Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2017 21 Okt

Gregor öffnet seinen Plattenschrank (147)

von: Gregor Mundt Abgelegt unter: Blog | TB | 12 Kommentare

Salta, Argentinien. Erste Filmeinstellung: ein verlassener Bahnhof, leere, endlos lange Bahnsteige, grasbewachsenes Gleisbett. Im Hintergrund ist eine Ruine von einem einst blauweiß gestrichenem Personenzug zu sehen, dessen erste Waggons, vielleicht auch dessen Lokomotive in einem Lokschuppen, der auch schon bessere Zeiten erlebt hat, verschwinden.

Zweite Einstellung: Von einem der Bahnsteige in Richtung Empfangsgebäude (?) aufgenommen. Mit dem Erklingen eines Bandoneons sieht man über die Gleise hinweg einen Mann vor der Bahnhofsruine stehen, es könnte Dino Saluzzi sein, im Vordergrund der Kameraeinstellung sieht man das Ortsschild SALTA. Dann kommt plötzlich Bewegung in das Standbild, Anja Lechner geht auf Dino Saluzzi zu, beide versuchen dann beim Schienenbalancieren erfolgreich zu sein, dabei erscheint der Filmtitel `El Encuentro – Ein Film für Bandoneon und Cello´.

Während die Kamera das verfallene Bahnhofsgelände zeigt, hört man die Stimme Anja Lechners, sie spricht über Musik. Der Zuschauer sieht weitere Areale des verwunschenen Bahnhofs von SALTA, weitere Eisenbahnwaggons, die nie mehr werden fahren können. Dino Saluzzi erzählt von seiner Musik.

Harter Schnitt. München. Anja Lechner begründet, weshalb ihr das Reisen so wichtig ist: „Die eigene Wahrnehmung von Musik und auch die eigene Art zu spielen verändert sich, wenn man reist. Es ist eine wunderbare Gelegenheit mit Musikern zusammenzuarbeiten, die in anderen Ländern leben, mit ihnen in ihren Ländern zu proben und zu spielen. Da kann ich die Musik ganz anders spüren und begreifen. Es eröffnet sich dann eine neue Welt, man ist dann umgeben von dieser Art Musik …“

 
 
 

 
 
 

Schnitt. Yerevan, Armenien. Anja Lechner bekennt, dass Armenien neben Argentinien das für sie wichtigste Land sei. In Armenien sei die Begegnung mit Tigran Mansurian die entscheidende Begegnung gewesen. Mit ihm zusammen arbeitet sie an der Aufführung seines Zweiten Cellokonzertes. Zwischendurch erzählt Dino Saluzzi immer wieder von seiner Heimat, seiner Musik und seiner Begegnung mit George Gruntz. Dieser sei als Leiter des Jazzfestivals Berlin 1982 durch Südamerika gereist, um Musiker zu finden, die ihr Land in Berlin musikalisch vertreten könnten. Die Zusammenarbeit zwischen den beiden sollte noch viele Jahre andauern.

In München, führt Anja Lechner aus, habe sie Dino Saluzzi kennengelernt, aber seine Musik erst wirklich verstehen können, nachdem sie mit ihm zusammen Argentinien und insbesondere SALTA und die Plätze seiner Kindheit besucht habe.-

Vielmehr möchte ich von diesem großartigem ECM-Film aus dem Jahre 2012 nicht verraten, nur noch eines. Dino Saluzzi spricht über sein Instrument, das Bandoneon: „Ich lernte das Instrument kennen, als ich sieben Jahre alt war. Wie alt das Instrument war, weiß ich nicht. Es kam von Anfang an zu mir, es ist die Verlängerung meines Körpers. Ein Leben ohne Bandoneon ist für mich nicht vorstellbar. Dieses Instrument spricht mit Bescheidenheit, es erhebt seine Stimme nicht, es spricht mit Ruhe, mit Einfachheit und Direktheit. Hier sind alle Wörter schon enthalten, alle Gedanken sind drin, die schwierigsten Situationen. Man muss sich nur in seinen Dienst stellen, es verstehen, so kann man seine Sprache wahrnehmen.“.

 

„El Encuentro – Ein Film für Bandoneon und Violoncello“

Regie: Norbert Wiedmer & Enrique Ros; Dokumentarfilm; CH/2012, D/sp, digital hd, 52 Min

 

P.S. Neu im Plattenschrank: Valentin Silvestrov / Hieroglyphen der Nacht – Anja Lechner & Angnés Vesterman. Eine wunderbare Platte, erschienen bei ECM New Series …

 
 
 
 

 

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Samstag, 21. Oktober 2017 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen. Pingen ist zur Zeit nicht erlaubt.

