Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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479 Seiten hat das Buch, es ist kein Roman, kein Kriminalroman, keine Biographie, am ehesten vielleicht noch so etwas wie ein Tagebuch. Eigentlich geht es um ein Musikstück, um Chopins Ballade Nr. 1 in g-Moll, op 23, einem Klavierstück, das gemeinhin als eines der am schwierigsten zu spielenden Klavierwerke überhaupt gilt. Der Chefredakteur des britischen Guardian, Alan Rusbridger, Amateurpianist, hatte sich für die Jahre 2010, 2011 vorgenommen, besagte Ballade zu erlernen. Um den Lernweg geht es in diesem unglaublichen Buch. Es erschien unter dem Titel Play It Again – Ein Jahr zwischen Noten und Nachrichten (Zürich 2015). Nun waren die Jahre 2010/2011 für den Guardian aufregende Jahre, die WikiLeaks-Dokumente wurden veröffentlicht, außerdem wurden die Abhörskandale der britischen Presse (verquickt mit Polizei und Geheimdienste) aufgedeckt und veröffentlicht, was zur Einstellung der News of the Wolrd führte. Wie kann der Hauptverantwortliche dieser Zeitung Zeit und Muße, Kraft und Energie aufbringen dann auch noch so nebenbei dieses schwierige Musikstück zu üben und zu einer gewissen Vorführbarkeit zu bringen? Das ist eines der Themen dieses Buches, ein anderes die Arbeit eines Zeitungschefs in solch einer turbulenten Zeit, ein drittes, wie sich beides gegenseitig bedingt, ein viertes das Kennenlernen dieser Ballade in allen Einzelheiten u.v.a. mehr. Nebenbei werden aber auch Gespräche über die Ballade mit Pianisten, z.B. Alfred Brendel, Murray Perahia oder Daniel Barenboim wiedergegeben. Und der Leser lernt ungeheuer viel über Musik und die Wirkung, die Musik auf uns Menschen ausübt. Zur Erinnerung, hier geht es um ein Musikstück das spätestens mit Roman Polanskis Film Der Pianist einem größerem Hörerkreis bekannt gemacht wurde. Alan Rusbridger erzählt in diesem Buch die Geschichte eines Amateurpianisten, Gary, dessen Leben sich durch das Hören der Ballade in besagtem Film und die Beschäftigung damit total verändert hat, Gary: „Für mich erzählt Chopin mit dieser ersten Ballade, was er im Leben durchgemacht hat. Er komponierte sie mit Anfang zwanzig und er war, wie viele große Geister, depressiv, suchte nach Glück, und die Ballade, wie du weißt, beginnt zunächst sehr düster, dann versucht er, sich davon zu befreien, und dann geht er zurück in die Depression, in eben dasselbe Thema, nicht wahr? Er schreit nach Glück! Und dann, gegen Ende, heißt es schon fast: `Ich werde mich vom Leben nicht unterkriegen lassen.´ Es geht bravourös über in die Coda, und zum Schluss heißt es: `Ich werde siegen!´ Später erzählt Rusbridger, dass Gary durch dieses zehnminütige Musikstück zurück ins Leben gefunden hat.

 
 
 

 
 
 

Daniel Barenboim äußert in einem Gespräch mit dem Guardianchef, ein großer Wert der Musik liege darin, dass sie uns Werkzeuge an die Hand gebe, uns selber besser zu verstehen, die menschliche Existenz, die Gesellschaft, unsere Lebensweise, den Sinn des Lebens und so weiter. Musik lehre uns, dass es nichts gebe, was der menschlichen Existenz fremd sei …

Über ein Gespräch mit dem Pianisten Murray Perahia erfährt der Autor, dass er als erstes die Gefühlsbotschaft eines Musikstückes verstehen möchte, sie beeinflusse den angestrebten Klang und die grundsätzliche Art, wie man ein Stück spielen sollte. Er verwende oft eine Geschichte, eine Metapher, um zu verstehen, was in den Noten vorgehe. Auch für die Ballade hat Murray eine Geschichte parat (siehe S. 217 ff).

Apropos Geschichte: Alan erzählt die Geschichte, als sich eines Tages die Gruppe Radiohead beim Guardian meldet, sie wolle eine Zeitung herausgeben und die Onlinechefin der Zeitung mit der genialen Idee gekontert habe, ein paar musikalisch begabte Journalisten des Guardian sollten eine Cover-Version des Radiohead-Klassikers “Creep“ einspielen, was auch geschah. Colin Greenwood soll ein äußerst witziges, hinterhältiges Lob auf der Website der Zeitung hinterlassen haben.

