Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Du durchsuchst gerade das Archiv des Monats Dezember 2017.

Archiv: Dezember 2017

2017 31 Dez

Innen Leben

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags:  | 3 Kommentare

Ich hatte den Film nicht ausgewählt und wusste nur dessen Titel (nämlich „Innen Leben“), dass es um Bewohner eines Hauses geht und dass der Film vor einiger Zeit von der Kulturzeit empfohlen wurde, ich wusste nicht einmal, an welchem Ort der Film spielte. Das war mir eigentlich zu wenig, aber nun war die DVD da und ich dachte, zehn Minuten bin ich auf jeden Fall dabei. Da war das sorgenvolle Gesicht eines alten Mannes mit Bart, der eine Zigarette rauchte und in einen ungepflasterten Innenhof blickte. Ein paar Autos, Geröll. Frauen stehen am Fenster hinter Gardinen. Zwei Mädchen wollen ins Bad. Auf der Ablage über dem Waschbecken sind an die zehn Zahnbürsten in zwei Zahnbechern verteilt, das Wasser befindet sich in einer großen blauen Plastiktonne. Eine zusammengewürfelte Gruppe, teilweise miteinander verwandt, befreundet, liiert, vielleicht verliebt, und ein Baby. Eine großzügige und durchaus bürgerlich eingerichtete Wohnung, die sich als die einzige noch bewohnte Wohnung im Haus herausstellte, weil die anderen Hausbewohner längst geflüchtet sind. Es dauert einige Minuten, bis gesprochen wird, weil etwas passiert ist, was nicht weitergesagt werden soll. Es ist die ältere Lady, die hier das Sagen hat. Sie hat schon so viel verloren, und auf keinen Fall wird sie diese Wohnung verlassen. Das junge Paar mit Baby plant hingegen, die Stadt noch in der folgenden Nacht zu verlassen. Die Wohnungstür ist mehrfach verriegelt, jedes Klopfen eine Bedrohung. Der Blick durch den Spion: Drei Männer im Treppenhaus. Das ist alles, was wir von außen sehen: das Treppenhaus und den Blick auf den Innenhof. Manchmal funktioniert das Radio. Wir befinden uns im syrischen Bürgerkrieg, aber es könnte auch ein anderer Krieg sein. Während dort die Bomben fallen und niemand weiß, wie lange die Wohnung noch ein Schutzort ist, knallen hier seit Stunden schon die Böller, weil niemand mehr Geduld hat, bis Mitternacht zu warten. Leuchtraketen zischen in den Himmel. „Innen Leben“, ein Film von Philippe Van Leeuw, zeigt das Leben in einer Wohnung in einem Kriegsgebiet im Zeitraum eines Tages. Ein spannendes Kammerspiel, von der ersten bis zur letzten Minute.

2017 31 Dez

Die Mana-Pause

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | 20 Kommentare

 

Meinen nächsten Eintrag gibt es am 6. Dezember 2018, if i‘m still kicking, well and alive. Es wird der Jahresrückblick 2018 sein, mit Gregs. Ausgewählte Radiosendungen werden ggf. eine Zeitlang gepostet, in Absprache mit Joey. Bitte hier keine öffentlichen Wetten auf die Haltbarkeit meiner Ankündigungen abschliessen, keine Danksagungen und Flüche! :) – auch b l e i b e ich Manafonist und betreue, mit eigenen und geborgten Texten, die Monatsauswahl der speziellen Empfehlungen. Ohne den üblichen, begleitenden „Mini-Essay“ allerdings. Wenn dieser Blog weiter lebendig bleibt, nur dann natürlich. Die „thriller of the month“-Sektion fällt weg (Lisa Sandlins Kriminalroman ist exzellent), die „time travel“-Kolumne ist sehr variabel auslegbar, gut so.

Die Gründe. Ich habe diverse Projekte laufen, die es unmöglich machen, hier in gewohnter Schlagzahl präsent zu sein. Dazu zählt eine neue Tätigkeit  als beratender Psychologe in einem mittelständischen Wirtschaftsunternehmen.

Da ich da diverse Verschwiegenheitsklauseln unterschreiben musste, kann ich nicht konkreter werden. Wer glaubt, dies sei eine typische Michael-Geschichte, irrt. Ausserdem werde ich in meinem alten Beruf als Dipl. Psychologe noch in anderen Feldern aktiv, und wieder Psychotherapien machen. Zudem leite ich ein neues kleines Team von luziden Träumern an.

Und da noch eine zeitintensive vierte Tätigkeit hinzukommt, die das S c h r e i b e n betrifft, ist der Entschluss naheliegend und konsequent. Keine Laune des Augenblicks. Ich bleibe dabei, und bin doch fort. Meine private Emailadresse ist die leichteste Art, mit mir in Kontakt zu treten. Gute Balance. Das Leben ist ein Abenteuer.

