Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Ich möchte mit einem Experiment beginnen: Denken Sie an ein Kunstwerk – an ein Stück Literatur oder Musik zum Beispiel -, das historisch betrachtet möglichst alt ist, von dessen Urheber Sie jedoch eine bildliche Vorstellung haben, vielleicht eine Büste von Plato oder ein Gemälde, das Mozart zeigt. Beeinflusst das Bild des Künstlers Ihre Rezeption des Kunstwerks? In seinem Essay „Edges and Center“ aus dem Jahr 1996 hat Brian Eno das Diagramm einer Pop-Platte mit den Schichten einer Zwiebel verglichen: Nur aus Bequemlichkeit, schreibt er, deponiert er im Zentrum die Musik selbst, dann kommen die Texte, dann der Look der Band, die Modelandschaft, der Lifestyle und die Geschichten. Wo liegen die Grenzen des Kunstwerks? Die Hochkultur beansprucht, reiner Inhalt zu sein. Das zentrale Spiel der Popkultur dreht sich hingegen um die Frage: „Wer könnte ich sonst noch sein?“ Der schöpferische Akt der Fotografie ist die Entscheidung, welche Art von Lüge man zeigen will, in den Nuancen von Licht. Brian Eno hat seinen Essay in mehreren Büchern mit Künstlerportraits von Anton Corbijn publiziert, zum Beispiel in dem faszinierenden Band „Anton Corbijn: everybody hurts“. Hier finden sich Portraits, meist von Musikern, aus einer Zeitspanne, die Mitte der 70er Jahre beginnt und bis über die Jahrtausendwende reicht. David Bowie, Joe Cocker, Ian McCullough, Iggy Pop, Jon Bon Jove, Keith Richards (mit Shelfie! Wenn Sie den Begriff nicht kennen, geben Sie ihn bei der Manafonistas-Suchfunktion ein.) Eno erzählt auch von Corbijns Tricks. Wie der Fotograf es schafft, dass jemand bereit ist, sich versuchsweise zum Volltrottel zu machen. Die Portraits wirken nicht nur auf das Publikum, sondern auch auf die Portraitierten zurück. Alan Bangs schrieb in einem Essay „Splendid Isolation“, der sich ebenfalls in dem genannten Buch findet, Corbijn sei davon überzeugt, seine Aufnahmen von Depeche Mode hätten der Musik eine neue Richtung und ihr mehr Tiefe gegeben.

Der Anspruch, mit der Fotografie die Wirklichkeit abzubilden, wurde bereits während des Ersten Weltkriegs aufgegeben. Im Jahr 1917 reiste der Kriegsfotograf Frank Hurley an die Westfront, um das Geschehen dokumentarisch und möglichst unvoreingenommen festzuhalten. Der Erste Weltkrieg war jedoch der erste technisierte Krieg und das Schlachtfeld sah anders aus als in den Kriegen zuvor. „Ich habe immer wieder versucht, Ereignisse auf ein einziges Negativ zu bringen“,  schreibt Hurley in sein Tagebuch, „aber die Ergebnisse waren hoffnungslos. (…) Die Personen zerstreut, die Atmosphäre mit Rauch dicht erfüllt – Granaten, die einfach nicht explodieren, wenn man sie braucht. (…) Die Schlacht ist in vollem Gang, aber wenn ich meine Platten entwickle (…) Ich finde nichts als die Aufnahmen von ein paar aus den Gräben stürmenden Gestalten und einen Hintergrund aus Dunst. Nichts könnte einer Schlacht unähnlicher sein.“ Hurley fertigte die ersten Montagen in der Geschichte der Fotografie an, indem er in der Dunkelkammer mehrere Negative zu einem Abzug kombinierte. Diese Methode nannte er „composite printing“. Hurleys bekanntestes Bild setzt sich aus zwölf Negativen zusammen, die er im Oktober 1917 bei Zonnebeke aufgenommen hat. Es ist, wie die Fotografien Anton Corbijns, Teil des kollektiven Gedächtnisses.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Mittwoch, 30. August 2017 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

8 Kommentare

  1. Michael Engelbrecht:

    Spannend, besonders durch den zweiten Absatz. Weil der erste dadurch eben eine andere Gewichtung erhält. Das mit Miles Davis habe ich wahrscheinlich so ungefähr verstanden, obwohl „heating“?! :)

    Es gibt drei Gruppen, die ich nur schwer aushalte: U2, Depeche Mode, und Duran Duran.

