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2017 1 Dez

Gregor öffnet seinen Plattenschrank (150)

von: Gregor Mundt Abgelegt unter: Blog | TB | 3 Kommentare

Olivier Messiaen: Quartuor pour la Fin du Temps

 

Olivier Messiaen (*10.12. 1908, Avignon; †27.4.1992, Paris) war von 1939 bis 1941 Kriegsteilnehmer, danach Kriegsgefangener in einem Lager in der Nähe von Görlitz. „Im Kriegsgefangenenlager befanden sich“, so schrieb Messiaen, „auch ein Geiger, ein Klarinettist und der Cellist Etienne Pasquier. Ich schrieb ein bescheidenes, kleines Trio für sie, das sie mir in den Waschräumen vorspielten, denn der Klarinettist hatte sein Instrument behalten, und irgendjemand hatte dem Cellisten ein Cello mit drei Saiten gegeben.“ Durch dieses Experiment fühlte sich Messiaen ermutigt, ein größeres Werk zu schaffen, es sollte eine Komposition, bestehend aus acht Sätzen werden, von denen neben dem „kleinen Trio“ – dieses sollte später als vierter Satz in das Musikstück eingefügt werden – wahrscheinlich schon weitere drei in irgendeiner Form existierten. Messiaen stand ein ziemlich verstimmten Klavier, „dessen Tasten wahllos hingen“, zur Verfügung und kam sogar an Papier und Bleistift.

Der Cellist Etienne Pasquier berichtet: „Die Uraufführung fand am Mittwoch, dem 15.Januar 1941 statt, abends um 18:00 Uhr. Es war eiskalt draußen, Erde und Dächer mit Schnee bedeckt. Messiaen und auch wir anderen Musiker hatten alte, überall geflickte tschechische Uniformen an, an den Füßen trugen wir Holzschuhe. Die waren wärmer und gut für das Gehen im Schnee, aber es tat auch weh an den Füßen. … Die Aufführung war ein großer Erfolg, wir haben sie mehrere Male wiederholt.“

Messiaen ergänzt: „Das Publikum war eine äußerst vielfältige Mischung aus allen Gesellschaftsschichten – Landarbeiter, Hilfsarbeiter, Intellektuelle, Berufssoldaten, Ärzte, Geistliche. Niemals sonst hat man mir mit solcher Aufmerksamkeit und solchem Verständnis zugehört.“

Ausgerechnet zu einer Zeit, in der der Faschismus jedes kulturelle Schaffen entweder im Keim erstickte oder zumindest unter seiner unbedingten Kontrolle sehen wollte, schuf Messiaen ein Werk, das auf Zukünftiges, auf Neues, auf eine Welt jenseits des Faschismus gerichtet hinwies.

 
 
 

 
 
 

Nun haben der schwedische Klarinettist Martin Fröst, der französische Pianist Lucas Debargue, die niederländische Violinistin Janine Jansen und der schwedische Cellist Torleif Thedéen Quartuor pour la Fin du Temp so überwältigend gut neu eingespielt, dass diese Aufnahme zu meiner Platte des Jahres 2017 werden musste, zwingend!

 

Zitate aus: Peter Hill & Nigel Simeone: Messiaen Mainz 2007

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Freitag, 1. Dezember 2017 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen. Pingen ist zur Zeit nicht erlaubt.

3 Kommentare

  1. Michael Engelbrecht:

    Wieso wundert mich die Jubiläumsnummer 150 nicht!?

    Immerhin habe ich schon Musik aus der Zukunft gehört, und dass mich mal eine Kirchenorgelsoloplatte packt, hätte ich kaum für möglich gehalten.

    Erscheint am 18. Januar – und wer sass wohl in Suffolk an der Orgel?

    Ich spiele sie aber schon in den Klanghorizonten am 30.Januar :)

  2. Uli Koch:

    Danke für diesen Tipp! Man spürt die Kälte, die diese Musik bei der Entstehung umgab förmlich und es scheint unglaublich, welche Tiefe und Abstraktion nicht nur den damals Spielenden abverlangt wurde, sondern auch, wie tief berührend diese Aufführungen gewesen seien müssen!
    Und 150 mal den Plattenschrank zu öffnen: Chapeau & Glückwunsch! Es bleibt spannend Deine Entdeckungen zu verfolgen!

  3. Brian Whistler:

    One of my favorite pieces.

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