 

 

 
 
 

„Ich begann die Musik zu schreiben“, sagt Kit Downes, „mit der Vorstellung, diese Orgeln könnten miteinander in Kontakt treten, zueinander sprechen. Sie wurden zu verschiedenen Zeiten gebaut, mit jeweils anderen Sounds, es fühlte sich an wie eine Zeitreise, eine Suche nach Verbindungslinien.“

 
 

Nicht die Orgel hakte, die Kit Downes in der Union Chapel Church in London bespielte, sondern der CD-Player. Daher die Wiederholung eines angelaufenen Stückes. Die Zeit, die verloren ging, sollte mit einem wilderen Orgelsolo, nach TONITE von LCD Sounsystem, bereichert werden, das Stück des Bobo Stenson Trios war da nicht die perfekte Ablösung des Zorngesanges von James Murphy. Aber das Ohr rückt sich, mit der Psyche, manches zurecht, und so hatte das vielleicht auch seinen Reiz.

Ich hatte mir stets gewünscht, Brian Eno würde einmal die Nits produzieren. Als ich ihm einst in Bonn, vor fünfhundert Zuhörern, ein Stück vorspielte, teilte er meine Begeisterung leider nicht. Umso trefflicher nach meinem Empfinden das Zusammenspiel des fantastischen Nits-Albums ANGST mit FINDING SHORE von Rogerson / Eno zu Beginn und Ende der ersten Stunde der Radionacht Klanghorizonte.

Es wurden gleich zwei Manafonisten namentlich aufgerufen, was in beiden Fällen höchst angemessen war, bei Martina und Gregs. Schliesslich gab es u.a. eine verwilderte Seqenz aus der „Hörnumer Jukebox“ zu belauschen, in der ersten Zeitreise der Nacht. XTC, Holger Czukay, Hector Zazou, Underworld, Hector Zazou, Holger Czukay, XTC. Es gibt viele Menschen, die kennen BLACK SEA gar nicht, aber vielleicht muss man leicht anglophil sein, um dem Charme dieses furiosen Quartetts aus Swindon erlegen zu sein. (s.a. „reissue of the month“)

„The river is a synthesizer“ ist der heimliche Leitspruch dieser fünf Stunden gewesen, eine Zeile aus einem Song des Nits-Albums. Und der erste Song der Nacht, der vom Blumenladen um die Ecke, nahe „Penny Lane“ und „Dead End Street“, war der Schlüsselsong. Das „Album des Monats“ ist bereits am 17. September erschienen, schön, dass ich das auch noch mitbekam, kurz vor Weihnachten. Eine diskreten Podcast der Sendung gibt es hier dieses Mal nicht, dafür aber den Hinweis, dass am dritten Samstag im Februar die nächsten Klanghorizonte sind, und dann jenes allerfeinste Album einen Auftritt haben wird, das heute Nacht der zwingenden Traumlogik des „sequencing“ weichen musste, APR 70 von Dictaphone. Ein deutsches Trio, das verliebt ist in den Brüsseler Avant-Pop der 80er Jahre, und herrlich zeitgenössische Musik schöpft. More rain may fall, the river is a synthesizer.

 

In dieser Nacht, in dieser Nacht

Ich gehe die Gurlittstraße entlang. Sie liegt mitten in einem lebendigen Stadtteil von Düsseldorf. Als ich 1990 hierher zog, erzählte man mir von dem Kampf der Studenten für eine Namensgebung ihrer Universität. Erst 1988 bekannten sich die Stadtväter zu ihrem jüdischen Sohn und benannten die Universität nach Heinrich Heine.
 
This sweet old world 

Wie kann das sein, dass nur 40 Jahre früher einem Mann mit zwielichtiger Haltung zum Naziregime die Leitung des Düsseldorfer Kunstvereins anvertraut wurde? Ausgerechnet einem Mann, der sich Werke aus den jüdischen Vermögensabgaben kaufte und deren Privatbesitz bis über seinen Tod hinaus leugnete? Wie gelangte Hildebrand Gurlitt an die Werke der NS-Raubkunst? Ganz einfach, Gurlitt war nach 1942 ihr Chefeinkäufer
 
Michael spricht von „herumtreibenden Schatten“

Die Geschäftsbücher über seine kostbaren Errungenschaften gab er als im Krieg zerstört an. Er behauptete ebenfalls, dass kein einziges seiner Bilder aus jüdischem Besitz sei.
 
