Manafonistas

on music beyond mainstream

Autoren-Archiv:

Gerade noch rechtzeitig führte mich mein Weg nach München, denn dort lief bis vor 10 Tagen eine Ausstellung im Deutschen Theatermuseum zu Frank Wedekind. Sein 150jähriger Geburtstag im letzten Sommer war der Anlass für die Austellungsmacher, diese wirklich interessante Werkschau auf den Weg zu bringen. Nun hätte mich Wedekind nicht unbedingt nach München gelockt, wusste ich doch außer seinem Namen nicht viel von ihm. Dann allerdings wurde “Frühlings Erwachen“, wohl sein bekanntestes Drama, Pflichtlektüre für die Schüler des Berufskollegs in Baden-Württemberg und schon war mein Interesse mehr als geweckt.
 
 
 

 
 
 
Die Ausstellungsbesucher lernten Wedekind, den Zirkusliebhaber, den Werbetexter (für die Firma Maggi), den Provokateur (führte zeitweilig zur Gefängnisstrafe), den Dramatiker, den Schauspieler und Kabarretisten kennen. In einem der Ausstellungsräume konnte man sich bequem niederlassen, Kopfhörer lagen bereit und luden ein zum Hören der Musik der Gruppe The Tiger Lillies. Wow, mir ganz unbekannte Klänge, habe nie etwas von dieser Gruppe gehört, schon gar nicht den Titel “Mirrors” aus der CD Lulu – A Murder Ballad.
 
 
 

 
 
 
Also, der Titel hat mein Interesse geweckt und nach kurzer Recherche war klar, da hab´ ich bisher etwas verpasst. Die britische Gruppe, bestehend aus Martyn Jacques (Vocals, Accordion), Adrian Stout (Double Bass, Musical Saw, Musica Saw, Vocals) und Mike Pickering (Drums and Percussion), gibt es schon viele Jahre und auch die Liste der Veröffentlichungen ist lang.

Ein Blick auf ihre Website lohnt. In der Regel veröffentlicht die Gruppe Konzeptalben, beispielsweise: Woyzeck, Hamlet, The Rime of Ancient Marinier, The Gorey End (mit dem Kronos Quartet), A Dream Turns Sour (2014) und eben auch Lulu – A Murder Ballet.
 

Zu letzter Veröffentlichung schreibt The Guardian am 3.Febr. 2014:

“Accompanying himself on accordion, piano and ukulele, Jacques combines extracts from Wedekind’s ballad with his own grisly inventions, including a morbid dialogue with Jack the Ripper, Lulu’s murderer, delivered in a mix of unearthly falsetto and a growling form of sprechstimme (or speech-singing) derived from the works of Berg and Kurt Weill.”

Die Musik ist verspielt und schräg- mein einziger Kritikpunkt: nach dem Hören mehrerer Platten stellt sich kaum mehr Überraschung ein, es wiederholt sich doch vieles.

Anyway, das Theater Dortmund kündigt vor dem dortigen Auftritt der Gruppe im Sommer 2014 an: “Ihre musikalische Bandbreite reicht von herzzerreißenden Balladen bis zu ekstatischen Klezmer-Polka Klängen – ein düsterer Mix aus Gypsy Music, radikaler Oper und postmodernem Zirkus.” Auf YouTube kann man Kostproben der Gruppe hören und sehen.

Neujahr, der Himmel grau zumeist, die Schneepracht längst weggetaut, überall liegen noch verstreut die verkohlten Reste der Raketennacht herum und ich stehe vor meinem Plattenschrank: was passt jetzt, womit das neue Jahr begrüßen? Welche Musik wäre für diese ruhige, gedämpfte, leicht depressive, aber doch erwartungsvolle Stimmung geeignet. Mir fällt ein Musiker ein, von dem ich jahrelang keine Platte mehr gehört habe, aber doch einen ganzes Plattenpaket von ihm mein eigen nennen darf: Chet Baker. Zunächst entscheide ich mich für eine alte Riverside-Platte aus dem Jahre 1959: “Chet Baker Plays Best of Lerner & Loewe”. Chet Baker spielt hier mit Herbie Man, Zoot Sims, Pepper Adams und Clifford Jarvis, Bob Corwin, Earl May und mit dem unglaublichen Bill Evans. Meine Wahl ist genau richtig, diese jahrelang nicht mehr gehörte Platte haut mich richtig um, tolle Musik, herrliche Balladen, z.B. `On the Street where you live` aus `My Fair Lady´, mit einem wunderbaren Solo von Pepper Adams oder das dunkle `I Talk to The Trees´, ein zartes Zusammenspiel mit Bill Evans und Chet Baker.

