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2017 1 Sep

Jugend in den 80ern oder: Are they gonna drop the bomb or not?

von: Martina Weber Abgelegt unter: Blog | TB | 1 Kommentar

 

 

Martina Weber: Gerade ist dein vierter Roman mit dem Titel „Bevor die Welt unterging“ erschienen. In deinen bisherigen Romanen waren deine Hauptfiguren junge Frauen in ihren Dreißigern. Nun hast du einen Roman über das Erwachsenwerden in den 1980er Jahren geschrieben. Deine Protagonistin Judith wächst in einem behüteten Elternhaus in einer nicht genannten mitteldeutschen Kleinstadt auf. Die Mutter ist Hausfrau, der Vater ist Manager und arbeitet in der chemischen Industrie. Das Buch beginnt an Silvester 1979, Judith ist zu diesem Zeitpunkt 13 Jahre alt, und es endet zehn Jahre später mit dem Fall der Mauer, dem Ende des Kalten Krieges. Was hat dich daran gereizt, dich mit den 80ern zu beschäftigen? Und warum gerade jetzt?

 

Kirstin Breitenfellner: Die Jugend, das Alter zwischen 15 und 25, ist die Zeit, in der man alles zum ersten Mal bewusst erlebt und die deswegen auch die prägendsten Erinnerungen hinterlässt. Die 1980er Jahre waren für mich allerdings ein, wie ich es auch im Roman nenne, „bleiernes Jahrzehnt“, das ich am liebsten vergessen hätte. Kalter Krieg, atomare Bedrohung, Waldsterben, Aids und schließlich der Reaktorunfall von Tschernobyl waren die dominierenden Themen. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte sagten Wissenschaftler und nicht Theologen den Weltuntergang voraus. Wenn ich heute apokalyptische Prognosen – Stichwort Klimawandel – höre, erinnert mich das an diese Zeit. Zugleich merke ich, dass ich sie emotional nicht mehr so stark an mich heranlasse wie damals. Denn die Welt ist nicht untergegangen. Auch, weil etwas gegen das Waldsterben etc. unternommen wurde. Ich kann mir aber vorstellen, dass diese Prognosen die heutige Jugend genauso ungeschützt treffen wie mich damals. Deswegen habe ich beim Schreiben nicht nur an meine eigene Generation gedacht, sondern auch an die jungen Menschen von heute. „Es kommt nicht immer alles so, wie man denkt“, lautete eine Arbeitshypothese beim Schreiben. „Aber das bedeutet nicht, dass man nichts tun muss“, die zweite.

 

Martina Weber: Deine Protagonistin Judith ist eine sehr reflektierte Person. Sie schreibt Tagebuch, sie beobachtet ihre Umgebung und ist darauf bedacht, sich fundierte Meinungen zu bilden und aufgrund dessen ihr Leben zu gestalten. Sie liest außerhalb der Schule Sachbücher, zum Beispiel über den Nationalsozialismus, sie liest die Schriften von Hoimar von Ditfurth, sie informiert sich über die Folgen eines Atomkrieges. Du zitierst zwei Zeilen aus dem Song „Forever young“ von Alphaville: „Are you gonna drop the bomb or not?“ Ein Satz in Großbuchstaben aus Judiths Tagebuch vom 1.9.1982 lautet: „Das ist es, was mich bedrückt: die Angst, ZU WENIG ZEIT ZU HABEN ZU LEBEN.“ Einige meiner Mitautoren hier auf dem Blog und meine einzige Mitautorin haben die 1970er Jahre als Jugendliche oder junge Erwachsene erlebt, sie schwärmen jetzt noch davon, dass es die beste Zeit ihres Lebens war. Die 1970er Jahre erweiterten, auch musikalisch, die Pforten der Wahrnehmung, plötzlich schien so vieles möglich zu sein, ein Freiheitsgefühl. Die 1980er waren dagegen für Jugendliche eine bedrückende Zeit. 