In der Mitte des Buches erklärt der Autor auch den Titel des Buches Play it again: „Abgesehen davon, dass ich morgen vielleicht in Casablanca an einem alten Klavier sitze (Alan Rusbridger war unterwegs nach Tripolis, um einen gefangen gehaltenen Journalisten zu befreien), hat der Titel zwei Bedeutungen. Erstens: dass man als Erwachsener zum Klavierspielen zurückfinden kann. Zweitens: dass man nur durch endloses Wiederholen besser wird. Der Journalist in mir erwärmt sich außerdem dafür, dass dieses Zitat verfälscht ist. Bogart hat das so nie gesagt.

Ein wunderbares Buch. Unbedingt zu empfehlen.

P.S. In meinem Plattenschrank befindet sich die Einspielung von Chopins Ballade Nr. 1 in g-Moll, op 23 durch Maurizio Pollini (Doppel CD: Art of Chopin: Sviatoslav Richter u.v.a.)

 
 
 

 

Geschichten aus der Jukebox (4)

 

Die Taste 130 wird gedrückt, die NSA-Musikbox knackt und knistert, der Plattenwagen setzt sich in Bewegung, eine grüne Apfel-Single wird herausgefischt, das Shuresystem fährt heran, nach dem ersten Ton weiß jeder, welche Platte gewünscht wurde,“Imagine“ von John Lennon, B-Seite “It´s so hard.“ Im November 2016 beklagte ich mich an dieser Stelle über den grauenhafter Sound der Box, es quietsche, quäke, eiere, ein Genuss sei etwas anderes. Das Unglück nahm damals seinen Lauf . Klar, dachte sich der Jukebox-Man, die Box war länger nicht gelaufen, das Öl, das an den beweglichen Teilen der Musikbox hafte, die Schmiere sei verharzt, deshalb laufe die Platte nicht rund. Mit dem Haarföhn versuchte ich damals die Dinge in Fluss zu bringen und musste eine große Zahl Singles abschreiben, weil sie durch die Wärme wellig geworden waren. Nun hat diese Geschichte, die sich für den Jukebox-Man, dessen Neben-Geschäft es immerhin ist, Jukeboxen zu betreuen, ja mehr als peinlich darstellt, eine erfreuliche Fortsetzung bekommen. Ich habe in meiner Not den Meister-Jukebox-Man angerufen. Bei ihm hatte ich vor 10 Jahren meine NSA gekauft, er hatte sie in ihre Einzelheiten zerlegt, gerichtet, wieder zusammengebaut, er würde helfen. Und tatsächlich, er kam, in Begleitung seiner Frau. Nach einer ordentlichen Kuchenschlacht und intensiven Gesprächen über Musikboxen ging der Meister ans Werk. Der Plattenwagen wurde ausgebaut, zerlegt, Teile ausgetauscht, geschmiert, wieder eingebaut, Test: David Bowie: “Lets Dance“. Frust: Die Platte eiert, nicht mehr so schlimm, dennoch: so geht das nicht! Meine Theorie mit dem verharzten Öl, so der Meister, würde schon stimmen, aber jetzt sollte die Platte laufen, ob ich Nagellackentferner oder Terpentin hätte. Mit letzterem konnte ich dienen und, oh Wunder, nachdem der Jukebox-Meister die Antriebsrolle gereinigt hatte, war alles gut.

 
 
 

 
 
 

Es sollte noch besser kommen. Der Geldeinwurf sei leider auch defekt, meinte ich kleinlaut, ich hätte keine Idee, das Geld würde einfach durchfallen, ohne dass die Plattenauswahl freigeschaltet würde. Gekonnt nahm der Meister die ganze Geldeinwurfsmechanik heraus, öffnete sie und heraus klimperten D-Markstücke, 50-Pfennigstücke ohne Zahl. Irgendjemand hatte ein 5-Pesetas-Stück eingeworfen und eben dieses war verantwortlich für den ganze Geldstau.

 
 
 

 
 
 

Es sollte noch besser kommen. Der kleinlaute Jukebox-Geselle erzählte natürlich dem Meister von dem Unglück mit den welligen Singles, worauf dieser meinte, das sei kein Problem, seine Singlesammlung enthalte viele doppelte Scheiben, er könne mir fast alle ersetzen.

