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2017 12 Nov

Der andere, der aus der Truhe, im Spiegel

von: Martina Weber Abgelegt unter: Blog | TB | 8 Kommentare

Eine der grundlegenden Aufgaben für die künstlerische Entwicklung, die die Kreativitäts- und Spiritualitätslehrerin Julia Cameron in ihren Büchern stellt, besteht darin, die eigene Lebenserzählung zu schreiben, in einem Umfang von 10.000 bis 25.000 Wörtern. Julia Cameron schlägt vor, dabei in Fünfjahresschritten vorzugehen, und sich wichtige Ereignisse und Gefühle zu vergegenwärtigen. Ab wann setzt die eigene Erinnerung ein, wie grenzt sie sich ab gegen die Erzählungen anderer? Otto ist ein Performancekünstler, der mit Spiegeln auftritt, doch auf dem Höhepunkt seiner Karriere stürzt er in eine Lebenskrise, er steht auf dem Dach eines Hotels, neben einem Pool und künstlichen Palmen, und sieht sich vor dem Nichts. Kurz darauf erfährt er vom Tod seiner Eltern, mit denen er viele Jahre lang keinen Kontakt mehr hatte. Er erbt ein kleines Haus, und der Notar spricht von einer Truhe auf dem Dachboden, die die Eltern in ihrem Testament erwähnt haben. Otto erfährt, dass seine Eltern an einer vom I.F.P.S. organisierten wissenschaftlichen Studie teilgenommen haben, deren Ziel es ist, die ersten Lebensjahre eines Menschen so lückenlos und objektiv wie möglich festzuhalten. Ottos Eltern hatten die ersten sieben Lebensjahre von Otto in Notizen, Zeichnungen, Fotografien, Audio- und Filmdokumenten festgehalten, nichts als die Wirklichkeit. Die Aufzeichnungen wurden jedoch nie wissenschaftlich ausgewertet, weil sich das I.F.P.S. aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten auflöste. Sämtliche Unterlagen befinden sich in der Truhe. Otto selbst hat keinerlei Erinnerung an die Zeit vor seinem 7. Geburtstag. Er mietet sich ein großes Loft am Rand einer abgelegenen Stadt und öffnet die Blackbox. Wer Gaston Bachelards „Poetik des Raums“ gelesen hat, weiß, dass komplizierte Möbelstücke ein Zeichen für das Bedürfnis nach Geheimnissen sind. Eine Truhe hat oft einen doppelten Boden, Geheimfächer sind eine Handwerkskunst. Ein einfaches Gesicht, von Kinderhand in eine Baumrinde geritzt, ist gewachsen. Der Inhalt der Truhe ist streng chronologisch sortiert, Otto arbeitet sich von seinem 7. Geburtstag an in die Zeit vor seiner Geburt zurück. Die ersten Aufzeichnungen, die er liest, beschreiben detailliert sein Verhalten auf einem Spielplatz, Gespräche beim Abendessen. Bis dahin habe ich die Graphic Novel „Otto“ von Marc-Antoine Mathieu gelesen, erschienen in diesem Jahr bei Reprodukt.

 
 
 

 

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Sonntag, 12. November 2017 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen. Pingen ist zur Zeit nicht erlaubt.

8 Kommentare

  1. Michael Engelbrecht:

    Wow!

  2. Olaf:

    Oh, das muss ich wohl auch lesen, hört sich sehr viel versprechend an.

  3. Martina Weber:

    Mir hat jemand auf der Buchmesse von diesem Graphic Novel Autor vorgeschwärmt, und vor allem von diesem Band. Ich habe mir andere Bücher von ihm angesehen, diese Arbeit aber, „Otto“, hatte mich spätestens beim Anblick des Panels mit der Truhe in den Bann gezogen. Tatsächlich konnte ich bisher nicht weiter lesen. Ich habe das Buch erstmal in einer Präsenzbibliothek angefangen zu lesen. Der Gedanke, in Regionen des Unbewussten, in Traumwelten, vorzudringen, ist faszinierend und Gegenstand vieler Kunstwerke.

