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2018 30 Jan

Friesen Akt H21

von: Lajla Nizinski Abgelegt unter: Blog | TB | 2 Kommentare

 

 
 
 

„Es war am Wochenende unseres Jahrhunderts, als ich bei starkem Unwetter auf einem westfriesischen Deich entlangging. Zur Linken hatte ich schon seit über einer Stunde die öde, bereits von allem Vieh geleerte Marsch, zur Rechten, und zwar in unbehaglichster Nähe, das Wattenmeer der Nordsee. Ich leugne nicht, ich wünschte mich mitunter in sicheres Quartier.“
 
(aus dem etwas veränderten Schimmelreiter von Theodor Storm)

 

Ich fand eine gemütliche Unterkunft in Leeuwarden. Ganz in der Nähe befand sich der schiefe Turm von Pisa, so wurde die alte Kirche genannt. Ein turmhohes Klanggebäude war daneben aufgebaut, verhängt mit durchsichtigen, „den heulenden Böen“ standhaltenden Planen. Pünktlich zu dem Jahrhundertereignis sah man nur schattenhaft das niederländische Königspaar die Kulturhauptstadt von Europa 2018 einläuten:
 
 

LEEUWARDEN UND  FRIESLÂN.
 

Kom dyn nêst ut jonge

Li nêst waarm fan feline

Skuor iepen de gerdinen

Spring derút de dei is Nu

Hearst de klokken
 

(aus dem Eröffnungslied: Seis oere thus)

 
 

Alle Glocken in Friesland läuteten um 22:15 am Samstagabend. Ich stellte mir die Bauern der Einödhöfe oder der Warftanwesen vor, wie sie stolz unter ihrer Glocke standen. Oder wie der Deichgraf seinen Schimmel zur Rückkehr lenkt, um dem vertrauten Geläut die Ehre zu geben.

Mir gefällt die provinzielle Choreographie ausgesprochen  gut. Hier hat ein Organisationsteam für die Kulturhauptstadt 2018 seine Umgebung betrachtet und dann geplant. Drei Kulturprojekte, in denen sich die friesische Provinz widerspiegelt, seien hier vorgestellt.
 
 

1. POETIC POTATOES
 

Kleine Kartoffelsäcke, an denen Gedichte befestigt sind, sollen per Schiff nach Valetta (die andere Kulturhauptstadt2018) gebracht werden. Von dort sollen Gedichte und Kartoffeln zurückgesendet werden.
 
 

2. In dem Song „Genius“ besingt Warren Zevon das „meisje“ aus Leeuwarden.
 
 

„Mata Hari had a house in France

Where she worked on all her secret plans

Men were falling for her sight unseen

She was a genius“
 
 

Das FriesMuseum widmet seine schönsten Räume seiner schönsten Einwohnerin Margareta Zelle, später dann MATA HARI.
 
 
 

 
 
 
Es sind nun 100 Jahre her, dass sie von 12 Fusilisten erschossen wurde. Ein Schuss traf ihr Herz. Da war sie 41 Jahre alt. Der meist begehrte Körper dieser außergewöhnlichen Frau wurde in ein Pariser Krankenhaus zu Studienzwecken gebracht. Ihr hübscher Kopf wurde entwendet und ist bis heute nicht auffindbar. Aktuell sitzen französische Juristen über der Akte von Agentin H21, um herauszufinden, ob Mata Hari wirklich auch für die Deutschen spioniert hatte. Bereits zweimal haben die Stadtväter von Leeuwarden nach Paris geschrieben und darum gebeten, ihr Meisje von aller Verratsschuld freizusprechen. Zweimal wurde dies abgelehnt. Man darf auf das Ergebnis der Aktenuntersuchung gespannt sein.
 
 
3. PASSAGE DE LA BALEINE 2015
 
Ich gehe durch die Gasse im kleinen Leeuwarden und denke an das große Passagenwerk von Paris. Dieses riesige Walskelett über mir ist jetzt echt eine Herausforderung. Wie bekomme ich es an meine Leine? Dieser Auftritt würde doch die frühere Eleganz der ausgeführten Schildkröten toppen, oder?

„Es ist meine letzte Momentaufnahme der europäischen Intelligenz.“
 
(Walter Benjamin)

 
Sjoddy = See you
 
 
 

 

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Dienstag, 30. Januar 2018 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen. Pingen ist zur Zeit nicht erlaubt.

2 Kommentare

  1. Lajla:

    Das wunderbare Ölgemälde mit Bulle stammt von Simon Kamminga (1850-1933). Es heisst „Thundergusts“. Ich habe es im FriesMuseum Leeuwarden entdeckt.

    Das lange Walskelett aus Stahl ist eine beachtenswerte Installation der Künstlerin Giny Vos (1959 -). Auch ihre digitale Musik ist eine Entdeckung.

  2. Martina Weber:

    In seiner Frankfurter Poetikvorlesung im Jahr 2012 hat Alexander Kluge dem Passagenwerk von Walter Benjamin eine zentrale Position eingeräumt. Aus Sicht von Alexander Kluge war Walter Benjamin in diesem Buch die Kombination von Theorie (Ungesagtes) und Praxis (Erzählung) auf besondere Weise geglückt.

    Was können wir daraus im 21. Jahrhundert machen, fragte Kluge. Und, da im Passagenwerk Paris als die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts dargestellt wird, was ist die Hauptstadt im 21. Jahrhundert? Vielleicht ist es keine Stadt, sondern etwas, was in den Köpfen der Menschen stattfindet. Die Vielfalt und die Unruhe in uns. Dass es mehr als ein Leben gibt.

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