Ein Woche später brachte der Mann von der Post ein Päckchen, dessen Inhalt hier aufgelistet wird:

 

  • Casey Jones and the Governors: Don´t Ha Ha

  • Christie: Yellow River

  • Simon and Garfunkel: El Condor Pasa

  • Pink Floyd: Another Brick uín the Wall

  • Michel Prolnareff: Gloria

  • Nat „King“ Cole: The Party´s over

  • The Les Humphries Singers: Promised Land

  • Desmond Dekker: You Can Get It If You Really Want

  • The 5th Dimension: Aquarius

 

Und als Zugabe hatte ich mir gewünscht: “China Girl“ von David Bowie. Wow, die Single war auch dabei.

 

P.S. Auf den Fotos sieht man den Plattenwagen, der aus dem Plattenständer die gewünschte Single herausgreift, dann die Geldeinwurfsmechanik und schließlich den Hunderter-Plattenkranz.

P.P.S. Von meinen Jukeboxstandorten höre ich, folgende Platte sei der derzeitige Hit: Diagrams – „Dorothy“.

 
 
 

 

„Meine Musik fühle ich als Widerschein von Empfindungen und Erinnerungen. Ich möchte sie immer wieder neu erwecken und meine Seele mit Tönen erzählen lassen.“ (Konstantia Gourzi)

 

Manchmal beschenkt mich mein Plattenschrank. Ehrlich. Nach eines langen Tages Last wollte ich mir vor ein paar Tagen ein Stündchen feine Musik gönnen. Den Plattenschrank vor Augen, fiel mein Blick auf die Abteilung “Tord Gustavsen“, wohlgeordnet standen die CDs des Pianisten vor mir aufgereiht, aber eine, nämlich Restored, Returned, hatte sich verirrt und war zwischen “Paul Giger“ und “Geoprges Gurdjieff“ zu finden, gleich daneben fiel mir noch eine Platte von “Konstantia Gourzi“ auf, Music for Piano an String Quartet. Ein Leben lang sehne ich mich nach Ordnung, wenigstens im Platten- und Bücherschrank sollte im Ansatz Ordnung herrschen. Ich hasse es, wenn ich eine bestimmte Platte hören möchte, sie aber dann erst noch Stunde um Stunde suchen muss oder ich möchte ein bestimmtes Zitat eines Autors nachlesen und besagtes Buch befindet sich im Nirgendwo.

Anyway, Unordnung im Plattenschrank kann den Hörer auch beschenken. Die Platte von “Konstantina Gourzi“ entdeckte ich ja zufällig, weil sich eine “Tord Gustavsen“-Scheibe verirrt hatte. Diese Gourzi-Platte aus dem Jahre 2014 hatte es in eben diesem Jahr auf meine Jahres-Top-Ten geschafft, aber seitdem habe ich, weiß der Teufel warum, diese Scheibe vergessen, nie wieder auch nur ein Stück daraus gespielt. Also stellte ich das Programm für meine Musikstunde auf diese Komponistin um.

Die Musikwissenschaftlerin Ingrid Allwardt schreibt zu der Platte: „Wie lange dauern Fragmente einer Ewigkeit ? Und wie lang der Nachhall eines Augenblicks? Wie klingt eine kleine Geschichte? Diese kleine Geschichte, sagt die Komponistin, „entstand in einem südfranzösischen Urlaubsschloss.

 
 
 

 
 
 

Ich hatte plötzlich eine intensive Wahrnehmung der Natur, die mir in diesem Augenblick so fein und irgendwie in sich sehr verbunden erschien. Für diese Empfindung gab es für mich nur einen einzigen melodischen Ausdruck. Diese kleine Anfangsmelodie wollte zunächst singulär stehen und dann in ihrer Transparenz weiter existieren, ungestört und atmend. Schritt für Schritt gesellten sich andere Elemente hinzu, welche die kleine Melodie anreicherten, ihren ruhigen Fluss jedoch nicht störten. Diese Art vertonter Atmung ist für mich als Komponistin bei der Entstehung von Musik wichtig…“

Und so beginnt die Schallplatte Mit Eine kleine Geschichte, gefolgt von P-ILION, neun Fragmente einer Ewigkeit (Pilio, weit abgelegener Ort in Griechenland, mitten im Wald), mit den Sätzen einatmen, ausatmen, tettix, jasmin, geheimnis, ode, windig, tanz, und nachtblume. Nach dem griechischem Gott der Winde, Aiolos, nennt die Komponistin ein Stück, das sie den Komponisten und Musikern H.L.; G.K.; P.R.; C.A.; D.B. und D.R. widmet, gemeint sind Helmut Lachenmann, György Kurtàg, Peter Raue, Cluadio Abbado, Daniel Barenboim und Dieter Rexroth.

