Manafonistas

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2017 31 Mrz

Quiet City

von: Martina Weber Abgelegt unter: Blog | TB | 1 Kommentar

„Jetzt weiß ich, warum du so schreibst, wie du schreibst“, sagte N, als ich sie in meine Wohnung einlud und sie aus dem Fenster blickte. Was hatte sie nur gesehen? Gerade Linien, sagte sie. Ich hatte jahrelang in die Wolken geschaut, und die Farben um sie herum. Das Sichtfeld auf Autos abgeklebt, da blieb das Dach des ältesten Hauses der Straße. Wie die Landschaft unsere Körper prägt. Aneinandergeklebte Häuser. Es gab eine Zeit, in der ich keinen eigenen Kühlschrank hatte, und nur Gemeinschaftskühlschränke benutzte. Es kam vor, dass das eigene nicht abschließbare Fach plötzlich leer war. „Dann klaut doch“, schrieb P in Druckbuchstaben auf einen Zettel und hängte ihn vor sein Fach. In kalter Jahreszeit oder wenn es schattig war oder wenn ich von niemandem angesprochen werden wollte, stellte ich die Butter, den Käse einfach draußen aufs Fensterbrett. Im Hotel in Esch ging das nicht. Das Fenster ging nicht nur auf eine stark befahrene Durchgangsstraße raus, sondern Richtung Osten. Der französische oder belgische Käse war also bereits halb geschmolzen, bevor ich ihn zum Frühstück hereinholen konnte. Es war aber so, dass die Sonne den Raum komplett erfüllte. Nach den verregneten Wochen in Winterpullovern ein Highlight. J sagte, der Lärm machte ihm nichts aus und wir tauschten die Zimmer. Jetzt war ich in einem Darkroom gelandet, ohne den großen Schreibtisch, aber mit der Energie von jemandem, das wahrscheinlich in den vergangenen zwei Tagen und Nächten außer einem Nachwort zu einem Gedichtband eines anderen Autors selbst schon wieder ein paar wunderbare Gedichte geschrieben hatte, die ich gern gelesen hätte. Es gab eine schmale Balkontür, dahinter eine Westseite-Terrasse mit allen Vorzügen der Nahrungsmittelkühlung für ein gelungenes Frühstück. Am nächsten Morgen war die Tüte mit dem Käse, die ich an den Außengriff der Balkontür gehängt hatte, verschwunden. Als ich nach Mitternacht ins Bett ging, begannen Vögeln zu singen, stundenlang. Ich wurde von Geräuschen auf der Terrasse geweckt. Eine Krähe pickte in meinem Joghurt herum. Als sie mich sah, neigte sie ihren Kopf zur Seite und verdrehte die Augen.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Freitag, 31. März 2017 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

1 Kommentar

  1. Martina Weber:

    „Quiet City“, by the way, ist ein wunderbares Album von Pan American, das ich in diesen Tagen nicht aufhören kann zu hören. Kranky Records, 2004. Marc Nelson, der so lange in der Formation Labradford mitgewirkt hat, bis sich die Gruppe auflösen musste, weil sie ihre Musik immer mehr reduziert hat, wirkt hier auch wieder mit. Ich höre Labradford unter den Schichten.


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