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2017 15 Sep

Das Weite Land

von: ijb Abgelegt unter: Blog,Gute Musik | TB | 5 Kommentare

Im Rahmen meiner „50 States Tour“ bin ich nun in Oklahoma angelangt, einem der wenigen Staaten, die ich zuvor noch nicht besucht hatte. Und dabei fiel mir besonders auf, wie wenig ich tatsächlich bislang über dieses Land wusste. (Womit ich in Deutschland bzw. Europa sicherlich keinen Einzelfall darstelle.) Klar, anhand des markanten Umrisses könnte ich Oklahoma stets problemlos erkennen, und auch die Hauptstadt kann wohl jeder auch ohne Vorwissen benennen. Doch darüber hinaus war mir Oklahoma bislang eigentlich fast ausschließlich als Heimat der Flaming Lips ein Begriff. In der deutschen Wikipedia-Ausgabe werden erstaunlicherweise weder die Flaming Lips noch Wayne Coyne in der „Liste von Persönlichkeiten des US-Bundesstaates Oklahoma“ geführt. Dafür immerhin Chet Baker, J.J.Cale, Woody Guthrie, Lee Hazelwood, Chuck Norris und ja, auch William Bradley „Brad“ Pitt. Als Band werden immerhin Hanson genannt. Haha! Der Regisseur Ron Howard wurde übrigens in der Kleinstadt Duncan geboren, wo ich im Moment diese Zeilen verfasse. 

 

 

Also wollte ich endlich mal einen Ausflug in den Big Bend National Park einbauen und fuhr die vier Stunden von El Paso, der nächsten größeren Stadt, über Alpine, der letzten Ortschaft vor einer knapp 200km-Strecke zum Visitor Center des Nationalparks. Nach den Sommerferien sind dort mittlerweile nur noch sehr wenige Besucher unterwegs (auf der Rückfahrt kamen mir über knapp zwei Stunden Fahrt gerade mal zwei Autos entgegen — aber umso mehr Tiere, die die Straße überquerten), so dass man wirklich noch in die großen Weiten der amerikanischen Landschaft fährt. Ein außergewöhnlich schöner Ort ist dieser Nationalpark. Und wie schön, dass man auch heute, in Zeiten von Überall-Internet und stetiger Erreichbarkeit noch so weit hinaus fahren kann. Eine Autopanne möchte man da auch nicht haben.

 

 

In Texas findet man irgendwie alle Klischees wieder – aber auch einiges mehr. Faszinierend sind die Steinadler (Golden Eagles), die überall im Land umherkreisen. Kein Wunder ist er so etwas wie der Nationalvogel und prangt auf dem Great Seal of the United States. Auch durfte ich in Texas die Bekanntschaft mit den ernst dreinblickenden State Troopers auf dem Highway machen, die, als sie mich dabei erblickten, wie ich nach einer Ausfahrt kurz anhielt, um mein Fotostativ aus dem Kofferraum nach vorne zu holen, mit Fragen konfrontierten und letztlich eine Verwarnung ausstellten. Das war offenkundig ein Akt der Willkür, denn während sie die Begründung lieferten, ich hätte am Stop-Schild nicht haargenau am Schild, sondern erst zehn Zentimeter dahinter angehalten, taten zahlreiche andere Autofahrer quasi direkt neben uns genau dasselbe, eben weil man am Schild nicht um die Ecke sehen konnte.

Wie dem auch sei, sie befragten mich dazu, welche Art von Filme ich in Deutschland mache, wozu ich das Stativ auf dem Beifahrersitz installierte (Erläuterung: Ich mache z.B. Zeitrafferaufnahmen von meinen Fahrten auf den Straßen, die ich den beiden Polizisten natürlich direkt unter die Nase hielt. Antwort: „I get dizzy only from watching this. … How did you call this? … Time lapse, never heard that.“), warum ich die Autobahn überhaupt verlassen hätte, wo ich herkäme, wo ich hinwolle und ob ich irgendwas im Auto hätte, das ich dort nicht haben dürfe („Do you have anything in your vehicle which you shouldn’t have in there?“). Ich frage mich tatsächlich noch immer, welche Antwort er eigentlich zu hören hoffte.