 

 

 

 
Beim Hören dieser Platte erinnere ich mich daran, einen Band über Chet Baker in Europe zu besitzen, ein hervorragendes Buch aus dem Nieswand Verlag, herausgegeben von Ingo Wulff. Beim Blättern in diesem Buch weiß ich, was als nächstes aufgelegt werden muss: “Chet Baker: The Last Great Concert”, eine Liveaufnahme aus dem Funkhaus Hannover. Hier spielte der Meister zusammen mit der NDR Bigband und dem Rundfunkorchester Hannover sein letztes Konzert, zwei Wochen später sollte er sterben. Lothar Lewin schreibt in seinem Buch Chet Baker Blue Notes – Engel mit gebrochenen Flügeln – Eine Hommage: „Das Konzert fand statt am Donnerstag, dem 28.April 1988, im Funkhaus Hannover.

 

 

 

 

Zur Probe konnte Chet nicht erscheinen, weil ihn die Pförtner nicht ins Haus hineingelassen hatten, schreibt der Produzent auf einer der beiden Platten, die das wunderbare Konzert dokumentieren. Chet spielt an diesem Abend geradezu überirdisch schön, mit einem reinen,sanften Ton voll tiefer Magie … Es war als hätte sich Chet Baker mit diesem großen, außergewöhnlichen Konzert selbst verabschieden wollen.“ Ich höre `My Funny Valentine´, `Summertime´, auch `I Fall In Love Too Easily´ und bin, was vielleicht daran liegt, dass ich zuvor Chet Baker aus dem Jahre 1959 gehört habe, wieder einmal nicht so begeistert von dieser Musik wie viele Kritiker und eben auch Lothar Lewin. Für mich sind da zu viele Streicher, zu süßlich das alles…

 

 

 

 

Es wird also Zeit noch etwas ganz anderes zu hören. Um in Hannover, dieser wunderbaren Stadt, zu bleiben, lege ich Oscar Peterson auf. Peterson war mit seinem Trio – Sam Jones und Bobby Durham – wie Baker live im Funkhaus am Maschsee am 23.Oktober 1967 zu hören und hatte als Gast auch noch Coleman Hawkins mitgebracht. Diese Platte, sie ist inzwischen wieder als CD zu haben (Titel: “The Oscar Peterson Trio Meets Coleman Hawkins – Live In Hannover 1967″), bringt jetzt wirklich frische Luft, meine Güte, wie fetzig, wie mitreißend der Meister auf dieser Platte sein Piano spielt…

Weihnachten mit Robert Wyatt

 

Weihnachten ist Wyatt-Zeit, Musik und Texte seiner Kompositionen passen so gut zum Fest, dass man sich einen der Weihnachtsabende für einen Besuch von Robert Wyatt vorbehalten sollte. Idealerweise verfügt man dafür über einige der wichtigsten Schallplatten und CDs des Meisters, ganz gut wäre es auch, wenn die Biographie über R.Wyatt von Marcus O´Dair, Different Every Time, auf dem Gabentisch gelegen hätte, dann eine gute Flasche Rotwein und, um den Abend würdig abzuschließen, vielleicht noch ein Fläschchen Lagavulin.

