Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Am 30. Juni und 1. Juli dieses Jahres spielte er noch auf dem Montreux-Jazz-Festival, das dieses Jahr sein 50jähriges Jubiläum feierte. Damals, 1967, als das erste Montreux-Festival veranstaltet wurde, war er auch schon dabei: Charles Lloyd. Am 8. Juli kam Charles Lloyd nach Tübingen, um auf der beschaulichen Waldbühne des Sudhauses aufzuspielen. Er hatte eine atemberaubende Truppe dabei, den Pianisten Jason Moran, den Bassisten Reuben Rogers und den Schlagzeuger Eric Harland. Jeder dieser Musiker fesselte die Zuhörer mit seinem musikalischen Können. Und wenn über längere Passagen ein Stück ohne Beteiligung des Meisters im Trio oder Solo gespielt wurde, setzte sich der 78jährige Charles Lloyd neben den Flügel und lauschte den jungen musikalischen Talenten. Dabei bekam er einiges zu hören. Selten, ganz selten habe ich eine Gruppe auf so hohem musikalischen Niveau spielen hören, begeisternd. (Ist das nicht eine kleine Übertreibung??; Anm. des MHQ) Über zwei Stunden spielte das Quartett am Stück, dann gab es noch eine Zugabe und natürlich mehr als verdiente Standing Ovations.

 
 
 

 
 
 

Zuhause musste natürlich sofort der Plattenschrank geöffnet und nachgeschaut werden, welche Platten mit Charles Lloyd in dieser Besetzung mein eigen sein könnten. Die Überraschung war groß, bereits 2004 spielte Lloyd mit Eric Harland auf Jumping the Creek, am Klavier damals Geri Allen. 2007 tritt Lloyd dann das erste Mal auf Rabo de Nube in der Besetzung in Erscheinung, die ich in Tübingen sehen konnte. 2010 folgte dann die wunderbare Platte Mirror, in eben diesem Quartett. Von dieser CD spielte die Gruppe in Tübingen den Klassiker La llorona und das unvergessliche The Water Is Wide. Auch auf Athens Concert (2011) mit Maria Farantouri, Socratis Sinopoulos und Takis Farazis trat Lloyd in oben genannter Besetzung auf. 2012 spielte Charles Lloyd dann noch eine Duoplatte mit Jason Moran ein: Hagars Song. Im Februar dieses Jahres erschien dann die CD Charles Lloyd and The Marvells: I Long To See You. Mit dabei neben Norah Jones, Willie Nelson, Greg Leisz und Bill Frisell, aber auch wiederum der Bassist Reuben Rogers und der Drummer Eric Harland. Übrigens auf der 2015 erschienen Platte Wild Man Dance – Live At Wrocław Philharmonic spielte der Meister in der Besetzung Gerald Clayton (Piano), Joe Sanders (Bass), Gerald Cleaver (Schlagzeug) sowie Sokratis Sinopoulos (Lyra).

 
 
 

 

Lieder aus grauen Gärten; Nachruf für gestrandete Fische; Im Zeichen des blauen Hundes; Dem kalten Sternwind offen; Das müde Lächeln im Holunderbaum; Zeit der blauen Schatten; Nur eine Bewegung von Licht; Das geöffnete Schneeblatt. Solch wundervolle Titel tragen die Bücher des Schweizer Schriftstellers Joseph Kopf. Das Werk des 1929 in St. Gallen geborenen und 1979 ebendort verstorbenen Schriftstellers besteht hauptsächlich aus Lyrik. 1991 las ich das erste Mal ein Gedicht von ihm. Einer richtigen Langspielplatte war ein strahlend weißes Heft beigefügt (30cmx30cm). Das erste Blatt des großen Heftes war wie das letzte, zehnte, komplett weiß gehalten, nur oben rechts in der Ecke stand in kleiner Schrift geschrieben:

 

ich habe auf den steinernen tisch die blaue mondfrucht gelegt

ich habe die weissen tiere aus ihren wäldern gebeten

sie sind gekommen und haben kein blatt an den sträuchern bewegt

ihre silbernen hufe haben kein gras in der steppe zertreten

 

dies blieb mir als traum oder wie ein verlorenes gesicht

in ihren augen stand noch das wort der schöpfung geschrieben

ich weiss es nicht mehr es war größer und stiller als lieben

sie gingen und alles war wieder nur eine bewegung von licht

 

joseph kopf

 
 