 

Kirstin Breitenfellner: Bis zu den 1970er Jahren glaubten alle an den Fortschritt. Die Konservativen meinten damit das Wirtschaftswachstum, die Jugendlichen, die rebellierten, den gesellschaftlichen Fortschritt hin zu mehr Offenheit, Toleranz, Freiheit, dazu die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Sie waren von sich selbst überzeugt. Die jungen Erwachsenen der 1970er wurden unsere Lehrer. Sie kritisierten alles, waren aber selbst immun gegen Kritik. Das waren wir nicht mehr. Wir hatten Zweifel. Sie hatten ihren Spaß gehabt in der sexuellen Befreiung. Wir hatten Aids. In den 1980ern gab fand ein gesellschaftspolitischer „Backlash“ hin zu mehr Biederkeit statt. In meinem Jahrgang gab es an unserer Schule kaum mehr kritische Jugendliche, dafür umso mehr „Popper“, die auf Angepasstheit und Konsum setzten. Zum ersten Mal seit Kriegsende stagnierte das Wirtschaftswachstum. Und Jugendliche bekamen auf einmal zu hören, dass sie keine Zukunft auf dem Arbeitsmarkt hätten. „No Future“ wurde zum Slogan. Auch darin sehe ich eine Parallele zur heutigen Jugend.

In der Politik standen sich zwei Blöcke, West und Ost, unversöhnlich gegenüber und bedrohten sich mit dem atomaren „Overkill“. Dazu kam die angesagte ökologische Apokalypse. In Zeitungen wurde vorgerechnet, dass der Wald in weniger als fünf Jahren „tot“ sein würde – also, bevor das unser eigenes Leben angefangen haben würde. Deswegen die Angst, zu wenig Zeit zu haben zu leben. Und die Wut auf diejenigen, die das verbockt hatten: die Eltern, Lehrer, Politiker. Es war die Zeit der dunklen Gurus wie Hoimar von Ditfurth, mit dessen Schriften ich mich im Roman auseinandersetze, weil er nicht nur Angst und Schrecken verbreitete, sondern die Menschen auch wachrüttelte, jetzt etwas dagegen zu unternehmen. Der Treibhauseffekt, wie der Klimawandel genannt wurde, war damals schon ein Thema. Er ist heute aktueller denn je.

Trotzdem ist es uns damals auch gelungen, unsere Jugend zu genießen, mit Partys, Reisen, Liebesbeziehungen, harmlosem Unsinntreiben und Aufbegehren – zumindest zwischendurch …

 

Martina Weber: Auch wenn deine Hauptfigur Judith eine eigenständige Persönlichkeit ist, gibt es gewisse Parallelen zu deinem Leben, zum Beispiel was das Geburtsjahr und die Wohngegend angeht. Da hast du dich für die Recherchen sicherlich auch auf eine Zeitreise in deine eigene Jugend begeben… Welche Erfahrungen hast du beim Recherchieren und beim Schreiben des Buches gemacht? Was hat dich am meisten überrascht bei der Auseinandersetzung mit dieser Zeit?

 

Kirstin Breitenfellner: Das Setting, die Atmosphäre und das Erfahrungssubstrat des Romans sind tatsächlich autobiografisch, aber nicht seine Figuren und seine Handlung. Die Recherchen dafür waren für mich eine zweischneidige Erfahrung, zwischen Nostalgie und Entsetzen. Ich habe mir Filme der Zeit angeschaut, Musik gehört, Zeitungen gelesen, einen Artikel anlässlich des 30-jährigen Jubiläums des Reaktorunfalls von Tschernobyl geschrieben. Und ich habe dafür sogar meine alten Tagebücher durchforstet. Das war schwer, weil man dem damaligen, verzweifelten Ich ja nicht helfen kann durch das heutige Wissen, die gewonnene Lebenserfahrung. Deswegen habe ich dem Roman ein Zitat von Charlie Chaplin vorangestellt: „Die Jugend wäre eine schönere Zeit, wenn sie erst später im Leben käme.“ Wenn man jung ist, will man mit dem Kopf durch die Wand. Alle Probleme auf einmal lösen, ohne Kompromisse. Aber man glaubt auch vieles, was einem erzählt wird. Ich jedenfalls habe alles geglaubt. Überrascht hat mich beim Wiedersehen der Filme und vor allem beim Wiederhören der Musik der Zeit, wie präsent diese Weltuntergangsangst in der Populärkultur war. Von Nenas „99 Luftballons“ bis zu „Forever young“ von Alphaville, wo es darum ging, dass man immer jung bleiben würde, weil man wegen der Atombombe früh sterben würde. Aber auch, wie schnell die Weltuntergangsverzweiflung wieder in einen ganz normalen jugendlichen Hedonismus kippen konnte. Man kann ja schnell vergessen und ist noch so leicht beeindruckbar und begeisterungsfähig in diesem Alter.