Eine wunderbare Musik, eine ungewöhnliche Musik!

Es musizieren Lorenda Ramou (piano) und das Ensemble Coriolis, bestehend aus Heather Cottrell (violin), Susanna Pietsch (violin), Klaus-Peter Werani (viola) und Hanno Simons (violoncello).

 

 
 
 

Ohne, dass ich es mir groß aufgefallen wäre, hat sich bei mir im Plattenschrank ein Label Raum geschaffen, dass mir außerordentlich gefällt: die Musik, die in der Regel ungewöhnliche Instrumentierung, das Ganze gewagt, neu, erfrischend bis hin zur Aufmachung der CDs, so, als wäre ECM nochmal erschaffen worden, dieses Mal allerdings liegt der Geburtsort nicht in München, sondern in Oslo. Andreas Meland, Chef von Hubro Music, soll ja sogar zeitweise bei Rune Grammofon und auch für ECM gearbeitet haben. Das norwegische Plattenlabel, das inzwischen gut sieben Jahre existiert, stellt sich vor: HUBRO is a record label dedicated to releasing music from the vital Norwegian jazz and improvised music scene. We cherish the album as a physical object. Hubro is a sublabel to Grappa HYPERLINK „http://grappa.no/“Musikkforlag – the no. 1 leading independent record company in Norway. All releases comes with exclusive design by the very talented design group Yokoland.
 
 
 

 
 
 
Auch die Internetseite der Firma (http://hubromusic.com/) kann sich sehen lassen: Ausführliche Plattenbesprechungen; Reviews, Vorstellungen der Musiker; Beschreibungen der CD; Hörbeispiele über Soundcloud; Links zu Spotify, iTunes und Wimp; Erscheinungsdaten für Norwegen und International, was will man mehr. Übrigens Hubro veröffentlicht als CD und als Schallplatte! Bisher befinden sich folgende Werke von Hubro in meinem Plattenschrank: beide bisher veröffentlichten, wirklich ausgezeichneten Werke der Gruppe Building Instrument, deren erste Veröffentlichung den Gruppennamen auch als Titel der Platte trägt (VÖ 2014), es folgte 2016 Kem Som Kan å Leve . Auch Christian Wallumrød ist schon mit zwei CDs zu finden, einmal mit seinem Ensemble, Titel: Kurzsam and Fulger (VÖ 2016) und einmal Solo Christian Wallumrød: Pianokammer (2014). Weitere herausragende Veröffentlichungen: Erlend Apneseth Trio: Det Andre Rom (2016); Erik Honoré: Heliographs (2014); Frode Haltli: Vagabonde Blu (2014). Und freuen dürfen wir uns auf: Phonophani: Animal Imagination (VÖ 9.6.2017) und Michael Pisaro / Håkon Stene & Kristine Tjøgersen: asleep, street, pipes, tones (VÖ 16.6.2017).
 
 
 

 

Was für ein Moment, wenn die neue, noch ungehörte, lang erwartete Schallplatte auf den Plattenspieler gelegt wird und Musik erklingt, die sich noch als viel großartiger erweist als erwartet! Genau das durfte ich gestern wieder erleben. Die Platte war eigentlich so bestellt worden, dass sie am Erscheinungstermin bei mir hätte eintreffen sollen, spätestens aber einen Tag darauf. Nun musste ich fast eine Woche auf die Scheibe warten, weiß der Teufel, was da schiefgelaufen ist. Dadurch wurde allerdings die Vorfreude gesteigert, natürlich auch wegen der Artikel, die hier auf manafonistas.de über die Neuerscheinung bereits veröffentlicht wurden. Die Rede ist natürlich von Ray Davies von den Kinks, der sich mit Americana nach zehn Jahren wieder zurückmeldet. Im Juni wird der wunderbare Sänger und Komponist 73 Jahre alt und, man fasst es kaum, seiner Stimme merkt man das Alter kaum, eigentlich gar nicht an an.

