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2017 29 Sep

Mellrichstadtblues

von: Michael Engelbrecht Abgelegt unter: Blog | TB | Keine Kommentare

Ich wäre noch tiefer in die Rhön gefahren, aber nach der Begegnung mit einigen Pilzsuchern in teilweise Handke’schem Outfit (habe ich je verraten, dass Pfifferlinge meine Lieblingspilze sind?), und einem Besuch einer geschätzten Lautsprechermanufaktur, wollte ich nur noch meine 800-Kilometer-Tour durchziehen, als ich plötzlich doch den kleinen Hunger verspürte. Leider hatte das leise vor sich hin sinnierende Örtchen Mellrichstadt schon am Mittag Marktplatz und Bürgersteig hochgeklappt, und es bedurfte einiger Pfadfindertugenden, noch eine offene Pforte ausser der des lokalen Beerdigungsinstitutes zu finden. Wenn alles so herrschaftlich ausgestorben scheint, fällt noch rascher auf, was für eine Stimmungskanone ich sein kann. Also ergaben sich, im gewitzten Dialog mit der Diensthabenden eines kleinen Museumscafés auf der Hauptstrasse, die auch Hinterlandstrasse hätte heissen können, ein paar Einblicke ins fast völlig zum Erliegen kommende Treiben ringsum. Lugte die Sonne mal kurz durch die Wolken, wurde es richtig warm, und ich ertappte mich dabei, uralte italienische Schlager hören zu wollen („mit der süssen Vera an die Riviera“). Isabella stellte dieweil Stühle im kleinen Hinterhofgarten auf. Sie erzählte von Senioren, die regelmässig kämen, mit treuen Hunden, und diese „Oase der Stille“ geniessen würden. Mittlerweile war mein Traum von einer fangfrischen Forelle ausgeträumt, ich gab mich mit einem Stück altdeutschem Käsekuchen zufrieden, schoss noch ein Foto von der von jedem Windhauch befreiten Idylle des Hofes (die Alten würden sicher bald herbeiströmen, die Szenerie in ein Konzert von Kuchengabeln verwandeln, ich hatte schon mein Solo) – und machte mich, nach erstaunlich munteren Abschiedsworten, auf den Weg. Am Rand nahm ich noch wahr, wie verriegelt die Dorfpizzeria war (ein Schild mit der Aufschrift „GESCHLOSSEN FÜR IMMER“ hätte mich nicht aus dem Gleichgewicht gebracht) – doch erst im Nachhinein wurde mir klar, wie leicht ich hier, am Ende der Welt, die Zeit hätte anhalten können. Ein idealer Ort für Liebende und Verlorene. Hinter der Ortsgrenze hiess das erste Lied, das ich hörte, „Hawai“, von Neil Young, er sang es 1976, in einer Sommernacht, auf seiner kleinen Ranch nahe Malibu.

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