Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2017 29 Nov

Karin sagte, du brauchst keine Angst haben

von: Michael Engelbrecht Abgelegt unter: Blog | TB | Keine Kommentare

Wir fuhren durch eine strahlende Winterallee, geblendet vom Schnee, aber Sylvia gab mir eine Sonnenbrille aus dem Handschuhfach. In diesen südlichen Stadtbezirken waren wir selten unterwegs, und sie erinnerte mich, dass hier in der Nähe Karin ein kleines Winterfest veranstalte. Ich hatte meine geschätzte Kollegin aus den nicht so wilden Neunzigern in Erinnerung: einmal rollten wir über einen alten Perser, und spielten, als ich in ihr und unter ihr war, our „favourite game“, wer zuerst kommt, gehört dem andern. Ich bin gut im Zurückhalten, aber gegen ihre tantrischen Tricks und silbernen Fusskettchen (mein einziger Fetisch, sie wusste es) hatte ich wenig auszurichten, und musste den Rest des Tages Liebesdienste verrichten, mit einem Dauerständer, und ausgefüllten Einkaufszetteln. Sie war noch besser im Bett als Klaudia von der Milchstrasse, aber zum Glück war es keine Liebe, keine Obsession, nur ein Spiel ohne Blumen. Kaum ein Bluesakkord, dass wir uns bald aus den Augen verloren. Sylvia hielt vor einer grossen Villa mit ausgebauter Dachterasse und einem Garten, der von der Südküste Dorsets importiert schien. Und schon kam Karin vors Haus, begrüsste uns mit irritierender Lässigkeit. Ich blickte überhaupt nicht durch, und bediente mich erstmal am Früchtekorb in der durchgestylten Küche. Nach und nach wurden uns die Gäste vorgestellt, von denen mir einige bekannt vorkamen, wie Begegnungen aus lang zurück liegenden Jahren, die einst die Entscheidung probten zwischen Freundschaft und Flüchtigkeit, und sich für letzteres entschieden. Und dann erkannte ich Susanne, die einmal eine ganze Strasse mit über 150 Hausnummern abgelaufen war, um mich zu einer Paella und einmaligem Bettgeflüster einzuladen. Sie fand mich aber nicht, und so gab es weder das eine noch das andere. Sie war verkleidet, aber ich hatte sie nach einer Serie prüfender Blicke unter dem französischen Pagenpony identifiziert. Susi war mit ihrem Freund dort, der kurz zuvor Spanien vom Baskenland bis Barcelona durchquert hatte, sein langer Bart war echt, nur seine falschen Augenbrauen zupfte er ab, und wir erinnerten uns an ein Konzert von Nico in Bochum, ein gutes Jahr, bevor sie auf Ibiza tot vom Rad stürzte. Karin führte Sylvia und mich in ihr Schlafgemach, und gab mir ein Zeichen, es gut sein zu lassen, und mit Susanne eine neue Paella in Angriff zu nehmen. Sie gab meiner Reisegefährtin ein Zeichen, sich auf das Futon zu legen, zu den bunten Decken und den brennenden Kerzen. Sie steckte zwei Finger in den Mund von Sylvia, die ihren Blick schon seit geraumer Zeit von mir abgewendet hatte, und als Sylvia leise stöhnend einen Song von Jim Croce begleitete, zog ich mich zurück. Karin sagte, du brauchst keine Angst haben, das war das letzte, was ich hörte, bevor ich mich auf einer Matratze im grossen Wohnzimmer niederliess. Ich blickte auf den englischen Garten, und wies einen Fremden zurück, der mir die Hose öffnen wollte. Ich hatte eine weitaus bessere Idee, ging in den Garten, zog mich in der bibbrigen Kälte aus, und sprang in den körperwarmen Swimmingpool, aus dessen Nebelschwaden sich kurzzeitig amazonische Figuren aus Fleich und Blut schälten. Ich begrüsste eine Gestalt nach der andern, heiter und voller Selbstvergessen, mit einer Kanadierin namens Cameron sang ich die Zeilen eines alten Lieblingsliedes: „People come and go and forget to close the door and leave their stains and cigarette butts trampled on the floor and when they do remember me remember me“.

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