 

 

 

 

Um den Abend vernünftig vorzubereiten, habe ich eine Auswahl aus den Veröffentlichungen Roberts Wyatts getroffen und mich dann auch für einzelne Titel der jeweiligen Werke entschieden. Ich gehe chronologisch vor, beginne mit “Moon In June” , von Robert Wyatt und Soft Machine, allerdings wähle ich die Version, die auf der im November 2014 erschienen Doppel-CD Different Every Time enthalten ist. Diese Veröffentlichung stellt quasi die CD zum Buch, der oben genannten Biographie, dar, eine wunderbare Werkschau, mit auch für mich einigen Überraschungen und ungehörten Stücken.
1970 erschien The End of an Ear, von dieser Platte höre ich “To Carla, Marsha and Caroline”, um dann einen ersten Weihnachtsabend-Höhepunkt mit Rock Bottom aus dem Jahre 1974 zu erleben, einer von vier Wyatt-Platten, denen ich die Auszeichnung *****+ geben würde (eigentlich gibt es nur fünf Sterne, aber für die herausragendste Musik eben noch ein + obendrauf). Da der Wyatt-Weihnachtsabend auch zeitlich begrenzt ist, muss ich mich entscheiden und wähle “Sea Song” und “Little Red Robin Hood Hit the Road”.-

 

 

 

 

Schon ein Jahr später – die zeitlichen Abstände zwischen den einzelnen Wyatt-Veröffentlichungen sollten später viel größer werden – erschien Ruth Is Stranger Than Richard, von dieser Platte lege ich “Solar Flares” auf.
Mit der 1982 veröffentlichten Platte Nothing Can Stop Us geht es mir wie mit Rock Bottom, eigentlich möchte ich wiederum die ganze CD hören, beschränke mich aber auf “Born again Cretin”, “At Last I Am Free”, “Red Flag” und “Strange Fruit”.
1986 bracht Wyatt die zweite *****+Platte heraus, Old Rottenhat, unbedingt spielen: “Alliance”, “United States of Amnesia”, “East Timor” und “P.L.A”. Spätestens jetzt weiß jeder, warum dieser Wyatt-abend zwingend sein muss!
Fünf Jahre später, 1991, erscheint die nächste *****+Platte – inzwischen war es auch so, dass jede neue Wyatt-Schallplatte meine Platte des Jahres wurde: Dondestan, ein Hammer von einer Platte. Ich lege die erste Seite auf, höre “Costa” und “Sight of The Wind”, trenne mich von der A-Seite, lege die B-Seite auf und suche “Left und Man”, das zweite Stück dieser Seite.
1997 dann Shleep, einmal sei nun doch die Besetzung genannt: u.a. Philip Catherine, Phil Manzanera, Brian Eno, Evan Parker. Von dieser CD lege ich natürlich das Catherine-Stück “Nayram” auf, das Wyatt “Maryan” titelt, höre aber auch “Blues in Bob minor”.

 

 

 

 

Cuckooland erblickt 2003 das Licht der Welt, von dieser Platte hören wir: “Old Europe”, “Forest”, Beware” und “Lullaby For Hamza”. 2007 veröffentlicht Wyatt Comicopera. Das Werk beginnt mit “Stay Tuned”, ein sehr schönes Stück, das ich mir allerdings denn doch in der Version von Anja Gabarek und Robert Wyatt anhören werde, das Stück findet sich dem Album Smiling & Waving, von Comicpera hören wir “Beautiful Peace” und “Be Serious”.
Der Abend neigt sich dem Ende zu, ein weiterer Höhepunkt naht mit der Platte …for the ghosts within aus dem Jahre 2010, das ist nun die letzte *****+Platte von Robert Wyatt. Ich lege auf: “Lullaby For Irena”, “Where Are They Now”, “Lush Life”, “In A Sentimental Mood” und mit “What A Wonderful World” verabschiedet sich Robert Wyatt.
Robert Wyatt gehört zweifellos zu meinen wichtigsten Musikern, neben Paul Bley und Olivier Messiaen.

 

 

 

 

Schöne Weihnachten!