Später erklärte mir jemand (a real Texan), dass höchstwahrscheinlich mein kalifornisches Kennzeichen die beiden Texaner dazu veranlasst hatte, mich unter die Lupe zu nehmen, „because Texans hate Californians“. Leider habe ich versäumt, die beiden um ein Erinnerungsfoto zu bitten. Immerhin betonte der größere der beiden, die wie aus einem Film entsprungen schienen, zum Abschluss noch einmal, wie man am Stop-Schild zu halten habe. „That’s how it is done here in Texas.“

 

 

Apropos Film: Wunderbare Musik zum Fahren hier ist die Soundtrack-CD Hell or High Water, dem starken Film von Taylor Sheridan, der schon das Sicario-Drehbuch geschrieben hat (das ja ebenfalls weitgehend in West-Texas, sowie in El Paso und Juarez spielt). Auch ohne Kenntnis des Films ein sehr empfehlenswertes Album! Taylor Sheridans Regiedebüt (spielt diesmal in Wyoming), für das er in Cannes den Regiepreis bekam, muss ich nachdrücklich empfehlen, Wind River, mit einer großartigen Musik von Nick Cave und Warren Ellis, kommt demnächst in Deutschland ins Kino. Mein „Lieblingsfilm“ in Cannes in diesem Jahr. Sehr bewegend.

Auch hörte ich bei Fahrten durch die Sonora-Wüste viele Aufzeichnungen der „Klanghorizonte“ (einige habe ich schon häufiger auf Autofahrten gehört), sehr passend etwa die Stunden vom 19. August, mit Joseph Shabason usw. Nicht zuletzt deshalb erwarb ich vor wenigen Tagen auch Father John Mistys Pure Comedy, da es in einer Special Edition für unschlagbare $7,99 bei CVS in Dallas stand. Noch besser ist, meiner Meinung nach, allerdings das neue, fantastische Album von The War On Drugs, A Deeper Understanding. Die perfekte Musik für Autofahrten durch Das Weite Land.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Freitag, 15. September 2017 und wurde abgelegt unter "Blog, Gute Musik". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen. Pingen ist zur Zeit nicht erlaubt.

5 Kommentare

  1. Michael Engelbrecht:

    A joy ro read. Wayne Coyne once told me Oklahoma City had been the ideal test market of the United States.

    And, always be careful when meeting Trump’s „redneck army“ on the roads! :)

    Wouldn’t be that bad to listen to my imaginary radio hour with Neil Young’s three solo works and the Danish String Quartet’s „Last Leaf“, their vision of „Nordic Folk“ – what a nice mix for a „Freund nordischer Musik“ on a long-distance journey …

  2. Ingo J. Biermann:

    Auf der Fahrt von Duncan nach Oklahoma City habe ich Father Johns Album „Pure Comedy“ gleich noch einmal angehört, und auch wenn mich ein klein wenig stört, dass seine Gesangsstimme streckenweise arg nach dem Superlangweiler Rufus Wainwright klingt, werde ich schon langsam warm mit Mister Misty.

    Interessanterweise hat das Album viel mit Elton John gemein. Ich denke, da ist ein klarer Einfluss vorhanden. „Pure Comedy“ ist ein ganz klarer Nachfahre von „Madman Across The Water“ (1971), und einige von Father John Mistys in der Tat faszinierend geschriebenen und zauberhaft arrangierten Songs könnten fast von Elton John und Bernie Taupin sein, speziell z.B. „Total Entertainment Forever“ und „In Twenty Years or So“.

    Tatsächlich hat „Pure Comedy“ viel von dem, was ich mir manchmal von einem neuen Elton-John-Album erhoffen würde, würde der ältere Herr noch einmal ordentlich ambitioniert ins Studio gehen. „The Diving Board“ (produced by T-Bone Burnett. ) ging da vor vier Jahren stark in diese Richtung, wenn auch weit weniger schwelgerisch als „Pure Comedy“ und „Madman…“, eher reduziert und trocken.

    Besonders gerne mag ich den Moment, wenn im vorletzten Stück des 75-minütigen Albums, „So I’m Growing Old on Magic Mountain“, nach fünf von zehn Minuten plötzlich diese verfremdete Steel-Guitar(?) auftaucht. Ich mag das, wenn so ausgiebig eine Stimmung aufgebaut wird, und dann doch noch einmal was überraschend anderes kommt.

    In den Klanghorizonten wurde übrigens missverständlich unterschlagen, dass die Streicher in dem gespielten „In Twenty Years Or So“ nicht von Gavin Bryars sondern ausnahmsweise von Nico Muhly arrangiert wurden.

    Apropos Neil Young: Von ihm habe ich auch einige CDs dabei, allerdings eher die rockigen, wie das thematisch wieder sehr passende „Living with War“ (in beiden Versionen!) und auch ein weiteres meiner Lieblingsalben von ihm, „Weld“.

    Viele Grüße aus Okla City.

  3. Michael Engelbrecht:

    Es wurde nicht „unterschlagen“, nur versäumt, hielt ich doch, bis gerade, Gavin für den Arrangeur dieses Tracks :) – niemand nimmt wohl Schaden daran.