You want it darker 

1948 wurde Hildebrand Gurlitt Leiter des Düsseldorfer Kunstvereins. Er war hoch angesehen und respektiert ob seiner grossen Kunstkenntnissen und seinen besten Beziehungen zu großen Künstlern und renommierten Sammlern. Er kuratierte über 70 Ausstellungen mit erstklassiger Kunst, zeigte jedoch kein einziges Werk aus seinem privaten Kunstschatz.
 
Stille Lieder

Nach seinem Tod 1957 trat sein Sohn Cornelius Gurlitt das schwere Erbe an, das zufällig 2013 in seiner Münchner Wohnung entdeckt wurde. Aus diesem Kunstfund lässt sich nicht ausschließen,  dass die Bilder unrechtmäßig erworben wurden. Deshalb wurden sie in die öffentliche Online Datenbank Lost Art.de eingestellt.
 
Michael spricht vom „Zustand der verlorenen Welt“

Gurlitt entschloss sich 2014, dass sein Bestand von einer „Taskforce“ erforscht werden sollte und willigte ein, dass erwiesene Raubkunst zurückgegeben werden sollte. Als Alleinerbin bestimmte er schließlich das Kunstmuseum in Bern. Von dort sende ich meinen Neujahrsgruss, 2018.
 
 
 

Karl Schmidt-Rotluff


 

Michael sagt:“ wieder sind die Ursprünge weit gespannt.“
 

 

Max Beckmann: Zandvoort Strandcafé 1934

 

Sie stand vor meinem Plattenschrank und wollte einfach einmal eine Platte ziehen, irgendeine, über die ich dann in einem meiner nächsten „Plattenschränke“ schreiben möge, so sagte sie. Solche Spiele mag ich sehr und so schaute ich Lajla zu, wie sie ihre Hände über die verschiedenen Plattenabteilungen gleiten ließ und im Jazzbereich beim Buchstaben H zugriff. Oha, eines meiner Lieblingsplatten hatte sie erwischt: Charlie Haden / Paul Motian feat. Geri Allen: ETUDES, im Jahre 1988 bei Soul Note (Milano) erschienen. Charlie Haden kannte Paul Motian zu diesem Zeitpunkt schon viele Jahre lang, damals 1959, bei ihrem ersten Treffen, spielte Haden gerade in Ornette Coleman´s Quartet und Paul Motian arbeitete mit Bill Evans und Scott La Faro zusammen. Bald darauf sollten die beiden mit Dewey Redman und Keith Jarrett durch die Lande touren. Auf dieser von Lajla ausgewählten Schallplatte musizieren die beiden zusammen mit Geri Allen. Man spielte bei den Aufnahmen zu dieser Platte in diesem Spätsommer 1987 in New York City fast ausschließlich eigene Kompositionen, drei von Paul Motian, darunter das titelgebende Stück, drei von Charlie Haden, darunter etwa die wunderschöne Nummer „Silence“. Geri Allen steuerte die Komosition „Dolphy´s Dance“ bei. Eröffnet wird die LP mit der Ornette Coleman-Nummer „Lonely Woman“.

Geri Allen, diese geniale Pianistin, verstarb am 27.06.2017 gerade einmal sechzigjährig. Wenn man mich gefragt hätte, welche Platte ich ihr zum Gedenken auflegen würde, ich hätte diese Scheibe ausgewählt.

 
 
 

 
 
 

Noch an drei weitere Musiker, die im Jahr 2017 starben, möchte ich erinnern und jeweils eine herausragende Platte wenigstens kurz nennen:

Gleich zu Beginn des Jahres, am 19. Februar ging Larry Coryell von uns. Nachdem ich Philip Catherine und seine herausragende Platte September Man (1974 veröffentlicht und seit Oktober dieses Jahres endlich wieder im Handel erhältlich) kennengelernt hatte, verfolgte ich diesen Ausnahmegitarristen auf Schritt und Tritt und wurde so auf eine Duoplatte: Larry Coryell & Philip Catherine: TWIN HOUSE“ (VÖ 1977) aufmerksam, auch eine meiner Lieblingsplatten. Die beiden spielen vier Catherine-Kompositionen, und je eine von Larry Coryell, Keith Jarrett, Django Reinhardt und Jimmy Webb.

Am 23. Februar starb Horace Parlan, er wurde 86 Jahre alt. Auch dieser Pianist ging im Jahre 1987 ins Studio, allerdings auf der anderen Seite des Atlantiks, ins Studio 44, Monster, Holland und nahm dort zusammen mit dem Saxophonisten Archie Shepp die Platte Archie Spepp Horace Parlan Duo Reunion auf. Eine wunderschöne Duoplatte, auf der Kompositionen von Duke Ellington, Billy Strayhorn, Thelonious Monk, Benny Carter, Dewey Redman, Archie Shepp und Copyright Control zu finden sind. Als ich mir damals Ende der achtziger Jahre diese LP zulegte, wusste ich nicht, was dieses Copyright Control unter der Komposition „Call Me“ bedeuten sollte. Heute weiß ich, dass es Sammler gibt, die speziell Aufnahmen von Kompositionen mit diesem Merkmal suchen. „Copyright Control means there is no publisher known for the composition(s) featured on a release. It is used in lieu of there being a known publisher.“ (Discogs).