 
 
 

 
 
 

Über den Bezug der Platte zur Biographie des Meisters, die Mitwirkung von Karen Grotberg und The Jayhawks muss hier jetzt nichts wiederholt werden, aber etwas möchte ich schon noch anmerken:

Ehrlich, mich fasziniert das ganze Album, viel mehr noch als die vor einem Jahrzehnt erschienene letzte Platte des Meisters Working Man’s Café und die war auch schon wirklich gut. Americana ist persönlicher, ja, nahezu intim geraten. Wirklich anrührend die Spoken Word-Passagen, die hören sich an, als seien sie mit einem Uher-Report und ziemlich einfachen Mikrophonen aufgenommen worden und dann auch noch sehr nah, ungeheuer direkt gesprochen: besonders schön kann man das bei den Stücken „Silent Movie“ und dem Übergang zu „Rock`n`Roll Cowboy“ hören.

Und dann singt Ray Davies die Einleitung zu einem Song, den wir alle kennen, ganz unbegleitet, ganz allein, auch wieder sehr persönlich und direkt, nur fünf Sekunden lang, zunächst hört man ein Knarzen, etwa so, wie sich eine alte Holztreppe anhört, dann singt Ray Davies eine Zeile aus dem Song, kurz an “All Day And All Of The Night“ (ein Song, der es 1964 bis auf Platz 2 der englischen Hitparade schaffte), es folgt eine kurzes Intro auf einer akustischen Gitarre, das Thema des Songs wird wiederholt, bevor “The Man Upstairs“ beginnt und in “I’ve Heard That Beat Before“ übergeht. Ganz große Klasse! Also diese Platte gehört für mich in die Top 10 des Jahres 2017 und sollte in jedem Plattenschrank zu finden sein. Ich bin begeistert!

 

P.S. Das Foto zeigt einen Ausschnitt aus dem Cover meiner ersten Kinks-LP Face To Face!

 

 
 
 
Mit diesem Plattencover wird noch bis zum 23/04/17 für die Ausstellung Total Records – Vinyl & Fotografie im Berliner Amerikahaus geworben. Vor ein paar Jahren hätte ich noch gedacht, da werden Kunstformen aus einer vergangenen Zeit präsentiert, aber nein, das Blatt hat sich gewendet, die Platten-Industrie handelt einmal wirklich nach den wirtschaftlichen Gesetzen der Bedarfsdeckung und nicht nach denen der Bedarfsweckung (CD!): die Vinylplatte ist seit einiger Zeit wieder da! Die Ausstellung Total Records – Vinyl & Fotografie bleibt aber wesentlich in der Musik- und Fotogeschichte des 20. Jahrhunderts.
 
 
 

 
 
 
Interessant zu sehen, welche Nachahmer “die Vier Männer Auf Einem Zebrastreifen“ hatten (siehe das Cover von „Armitage Road: the heshoo beshoo group“ oder das der „Red Hot Chili Pepers: The Abbey Road EP“) oder zu welcher künstlerischen Zusammenarbeit es gekommen ist, auch, welche Künstler sich der Gestaltung von Plattencovern angenommen haben, etwa Andy Warhol, Robert Rauschenberg und Dieter Roth.
 
 
 

 
 
 
Faszinierend natürlich die Abteilung: Verbotene Plattencover. Unglaublich, was damals so verboten wurde. Die Zensur schlug zu bei zu viel nackter Haut, zu heftige Provokation und Darstellungen von Brutalität. Dran glauben musste etwa “Roxy Music: Country Live“, “The Mamas and The Papas: If you can believe your eyes and ears“, “John Lennon & Yoko Ono: Two Virgins“, um nur drei zu nennen.
 
 
 

 
 
 
Begeistert haben mich die Cover des ersten KRAFTWERK-Albums vom November 1970 (Innenansicht, siehe Foto) und die des John-Cale-Albums: „Academy in Peril“ (Andy Warhol 1972).
 
 
 

 

Plattenausleihen, das ist schon eine schwierige Kiste, aber unter Freunden, na klar, kein Problem. Und wenn dann mal eine Scheibe verloren geht, dann muss man das eben aushalten. Anlässlich des Todes von Niels Henning Orsted Pederson am 19.April 2005 hatte ich sie ausgeliehen, diese wunderbare Duoplatte: Paul Bley & NHOP, allein schon die Titelliste dieser Ausnahmeplatte haut den Liebhaber dieser beiden Musiker aus den Puschen: „Meeting“,“Mating of Urgency“, „Carla“, „Olhos de Gato“, „Paradise Island“, „Upstairs“, „Later“, „Summer“, „Gesture Without Plot“. Im Juni und Juli 1973 wurde die Platte damals aufgenommen (hätte ich das geahnt, damals hatte ich gerade das Abitur hinter mir und von beiden Musikern noch nie gehört). Das herrliche „Olhos de Gato“ wurde von Carla Bley komponiert, „Gesture Without Plot“ von Annette Peacock, alle anderen Stücke schrieb Paul Bley.

