Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2017 20 Jul

Insect Music

von: Uli Koch Abgelegt unter: Blog | TB | 10 Kommentare

Die Grillen zirpen 24/7 und der Sommerwind trägt Bougainvilliablütenblätter durch die offene Tür. Es ist nunmehr auf den Tag genau 5 Jahre her, dass Gregor über die Grillen in der Musik schrieb. Seitdem öffnete er 120 mal seinen Plattenschrank, also durchschnittlich 24 mal im Jahr.

Während Gregor damals Musik vorstellte, in der der Sound der Grillen vorkam oder eine Rolle spielte, möchte ich heute zwei Alben vorstellen, in denen dieser wunderbare Insektenklang, der laut Murray Schafer von den meisten Menschen als angenehm und entspannend erlebt wird, im Mittelpunkt steht und Hauptklangquelle ist.

Vor vielen Jahren als Student arbeitete ich als Konzertkartenverkäufer im Saturn Frankfurt, was auch die Platteneinkäufe günstiger machte. Eines Tages bat ich meinen Chef mir doch Graeme Revells The Insect Musicians mitzubringen. Als er damit zurück kam hatte er sich bereits das Backcover durchgelesen und schaute mich besorgt an und legte dann ein freundliches „Geht’s dir gut?“ nach.

Spätestens nachdem zu Hause die ersten Töne aus meiner Anlage erklangen, wusste ich: es geht mir gut! Die Faszination einer durcharrangierten Musik, deren Quellen ausschließlich aus von Insekten, vornehmlich verschiedener Zikadenarten, stammte, erfasste mich sofort und trug mich fort in bizarre insektoide Welten, wo völlig andere Regeln der musikalischen Kommunikation galten. Revell sammelte die Ausgangsklänge rund um den Globus und veränderte sie dann elektronisch, indem er sie streckte bis sie perkussiv wurden, loopte oder tonal ausbalancierte. Das Ergebnis reicht von völlig eigenwilligen ambienthaften Stücken bis hin zu der eigenartig schönsten Variation über ein japanisches Volkslied. Ein Kleinod, das, desto länger man es hört anfängt unter die Haut zu gehen und bald dort beginnt ein fast unheimliches Kribbeln zu verbreiten.

 
 
 


 
 
 

Ganz anders dagen das Vorgehen des Jazzmusikers, Philosophieprofessors und Insektenforschers David Rothenberg auf Bug music, der zu den nur wenig manipulierten Klängen einer nur alle 17 Jahre auftretenden Zikadenart Bassklarinette spielt und sich teilweise die (entbehrliche) Unterstützung des Gitarristen Robert Jürjendal dafür holt. Dabei entstehen magische Liveduette zwischen ihm und den Insekten und faszinierend perkussive Stücke: Insect drummers I-III. Am verständlichsten wird sein ungewöhnliches Vorgehen in der Kommunikation mit den Insekten in diesem Video, die durchaus nicht für jeden zu bewältigenden Schwierigkeiten hingegen zeigen sich in diesem kurzen Clip.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Donnerstag, 20. Juli 2017 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen. Pingen ist zur Zeit nicht erlaubt.

10 Kommentare

  1. Lajla Nizinski:

    Früher nahm ich immer meine Flöte mit auf Reisen. In Griechenland setzte ich sie manchmal gegen die Schwarmmusik der Zikaden ein. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, zusammen mit ihnen Musik zu machen.

  2. Uli Koch:

    Aber ist nicht der Versuch des Miteinander spannender als dagegen anzugehen?

    Gestern lag ich am Fluss und drei Zikaden kamen, setzten sich auf den mir nächsten Baum und spielten ein wunderbar komplexes Triostück. Ich war fasziniert und begeistert von diesem kleinen Privatkonzert.

  3. Michael Engelbrecht:

    Bitte „Pond Life“ von Michael Brook auflegen! :)

  4. Lajla Nizinski:

    Uli, ein schönes Bild der Ruhe.