Im Frühjahr 1984 trafen sich Jack DeJohnette, Jan Hammer, Mike Brecker und John Abercrombie in New York um eine Platte aufzunehmen, die später meine Platte des Jahres werden sollte: NIGHT. Die vier spielten fast ausschließlich Kompositionen des Meisters an der Guitar, nur eine entstammt der Feder von Jan Hammer: „Etherreggae“. Diese Nummer wurde das Eröffnungsstück der Scheibe und hatte es mir vor allem angetan. John Abercrombie starb am 22. August, dreiundsiebzigjährig.

1) Robert Forster: Grant & I (Grant und ich – Die Geschichte einer aussergewöhnlichen Freundschaft) 

2) Rob Sheffield: Dreaming The Beatles (The Love Story Of One Band And The Whole World)

3) Colossal Youth, by Michael Blair & Joe Bucciero
 
 
 


 
 

„I was so pleased to see this album had been tackled in the 33 1/3 series, and even more so when I read the book which is a cover-to-cover delight. I find the 33 1/3 series a bit hit and miss, but this is one of the best I have read. More than just a historical retelling (although that is also done very well) the author includes connections to the wider musical and literary world which is fascinating to read.“

(Wayne Davidson)

2017 29 Dez

Medienphrasen 2017

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | 9 Kommentare

Alle Jahre wieder: Meine Blütenlese der albernsten Phrasen und abgenutztesten Metaphern in deutschen und amerikanischen Medien.

  • Sicherheitskonzept
  • in trockenen Tüchern
  • [sic!]
  • Exzellenzcluster
  • Gemengelage
  • Aktivist
  • Experte
  • Räume bespielen
  • Filterblase
  • Echokammer
  • Narrativ
  • artisanal
  • wertig
  • der große Teich
  • Vordenker
  • Leadership
  • Alphatier
  • abfackeln
  • gerät immer mehr unter Druck
  • scalable
  • grünes Licht
  • Sex-Täter
  • intrinsisch
  • newly renovated / neu renoviert
  • We’ll circle back to that
  • volle Härte
  • visionär / visionary
  • kreative Querdenker
  • offenes Geheimnis / open secret
  • Sustainability
  • der Berg kreißte und gebar eine Maus
  • ins Gelbe Trikot fahren
  • Game Changer 
  • angedacht haben
  • aus dem Nähkästchen plaudern
  • battle with cancer
  • Kasse klingelt
  • steile These
  • atmender Rahmen
  • befüllen
  • Rock-Röhre
  • im Raum stehen
  • Influencer
  • verhärtete Fronten
  • schallende Ohrfeige
  • hyperlocal
  • dystopisch/dystopic
  • bleibt abzuwarten
  • Schreckgespenst
  • zähes Ringen
  • wohl den Schuss nicht gehört haben
  • qualitätsvolle Inhalte
  • sei dahingestellt
  • gefühlt
  • Reich der Mitte
  • Impulsreferat
  • Zerreißprobe
 
Sollten Sie dieses Jahr den Schuss nicht gehört haben: 2018 bestimmt.

 

 
 
 

Übersetzungen sind in solchen Besprechungen eigentlich tabu. Sie zerstören den Klang des Geschriebenen und damit auch das Reich der Imagination, das sich (hoffentlich) beim Zusammenkommen von Musik und Text für den Hörer eröffnet. Dennoch ist dieser Titel auch in der deutschen Übersetzung entscheidend für ein Verständnis dessen, worum es auf diesem Album geht.

Das Selbst also, unser Selbst – beschrieben als ein Königreich. Ein strukturell, sogar geografisch klar abgrenzbares Areal, in dem ebenso klare Hierarchien, Strukturen und Ordnung herrschen. In dem ein jeder wie das berühmte kleine Rädchen ins andere greift und genau durch diese Funktion Bedeutung erlangt. Und nun kann man fragen: Geht es uns in der heutigen Zeit, der „Moderne“ (oder doch schon „Postmoderne“?!) nicht ähnlich? Wir befinden uns in einem klar abgrenzbaren Leben (geografisch, physisch, sozial), das mit allerhand Rollen angereichert ist und dadurch erst greifbar, beschreibbar wird (oder gar nur dadurch existiert?). Jeder hat „seine Woche“, die Arbeitswoche wiederum ergibt sich für viele durch einen 8-Stunden-Tag, der somit zwangsläufig die restliche „Freizeit“ definiert. Und wir scheinen uns darin eigentlich ganz wohl zu fühlen, denn durch die Zugehörigkeit zu einem Unternehmen, Team oder sonst was sowie einer entsprechenden Entlohnung lässt sich wie aus einer Frucht das süße Verständnis seiner selbst „als jemand“ extrahieren. Soziale Kreise (so hat das Georg Simmel genannt) wie eben die „Arbeit“ sind die klar abtrennbaren Lebensbereiche eines jeden, deren Kristallisationspunkt schließlich das eigene Selbst ist (am Ende dieses Textes sieht der Leser, dass es mir ähnlich geht).

