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2017 11 Aug

Gregor öffnet seinen Plattenschrank (144)

von: Gregor Mundt Abgelegt unter: Blog | TB | 2 Kommentare

Beide wären im gerade vergangenen Juli 90 Jahre alt geworden, wären sie denn noch beide am Leben, allein: er starb schon 2004 bei einem Autounfall, am 29.7.2017 hätte er Geburtstag gehabt, sie aber lebt und feierte ihren Geburtstag am 15.Juli. Ob es wohl zur Feier des Tages den legendären Rehbraten mit Spätzle gab, den Marlies Brunner-Schwer so gerne den Jazzmusikern nach getaner Arbeit in den weltbekannten SABA/MPS-Studios kredenzte?

Ihr verstorbener Mann, Hans-Georg Brunner-Schwer, war einst die Tonmeisterlegende und der Technikfreak aus der SABA-Dynastie. SABA, das Wort allein verströmt Wundervolles, Märchenhaftes, vor allem dann, wenn man bedenkt, was diese Firma seit den 1920er Jahren für Radiogeräte produziert hat. Mein schönstes und sicher wertvollstes SABA-Radio ist das SABA-Freiburg, es wurde ab 1955/56 gebaut, verfügt über 12 Röhren, 4 Lautsprecher, eine Fernbedienung und – tatsächlich – einen Sendersuchlauf. Dieses Meisterwerk kostete damals 679,00 DM.
 
 
 

 
 
 
Wenn man allerdings erfährt, was die Abkürzung SABA nun wirklich bedeutet, nämlich Schwarzwälder Apparate-Bau-Anstalt August Schwer Söhne GmbH, ist es mit dem Zauber doch eher vorbei.

Vergessen wir das schnell wieder und lassen uns das Wort SABA auf der Zunge zergehen. Hier in Villingen, im Schwarzwald, wurde auch die Königin von SABA, gebaut. Dieser Rolls Royce unter den Musiktruhen hat sicher Max Grundig vor Neid erblassen lassen. Späte Rache: 1986 erwarb der Industrielle für 150 Millionen DM die Bühlerhöhe und ließ das Anwesen zum Luxushotel umbauen. Fortan konnte er auf die SABA-Werke hinunterschauen, die allerdings zu dieser Zeit schon längst dem französischen Thomson-Konzern gehörten.

Zurück zur Königin von SABA – die Maße: 1840 x 1070 x 530 mm, in diesem ab 1956 gebauten Möbelstück sind ein Fernsehgerät Schauinsland T 605, ein Radio Freiburg Automatic 7, ein Plattenwechsler Dual 1003 und ein Tonbandgerät AEG KL65 eingebaut. Preis 1956 einschließlich Tonbandgerät 4895 DM. Zum Vergleich, ein Standard-VW-Käfer kostete in dieser Zeit 3750 DM.

Die eigentliche Leidenschaft Hans-Georg Brunner-Schwers war allerdings sein Tonstudio. Hier fanden sagenumwobene Hauskonzerte statt, Oscar Peterson war gern gesehener Gast, aber auch Herb Ellis, Ray Brown, Hans Koller, Stephane Grappeli, Volker Kriegel, George Duke, Martial Solal, Rolf Kühn u.v.a. Sie alle waren verblüfft von der Aufnahmequalität, die Hans-Georg Brunner-Schwer schon zu dieser Zeit erreichen konnte. Das Tonstudio MPS kann mit Sicherheit als eines der Vorläuferstudios von Tonstudio Bauer (Ludwigsburg) und dem RainbowStudio (Oslo) bezeichnet werden.

Zum Geburtstag der beiden Brunner-Schwers entnehme ich meinem Plattenschrank eine schon etwas vergilbte Schallplatte von 1974, aufgenommen im Oktorber 1971 at MPS-Studio in Villingen by Hans-Georg Brunner-Schwer: es musizieren Oscar Peterson, N.H.O. Pederson und Louis Hayes. Diese drei spielen in Hochform: Younger Than Springtime; Where Do We Go From Here; Soft Winds; Just Squeeze me; On The Trail; Wheatland. Nach den Aufnahmen gab es mit Sicherheit Rehbraten mit Spätzle, gereicht von Marlies Brunner-Schwer. Und ich staune, wie toll sich diese Platte nach 46 Jahren noch anhört.

 
 
 

 

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Freitag, 11. August 2017 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen. Pingen ist zur Zeit nicht erlaubt.

2 Kommentare

  1. Michael Engelbrecht:

    Einen Morgengruss aus Schillig im Wangerland. Ich kannte den Namen Wangerland für einen Teil Frieslands gar nicht, bevor ich hier auftauchte, um erstmals in meinem Leben nun Festlandstrände zu erkunden (Hooksiel ist auch fein) – ich hatte immer die Inseln vorgezogen. Bei Wangerland dachte ich erst automatisch an die unheilvolle Familie Wanger, die bei Stig Larsson eine grosse Rolle spielte.

    Die Geschichte von Saba und Co. …. Da, im Schwarzwald, haben auch einige Produzenten erstes Handwerk gelernt, andere waren schon Cracks.

    Ich kaufte damals auch einige Schätze, von Don Sugarcane Harris natürlich Fiddler on the Rock, und es gab eine Liveaufnahme des Geigers, da sass ein gewisser Robert Wyatt am Schlagzeug – long time ago. Und dann Joachim Kühn, „This Way Out“ oder so ähnlich, mit Gerd Dudek, Humair und Warren. Eine Lieblingsfreejazzplatte damals. Etc. die oft aufklappbaten Cover waren auch stets eine Schau…. ah, dieses rote Cover fällt mir ein, eine wunderbare Komeda-Hommage, mit Stanko, den Urabaniaks und anderen Assen!

  2. Jan Reetze:

    Zu MPS (das auch nur noch halb so gut klingt, wenn man weiß, dass das für „Musikproduktion Schwarzwald“ steht) fallen mir vor allem Albert Mangelsdorff und Wolfgang Dauner ein, ziemlich freie Sachen … und natürlich das Dave Pike Set, noch heute auf meinem MP3-Player. Platten, mit denen ich zu hören gelernt habe. Allerdings nicht mit einem SABA, sondern einem Telefunken Concertino. Auch ein sehr schönes Ding.

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