, aber das Stück „Nine Feet Underground“, der ganz große Hammer, der Burner der Scheibe, dauert eben 22:37 Minuten, definitiv zu lang für die Jukebox. Ich wähle stattdessen „Love to Love You (And Tonight Pigs will Fly)“. Am 04.Januar 1971 erschien Blue von Joni Mitchell, auf dieser Scheibe findet sich mein Geburtstagsständchen für den Jubilar: „River“. Das Stück dürfte zunächst einmal niemand erkennen, es beginnt mit ruhigem Klavierspiel, bevor dann Joni Mitchell diese wunderschöne Ballade singt. Es wird ganz ruhig werden in dieser Kneipe, ein Musikstück lang werden keine klirrende Gläser, keine Gespräche zu hören sein. Dann aber: Im November 1971 wurde eine ganz große Platte veröffentlicht: Led Zeppelin IV, auf ihr befindet sich der Klassiker „Stairway to heaven“. Den größten Ärger würde ich auf mich ziehen, wenn ich dieses Stück nicht bringen würde. Dabei gäbe es auf diese Schallplatte noch so viele andere interessante und wirklich gute Aufnahmen, zum Beispiel „When The Levee Breaks“, die würde die Bude zum Kochen bringen. Sei´s drum.

 
 
 

 

Wenn der Tempo mit dem Jukebox-Man kommt …
 
 

Eine Musikbox in einer Kneipe wird von mir nach verschiedenen Kriterien bestückt, ein wichtiges, ich will es nicht verschweigen, ist natürlich, dass schon auch die Münzen im Kasten klingen sollten, was wiederum bedeutet, dass ich mich an den Bedürfnissen der Besucher einer Gaststätte zu orientieren habe.

Aber auch das hat Grenzen, ich werde nur solche Platten einstellen, die auch mir gefallen und von etwa zehn Prozent aller Schallplatten, die ich für meine Boxen aussuche, wünsche ich mir, dass sie dem verehrten Publikum vielleicht eines Tages gefallen könnten. Freunde von mir nennen solche Scheiben “Missionsplatten”. Sei´s drum.

Neulich rief mich der Wirt einer meiner Lieblingskneipen auf einer Nordseeinsel an und erbat sich eine Ausnahme von meinen Bestückungsregeln: er hätte mit seiner Kneipe jetzt zehnjähriges Bestehen, also wünsche er sich zehn außergewöhnlich gute Scheiben aus dem Jahre 2006, zudem feiere er in diesem Jahr seinen fünfundvierzigsten Geburtstag, deshalb sollten in der Jukebox zehn Platten aus dem Jahre 1971 wählbar sein, aber hammergute sollten es sein.

Eine schöne Aufgabe, der wunderbare Nebeneffekt bezüglich der Scheiben aus dem Jahr 2006, Platten, die eigentlich noch gar nicht alt, aber fast schon vergessen sind, in Erinnerung zu rufen. Natürlich auch ein schwieriges Unterfangen, muss doch ein Schnittpunkt zwischen dem Geschmack der Kneipenbesucher, dem Wirt, der einiges zu feiern hat, und schließlich mir gefunden werden. Hier zunächst mein Vorschlag für die zehn Platten aus dem Jahr 2006:

Beginnen wir gleich mal mit einem fetten Rockhammer: Die Gruppe Heligoland und ihre CD Pitcher, Flash & Foxy Music, das Stück “Fruit” habe ich ausgesucht.

 
 
 

 
 
 

Etwas Ruhigeres als nächstes: Die Gruppe The Nits brachten 2006 ihre CD Les Nuits heraus, ich wähle das Stück “The Wind-Up Bird”. Chris Watson veröffentlichte 2006 Storm, auf dieser CD befindet sich das über 15minütige “No Man´s Land”, Vögel, wohin man auch hört, wunderbar, aber ok, das ist keine Jukeboxplatte. Aber Bob Dylan, er legte 2006 Modern Times vor, ich wähle das flotte “Someday Baby”. Übrigens kam Scott Walker in diesem Jahr mit seiner grandiosen Platte The Drift heraus, ob ich das bringen kann … Doch, natürlich, dann eben als “Missionsplatte”, mein Lieblingsstück, “Clara” (12:43) kann ich nun wirklich nicht einstellen, das würde “wyatting” verursachen und meinen Freund ernsthaft verstimmen, also vielleicht “A Lovers Love”, das wäre vorstellbar. Klar, M. Ward, er muss dabei sein, seine Platte Post War erschien in besagtem Jahr und, wenn “Rollercoaster” erklingt, wird jeder denken, der Mann am verstimmten Klavier greift in die Tasten. T-Bone Burnett veröffentlichte damals die CD The True False Identity, “There Would Be Hell To Pay” wird dem Publikum ebenso gefallen wie Johnny Cashs A Hundred Highways (AmericanV), hier fällt die Auswahl wahnsinnig schwer, ich entscheide mich für “Further On Up The Road”. James Yorkston darf mit Year of The Leopard natürlich auch nicht fehlen, “Summer Song” kommt in die Box. Bleiben noch zwei Platten, jetzt wird es eng, kamen doch 2006 wirklich tolle Platten in die Läden. Joanna Newsom mit Ys zum Beispiel, passt aber jetzt wirklich nicht in die Jukebox. Okay, es ist entschieden: Bonny Prince Billy und seine CD The Letting-Go und das Stück “Strange form of life” kommt noch in die Box und schließlich Ray Davis, die CD Other People´s Lives hat mir damals so gut gefallen, ich wähle das Stück “The Tourist”.