Wie anders wirkt dagegen das Cover von „Kingdom of the Self“, auf dem nur wenig klar erkennbar ist. Der Künstler Dennis Krieg, der das Bild mit der hochkomplexen Ambrotypie-Technik erschaffen hat, zeigt einen Mann mit nacktem Oberkörper, ein in der Mitte noch deutlich erkennbarer Leib, der aber zu den Rändern an Kontur verliert. Und in dessen Mitte ein Messer, das vor der Brust schwebt, jederzeit in der Lage, den dahinter stehenden Menschen zu verletzen. Ansonsten ist der Hintergrund schwarz, daneben stehen Bandname und Albumtitel. Unser Königreich des Selbst – vertieft man sich in dieses Bild, wird schnell klar, dass das nichts als eine Fassade ist, die mit einem gezielten Stich des Messers, das in Form von allerlei Unvorhersehbarkeiten des Lebens stets auch uns treffen kann, in sich zusammenfällt.

Eine solche Erkenntnis (wenn es denn eine ist; genau genommen „wissen“ wir alle schon längst um diese Fragilität) ist beklemmend und befreiend zugleich. Sie hat die Kraft, uns völlig aus der Bahn zu werfen und im Alltagsrauschen jegliche Orientierung zu nehmen, bis wir völlig hinter unseren vermeintlich wichtigen Handlungen verschwinden. Es ist das Gefühl, allein zu sein auf dieser Welt. Ganz allein – und nichts, absolut nichts, wird von uns zurückbleiben.

Aber damit muss es nicht zu Ende sein. Wir müssen nicht aufhören – nach Sinnhaftem zu suchen, zu leben. Wir können manches anders machen. Genau dafür ist diese Musik gemacht, sie lebt und atmet diesen Gedanken in besonderer Weise. Die Bilanz dieser Band ist da eindeutig: Zwölf Jahre, fünf Studioalben, rund 150 Konzerte. Dazwischen die Arbeit, Familie, zwei Bandmitglieder mit abgeschlossener Promotion, unzählige Umzüge, Hausrenovierungen, inzwischen fünf Kinder, ein sechstes auf dem Weg – und doch zu keinem Zeitpunkt der Gedanke, das alles einfach sein zu lassen, weil man den „Durchbruch“ ja nicht geschafft habe. Zu wichtig scheint es zu sein, dieses Andere.

 
 
Oh take this umbrella and shelter my soul,

I need you to guide me and call me your son.

Because I am alone

when the wolves begin to howl

When Atlas cries

for love, for pain, for joy and happiness.
 
 

Diese Zeilen aus dem für mich mit dem Opener „This Fire“ umfassendsten und somit in gewisser Weise „besten” Song „The wolves“ lässt mich daran glauben, in dieser Einsamkeit Kraft finden, uns von einem vermeintlichen Selbst, das wir nie werden erreichen können, zu lösen. Hört man den Song „The wolves“, kommen sie nämlich, jene Momente, in denen man vollkommen im Gehörten oder Gespielten aufgeht. Es ist keine schmerzvolle Auflösung, es ist ein Sich-Fallenlassen ins unabwendbar Geschehende. Momente, in denen alles, wie es nun einmal ist – nein, nicht perfekt scheint, aber doch annehmbar. Solange es das noch gibt, ist das Leben nicht verloren. Und jenes Alltagsrauschen, das es zu überwinden gilt, bleibt besiegbar. Danke Jungs!

 

David Emling, Schriftsteller und Soziologe, ist Gitarrist der Band Shy guy at the show.