 
 
 

 
 
 

Die Freude über den Fund war so groß, dass ich sofort Lust verspürte, einmal zu schauen, ob Paul Bley nochmals mit NHOP eine Platte eingespielt hatte. Meine Erinnerung täuschte mich nicht, diese Platte war die einzige Aufnahme dieser beiden. Allerdings gab es ein Nebenprodukt meiner Suche durch die Paul-Bley-Abteilung meines Plattenschrankes: die erstaunliche Feststellung, dass der Meister mit fast allen mir bekannten Bassisten dieser Welt zusammengespielt hat, Hier meine Liste der Bassspieler, die mit Paul Bley musiziert haben: Percy Heath, Peter Ind, Charles Mingus, Stu Woods, Dick Youngstein, David Holland, Jaco Pastorius, Jesper Lundgaard, Eddie Gomez, Kent Carter, Ron McClure, Bob Cranshaw, Marc Johnson, Jay Anderson, Barre Phillips, Furio Di Castri und natürlich Gary Peacock, Steve Swallow und Charlie Haden. Ja und, man glaubt es kaum, auch Annette Peacock spielte in einer Gruppe um Paul Bley den (electric) Bass und zwar auf Annette and Paul Bley – Dual Unity von 1971.

Was ich noch erzählen wollte, als der Freund die LP wieder gefunden hatte, mussten wir sie sogleich gemeinsam anhören, wenigstens eine Seite. Die Begeisterung war riesig, vor allem auf Seiten des Freundes, sodass ich mich entschloss, ihm besagte Platte gleich nochmal auszuleihen. In diesem Moment entdeckte ich in einer Ecke des Raumes eine mir unbekannte Platte, die ich allerdings zu gerne gehört hätte. Klar, ich bekam sie ausgeliehen, auch das eine wundervolle Platte und, wie es der Zufall will, auch diese Scheibe wurde 1973 aufgenommen, und auch auf dieser Platte spielen Wegbegleiter Paul Bleys eine wichtige Rolle. Die Rede ist von Don Cherry und seiner Relativity Suite mit dem Jazz Composer’s Orchestra (Carlos Ward, Charlie Haden, Ed Blackwell, Sharon Freeman, Paul Motian, Carla Bley, Dewey Redman und anderen).

 
 
 

 
 
 

Zwei Riesen gab es im Musikgeschäft der vierziger und fünfziger Jahre, Columbia/CBS und RCA/Victor. Letzterer war in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts der Größte, dieser Konzern hatte alles, Radiosender, Plattenproduktion, Plattenspieler, was das Herz damals begehrte eben. Aber es gab leider nur Schellackplatten mit einer Laufzeit von höchstens 4 Minuten. 1948 wollte es der kleinere der beiden – Columbia RCA/Victor einmal richtig zeigen und präsentierte die Langspielplatte, 24 Minuten Musik am Stück waren nun möglich. David Sarnoff, Boss von RCA, muss getobt haben.

Bereits ein Jahr später, 1949, konnte er als Antwort die Single  – 45 rpm – präsentieren, entsprechende Plattenspieler konnte er gleich mitliefern. Die Single war natürlich viel erschwinglicher, vor allem für Jugendliche und so dauerte es nicht lange, bis die Single-Platte ihren Durchbruch feiern konnte: nachdem Big Mama Thornton 1953 mit Hound Dog noch eine Million Platten absetzen konnte, schaffte es Elvis Presley 1956 10 Millionen Singles dieses Titel zu verkaufen. Einsamer Höhepunkt: Elton John konnte die bisher meistverkaufte Single aller Zeiten aufnehmen: „Candle In The Wind“, weit mehr als 15 Millionen Exemplare dieser Single wurden bisher verkauft.