 

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Dieses Heft ist einer wundervollen Schallplatte beigefügt, sie erschien 1991 bei ECM New Series, ist in Oslo in den Rainbow-Studios von Jan Erik Kongshaug aufgenommen worden und wurde von mir kürzlich, nach langer Zeit, einmal wieder auf den Plattenteller gelegt. Es war, als hörte ich die Platte zum ersten Mal. Eine Offenbarung. Die Rede ist von ALPSTEIN, mit Paul Giger (Violin), Jan Garbarek (Tenor Saxophone) und Pierre Favre (Percussion). Ich habe diese Musik nun, als hätte ich eine neue Schallplatte erworben, wirklich neu entdeckt. Plattenseite A, Beginn Zäuerli Violine Solo, man schließt die Augen und befindet sich in der Heimat Paul Gigers, im nördlichsten Ausläufer der schweizerischen Alpen. Stück 2 Karma Shadub Die Violine spielt eine kurze Melodie, die Berge werfen den Hall der Klänge zurück. Dann folgt Alpsegen, Pierre Favre lässt Kuhgkocken erklingen … Diese Musik würde ich `Landschaftsmusik` nennen, eine Musik, die aus der Landschaft geboren wurde – faszinierend.

 
 
 

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Und: immer wieder kann man dankbar sein, dass ECM all diese Werke und mögen sie jahrzehntealt sein, im Katalog behält, alle sechs Platten von Paul Giger sind noch erhältlich: 1988 Chartres, 1991 ALPSTEIN, 1993 Schattenwelt, 2000 Ignis, 2003 Vindonissa, 2007 Towards Silence (alle ECM New Series, bis auf Vindonissa ECM).

2016 28 Jun

Elegy For The Arctic

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Und jetzt: Unbedingt anschauen, tolle Greenpeace-Aktion gegen die Zerstörung der Arktis. Der 60jährige Pianist Ludovico Einaudi spielt vor der Wahlenbergbreen-Gletscher-Kulisse vor der Küste Spitzbergens: begeisternd, aber auch traurig, ganz wunderbar.

 