    „Father John Misty“ ist durchaus beeinflusst von Elementen des Gesangsstils von Elton John, was die Lyrik anbetrifft, ist dann doch der gute Taupin ein ziemliches Fliegengewicht, im Vergleich, und das trotz aller Könnerschaft. Diese Meinung möchte ich hier nicht „leichtfertig unterschlagen“.

    Die zwei Platten, die mir letztendlich gut gefielen von Elton John (als ich sie unlängst aufspürte), berühren mich bei allem Verve, letztlich sehr wenig, der anfängliche Frohsinn einer „Entdeckung“ wirkte nur kurzfristig. Allein duese drei Soloalben von Neil Young reichen so unendlich viel tiefer. So viel tiefer.

  4. ijb:

    Mit der Wortwahl „unterschlagen“ hatte ich ein wenig Ironie im Sinn, verstehe aber, dass sich das wohl nicht vermittelt hat. Ich meinte in der Tat „versäumt“, wollte allerdings davon Abstand nehmen, das tatsächlich mit Ernsthaftigkeit zu werten , da ich keine böse Absicht unterstellen wollte.

    Nico Muhly ist im übrigen durchaus auch ein spannender Komponist, Schüler von P. Glass, hat bereits für viele Pop-Alben Streicher arrangiert.

    Und, ja, ich hatte erwartet, dass du das über John/Taupin sagen würdest, hatte schon überlegt, darauf selbst Bezug zu nehmen, wollte dann allerdings lieber keine Qualitätsdiskussion anstacheln, da es doch sehr subjektiv ist. So sehr ich Father John Mistys „Pure Comedy“s hohe Qualität anerkenne, so scheint mir, auch ohne Parteinahme, das Urteil „Fliegengewicht“ doch etwas despektierlich. Die beiden gehen m.E. einfach andere Wege. Und ich kann nicht sehen, dass Texte wie die von „Madman Across The Water“, das ich direkt nach „Pure Comedy“ auf der Fahrt in Oklahoma anhörte, weniger gewichtig wären als die von Mister Misty. Sie sind halt z.B. weniger autobiografisch eingefärbt. Gleichwohl bin ich dir und der Klanghorizonte-Sendung dankbar dafür, dass du mich mit den Worten in der Sendung noch einmal angeregt hast, in Father John Mistys Werk einzutauchen, das es mich wie gesagt zuvor eher kalt gelassen hatte.

    Und Neil Young: Ich bin durchaus ein Fan und großer Verfechter von Young, aber „Live at Massey Hall“ spricht mich jetzt nicht tiefer an als „After the Goldrush“, ich habe es sogar wieder verschenkt nach ein paar mal Hören. „Live at The Cellar Door“ steht noch aus, und „Hitchhiker“ lief im Plattenladen in Dallas, als ich dort stöberte, komplett, was sehr viel angenehmer war als die dröhnende Metal-Mucke im Laden in Austin; gefielt mir sehr gut, doch hatte ich zuvor gedacht, es handle sich um unbekannte Songs. Ich muss es noch genauer studieren. Wie auch immer, ich wollte nur sagen, dass bei mir solche harten Qualitätsurteilsvergleiche eher Widerspruch provozieren. Wenn jemand sagt, Metallica seien um so vieles tiefer und berührender als Sonic Youth kann ich nur sagen, dass mich erstere nie berührt haben, ich Sonic Youth hingegen für eine der besten Bands in der Geschichte des Rock halte. Bei Young und John sehe ich einfach unterschiedliche künstlerische Ansätze, die beide gleichermaßen berühren können.

  5. Michael Engelbrecht:

    Das läuft dann unter dem Begriff „Eigensinn“ von Herrn Kluge :)

    Der Eindruck, den ich immer schon von Elton John hatte, bestätigte sich in einer Bio, die jüngst im Fernsehen lief. Ein Clown, etwas zu süchtig nach Anerkennung. Einer der begabten Künstler, die immer gerne a l l e Tricks in die Tracks resp. auf den Tisch legen, und dabei alle doppelten Böden grossräumig umlaufen. Das ist nur meine Privatmeinung, ohne Anspruch auf Verallgemeinerung.

    In all den Jahren habe ich nie ein Stück von Elton John gespielt, einmal sang er, auf der Schnee-Platte von Kate Bush, und ich rechne es ihm hoch an, dass es dem tollen Album kaum geschadet hat.

    Gab es mal eine Ausstellung mit seiner Sonnenbrillenkollektion, das wäre ein Knaller!

    Zwischen On The Beach und Goodbye Yellow Brick Road liegen ganze Milchstrassen …

    Und auf Ballermann spielen sie I’m Still Standing.

    Nett gesagt verhält sich Young zu John wie Joni zu Adele.

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