 
 
 

 
 
 

Und auch ich konnte als zehnjähriger davon profitieren, dass es jetzt Platten gab, die erschwinglich waren, zwar immer noch 4,75 DM teuer, aber immerhin, die LP hätte ja 21,00 DM gekostet (alles Festpreise damals! Billige Platten, zum Beispiel von EUROPA oder von UNIVERSUM boten keine Originalaufnahmen und wer wollte die schon haben). So konnte ich mir etwa 1965 „The Last Time“ von den Stones kaufen. Die Single-Platte blieb jedenfalls bis Ende der siebziger Jahre ein Format, das ich durchaus schätzte.

Wie ich auf dieses Thema komme? Nein, einmal nicht wegen meiner Liebe zu Juke-Boxen, sondern, weil ich eine ARTE-Sendereihe empfehlen möchte: Achtung, Aufnahme! In den Schmieden des Pop. Diese sechsteilige Dokureihe beleuchtet die Geschichte der Musikaufzeichnung. Und, die gute Botschaft, man kann sie in der ARTE-Mediathek noch anschauen. Nicht alle Folgen sind gleich gut gelungen, nicht alle umwerfend interessant, aber manche wirklich begeisternd.

In der Folge, von der ich oben erzählt habe, geht es um Tonträger und Audioformate:

“ … ein Thema, das trotz seiner Relevanz in der Musikgeschichte oft vernachlässigt wird. Ob Schallplatten, Kassetten, CDs oder MP3-Formate – sie sind immer mehr als reine Speichermedien. Sie sind Abbilder ihrer Zeit, haben gesellschaftliche Bedeutung und sind oftmals Ausdruck für einen gewissen Lifestyle. Ihre Möglichkeiten und Grenzen regen nicht zuletzt auch die Musiker zu künstlerischen Innovationen an.“

 
 

 

Am 7. Februar 1996 erschien eine recht ungewöhnliche Platte. Ein großer Pianist, den ich schon seit meiner Schulzeit von Herzen bewundere (seine Interpretation von Beethovens Klaviersonate Nr.32 hüte ich heute noch wie ein Schatz – Aufnahme mit einem Uher Variacord 263 Stereo, immer noch bestens anzuhören), brachte damals, vor nunmehr 21 Jahren , eine Tangoscheibe heraus. Daniel Barenboim: Piazzolla et al – Mi Buenos Aires querido. Es wirkten mit Rodolfo Mederos und Héctor Console. Der Bandoneonspieler, Komponist und Dirigent Rodolfo Mederos spielt sein Instrument so herzzerreißend einfühlsam und gut, da bin ich wirklich sprachlos. Gleich beim ersten Stück Mi Buenos Aires Querido hört man zunächst nur extrem leise und zart das Bandoneon, bevor es dann richtig abgeht. Héctor Console spielt den Bass in diesem Trio. Zum Glück ist diese wunderbare Scheibe noch zu haben. Unbedingte Empfehlung.

Von Daniel Barenboim und seinen Projekten sind ja im Moment die Feuilletons der großen Zeitungen voll, ein Herzenswunsch von ihm ist in Erfüllung gegangen: Neben seiner Barenboim-Said-Akademie, in der palästinensische und israelische Musiker studieren können, hat er nun auch noch einen Konzertsaal in Berlin, den Pierre-Boulez-Saal, eröffnen können. Die Klangqualität des Raumes soll riesig sein, vielleicht kann ich ja selber dort einmal ein Konzert erleben.

 
 
 

 
 
 

Anderes Thema jetzt:

Am 06.03. konnte man im DeutschlandRadio Laurie Anderson im Gespräch mit Vladimir Balzer und Axel Rahmlow hören – das Interview kann man hier nachhören bzw. nachlesen. 

Hier ein Zitat aus dem Gespräch, am Ende des Interviews sagte Laurie Anderson:

 

Eine letzte Sache, die ich noch sagen möchte: Als ich zu den Demonstrationen in Washington gegangen bin, war das wirklich phantastisch, so viele Leute, so viel Spaß. Auf dem Rückweg im Zug von Washington zu unserem Bus in Maryland fingen alle an, Lieder zu singen wie „Michael Row the Boat Ashore“ oder „Where have all the Flowers Gone“. Normalerweise würde ich einen Impuls spüren, mich sofort umzubringen, wenn ich Folksongs singen müsste, also bitte, wirklich, ja? Aber alle im Zug haben gesungen, alte, junge, schwarze, weiße, Männer, Frauen – und ich dachte „Das ist es, wofür ich lebe: Teil einer Gruppe zu sei, die ohne jede Ironie einfach singt.“ Es gab ein paar Leute, die sich sehr unwohl gefühlt haben dabei und ihre Schuhe betrachtet haben, und nicht gesungen haben. Und wer waren diese Leute? Das waren die Kinder, die noch nie jemanden gesehen hatten, der im Zug singt und so gemeinschaftlich seiner Freude Ausdruck verleiht. Zu sehen, wie Fremde zusammen singen, erzeugte Unbehagen in ihnen. Da habe ich gedacht: „Was ziehen wir uns hier heran?“ Wir sollten besser aufpassen und ich hätte den Kindern am liebsten gesagt: „Ihr solltet lieber mitsingen, denn ihr werdet diese Lieder lernen, ihr werdet diese Lieder schreiben, also macht besser mit.“