    Auf den Tipp von Julia Cameron hin habe ich vor einiger Zeit damit begonnen, meine „Lebenserzählung“ (nichts literarisches, nur für mich) zu schreiben und ich fand es faszinierend, die vagen und schemenhaften Erinnerungen meiner frühen Kindheit zu notieren, und die Assoziationen dazu, bis ich mich dann an immer mehr erinnert habe und eine Auswahl treffen musste, was ich festhalten wollte. Und das Interessante dabei ist, dass ein Lebensgefühl sehr früh einfach da ist.

  4. Jochen:

    Bin immer wieder verblüfft von der Qualität deiner Fotos, Martina … :)

    (auch schon bei „Rotes Moor in schwarzweiss“)

  5. Martina Weber:

    Das ist die Kamera, die es macht, Jochen, und es war Marc-Antoine Mathieu, es bin ja nicht ich … ;)

    Ich liebe die Grauschattierungen bei Schwarzweißaufnahmen. Ursprünglich hatte ich mit der Kamera gute Portraitaufnahmen machen wollen und dem Verkäufer gesagt, ich würde gern Aufnahmen in der Dämmerung oder bei Nacht machen wollen. So bin ich an eine Nikon Coolpix P 7000 geraten.

    Äh, by the way, dürfen wir das hier überhaupt schreiben? Ich verwende oft die Copy-Funktion, so auch hier. Eigentlich ist diese Funktion dafür da, um Dokumente zu fotografieren. Das obere Foto bei meinem Posting zum Roten Moor stammt von einer anderen Kamera, und hier war die Funktion „Kreatives Schwarzweiß“ eingestellt.

    Beim unteren habe ich wieder mit der Copyfunktion gearbeitet. Ich stelle auch gelegentlich die Belichtung heller oder dunkler. Das ist dann aber schon alles. Es gäbe noch sehr viel zu lernen für mich und ich überlege, mir eine Kamera anzuschaffen, mit der ich die Schwarzweißtöne genauer justieren kann.

  6. Lajla:

    Es wäre interessant zu erfahren, für welchen Zweck diese wissenschaftlichen Untersuchungen gemacht wurden.

    Wir haben z.B. die ersten drei Lebensjahre unserer Kinder ziemlich genau in Filmen, Fotos und Tagebucheintragungen mit aktuellem Zeitgeschehen festgehalten. Wir wollten ihnen die Möglichkeit bieten, sich an eine Lebenszeit zu erinnern, die später unter „unerklärlich“ laufen würde. Das Interesse an unserer Dokumentation ist eher mäßig.

  7. Martina Weber:

    Welchem Zweck diese Untersuchungen dienten, steht in der Graphic Novel nicht, jedenfalls bis Seite 23 oder so, steht nichts davon. Ich werde wahrscheinlich meinen Beitrag über das Buch etwas ergänzen, wenn ich es ganz gelesen habe – selbstverständlich ohne zu viel zu verraten. Ob es das erwähnte I.F.P.S. wirklich gibt, habe ich auch nicht recherchiert, ich hatte die im Buch erwähnte Abkürzung nur deshalb im Text verwendet, um dem Rätselhaften etwas Authentisches zu geben, und es letztlich dadurch rätselhafter zu machen.

    Das ist ein interessantes Projekt, Lajla, und ich denke, zu der Zeit haben nicht so viele Eltern diese Dokumente gemacht. Interessieren sich eure Kinder denn dafür?

    Meine Mutter hatte für mich eine Art Tagebuch über mein Leben geführt, das war handschriftlich und enthielt nur gelegentliche Einträge. Ich fand es befremdlich, als sie es mir zeigte. Sie hat auch – aber das ist wohl normal – ein Fotoalbum für mich angelegt und auch dieses beschriftet. Meine Mutter hat diese Aufzeichnungen bis zu meinem siebten Geburtstag gemacht – eine erstaunliche Parallele zu „Otto“. Ach ja, und ein paar Audiokassetten mit Aufnahmen an Geburtstagen, Weihnachten und Silvester habe ich auch. Ich hatte mal irgendwann ein paar Minuten hineingehört, es aber schnell abgebrochen.

  8. Rosato:

    Wow! (2)

    strong buy

    „Graphic Novel“ – ein mir neuer Begriff, unbekanntes Genre
    es sei denn „Asterix“ ist eine graphic novel

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