12 Kommentare

  1. Michael Engelbrecht:

    Ja, Gregs, ich weiss, wie dir das Konzert von Anja Lechner und Francois Couturier auf Lanzarote gefallen hätte. Es war wunderbar zu hören, wie sich diese rein akustischen Klänge in Jameos del Agua entfalteten …

  2. Gregor:

    Es ist ganz bitter, dass ich das nicht hören konnte, ich kann mir aber vorstellen … nein eigentlich nicht. Es muss umwerfend gewesen sein.

  3. Michael Engelbrecht:

    Allein schon der Weg dorthin …

    http://manafonistas.de/2017/10/14/77-steps-to-an-awesome-concert-of-anja-lechner-francois-couturier/

  4. Claudia:

    Ja, Gregor, wir freuen uns schon darauf, den Film gemeinsam mit euch genießen zu können. Ich bringe dann ein paar Bilder aus Salta und Umgebung mit. Das wird ein argentinischer Abend :))

  5. Michael Engelbrecht:

    Für euren „argentinischen Abend“:!:)

    “Lo que mucha gente llama amar consiste en elegir una mujer y casarse con ella. La eligen, te lo juro, los he visto. Como si se pudiera elegir en el amor, como si no fuera un rayo que te parte los huesos y te deja estaqueado en la mitad del patio. Vos dirás que la eligen porque-la-aman, yo creo que es al vesre. A Beatriz no se la elige, a Julieta no se la elige. Vos no elegís la lluvia que te va a calar hasta los huesos cuando salís de un concierto.”

    ― Julio Cortázar, Rayuela

  6. Ute:

    Hallo, Gregor und Michael,

    Wird da abends auch spanisch gesprochen? Oder geht um gute Musik und Steaks? Julio geniesst bei euch sowieso einen guten Ruf und taucht immer wieder auf. In einem Interview sprach er mal von Spontaneität und „Offenheit“ seines Schreibens, das sich nicht auf die Alltagsrealität einengen, sondern „das Wirklichkeitsverständnis des Lesers anreichern“ wolle.

    Schon in seinem ersten Erzählband „Bestiarium“ hatte er gegen die Eindimensionalität des sogenannten Realismus mit oft koboldhaftem Sprachwitz und schwarzem Humor die Paradiese und Höllen gesetzt, die sich an der Grenze zwischen Tag und Traum, Sicherheit und Unsicherheit auftun.

    „Gnädige Frau, sagte ich zu ihr, erwarten Sie von dieser Reise und diesem Tag nicht zu viel Kohärenz“ – so redet Cortázar, der Jules Verne liebte, die „Dame Seriosität“ an, in seinen zitatenreichen, glossenhaft reflektierenden Skizzen „Reise um den Tag in achtzig Welten“.

    Das sind alles Meistervariationen über die Realität des Phantastischen:

    „Die Wirklichkeit ist flexibel und porös, und die scholastische Einteilung in Physik und Metaphysik verliert jeden Sinn, sobald wir uns weigern, das Unbewegliche zu akzeptieren, sobald wir einen Schritt weiter nach vorn gehen und nach Möglichkeit seitlich“. Dann nämlich stoßen wir auf jene Rätsel des Unheimlichen und Gespenstischen, die Cortázar mit souveräner Geste entwarf, ohne sie je zu entwirren, ohne noch jenen Sinn stiften zu wollen, wie seine von ihm bewunderten Vorläufer E.T.A. Hoffmann, Achim von Arnim, Meyrink, Kafka und Borges.

    Aber wem erzähl ich das?

  7. Michael Engelbrecht:

    Liebe Ute,

    Ich weiss nichts von diesem argentinischen Abend. Ich kann gerade mal Mineralwasser auf spanisch bestellen. Ansonsten ist Cortazar einer meiner Lieblingsargentinier, knapp vor dem Fussballquerdenker Cesar (?) Luis (?) Menotti.

  8. Martina Weber:

    Die Stelle, die du auf Spanisch zitiert hast, Michael, habe ich mir in meiner Ausgabe auch angestrichen.

  9. Michael Engelbrecht:

    Ich habe das Original, aus Versehen, mal bestellt (sollte die engl. Ausgabe sein, für Robert Wyatt als Geschenk), daher weiss ich, was da steht, weil ich es mit der deutschen Übersetzung abgleichen kann.

  10. Michael Engelbrecht:

    Mein dritter Lieblingsargentinier ist El Gato Barbieri, perfektes Trio, ein Fussballtrainer, ein Schriftsteller, eine Jazzlegende.

  11. Martina Weber:

    Lieblingsstellen findet man in jeder Sprache.

  12. Michael Engelbrecht:

    Yep.

    Und, Gregs, was fällt mir bei deiner Geschichte für ein Lieblingssatz ein?

    „Die Räume der Kindheit müssen ihre Dämmerung behalten“ (Gaston Bachelard, Poetik des Raums)

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