Gerade höre ich, Joe Cocker ist gestorben, er wurde gerade mal 70 Jahre alt. Seine Platten gehören zum Urbestand meines Plattenschranks. Noch zu Schulzeiten kaufte ich mir Joe Cocker und With A Little Help From My Friend. Auf der einen Platte spielt Jimmy Page mit, auch Stevie Winwood und das sind die Songs: “Feeling Alright”, “Bye Bye Blackbird”, “Just Like A Woman”, “Sandpiper Cadillac”, “I Shall be released” und natürlich “With A Little Help From My Friends”. Auf der anderen Platte werden Songs von Leonard Cohen (“Bird On A Wire”) und ebenfalls von den Beatles (“She Came Through The Bathroom Window” und “Something”) gesungen. Diese Platten werden heute Abend auf meinem Plattenspieler laufen. Ich habe Joe Cocker sehr gerne gehört, er war für mich ein Musiker, der sich die Seele aus dem Leib gesungen hat, mit allen Fasern seines Körpers bei der Musik war …
 
 
 
 

 
 

Wenn der Tempo mit dem Jukebox-Man wieder kommt
 

Meine letzte Bestückung der Wurlitzer-Jukeboxen liegt nun schon wieder viele Monate zurück (Gregor öffnet seinen Plattenschrank Nr.59), höchste Zeit mal ein paar Platten auszutauschen.
 
 
 

 
 
 
In meinem Plattenkoffer habe ich 18 aktuelle Platten aus dem Jahre 2014 und zwei ältere aus dem 70er Jahren dabei, die es verdienen in den virtuellen Jukeboxen einmal aufzutauchen. Meines Wissens konnte man beide damals in den 70ern nirgendwo drücken. Da ist einmal Gene Clark mit dem Stück “For a Spanish Guitar”. Eine Auskoppelung aus der Langspielplatte White Light aus dem Jahre 1971. Ein wunderschönes Stück aus dieser ersten Soloplatte des Byrds-Gründungsmitglieds (er verstarb übrigens schon 1991 mit gerade mal 47 Jahren).

Auch die zweite 70er-Jahre-Platte stammt aus dem Jahre 1971, sie wurde 2014 wiederveröffentlicht und hat sogar den Weg in meine aktuelle Jahreshitparade 2014 geschafft. Ich kannte den Gitarristen und Sänger bislang nicht und bin von seiner Musik doch ziemlich begeistert. Es geht um Mike Cooper und seine Platte Trout Steel. Das Stück “That´s How” wird seinen Weg in die Jukebox finden. Zu den 18 aktuellen Platten gehört eine ganz besondere, die Musik aus den Jahren 1926 bis 1936 enthält: When I read that Heavenly Shore – Unearthly Black Gospel 1926-1936. Diese Platte wird in Deutschland allerdings erst am 09.01.2015 erscheinen, war aber bereits unter npr.com zu hören. Aus dieser 3-LP-Box werde ich das Stück “Let Jesus Lead You” vom Jubilee Gospel Team auskoppeln.

Die restlichen 17 aktuellen Platten findet man auf Langspielplatten oder CDs, die oft nicht mehr als ein oder zwei wirklich gelungene Musikstücke enthalten und die deshalb in vielen Fällen auch nicht in meinen 30 besten Platten aus dem Jahre 2014 aufgetaucht sind. In die Jukebox passen sie als Auskopplungen aber gut. Beispielsweise sind für meinen Geschmack die in diesem Jahr erschienen Platten von Altmeistern wie Neil Diamond, Eric Clapton oder YES nun wirklich nicht sonderlich hörenswert, eher langweilig, enttäuschend. Dennoch findet sich auf jeder der drei genannten Platten ein Stück, das ich in diesem Jahr sehr gerne gehört habe und das durchaus in die Jukebox passt.

 
 
 

 
 
 

  • Gene Clark: For a Spanish Guitar (LP/CD White Light)
  • Mike Cooper: That´s How (LP/CD Trout Steel)
  • Jubilee Gospel Team: Let Jesus Lead You (3LP/3CD Box)When I read that Heavenly Shore –
  • Unearthly Black Gospel 1926-1936
  • Leonard Cohen: Slow (LP/CD Popular Problems)
  • Bill Carrothers: The L & N Don´t Stop Here Anymore (PL/CD Love and Longing)
  • King Creosote: Largs (long) (LP/CD From Scotland With Love)
  • Phish: Devotion to a dream (LP/CD Fuego)
  • Neil Diamond: First Time (LP/CD Melody Road)
  • Jolie Holland: Palm Wine Drum Kard (LP/CD Wine Dark Sea)
  • Neil Young: Who`s Gonna Stand Up – Solo Version – (LP/CD Storytone)
  • David Crosby: Set That Baggage Down (LP/CD Croz)
  • Eric Clapton: They Call Me The Breeze (LP/CD The Breeze – An Appreciation of JJ Cale)
  • Lucinda Williams: Big Mess (LP/CD Down Where The Spirit Meets The Bone)
  • Yes: Believe Again (LP/CD Heaven & Earth)
  • Daniel Lanois: Forest City (LP/CD Flesh And Machine)

