Manafonistas

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Der Synthesizer als Instrument übte schon seitdem ich einen Schallplattenspieler besaß und mir selber Platten kaufte eine unglaubliche Faszination auf mich aus. Sonst hat ein Instrument seinen Klang und ein guter Instrumentalist kann diesen etwas erweitern, beugen, hart oder sanft hervorlocken, aber es bleibt immer der Klang dieses einen Instrumentes. Beim Synthesizer ist alles anders: da wird der Ton je nach Modell durch unterschiedliche Algorithmen erzeugt und es gibt jede Menge Einflussmöglichkeiten ihn zu verändern, modulieren, ihn groß und weich oder scharf und hart zu machen und insbesondere so zu gestalten, dass da etwas herauskommt, was einfach so noch nie zu hören war. Genau das hat in der Anfangszeit, in der Synthesizer für den normalen Musiker erschwinglich wurden, auch die Art des Musikmachens stark geprägt. Nun gab es endlich die Möglichkeit etwas zu machen, was richtig neu war, die Hörgewohnheiten völlig auf den Kopf stellte. Und das halt nicht nur wie in dem Studio für elektronische Musik in Köln, das zwar einige der späteren Protagonisten stark beeinflusste, sondern im eigenen Proberaum. Und was in den 60er und 70er-Jahren noch einige experimentierfreudige Geister auf den Plan rief, ist heute aus der Musik kaum noch wegzudenken und hat fast alle Genres infiziert.

Good Vibration ist dieses mal nicht der Titel eines Albums der Beach Boys, die zu mögen ich stets gerne anderen überlassen habe, sondern der Titel einer im August zu Ende gegangenen Ausstellung im Musikinstrumenten-Museum in Berlin über die Geschichte der elektronischen Musikinstrumente. Und die beginnt weit vor der Synthesizer-Ära mit wunderbaren Instrumenten wie dem Theremin, dem Ondes-Martenot und dem Mixturtrautonium, auf dem Oskar Sala nicht nur bizarrste Suiten, sondern auch den Soundtrack zu Hitchcocks Die Vögel komponierte. Neben begleitenden Texten, die verschiedene Aspekte elektronischer Musik beleuchten, werden dann natürlich auch die ganzen Synthesizerlegenden vorgestellt bis hin zu den aktuellen Möglichkeiten das, was früher ganze LKW’s gefüllt hätte elegant in einem iPad unterzubringen – ein synthetisches Taschenuniversum ungeahnter Möglichkeiten, das mich auf eine Zeitreise zurück zu den ersten Momenten, wo ich als Jugendlicher endlich selber die Tasten berühren und an den Knöpfen drehen durfte und mangels passabler Anleitung schrittweise herausfinden musste, welche Auswirkungen jeder Poti, jeder Regler und jeder Schalter so hatte.

 
 
 

 
 
 

Wo damals ein Synthesizer war, war aber auch der Laser nicht weit. Das, was man heute als Taschenlaser zum gefahrlosen Herumleuchten oder als Pointer billig erstehen kann, war damals deutlich größer, hatte die Tendenz mitunter ziemlich heiß zu werden und hatte noch den Mythos des Gefährlichen, vom Preis ganz zu schweigen. Ein alter Schulfreund von mir aber hatte einen Laser und so probierten wir aus, was wir damit so anstellen konnten. Beispielsweise mit einer kleinen Ablenkeinheit, wo auf mehreren Elektromotoren aus Carrera-Autos, die wir individuell in der Geschwindigkeit regeln konnten Spielgelchen mit einer leichten Neigung aufgeklebt waren und die so entstehende Figur dann auf den nächsten rotierenden Spiegel warfen, so dass es möglich wurde phantastische Figuren damit zu zeichnen. Z.B. auf der uns sehr geeignet erscheinenden Hauswand des benachbarten Hochhauses, um unseren Freunden zu signalisieren, wo die Party gerade steigt. Der Effekt war grandios, nur leider fühlten sich die Nachbarn von dem neuartigen, „gefährlichen Laserstrahl“ etwas bedroht.

Der französische Elektroniker Tim Blake war einer der ersten, der sich mit einer Lasershow zu der Musik seines Projektes Crystal Machine auf die Bühne begab und nun ist dieses Frühjahr sein erstes Studioalbum Blake’s New Jerusalem mit einigen Bonustracks wiederveröffentlicht worden. Hier finden sich ohrwurmartige Songs in denen ein kleines Synthesizerarsenal die Hauptrolle spielt und die doch eine ganz eigene, originäre Färbung haben. Insbesondere der lange Titelsong entwickelt einen fast hypnotischen Sog und zapft Ebenen des Bewusstseins an, die zuvor verschlossen blieben. Einige der Songs haben dann später Eingang in das Oeuvre von Hawkwind bekommen, deren Mitglied er lange Jahre war. Sonst wirkte er noch einige Zeit bei der wundersamst anarchischen Band Gong mit und begleitete einige Projekte des französischen Komponisten Cyrille Verdoux.