1. Brian Eno: The Ship

2. David Bowie: Blackstar

3. Jon Balke: Warp

4. Carla Bley: Andando Il Tiempo

5. Anohni: Hopelessness

6. Jack DeJohnette / Ravi Coltrane / Matthew Garrison: In Movement

7. Golfam Khayam / Mona Matbou Riahi: Narrante

8. Lucinda Williams: The Ghosts of Highway 20

9. William Tyler: Modern Country

10. Thomas Zehetmair Orchstre de chambre de Paris: Robert Schumann

11. Avishai Cohen: Into The Silence

12. Erlend Apneseth Trio: Det Andre Rommet

13. Piano Interrupted: Landscapes of the Unfinished

14. Legendary Pink Dots: Pages of Aquarius

15. Glenn Jones: Fleeting

16. Michel Benita Ethics: River Silver

17. Tonu Korvits / Anja Lechner / Tonu Kaljuste and Tallinn Chamber Orchstra: Mirror

18. Tindersticks: The Waiting Room

19. PJ Harvey: The Hope Six Demolition Project

20. Swans: The Glowing Man

21. Paul Simon: Stranger to Stranger

22. James Blake: The Colour in Anything

23. Allen Toussaint: American Tunes

24. Markus Stockhausen: Alba

25. Rolf Lislevand: La Masquerade

Mir war schon vor längerer Zeit aufgefallen, dass die Läden, in denen ich bisher meinen Vorrat an unbespielten CDs auffüllen konnte, den Verkauf eben dieses Artikels eingestellt hatten. Deshalb führte mich mein Weg am letzten Montag in einen dieser großen, von mir weniger geschätzten Medienmärkte (waren sie doch dereinst Schuld an dem Niedergang so vieler kleiner, aber feiner Schallplatten-, Cd- und Hifi-Läden).- Nach längerem Suchen, gab ich auf und fragte einen Angestellten nach den Regalen, in denen bespielbare CDs, CD-Hüllen etc. angeboten würden. Huschte da nicht etwas Mitleid über das Gesicht des Verkäufers, als er dem Kunden mitteilen musste, dass es solche Regale schon seit geraumer Zeit nicht mehr gebe, es sei für diese Produkte keine Nachfrage, kein Markt mehr vorhanden. Hallo? Hab´ ich da etwas verschlafen? Anyway, der Angestellte wollte mich trösten und zeigte mir im letzten Winkel des riesigen Marktes ein kleines Regal, in dem noch eine 25er Spindel mit bespielbaren CDs lag. Ein Plakat verkündete den Ausverkauf dieser CDs, es gab 20% Rabatt. Ich muss wohl ziemlich verwirrt drein geschaut haben, denn der Verkäufer versuchte zu erklären: heute speichere man mit USB-Sticks, die eine enorme Speicherkapazität hätten, deshalb sei es wohl auch bald mit den CD-Playern im Auto vorbei, schon heute wären die neueren Modelle ja bereits mit USB-Schnittstellen ausgerüstet. Smartphone anschließen und fertig … Jetzt wurde es mir doch zu viel. Ich erläuterte dem jungen Mann nun meinerseits die Sachlage. Er möge sich mal vorstellen, dass man in einem Leben zunächst das Spulentonband als Speichermedium erlebt habe, dann die Kassette, dann die Minidisc, dann die DAT-Audio-Tapes und nun soll die Zeit der CD als Speichermedium auch vorbei sein???

Ich wurde den Eindruck nicht los, dass mein Gerede hier niemanden wirklich interessierte. Auf der Heimfahrt dachte ich: mit neun oder zehn Jahren kaufte ich mir ein Grundig TK 14, mein erstes Tonbandgerät (gebraucht, aber immerhin funktionsfähig). Man benötigte dafür 15cm Spulentonbänder, die man tunlichst von BASF oder ähnlichen Markenherstellern kaufte, sonst wurde man gerne mit Bandauflösungserscheinungen bestraft, die neben dem Verlust der Aufnahmen auch noch die Tonköpfe verschmutzten.
 
 
 
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Mein ganzer Stolz: ein unbespieltes, noch originalverpacktes, ungeöffnetes Doppelspielband von BASF.

Ende der siebziger Jahre waren die besten Jahre der guten alten Spulentonbandgeräte vorbei und nun war der Kassettenrecorder angesagt. Nun benötigte man gute Kassetten, Chromdioxid-Kassetten, Ferro-Kassetten verschiedenster Marken, aber auch hier war es wichtig, gute Kassetten zu kaufen (s.o.). Zu haben waren die Größen: 60 Minuten, 90 und 120. Die 120er waren gut für die Aufnahme der zweistündigen Klanghorizonte von Michael Engelbrecht, so man denn ein Gerät besaß, dass automatisch nach 60 Minuten in die umgekehrte Richtung aufnahm … Die weiteren Aufnahmeformate lasse ich jetzt mal weg.

Okay, wer nicht aufnimmt, dem mag es ja egal sein, dieser ständige Wechsel der Aufnahmemedien. Mir aber nicht. Ich halte mehrere Spulentonbandgeräte, Kassettenrecorder, Dat-Player vorrätig und in guter Funktionsfähigkeit, damit ich die Aufnahmen, die ich seit meinem neunten, zehnten Lebensjahr gemacht habe, auch noch hören kann. Aber irgendwie bin ich jetzt ratlos. Heißt meine Kolumne hier in Zukunft „Gregor öffnet seinen USB-Stick“? Oder „Gregor öffnet die cloud“?

Oh Jammerstand!

Übrigens gab vor ein paar Tagen meine gerade erst einmal zweieinhalb Jahre alte Festplatte, die an meinem LOEWE-Fernseher angeschlossen war, ihre Funktion auf. Viele Filme, vor allem zahllose Mitschnitte von Konzerten, für immer weg, einfach so. Na denn, das ist wohl Fortschritt!

Tzadik III
 
Verpasst! Das Jubiläum! 25 Jahre Tzadik, das wäre 2015 gewesen. Vor ein paar Wochen gönnte ich mir einmal mehr einen wunderbaren Tzadik-Abend, als es mir plötzlich auffiel, Tzadik müsste doch jetzt 25jähriges Bestehen feiern. Zu spät!