 
 
 

 
 
 

  • Luluc: Without A Face (LP/CD Passerby)
  • Mirel Wagner: Taller Than Tall rees (LP/CD When Cellar Children See The Light)
  • Bob Dylan: Quinn The Eskimo (LP/CD The Basement Tapes Complete: The Bootleg Series Vol.11)
  • Eggs Laid By Tigers: Let It Be Known Gabriel Kahane(LP/CD Under The Mile Off Moon)
  • Gabriel Kahane: Union Station (LP/CD The Ambassador)

 
 
 

 

Eigentlich bemühe ich mich, alle vierzehn Tage einen neuen Beitrag unter der Rubrik “Gregor öffnet seinen Plattenschrank” zu schreiben, leider muss ich diese Tradition nun unterbrechen. Thomas Pynchon geht vor! Das gemeinsame Leseprojekt lässt mir keine Zeit mehr, auch noch “den Plattenschrank zu öffnen”. Ein wenig bleibt er freilich geöffnet, schließlich möchte ich ja nebenher die eine oder andere Platte hören. Gerade kam Post aus Georgsmarienhütte und brachte die neue CD von Bill Frisell: Guitar in the Space Age und David Virelles: Mboko. Na, da bin ich mal gespannt. Ein anderes Mal mehr.

 
 
 

 

Morgen ist es soweit, einmal mehr ein großer Tag, ein Tag, an dem ein neuer Roman von Thomas Pynchon veröffentlicht wird. Es soll ja Leute geben, die schon Wetten abgeschlossen haben, wer den jeweils neuen Roman wohl zuerst in den Händen halten würde. Da soll dann der eine einen Buchhändler dazu bewegt haben, besagten Roman schon einen Tag früher herauszurücken, Wette trotzdem verloren! Denn der andere soll sich bereits Tage vorher die Druckfahnen des Romans besorgt haben: Gewonnen!  Blödsinn machen manche Leute … Morgen geht alles ganz seriös zu, ich werde, wenn alles gut geht, mit dem Öffnen des Buchladens meines Vertrauens um neun Uhr den neuen Roman des Meisters in Empfang nehmen. Leider muss ich aber dann für den Rest des Tages arbeiten, am nächsten Tag die 96er im Stuttgarter Stadion nach Kräften unterstützen, aber dann kann die Lektüre beginnen …
 
 
 

 
 
 
Immer wieder spielt ja auch Musik eine Rolle in den Romanen Pynchons. Das Motto des mir neben Enden der Parabel liebsten Romans von Pynchon Gegen den Tag lautet: “It´s always night or we wouldn´t need light”, und es stammt von keinem geringerem als Thelonious Monk. Dieser wunderbare 1596-Seiten-Roman, aus dem ich jetzt am liebsten seitenlang zitieren wollen würde, steht also unter einem Zitat eines der ganz großen Jazzpianisten. Grund genug, den Plattenschrank nach Monk-Platten zu durchforsten und den Abend vor der Veröffentlichung des neuen Pynchon-Romans mit Monk>-Platten zu verbringen, zum Beispiel:
 
Thelonious Monk: Straight No Chaser (Music from the Motion Picture, prod. Orrin Keepnews!)
 

Folgende Monk-Stücke werden dann aber auf jeden Fall aufgelegt: Monk´s Dream Round about Midnight /Hackensack / Evidence / We See / Let´s Call This / Friday The 13th / Skippy / Straight No Chaser / Mysterioso u.a.
 