Gesucht und gesucht hab´ ich, allein, ich konnte sie nicht finden. Zwischen 1997 und 1998 hat Michael Naura eine Weltmusik-Sendung anmoderiert, also da blieb wirklich kein Auge mehr trocken. Meine unzähligen Kassetten sind natürlich bestens geordnet und ausgezeichnet, aber Pech, die TDK-90 mit dieser Sendung von Naura ist nicht zu finden. Gerne hätte ich ein paar Sätze aus diesem Beitrag hier zum Besten gegeben. Beim Thema Weltmusik konnte der Meister ja richtig garstig werden, da war dann von „Gemischtwarenwahnsinn“ oder „Multi-Kulti-Gepansche“ die Rede. Sprachlich gewaltig war Naura ja wie sein Freund Peter Rühmkorf. Letzterer schrieb einst Haltbar bis Ende 1999 und widmete das Gedicht Michael Naura, dem Krapotkin des Pianos.

2002 veröffentlichte Naura das Buch Cadenza – Ein Jazzpanorama, hierin findet sich besagtes Gedicht quasi gleich zu Anfang, dort heißt es:

 

Kommkomm, die Haare liegen doch, der Schal sitzt.

Irgendwann muß sich einer vermutlich entscheiden,

ob er Dichter oder Pressereferent werden will:

Andere in deinem Alter

bieten heut schon den Landesvater;

andere lungern noch immer herum, wo´s grad was zu glauben gibt –

Ich aber sage euch, dieses totenwurmhafte Geticke

darf doch nicht alles sein

H i e r  i s t  e i n r i c h t i g e s  H e r z, d a s  s c h l ä g t!

N i c h t s  d r u m h e r u m.

 

Und dann bietet Naura Sounds aus dem Blätterwald, Essays zu Monk, Taylor, Wynton Marsalis, Knef, Bill Evens, Jarrett und vielen anderen. Es folgen vier kurze Texte im Flattersatz: zum Beispiel ein Abgesang auf den Jazz, eine Grabrede oder Naura geht der Frage nach: Welchen Jazz hört Gott?

Dann Sieben purpurne Märchen, herrlich, über einen Bluesmusiker, eine Jazzsängerin, eine Jazz-Pianistin, einen Saxophonisten (der träumte, er hätte zwei Köpfe), eine Jazz-Flötistin, eine Jazz-Komponistin und einen Jazz-Trompeter (der ein Freund von Dizzy Gillespie war, aber noch mehr ein Freund der Wolken).- Unsere Neugier wird befriedigt durch den Abdruck von Briefen an Naura, etwa vom Staatsminister beim Bundeskanzler Dr.Michael Naumann, Joachim-Ernst Berendt (sechs gedruckte Seiten lang!), Friedrich Gulda und – wow – Carla Bley: June 26, 1998 Dear Michael – Good to hear your voice! We were just talking about you (Fancy Chamber Music is coming out in Europe this week – with your Commission on it). Here are a few things you might not have. (Wow! A 10 hour program of me?) And a catalog in case you want anything else. Say hi to Christine. Stay well. Carla.

 
 
 

 
 
 

Und es gibt noch viel mehr zu entdecken in diesem Buch.

Aber ich gehe jetzt erst einmal ganz schnell zu meinem Plattenschrank und nehme Carla Bley: Fancy Chamber Music heraus und erfreue mich an dem wunderbaren Wolfgang Tango, dem fast fünfzehnminütigen Eingangstück der Platte…. Und danach lege ich eine ganz besondere Platte auf, sie ist heute erschienen, ich konnte sie aber auf npr.org schon einmal probehören: Rhiannon Giddens: Freedom Highway, großartig, ich bin total begeistert, schon wieder eine Jahres-Top-Twenty-Scheibe!

 
 
 

 


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