Den Gründer des Plattenlabels, John Zorn, kenne ich freilich schon länger: 1991 konnte ich John Zorn das erste Mal in Tübingen hören, er kam mit seiner Band Naked City, dabei waren Bill Frisell, Wayne Horvitz, Fred Frith und Joey Baron. Es war ein wildes Konzert, laut, absolut schräg, unerhört, begeisternd. Bereits 1988 hatte ich die Gelegenheit Naked City in gleicher Besetzung in der Berliner Philharmonie während der Berliner Jazztage zu hören, allerdings nur über das gute, alte Radio. Meine ersten Platten mit John Zorn trugen die Titel The Big Gundown (1985) u.a. mit dem Kronos Quartet, Tim Berne, Bill Frisell, Big John Patton, Toots Thielemans, Vernon Reid, Shelley Hirsch und Spillane (1987) mit Bill Frisell, Albert Collins, Ronald Shannon Jackson, Melvin Gibbs, dem Kronos Quartet und vielen anderen Mitwirkenden.

Aber erst 1995 wurde das Tzadik-Label von John Zorn gegründet. Mit der Veröffentlichung von Kristallnacht, einem Werk, das an die Reichspogromnacht erinnerte, fing alles an. Mit dabei waren damals Anthony Coleman: Keyboards, Mark Dresser: Bass, Mark Feldman: Violin, David Krakauer: Clarinet und Bass Clarinet, Frank London: Trumpet, Marc Ribot: Guitar und William Winant: Percussion. Wurde diese Platte zunächst 1993 auf einem japanischem Label veröffentlicht, folgte dann 1995 das Erscheinen dieses Werkes auf Zorns eigener New-Yorker Plattenfirma Tzadik. John Zorn meinte damals, „zu wenig würde der Beitrag jüdischer Musiker zur amerikanischen Musikgeschichte als jüdischer Beitrag gewürdigt. Zu groß sei die Zurückhaltung, mit der sich Jazzmusiker als jüdisch outen würden: «Die antisemitische Vision jüdischer Omnipotenz kollidiert mit der Tatsache, dass die meisten Juden, die in den darstellenden Künsten arbeiten und sich öffentlich zu ihrem Judentum bekennen, angreifbar und aus dem kulturellen Mainstream Amerikas ausgeschlossen werden». Aufgrund dieser Analyse amerikanischer Musikgeschichte proklamierte Zorn damals eine offen jüdische Musikkultur, die sich selbstbewusst mit den eigenen musikalischen Wurzeln beschäftigt.“ (Jüdische Zeitung 2008)

 
 
 


 
 
 

Vier Platten (über 400 Schallplatten erschienen bisher auf dem not-for-profit, cooperative record label) möchte ich heute aus der Abteilung Radical-Jewish-Culture meinem Plattenschrank entnehmen und dringend empfehlen:

John Zorn: Testament of Salomon (2014) mit Bill Frisell, Carol Emanuel, Kenny Wollesen, die ganze CD ist große Klasse. Leider habe ich sie erst jetzt entdeckt, sie hätte sonst Eingang in meine persönliche Top-Ten-Liste des Jahres 2014 Eingang gefunden.

John Zorn Masada Guitars (2003) mit Bill Frisell, Marc Ribot, Tim Sparks, besonders gefallen mir die Stücke Abidan, Kodashim, Bikkurim und Kisofim.

Great Jewish Music: Burt Bacharach (1997) Do-CD mit Robin Holcomb, Wayne Horwitz, Marc Riboz, Greg Cohen, Dave Douglas, Guy Klucevek, Eric Friedlander, Joey Baron, Bill Frisell, Chris Wood, John Medeski, Billy Martin, Fred Frith, Elliot Sharp, Anthony Coleman, Doug Wieselman, Shelly Hirsch und viele andere.Tolle Stücke: Close to you; Promises-Promises, Freefall und Don´t Go Breaking My Heart.

Rob Burger: Lost Photograph (2002) Rob Burger ist Komponist, spielt Akkordeon und viele andere Instrumente, plus Kenny Wollesen, Greg Cohen . Wunderbare Stücke unter anderem: Inzihuat, Aveenu Malkenu, Ringling Kid und Youkali (von Kurt Weill).

 
 
 


 
 

2016 29 Mai

Gregor öffnet seinen Bücherschrank

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Stewart O´Nan ist für mich ein zutiefst menschlicher Autor, einer, der das Schicksal der Verlorenen, Verlassenen, vergeblich Hoffenden, sich abmühenden, aber scheiternden Menschen in den Mittelpunkt seines Schreibens gestellt hat. Sein Erstlingsroman Engel im Schnee (1993) erzählt das tragische Leben der Annie Morchands.