Die Auswahl aus dem Jahr 1971 wird mir ähnlich schwerfallen. Damit lasse ich mir noch etwas Zeit.

 
 
 

 

Am 30. Juni und 1. Juli dieses Jahres spielte er noch auf dem Montreux-Jazz-Festival, das dieses Jahr sein 50jähriges Jubiläum feierte. Damals, 1967, als das erste Montreux-Festival veranstaltet wurde, war er auch schon dabei: Charles Lloyd. Am 8. Juli kam Charles Lloyd nach Tübingen, um auf der beschaulichen Waldbühne des Sudhauses aufzuspielen. Er hatte eine atemberaubende Truppe dabei, den Pianisten Jason Moran, den Bassisten Reuben Rogers und den Schlagzeuger Eric Harland. Jeder dieser Musiker fesselte die Zuhörer mit seinem musikalischen Können. Und wenn über längere Passagen ein Stück ohne Beteiligung des Meisters im Trio oder Solo gespielt wurde, setzte sich der 78jährige Charles Lloyd neben den Flügel und lauschte den jungen musikalischen Talenten. Dabei bekam er einiges zu hören. Selten, ganz selten habe ich eine Gruppe auf so hohem musikalischen Niveau spielen hören, begeisternd. (Ist das nicht eine kleine Übertreibung??; Anm. des MHQ) Über zwei Stunden spielte das Quartett am Stück, dann gab es noch eine Zugabe und natürlich mehr als verdiente Standing Ovations.

 
 
 

 
 
 

Zuhause musste natürlich sofort der Plattenschrank geöffnet und nachgeschaut werden, welche Platten mit Charles Lloyd in dieser Besetzung mein eigen sein könnten. Die Überraschung war groß, bereits 2004 spielte Lloyd mit Eric Harland auf Jumping the Creek, am Klavier damals Geri Allen. 2007 tritt Lloyd dann das erste Mal auf Rabo de Nube in der Besetzung in Erscheinung, die ich in Tübingen sehen konnte. 2010 folgte dann die wunderbare Platte Mirror, in eben diesem Quartett. Von dieser CD spielte die Gruppe in Tübingen den Klassiker La llorona und das unvergessliche The Water Is Wide. Auch auf Athens Concert (2011) mit Maria Farantouri, Socratis Sinopoulos und Takis Farazis trat Lloyd in oben genannter Besetzung auf. 2012 spielte Charles Lloyd dann noch eine Duoplatte mit Jason Moran ein: Hagars Song. Im Februar dieses Jahres erschien dann die CD Charles Lloyd and The Marvells: I Long To See You. Mit dabei neben Norah Jones, Willie Nelson, Greg Leisz und Bill Frisell, aber auch wiederum der Bassist Reuben Rogers und der Drummer Eric Harland. Übrigens auf der 2015 erschienen Platte Wild Man Dance – Live At Wrocław Philharmonic spielte der Meister in der Besetzung Gerald Clayton (Piano), Joe Sanders (Bass), Gerald Cleaver (Schlagzeug) sowie Sokratis Sinopoulos (Lyra).