 
 

 
 
 
Aber halt: Pynchon hat noch ein weiteres Buch unter das Motto eines Musikers gestellt, nämlich Vineland. “Jeder Hund hat seinen großen Tag und ein guter vielleicht auch zwei” – dieses Zitat stammt von Johnny Copeland. Dieser Bluesmusiker, geboren 1937 in Haynesville, Louisiana, gestorben 1997 in New York, veröffentlichte eine Menge guter Platten. Ich schlage vor, wir beenden den Vorabend der Veröffentlichung von Bleeding Edge mit der 2006 veröffentlichten CD An Introduction To Johnny Copeland, deren letztes Stück “Traveling Blues” besonders genossen werden muss.
 
 
 

 
 
 
P.S. Vor einer Woche verstarb Kenny Wheeler, 84jährig – ich gedenke seiner mit den Platten  Angel Song aus dem Jahre 1997 (Kenny Wheeler, Lee Konitz, Dave Holland und Bill Frisell) und Double, Double You aus dem Jahre 1984 (mit John Taylor, Dave Holland, Mike Brecker und Jack DeJohnette.

Ein Klavier zu kaufen, das ist keine einfache Sache. Natürlich wird es zunächst einmal ausschließlich um den Klang gehen. Ich erinnere mich gut, dass ich vor vielen Jahren an einem Nachmittag im Spätherbst die Verkaufsräume eines Stuttgarter Pianohauses betrat und mir alle vorhanden Instrumente vorführen liess. Ich bat den Verkäufer stets dasselbe Jazzstück zu spielen, setzte mich in die Nähe des jeweiligen Klaviers, schloss die Augen und genoss die verschiedenen Klangfarben dieser Instrumente, der Preis sollte zunächst keine Rolle spielen, ich war auf der Suche nach meinem Klang. Natürlich kam es dann schlussendlich auf mein finanzielles Budget ganz entscheidend an, aber egal, zunächst sollte es nur um Klang gehen. Innerhalb von ca. sechs Wochen war mein Klavierkauf perfekt, ich hatte mich für ein Yahmaha Piano entschieden.
 
 
 

 
 
 
Für Perri Knize, Journalistin aus Missoula (Montana) sollte sich der Kauf eines Klaviers als grundanders, als viel komplizierter darstellen. Sie war jahrelang unterwegs, um ihren Klang zu finden und als sie ihn dann im New Yorker Klavierhaus Beethoven Pianos entdeckt, kann sie es nicht fassen. „Ich werde mal das da probieren, sage ich und rutsche zum Grotian-Cabinet-Flügel hinüber. Ich beginne mit Mendelsohn. Das Stück setzt tief im Bass ein; beim Anschlagen der Tasten werde ich von kraftvollen Klangwogen mitgerissen – satt, dunkel, warm, mit singenden Übertönen. Die Mittellage ist rauchig und geheimnisvoll, als töne es aus dem Kehlkopf einer großen Altstimme. Der Diskant ist glockenhell und glitzernd; voller Farbigkeit und schwebend leicht, ein schimmerndes Nordlicht. Ich staune, welche Freude mir der Anschlag bereitet, die Empfänglichkeit der Tasten, es ist, als läge eine unsichtbare Hand darunter, die mich zur Musik geleitet. Im Leib dieses Klaviers scheint eine Seele zu wohnen….Ich schreibe die Angaben vom Preisschild auf dem Notenständer ab: Grotian-Steinweg, neu, 192cm, Modell 192, Seriennummer 154393, zehn Jahre Garantie, $ 32000.“
Der Flügel ist für Perri Knize viel zu teuer, am Ende bekommt sie einen Preisnachlass und kann bald das herrliche Instrument ihr eigen nennen. Doch dann geschieht das Unfassbare, nachdem das Klavier bei ihr angeliefert und aufgestellt wird, hat der Flügel seine Klangfülle, seine Seele verloren. Perri ist untröstlich und beginnt die Suche nach dem verlorenem Klang. „Der Verlorene Klang“, das ist auch der Titel ihres umfangreichen Buches, in dem sie „Die Geschichte einer Leidenschaft“ beschreibt, die jahrelange Suche nach dem für sie perfekte Instrument und den Kampf um die Wiedergewinnung des verlorenen Klanges. Mich haben die über 530 Seiten geradezu gefangen genommen, als läse ich einen spannenden Roman. Nie habe ich soviel über Instrumentenbau erfahren, angefangen vom Auswählen ganz bestimmter Bäume für den Instrumentenbau, bis hin zur Intonation. Die Autorin besucht sogar die Firma Grotian in Braunschweig und die Wälder in Österreich, wo die Hölzer für die zukünftigen Instrumente geschlagen werden. Die Washington Post schrieb über das Buch: „Ein bewegender, sehr persönlicher Bericht und zugleich eine umfassende und leicht verständliche Lektion rund ums Klavier – unglaublich spannend.“
 