1999 veröffentlicht der 1961 in Pittsburgh / Pennsylvania geborene Autor Sommer der Züge: 1943 kehrt der schwer verwundete älteste Sohn eines vollkommen zerstrittenen Ehepaares in die Heimat zurück. Die Familie muss ihr Leben neu ordnen.

Ebenfalls 1999 erschien in Deutschland Das Glück der Anderen: Jacob Hansen bemüht sich als Pastor, Sheriff und Totengräber in einer Person um das Glück seiner Mitmenschen und das in aussichtsloser Lage, im Kampf gegen eine alle bedrohende Seuche.

Von einem letzten Treffen einer Familie in einem Sommer für Sommer von allen Familienmitgliedern besuchten Ferienhaus erzählt der große Roman Abschied von Chautauqua (2005) (siehe auch der Beitrag vom 28.2.2012, manafonistas.de).

Halloween (2004): Bei einem Autounfall sterben drei Jugendliche, zwei überleben. Die Geister der Verstorbenen kehren zurück.

Eine junge Frau, gerade verheiratet, schwanger, muss, nachdem ihr Mann einen Einbruch begangen hat, bei dem jemand umgekommen ist, und der nun viele Jahre im Gefängnis zuzubringen hat, allein mit ihrem Leben fertig werden: Eine gute Ehefrau (2007).

Erst kürzlich las ich einen kleinen Roman O´Nans, der von einem einzigen Winterabend im Dezember handelt: unwirkliches Wetter, Schneesturm, auf dem Gelände eines riesigen Einkaufszentrums gibt es auch ein Fast-Food-Restaurant, das allerdings wegen zu geringem Umsatz schließen soll. Erzählt wird in dem Roman Letzte Nacht (2007) von der letzten Schicht der Angestellten dieser Kneipe, die dann für immer schließen wird.

2011 veröffentlicht der Rowohlt-Verlag Emily, allein.  Eine alte Frau, von allen verlassen, muss einen Neuanfang wagen (siehe auch manafonistas.de vom 28.2.2012).

Die Chance (2012) handelt von einem vollkommen zerstrittenen Ehepaar, verschuldet, arbeitslos, das den Hochzeitstag dazu nutzt, eine letzte Chance zu ergreifen, um ihrem Elend zu entkommen (siehe auch manafonistas.de vom 21.2.2015).

Das 2003 in deutscher Sprache erschienene Sachbuch Zirkusbrand setzt den Toten, den Verlorenen und Trauenden ein Denkmal. Am 6. Juli 1944 starben 167 Menschen bei einem Zirkusbrand in Hartford / Connecticut, viele wurden schwer verletzt, gezeichnet für ihr Leben.

 
 
 

 
 
 

Im Frühjahr dieses Jahres folgt nun der Roman Westlich des Sunset: Tragischer Held der Geschichte ist Francis Scott Fitzgerald (1896-1940), bei uns bekannt vor allem mit seinem Roman Der große Gatsby, 2013 erneut verfilmt mit Leonardo DiCaprio als Jay Gatsby. Aber O´Nan erzählt nicht von der Zeit des erfolgreichen Schriftstellers Fitzgerald, nichts von den rauschenden Partys in New York, Rom oder Paris, nichts von der Freundschaft zwischen ihm und Ernest Hemingway, den Trinkgelagen, den Frauengeschichten.

O´Nan beginnt seine Geschichte in Hollywood des Jahres 1937. Der Ruhm des großen Schriftstellers Scott Fitzgerald ist bereits verblasst, abhängig von den Filmbossen in Hollywood, fristet der Autor das Leben eines Lohnschreibers, der froh sein kann, wenn ein Drehbuch oder Teile davon in irgendeinem drittklassigem Film Verwendung finden. Die größte Freude für ihn: wenn sein Name im Abspann eines Filmes erwähnt wird.

Meistens werden seine Entwürfe aber abgelehnt oder von anderen Schreibern bis zur Unkenntlichkeit verändert. Zelda Fitzgerald, Scotts langjährige Ehefrau, lebt in einer psychiatrischen Klinik, die Rechnungen der Anstalt kann ihr Mann kaum zahlen, muss sich ständig Geld zusammenleihen. Die einzige Tochter Scottie studiert, der Kontakt zum Vater ist alles andere als eng. Scott sucht Trost bei Sheila Graham, einer Klatschrepoterin. Beruflich scheitert Fitzgerald vollkommen, versinkt mehr und mehr in Schulden, Alkohol und Verzweiflung. Am 21. Dezember 1944 stirbt der erst 44jährige Scott Fitzgerald in Sheila Grahams Apartment in Hollywood.

