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on life, music etc beyond mainstream

2017 23 Jul

Bad news on the doorstep

von: Wolfram Gekeler Abgelegt unter: Blog | TB | Keine Kommentare

Auch wenn die Zeitung noch täglich auf der Türschwelle liegt, so erreichen einen die schlechten Nachrichten meist übers Internet, zum Beispiel über die aufdringlichen Startseiten der Browser, derer man sich kaum erwehren kann. Man liest viel Unnötiges, müllt sich das Kurzreitgedächtnis mit Belanglosem zu, und dann fällt dir eine Überschrift wie diese auf – und dein Leben hat sich verändert.

Am 21. Juli 2017 hieß eine solche Meldung: „Sängerin stirbt während ihres Konzertes.“ Todesursache: Herzstillstand, wahrscheinlich im Zusammenhang mit einem elektrischen Stromschlag, vielleicht wegen der Gewitter in der Gegend, die an diesem Abend mehrfach zu Problemen mit der Stromversorgung führten; vielleicht kam noch dazu, dass die Sängerin barfuß auf ein defektes Kabel trat.

Barbara Weldens aus dem Herault wurde nur 35 Jahre alt. Ihre Karriere als Musikerin hatte erst vor einem Jahr so richtig begonnen, verlief dann aber rasant: sie bekam mehrere bedeutende Chanson-Preise verliehen, veröffentlichte ihre erste und einzige CD „Le grand H de l’homme“ im Februar 2017 und hatte eine große Sommertournee durch Frankreich vor sich.

Eine Station – die ungeahnt letzte – war das mittelalterliche südfranzösische Städtchen Gourdon-en-Quercy, wo jedes Jahr das Festival Léo Ferré in der gotischen Église des Cordeliers stattfindet. Es ist ein ruhiger Ort, der den 100-jährigen Krieg ebenso wie den Einmarsch der deutschen Wehrmacht überstanden hat, auf einem Hügel gebaut, mit weitem Blick in das Land, mit engen Gassen und vielen Kirchen. Ein Ort zum Sterben? Inmitten von Musik? Schnell, ohne nachdenken zu können oder zu müssen, und ohne zu leiden? Und gleich das nächste Klischee: was für eine Verschwendung von Talent und Kreativität! Wie viele glückliche Momente hätte sie ihren Fans, ihren Freunden noch geben können!

Der innige Kontakt zum Publikum ist selbst auf den kleinformatigen YouTube Videos zu spüren. Barbara Weldens war in einem Wanderzirkus groß geworden, jonglierte und arbeitete am Trapez. Später gründete sie mit ein paar Freunden den Circo Solo, den man in einer Besetzung von 1-4 Artisten und 1-3 Hunden für Straßenfeste und Kindergeburtstage engagieren konnte.

Anders als der meist stille Léo Ferré zeigte sich Barbara Weldens extravertiert, emotional offen, lebhaft, extrem ausdrucksfähig, mal leise, mal laut, beheimatet in der Tradition des französischen Chansons und „beyond“, mit einer wandlungsfähigen Stimme und einer Mimik und Gestik, die an Jacques Brel erinnert. Die erwähnte CD ist gelungen; man kann sie ergänzen durch ein paar technisch professionelle Video-Clips.

2 Tage lang lief hier Barbara Weldens Musik. Ich habe meine Zweifel, ob sie wirklich tot ist.
 
 

Barbara Weldens – „Purple Room“

 

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Sonntag, 23. Juli 2017 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen. Pingen ist zur Zeit nicht erlaubt.

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