Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2017 9 Aug

Let´s take a walk outside in the morning sun

von: Martina Weber Abgelegt unter: Blog | TB | Tags: , | 3 Kommentare

Es gibt Musik, die ist eigentlich nicht meine Musik, und trotzdem kann ich sie mal hören. Dann geistert sie zwei, drei Tage in mir, vielleicht auch länger (bisher sind es zwei, drei Tage). Weil es eigentlich um etwas anderes geht. Wenn zum Beispiel, und ich mache hier einen großen zeitlichen Sprung, bei einem Diaabend in einem ausgebauten Dachstuhl im Hintergrund Billy Joel lief und plötzlich ein neuer Lebensabschnitt spürbar wurde, weil der absolute super Boy endlich zu kapieren schien, was er verpassen würde, wenn er nicht mit mir zusammen wäre, dann gewinnt jeder Song eine andere Ebene. Natalia, die ich in Studienzeiten kennenlernte und die sich gern in irreale Beziehungskonzepte hineinsteigerte, nannte den jeweiligen Mann, den sie auf eine komplizierte Art begehrte, ihren Angebeteten. Wir lachten immer über diesen Begriff. Oh, und „On the Beach“, das ist so typisch für die Stimmung des Jahres 1986, Mainstreampop. Alles irgendwie easy, immer locker bleiben, und es ist gar nichts für Manafonistas. Das Album ist nur deshalb auf meinem iPod gelandet, weil ich es vor ein paar Jahren in diesem völlig abgelegenen Haus in Irland überspielt habe. So ist es, wenn man halb bewohnte Behausungen mietet, mit ihren abgebrochenen Geschichten darin. Weite, hohe Räume und eine Holztreppe. Die Bücherregale, die Schallplattensammlung, der offene Kamin. Die Frau im Regenmantel, die uns die Schlüssel auf einem nebligen Parkplatz direkt vor der Kirche übergab, sagte, es sei in Irland wichtig, dass die Häuser bewohnt seien, sie würden sonst einfach zerfallen. Wir stapften durchs feuchte Gras. Die Fensterfront war riesig und der Himmel schien immer grau. Da war ein Fotoalbum mit richtigen Fotos aus der Glanzzeit eines jungen Paares Mitte der 80er Jahre. Sie schienen ihr Leben als Fotostory dokumentiert zu haben. Und die Fotos waren richtig gut. Eine hinreißende Lady, wie sie Räume renovierte oder einfach nur ausgelassen auf einem Sofa saß. Der Mann war weite Strecken mit einem Auto oder Kleinbus und mit Musikinstrumenten unterwegs. Es gab eine CD mit seinen Musikproben, an die ich mich nur vage erinnere. Die beiden waren in der Mitte ihrer Zwanziger, und sie hatten eine ziemlich gute Zeit. Oben gab es einen kleinen Raum mit einem Schreibtisch am Fenster, Kinderfotos im Regal. Steine, gestaltete Flächen. Alles hatte etwas Geerdetes und zugleich etwas Schwebendes, Leichtes. Bei der Rückgabe der Schlüssel fragte ich, was für ein Typ derjenige sei, dem das Haus gehörte. Er war Fotograf, erfuhr ich. Lebte mal in Berlin, mal hier in Irland. Ich hatte ein Buch mit Fotografien aus dem Regal geholt und durchgeblättert, vage, nicht erkennbare Motive, Schattierungen in schwarz. Ich brauchte nur durch den großen Garten zu gehen, den Hang hinunter, die schmale Straße überqueren, da war noch ein Grünstreifen, eine irgendwie archaisch anmutende Skulptur, und dahinter lag schon das Meer. This is the garden that I know. Ten thousand summers made me here.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Mittwoch, 9. August 2017 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen. Pingen ist zur Zeit nicht erlaubt.

3 Kommentare

  1. Michael Engelbrecht:

    Eine wunderschön erzählte Geschichte, und wahrscheinlich (fast) alles wahr. Die Platte von Billy Joel heisst tatsächlich „On The Beach“. Wie Neil Youngs grossartiges Album? Ich hatte mal eine Geliebte, Tierärztin von Beruf. Sie schenkte mir eine Platte von Billy Joel, wir trennten uns bald, so rum gehts auch.

    Der Club der Manafonisten ist nicht hoher Kunst verpflichtet, sondern der Begeisterung für Klänge, Filme, Stories, Bilder, Serien. Und da variieren Meinungen zum Glück. Ich kenne Leute, die ergreifen die Flucht, wenn sie Brian Eno singen hören, das passiert mir bei Cecilia Bartoli oder Joe Cocker. Auch Gospelmusik mag ich nicht sonderlich.

    Alles relativ, persönliche Geschichten sind wichtiger als blödsinnige Kanonisierungen. Da schreite ich dann gerne ein, wenn ein Tölpel kommt und erzählt: „Manchmal hilft auch ein gutes Buch!“

    „Henry, manchmal hilft auch ein guter Fick!“

  2. Martina Weber:

    Das Album von Chris Rea aus dem Jahr 1986 hat den Titel „On the beach“.

    Es erschien im April. Es ist leicht und seicht, handelt vor allem von Beziehungen und ihrem auf und ab. Wenn man auf die archaischen Elemente achtet, hat es was. Ein paar gute Bilder und Sätze. Ich habe es in den vergangenen Tagen beim Joggen und beim Radfahren gehört.

    Musste aber immer wieder den iPod rausholen und auf den nächsten Song klicken, weil das Gerät es nicht automatisch macht. Wenn das während des Fahrens klappt und die Sonne im Park scheint oder nach Einbruch der Dunkelheit die Kaninchen zwischen den Büschen herumhoppeln, und ein Frosch einen Weg überquert, vom Vollmond beschienen, und die Wolkenformationen aussehen wie wildes Gebirge, dann hat das was.

    Und von Billy Joel gab es im Jahr 1986 auch ein Album mit dem Titel „On the beach“? (Ich recherchiere das jetzt nicht, weil der Gedanke an diesen Zufall schöner ist als die Realität.) Ich selbst hatte nur eine Audiokassette von Billy Joel, habe sie aber gerade nicht gefunden, nur ein Interview mit ihm. Ich habe das Album seit langem nicht gehört.

    Der Superboy vom Dachboden ist leider zweieinhalb Jahre später sehr tragisch gestorben. Ansonsten wären er und ich lebenslange best friends geblieben.

  3. Michael Engelbrecht:

    Hinter „On The Beach“ fehlte bei mir ein Fragezeichen.

    Chris Rea ist nett, Paul McCartney light, kann Gute-Laune-Musik sein wie Billy Joel oder Elton John. Mich lassen diese Herren letztlich kalt, es sei denn, ich habe einen „Mai Tai“ zuviel in der Birne.

    Paul ist natürlich ausgenommen, der nach den Beatles noch ein paar Klassealben aufgenommen hat, das letzte wirklich gute produzierte Nigel Godrich. Und ja, damals, als seine Frau Linda noch lebte, und der wundervolle Hund.

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