O´Nan erzählt – wie immer – höchst einfühlsam über die letzten drei Jahre eines Menschen, der seinen Absturz unbedingt verhindern will und scheitert.

 

 
 
 

In einem winzigen Laden stellt er Bilderrahmen her. Er weiß, er ist sterbenskrank, ohne Hoffnung. Von seinen Sorgen, wie Frau und Kind ohne ihn auskommen könnten, wenn er diese Welt wird verlassen müssen, wird er eines Tages von einem verlockendem Angebot entlastet: er soll einen Auftragsmord ausführen. Von seinem Lohn könnte seine Familie sorgenfrei leben.

 
 
 

 
 
 

Die Rede ist von Wim Wenders und seiner Verfilmung des Patricia Highsmith-Romans Ripley’s Game oder Der amerikanische Freund. Vor fast 40 Jahren war das, 1977, da wurde dieser spannende Streifen gedreht. Der junge Bruno Ganz spielte Jonathan Zimmermann, den Rahmenmacher, Dennis Hopper Tom Ripley, einen zwielichtigen Geschäftsmann.

Keine Ahnung, es muss Jahrzehnte her sein, dass ich diesen wunderbaren Film gesehen habe. Mit dem Road-Movie „Im Laufe der Zeit“ (1976) hatte ich Wim Wenders kennengelernt, dann ein Jahr später „Der amerikanische Freund“. Vor ein paar Tagen sah ich diesen Streifen erneut, aber ganz anders. Nie war mir die wunderschöne Jukebox in jener Bar aufgefallen, auch nicht der fantastische Trans Europ Express (TEE), in dem große Teile des Films spielen. (Im Eisenbahnmuseum der Stadt Horb (in Schwarzwaldnähe) kann man TEE der Baureihe 601/602 bewundern.)

 
 
 

 
 
 

Vor allem eines hat mich fast umgehauen, gibt es doch im Film eine Szene, in der die Plattenhülle der Kinks-Platte Face to Face nicht nur gezeigt wird, nein, Bruno Ganz, bzw. Jonathan Zimmermann, legt diese LP auch auf seinen Plattenwechsler und spielt „Too Much on My Mind“. Als ich mir diese Langspielplatte von meinem Taschengeld kaufen konnte, war ich dreizehn Jahre alt, einen Plattenschrank gab es noch nicht und brauchte es auch nicht, noch nicht einmal eine Kiste hätte gefüllt werden können, höchstens zehn LPs konnte ich damals mein eigen nennen. Es gab schließlich eine Preisbindung, die LP kostete 21 Mark, die Single 4,75DM. Übrigens: alle Bilder dieses Beitrages habe ich von meinem LOEWE abfotografiert, deshalb das leichte Flimmern, aber das hat doch was …

 
 
 

 
 
 

(Mehr zu der LP Face to Face von den Kinks siehe Plattenschrank Nr.74 vom 29.06.2014).

 

 
Wenn der Tempo mit dem Jukebox-Man kommt …
 
 

Die Geschichte glaubt mir ja doch keiner. Egal, ich erzähle sie trotzdem. Ende März war ich mal wieder mit dem Tempo unterwegs: Hochsaison, die Jukeboxen meiner Kunden müssen aus ihrem Winterschlaf geweckt werden, da kann es schon die eine oder andere böse Überraschung geben – als mich eine Nachricht von einem befreundeten Wirt M, der eine traumhafte Kneipe an der Nordsee führt, erreichte. Auf seiner NSM City stimme irgendetwas mit den Anzeigeleuchten nicht (siehe Foto), ich möge vorbeikommen, aber schnell, meinte er. Mist, das Problem dieser Box ist mir wohlbekannt, die Leuchtkette ganz schlecht zu bekommen, noch dazu sündteuer, das schrieb ich ihm. Okay, seine Antwort: „Du kommst bitte trotzdem, um überhaupt mal der Box einen Frühjahrscheck zu verpassen und, damit wir mal ein wenig mehr Zeit haben, bleibst du bitte über Nacht: Überraschung!“

 
 
 

 
 
 

Weiß der Teufel, was mir da bevorstehen sollte, ich hatte Zeit und Lust, also nichts wie hin, an die Nordsee. M hatte seine Wirtschaft noch nicht geöffnet, am 15.04. sollte das Eröffnungsfest starten.