 
 
 

 
 
 

Der zweite Reissue betrifft einen Meilenstein der elektronischen Musik: Klaus Schulzes Mirage. Er arbeitete an diesem Album als sein Bruder im Sterben lag und erklärt sich so rückblickend, dass dies vielleicht sein dunkelstes und kältestes Album geworden sei. Eine elektronische Winterlandschaft, kristallin, frostig, eisklar. Und auch nach 40 Jahren immer noch ein perfektes Album. Man sagte damals, dass weltweit eigentlich nur drei Musiker wirklich Synthesizer spielen könnten und Klaus Schulze war der erste, der dann dazugezählt wurde.
Mirage war seit Erscheinen ein Monolith für mich mit seinen beiden ruhigen, halbstündigen Stücken. Wenn mich auch heute noch jemand fragen würde, welches Stück Synthesizermusik man unbedingt gehört haben müsste, würde ich stets und ohne zu zögern Crystal Lake antworten, das in seiner kalten Eleganz und seiner hypnotisch dichten Atmosphäre ein zeitloses Highlight elektronischer Musik bleibt. Klebt man einen kleinen Spiegel auf den Basslautsprecher und lenkt dann einen Laser darüber auf eine Leinwand während Musik läuft, ist dies eine wunderbare Möglichkeit der Visualisierung. Vieles aber wird dann leider recht unansehnlich, wohingegen Crystal Lake wundervolle Figuren und Muster mit unzweifelhaft psychotropen Qualitäten zu erzeugen vermag.

Das Album wurde sensibel gemastert, was der Transparenz noch etwas mehr Tiefe gegeben hat und mit einem aus der Entstehungszeit stammenden Stückchen Filmmusik In cosa crede, chi non crede? das durchaus hörenswert ist, ergänzt. This Anniversary induces a massive time travel. A shift where the direction is not clear and I’m afraid it does not only lead to the future from the point I listened to it the very first time. Perhaps that’s the real meaning of Mirage.

 
 
 

 

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Samstag, 2. September 2017 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen. Pingen ist zur Zeit nicht erlaubt.

3 Kommentare

  1. Michael Engelbrecht:

    Klaus Schulze zu mögen, habe ich immer gerne anderen überlassen:)

    Was für eine schön beschriebene Zeitreise. Schade, dass wir die Teleportation noch nicht beherrschen, sonst hätte ich den Club der Manafonisten zum Daniel Lanois-Konzert und dem fantastischen Live-Remix desselbigen gebeamt:)

    Andreas, der Chef von Hubro, war auch hier, und hat mir gleich die Herbstkollektion in die Hände gedrückt. Die nächsten Klanghorizinte sind damit gesichert:)

    Neben der very rührenden Wiederbegegnung mit Daniel Lanois gehört eine surreale Situation mit Sidsel Endresen zu den magic moments von Punkt 2017:)

  2. Jan Reetze:

    Einem alten Gong-Crack wie mir muss man natürlich Tim Blake nicht speziell empfehlen. Seine Soloplatten sind aber sträflich unterschätzt, sogar in Frankreich.

    Klaus Schulze zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er viel zuviele Platten veröffentlicht hat, von denen das meiste Endlostapete ist. Seine Pionierrolle kann man ihm aber nicht absprechen, und er gehört in der deutschen Rock- bzw. Elektronikszene zu den wenigen, die immer ihren Weg gegangen sind, mochten andere das auch finden, wie sie wollten.

    Wenn man einen Strich drunter zieht, bleiben vier oder fünf Alben übrig: „Mirage“ ist von diesen sicherlich das Album, das ihn unsterblich machen wird. Gefolgt von „Timewind“, „X.“ und „Moondawn“, und aus den echten Anfangstagen „Cyborg“. Das ist es dann aber auch.

  3. Michael Engelbrecht:

    Klaus Schulze hat sicher Geschichte geschrieben, aber war nie Teil meiner (Hör)-Geschichte. Was immer ich hörte, langweilte mich. Die rein persönliche Wahrnehmung ist stets bedeutsamer als die historische Einordnung.

    Jeder findet da sein eigenen Seelenfutter.

    Ich habe nie auch nur eine einzige Platte von Tangerine Dream gemocht, und sicher war unter denen, die ich hörte, der eine und andere „Klassiker“.

    Mir hat niemals eine einzige Platte von Popul Vuh auch nur das Geringste bedeutet, so unendlich verschwurbelt und kitschig fand ich das. Als funktionelle Musik wirkte sie ganz gut bei Werner Herzog Filmen, autonom betrachtet, nein danke…

    … dabei war ich auch immer begierig, aufregenden Synthesizerklängen zu lauschen.

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