 

Ich bin mir nicht sicher, ob man Rob Sheffield zum Kumpel haben möchte. Wenn man mit ihm in einen Pub geht, könnte es sein, dass er auspackt, und einem unendliche Stories von den „Fab Four“ auftischt. Natürlich hätte er in mir einen aufmerksamen Hörer, zumindest anfangs, aber es bestünde die Gefahr, er würde sich in einen Bewusstseinsstromrausch reden, ohne Punkt und Komma, ohne Zwischenräume für ein kleines Echo des Gegenübers. Wahrscheinlich müsste ich dann auch zu dem einen und andern Redeschwall ansetzen, um eine gewisse Balance aufrechtzuhalten. Liest man aber sein Buch Dreaming The Beatles – The Love Story Of One Band And The Whole World, so kann man die Lektüre nach eigener Lust dosieren, die Kapitel sind von überschaubarer Länge, und die Substanz erstklassig. Da bietet er, in munterem Parlando, (verblüffende) Fakten, Zusammenhänge, Essays, Exkursionen, Analysen, Erinnerungen, Ahaerlebnisse, und alles fliesst ineinander, dass es eine helle Freude ist. Für ihn sind Revolver und Rubber Soul die besten Beatles-Alben, für mich Sgt. Pepper und das White Album. Wir kommen ins Gespräch. Das Buch ist ein Fest für Menschen, die nach wie vor zur Musik der Beatles zurückkehren.

 

Vor einiger Zeit habe ich hier davon erzählt, wie der von Marc-Antoine Mathieu erschaffene Künstler Otto in einer Lebenskrise auf dem Dachboden des Hauses seiner verstorbenen Eltern eine Truhe auffindet, in der detaillierte Materialien über seine Kindheit bist zu seinem 7. Geburtstag gesammelt sind. Während ich bei der Lektüre dieser Graphic Novel eine Pause einlegte und darüber nachdachte, ob ich die Truhe öffnen würde, kam ich auf die Idee, dass sich der Verlag, in dem „Otto“ erschienen ist, vielleicht für meinen Text interessieren könnte und ich schickte Herrn K von der Presseabteilung im Verlagshaus Reprodukt den Link. Herr K. antworte mir freundlich und fragte mich, ob ich gern weitere Arbeiten von Mathieu kennenlernen würde. Da ich wusste, dass sich in Mathieus Werk auch Graphic Novels ohne Worte befanden und Herrn K das richtige Gespür für meinen Geschmack vermitteln wollte, schickte ich ihm ein Foto eines Teils meines Bücherregals, ein shelfie, auf dem die Buchrücken folgender Graphic Novels erkennbar waren:

 
 

Adrian Tomine: Summer Blonde

Adrian Tomine: Sleepwalk and other Stories

Adrian Tomine: Shortcomings

Adrian Tomine: Killing and Dying

David Mazzuccheli: Asterios Polyp

Scott McCloud: The Sculptor

Marion Laurent, Arnauld Le Roux: Entre deux averses

 
 

Diese Graphic Novels weisen – auch wenn sie, wie Asterios Polyp und The Sculptor, romanhafte Züge annehmen – eine Nähe zur Short Story im Sinne Hemingways auf, das heißt, der entscheidende Teil von ihnen liegt im Verborgenen und sie klingen nach der Lektüre noch lange nach: Die Magie der nicht gezeichneten Panels.

Zwei Tage später holte ich einen großen gepolsterten Umschlag aus dem Briefkasten, in dem sich ein weiteres Werk von Marc-Antoine Mathieu befand: die Graphic Novel „Gott höchstselbst“, erschienen im Jahr 2010. Auf dem Cover war in Schwarz- und Brauntönen eine ins Unendliche reichende zusammengedrängte Menschenmenge zu sehen, die in ihrer Mitte einen gewissen Raum frei gelassen hatte, und hier stand ein Mann in einem schlecht sitzenden Anzug, von schräg hinten gezeichnet, mit langem Haar, langem Vollbart und beschwichtigender Haltung von Armen und Händen, die Figur ganz in weiß und mit einem hellen Schatten. Gott höchstselbst. Gott wirkte auf dem Cover wie ein sanfter Arbeitgeber oder wie ein netter Coach.

Ich dachte daran, zu welcher Zeit in meinem Leben mich die Frage nach Gott beschäftigt hatte, weil ich für mich eine Position finden wollte. Wir behandelten im Religionsunterricht Themen wie „Glaube und Wissen“, Gottesbeweise aus dem Mittelalter und ein bisschen Existenzialismus. Der Religionsunterricht, der von einem jungen engagierten Pfarrer gehalten wurde, war so wenig religiös-dogmatisch und inhaltlich so interessant, dass alle bis zum Abitur dabei blieben und niemand austrat. Meine engste Freundin erzählte mir, sie würde oft bis spät nachts mit ihrem sechs Jahre älteren Bruder über alle möglichen Themen diskutieren und da ich Diskussionen mit offenem Ende verlockend fand, meine Freundinnen und Freunde aber nicht gerade um die Ecke wohnten, beschloss ich, meinen Bruder zu fragen, ob er eigentlich an Gott glauben würde. Mein Bruder antwortete schnell, er sagte, das ginge mich nichts an.