 

Martina Weber: Dein Roman hat vier Kapitel, eins aus dem Jahr 1980, es folgen Kapitel der Jahre 1982, 1984 und 1986. Es gibt ein Vorspiel (Silvester 1979) und einen längeren Epilog, das Jahr 1989. Obwohl Judith die Hauptfigur ist und es um ihre Perspektive geht, hast du dich für eine auktoriale Erzählstimme entschieden, also für eine allwissende Erzählerin. Deutlich wird dies zum Beispiel in Passagen wie dieser, aus dem Kapitel 1986, ich zitiere diese Passage ganz, weil sie mir sehr wichtig zu sein scheint, geradezu eine Schlüsselstelle des Romans: „Was Judith damals noch nicht ahnen konnte: dass die, die sich gegen die Gesellschaft zu wehren gewohnt waren, es verlernten, sich gegen sich selbst zu wehren. Dass das ihr größter Denkfehler war. Dass sie sich die Wahrheit über sich selbst nicht eingestanden und auch nicht die über den Menschen. Es gab sie nicht, die Guten, die von der bösen Gesellschaft verdorben wurden, denn sie alle waren die Gesellschaft.“ Warum hast du die auktoriale Erzählperspektive gewählt? Dazu gehört vermutlich auch, dass du im Nachspann skizzierst, was aus den im Roman erwähnten Figuren geworden ist, vor allem aus den Mitgliedern der Kleinstadtclique.

 

Kirstin Breitenfellner: Der Roman ist, wenn man so will, ein Prequel zu meinem ersten Roman, der wie so viele in der Schublade liegt, weil die Perspektive nicht gestimmt hat. Die Erzählstimme war nicht genügend von jener der immer noch jugendlichen Protagonistin zu unterscheiden. Die Jugend ist aber eine schreckliche Zeit, weil man so naiv ist und gleichzeitig so herrisch auftritt. (Die Helden von Dostojewskij, allesamt Terroristen in Gedanken oder Werken, sind alle 23, die heutigen Selbstmordattentäter mehrheitlich zwischen 18 und 23 Jahren alt.) Dieses Bewusstsein wollte ich den Lesern nicht ungefiltert zumuten.

Es ging mir um die Frage, warum man die Vergangenheit, in diesem Fall die 1980er Jahre, ganz anders versteht, wenn man weiß, wie sie „ausgegangen“ ist. Es hat mich gereizt, diese Diskrepanz, die auf jedes Leben zutrifft, das man nicht begreift, solange man mittendrin steckt, literarisch darzustellen.

In dem angesprochenen Zitat geht es um die Naivität, mit der wir „kritischen“ Jugendlichen glaubten, dass alles gut werden würde, wenn nur alle so wären wie wir. Dabei kamen schon zu den ersten Festen der Grünen die meisten mit dem Auto. Denn sie hatten ja jemanden, der schuld war, der böse war: die Gesellschaft, die Industrie, die Bosse … Der Denkfehler vieler eingefleischter Linker und auch der Päpste der Political Correctness von heute besteht darin, immer dem System die Schuld zu geben (dem Kapitalismus, heute in einer neoliberal genannten Erscheinungsform) und zu glauben oder zu suggerieren, dass, wenn man das nur System ändern könnte, alles gut werden würde.