Okay, zuerst die Arbeit: am Abend dann hatte M köstlich gekocht, es gab besten Rotwein. Man stelle sich vor, zu zweit allein im Gastraum, alles für die nahende Saison geputzt, die NSM, außer den Anzeigenleuchten, im Bestzustand; M hatte zur Einweihung der überholten Box Fleetwood Mac, The Doobie Brothers, Chris Andrews und Don McLean gedrückt. Dann bat M mich in ein Zimmer oberhalb der Kneipe, ich wusste gar nicht, dass er dort noch eines hatte und meinte, als wir vor der geheimnisumwitterten Türe standen, da drinnen wäre die Überraschung, aber bitte, ich solle mir doch zunächst mein Zimmer, in dem ich nächtigen sollte, ansehen. Am Ende des Flurs lag das von ihm so genannte Brian Wilson-Gästezimmer. Wo man nur hinschaute, gab es Interessantes zu sehen: hier die große Smile-Box der Beach Boys, dort eine alte Eintrittskarte für ein legendäres Konzert, dann wieder ein Bildband zum Anschauen, bevor einem die Augen zufallen würden. Ein verrückter Kerl, dieser M, und dann noch der Osterhase auf dem Nachttisch, zum nächtlichen Knabbern gedacht.

Dann die Überraschung, M öffnete die Tür zu einem Studio, wie ich es noch nie gesehen habe. Ich hatte Platz zu nehmen, auf einem genau gekennzeichneten Punkt, wegen des optimalen Sounds, dann hieß es Klappe halten und Musik hören. Das mit dem „Klappe halten“ musste selbstredend nicht gesagt werden, tauchte ich doch in einen so himmlischen, nie gehörten, nie geahnten Sound ein, unfassbar, unglaublich, unerhört bzw ungehört: Das Programm das M zusammengestellt hatte:

 
 

  • Sonny Rollins: Way Out West (Aufnahme 1957, man fasst es nicht! Platte sofort gekauft, riesig!)
  • Keith Jarrett: Book of Ways (steht in meinem Plattenschrank, aber nie so auch nur im Ansatz gehört)
  • Muddy Waters: Folk Singer (dito)
  • Miles Davis: Kind of Blue (Sonderversion als Doppel-45rpm-LP in der Schmuckbox mit großformatigem Textbegleitheft) M musste dann den Riemen des Plattenspielers umlegen, um 45rpm zu bekommen…
  • King Crimson: Islands 5:1 surround mix Steven Wilson (sic, die vorletzten Klanghorizonte)
  • Talking Heads: Stop Making Sense (blu-ray movie, 5:1) (das hätte D. Mitchell umgehauen)
  • Don Cherry and Ed Blackwell: El Corazon
  • Caravan: In the land of grey and pink (Platte habe ich sofort bestellt, großartig)

 
 
 

 
 
 

Am späten Abend lud M ins „electric cinema“ ein. Das Studio verwandelte sich in ein Kino der Sonderklasse. Schnurrend senkte sich die Leinwand herab, ein Hochleistungs-Beamer von der Sorte „Preis auf Anfrage“ nahm seine Arbeit auf, der Ton kam natürlich über die Anlage, gesehen wurde It Follows von David Mitchell (anderer Mitchell natürlich!).

Nie hätte ich gedacht, dass man so Musik hören kann, in der Art Filme schauen kann. Was für eine Erfahrung. Ohne Werbung machen zu wollen, hier die Liste der Maschinen, die dieses Hörwunder vollbracht haben: Die Schaltzentrale von Trinnov Amethyst; die Aktivlautsprecher vorne von Manger Audio; hinten zwei Aktivboxen von Abacus (als Subwoofer/Basskontrolle); der Plattenspieler: VPI Prime und der Tonabnehmer: Goldnote Machiavelli; Phonovorstufe: Moon 310LP / 320S und der CD, DVD, Audio, Blu-ray, SACD Allesfresser: OPPO BDP 103.

Was sich doch für Schätze über einer normalen Jukebox-Kneipe verbergen. M sei für diese Hörerfahrung herzlichst gedankt.