    Wusstest du, dass diese kleinen Tierchen hören können und sich somit gegenseitig durch ihre Klänge anfeuern können?

  5. Uli Koch:

    @Lajla: ja, gerade in dem kleinen Konzert war das Aufeinanderhören direkt wahrnehmbar! Eine Situation, wie ich sie sonst vor allem aus Sessions mit anderen Musikern kenne.

    @Michael: Pond Life erinnert mich immer an einen Abend vor einigen Jahrzehnten, den ich nur wenig redend an einem See am Rande von Pokhara in Nepal verbrachte. Da war genau diese Atmosphäre, Frösche quakten in unterschiedlichen Distanzen, mal ein entferntes Hundegebell, das dumpfe Plätschern des Sees, leise Stimmen, Grillen die zirpten und in vollem Surroundeffekt unterschiedlich leise Geräusche undefinierbaren Ursprunges. Eine archaische Stimmung, die Pond Life gefühlsidentisch wiedergibt…..

  6. Michael Engelbrecht:

    Kann ich gut nachvollziehen…

  7. Michael Engelbrecht:

    WARUM VÖGEL SINGEN – dieses Buch von David Rothenberg gibt es auch in deutscher Taschenbuchausgabe.

    Und er spielte mit den Vögeln auf den CD Why Birds Sing, wie einst das Paul Winter Consort zu den Gesängen der Buckelwale.

  8. Michael Engelbrecht:

    david r kann auch ohne insekten und vögel

    ONE DARK NIGHT I LEFT MY SILENT HOUSE

    A duet performance between pianist Marilyn Crispell and clarinetist David Rothenberg offers nebulous mystery and thematic, ECM-style theatrical contexts you should expect from longtime veterans of creative improvised music. The liquid piano sound of Crispell and the pithy, earthy, throat tones of Rothenberg’s bass clarinet in the main shapeshift back and forth during this mercurial program of deep blue, darkest night, after-hours modern jazz. It’s not so much programmed as it states anchors of melody and centerpieces of coalesced thought process, rambles into free discourse, then returns to an identity. Fans of Crispell will note her evolving presence as a force for stark beauty during wandering but far from lost tracks such as „Tsering,“ or „Snow Suddenly Stopping Without Notice,“ also employing the inside strings of the piano, and using percussion instruments including bells. Rothenberg’s expertise as an accompanist for Crispell is never more telling through all the material, but as a spontaneous improviser he’s really in his element during „The Hawk & The Mouse,“ and especially a comical „Still Life with Woodpeckers“ alongside Crispell’s playful percussive rat-a-tat-tat. As intriguing as it is deep, spiritual, and compelling, these two have chemistry bubbling under the surface, with the kind of geothermic energy available to slightly warm up any living space, vacant or not.

    – allmusic

  9. Gregor:

    Nicht zu vergessen, das wunderbare Buch von
    Bernie Krause: Das große Orchester der Tiere –
    Vom Ursprung der Musik in der Natur.
    Siehe auch „Gregor öffnet seinen Bücherschrank vom 15.7.2015. Ein wunderbares Thema, Uli, das du da angesprochen hast.

  10. Uli Koch:

    Vielen Dank für die vielen Hinweise. Hatte leider bis jetzt noch keine Gelegenheit in das gemeinsame Album mit Marilyn Crispell hineinzuhören, aber dafür liegt das Buch von Bernie Krause schon da und wartet darauf, dass bei mir der richtige Zeitpunkt kommt es zu lesen!

    Durch eure Anregungen habe noch einmal das Œuvre von David Rothenberg durchstöbert und siehe da, es gibt nicht nur ein Album auf dem er mit Vögeln musiziert, sondern auch eines mit Buckelwalbegleitung! Aber am empfehlenswertesten erscheint mir das Album „Cikada Dream Band“ mit Pauline Oliveros, Timothy Hill und eben neben David Rothenberg zahlreiche tierische Gastauftritte, woraus sich insgesamt sehr tiefgründige Improvisationen ergeben. Sehr hörenswert!

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