 
 
 

 

Lieder aus grauen Gärten; Nachruf für gestrandete Fische; Im Zeichen des blauen Hundes; Dem kalten Sternwind offen; Das müde Lächeln im Holunderbaum; Zeit der blauen Schatten; Nur eine Bewegung von Licht; Das geöffnete Schneeblatt. Solch wundervolle Titel tragen die Bücher des Schweizer Schriftstellers Joseph Kopf. Das Werk des 1929 in St. Gallen geborenen und 1979 ebendort verstorbenen Schriftstellers besteht hauptsächlich aus Lyrik. 1991 las ich das erste Mal ein Gedicht von ihm. Einer richtigen Langspielplatte war ein strahlend weißes Heft beigefügt (30cmx30cm). Das erste Blatt des großen Heftes war wie das letzte, zehnte, komplett weiß gehalten, nur oben rechts in der Ecke stand in kleiner Schrift geschrieben:

 

ich habe auf den steinernen tisch die blaue mondfrucht gelegt

ich habe die weissen tiere aus ihren wäldern gebeten

sie sind gekommen und haben kein blatt an den sträuchern bewegt

ihre silbernen hufe haben kein gras in der steppe zertreten

 

dies blieb mir als traum oder wie ein verlorenes gesicht

in ihren augen stand noch das wort der schöpfung geschrieben

ich weiss es nicht mehr es war größer und stiller als lieben

sie gingen und alles war wieder nur eine bewegung von licht

 

joseph kopf

 
 
 

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Dieses Heft ist einer wundervollen Schallplatte beigefügt, sie erschien 1991 bei ECM New Series, ist in Oslo in den Rainbow-Studios von Jan Erik Kongshaug aufgenommen worden und wurde von mir kürzlich, nach langer Zeit, einmal wieder auf den Plattenteller gelegt. Es war, als hörte ich die Platte zum ersten Mal. Eine Offenbarung. Die Rede ist von ALPSTEIN, mit Paul Giger (Violin), Jan Garbarek (Tenor Saxophone) und Pierre Favre (Percussion). Ich habe diese Musik nun, als hätte ich eine neue Schallplatte erworben, wirklich neu entdeckt. Plattenseite A, Beginn Zäuerli Violine Solo, man schließt die Augen und befindet sich in der Heimat Paul Gigers, im nördlichsten Ausläufer der schweizerischen Alpen. Stück 2 Karma Shadub Die Violine spielt eine kurze Melodie, die Berge werfen den Hall der Klänge zurück. Dann folgt Alpsegen, Pierre Favre lässt Kuhgkocken erklingen … Diese Musik würde ich `Landschaftsmusik` nennen, eine Musik, die aus der Landschaft geboren wurde – faszinierend.

 
 
 

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Und: immer wieder kann man dankbar sein, dass ECM all diese Werke und mögen sie jahrzehntealt sein, im Katalog behält, alle sechs Platten von Paul Giger sind noch erhältlich: 1988 Chartres, 1991 ALPSTEIN, 1993 Schattenwelt, 2000 Ignis, 2003 Vindonissa, 2007 Towards Silence (alle ECM New Series, bis auf Vindonissa ECM).

2016 28 Jun

Elegy For The Arctic

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Und jetzt: Unbedingt anschauen, tolle Greenpeace-Aktion gegen die Zerstörung der Arktis. Der 60jährige Pianist Ludovico Einaudi spielt vor der Wahlenbergbreen-Gletscher-Kulisse vor der Küste Spitzbergens: begeisternd, aber auch traurig, ganz wunderbar.

 