Musik im Roman „Die Knochenuhren“ von David Mitchell (Teil 2)

 

In den nächsten Kapiteln werden nur noch wenige Interpreten und/oder Musiktitel erwähnt. Im vierten Kapitel, das von 2015 bis 2020 reicht, wird allgemein Musik von und mit Stan Getz genannt, Leonard Cohen spielt „Dance Me To The End Of Love“ und Vangelis „Chariots of Fire“. Wir hören aber auch Musik von Bonnie „Prince“ Billy und Maria Callas singt „Casta Diva“.

Im fünften Kapitel, dem umfangreichsten des Buches, dessen Handlung vom 1. bis zum 7. April des Jahres 2025 reicht, wird Toru Takemitsu und seine Komposition „From Me Flows What You Call Time“ erwähnt. Erzählerin dieses Kapitels ist Dr.Iris Mariunus-Fenby, eine Ärztin. Sie steigt aus ihrem Auto, schaut auf das Lichtermeer Torontos und befiehlt ihrem Wagen: “Scheinwerfer aus, Radio aus“ und damit verstummt „From Me Flows What You Call Time“, dieses Musikstück des im Oktober 1930 in Tokio geborenen und im Februar 1996 ebendort verstorbenen japanischen Komponisten Toru Takemitsu. Ich kannte dieses Stück nicht und da Sony-Music 1998 diesen Titel zusammen mit „Twill by Twilight“ (in Memory of Morton Feldman) und „Requiem“ herausgebracht hatte und noch einige CDs verfügbar waren, habe ich eine dieser Platten erstehen können. Keine eingängige Musik, nicht einfach zu hören, aber höchst interessant. Toru Takemitsu wurde übrigens von John Cage, Claude Debussy und Olivier Messiaen beeinflusst (da sind ja wieder die üblichen Verdächtigen beisammen). Erstaunlich sind die Titel seiner zahlreichen Werke zu lesen:“Music of Tree“,“Rain Coming“,“How slow the Wind“,“Your love and the crossing“, “Coda… Shall beginn from the end“,“November steps“ etc. Musik spielt auch in diesem Kapitel übrigens keine größere Rolle, außer Toru Takemitsu wird nur noch der finnische Komponist Jean Sibelius mit „Der Schwan von Tuonela“ genannt.

 
 
 

 
 
 

Am 26.Oktober 2043 setzt die Handlung des letzten Kapitels ein. Erzählerin ist wiederum Holly Sykes, allerdings nun im Alter von 73 Jahren. Wir befinden uns in Irland, die Zivilisation ist am Ende. Es gibt nur noch einen letzten privaten Radiosender, gespielt wird von Damon MacNish and the Sinking Ship: „Exocets For Breakfast“ und wiederum (siehe das erste Kapitel) die Talking Heads mit „Memories Can´t Wait“. Später gibt es dann keinen Strom mehr und auch das Radio bleibt stumm, Zitat: „Mo fragt Lorelei, ob sie uns nach diesem schlimmen Tag nicht etwas auf der Geige vorspielen möchte. Meine Enkelin entscheidet sich für „She Moved Through The Fair“. Da Mitchell keine weiteren Angaben zu diesem Song preisgibt, wähle ich für meine DoCD, die die Musik zum Buch enthalten wird , aus den unzähligen Versionen die wunderbare Van-Morrisons-Interpretation aus von 1988 von der LP Irish Heartbeat aus (ist das wohl im Sinne des Autors?). Am Ende des Buches greift Dr.Iris Mariunus-Fenby zur Geige und spielt „Don´t Cry for Me Argentina“, das letzte in diesem Buch genannte Musikstück. Versionen gibt es von dieser Lloyd-Webber-Komposition ja unzählige, leider eine kitschiger als die andere. Am besten wäre die richtig heiße Interpretation von Lester Bowie Brass Fantasy, zu finden auf der LP The Odyssey of Funk & Popular Music von 1998. Aber: mir ist natürlich klar, das diese Version überhaupt nicht in die Situation am Ende des Buches passt, da wäre eine Aufnahme mit einer einsamen Geige natürlich ideal, nur leider habe ich keine derartige gefunden. Vielleicht hat ein Leser dieser Zeilen eine Idee.

 

P.S. Yukie Nagai veröffentlichte am 1.1.1996 die CD „Japanese Piano Music“ , auf dieser CD findet sich eine Komposition von Toshi Ichiyanagi: Cloud Atlas.

 
 
 

 


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