Dem liegt die falsche Annahme zugrunde, dass der Mensch gut wäre, wenn er in einem anderen „System“ leben würde, wenn die, die ein besseres System verhinderten, nicht mehr da wären. Aber der Mensch ist nicht (nur) gut. Er kann mit seiner Gier und Neigung zu Rivalitäten jedes System korrumpieren, wie es zuletzt die Geschichte des real existierenden Kommunismus gezeigt hat. Wer sich weigert, diese Realität anzuerkennen, strebt nach einem Ideal, einer Utopie. Wenn diese nicht eintritt, sucht man nach Schuldigen, es wird Gewalt oder zumindest moralischer Druck ausgeübt, und sei es „nur“ in virtueller in Form von Shitstorms im Internet.

„Die Gesellschaft“ ist ein Abstraktum, sie zu beschuldigen tut niemandem weh, bringt aber auch nichts. Deswegen müssen dann immer irgendwann konkrete Sündenböcke her. Denn irgendjemand muss ja schuld sein – das System, die Konservativen, die Reichen. Nur nicht wir selbst.

 

Martina Weber: Angenommen, du könntest eine Zeitmaschine betreten und entscheiden, in welchem Jahr du geboren worden wärst oder geboren wirst. Würdest du lieber einer anderen Generation angehören, in einem anderen Jahr oder einem anderen Jahrzehnt oder womöglich in einem anderen Jahrhundert geboren worden sein?

 

Kirstin Breitenfellner: Eine interessante Frage, die ich mir beim Schreiben so nicht gestellt habe. Was die Zukunft bringen wird, weiß ich nicht. Deswegen kann ich mir kaum wünschen, darin zu leben. Als Frau kann man sich ja kaum wünschen, in früheren Jahrhunderten geboren worden zu sein. Ich war auch immer froh, nicht während des Nationalsozialismus gelebt zu haben. Als meine Protagonistin Judith mit ihrer Freundin Ella den Wissenschaftspublizisten Diethelm von Dillingen (alias Hoimar von Ditfiurth) bei einer Lesung trifft, wird ihr klar, dass es noch viel schwerere Zeiten gab, um jung zu sein.

Als Jugendliche hatte ich allerdings schon manchmal das Gefühl, ein bisschen zu spät gekommen zu sein, sagen wir ein, zwei Jahrzehnte. Die große Party der Befreiung war vorbei, und selbst die Natur, die zuerst bedroht war und nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl selbst zur Bedrohung wurde, bildete keinen Zufluchtsort mehr. Das Beste an den 1980ern waren ja ihr Ende, das bewiesen hat, dass es in der Weltgeschichte auch eine Zeitlang bergauf gehen kann … Und ich war damals nicht zu alt, um meine Jugend nachzuholen!

Website von Kirstin Breitenfellner:

https://www.kirstinbreitenfellner.at/

Foto: Ingrid Götz

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Freitag, 1. September 2017 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen. Pingen ist zur Zeit nicht erlaubt.

1 Kommentar

  1. Michael Engelbrecht:

    Es ist ein Genuss, dieses Interview zu lesen. Natürlich zogen auch in den Siebzigern dunkle Schatten auf, aus Aufbrüchen und grossen Entwürfen wurde oft genug die kleingeistige Suche nach dem wahren linken Weg. Die Marxistische Gruppe in Würzburg war übler als die Rechten vom RCDS. Und und und.

    Krusten wurden aufgebrochen, aber jede neue Freiheit produzierte ihre eigenen dunklen Seiten… diese 68er Sache mit „der Gesellschaft“ machte nur da Sinn, wo man sich selbst als Teil des Systems begriff, nicht als perfekten lebenden Gegenentwurf.

    Aber die Musik jenes Jahrzehnts war natürlich unschlagbar :) – und das hat nichts mit Nostalgie zu tun. Die Siebziger endeten, musikalisch, ca. 1982.

    Schönes Cover, in bester Jugendbuchtradition!

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