1. Brian Eno: The Ship

2. David Bowie: Blackstar

3. Jon Balke: Warp

4. Carla Bley: Andando Il Tiempo

5. Anohni: Hopelessness

6. Jack DeJohnette / Ravi Coltrane / Matthew Garrison: In Movement

7. Golfam Khayam / Mona Matbou Riahi: Narrante

8. Lucinda Williams: The Ghosts of Highway 20

9. William Tyler: Modern Country

10. Thomas Zehetmair Orchstre de chambre de Paris: Robert Schumann

11. Avishai Cohen: Into The Silence

12. Erlend Apneseth Trio: Det Andre Rommet

13. Piano Interrupted: Landscapes of the Unfinished

14. Legendary Pink Dots: Pages of Aquarius

15. Glenn Jones: Fleeting

16. Michel Benita Ethics: River Silver

17. Tonu Korvits / Anja Lechner / Tonu Kaljuste and Tallinn Chamber Orchstra: Mirror

18. Tindersticks: The Waiting Room

19. PJ Harvey: The Hope Six Demolition Project

20. Swans: The Glowing Man

21. Paul Simon: Stranger to Stranger

22. James Blake: The Colour in Anything

23. Allen Toussaint: American Tunes

24. Markus Stockhausen: Alba

25. Rolf Lislevand: La Masquerade

Mir war schon vor längerer Zeit aufgefallen, dass die Läden, in denen ich bisher meinen Vorrat an unbespielten CDs auffüllen konnte, den Verkauf eben dieses Artikels eingestellt hatten. Deshalb führte mich mein Weg am letzten Montag in einen dieser großen, von mir weniger geschätzten Medienmärkte (waren sie doch dereinst Schuld an dem Niedergang so vieler kleiner, aber feiner Schallplatten-, Cd- und Hifi-Läden).- Nach längerem Suchen, gab ich auf und fragte einen Angestellten nach den Regalen, in denen bespielbare CDs, CD-Hüllen etc. angeboten würden. Huschte da nicht etwas Mitleid über das Gesicht des Verkäufers, als er dem Kunden mitteilen musste, dass es solche Regale schon seit geraumer Zeit nicht mehr gebe, es sei für diese Produkte keine Nachfrage, kein Markt mehr vorhanden. Hallo? Hab´ ich da etwas verschlafen? Anyway, der Angestellte wollte mich trösten und zeigte mir im letzten Winkel des riesigen Marktes ein kleines Regal, in dem noch eine 25er Spindel mit bespielbaren CDs lag. Ein Plakat verkündete den Ausverkauf dieser CDs, es gab 20% Rabatt. Ich muss wohl ziemlich verwirrt drein geschaut haben, denn der Verkäufer versuchte zu erklären: heute speichere man mit USB-Sticks, die eine enorme Speicherkapazität hätten, deshalb sei es wohl auch bald mit den CD-Playern im Auto vorbei, schon heute wären die neueren Modelle ja bereits mit USB-Schnittstellen ausgerüstet. Smartphone anschließen und fertig … Jetzt wurde es mir doch zu viel. Ich erläuterte dem jungen Mann nun meinerseits die Sachlage. Er möge sich mal vorstellen, dass man in einem Leben zunächst das Spulentonband als Speichermedium erlebt habe, dann die Kassette, dann die Minidisc, dann die DAT-Audio-Tapes und nun soll die Zeit der CD als Speichermedium auch vorbei sein???

Ich wurde den Eindruck nicht los, dass mein Gerede hier niemanden wirklich interessierte. Auf der Heimfahrt dachte ich: mit neun oder zehn Jahren kaufte ich mir ein Grundig TK 14, mein erstes Tonbandgerät (gebraucht, aber immerhin funktionsfähig). Man benötigte dafür 15cm Spulentonbänder, die man tunlichst von BASF oder ähnlichen Markenherstellern kaufte, sonst wurde man gerne mit Bandauflösungserscheinungen bestraft, die neben dem Verlust der Aufnahmen auch noch die Tonköpfe verschmutzten.
 
 
 
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Mein ganzer Stolz: ein unbespieltes, noch originalverpacktes, ungeöffnetes Doppelspielband von BASF.

Ende der siebziger Jahre waren die besten Jahre der guten alten Spulentonbandgeräte vorbei und nun war der Kassettenrecorder angesagt. Nun benötigte man gute Kassetten, Chromdioxid-Kassetten, Ferro-Kassetten verschiedenster Marken, aber auch hier war es wichtig, gute Kassetten zu kaufen (s.o.). Zu haben waren die Größen: 60 Minuten, 90 und 120. Die 120er waren gut für die Aufnahme der zweistündigen Klanghorizonte von Michael Engelbrecht, so man denn ein Gerät besaß, dass automatisch nach 60 Minuten in die umgekehrte Richtung aufnahm … Die weiteren Aufnahmeformate lasse ich jetzt mal weg.

Okay, wer nicht aufnimmt, dem mag es ja egal sein, dieser ständige Wechsel der Aufnahmemedien. Mir aber nicht. Ich halte mehrere Spulentonbandgeräte, Kassettenrecorder, Dat-Player vorrätig und in guter Funktionsfähigkeit, damit ich die Aufnahmen, die ich seit meinem neunten, zehnten Lebensjahr gemacht habe, auch noch hören kann. Aber irgendwie bin ich jetzt ratlos. Heißt meine Kolumne hier in Zukunft „Gregor öffnet seinen USB-Stick“? Oder „Gregor öffnet die cloud“?

Oh Jammerstand!

Übrigens gab vor ein paar Tagen meine gerade erst einmal zweieinhalb Jahre alte Festplatte, die an meinem LOEWE-Fernseher angeschlossen war, ihre Funktion auf. Viele Filme, vor allem zahllose Mitschnitte von Konzerten, für immer weg, einfach so. Na denn, das ist wohl Fortschritt!


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