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on life, music etc beyond mainstream

2017 17 Nov

Feuer gefangen

von: Jochen Siemer Abgelegt unter: Blog | TB | Tags: , | 4 Kommentare

Jeder kennt die Liebe auf den ersten Blick. Es gibt sie in persönlichen Begegnungen, aber auch bezogen auf Musik, auf Filme, Buchlektüren. Ein einzelner Akkord, ein Melodielauf, glasklare Evidenzen, etwas von Relevanz. Die ersten Minuten aus der Fernsehserie Halt & Catch Fire laufen ab und gleich ist klar: das Weiterschauen wird ein grosser Spass in den nächsten Wochen, ein entspanntes und bereicherndes Flow-Erlebnis. Man sieht einen Monitor, etwas wird eingetippt in neongrüner Schrift: HCF. Die Bedeutung dieses Computerbefehls wird sogleich erklärt. Ein riesengrosses Gürteltier krabbelt langsam über die Bildschirm, wie in einer Animation. Dann sieht man dieses fabelhafte Viech auf geteertem Strassenbelag, hört dazu das Motorengeräusch eines irrsinnig beschleunigten Sportwagens. Ein Porsche rast die Strasse herauf, dem Betrachter entgegen. Vollbremsung. Der Fahrer steigt aus und sieht sich den Schaden an: im Kühlerfrontgitter steckt ein blutiges Etwas. Diese in rhythmischer, bildwitziger Brillianz fotografierte Eingangssequenz könnte als Metapher gelten für Vieles, was dann folgt. Es um Veränderungen und Entwicklungen der digitalen Technologien. Wollte man dies aufhalten, so würde man überrannt. Es könnte auch Hinweis sein auf die forsche Rücksichtslosigkeit und den Ehrgeiz des attraktiven, bisexuellen, rhetorisch versierten Porschefahrers Joe MacMillan, einst Salesman bei IBM. Ein David Bowie der Computerbranche? Im Vorstellungsgespräch wird ihm Soziopathie unterstellt, zu Unrecht, denn er ist zu tiefen Emotionen fähig. Die Serie kommt aus gleicher Produktionsstätte wie auch Mad Men und Breaking Bad und das sieht man ihr an. Auch an Fargo erinnert einiges. Nichts ist hier zuviel und überflüssig. Dem Betrachter wird nicht Zeit gestohlen, vielmehr geschenkt. Figuren, mit denen man sich gerne identifiziert. Empathie, Katharsis. Eigene Lebenserfahrungen werden gespiegelt, nicht nur im Soundtrack. Eine hohe emotionale Intelligenz zeichnet die Serie aus. Ist das Ganze beendet, nach vier Staffeln, vierzig Episoden und dreissig Stunden Fernsehvergnügen, breitet sich Sehnsucht aus. Wie einst in verzauberten Sommernächten, die man allzu gerne zurückholte. Selbst ein Guru aus dem fernen Osten wäre davon nicht befreit. Denn Sehnsucht ist das Leben selbst. Wie Orpheus steige ich ein zweites Mal hinab in den Serien-Hades, beginne nach dem Abschied gleich von vorne. Schalte die Untertitel ab, geniesse den John-Bosworth-Sound in voller Konzentration. Wann hat man jemals so genial rappenden Texas-Slang gehört?

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Freitag, 17. November 2017 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen. Pingen ist zur Zeit nicht erlaubt.

4 Kommentare

  1. Martina Weber:

    Es klingt vielversprechend, wie du das beschreibst, Jochen.

    Ich meine, irgendwo gehört oder gelesen zu haben „Halt & Catch Fire“ sei der Befehl, einen Computer außer Gefecht zu setzen. Ich mache derzeit Bingewatch-Pause. Irgendwann trifft die dritte Staffel von The Leftovers ein. In einer Zeit, in der Wünsche so schnell erfüllt werden, ist es gut, auch mal auf eine Postsendung mit DVDs zu warten. „Halt & Catch Fire“ setze ich schonmal auf meine to-watch-List.

  2. Sylvia R.:

    Atemraubende Serie, tolle Besprechung.

    Danke.

  3. Lajla Nizinski:

    So ein bisschen habe ich durch den schönen Text Feuer gefangen.

    Ist es so herausragend und für die Lebenszeit ok wie die Serie von HEIMAT oder noch besser DIE ANDERE HEIMAT von Edgar Reitz?

  4. Jochen:

    An die Heimat-Trilogie erinnere ich mich dunkel aber gerne. Die andere Heimat steht seit langem schon auf meiner to-watch-list. Mit einem Edgar Reitz Film aber lässt sich Halt & Catch Fire nicht vergleichen.

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