Ja oder nein. Meine Jugendzeit war von diesen starken Gegensätzen dominiert. Für oder gegen Nachrüstung, für oder gegen Atomkraft, „no future“ oder happy-party, Streber oder Lebenskünstler, Haben oder Sein. Und eben auch: Gottesglaube – ja oder nein. Ich fragte mich ständig, auf welcher Grundlage ich diese fundamentalen Entscheidungen treffen sollte.

„Gott höchstselbst.“ Ich drehte das Buch um. An der Stelle, an der der alte Mann in weiß gewesen war, befand sich auf der Rückseite des Buches nun eine Leiter, sie reichte über den oberen Rand des Buches hinaus.

Ich schlug das Buch willkürlich auf ein paar Seiten auf, um mir die Zeichnungen anzusehen. Sie waren ähnlich wie bei „Otto“, es dominierten warme Grautöne, die ins Bräunliche übergingen, schwarz und weiß. Die Zeichnungen waren genau so detailliert, dass man bei Menschen den wichtigsten Charakterzug erkennen konnte und nicht abgelenkt war. Ein ruhiges, klares Design.

 
 
 

 
 
 

Da fiel ein dünnes, zusammengefaltetes Stück Papier zwischen den Buchseiten heraus. Ich faltete es vorsichtig auseinander. Das Papier war auf beiden Seiten eng von Hand beschrieben, die feine, sorgsame Schrift eines Mannes in seinen besten Jahren. Glücklicherweise habe ich während meines Studiums in Freiburg einen Volkshochschulkurs zum Thema „Graphologie, Handschriften deuten“ besucht. Ganz oben auf dem Papier standen folgende Worte: „Dieu en personne, conception.“ Kein Zweifel, mir war eben ein wichtiges Planungsdokument von „Gott höchstselbst“ in die Hände gefallen, verfasst von Marc-Antoine Mathieu höchstselbst.

Mit Hilfe von Wörterbüchern, – merci à LEO.ORG -, einigen Grammatikbüchern, Such- und Übersetzungsmaschinen habe ich versucht, das, was ich auf dem Papier entziffern konnte, ins Deutsche zu übertragen. Mathieu hat seine Skizzen mit Bleistift geschrieben, einiges ist verblasst, verwischt, durchgestrichen oder schlecht lesbar. Hier ist – exklusiv für Manafonistas – das, was ich übersetzen konnte:

 

Konzept zu „Gott höchstselbst“

Grundfrage, Grundthema: Was wäre, wenn Gott auf die Erde zurückkehrt?

Okay, die Überlegung ist vielleicht nicht neu, aber ich behandle das Thema anders als die anderen. Es wird das Gegenteil von Becketts Warten auf Godot – auch wenn vielleicht niemand mehr wartet.

Habe die HBO-Serie „John from Cincinnati“ gesehen, ein Hinweis auf dem Independent-Blog Manafonistas bei den Monatsempfehlungen in der Rubrik Bingewatching. Habe „Surfen lernen“ in die Liste meiner Lebensziele aufgenommen, mein Konzept für das neue Buch sucht aber den größeren Rahmen, einen größeren Wirkungskreis. Außerdem war die Figur des John, der so eine Art Gottes Sohn gespielt hat, nicht überzeugend. Er wirkte geistig zurückgeblieben. Das geht gar nicht! Gott muss von überdurchschnittlicher Intelligenz sein. Nicht nur überdurchschnittlich: Jenseitig, überirdisch intelligent, nicht definierbar. Psychiatrisches Gutachten zur Feststellung von Gottes Geisteszustand? Gott auf der Couch? Mögliche Frage: Wenn Sie ein Buch wären, welches Buch wären sie? Antwort: Ein Buch aus Sand.

 

Wie den ersten Auftritt von Gott auf der Erde gestalten? Wie soll er auffallen, sich outen? Motive aus der Bibel einbringen? Josef und Maria waren unterwegs zu einer Volkszählung…

Bilderstreit… Das Gesicht Gottes zeigen oder verhüllen? De meisten stellen ihn sich als einen alten Mann mit langem Bart vor. Ist Gott als Frau denkbar? Stichwort Feministische Theologie googeln? Ah, non. It´s a men´s world! [Im Original englisch, M.W.]

Wieso sollte man jemandem, der behauptet, Gott zu sein, überhaupt glauben? Weil er etwas Nachprüfbares weiß? Allwissenheit Gottes? Kann Gott die Zahlen bei einem Glücksspiel vorhersagen? Glücksspielszene einbauen!

Habe ein Buch mit Vorträgen Albert Einsteins gelesen. Wichtiges Zitat: „Das Schönste und Tiefste, was ein Mensch erfahren kann, ist das Gefühl des Geheimnisvollen.“ Erstaunlich: Viele berühmte Naturwissenschaftler waren tiefgläubige Menschen.