  2. Martina Weber:

    Tja, der zweite Absatz resultiert aus meinen Recherchen zu Film und Fotografie während der Zeit des Ersten Weltkriegs. Ich wollte eigentlich schon seit längerer Zeit etwas über den Eno-Essay schreiben, und kam erst beim Schreiben auf die Idee, über die Montage von Herley zu berichten. Das erwähnte Foto gibt es im Internet zu sehen.

    Die Bemerkung zu Miles Davis in der Überschrift ist ein verkürztes Zitat von Brian Eno und wahrscheinlich verwirrend. Vollständig lautet es so: [Zur Erläuterung: Im ersten Satz, der im Original kursiv gedruckt ist, wird der Gedanke der Leute zitiert, die sich dafür aussprechen, dass Kunst reiner Inhalt ist.] Those people would say: „Miles Davis is a real artist because he lived and died for his music without getting trapped in all this spurious image-stiff that bedevils pop music.“ [And now Eno´s comment to this:] „Are you kidding? Would Miles have sounded the same if he´d been a fat heating engineer from Oslo rather than a particularly glamorous member of a glamorous subterrean outsider culture?“

  3. Michael Engelbrecht:

    Yep!

    Ist Enos Essay nicht in seinem Tagebuch von 1995, „A year with swollen appendices?

    Nebenbei. Bark Psychosis kommt in der Oktobernacht um 5.05 Uhr, Marie Metal um 5,35:)

  4. Martina Weber:

    Weiß nicht, ich habe das Tagebuch nicht gelesen. Würde zeitlich gut passen, da Eno den Essay 1995 geschrieben haben könnte.

    Wann läuft denn deine nächste Sendung? Am 14.10.?

  5. Michael Engelbrecht:

    Am 21. Oktober. Viel Hubro, viel ECM, eine Stunde die vier Eno-Songalben aus den 70ern, über Bark Psychosis kann ich dir nichts Neues erzählen, da lohnt sich für dich, in der Radionacht, nur meine Entdeckung aus den Achtziger von „Marie Metal“, die erste Zeitreise, und die HUBRO-Stunde zu Beginn:)

  6. Martina Weber:

    Gut, dass die Sendung erst am 21.10. läuft. Was Bark Psychosis angeht, bevorzugen wir beide verschiedene Schaffensperioden. Ich habe eine imaginäre Liste von einigem, was ich zu einem früheren Zeitpunkt in meinem Leben hätte tun sollen, und einer der Punkte ist: „Bark Psychosis spätestens in den 90er entdeckt zu haben“. „Independency“ und „Codename: Daustsucker“ sind einfach zwei großartige Scheiben.

    Auf „Marie Metal“ bin ich gespannt. Es gibt bestimmt noch mehr, was sich lohnt. Allein schon die Tatsache, eine ganze Nacht lang eine Lifesendung im Radio zu hören – das würde ich nur bei deiner Sendung durchziehen :)

  7. Michael Engelbrecht:

    „Marie Metal“ ist natürlich ein erfundener Name, sonst würde Uli Koch hier bald wieder eine feine Rezension auftischen, und ein paar Geheimnisse müssen gewahrt werden. Ich glaube, du bist der grösste Fan von Bark Psychosis aus deutschen Landen, und meines Wissens hat diese Underground-Formation niemals einen Fanclub besessen.

    Ich habe in den Tagen des Punktfestivals genau vier Konzerte und ihre Live-Remixe eingeplant. Vielleich noch die Nacht-Session von DJ Strangefruit.

  8. Martina Weber:

    Ich hätte diese Marie sowieso nicht recherchiert. Es muss ja auch immer noch ein paar Überraschungen geben.

    Was Bark Psychosis angeht: Ich mag einfach die Art der Lässigkeit. Und ich mag es, wenn in Alben keine oder nur wenige Worte fallen.

    Was aber gar nicht geht: Im letzten Track von „Codename: Dustsucker“ wird eine Passage auf deutsch gesungen und mehrmals wiederholt. Selten genug für eine britische Platte. Ich wüsste gern, wie es auf Zuhörer wirkt, die kein Deutsch können. Auf mich wirkt es viel zu sentimental. Ein nicht geglücktes Experiment.

    Die Nacht-Session würde ich mir ja schon anhören …


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