 
 

 
 
 
So, und jetzt werde ich einige Schallplatten mit Bachs Goldberg-Variationen auflegen, zunächst die Aufnahme von Glenn Gould von 1955, dann die von Andras Schiff (ECM-New Series aus dem Jahre 2003) von Keith Jarrett (ECM New Series aufgenommen 1989) und schließlich die von Grete Sultan au dem Jahre 1996 – kleiner Klangtest!
 

… allein schon die Namen der Sendungen: Point (SDR), Schlafrock (SDR), Volkers Kramladen (HR), Jazzlaboratorium (NDR), Radio Unfrisiert (HR) – an letztere Sendung sei hier erinnert, ab und an wurde sie von Michael Engelbrecht moderiert. Radio Unfrisiert gab es am Samstagnachmittag und da durfte, wie der Titel der Sendung ja auch schon nahelegt, Ungewöhnliches passieren. Einmal gab es eine Sendung über Ambient-Music. Michael sprach live mit seinen Hörern über dieses Thema, etwa darüber, bei welchen Beschäftigungen Musik eine Rolle spiele.
 
Während meines eben zu Ende gegangenen Urlaubs erinnerte ich mich beim Kochen an eben diese Sendung. Beim Alltagskochen höre ich normalerweise über mein Braun Röhrenradio Atelier 1-81 Deutschlandradio – allein, ich muss mir jetzt nach einer unerträglichen Programmreform Ende Juli, die diesen Sender inhaltlich und musikalisch vollkommen an die Wand gefahren hat, einen anderen Alltagssender suchen – oder drücke auch mal ein paar Platten der Jukebox.
 
Anders im Urlaub, da gehe ich während des Kochens musikalisch doch recht ritualisiert vor. Für die Zubereitung jeder Mahlzeit wird je eine CD in den Koffer gepackt, vornehmlich solche, die bisher noch nicht aufmerksam genug angehört wurde, vielleicht auch ganz neu, gänzlich ungehört ist oder sonst irgendwie einmal mehr intensiver wahrgenommen werden sollte. Das von Musik begleitete Kochen, verstärkt sowohl den Koch- wie den Musikgenuss. Ein Gläschen Wein dabei, was will man mehr!?
 
Dieses Jahr gab es folgende Zusammenstellungen: Karen Mantler: Business is bad, dazu: Rissotto mit Pilzen. Bill Carrothers: Love an Longing, dazu, ja, doch, einmal im Jahr sei es gestattet: frischer Thunfisch mit Salzkartoffeln. Martha Agerich, Claudio Abbato: Mozart Klavierkonzert No 25 in C major KV503, dazu südfranzösische Gemüsepfanne mit Hackfleisch.
 
 
 

 
 
 
The Autumn Defense: Fifth, dazu: Tomatencremesuppe, dann frische Austern, Baguette & Salzbbutter und Weißwein. Jean-Louis Matinier & Marco Ambrosini: Inventio, dazu: südfranzösisches Fleischgericht mit Baguette. Jon Hassel: City Works of Fiction, dazu: Spagetti mit Gorgonzolasoße und Salat. Paul Bley: Play Blue, Oslo Concert 2008, dazu gebratene Forelle, Salzkartoffeln, Buttersoße und großen gemischten Salat. Dino Saluzzi Group: El Valle de la Infancia, dazu: Muscheln in scharfer Tomatensoße und natürlich einen guten Weißwein.
 