In der Serie „The Leftovers“ gibt es einen Wahrsager, der seinen Kunden angeblich aus dem farbigen Abdruck einer Handfläche die Zukunft vorhersagt. Wie beweist der Wahrsager seine Glaubwürdigkeit? Indem er etwas Persönliches über die Person des Ratsuchenden weiß, was er nicht wissen kann. Dann vertrauen sie ihm. Und was ist sein Trick? (Nochmal die Episode anschauen.)

Personal einbringen, auch als Erzähler, um das Ganze aufzulockern: den bereits erwähnten Psychiater, außerdem zwei Astrophysiker, einen Soziologen, einen Historiker (stark kurzsichtig), zwei Journalisten Radio oder Fernsehen? Mal überlegen. Wenigstens eine Frau sollte schon auch dabei sein. Ha, eine Pressesprecherin mit Doppelnamen!

Typischer Satz von Gotteszweiflern: Wie konnte Gott dies oder jenes zulassen? Gott die Schuld geben für privates Unglück. Einen Gerichtsprozess nach US-amerikanischer Art einbringen, Anwälte, Richter, Verteidiger, Geschworene. Am besten alle Vorwürfe in einem Prozess abhandeln, inklusive der Frage nach der Existenz Gottes. Gott sitzt im Gerichtssaal wie ein Terrorist hinter Panzerglas.

Auswirkungen des Auftretens Gottes auf verschiedene Branchen: Theaterwelt, Büchermarkt (Comics), bildende Kunst, Fernsehshows, Glücksspiel (siehe oben), Kirche. Überall wird das Thema Gott behandelt.

Ein Freizeitpark zum Thema Gott. Riesenrad, Achterbahn, ein kleiner Wasserfall als Quelle der Unschuld. Highlight: die Hölle, die eine echte Empfindung existenzieller Ängste garantiert. Was würde Menschen am meisten bedrohen? (Hierzu Liste anfertigen, Umfrage unter meinen Freunden).

Habe in meinen alten Philosophieunterlagen herumgeblättert und meine Klausur zum Einführungskurs Logik wiederentdeckt. Zwei interessante Aspekte: 1. Der Satz von der Identität. Und 2. „Alle Kreter lügen“, sagt der Kreter.

Auf einer öffentlichen Veranstaltung äußert ein Junge den Wunsch, später Gott zu werden. Er trägt, als wäre es Fasching, eine Perücke mit der weißen Haarpracht Gottes und einen künstlichen Bart. Dies könnte der Höhepunkt und Wendepunkt des Buches sein.

 
 
 
An dieser Stelle brechen Marc-Antoine Mathieus Aufzeichnungen ab.

Ich las das Buch an einem Nachmittag, ohne Unterbrechung. Ja, es basierte auf den handschriftlichen Überlegungen.  Und: ja, ich hätte es gern während meiner Schulzeit gelesen. Auch wenn sich vielleicht auch heute noch vor allem Jugendliche mit der Frage konfrontiert sehen, ob sie an Gott glauben, handelt es sich bei „Gott höchstselbst“ keineswegs um ein Jugendbuch. Die Versuche, das Wesen von Gott zu erfassen, sind nicht neu, aber klug und undogmatisch. Und: Wer drängt uns eigentlich, zwischen einem „Ja“ und einem „Nein“ zu entscheiden? Es aushalten, einer Frage zuzuschauen, wie sie unbeantwortet im Raum schwebt – ist das nicht Magie? Das Szenario, das eine Rückkehr Gottes in einer beliebigen Großstadt auslösen könnte, ist witzig, vielschichtig, vielseitig und sehr intelligent. Die Story wird irgendwann vielleicht etwas überdreht und ein paar Kapitel weniger hätten dem Buch nicht geschadet, andererseits ist der Wendepunkt am Ende, der hier nicht verraten werden soll, wundervoll und man möchte das Buch sofort noch einmal lesen.

Ich kam auf die Idee, Herrn K in der Presseabteilung von Reprodukt zu kontaktieren und ihn zu fragen, ob er von dem Geheimdokument des Marc-Antoine Mathieu gewusst hatte, oder ob es sich bei dem angeblichen Dokument womöglich um ein Faksimile und in Wahrheit um einen Presse-Waschzettel handeln würde, der dazu diente, Rezensenten die Arbeit zu vereinfachen. Doch das Papier mit Marc-Antoine Mathieus Konzeption war, während ich das Buch las, zu Staub zerfallen und unsichtbar geworden, ohne dass ich es gemerkt hatte.


Manafonistas | Impressum | Kontakt
Wordpress 4.9.2 Design basiert auf Gabis Wordpress-Templates
73 Verweise - 0,343 Sekunden.