 
 

 
 
 
Heinz Holliger, Anita Leuzinger und Anton Kernjak spielen Stücke von Robert Schumann und Heinz Holliger, dazu: Dorade im Salzbett, Kartoffeln mit Buttersauce und natürlich einen vorzüglichen Weißwein. Das nur ein kleiner Ausschnitt aus großen, vergnüglichen Stunden.
 

“Aber selbstverständlich ist es auch identitätsstiftend, Gregor, den Musikgeschmack aus der Vergangenheit kritisch unter die Lupe zu nehmen und das nicht Passende (vielleicht sogar: das noch nie Passende oder mindestens: das nicht hinreichend Passende) beiseite zu legen.” Das schrieb Martina in ihrem vierten Beitrag zum Thema Martina sortiert ihren Plattenschrank und sie hat ja so recht, keine Frage. Ich habe meine zahllosen Umzüge – es dürften bald zwanzig sein – gerne zum Anlass genommen, Dinge zu sortieren, auch auszusortieren, zu verkaufen, zu verschenken, ja, auch wegzuwerfen. Auch Tonbänder, Kassetten, und CDs, sogar Bücher waren dabei. Und, wenn Peter Handke in seinen Aufzeichnungen Gestern unterwegs: “Laß. laß, laß, laß …”: Lebens- wie Sterbegebet, ausruft, hat er sicher etwas unbedingt Richtiges geschrieben.
 
 
 

 
 
 
Dennoch: ich halte meine Bandmaschinen in Ordnung, verfüge über ein umfangreiches Ersatzteillager, schaue, dass meine Röhrenradios funktionieren, halte Ersatzröhren bereit, habe mehrere richtig gute Kassettenrecorder, um for ever meine ungefähr 1500 Kassetten genießen zu können, pflege die Arabella Musiktruhe von Nordmende und natürlich die Musikbox … und das ist gut so und passt so! Zurecht wird von Besuchern meiner Wohnung gerne von einem Museum gesprochen. Okay, ich stehe dazu. Von manchen Platten habe ich mich aus Geldmangel getrennt, um dafür lang ersehnte andere Scheiben kaufen zu können. Oft habe ich dies bereut, denn es war Musik dabei, die vielleicht zum damaligen Musikgeschmack nicht mehr gepasst hat, aber für den heutigen doch von Interesse ist. Ich weiß, ich kenne Musikbegeisterte, die nur die besten Platten und CDs aufheben, den Rest zum Kauf anbieten. Hat ja auch was!
 
 
 

 
 
 
Ein Beispiel: ich hatte mal eine Phase, in der ich sehr gerne Folkfestivals besuchte und ohne Ende Gitarren-Musik gehört habe. Platten von Tucker Zimmermann, David Qualey, Sammy Vomácka, Hermann van Veen, Victor Jara, Werner Lämmerhirt und anderen zeugen von dieser Zeit. Keine diese Platten habe ich je in den letzten etwa 15 Jahren gehört, aber ich werde es jetzt tun, der Grund? Jochen Arntz schrieb im SZ-Magazin einen längeren Artikel über den vor einem Jahr mit 69 Jahren verstorbenen Gitarristen Dale Miller (SZ-Magazin Nr.30 vom 25.07.2014 S.25-29: Zeitmaschine). Das Lesen des Artikels führte zwangsläufig zum Hören alter Platten von Miller, auch entdeckte ich, dass es durchaus hörenswerte neuere Platten dieses Musikers gibt, etwas Time goes by von 2008 (schöne Interpretationen alter Beatles-Titel finden sich auf dieses CD). Nun werde ich ich natürlich auch wieder die alten Platten aus den siebziger Jahren auflegen und mich daran erfreuen. Wichtig scheint mir allerdings, dass man nicht in der Vergoldung vergangener Zeiten verharrt, sondern sich offen hält für Neues, kein Problem für mich, dafür bin ich viel zu neugierig.
 
 
 

 


Manafonistas | Impressum | Kontakt
Wordpress 4.1 Design basiert auf Gabis Wordpress-Templates
38 Verweise - 0.581 Sekunden.